Dekoration Titel 6. Kapitel

Sechstes Kapitel.
Der Tugendbund wird gegründet.

Weihnachten kam und ging vorbei. Es war ein stilles Fest in diesem Jahr, an dem die Sorgen nicht schwiegen. Teuerung im Lande und der Krieg in Aussicht. Was sollte da erst werden, wenn die französische Armee nach Rußland zog, wenn all die Tausende den Weg durch Deutschland nahmen? Immer lauter klang die Frage, immer fühlbarer wurde allen die Schmach, immer drückender empfand man das Joch der Fremdherrschaft.

Hohensteinberg lag im Winterschlaf, und im Hause ging alles seinen stillen Gang weiter. Raoul war noch immer ein Fremdling im Hause, nur mit Gottliebe sprach er manchmal vertraulicher. Ihr hatte er von Gottlieb erzählt und von der Mutter. Da hatte Gottliebe plötzlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen und gerufen: »Wie lieb muß die gewesen sein!« Seitdem war Raoul dem Bäslein im innersten Herzen zugetan, und wenn er es auch noch nicht fertig brachte, ihr von allem zu erzählen, so gab es doch manche heimliche Plauderstunde zwischen beiden, und Raoul empfand Gottliebes Freundschaft als besonderes Glück, und seitdem ertrug er die offene Feindschaft Joachims etwas leichter. Auch zu seiner Tante Maria und zu dem Pfarrer trug er eine stille Zuneigung im Herzen, aber immer wieder verschloß ihm eine unerklärliche Scheu den Mund, und die Großmutter sagte manchmal zürnend, wenn sie es in ihrer herben Art wieder versucht hatte, Raouls Vertrauen zu gewinnen: »Der ist doch von anderer Art.« Dann war sie so schroff und abweisend gegen den Knaben, konnte ihn so hart anlassen, daß sie wieder zerstörte, was Frau Marias Milde, Gottliebes zärtliche Freundschaft und Pfarrer Buschmanns klare Güte nach und nach aufgeweckt hatten. Und wie die Mutter dachte der Sohn; auch er wurde kühler und kühler gegen den Neffen, auch er sagte oft. »Er ist von anderer Art.«

Von Leipzig hatte Raoul noch keine Nachricht wieder. Er hatte einmal an Gottlieb und Karl Wagner geschrieben, sein Brief hatte traurig geklungen, und er hatte ihn lange liegen lassen, ehe er ihn absandte. Als er dann fort war, dachte er freilich oft: Wenn sie doch antworteten, mir erzählten, wie dort alles ist! Aber die Zeit verrann, der Brief kam noch immer nicht.

An einem Januartag war die Großmutter mit ihren Enkelinnen wieder einmal in Langenstein gewesen, und sie kehrten von der Fahrt zurück, als das erste leise Dämmern begann. Der Gutsherr kam eilig herbei, um seiner Mutter ritterlich beim Aussteigen zu helfen. An seinem Arm führte er sie in das Haus. Es waren Gäste gekommen, und die Erwachsenen saßen in dem Staatszimmer des Hauses.

In der Halle kam Joachim seinen Schwestern entgegen. »Kommt nach oben,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihnen und Karoline, »ich habe mit euch zu reden.« Ein mißtrauischer Blick streifte dabei Raoul, der gerade dazukam.

Hurtig sprangen die drei Mädchen die breite Holztreppe hinauf, die in das erste Stockwerk führte, und langsam folgte ihnen Joachim.

Raoul starrte ihnen nach. Immer blieb er doch ausgeschlossen, immer allein. Jetzt hatten die andern wieder ein Geheimnis vor ihm, er merkte es an ihrem Flüstern und Tuscheln, an ihren verlegenen Mienen, wenn er plötzlich zu ihnen trat. Und wieder dachte er, wie er so verlassen in der Halle stand: Ich könnte weit weggehen, weit weg, und niemand würde mich vermissen.

Während sich Raoul in seinem Zimmer in ein Buch vertiefte, saßen in Joachims Kammer die andern Kinder mit den drei Berkows zusammen, denn auch Helene von Berkow, ein kräftiges, frohes Mädel von dreizehn Jahren, war mitgekommen. Die vier Mädchen hockten eng aneinandergeschmiegt wie drei Spätzlein auf dem Dachfirst auf einer großen, buntbemalten Truhe; Joachim selbst hatte seinen Platz aus dem einzigen Stuhl, der sich in dem Zimmer befand, während seine Freunde auf dem Bett saßen.

