Dekoration Titel 3. Kapitel

Drittes Kapitel.
Abschiedsstunden.

Leicht hatte es Raoul von Steinberg wirklich nicht als Schreiberlein mit zwei Talern Monatsgehalt im Dienst des Advokaten Schnabel. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle und Plackerei und Quälerei Tag für Tag. Der lange Neumann suchte alles heraus, womit er den Knaben peinigen konnte, und es kamen immer und immer wieder Stunden, in denen Raouls Mut zu sinken drohte. Dann redete ihm Karl Wagner gut zu, und daheim tröstete die Mutter zart und lind, denn es gelang dem Knaben doch nicht, ihr all seine Kümmernisse zu verbergen. Mutteraugen sehen zu tief und scharf, und Frau von Steinberg hatte lange gemerkt, ehe es ihr der Sohn gestand, daß er kein leichtes Amt übernommen hatte. Ihr einziger Trost war, daß es nur eine kurze Zeit dauern würde; sie meinte, die Verwandten würden und müßten ihr doch antworten, ihr ihre Bitte erfüllen.

Doch die Tage wurden länger, der Frühlingssturm raste über das Land, und schon hingen zarte, grüne Schleier über Busch und Baum, und so sehnsüchtig Frau von Steinberg auch hoffte und harrte, kein Brief, keine Antwort kam. Als der Sommer ins Land ging, erstarb endlich die Hoffnung. »Man will meinem Kinde nicht helfen,« dachte sie bitter. In dieser Zeit sprach sie einmal mit Meister Käsmodel, und nach dieser Unterredung wurde sie ruhiger; der treue Mann hatte ihr das Versprechen gegeben, nie ihren Sohn zu verlassen, wenn sich die Verwandten seiner nicht annahmen. —

Es war an einem milden, warmen Sommertag, als Raoul von Steinberg noch schwereren Herzens als sonst die Treppe hinabstieg, um nach der Schreibstube zu wandern. Die Mutter war heute so seltsam bleich gewesen, und so trat er, ehe er ging, noch an das Schiebefensterchen und bat die Frau Meisterin, doch recht bald einmal nach ihr zu sehen. Dabei huschte Gottlieb aus der Ladenstube heraus und schloß sich ihm an. »Ich begleite dich,« sagte er kurz.

»Hast du denn heute keine Schule?« fragte Raoul.

»Nee, noch nicht, unser Lateiner ist krank, da fallen ein paar Stunden aus,« gab Gottlieb sehr vergnügt zur Antwort. »Du, ich muß dir aber ein Rätsel ausgeben: Wer ist der frechste Pferdedieb von Berlin?«

Raoul sah etwas verdutzt drein, und Gottlieb prustete vor Lachen, dann neigte er sich an das Ohr des Freundes und flüsterte: »Napoleon.«

»Aber Gottlieb!«

»Ja, det stimmt, sagt unser neuer Geselle, der ein Berliner ist, er hat mir's gestern erzählt; sie nennen ihn so, weil er die Siegesgöttin samt ihrem Wagen vom Brandenburger Tor weggemaust hat. Fein, was?«

»Sehr fein,« lobte Raoul anerkennend, »den Gesellen muß ich sehen!«

»Komm nur heute abend, der schimpft ordentlich auf den Pferdedieb.« Gottlieb quiekte vor Lachen. »Wenn ich Pferdedieb sage, weiß keiner, wen ich meine.«

»Tu's lieber nicht,« riet Raoul. »Karl Wagner sagt, es sei vernünftiger, seinen Mund zu halten, die Zeit sei noch nicht da.«

»Ist auch gut,« brummte Gottlieb und reckte seine Gestalt, »ich will erst so weit sein, um mal mitgehen zu können, denn wenn sie erst mal den Pferdedieb verhauen, dann lauf' ich nach Preußen rüber, wenn es hier stille bleibt.«

Da waren sie beide am Haus in der Burgstraße angelangt, und Raoul lief nach kurzem Abschied hastig hinauf, denn die Zeit war knapp, und wehe ihm, wenn er noch nicht ausgeräumt hatte, wenn der lange Neumann kam.

