Am nächsten Tag wurde der Hausherr zurückerwartet, und da man die Stunde seiner Ankunft nicht genau bestimmen konnte, entlief immer mal eines der Kinder der Stunde bei dem Pfarrer, und der ließ sie laufen und den Weg entlang spähen, ob der Vater noch immer nicht kam.
Auch seine Frau und seine Mutter sahen öfters hinaus, Frau Maria in doppelter Sorge: sie besaß einen Bruder, der um einiger Schriften willen das Land hatte verlassen müssen. Er war nach England gegangen, um dort zu warten, bis es Zeit war, in sein Vaterland zurückzukehren. Von diesem Bruder sollte auf dem Seewege nach Königsberg eine Nachricht kommen. Seit vielen Wochen hatten die Verwandten nichts von ihm gehört, und nun hoffte Frau Maria, ihr Mann werde einen Brief mitbringen.
Auch Joachim dachte an diesen Onkel Wolfgang, den er sehr bewunderte, und mitten in der Stunde — er war mit Raoul und Arnold von Berkow allein beim Pfarrer — sagte er plötzlich: »Ist's nicht eine Schande, daß der Oheim außer Landes gehen mußte?«
Pfarrer Josua Buschmann nickte trübe: »Das ist's, mein Sohn. Er war aber auch recht unvorsichtig in seinem Tun!«
»Pah,« rief Joachim, »soll ein Preuße nicht sagen dürfen, was er denkt? Was hat denn der Oheim getan? Dem Tugendbund hat er angehört und nachher nur seine Meinung gesagt, daß es ein Unrecht sei, den Bund aufzulösen.«
Raoul horchte auf. Das hatte er noch nicht gewußt; von dem Bruder Frau Marias war selten gesprochen worden. Hatte Joachim vielleicht in Gedanken an den Oheim den Tugendbund gegründet? Und wenn dieser hatte fliehen müssen, war die heimliche Sache nicht doch gefährlich? Recht lebhaft war Raoul dem Gespräche gefolgt, und als Pfarrer Buschmann antwortete, horchte er so aufmerksam zu, daß er nicht bemerkte, wie Joachim ihn beobachtete. In dem stieg die Wut heiß empor, und plötzlich sprang er auf. Seine blauen Augen waren fast schwarz vor Zorn, und den Stuhl heftig zurückschiebend, schrie er: »Wie er horcht, der Schleicher, der — der — Franzose — wie —«
»Achim!« Schwer fiel des Pfarrers Hand auf des unbändigen Schülers Arm, und die milden Augen des alten Mannes schauten mit einem so unaussprechlich leidvollen Ausdruck in das erregte Gesicht, daß Joachim sein Haupt senkte. Er fühlte, wieder hatte er sich von seinem ungerechten Zorn übermannen lassen, aber wieder hatte er nicht die Kraft, seine Schuld einzugestehen, und bissig grollte er: »Ich kann ihn nicht leiden!«
»Ich ihn auch nicht,« murmelte Arnold von Berkow leise nach, aber Raoul hatte auch das Wort gehört. Seine Brust hob und senkte sich, einen Augenblick war es, als wollte er sich auf die beiden Knaben stürzen, doch des Pfarrers Gegenwart bannte ihn. Er drehte sich um, verließ hastig das Zimmer und rannte den Flur entlang seiner Stube zu. Unten hörte er lautes Rufen, Hundegebell, — der Oheim war angekommen, Freude war im Haus.
Und über dieser Freude merkte es niemand recht, daß Joachim beim Mittagessen still war. Arnold von Berkow gab sich Mühe, laut und lustig zu antworten, wenn er gefragt wurde, er vermied es aber, Raoul anzusehen. Pfarrer Buschmann hatte von den Knaben gefordert, sie sollten dem gekränkten Kameraden Abbitte leisten. Noch nie hatte der gütige Mann so hart, so streng mit seinen Schülern gesprochen, noch nie ihnen so das Unedle, Niedrige ihrer Handlungsweise klar gemacht. Es hatte Joachim tief getroffen, und tief bohrte und nagte die Scham über sein Tun in dem Knaben. Arnold nahm es leichter; er wäre auch eher bereit gewesen, das Versprechen der Abbitte zu geben, aber Joachim hatte es nicht getan, und so hatte der Pfarrer seine Zöglinge entlassen mit den Worten, er würde ihren Eltern Mitteilung machen und eine Trennung bewirken, wenn sie seinen Willen nicht erfüllten.
