Als Raoul am nächsten Morgen spät erwachte, schien die Sonne hell in sein Stübchen; in allen Winkeln lag das goldene Licht, und von seinem Bett aus konnte der Knabe noch in die Krone einer dicken Kastanie hineinsehen. Er lag ein Weilchen blinzelnd still, er mußte es sich erst überlegen, daß er nun wirklich in Hohensteinberg, der Heimat seines Vaters war. Dann aber sprang er eilig aus dem Bett, zog sich den Sonntagsanzug an, den ihm Meister Käsmodel noch gekauft hatte, und eilte die Treppe hinab. Er hatte es sich nicht recht gemerkt, wo das Wohnzimmer lag, und als er Stimmen hörte, ging er dem Schall nach und stand unversehens vor einer offenen Tür. In dem Gemach, das ganz wie sein Stübchen von Sonnenlicht durchflutet war, saßen die Kinder des Hauses beisammen mit ein paar jungen Gästen, die eben eingetroffen waren: Arnold und Fritz von Berkow, deren Vater der nächste Nachbar von Hohensteinberg war. Am Fenster saß die Großmutter, und neben ihr stand ein großer überschlanker Mann, Pfarrer Josua Buschmann. Dieser lebte auch auf dem Schlosse und versah zugleich neben seinem Pfarramt das eines Lehrers der Steinbergschen Kinder. Das Pfarrhaus im Dorf war 1807 in dem trübseligen, schweren Kriegswinter abgebrannt, und des Pfarrers Weib war wenige Wochen später gestorben. Da war der einsame Mann ins Schloß gezogen, um der Gemeinde nicht die Last aufzubürden, ein neues Pfarrhaus bauen zu müssen. Er war mit den Berkows zusammen gekommen, da er am Tage vorher über Land gewesen war.
Niemand hatte Raoul kommen hören, und einige Sekunden stand er zögernd und verlegen an der Türe, unschlüssig, was er tun sollte, als die Stimme Arnolds von Berkow sich laut aus den andern hervorhob: »Sagt, was ihr wollt, seine Mutter war doch eine Französin. Also ein halber Franzose ist euer Vetter doch und kein Verlaß auf ihn!«
Ein Schrei entrang sich Raouls Lippen, und plötzlich stand er mitten im Zimmer, stand vor dem langen Jungen, der ihn um einen halben Kopf überragte, und streckte ihm die drohend geballte Faust entgegen. »Meine Mutter, meine Mutter« — er konnte vor Empörung nicht sprechen, nur seine Augen blitzten in wildem Zorn.
Josua Buschmann sprang hinzu und zog den leidenschaftlich erregten Knaben fort, die Großmutter gebot scharf: »Geht hinaus, ihr Buben!« und einige Augenblicke später war Raoul allein mit der Großmutter, seiner Tante und dem Pfarrer. Die Buben und die Bäslein hatten alle zusammen das Zimmer verlassen.
Frau Maria sprach freundlich zu ihm, auch die Großmutter sagte ein paar Worte, aber Raoul war es doch, als hätte sich der helle Sommermorgen auf einmal in einen grauen, trüben Regentag verwandelt, und nur mühsam gab er auf alle Fragen Antwort. —
Raoul war mit einem Herzen voll Sehnsucht nach Liebe hergekommen, und auf der langen, beschwerlichen Reise hatte er sich die heitersten Bilder ausgemalt. Er hatte eine tiefe Dankbarkeit empfunden, daß er kommen durfte, und dabei hatte er auch wieder mit ein bißchen Stolz gedacht, daß die Verwandten sich gewiß recht freuen würden, daß er Hohensteinberg gewählt hatte und nicht nach Paris gezogen war. Ein grenzenloses Vertrauen zu der Mutter, dem Bruder seines Vaters war in ihm aufgeblüht; alles wollte er ihnen sagen, sein ganzes Leben schildern, und nun war es plötzlich, als habe sich da in seinem Herzen eine Türe geschlossen. Wie zugeschüttet war alles durch das eine unbedachte Wort. Er hatte es in seinem jungen Leben gelernt sich zu beherrschen, und so gab er sich auch alle Mühe, niemand merken zu lassen, wie es in seinem Herzen aussah. Kein Wort kam über seine Lippen, wenn er nicht gefragt wurde, und wenn er antwortete, tat er es so knapp und kurz, daß seine Verwandten wenig genug von seinem Leben erfuhren. Warum er eigentlich so rasch von Leipzig abgereist war, ahnte niemand in Hohensteinberg, niemand, wie tapfer Raoul für seine Mutter gearbeitet hatte, und wie lieb ihm die Bäckerfamilie war.