Gottlieb blieb vor dem Hause stehen. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und summte leise, ganz leise den Anfang eines Verses vor sich hin, den ihm sein neuer Freund, der Berliner Geselle, beigebracht hatte: »Warte, warte, Bonaparte!« Eigentlich meinte er just aber nicht den Kaiser der Franzosen mit seinem: »Warte, warte!« sondern vielmehr den langen Schreiber, seines Freundes Quälgeist. Als er den die Straße entlang kommen sah, verschwand er geschwind im dunklen Hausflur, drückte sich fest in eine Nische an der Haustüre und schob gerade in dem Augenblick, in dem Paul Neumann die Stufen überschreiten wollte, einen Stock vor. Der Lange stolpert, rutschte aus und fiel die Treppe mit ziemlichem Gekrach hinauf.

»Das bedeutet Glück,« schrie Gottlieb unten und entwischte so eilig, daß der lange Schreiber nicht einmal mehr sehen konnte, wer ihn zu Fall gebracht hatte. Der Bäckerbube ging sehr befriedigt zur Schule. Strafe muß sein, dachte er, und mußte dann seufzend diese Erfahrung an sich selbst machen, denn seinem Lehrer rutschte an diesem Tage beim zweiundzwanzigsten Fehler die Hand einmal ordentlich aus und klatschte derb auf Gottliebs Wange nieder. Das war bös und trübte beträchtlich die Morgenfreude.

Gottlieb Käsmodel ahnte nicht, daß er seinem Freund einen schlechten Streich gespielt hatte, denn der Fall auf der Treppe hatte Neumann ordentlich in Wut gebracht, und diese Wut mußte das jüngste Schreiberlein büßen. Beim Eintritt schalt er gleich, es sei nicht ordentlich aufgeräumt worden, dies sei nicht recht und das. Raoul mußte noch einmal kehren, dann mußte er auf alle Aktenschränke klettern und Staub wischen, und er atmete auf, als nebenan der Advokat eintrat. Da wurde es stiller, und er konnte sich endlich an das Pult setzen und schreiben. Er hatte ein endloses Aktenstück zu kopieren: zwei Nachbarn hatten sich um einen Apfelbaum gezankt, von dem jeder glaubte, er sei sein Eigentum. Nun waren die Männer alt und grau geworden, wußten aber immer noch nicht, wem der Apfelbaum gehörte. Der Knabe fand die ganze Sache herzlich langweilig, und trotz aller Mühe, die er sich gab, machten seine Gedanken allerhand Kreuz- und Quersprünge. Gottliebs Erzählung und seine Tat, denn er hatte schnell erraten, daß der Missetäter unten im Hausflur sein Freund gewesen war, hatten seine Gedanken abgelenkt; nun kehrten sie zur Mutter zurück, und eine bange Angst quälte ihn. Es war ihm so seltsam unruhig zumute, daß er unwillkürlich auf seinem Sessel hin und her rutschte.

»An was denkt er denn? Kann er nicht ruhig sitzen?« schrie Paul Neumann ihn plötzlich an. »So'n Trantiegel, so'n Tagedieb! Er schreibt ja, als wär' er 'ne Schnecke. Zeige er mal her, gewiß hat er hundert Fehler gemacht, und ich hab' nachher den Ärger.«

Paul Neumann schrie absichtlich laut, damit es der Advokat nebenan hören sollte, welchen Ärger ihm der Schreibbursche bereitete. Und da er wirklich in der Abschrift einen Fehler entdeckte, brüllte er, am liebsten möchte er die Arbeit dem Jungen um die Ohren schlagen; zur Strafe müsse er über Mittag dableiben und die Sache noch einmal abschreiben.

Raoul zuckte zusammen. Heute, gerade heute, wo die Mutter so gebeten hatte: »Komm schnell heim!« Er warf einen hilfesuchenden Blick auf Karl Wagner, und der nickte ihm ermunternd zu. Wieder wie damals in der Kirche, und seitdem oft in den Wochen, die vorübergegangen waren, fühlte sich Raoul durch den ernsten, stillen Blick des kleinen Verwachsenen getröstet. Der war ihm längst ein guter Freund geworden, dem er all seine Sorgen anvertraute. Etlichemal war Karl Wagner auch Sonntags bei Frau von Steinberg gewesen, und er, der einst ein Arzt hatte werden wollen, aber um seiner Armut willen das Studium hatte aufgeben müssen, wußte bald, daß seines kleinen Freundes Mutter kränker war, als alle ahnten. Er fragte darum besorgt, als der Lange nach einem Weilchen in das Zimmer des Advokaten gerufen wurde: »Was ist heute?«

»Mama geht es nicht gut, sie bat so sehr, ich möchte heimkommen,« flüsterte Raoul zurück.