Nach Tisch sprach Josua Buschmann auch mit Raoul, aber es schien, als hätte sich die Seele des Knaben, die sich dem Lehrer schon etwas geöffnet hatte, wieder geschlossen. Still, blaß, mit fest zusammengepreßten Lippen hörte er die gütigen Worte an. Er klagte nicht, er sprach den Namen seiner Gegner gar nicht aus, nur als der Pfarrer ihn entließ, drehte sich Raoul plötzlich auf der Schwelle wieder um, kehrte zurück und küßte rasch, wie bittend, die Hand des alten Mannes, und ein paar Sekunden sahen die beiden sich an. »Mein Junge, mein armer Junge!« rief der Pfarrer tief bewegt und zog Raoul an sich, denn ein so wilder Schmerz hatte ihm aus den dunklen Augen entgegengeblickt, daß er fühlte, hier war ein Leid, das über den Kummer eines Kindes hinausging. Es darf nicht so weiter gehen, dachte er, sonst geht an kindischem Trotz, an unvernünftiger Torheit eine junge Seele zugrunde. —
Gottliebe merkte nichts von der neuen Kränkung, die dem Freunde widerfahren war, sie hatte sich für den Nachmittag etwas ausgesonnen, was sie ganz allein ausführen wollte. Niemand im Hause ahnte etwas von dem Tugendbund, der allwöchentlich zweimal in einem kleinen Freundschaftstempel am Parkende tagte. Pfarrer Buschmann pflegte um die Nachmittagszeit in das Dorf zu wandern, und den andern fiel es nicht auf, daß die Kinder in den Freundschaftstempel gingen. Die beiden Berkows und Oswald Hippel, der Sohn des Marienfelder Amtmannes, der auch in den Bund eingetreten war, kamen auf heimlichen Waldwegen und fanden dies heimliche Kommen ungemein romantisch.
Seit ihrem stürmischen Austritt hatte Gottliebe kein Wort mehr über den Tugendbund von den Geschwistern gehört; sie war zu stolz und trotzig, um darnach zu fragen, aber sie war die einzige, die die heimlichen Zusammenkünfte merkte. Deshalb war sie auch brennend neugierig, einmal dabei zu sein, und so beschloß sie, es heimlich zu tun. Und dieser Nachmittag erschien ihr wundervoll geeignet, ihren Plan auszuführen.
Im Schatten hochstämmiger Ulmen lag am Ende des Gartens der Freundschaftstempel. Er war von einem Urgroßvater der Kinder erbaut, und manch heiteres Fest war einst darin gefeiert worden. Die Wände des Tempels waren mit Malereien bedeckt. Da wandelten zierliche Schäferinnen in Reifrock und hoher gepuderter Frisur einher und führten weiße Lämmchen an rosenfarbenen Bändern. Wohl waren die Malereien zum Teil zerstört, aber die Kinder betrachteten immer wieder die anmutigen Bilder mit neuem Entzücken. Über dem Eingang standen, ein wenig verwischt zwar, aber noch leserlich, die Worte:
Gartengeräte und allerlei altes Gerümpel wurden in dem Tempelchen aufbewahrt, das von den Erwachsenen nur selten noch betreten wurde, denn die ernste Gegenwart hatte keine Zeit mehr für die lustigen Gartengesellschaften vergangener Tage.
In ein dickes, graues Tuch gehüllt, huschte Gottliebe an diesem Nachmittag durch den Gartenausgang des Schlosses hinaus und eilte nach dem Tempelchen. So sehr war das lebhafte Jüngferlein von ihrem Vorhaben erfüllt, daß sie nicht merkte, wie Raoul den Versuch machte, mit ihr zu sprechen. Er hatte an der Haustüre auf sie gewartet, nun sie so rasch davonlief, kehrte er still und traurig in das Haus zurück. Sie purzelte fast hin vor Eile, und im Tempelchen angekommen, versteckte sie sich eilig hinter einer im Winkel stehenden mächtigen Wassertonne und kicherte übermütig vor sich hin, als nach einer Weile die Geschwister mit den Freunden den Raum betraten. Gottliebe lauschte gespannt, aber irgend etwas Neues, etwas Besonderes hörte sie nicht. Die Berkows, besonders Fritz, hielten wilde Reden gegen den Feind, und Karoline und Gottlobe, die auf einer umgestürzten Schiebkarre saßen, quietschten manchmal laut auf, wenn einer der Knaben gar zu heftige Worte sagte. Joachim saß schweigend und finster da, er schien kaum zuzuhören. Gottliebe konnte gerade sein Gesicht sehen, und sie dachte: Ihm ist die Geschichte nicht recht. Doch sie hatte die Gedanken des Bruders nur halb erraten: der Auftritt des Morgens, des Pfarrers Worte hallten in ihm nach, und noch törichter, kindischer als sonst fand er der Freunde Reden. »Es ist langweilig, albern!« sagte er plötzlich hart.