Nach ein paar Tagen hatten sich alle im Hause daran gewöhnt, daß Raoul da war, daß er schweigsam am Tisch saß, und daß er arbeitete und lernte. Kam er, merkte man es kaum, ging er, vermißte ihn niemand. »Er ist langweilig,« sagten die Basen; Joachim nannte ihn »verstockt, falsch, einen Franzosenfreund«, denn er grollte ihm, daß um seinetwillen sein Freund Arnold eine derbe Rüge empfangen hatte. Er ist wohl nur scheu, dachte Frau Maria, aber ihr Mann und seine Mutter empfanden es bitter, daß der Knabe so anders war als sein Vater; sie beide hätten so gern gut gemacht, was sie an Unversöhnlichkeit und Härte an seinen Eltern verschuldet hatten. Er ist von anderer Art, dachte die Großmutter schmerzvoll und verschloß auch ihr Herz vor ihm, wenn ihr gegenüber der Enkelsohn immer stumm blieb, ja ihr sichtlich aus dem Wege ging.
Nur der Pfarrer Josua Buschmann ahnte etwas von dem stillen Leiden des blassen Knaben. Er hatte ihn auf den Wunsch seines Onkels hin geprüft, und er war erstaunt gewesen, wie viel Raoul wußte, obgleich er doch, wie er selbst sagte, nie auf einer Schule gewesen war. Von dem Lernen mit dem Bäckerbuben zusammen erzählte Raoul nie. In den ersten Tagen nur hatte er einmal geantwortet: »Gottlieb hat mir das gesagt.«
Man hatte im Garten zusammengesessen, und Gottliebe rief verwundert: »Gottlieb, mein Namensvetter, wer ist das?«
»Mein Freund,« gab Raoul kurz zur Antwort.
»Wie heißt er denn weiter?« forschte Gottliebe neugierig, »erzähl doch!«
»Er heißt Käsmodel, sein Vater ist Bäcker,« sagte Raoul mit leisem Zögern. Er hätte gern noch mehr gesagt, denn auf einmal sah er deutlich Gottliebs gutes, treues Gesicht vor sich, und die Sehnsucht, von ihm sprechen zu können, erwachte jäh.
»Käsmodel,« schrie aber Karoline, »Käsmodel, nein, so ein Name! Und mit einem Bäckersohn hast du verkehrt?« Sie war ein etwas hochmütiges Jüngferlein und schnell und unbedacht in ihrer Rede; der Name erschien ihr auch so lächerlich, daß sie kichernd ihre kleine Nase hinter einem Buch verbarg. Auch Lobe lachte laut: »Käsmodel, nein, Käsmodel! Wie drollig!«— »Käsmodel!« rief auch Joachim spöttisch, »und von dem hast du was gelernt, von dem stammt deine Weisheit?«
»Er ist mein Freund,« erwiderte Raoul herb, und wieder grub sich auf seiner Stirn die senkrechte Falte ein, die ihn seinem Vater so ähnlich machte.