»Es wird schon gehen,« tröstete der Freund, und dann stand er auf, als Neumann zurückkehrte, und klopfte an die Tür des Advokaten.

»Was soll's?« schrie der Lange, »was will er drinnen?«

Er erhielt keine Antwort auf seine grobe Frage. Still schloß sich die Tür hinter Karl Wagner, und nach einigen Minuten kam er heraus und sagte sanft: »Du sollst heimgehen, Raoul, hast heute frei, Herr Schnabel hat es erlaubt.«

»Da hört doch alles auf!« schrie Neumann empört. »Der faule Strick, der Trantiegel soll frei haben? Nein, das leid' ich nicht!« Er sprang wütend auf, aber Raoul hatte schon seine Sachen genommen und war blitzschnell, mit einem dankbaren Gruß für seinen Helfer, hinausgeflitzt. Er ahnte nicht, daß der kleine Schreiber es übernommen hatte, auch noch seine Arbeit auszuführen, und ihm seine knappen Freistunden opferte.

Raoul überlegte überhaupt nicht viel an diesem Vormittag. Eine unerklärliche Unruhe trieb ihn vorwärts, und auf seinem kurzen Weg, den er wie immer im Trab zurücklegte, hatte er nur den einen Gedanken: Wie froh wird Mutter sein, daß ich komme!

Einen raschen Blick warf er unten durch das Schiebefensterchen in die Ladenstube. Niemand war drin, und eilig hastete er die Treppe hinauf. Oben wollte er stürmisch die Türe aufreißen mit dem Freudenruf: »Ich bin da!« aber dann öffnete er sie doch ganz zaghaft und leise; wieder war jene unerklärliche Angst über ihn gekommen.

Als er eintrat, sah er die Meisterin am Bett sitzen. Die wandte sich um, und nun sah er die Mutter.

Mit einem Schrei stürzte der Knabe vorwärts, so bleich, so verändert sah die Mutter aus. »Mama, o Gott, Mama,« flehte er, »was fehlt dir?«

»Mein Junge!« Weit öffneten sich die Augen der bleichen Frau, und ein Blick unendlicher Liebe, unendlichen Schmerzes traf den Knaben, der an ihrem Bett niedergesunken war. »Du kommst — gottlob!« Zitternd tastete die Hand der Mutter nach ihres Kindes Haupt, schwer und kühl sank sie darauf nieder: »Werde wie dein Vater! Gott — segne dich!«

Die letzten Worte klangen nur noch wie ein Hauch, aber Raoul hatte sie doch verstanden. Angstvoll umschlang er die Mutter und flehte jammernd: »Mama, Mama, ach, was fehlt dir?«

»Mußt nicht so schreien, mein armer Junge,« sagte die brave Meisterin, der dicke, dicke Tränen über die Wangen liefen, »sei tapfer und mach's deiner Mutter nicht so schwer!«

Raoul verstand nicht, was die Meisterin meinte, er hörte nur die Mahnung, tapfer zu sein um seiner Mutter willen, da bezwang er sich und streichelte nur zärtlich die weißen Hände. Unter diesem Streicheln schlief die Mutter sanft ein, um nicht mehr zu erwachen, sie war tot. – – –

Im dumpfen Schmerz der ersten Tage dachte Raoul gar nicht darüber nach, wie einsam und verlassen er nun auf der Welt war. Er saß unten im Bäckerstübchen. Gottlieb suchte ihn in seiner rauhen Art zu trösten, die Meisterin war gut zu ihm wie eine rechte Mutter, und dem Meister Käsmodel konnte es jeder, der ihn kannte, ansehen, daß er nur so ein grimmiges Gesicht machte, um nicht zu zeigen, wie leid ihm sein kleiner Hausgenosse tat. Er sorgte väterlich für den Knaben, ging selbst zu Herrn Schnabel und sprach mit diesem, und die beiden Männer kamen überein, es sei wohl am besten, wenn Raoul vorläufig weiter als Schreiber arbeitete, bis von den Verwandten eine Antwort gekommen sei.