»Hiermit haben wir also heute den Tugendbund gegründet,« sagte Joachim und schlug kräftig auf ein kleines, grünes Buch, das vor ihm auf dem Tische lag. Auf der ersten Seite des Buches stand: »Gut preußisch alleweg,« darunter: »Heute wurde allhier der Tugendbund gegründet. Hohensteinberg, am 17. Januar 1812.« Auf der nächsten Seite stand: »Wir geloben alles, was in unserer Kraft steht, zum Wohle des Vaterlandes zu tun.« Arnold von Berkow hatte noch trotz des allgemeinen Widerspruchs darunter geschrieben: »Fluch Bonaparte, und Verderben allen Feinden des Vaterlandes!« Zuletzt kamen die Namen, und wohlgefällig besahen sich nun alle das Buch.

»Und es ist doch unrecht, daß wir Raoul nicht mit dazu nehmen,« sagte Gottliebe plötzlich, nachdem sie eine Weile schweigsam dagesessen hatte.

»Es geht nicht,« rief Joachim heftig, »er ist doch ein halber Franzose und ein Schleicher und Heimlichtuer dazu! Der gehört nicht in unsere Gesellschaft.«

Gottliebe stieß mit ihren Füßchen, die in schwarzen Kreuzbänderschuhen und weißen Zwickelstrümpfen steckten, nachdrücklich an die Truhenwand. »Er ist ein Steinberg wie wir, und ein Schleicher ist er nicht, und es ist abscheulich, daß wir ihn nicht in den Tugendbund aufgenommen haben. Wir behandeln ihn alle schlecht, und du bist am allerschlechtesten zu ihm.«

»Aber Liebe!« sagte die sanftere Gottlobe erschrocken, und Joachim warf der Schwester einen strafenden Blick zu.

»Frauenzimmer haben zu schweigen, wenn Männer reden,« rief Arnold von Berkow mit dem ganzen Stolz seiner fünfzehn Jahre. Gottliebe lachte hell auf. »Zwei Jahre bist du älter und redest wie ein Uralter; dabei sagt der Herr Pfarrer, deine Exerzitien wären voller Fehler,« spottete sie. Das Lachen steckte an, Karoline hielt sich kichernd ihre schwarze Taftschürze vor das Gesicht, und Gottlobe quiekte vor Vergnügen.

»Siehst du, Joachim,« rief Arnold erbost, »ich habe es immer gesagt: die Mariellen stören unsern ganzen Bund.«

»Sei doch nicht so ungalant,« sagte Karoline schmollend und verzog ihr hübsches Gesicht. Gottliebe aber sprang lachend auf. Schlank und feingliedrig stand sie da, wie goldene Fäden schimmerten ihre blonden Haare, ihre blauen Augen blitzten übermütig, und mit einem tiefen Knicks verneigte sie sich schelmisch vor Arnold von Berkow und sagte neckend: »Ich, ein Frauenzimmer, bitte um Verzeihung, daß ich hier bin und Luft schnappe, happ, happ!« machte sie dazu.

Arnold sah sie halb lachend, halb ärgerlich an, aber Joachim rief drohend: »Du bist ein Irrwisch, Liebe. Wenn du nicht still bist, wirst du hinausgesteckt!«

»Pah, du Brummbär!« sagte Gottliebe leichthin.

»Geh lieber hinaus — geh doch zu Raoul!« schrie der Bruder heftig. Blitzschnell verschwand bei diesen Worten der Ausdruck heiterer Schelmerei aus Gottliebes Gesicht; mit zornsprühenden Augen maß sie den Bruder, und wie sie beide so nebeneinander standen, da glichen sie sich Zug um Zug, beider Augen schimmerten fast schwarz vor Zorn.

»Liebe, aber Liebe, Joachim, zankt euch doch nicht!« rief Gottlobe ängstlich. Sie wußte schon, wenn Bruder und Schwester aneinander gerieten, gab es, trotz aller Liebe, heftige Worte. Doch Gottliebe warf den Kopf zurück und sagte trotzig: »Ich gehe. Gründet ihr alleine euren Tugendbund. Es ist doch Kinderei — ihr wißt ja gar nicht, was ihr wollt!«

»Ja geh, geh nur schnell, geh zu Raoul, du — du Franzosenfreundin du!« rief Joachim empört.

Einen Augenblick starrte Gottliebe den Bruder an, als wollte sie auf ihn losspringen, dann warf sie die blonden Locken in den Nacken und verließ lachend das Zimmer. Draußen aber stürzten ihr jäh die Tränen aus den Augen, und ein paar Sekunden lehnte sie fassungslos an der Wand. Dann eilte sie in das obere Stockwerk; dort gab es ein Kämmerchen, das nur zum Aufbewahren getrockneter Kräuter gebraucht wurde. Gottliebe hatte hier schon manchen Kummer verweint, und das dämmrige Kräuterkämmerchen war ein rechter Schmoll- und Trostwinkel für sie geworden. Sie weinte sich auch an diesem Tage die Last vom Herzen, und als sie genug geweint hatte, schüttelte sie sich wie ein ins Wasser gefallenes Kätzchen und sagte, überzeugt, daß bald alles wieder gut sein werde, ein paarmal in die kräuterduftende Stille hinein: »Der dumme Tugendbund ist an allem schuld, der dumme Tugendbund!«

»Wir wollen Gottliebes Namen ausstreichen,« sagte Joachim bedrückt, als die Schwester das Zimmer verlassen hatte. Er ergriff den Gänsekiel und strich den Namen aus, und dabei klangen in ihm die Worte nach: »Es ist ja Kinderei!« Hatte die Schwester vielleicht recht?