»Er ist gewiß sehr nett,« sagte Gottliebe schnell, der der Vetter leid tat, und auch Pfarrer Buschmann fragte freundlich nach dem Freunde und warf den Spöttern einen mahnenden, zürnenden Blick zu. Später fragte auch Frau Maria, und selbst der Oheim erkundigte sich nach den Bäckersleuten, aber Raoul gab immer nur kurze, ausweichende Antworten. Sie spotten doch nur über meine Freunde, dachte er bitter.
Er war durch diese Erfahrung noch scheuer geworden und fühlte sich bei den Verwandten durch Worte verletzt, die er früher kaum beachtet hätte.
Meister Käsmodel hatte oft herzhaft über die Franzosenwirtschaft geschimpft, und nie hatten Raoul und seine Mutter sich gekränkt gefühlt; jetzt auf einmal spürte der Knabe überall eine Feindseligkeit heraus.
Es wurde auf Hohensteinberg, als der Winter näher kam, viel von dem kommenden Krieg zwischen Rußland und Frankreich gesprochen, der drohte, und vor dem die Länder zitterten. An seinem Geburtstag, den 15. August, hatte Napoleon dem russischen Gesandten so scharfe Worte gesagt, daß alle den Krieg ahnten. Für Preußen war es durch die Mißernte des Jahres ohnehin eine harte Zeit, wie würde es werden, wenn der Zug Napoleons nach Rußland zur Wahrheit würde! Da ballte sich manche Faust heimlich in der Tasche, und mancher tapfere Mann hätte lieber dreingeschlagen als von einem Bündnis mit dem Eroberer gesprochen. Der König von Preußen Napoleons Verbündeter! Wie ein Hohn erschien das vielen, und zu denen, die des Landes Schmach mitfühlten, gehörte auch der Freiherr von Steinberg.
In der Wohnstube von Hohensteinberg wurde manches freie, kühne Wort gesprochen, wenn die Berkows da waren und Dr. Martinsen aus Langenstein, des Hauses alter Freund. Die Jugend des Hauses durfte zuhören. »Sie müssen die Not unserer Zeit erkennen lernen, sie müssen aufwachsen in der Sehnsucht nach Freiheit,« pflegte der Freiherr zu sagen.
Da war es Raoul aber manchmal, als stocke die Rede, wenn er dabei war; und wenn ihm zuweilen in heißem Mitgefühl das Blut in die Wangen stieg und er an seinen für das Vaterland gefallenen Vater dachte, da fühlte er, wie die Großmutter oder der Oheim ihn prüfend ansahen. Warum wurde er rot? Kränkten ihn die freien Worte?
Und warum schweigt er immer? dachte Joachim und sagte es dann zu seinen Freunden.
»Er ist für die Franzosen, natürlich!« spottete Arnold.
Den drei Knaben wäre es am liebsten gewesen, sie hätten gleich in den Kampf ziehen können. Was die Väter sprachen, erschien ihnen zu kühl und besonnen, und die Schwestern waren auf ihrer Seite. Die hatten auch die Köpfe voller Kriegsgedanken, am meisten Gottliebe, die war ungeduldiger und feuriger beinahe als die Buben.
Gottliebe war Joachims Lieblingsschwester, sie genoß sein volles Vertrauen, und die beiden hingen wie die Kletten zusammen. Die sanftere, ein Jahr jüngere Gottlobe pflegte eine zärtliche, schwärmerische Freundschaft mit Helene von Berkow, und seit Karoline auf Hohensteinberg weilte, auch mit dieser.