In diesem Augenblick hörte Gottliebe neben sich ein Knistern, sie sah auf und erblickte auf dem Deckel der Wassertonne — eine Ratte, die dort vergnügt auf und ab spazierte. Vor Ratten und Mäusen aber hatte Gottliebe eine schreckliche Furcht, und voller Grauen sah sie auf das Tierchen, dem es ganz behaglich zu sein schien.
Ich darf nicht schreien, dachte sie und preßte ihr Tuch fest vor den Mund; ach, wäre ich doch nur erst draußen! Die Ratte lief hin und her, dann versuchte sie an der Außenwand der Tonne herunterzuklettern.
»Sie kommt, sie kommt!« Gottliebe kroch immer mehr auf ihrem Platz zusammen. »Der dumme Tugendbund,« schalt sie wütend, »wäre ich nur nicht hierher gekommen!« Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, und sie bebte vor Furcht: das wildeste Raubtier der Wüste hätte ihr keinen größeren Schrecken einjagen können. »Wenn sie mir ins Gesicht springt, sich in meine Haare verwickelt, wenn — wenn —« Tausend Fährnisse fielen ihr ein, und ihre Augen ruhten immer starrer, immer entsetzter auf dem Tiere, das sein Dasein ganz behaglich zu finden schien. Das lief nach rechts, nach links, und auf einmal schien es sich nach Abwechslung zu sehnen. Plumps, sprang es von der Tonne herunter, und Gottlobe und Karoline kreischten. »Hier sind Mäuse!«
»Nein, Ratten!« brüllte Gottliebe, der plötzlich die Ratte auf den Schoß hopste. Mit einem gellenden Schrei sprang sie auf und stieß an die Wassertonne, die ins Wanken geriet, und es rasselte und polterte laut. An den erschrockenen Tugendbundgenossen vorbei raste Gottliebe und stürmte in den Garten hinaus. Draußen stieß sie unversehens an eine dunkle Gestalt an; ein unterdrückter Aufschrei wurde laut, und kollernd wälzte sich ein Mann auf dem Rasen.
Verdutzt blieb Gottliebe einige Sekunden stehen, der Mann richtete sich auf, und das Mädchen erkannte in ihm einen ehemaligen Gärtner, den der Hofverwalter vor einiger Zeit wegen Untreue entlassen hatte. »Ach gnädigstes Fräulein,« stammelte der Mann, »ich wollte — ich dachte —!«
Da kamen die Tugendbündler schon aus dem Tempelchen heraus. Blitzschnell entschwand der Mann in dem nahen Gebüsch, dort duckte er sich nieder, und Gottliebe raste, von den andern verfolgt, dem Hause zu. »Haltet die Spionin, haltet sie auf!« schrie Joachim dicht hinter ihr.
Doch auf einmal stutzten alle und drängten verlegen rückwärts, — Raoul stand vor ihnen. Er hielt Gottliebe fest, trotzdem sie flehte: »Laß mich los, die andern — und in der Regentonne ist — die Ratte auf mich gehopst.« Der Knabe achtete gar nicht auf die verwirrte Rede. »Bleibt,« sagte er schroff, aber leise, »ich glaube, ihr seid verraten. Der Rentamtmann, Liebe, von dem du gestern gesagt hast, er haßt deinen Vater, ist bei ihm, ich sah ihn kommen. Ein Mann ist mit ihm gewesen, der lief nach dem Park, und ich sah von meinem Fenster aus, wie er an der Türe des Tempelchens horchte!« Kurz, stoßweise hatte der Knabe die Worte hervorgebracht, sie waren ihm sichtlich schwer geworden, aber plötzlich warf er einen schnellen Blick in das Dickicht neben dem Weg, rief nur noch: »Haltet ihn!« und setzte einem davoneilenden Manne nach.