Joachim hatte viel durch einen Oheim von dem Königsberger Tugendbund gehört, dessen Auslösung König Friedrich Wilhelm III., dem französischen Drucke nachgebend, im Dezember 1809 verfügt hatte. Alle echten Vaterlandsfreunde waren durch diese Auflösung schmerzlich betroffen worden, auch in Hohensteinberg hatte man bitter darüber geklagt. Joachim sah auch die Not des Vaterlandes. Fest wurzelten in seiner Erinnerung noch die Schrecken des Kriegswinters von 1806/07, und in seinem jungen, feurigen Herzen reifte so der Plan, etwas zur Befreiung des Vaterlandes zu tun, irgend eine stolze, mutige Tat auszuführen. In den beiden Berkows fand er Gesinnungsgenossen. Alle drei schmiedeten schon lange abenteuerliche Pläne und gründeten endlich zusammen einen Bund, den sie mit einem gewissen Trotz den »Tugendbund« nannten, und für den sie eine glänzende Zukunft träumten. Weil Fritz von Berkow gemeint hatte, ein Bund müßte viele Mitglieder haben, und es auf den umliegenden Gütern wenig Altersgenossen gab, hatten die Brüder mit viel gnädiger Herablassung die Schwestern zum Beitritt aufgefordert, obgleich Helene von Berkow gleich sagte, die Sache wäre doch ein wenig unheimlich und vielleicht auch unrecht.

»Was sollen wir nun eigentlich tun?« fragte Karoline plötzlich gelangweilt; sie fand, Joachim brauche recht viel Zeit, Gottliebes Namen auszustreichen.

»Warten, bis die Zeit kommt. Ihr Frauenzimmer seid auch immer ungeduldig!« rief Arnold von Berkow ärgerlich.

»Ja, wir wollen etwas tun,« rief Fritz, dem die lange Pause auch nicht gefiel. »Joachim, mache einen Vorschlag, was wollen wir zuerst beginnen? Auch ein Freikorps bilden wie der Schill? Heisa, das sollte ein Kämpfen werden!«

Joachim klappte langsam das Buch zu und starrte den Freund an. Das war ein schmalbrüstiger, überlanger Junge, dessen wasserblaue Augen nicht gerade geistreich dreinsahen. Der ein zweiter Schill! Er hätte lachen mögen, so töricht kam ihm auf einmal die Sache vor, und dabei rötete sich doch seine Stirn vor Scham und Ärger. Hastig warf er das Buch in seine Truhe und rief ungeduldig: »Für heute ist's genug, ich schließe die Versammlung! Am Mittwoch treffen wir uns des Nachmittags im Freundschaftstempel, da sind wir ungestört.«

Die andern stimmten Joachims Vorschlag zu, Gottlobe und Karoline zwar etwas verstimmt über Gottliebes Austritt, sie wagten aber nicht recht, ihre Partei zu nehmen, und so verließen sie alle die Stube — die erste Sitzung des Tugendbundes hatte ihr Ende erreicht.

Nach einem Streit hatten sich sonst die Geschwister wohl noch ein bißchen angeknurrt oder waren ein paar Stunden um einander herumgegangen wie Muja, die Hauskatze, um ihre Suppenschüssel, wenn ihr der Dampf zu heiß ins Näschen stieg, aber dann hatte Liebe ein wenig geblinzelt, Joachim hatte irgend etwas Unverständliches geknurrt, und auf einmal hatten dann beide gelacht, herzlich befreiend, und die Schwester war wohl dem Bruder um den Hals gefallen, oder der hatte lachend die blonden Locken gezaust.

Diesmal war es anders, und die Versöhnung kam nicht mit solcher Windeseile, wie Gottliebe es gemeint hatte. Tage kamen, Tage gingen, und immer wich Joachim in stummem Trotz der Schwester aus. Er tat es, weil er sich schämte, und dieses Gefühl verbarg er hinter einer beleidigten Miene.