Seit Raoul gekommen war, gab es aber manchmal Streit zwischen Bruder und Schwester. Gottliebe tat der Vetter oft leid, sie konnte keine traurigen Menschen sehen. Weil sie wie der ferne Freund hieß, ruhten Raouls schöne, dunkle Augen oft, ihm selbst unbewußt, voll Traurigkeit gerade auf ihr, und Gottliebe fühlte, daß er litt, fühlte es wie Pfarrer Buschmann, und sie versuchte es auch wie der Geistliche immer wieder, des Vetters Vertrauen zu gewinnen. Sie suchte ihm kleine Gefälligkeiten zu erweisen; gab er eine gute Antwort in den Stunden, die sie gemeinsam hatten, dann rief sie wohl bewundernd: »Aber Raoul ist klug!«
Das verdroß Joachim. Der war begabt, aber er liebte es, mehr in Wald und Feld herumzustreifen oder mit den Berkows kühne Luftschlösser zu bauen, als eifrig zu lernen. Da mußte er dann sehen, daß der jüngere Vetter ihn, trotzdem er viel weniger Unterricht in seinem Leben empfangen hatte, manchmal überflügelte. »Natürlich, er ist ein Streber und Heimlichtuer,« sagte er, aber daß die Schwester den Verhaßten bewunderte, kränkte ihn tief, und manches scharfe Wort fiel darum zwischen den Geschwistern. Es gab Streit und Tränen, und die schöne Einigkeit war gestört.
Pfarrer Buschmann hörte das Streiten. Er sah, wie die Geschwister auseinanderkamen und Raoul doch einsam blieb, und versuchte zu versöhnen, aber Joachim besaß einen echten Steinbergschen Trotzkopf, der nicht so leicht zu brechen war. Je mehr der Pfarrer zum Guten sprach, desto mehr fühlte sich Joachim auch von dem so geliebten Lehrer zurückgesetzt und wurde auch gegen diesen mißtrauisch, sah mit Eifersucht auf Raouls rasches Vorwärtskommen und zeigte dem immer unverhohlener seine Abneigung.
So gärte und brodelte es im engen Kreise wie draußen in der weiten Welt, und darüber gingen die Tage dahin, und der Winter kam mit leisen Schritten gegangen. Er kam hier in Ostpreußen früher als in Sachsen, und er war schöner auf dem weiten, flachen Lande als drinnen in der engen Stadt. Der Schnee fiel schmeichelnd weich, weiß und still. Er lag bald in dicken Polstern auf den Dächern und Mauern, die Bäume neigten ihre Äste unter der weißen Last, und bald mußten die Wege zu den Scheunen und Stallungen und ins Dorf hinein geschaufelt werden. In dieser Zeit wuchs aber auch die Not im Lande. Auf Hohensteinberg freilich brauchte niemand Hunger zu leiden, und auch für die Dorfbewohner sorgten der Gutsherr und seine Frau, so gut sie es nur konnten. Doch der Klang der Not tönte auch von fern kommend in diese friedsame Stille hinein, und Raoul dachte in dieser Zeit oft daran, wie noch vor einem Jahr die Mutter gebangt und gesorgt hatte. Gar manchmal mußten in dieser Zeit die Töchter des Hauses in das Dorf gehen und den Kranken und Armen Speise aus der Schloßküche hintragen. An einem Dezembertag rüstete sich Gottliebe zu einem solchen Gang. Sie tat es gern, und die Dorfleute sahen sie gern kommen, denn wie ein lachender Sonnenschein kam sie in die niedrigen Stuben. Als Gottliebe durch den Hausflur ging, sah sie Raoul, und rasch bat sie: »Komm mit ins Dorf.«
»Mit dir allein?«
»Herr Pfarrer geht mit,« sagte Gottliebe und stellte ihren Korb an die Haustüre, »er kommt gleich, wir müssen nur ein Weilchen warten. Kommst du?«
Raoul nickte und trat neben die Base, und diese, die nicht gerade zu den Schweigsamen gehörte, erzählte ihm gleich: »Mutter schickt den alten, kranken Jakobsleuten Essen. Dort hinten im letzten Haus beinahe wohnen sie.« Da Raoul stumm blieb, fuhr sie lebhaft fort: »Ach, es muß schrecklich sein, arm zu sein, Hunger zu haben!«
»Sehr schrecklich ist's,« sagte Raoul, und die Falte grub sich in seine Stirn.