»Er ist's,« rief Liebe, und einige Sekunden später raste auch sie dem Lauscher nach.
Doch Raoul hatte ihn schon gefaßt, und blitzschnell ersah er ein kleines, grünes Buch in seiner Hand. Von dem Buche hatte doch Gottliebe gesprochen. Mit einem Ruck entriß er es dem Manne, der wollte es wieder an sich reißen und versetzte Raoul einen Faustschlag, aber schon hatten die vier andern Knaben die beiden umringt, und der Lauscher dachte nur noch daran, sich in Sicherheit zu bringen. Er war ein starker Mann und warf erst Arnold, dann Fritz von Berkow in den Schnee, und ehe noch Joachim ihn halten konnte, war er fort und über die Gartenmauer gesprungen.
Wenige Minuten nur hatte das Schreien und Toben den Garten durchgellt, dann war eine tiefe Stille eingetreten, und die Verschwörer sahen alle verlegen, beschämt und ruhig auf Raoul, dem das Blut aus der Nase rann, — der Faustschlag hatte gut getroffen.
Gottliebe fand zuerst Worte. »Er blutet,« jammerte sie und hielt dem Vetter gleich hilfbereit die Schürze hin.
»Es ist nicht schlimm,« sagte der, »hier ist das Buch!« Er warf Joachim das Buch zu, drehte sich um und eilte in das Haus zurück. Er lief dort gerade Frau Maria in die Arme, die von dem Lärm herbeigelockt worden war und sich nun erschrocken liebevoll des Neffen annahm. Als sie beide durch den Hausflur gingen, schlüpfte ihnen Gottliebe nach, und alle drei hörten aus des Hausherrn Zimmer heraus heftige Stimmen klingen. Gottliebe schaute so entsetzt zur Mutter auf, daß diese sagte: »Es ist nicht schlimm: der Rentamtmann hat allerlei Klagen, brauchst keine Sorgen zu haben!«
Gottliebe atmete auf, aber dann dachte sie wieder an den entlassenen Gärtnerburschen, der das Buch gefunden hatte, und Raoul mußte von den gleichen Gedanken bewegt werden; er beugte sich vor und flüsterte so leise, daß es die Tante nicht hören konnte: »Sie sollten es verbrennen!«
»Lauf mal in die Küche und sage Jungfer Rosalie, sie solle Leinwand und Essig bringen,« gebot Frau Maria da, und eilig lief Gottliebe, den Auftrag auszurichten. Atemlos bestellte sie der Jungfer Rosalie, was die Mutter gesagt hatte, und just war sie fertig, als Joachim mit seinen langen Beinen durch das offene Fenster in die zu ebener Erde liegende Küche einstieg und zu Jungfer Rosalies grenzenlosem Erstaunen ein grünes Etwas in das hellbrennende Feuer warf.
»Na?« rief die treue Hüterin der Küche verdutzt.
»Ja,« brummte Joachim nicht minder lakonisch und starrte in die Flammen. Das Büchlein wandte und drehte sich, es sperrte seine Deckel weit auseinander, und dann — war es zu einem Häuflein glühender Asche verwandelt.
Gottliebe hatte mit der gleichen gespannten Aufmerksamkeit zugesehen, und als nichts mehr von dem unseligen Buch zu sehen war, schaute sie zu dem Bruder auf, und sekundenlang blickten die Geschwister sich wie befreit an. »Es war dumm,« murmelte Joachim und stieg dann eilig wieder zum Fenster hinaus, um den ziemlich verwirrten und verängstigten Tugendbündlern zu melden, daß das Werk vollbracht sei.
Gottliebe kehrte zur Mutter zurück. Sie sollte Raoul pflegen helfen. Es gab aber nicht viel zu pflegen, der Knabe bat nur, man möchte ihn allein lassen, schlafen lassen, er sei so müde. Und weil er so blaß aussah und jedes Wort ihm schwer zu fallen schien, willfahrte Frau Maria gern dem Wunsch und ließ den Neffen allein. Einigemal noch sah sie an dem Nachmittag in das Stübchen, und immer fand sie Raoul anscheinend in tiefem, festem Schlafe liegen. Still, wie sie gekommen war, verließ sie wieder das Zimmer und ahnte nicht, welche schwere, unruhige Gedanken den Knaben bewegten, wie er rang, um den rechten Weg für sein Tun zu finden.