Er hatte rasch alle Lust an dem Tugendbund verloren, aber er wagte es nicht einzugestehen, daß er sich selbst mit seinen Ideen auf einmal sehr kindisch und unreif vorkam. Als das nächste Mal die Verbündeten zusammenkamen, hielt er dann die wildesten, blutdürstigsten Reden, sprach von Freischaren, und daß man, wenn die Franzosen nach Rußland ziehen würden, diese angreifen müßte; er betäubte die mahnende Stimme in seinem Herzen selbst durch seine wilden Worte.

Ich bitt' ihn nicht, wenn er nicht will, dachte Gottliebe, wenn ihr stummes Werben, ihr versöhnliches Entgegenkommen immer wieder zurückgewiesen wurde. Sie litt aber schwer unter dem Zwist mit dem Bruder. Sie wurde darüber still und nachdenklich, und nicht mehr wie sonst schallte ihre Stimme unter denen der Geschwister in hellster Fröhlichkeit heraus. Und weil sie selbst litt, begann sie immer besser zu verstehen, wie einsam und verlassen sich Raoul fühlen mußte. Sie suchte darum immer mehr, dem Vetter Freundlichkeiten zu erweisen, und ließ diesen nicht mehr so allein seines Weges gehen.

Pfarrer Buschmann, der viel in der Welt seiner Bücher lebte, freute sich darüber. Der sanfte, stille Mann ahnte nichts von dem unter den Geschwistern ausgebrochenen Streit, er dachte, nun würde Joachim bald dem Beispiel seiner Schwester folgen. Er lächelte darum auch nachsichtig und milde, als Gottliebe an einem sonnenhellen Nachmittag ziemlich ungestüm in die Bücherstube eindrang mit dem Ruf: »Kommst du mit nach Langenstein, Raoul?«

»Warum willst du denn so eilig dorthin, Liebe?« fragte Josua Buschmann und sah das errötende Mädel freundlich an.

Gottliebe hatte nicht gewußt, daß der Pfarrer anwesend war, und sie erzählte etwas verlegen: »Großmutter möchte von Jungfer Mahdissen allerlei haben, und weil Heinrich gerade nach Langenstein fährt, soll ich selbst mitfahren und alles holen.«

Jungfer Mahdissen war ein kleines, ältliches Persönchen. Sie besaß ein Lädchen, in dem es Zwirn, Nadeln, Wolle, auch allerlei Stoffe, Bänder und Perlen gab. Zu ihr gingen die Steinbergschen Mädchen himmelgern, der Laden — es war eine kleine Stube mit einer Türe nach dem Flur, an der ein Glöckchen bimmelte, wenn jemand kam — barg so viele Herrlichkeiten, alles darin erschien den jungen Dingern wundervoll, und Liebe in ihrer stürmischen Art hatte schon oft gewünscht: »Ich möchte einen Laden haben wie Jungfer Mahdissen!«

Seit Karoline von Prillwitz einmal die Kostbarkeiten des Lädchens ein wenig naserümpfend betrachtet hatte, meinte auch Gottlobe, es sei nicht mehr so reizvoll, zu Jungfer Mahdissen zu gehen, und so hatte sich Gottliebe allein erboten, für die Großmutter einzukaufen. Nachher hatte es den andern freilich leid getan, und sie wären gern mitgefahren, obgleich nur der alte Kastenschlitten benutzt wurde, aber Liebe, ärgerlich über Karolines Putenhaftigkeit, wie sie das Urteil der Base nannte, erklärte schnippisch: »Großmutter hat mir den Auftrag gegeben, nicht euch!«

»Ist auch besser,« spottete Line, »wir haben wichtigere Dinge vor.« Sie meinte damit eine Sitzung des Tugendbundes, die am Nachmittag stattfinden sollte, und Liebe, die sie wohl verstand, wurde blutrot und lief wütend hinaus. Sie ärgerte sich jedesmal, wenn sie an den Tugendbund dachte, und daß sie nicht dabei sein durfte, und vor lauter Schmerz und Ärger, und weil sie sich ganz verlassen fühlte, rannte sie, um Raoul zu holen.

»Also zu Jungfer Mahdissen,« sagte der Pfarrer schelmisch, »da fahre nur mit, Raoul, und sieh dir das Zauberreich an. So etwas Schönes hast du gewiß noch nie gesehen. Vergiß nur das Wiederkommen nicht, Liebe, und grüß mir die Jungfer auch.«

Liebe dankte und knickste und lief dann mit Raoul hinaus. Der Kastenschlitten stand schon zur Abfahrt bereit, und Heinrich brummelte bereits über die »Nölerei«. Geschwind stiegen die beiden hinein, wickelten sich in ein paar dicke Wolldecken, und fort ging es auf glatter, schimmernder Schneebahn dem Städtchen zu.

Joachim hatte die beiden fahren sehen, auch Lobe und Line, und alle drei fanden es empörend von der Schwester und Base, daß sie Raoul ihnen so vorzog, und alle drei gestanden sich die eigene Schuld nicht ein.