Gottliebe, der es plötzlich einfiel, daß Raoul und seine Mutter ja arm gewesen waren, sagte schnell, aus tiefstem Herzen heraus: »Armer Raoul!«
Das klang so kindlich lieb und herzlich, daß zum erstenmal wieder seit langer Zeit über Raoul der Wunsch kam, von der Mutter, von Leipzig und seinem Leben dort zu erzählen, aber es war, als wären ihm die Worte im Munde eingefroren: er, der sonst so lustig hatte plaudern können, wußte jetzt kaum noch etwas zu sagen. Doch Gottliebe schien seinen Wunsch zu ahnen, und herzlich bat sie: »Sag mir doch was von deinem Gottlieb! War er lustig?«
»Sehr,« gab Raoul zur Antwort, »und gut und tapfer.« Da kam ihm aus einmal das Erinnern an Gottliebs Zorn über den langen Schreiber, und er lächelte in den Gedanken daran ein wenig.
»Du lachst,« schrie Gottliebe erfreut, »dir ist was Vergnügtes eingefallen. Ach, und so was höre ich doch furchtbar gern. Bitte, los, erzähle, ich glaube, dein Gottlieb würde mir gefallen!«
»Natürlich, Gottlieb und Gottliebe, der Bäckerssohn paßt gut zu dir,« ertönte hinter den beiden auf einmal spöttisch Joachims Stimme, er war lautlos im Schnee am Hause entlang gekommen.
Ein heftiges Wort kam Raoul auf die Lippen, aber noch ehe er es ausgesprochen hatte, rief Gottliebe schon empört: »Pfui, wie du bist, Achim, wie hochmütig! Der Bäckerjunge, der ist gewiß sehr nett, vielleicht viel, viel netter und besser als du! Ja gewiß, er ist besser,« trumpfte Gottliebe noch auf, der im Zorn auch leicht Worte entfuhren, die ihr nachher selbst bitter leid taten.
Wortlos, blaß vor Wut drehte sich Joachim um und ließ die beiden stehen, und als er gegangen war, kam Gottliebe die Besinnung, daß sie mit ihrer Heftigkeit alles noch schlimmer gemacht hatte. »Ich bin zu dumm!« klagte sie. »Nun ist Achim fuchswild, und dabei will er immer recht sanft sein und alles gut machen und Frieden stiften und — —«
»Der Mund geht uns immer durch,« sagte Pfarrer Buschmann, der den letzten Ausruf gehört hatte, »was hat's denn gegeben?«
Treuherzig schilderte Gottliebe den Vorgang und stellte sich dabei noch einmal das Zeugnis aus, daß sie sehr dumm sei. »Manchmal stimmt es, aber nicht immer,« sagte der Pfarrer lächelnd und strich über die glühenden Wangen des Mädchens, und dann ging sein Blick von dieser hinweg zu Raoul, der finster in das weiße Land hinausstarrte. »Mußt es nicht zu schwer nehmen, mein Junge. Joachim ist ein Sprudelkopf, aber er kommt schon noch zur Besinnung.«
»Wär' ich doch nie hergekommen!« rief Raoul. »Es wäre schon besser gewesen, ich wäre nach .....« Er stockte, die Tränen stiegen ihm heiß in die Augen; in diesem Augenblick fühlte er tiefer noch als sonst seine Verlassenheit, und hastig drehte er sich um und eilte hinweg.