»Ich schreib' selbst, schreib' ihnen aber mal richtig, wie sich die arme Frau gequält hat,« sagte der brave Meister. Er grollte dem Herrn von Steinberg von Herzen, weil er den Brief unbeantwortet gelassen, den ihm seine Schwägerin in ihrer Not geschrieben hatte.

Nach dem Begräbnis sprach Meister Käsmodel mit Raoul über seine Zukunft. »Du bleibst bei uns, bis eine Antwort von deinem Oheim kommt, und kommt keine, na, dann bleibst du alleweil erst recht, bleibst immer bei uns. Ich habe deiner Frau Mutter selig versprochen, dich nie zu verlassen, aber erst noch einmal an deinen Oheim zu schreiben. Sein Versprechen muß man halten, sonst hätte ich wahrhaftig kein Wort an die hochmütige Verwandtschaft da oben, wo sich die Füchse Gutenacht sagen, geschrieben. So, und nun beiß die Zähne zusammen, zeige, daß du ein Mann werden willst, so einer, wie dein Vater selig einer gewesen ist.«

Da biß Raoul wirklich die Zähne zusammen und half am nächsten Tage selbst die liebe, freundliche Mansardenstube räumen. Andere Mieter sollten hinaufziehen, er kam zu Gottlieb in die Kammer. Die Bilder und die wenigen Andenken an die Mutter verwahrte der Meister getreulich mit dem Rest des Geldes für seinen Pflegling. Der stieg am nächsten Morgen mit schwerem Herzen wieder zu der Schreibstube empor. Nun ihn nicht mehr der Gedanke bewegte, er könnte mit dem verdienten Gelde seiner Mutter die Sorgen erleichtern, erschien es ihm fast unerträglich, weiter in dieser düsteren Schreibstube seine Tage zu verbringen. An diesem ersten Morgen erlebte er aber eine große Überraschung: Paul Neumann war kriechend freundlich gegen ihn, er tat, als wären sie zusammen stets die allerbesten Freunde gewesen.

Was hat er? dachte Karl Wagner, der erstaunt den Gefährten beobachtete, Mitleid ist das nicht bei ihm!

Daß es nicht Mitleid war, erfuhr er bald genug. Der lange Schreiber hatte nun erfahren, woher Raouls Mutter gestammt hatte, und auf einmal erschien ihm der bisher so verächtlich behandelte Knabe ein anderer zu sein. Vielleicht lohnte es sich, dessen Vertrauen zu gewinnen, vielleicht hatte er noch einflußreiche Verwandte in Frankreich, und klug forschte und fragte er, wenn Karl Wagner nicht da war, nach den französischen Verwandten.

Raoul dachte: Ich tu ihm leid, weil meine Mutter gestorben ist, und so wenig er auch den langen Gesellen leiden konnte, so erzählte er ihm doch alles, was er wissen wollte. Er nannte den Namen seines Oheims und sagte, daß dieser am Hofe des Kaisers zu Paris eine hohe Stellung inne hätte. Als er später Karl Wagner sein Gespräch mitteilte, lachte der und sagte: »Nun wirst du wenigstens nicht gequält werden. Vor einem französischen Adelsnamen hat er Respekt; jetzt sieht er dich mit ganz andern Augen an.«

Da lächelte auch Raoul zum erstenmal wieder ein wenig und erzählte seinem Freund Gottlieb die Geschichte. »Feiger Kriecher,« rief er verächtlich, »er muß doch noch mal Dresche haben!«

Weiter sprachen die Knaben nicht darüber, sie ahnten nicht, welchem Plan der lange Schreiber nachhing.