Auch die Kammerherrin hatte von ihrem Fenster aus die Abfahrt beobachtet, aber sie hatte sich darüber ein wenig gefreut, es war schon besser, die Kinder vertrugen sich zusammen.

»Wer ist denn Jungfer Mahdissen?« fragte Raoul das Bäslein.

Die Steinbergs. (Seite 91.)
Die Steinbergs.       (Seite 91.)

Etwas Besseres, um ein Gespräch in Gang zu bringen, hätte Raoul nicht fragen können. Liebes Zünglein kläpperte förmlich, und mit bewundernder Begeisterung schilderte sie den kleinen Laden; dazwischen sagte sie immer wieder: »Wirst schon sehen!«

»Wie bei Käsmodels,« sagte Raoul sinnend, als Liebe sogar die bimmelnde Ladentür erwähnte, und auf der Base Gegenfrage erzählte er wieder von dem Bäckerhaus. Darüber verging den beiden die Zeit fast zu schnell, sie hatten beide kaum einen Blick für die weiße, im Sonnenglanz so schöne Landschaft. Wie eine tiefblaue Wand begrenzte fern der Nadelwald den Horizont. Sie waren der Stadt schon nahe gekommen, als über ihnen ein Krähenzug mit lautem Gekrächz hinwegzog, dem fernen Walde zu.

»Wohin geht es dort?« fragte Raoul, dessen Blicke den schwarzen Vögeln folgten.

»In einem weg nach Rußland, ein gut Stück bis hin ist's freilich noch,« sagte Kutscher Heinrich, der die Frage gehört hatte; er drehte sich um und wies mit dem Peitschenstiel nach Osten: »Dorthin will der Bonaparte ziehen, sagen jetzt alle. Einen weiten Weg hat er, wird manchem jungen Kerl das Leben kosten.«

Liebe schauerte zusammen und schmiegte sich unwillkürlich fester an den Vetter an. »Wenn die Franzosen nach Rußland ziehen, dann — dann —« sie stockte und sah in hilfloser Angst zu dem Knecht auf.

Der verstand die unausgesprochene Frage. Er nickte, und sein ehrliches Gesicht verfinsterte sich. »Dann kommen sie hier durch, und wir haben den schönsten Kladderadatsch. Gnade uns Gott, wenn das geschieht! Sie sagen zwar, unser König wollte jetzt dem Bonaparte sein Freund und Verbündeter werden, — na, den als Freund haben, da kommt doch eine böse Sache heraus.« Er drehte sich wieder um, knallte mit der Peitsche, und schneller holten die Pferde aus. Näher und näher kam das Städtchen.

»Wenn die Franzosen kommen,« flüsterte Gottliebe, »dann — nützt doch der Tugendbund auch nichts?«

»Was?« fragte Raoul erstaunt zurück.

»Leise,« bat Liebe, und tuschelnd vertraute sie dem Gefährten die Geschichte vom Tugendbund an. Auf einmal bedrückte sie die Sache, die sie vorher als Kinderei angesehen hatte: das Heimliche, Verborgene wollte ihr daran nicht recht gefallen, die Eltern hätten es doch wissen müssen. »Es ist vielleicht nicht recht, daß ich dir das verrate, aber — aber mir ist so bange!«

»Es ist nur eine Kinderei,« dachte Raoul, »und doch — es wäre besser, Joachim ließe solche Sachen,« sagte er nachdenklich. »Meister Käsmodel hat zwar oft auf Napoleon geschimpft, er hat uns aber oft gesagt, man müßte vorsichtig sein, und die Zeit sei noch nicht gekommen.«

»Meinst du, daß der Tugendbund eine — eine Verschwörung ist?« fragte Liebe angstvoll.

Da mußte Raoul doch lachen; so gefährlich erschien ihm der Bund nicht, und er tröstete das Bäslein und hatte es gerade erreicht, daß Liebe wieder vergnügt um sich blickte, als der Wagen vor Jungfer Mahdissens Lädchen hielt.

Raoul fand freilich die Herrlichkeiten der kleinen Ladenstube nicht so überwältigend, aber Gottliebe schaute sich einmal wieder in hellem Entzücken in dem Raume um, sie wurde auch von der Besitzerin mit sehr viel Freude begrüßt. »Ne—in, trautstes Mariellchen, Demoisellchen, ist das ein Freudchen!« rief Jungfer Mahdissen, die vielleicht um der eigenen Kleinheit willen die Gewohnheit hatte, allen Wörtern ein »chen« anzuhängen. So brachte sie denn Wollchen, Zwirnchen, Nadelchen, Stoffchen und allerlei herbei, pries wortreich die Güte ihrer Ware, nannte Raoul ein allerbastes Junkerchen, weil der Liebe an die Äpfel erinnerte, die die Mutter der Jungfer schickte.