Traurig sah ihm der Pfarrer nach. »Armer Junge!« sagte er, dann nahm er Gottliebes Hand und schritt mit ihr dem Dorfe zu, und unterwegs sprach er mit dieser von Raoul, und daß der so einsam sei. »Du willst immer eine große Tat vollbringen, Gottliebe,« sagte er milde, »nun sieh einmal, hier könntest du es vielleicht, du könntest mit Geduld und Liebe Raouls Vertrauen zu gewinnen suchen und ihn mit deinen Geschwistern, mit den Berkows versöhnen. Da mußt du freilich dich selbst erst recht beherrschen lernen und darfst nicht verzagen, wenn es nicht gleich geht. Willst du das?«
Über Gottliebes Gesichtchen purzelten die Tränen nur so. »Ich will,« rief sie schluchzend, »ach ja, ich will ja ganz gewiß ein leibhaftiger Friedensengel werden, wenn's nur nicht so gräßlich schwer wäre. Hops! habe ich immer alles vergessen, und ich glaube, ich platze, wenn ich nicht sage, was ich denke.«
Pfarrer Buschmann lächelte linde, der kleine, zukünftige Friedensengel hatte doch noch recht viel zu lernen für sein Amt. »Mir scheint, Mariellchen,« sagte er, »du platzt recht oft, mal vor Wut, mal vor Neugier, mal vor Ungeduld, und schließlich werden wir doch einmal zu Meister Schramm nach Langenstein fahren müssen und dir einen Reifen umlegen lassen, oder die Flickmareike muß dich zusammennähen. Nimm dich nur in acht, sonst sehen wir alle nie etwas von dem Friedensengel.«
Halb lachend, halb weinend gelobte Gottliebe Besserung. »Ich geh nachher gleich zu Achim und bitte ihn, er soll gut sein,« sagte sie, »denn wenn er brummt, kann ich ihn doch nicht versöhnen, und zu Raoul will ich schrecklich nett sein.«
Nach ihrer Heimkehr fing Gottliebe gleich mit der Nettigkeit an, sie raste in Joachims Zimmer und fand dort die Berkows. Das kümmerte sie wenig. Mit einem lauten Schrei fiel sie dem Bruder um den Hals und bettelte: »Sei wieder gut, ich hab's ja nicht böse gemeint, und natürlich bist du viel, viel besser als alle andern.«
Joachim wollte zwar brummen, es tat ihm aber doch sehr wohl, daß ihn die Schwester in Gegenwart der Freunde so leidenschaftlich um Verzeihung bat. Er vergaß rasch, daß er eigentlich den Zank hervorgerufen hatte und die Hauptschuld trug, und sagte gnädig: »Na, laß nur, Liebe, es ist schon alles wieder gut. Aber nun geh, wir haben etwas zu besprechen. Vielleicht bekommt ihr Mariellen es auch bald zu erfahren, es ist etwas sehr Schönes, sehr Hohes, sehr Wichtiges. Erst müssen wir Männer es aber allein bereden.«
Beinahe wäre Gottliebe nun vor Lachen über die »Männer« geplatzt, aber sie bezwang sich, dachte an Pfarrer Buschmanns Mahnung und schlüpfte, die Schürze vor dem Gesicht haltend, hinaus. Draußen kicherte sie vergnügt hinter der Schürze und raste die Treppe hinab, dabei rannte sie beinahe Jungfer Rosalie um. Die Jungfer war eine wichtige Person in Hohensteinberg; sie waltete neben der Hausfrau in Haus und Hof und nichts entging leicht ihren scharfen Blicken, keine Unordnung, keine Nachlässigkeit blieb ungerügt.