Jedesmal, wenn Raoul von seiner Arbeit zurückkehrte, zuckte es ihm in den Füßen, in die Mansarde hinaufzusteigen. Dann stand er ein paar Minuten still an der Treppe, und immer wieder überkam ihn von neuem heiß die Sehnsucht nach der Mutter, und manche Nacht, wenn Gottlieb schon schlief, lag er wach und weinte heiße Tränen. Er wurde immer stiller und bleicher, und die Meisterin Käsmodel sagte manchmal seufzend: »Der paßt nicht zu einem Schreiber, ganz sicher nicht.«

»Allweil das tut er auch nicht,« rief Meister Käsmodel, »und wenn sich die Verwandtschaft nicht bald rappelt, dann geh' ich aufs Gericht und verlang' den Raoul für uns. Nachher mag er die leidige Schreiberei an den Nagel hängen!«

Doch dazu kam's nicht. An einem Spätsommertag erhielt Meister Käsmodel einen dicken Brief von Herrn Wolf-Friedrich von Steinberg auf Hohensteinberg. Der Freiherr schrieb selbst, und er schrieb so herzlich, daß die Meisterin Käsmodel vor Rührung in eine Tränenflut ausbrach und der Meister einmal über das andere schrie: »Allweil ein nobler, guter Mann muß das sein, aber allweil die Knochen möcht' man den Postleuten einschlagen, daß sie just so einen Brief verloren gehen ließen.«

Der Freiherr schrieb, er hätte den Brief seiner Schwägerin nie bekommen. Auf seine schon vor Jahren, eingezogene Erkundigung nach dem Tode seines Bruders habe er die Auskunft erhalten, seine Schwägerin sei mit ihrem Kinde nach Frankreich gezogen. Er bedaure es tief, daß er der armen Frau keine Stütze hätte sein können, ihr Sohn aber solle in seinem Hause eine Heimat finden. Wenn es möglich sei, möchte der Meister den Knaben jemand übergeben, der die Reise bis Berlin mache, von dort würde ein Freund ihn in wenigen Wochen mit nach Hohensteinberg bringen.

»Na, dann ist's bald zu Ende mit dem Musjeh und uns,« brummelte der Meister, »in drei Wochen muß er reisen.«

»Ich wollte, ich könnte ihn behalten,« sagte die Meisterin leise, »aber freilich, für ihn mag's besser sein. Wenn er doch bald heimkäme und die Sache erführe!«

Dieser Wunsch ging früher in Erfüllung, als sie ahnte, denn noch war sie dabei, mit ihrem Manne die Sache zu bereden, als plötzlich Raoul aufgeregt in die Ladenstube stürmte und schrie: »Frau Meisterin, mein Onkel hat geschrieben, ich soll nach Paris kommen!«

»Ja, biste allweil übergeschnappt? Nach Paris sollst du doch nicht kommen, Junge; Junge, wo haste deine Gedanken?« fuhr ihn der Meister an.

»Doch nach Paris und gleich!«

»Aber Raoul, nach Hohensteinberg, das liegt da oben bei Rußland herum,« rief die Meisterin nun auch.

»Nach Hohensteinberg? Aber es steht doch in dem Briefe nach Paris, ich hab' doch gelesen!«

»Daß dich das Mäuschen beißt,« schrie der Meister verdutzt, »wie kann er denn den Brief gelesen haben, wenn er ihn doch gar nicht gesehen hat? Das ist allweil eine kuriose Sache!«

»Aber, aber der Herr Advokat hat doch den Brief bekommen, von dem französischen Gesandten in Dresden und —«

»Nun schlägt's dreizehn!« Der dicke Bäckermeister fiel fast mit seinem Stuhl um, so heftig setzte er sich nieder, und die Frau Meisterin sank stöhnend auf einen Mehlsack. »Junge, Junge, was redest du da? Woher ist der Brief?«

Und Raoul erzählte. Von dem Bruder seiner Mutter war eine Anfrage nach ihm gekommen. Der Onkel wollte ihn zu sich nehmen und ihn als seinen Sohn erziehen lassen; morgen schon sollte ein Begleiter aus Dresden eintreffen, der ihn nach Paris geleiten würde.