»Der Raoul ist doch ein anständiger Kerl! Brav, wie er uns geholfen hat! Aber Liebe ist eine Klatschbase und Horcherin,« hatte Arnold von Berkow im Kreise der Tugendbündler erklärt, die noch immer mitten im Schnee des Parkes standen und gar nicht wußten, was sie beginnen sollten.
»Sie war vernünftiger als wir,« grollte Joachim. »Wißt ihr,« wandte er sich an die Freunde, »ihr geht nach Hause, und ich begleite euch. Vielleicht ist es jetzt am besten, wir sind nicht zu finden.«
Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen, die Mädels meinten, sie wollten in das Dorf gehen und einen Krankenbesuch machen, und die Knaben schlugen im Geschwindschritt den Heimweg an. Joachim ging eigentlich nur mit, weil er eine Frage des Vaters fürchtete. Zu feige, eine Schuld zu leugnen, war er nicht, aber es trieb ihn hinaus, weil Raoul im Hause war, Raoul, dem er so schweres Unrecht zugefügt hatte. Er fühlte, er mußte den Vetter um Verzeihung bitten, das war seine Pflicht, aber der harte Steinbergtrotz in ihm lehnte sich noch immer gegen die Demütigung auf. »Ich hasse ihn,« dachte er, und dabei sah er immer noch das blasse, blutige Gesicht vor sich, die schönen, traurigen Augen, und er fühlte dumpf und unklar, daß auch sein Haß nur Trotz war.
Schweigsam schritt er neben den Freunden hin, die noch laut und aufgeregt den Fall besprachen, und was hätte geschehen können, wenn das Buch mit all den wilden Schmähworten wirklich in die Hände des Gärtnerburschen gefallen wäre. »Es wäre uns schlimm ergangen,« meinte Fritz von Berkow kleinlaut, und Oswald Hippel rief immer wieder in ehrlicher Selbsterkenntnis: »Eigentlich war's doch eine dämliche Kinderei!«
Als Joachim von den Freunden Abschied nahm, bat Arnold: »Grüße Raoul. Ich sag's ihm morgen, daß mir die Geschichte leid tut.«
»Morgen, morgen ist Zeit genug,« dachte Joachim, »ja, morgen, da will ich's ihm auch sagen.« Und als er heimkam, atmete er erleichtert auf, als er hörte, daß Raoul schlief, da rückte doch auch die bittere Stunde für ihn in die Ferne.
Gottliebe hatte den Geschwistern gleich mitgeteilt, was die Mutter von dem Besuch des Rentamtmannes gesagt hatte, also wußte der Vater nichts davon, und der Sturm war an ihnen vorübergebraust. Sie hatten aber doch sein Sausen gehört, und sie saßen alle wie Vögel nach einem Gewittersturm am Abend am Familientisch. Auch Liebe war niedergeschlagen, obgleich weder Bruder noch Schwester und Base sie um des Horchens willen geneckt hatten. Zwischen ihnen waren auf einmal alle bitteren Worte vergessen, die gemeinsame Angst hatte sie wieder vereinigt.
Der Eltern Augen aber ruhten forschend auf den Kindern, und der Großmutter Blick haftete immer an Raouls leerem Platz. Nach dem Abendessen, als Jungfer Rosalie und der Vogt, die nach altem Brauch am Herrentisch aßen, gegangen waren, rief Herr von Steinberg: »Kinder bleibt! Joachim, erzähl' mal, wer hat Raoul geschlagen?«
»Der Jakeit,« gab Joachim zur Antwort, während eine heiße Röte über sein Gesicht lief, lügen konnte er nicht.
»Der Jakeit?« fragte der Vater erstaunt, »wie kam er dazu? wo war er?«
»Er trieb sich — im Park herum. Wir wollten ihn halten, da schlug er Raoul, warf Arnold und Fritz hin und riß aus!«
»Wie ist der Jakeit wieder in den Park gekommen?«
»Jungfer Rosalie sagt, er wäre als Begleiter des Rentamtmannes gekommen,« mischte sich Frau Maria ein.
»Was steckt aber dahinter? Ihr seid so verstört!« fragte die Großmutter scharf, und ihre Augen suchten prüfend die Gesichter der Enkelkinder. Die schwiegen, eins sah das andere an, sie wurden alle rot und wagten doch nichts zu sagen.