»Hui,« brummte diese, »verdreht!« Die ältere, sehr hagere Person richtete sich nach dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, und schien eine wahre Abneigung gegen Silber zu haben. Wenn sie einmal mehr als zehn Worte hintereinander sagte, staunte das ganze Haus. Trotzdem führte sie in der Küche ein scharfes Regiment, und wenn sie ein Wort sagte, so war das oft so gut wie eine lange Strafpredigt. Auch Gottliebe entfloh ihr heute eilig, die Jungfer hatte so grimmig dreingesehen, daß es wohl besser war, nicht in ihre Nähe zu kommen. Doch kaum war sie ein paar Schritte gelaufen, da fiel ihr ein, Jungfer Rosalie könnte ihr doch einen Apfel geben. Diesen Apfel könnte sie Raoul bringen, und Raoul würde sich darüber freuen, und dann würden sie zusammen plaudern. Sie lief also hinter der Jungfer her, faßte sie am Rockzipfel und bettelte: »Schenk mir einen Apfel!«
»Jetzt?« Die Jungfer sah Gottliebe nur an, und hinter dem »Jetzt« meinte diese zu hören: »Jetzt ist es gar keine Zeit, Äpfel zu fordern. Äpfel sind Leckerbissen in dieser Zeit, und es ist sehr viel verlangt und sehr unbescheiden, so mitten am Tage einen Leckerbissen zu verlangen.«
»Ach Jungfer Rosalie, zuckersüße Jungfer Rosalie,« flehte Gottliebe, »es ist ja für Raoul, weißt du. Der arme Raoul ist traurig; Achim war so garstig zu ihm, und ich glaube, der arme, arme Raoul ist sehr unglücklich bei uns, und Herr Pfarrer Buschmann hat gesagt, ich möchte doch ein Friedensengel sein.«
»Schnapp!« knurrte die Jungfer, der die Rede viel zu lang war, aber dann nahm sie ihr Schlüsselbund und suchte sehr nachdrücklich einen Schlüssel, in dem Gottliebe sofort den zur Apfelkammer erkannte. Sie lief, selbst erstaunt über ihren schnellen Erfolg, vergnügt hinter der Jungfer her und erhielt auch wirklich den gewünschten Apfel, sogar einen besonders schönen roten. Sie ahnte nicht, daß Jungfer Rosalie ein tiefes Mitleid für den blassen Fremdling im Herzen trug. Sie bewohnte nämlich die Kammer neben Raouls Stube, und schon manche Nacht war das heiße, sehnsüchtige Schluchzen des Knaben an ihr Ohr gedrungen. Man muß ihm gut tun, dachte sie, und sie war froh, daß Gottliebe den gleichen Wunsch hegte. Sie drehte sich daher an der Tür noch einmal um und sagte: »Recht, daß d' gut bist!«
Zur selben Stunde sprach auch Josua Buschmann der Kammerherrin davon, daß man Raoul gut tun müsse. Die alte Dame hörte ihn schweigsam an, aber der herbe Ausdruck ihres Gesichts milderte sich nicht. Endlich sagte sie kühl: »Ich glaube, Sie irren sich, lieber Buschmann. Der Junge ist von anderer Art; er mag im Herzen doch mehr der Nation seiner Mutter angehören und fühlt sich darum fremd hier. Das macht ihn still und verschlossen.«
Der Pfarrer schüttelte den Kopf und erzählte wieder, was Raoul ausgerufen hatte. »Da klang ein tiefes Leid heraus. Ich weiß es nicht, aber mir ist es schon manchmal seltsam vorgekommen, daß Raoul damals so schnell kam, sich gar nicht nach der Anordnung seines Oheims gerichtet hat. Vielleicht hatte er einen Grund.«
Ein feines, kühles Lächeln umspielte die Lippen der alten Frau. »Lieber Buschmann, Sie sind ein Idealist und sehen mehr in dem Jungen, als in ihm steckt. Er ist ein Trotzkopf, das habe ich schon damals auf der Landstraße gemerkt. Darin gleicht er seinem Vater, aber freilich,« sie seufzte tief, »der war ehrlich und offen, und Raoul ist hinterhältig und verstockt. Vielleicht hat die Umgebung, in der er gelebt hat, auch einen schlechten Einfluß auf ihn gehabt, obgleich dieser Meister Käsmodel in Leipzig brav und ehrlich nach seinen Briefen schien. Ich will aber an Ihre Worte denken und mich meines Enkelsohnes mehr annehmen. Vielleicht gelingt es doch, ihn mehr zu einem Steinberg zu erziehen, zu einem echten deutschen Mann.«
Der Pfarrer neigte still das Haupt. »Solche brauchen wir in dieser Zeit, und vielleicht steckt in manchem ein Held, der stille seines Weges geht, und die Zeit enthüllt wohl das Gute, das verborgen ist.«