»So,« murrte Meister Käsmodel, »na, da hat ja der Musjeh die Auswahl, ob er in Deutschland bleiben will oder nach Frankreich gehen und vielleicht um den Bonaparte herumscharwenzeln.« Dabei warf er dem Knaben den Brief höchst unwirsch zu. Der las erstaunt. Eine tiefe Glut überzog dabei langsam sein Gesicht. Da stand er am Scheidewege: des Vaters und der Mutter Heimat, sie standen ihm beide offen, und größerer Reichtum, höherer Rang, sie lockten aus Paris, denn Graf Turaillon besaß keine Kinder, er hatte sich bereit erklärt, den Neffen als seinen Erben zu erziehen.

Aber gab es denn noch ein Besinnen da, wo die Mutter ihm selbst den Weg gewiesen hatte? Raoul richtete sich auf, und seine dunklen Augen blitzten. »Nein, Herr Meister, ich werde nie um den Bonaparte herumscharwenzeln. Mein Vater fiel im Kampf gegen ihn, das vergesse ich nicht: ich bin ein Steinberg und will ein Steinberg bleiben.«

»Warte, warte, Bonaparte,« summte Gottlieb und schob sich in die Türe herein, gerade als Raoul seine Antwort gab. Heisa, was war das? Er drängte sich vor und schrie: »Soll's losgehen?«

»Verflixter Bengel, muß er denn seine Nase allweil in alles stecken?« schnauzte ihn der Vater an. Er sah aber nicht böse aus; sein finstres Gesicht hatte sich aufgehellt, und er streckte Raoul froh die Hand hin. »So ist's recht! Deine Frau Mutter selig hätte nicht anders entschieden. Da heißt's nun freilich, sich zur Reise rüsten, hm, allweil — da hilft nichts.«

Ein Besinnen kam Raoul. Der Brief, den ihm der Advokat vorgelesen hatte, fiel ihm ein: morgen schon sollte der Begleiter kommen, der ihn nach Frankreich bringen wollte, und hastig sprach er es aus. »Was wird er sagen, wenn ich nicht mitgehen will?«

»Na, wer nicht will, der will nicht,« entschied Gottlieb kaltblütig und reckte kühn seine freche, kleine Stubsnase hoch.

Dem Meister schien die Sache aber doch nicht so einfach zu sein, er machte ein bedenkliches Gesicht und murmelte: »Dresden ist nahe, und wenn der Herr Graf dort gute Freunde hat, dann könnte es sein, daß sie den Raoul nach Frankreich schaffen, ob er allweil will oder nicht.«

»Dann reiße ich lieber aus,« rief der Knabe empört, »mit Gewalt lasse ich mich nicht nach Frankreich schaffen, nein, nein, nie!«

»Ich reiß' mit aus, hurra, das —« klatsch fuhr die väterliche Hand Gottlieb etwas unsanft auf den Mund, und der Schluß seiner Rede blieb ungesagt. Da ihn die Mutter auch noch vorwurfsvoll ansah und leise fragte: »Ja, hast du denn einen Grund zum Ausreißen?« zog sich der Bube lieber etwas in den Hintergrund der Ladenstube zurück, die Sache mit dem Ausreißen konnte er sich ja noch überlegen.

Meister Käsmodel saß in tiefes Nachdenken versunken da. Vielleicht war es am besten, er ging zu Herrn Schnabel und fragte den um Rat; aber freilich, der Advokat war auch einer von denen, die sich ängstlich hüteten, es mit einem Franzosen zu verderben. Und ein Zögern erschien ihm, je mehr er die Sache überdachte, immer gefährlicher.

»Ich setze mich in die Post und fahre geschwind fort,« drängte Raoul; »ich will nicht nach Frankreich.«

»Die Post nach Berlin fährt morgen früh, und erfährt es der Herr, dann kann man dich im Preußischen allweil aufgreifen,« sagte der Meister nachdenklich. Doch plötzlich fuhr er auf: »Potzwetter, jetzt fällt mir etwas ein: Nachbar Koch fährt heute mittag nach Halle mit seinem Wagen, der nimmt dich schon mit, und von Halle aus fährst du mit der Post weiter, da merkt man's hier nicht; na, und nachher weiß ich ja nicht, wo du gerade bist. Flink, Frau, tummle dich, rüste die Sachen, in einer Stunde muß der Junge aus dem Hause sein.«