»Nein, so ein Freudchen! Nun ist mir's ganze Tagchen lieb!« schrie die kleine Jungfer und warf vor lauter Freude erst ihr Ellenmaßchen, dann ihr Scherchen und zuletzt das ganze Bandchen unter das Tischchen. Nachher öffnete sie noch auf Gottliebes Bitten allerlei Kästen, zeigte Perlen und Bänder, angefangene spinnwebfeine Stickereien und behauptete kühn, »in ganz Parischen gäbe es nicht solche Sachchen,« was Liebe glaubte, aber Raoul etwas bezweifelte.

»Und so wundervolle Hauben kann Jungfer Mahdissen nähen,« rühmte Liebe deren Kunst dem Freund.

Eine tiefe Glut färbte jäh das Gesicht des Knaben, dann strömte das Blut schnell zurück, und Raoul sah noch bleicher und ernster aus als sonst. Die Erinnerung an die Mutter war ihm gekommen, wie sie — krank — Haube um Haube zierlich fein genäht und gefältelt hatte. Hastig bat er: »Wir sollten noch zum Posthalter gehen. Liebe, komm!«

Jungfer Mahdissen hätte die beiden gewiß nicht fortgelassen, wenn nicht eine Magd gekommen wäre, um für einen Groschen Zwirn zu kaufen; da nahm sie wortreich, mit sehr vielen »chens« Abschied von den Kindern. Draußen fragte Liebe: »Gefiel's dir nicht bei der Jungfer Mahdissen?«

»Doch!« sagte Raoul, und während sie beide den Weg aus dem schmalen Gäßlein, das den wunderlichen Namen »Katzenwinkel« trug, nach dem Marktplatz antraten, erzählte Raoul, wie fein und fleißig seine Mutter Hauben genäht hatte.

»Oh, du,« rief Gottliebe in ihrer warmherzigen Art, »wie gut, wie schrecklich gut muß deine Mutter gewesen sein! Weißt du, ich habe sie lieb. Ach, lebte sie doch noch, könnte ich sie einmal sehen!«

Raoul blieb stehen und sah das Bäslein dankbar an: »Du bist auch gut, Gottliebe, du und Pfarrer Buschmann, ihr seid gut zu mir.«

»Doch auch die Eltern, die doch auch!«

»Ja,« sagte Raoul mit leisem Zögern, »aber — dein Vater mag mich nicht leiden und die Großmutter auch nicht; von Joachim und Lobe sag ich erst gar nichts, und weißt du, es wäre viel, viel besser, ich ginge wieder fort.«

»Aber Raoul,« rief Liebe entsetzt. So hatte der Vetter ihr noch nie gezeigt, wie tief er litt, und ihr Herz floß über von innigem Mitleiden. Sie faßte Raouls Hand und gelobte, während ihr die hellen Tränen über die Wangen liefen: »Ich behalte dich immer, immer lieb, Raoul, du bist mein Bruder, und paß auf, die andern gewinnen dich auch lieb. Der Herr Pfarrer sagt es auch. Aber du darfst nie weggehen, nie! Versprich mir das, bitte, bitte!«

»Nein,« sagte Raoul leise, aber fest, »das kann ich dir nicht versprechen,« und sehnsüchtig sahen seine Augen die schmale Straße entlang, durch die sie schritten. Könnte er sie doch hinab gehen, zur Stadt hinaus, immer westwärts, Leipzig zu! Er schwieg aber davon, sagte jedoch tröstend: »Liebe, ich bin ja noch da, aber wenn du weinst, reiße ich gleich aus!«

Husch kam gleich das Lachen, wie Sonnenschein flog es über Gottliebes bewegliches Gesichtchen. Sie ergriff die Hand des Vetters und eilte lachend mit ihm schnell die Straße hinab über den Marktplatz hin.

Postmeisters Minettchen sah die beiden vom Fenster aus kommen. »Frau Mutter,« rief sie, »Gottliebe von Steinberg kommt, und sie lacht wieder, daß ich's beinahe höre!«

»Ei, sieh da, und der Französische ist auch dabei,« sagte der Herr Rentmeister Meldeling, der gerade bei Postmeisters einen Besuch abstattete.