»Wieder ein Streit mit Raoul!« rief Pfarrer Buschmann traurig. »Wie junge Raben hacken sie auf den armen Burschen ein, es ist kein Vertragen, keine Liebe zwischen ihnen.«
»Die andere Art!« Die Kammerherrin murmelte es nur leise, aber Frau Maria hatte das Wort vernommen, und sie sagte sanft: »Und Raoul ist doch ein Steinberg, ist manchmal ganz sein Vater, so wie mir Georg-Wilhelm in der Erinnerung lebt, nur weicher, ernster, verschlossener ist er. Ich denke immer, wir tun allesamt dem armen Jungen unrecht und bringen ihm nicht genug Liebe entgegen!«
»Bei Gott, Maria,« rief der Freiherr, »du hast recht. Ein echter Steinberg ist der Raoul, und wir haben ihn alle verkannt. Hört, was ich heute erfahren habe.« Und bewegt erzählte er, daß Graf Turaillon an ihn geschrieben und ihm mitgeteilt habe, daß Raoul damals in Leipzig unauffindbar gewesen wäre. Bäckermeister Käsmodel hätte erklärt, auf Wunsch seiner Mutter hätte der Knabe sich zu den Verwandten seines Vaters begeben. Noch einmal bot der Graf dem Neffen an, er wolle ihn zum einzigen Erben seiner Reichtümer einsetzen, und bat den Freiherrn, der doch Kinder hatte, ihm den Knaben auszuliefern. »Darum ist der Junge damals so eilig gekommen! Er hat uns gewählt, hat sich zu uns Steinbergs gehalten,« rief der Vater, »aber er mag wohl nicht das rechte Zutrauen haben fassen können, sonst hätte er uns alles erzählt.«
»Jetzt versteh' ich's,« rief Liebe plötzlich und wurde dann namenlos verlegen, weil es nicht Sitte war, daß eins der Kinder ungefragt sich in das Gespräch der Erwachsenen einmischte.
Doch diesmal blieb ihre Vorwitzigkeit ungerügt, und der Vater fragte: »Was verstehst du jetzt?«
»Karl Wagners Brief,« stammelte Liebe, und dann erzählte sie sehr geschwinde, sehr kraus mit allerlei Abschweifungen, wer Karl Wagner sei, was er geschrieben habe, und daß Raoul nichts mehr von seinen Freunden sagen wollte, weil — weil — hier stockte sie und fuhr dann fort, tapfer die Schuld der Geschwister mit auf ihre Schultern nehmend, »wir so über den komischen Namen und die Bäckersleute gelacht haben. Aber sie sind gewiß alle gut, und sie können alle Napoleon nicht leiden, und Gottlieb singt immer: Warte, warte, Bonaparte, und —« Gottliebe mußte einmal nach Luft schnappen, die Rede war zu lang und eilig gewesen, und sanft strich die Mutter, neben der sie saß, über das heiße Gesicht des Kindes. »Wir haben Raoul wohl alle nicht verstanden, haben uns beeinflussen lassen, weil — seine Mutter eine Französin gewesen ist!«
»Ach, und sie muß himmlisch gut gewesen sein, und Hauben hat sie genäht, und Raoul hat sie so viel von der Großmutter und unserem Vater erzählt.« Wieder rügte an diesem Abend niemand Gottliebes lebhaften Zwischenruf, und wieder strich die Mutter liebkosend die blühende Wange ihres Kindes und dachte still: Du gutes Herzlein, du!
»Wer gefehlt hat, soll trachten, es gut zu machen, damit Raoul in diesem Hause auch die Heimat findet, die er gesucht hat,« sagte der Freiherr ernst, tauschte einen Blick mit seiner Mutter und sah dann auf Joachim. Der senkte den Kopf. Morgen, morgen, klang's in ihm.
Nachher ging Frau Maria noch einmal in des Neffen Zimmer, und da lag der still und gab keine Antwort auf den leisen Ruf. Morgen, morgen, dachte auch die Frau und klinkte die Türe ein und ermahnte dann ihre Kinder: »Geht leise, stört Raoul nicht, er schläft.«
»Wie dumm,« seufzte Gottliebe, »nun muß ich bis morgen warten, um ihm alles zu erzählen. Warum muß er auch heute so müde sein!«