»So schnell, du meine Güte, so schnell?« rief die Meisterin erschrocken, und da kam es Raoul erst recht zum Bewußtsein, daß er scheiden mußte von den Menschen, die ihm doch auf der weiten Welt am liebsten waren. Die Verwandten, zu denen er reisen sollte, waren ihm ja so fremd wie die Gegend, in der sie wohnten. Es war gut, daß alles so schnell gehen mußte, da gab es keine Zeit zu Abschiedsgedanken; und daß es recht war, wie es der Meister vorgeschlagen hatte, bestätigte Karl Wagner, der kurz vor seines jungen Freundes Abreise in das Bäckerhaus kam. Herr Schnabel hielt es für Raoul für ein großes Glück, daß sein Onkel ihn zu sich nehmen wollte; er würde gewiß eine schnelle Abreise verhindert haben, hätte man ihn darum gefragt.

»Allweil, jetzt möcht' ich nur wissen, woher der gräfliche Onkel in Paris auf einmal darauf kommt, um den Jungen zu schreiben,« fragte der Meister.

Karl Wagner lächelte ein wenig: »Neumann hat nach Paris geschrieben. Er hat Raoul den Freundschaftsdienst erwiesen, weil er meint, es sei für jeden Menschen am besten, ein Franzose zu sein.«

»O, jetzt verstehe ich's,« rief Raoul, »er hat mich so genau um alles gefragt, und darum war er gewiß auch so freundlich in der letzten Zeit. Gestern sagte er auf einmal, er wolle mein Freund sein.«

»Der muß noch mal Dresche haben,« knurrte Gottlieb wütend, »der ist so falsch wie — wie —«

»Deine Rechenexempel, die stimmen auch nie,« sagte Meister Käsmodel lachend. »Na, ich gönn' dem Musjeh die Enttäuschung. Aber nun los, sonst fährt Nachbar Koch ab. Geschwind, zum Abschied ist allweil keine Zeit mehr, kommt auch nichts dabei raus. Zieh mit Gott, Junge, und vergiß nicht, was du deiner Frau Mutter selig gelobt hast, und vergiß auch nicht, daß die Käsmodels dir allweil gute Freunde sind und bleiben werden. Hier findest du immer einen Platz, eine Heimat, wenn du mal nicht aus noch ein wissen solltest.«

Draußen knallte eine Peitsche, ein langgezogenes Hoiho ertönte, Nachbar Koch wartete vor seinem Hause. Da mußte nun wirklich eins, zwei, drei Abschied genommen werden. Niemand kam mit vor das Haus, der Meister meinte, es sei besser, nicht erst die Neugier der Nachbarschaft zu erregen. Still huschte Raoul mit seinem Bündel hinaus, kletterte auf den Wagen, und fort ging es durch die in mittäglicher Glut und Stille liegenden Straßen. Noch einmal sah sich der Knabe um: da oben, da waren die Mansardenfenster, da hatte die Mutter so oft gesessen. Ein Schluchzen stieg in ihm auf, ein heißer, würgender Schmerz preßte ihm das Herz zusammen, und einen Augenblick war es ihm, als müßte er vom Wagen herabspringen und zurückeilen in das alte Haus, das ihm bis dahin eine Heimat gewesen war. Aber er bezwang sich und schluckte tapfer die Tränen hinab. Mama würde sich freuen, dachte er, sie hat es sich so gewünscht. Er versuchte an die neuen Verwandten zu denken, aber er konnte sich kein rechtes Bild von ihnen machen; seine Gedanken wirrten durcheinander und kehrten immer, immer wieder in das verlassene Bäckerhaus zurück.

Mit finsterem Blick hatte Gottlieb den Freund scheiden sehen. Er zog die Stirn ganz kraus und schob die Unterlippe trotzig vor, damit nur niemand merken sollte, daß ihm der Abschied bitter schwer wurde. Dann, als der Wagen nicht mehr auf der Straße zu hören war, entschlüpfte er und eilte in die Burgstraße; dort in des Advokaten Schnabel Haus stellte er sich wieder in den dunklen Flurwinkel und wartete, bis Paul Neumann kam.