In der Stadt war dieser kleine, immer lächelnde Mann nicht sehr beliebt; niemand hatte rechtes Zutrauen zu ihm, da er allgemein als Franzosenfreund galt. Er kniff die Augen zusammen und lächelte höhnisch: »Ja, ja, die vornehmen Herrschaften sind alle Tage lustig, Sorgen kennen die nicht!«

»Da ist Er schief gewickelt, — Er — —« Grasaffe — — wollte die Frau Postmeisterin sagen, sie schluckte aber das letzte Wort noch rechtzeitig herunter. »Die Steinberger Herrschaften leben nicht lustig, wenn es andern Leuten schlecht geht; sie haben ein Herz für die armen Leute, und — gut deutsch sind sie auch gesinnt.«

Das Wort klang dem Rentmeister übel in den Ohren, denn er war auch einer von denen, die sich der deutschen Art schämten. Er verabschiedete sich darum sehr eilig, aber an der Türe traf er doch noch mit den jungen Steinbergs zusammen. Er grüßte Gottliebe übertrieben höflich und schaute Raoul forschend und prüfend an.

»Der Mensch ist mir doch in der Seele zuwider,« rief die Frau Postmeisterin, nachdem sie die Eintretenden begrüßt hatte, »rein schlimm kann mir von seinem dummen Lächeln werden. Immer fragt er nach tausend Dingen, die ihn den Kuckuck was angehen. Mein Mann traut ihm auch nicht über den Weg, er sagt, er hält es mit den Franzosen. Und das ist einmal wahr: im schlimmen Jahr, als die Franzosen hier in Haufen durchzogen, da katzbuckelte er nur immer um sie herum und bonjourierte und dienerte in einem fort. Der stiftet noch mal ein Unheil an, das sage ich und —,« da brach die redselige Frau jäh ab, denn ihr fiel ein, daß ihr Mann sie immer ermahnte, nicht alles zu sagen, was sie dachte.

»Man könnte sich ordentlich fürchten,« sagte Gottliebe nachdenklich: »Mein Vater sagte erst neulich, der Rentmeister habe einen besonderen Haß auf ihn; ob das wahr ist, Frau Postmeisterin?«

»Hassen, das ist schon möglich, aber was kann das schaden?« meinte die Postmeisterin. »Dem gnädigen Herrn von Steinberg kann der falsche Mensch ja doch nichts anhaben; auf Hohensteinberg geschieht nichts, was nicht jeder wissen kann.«

Sekundenlang sahen sich Vetter und Base an, beide dachten bei diesen Worten: der »Tugendbund,« und beide durchrieselte eine leichte Angst. War es doch vielleicht mehr als eine Torheit?

Da kam der Postmeister in das Zimmer und brachte einige Postsachen. »Ein Brief für den Herrn Vater ist dabei,« sagte er, »aus Frankreich kommt er, es steht aber dabei, daß er nur dem Herrn Vater selbst ausgeliefert werden darf. Da will ich heute selbst noch hinauskommen; es muß alles seine Richtigkeit haben, alles hübsch nach der Ordnung!«

»Aber mein Vater ist in Königsberg, er kommt wohl erst morgen zurück,« rief Gottliebe und schaute neugierig auf den Brief. »Aus Frankreich? Ach, Herr Postmeister, ich graule mich.«

Der dicke Postmeister lachte: »Ich glaube gar, das gnädige Demoisellchen denkt, der Brief kommt von Napoleon selbst. Es sind ja viele gute Deutsche drüben, warum soll's davon nicht einem einfallen, an den Herrn Vater zu schreiben? Spekuliere, gar so wichtig wird die Sache nicht sein. Aber vielleicht sagen Sie daheim nichts, die Frau Mutter könnte sonst auch gleich Gespenster sehen. Weiberleut haben das so an sich.«

»Mann,« rief die Postmeisterin empört, »wie kannst du nur so despektierlich von der gnädigen Frau von Steinberg reden!«

»Na, na,« brummelte ihr Mann ein wenig verlegen, »eigentlich meinte ich ja dich. Du witterst ja überall eine Verschwörung und denkst, der Napoleon steckt hinter jeder Türe. Aber halt, da ist auch ein Brief für den Junker, aus Leipzig kommt er.«

Ein Brief aus Leipzig! Raouls Augen blitzten, und verlangend streckte er die Hand nach dem dicken Schreiben aus. Die Adresse da hatte Karl Wagner geschrieben, die klare, feste Schrift kannte er gut. Und wie er den Brief in der Hand hielt, kam die Sehnsucht wieder über ihn nach denen, die ihn lieb hatten, die ihn verstanden. Er konnte es kaum erwarten, den Brief zu lesen, aber trotzdem riß er ihn zu Liebes grenzenlosem Erstaunen nicht gleich auf; er behielt ihn in der Hand, auch als sie beide draußen wieder im Schlitten saßen und im ersten matten Abenddämmern Hohensteinberg entgegenfuhren. »Warum liest du den Brief nicht?« tuschelte Gottliebe dem Vetter zu. »Ich wäre schon geplatzt vor Neugier.«