»Schockschwerebrett!« schimpfte der, als er mit einem lauten Plumps wieder die Treppe hinauffiel. Oben in der Schreibstube zeterte er sich seine Wut vom Herzen herunter: »Ich möchte nur wissen, was das für ein infamer Bengel ist, der mir im Hausflur immer ein Bein stellt. Na wehe, wenn ich den erwische! Übrigens, wer weiß, wie lange es noch dauert, dann bin ich die Sache los. Der Graf Turaillon wird mir schon Dank wissen. Vielleicht, vielleicht reise ich auch nach Paris, dort werde ich mehr werden als ein simpler Schreiber!«

Während Paul Neumann so von seinem Ärger und seinen Luftschlössern redete, schlenderte Gottlieb pfeifend und gemütsruhig über den Marktplatz nach Hause. Er spürte gar keine Reue über seine Tat, leid tat ihm nur, daß er Raoul nicht mehr den wohlgelungenen Streich erzählen konnte. Brummig saß er dann lange in seinem Winkel, der Freund fehlte ihm überall, und zuletzt spielte er sogar in der Verzweiflung seines Herzens mit den beiden kleinen Schwestern, etwas, was er sonst sehr unter seiner Würde hielt. Als aber das vierjährige Lottchen fragte: »Kommt Raoul bald?« da warf er unsanft die Puppe hinweg und stürzte davon. Er verkroch sich in der dunkelsten Ecke der Mehlkammer, und dort heulte er so lange, bis der Schmerz von Hunger und Müdigkeit abgelöst wurde und er einschlief.

Am nächsten Tag, so um die dritte Nachmittagsstunde herum, sah Gottlieb endlich, er lag schon lange auf der Lauer, einen feinen Herrn das Haus betreten. Der ist's, dachte er, und schlüpfte eilig in seinen Horcherwinkel hinterm Ofen. Es war auch wirklich der erwartete Begleiter, ein eleganter, geschniegelter Herr. Mit unsäglichem Hochmut schaute er sich in der Ladenstube um, und ein Mehlstäubchen, das auf seinen Rock gekommen war, tupfte er hinweg, als hätte ein giftiges Insekt da Platz genommen. Breitbeinig und fest stand Meister Käsmodel vor dem jungen Mann und erzählte, Raoul sei als Wanderbursch nach Ostpreußen gezogen; von dem Umweg über Halle sagte er freilich nichts.

»Was?« schrie der Fremde, »der Neffe des Grafen Turaillon ist als Wanderbursch davongezogen? Das ist ja empörend! Wie konnten Sie das dulden? Sie werden es büßen müssen! Graf Turaillon wird sich beschweren, daß man seinen Enkelsohn entführt hat. Sie sind ein Räuber, ein Betrüger, ein – –«

»Allweil jetzt halten Sie den Mund,« sagte der Bäcker gelassen, aber seine Augen blitzten drohend, und der schlanke, feine, junge Herr wich unwillkürlich zurück. »Ich hab' der Frau von Steinberg mein Wort gegeben, für ihren Sohn zu sorgen nach ihrem Willen, das hab' ich gehalten, und von Ihrem Herrn Grafen ist nie die Rede gewesen. Was ich getan habe, kann ich verantworten, und nun wär's nur recht, wenn Sie sich mal mein Haus von draußen ansehen möchten, es nimmt sich ganz stattlich aus. Ich muß in die Backstube, und allweil muß erst die Arbeit kommen und dann das Vergnügen.«

»Sie werden noch daran denken müssen,« schrie der junge Mann wütend und verließ das Haus, aber Meister Käsmodel sah ihm ruhig nach. »Ich habe allweil nur meine Pflicht getan, mag kommen, was kommen will!«

Es kam aber nichts danach, nur ein paar Verhöre auf dem Rathaus, bei denen Meister Käsmodel klipp und klar seine Tat verantwortete, und ehe ein neuer Befehl aus Paris eintraf, war Raoul von Steinberg längst in der Heimat seines Vaters angelangt. Paul Neumann aber saß in grimmigster Laune an seinem Schreibpult, — die schöne Hoffnung, nach Paris zu kommen, war zerflossen wie eine Schneeflocke im Frühling.

Dekoration Ende 3. Kapitel