»Erst versprich mir etwas, Liebe, gute Liebe,« bat Raoul, den Brief noch immer uneröffnet in der Hand haltend. »Erzähl' es niemand, daß ich einen Brief bekommen habe — sonst lachen sie wieder über meine Freunde, über den drolligen Namen, über —« Er zögerte und bat noch einmal: »Sag's niemand!«

»Ich bin stumm wie ein Fisch,« gelobte Gottliebe. »Es ist so fein, daß wir auch ein Geheimnis haben!« Und vor lauter Freude hopste und zappelte sie auf dem harten Sitz des schwerfälligen Schlittens hin und her, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie hinausgefallen. »Aber nun lies nur, lies, und dann, — bitte, bitte, mir sagst du doch, was drin steht?«

Raoul erbrach den Brief und las, während ein tiefrotes Glühen, der Widerschein der sinkenden Sonne, auf den Schneefeldern lag. Karl Wagner hatte geschrieben, einen klugen, herzlichen Brief, daß es nun ganz anders in der Schreibstube sei, der lange Neumann sei auf und davon gezogen. Er schrieb auch, er habe das Grab von Raouls Mutter manchmal aufgesucht und zuletzt Tannenzweige aus dem Universitätswald hingetragen; daneben sei ein frisches Grab: das kleine Lottchen von Meister Käsmodels sei gestorben, und die Eltern seien gar traurig um den Verlust des lieben Kindes. Der Schluß lautete: »Dein Brief klang nicht froh, Raoul, er klang nach Heimweh und Einsamkeit. Verzage nicht, wenn Dir die Heimat Deines Vaters nicht gleich Heimat wird, sondern Dir noch eine Weile fremd bleibt, eine Heimat gewinnt man nicht im Sturm. In Deiner Mutter Heimatland wärest Du vielleicht noch weniger glücklich gewesen, und der äußere Glanz hätte Dich auch nicht beglückt. Du tatest nach dem Willen Deiner Mutter: der Gedanke muß Dich trösten und aufrichten. Kopf hoch und mutig voran!«

»Wie gut er schreibt, dein Freund!« flüsterte Liebe. »Aber was meint er damit, von der Heimat deiner Mutter und dem äußeren Glanz?«

»Ich erzähle es dir später einmal,« sagte Raoul und schob den Brief in seine Tasche. Es war noch einer darin, und er ahnte, daß der von Gottlieb kam, und eine ihn wieder ergreifende Scheu hielt ihn ab, auch diesen Brief der neuen Freundin zu zeigen.

»Na, wenn ich nicht platze, so voll von Geheimnissen wie ich bin!« sagte Liebe nachdenklich, als der Schlitten sich wieder dem Schlosse näherte. »Es ist wirklich schwer. Bitte, Raoul, knuffe mich immer, wenn ich den Mund auftue, weißt du, sonst fährt mal was raus, ich weiß hinterher nicht wie!«

Der Knabe versprach das Knuffen gern, er hatte es aber nicht nötig: Gottliebe hielt an diesem Abend ihren Mund ängstlich geschlossen, sie war so schweigsam, daß es selbst der Großmutter auffiel; nicht einmal eine begeisterte Schilderung von Jungfer Mahdissens wundervollem Laden erfolgte. Und da auch Raoul schwieg, selbst mit Liebe nicht sprach, erklärte Joachim nachher den beiden anderen Mädchen mit grimmiger Freude: »Sie haben sich miteinander gezankt.«

Raoul aber las am Abend in der Stille seiner Kammer Gottliebs Brief, der nun nicht gerade ein Muster von Orthographie und Schönschrift war. »Lieber Raoul,« schrieb der Freund, »es ist fürchderliche Lankeweile seidtem daß Du fohrt bist und auch trauhrich denn unser Lottchen ist gestorben und wir sind alle trauhrich. Ich heuhle auch Mannichmal und habe keine Luhst mehr Lateinisch zu lernen, ich pleibe auch sihtzen. Raoul, komme doch nur wieder dann geht es allmahl besser. Vater sagt daß auch, reiße nur aus wenn sie Dich schlecht behanteln, den Weg weist Du ja schon und ich schicke Dir einen Thaler damit Du essen kannst. Reiße aus, reiße aus. Der lange Neumann ist fohrt und kann nicht mehr die Trepe rauf fallen. Reiße aus und alle grühsen Dich fielemahl.

Dein gantz getreuer liehber Freund Gottlieb.

Ich habe auch immer lauder Viehren und sie sagen ich bin am faulsten, aber es ist nicht war, Berger ist fiel fauhler und schreibt noch schlechter und macht noch mer Pfehler, wenn du komst geht es gewiehs besser.«

Raoul atmete tief auf und verbarg den Brief in seiner Tasche. Ausreißen, — vielleicht wäre es am besten!

Dekoration Ende 6. Kapitel