Das neutrale Gebiet der schönen Literatur und des Theaters, auf dem die Moral nichts zu sagen hatte; wo sich die Menschen nackt in grünen Hainen trafen, um das Tier mit den beiden Rücken zu spielen; wo man Gott und sein heiliges Evangelium verleugnen; wo man, wie in „Ritter Blaubart‟, auf höchsten Befehl die Königlichkeit zum Narren halten konnte; diese Unwirklichkeiten der Dichtung mit ihrer Wiederherstellung einer Welt, die besser ist als die vorhandene — wurde von dem Jüngling als etwas mehr als Dichtung aufgefaßt. Bald verwechselte er Dichtung und Wirklichkeit; bildete sich ein, das Leben außerhalb seines Elternhauses, also seine Zukunft, sei ein solcher Lustgarten. Besonders das nächste Paradies, die Universität Upsala, begann ihm jetzt vor Augen zu schweben als die Stätte der Freiheit. Dort konnte man schlecht gekleidet gehen, arm sein und doch zu den Studenten, das heißt zur Oberklasse, gehören. Dort durfte man singen und trinken, berauscht nach Hause kommen, sich mit der Polizei herumschlagen, ohne sein Ansehen zu verlieren. Das war das Idealland.
Wer hatte ihn das gelehrt? Wennerbergs „Burschen‟, die er jetzt mit seinem Bruder sang. Aber er wußte nicht, daß die „Burschen‟ die Sache vom Gesichtspunkt der Oberklasse aus sehen; daß diese Lieder Stück für Stück entstanden, um von Prinzen und künftigen Königen gehört zu werden; daß die Helden von Familie waren. Er dachte nicht daran, daß Pumpen nicht so gefährlich ist, wenn eine Tante im Hintergrund lebt; die Prüfung nicht so streng, wenn man den Bischof zum Oheim hat; das Einschlagen von Fensterscheiben nicht so teuer, wenn man in guter Gesellschaft ist.
Jedenfalls, die Zukunft begann ihn zu beschäftigen; ihm war die Hoffnung auf eine Zukunft wiedergekommen; das verhängnisvolle fünfundzwanzigste Jahr wirkte nicht mehr so erschreckend. Das hatte seinen Grund darin, daß die Schuldirektionen Maßregeln getroffen hatten, um sich über den Sittlichkeitszustand in den Schulen der Hauptstadt zu unterrichten. Der Bericht wurde in den Abendzeitungen gedruckt. Das kam Johan zu Ohren. Die Untersuchung hatte erwiesen, daß die meisten Knaben und die meisten Mädchen einem Laster verfallen waren, das der gefährlichste Feind der Jugend war. Also konnte man in guter und zahlreicher Gesellschaft in den Himmel eingehen! Er war nicht allein ein Sünder! Dazu kam, daß man in der Schule offen von der Sache sprach, als gehöre sie zur Vergangenheit eines jeden; und zwar sprach man nicht ernsthaft und gewichtig davon, sondern in Anekdotenform. Johan wurde es nun klar, daß es keine geschlechtliche Krankheit ist, sondern daß diese nur entstehen konnten, wenn man mit einer Frau verkehrt hatte. Er war jetzt beruhigt, zumal sich keine üblen Folgen gezeigt hatten. Seine Gedanken waren mit Arbeiten beschäftigt oder mit unschuldigen Flammen für reine Mädchen, welche die Bleichsucht hatten.
Zu dieser Zeit blühte die Scharfschützenbewegung. Das war ein schöner Gedanke, der Schweden ein Heer gab, das größer war als das stehende Heer: 40 000 gegen 37 000.
Johan trat als Aktiver ein, erhielt Uniform, machte sich Bewegung, lernte schießen. Aber er kam auch in Berührung mit jungen Leuten aus andern Klassen der Gesellschaft. In seiner Kompagnie waren Handwerkergesellen, Ladenburschen, Kontoristen, jüngere Schauspieler ohne Namen. Die waren ihm sympathisch, aber fremd. Er suchte sich ihnen zu nähern, aber sie nahmen ihn nicht auf. Sie sprachen ihr Argot, die Sprache ihres Kreises, die er nicht verstand. Jetzt merkte er, wie die Bildung ihn von den Kameraden seiner Kindheit getrennt hatte, und er wurde verschlossen. Von vorneherein galt er für hochmütig. Aber er sah im Gegenteil in gewisser Hinsicht zu ihnen auf. Sie waren naiv, furchtlos, selbständig, wirtschaftlich besser gestellt als er, denn sie hatten immer Geld.
Das Gefühl, auf langen Märschen im Trupp zu gehen, hatte etwas Beruhigendes für ihn. Er war nicht zum Befehlen geboren und gehorchte gern, wenn er nur nicht Übermut und Herrschsucht im Befehlen merkte. Er sehnte sich nicht danach, Korporal zu werden; dann mußte er für die andern denken und, was schlimmer war, beschließen. Er blieb Sklave aus Natur und Neigung, empfand aber die Unbefugtheit des Tyrannen und bewachte ihn genau.
Bei einem größeren Manöver konnte er seine Ansicht über gewisse Sonderbarkeiten nicht unterdrücken. Die Infanterie der Garde hielt bei einer Landung den Kanonen der Flotte stand, welche die Prahme bedeckten, auf denen Johan war. Die Kanonen spielten auf einige Klafter Entfernung den Gardisten mitten ins Gesicht; die blieben aber dennoch stehen. Sie gehorchten wohl, sie auch, ohne zu begreifen. Johan schimpfte und fluchte, aber er gehorchte, denn er hatte sich zum Gehorchen verpflichtet.
Während einer Rast auf Tyresö im Stockholmer Inselmeer rang er aus Scherz mit einem Kameraden. Der Kompagniechef trat dazwischen und verbot etwas barsch das Ringen. Johan antwortete scharf, es sei jetzt Rast, und sie spielten nur.
— Aber das Spiel kann ernst werden.
— Das kommt auf uns an! antwortete er und gehorchte.
Aber er fand es frech vom Chef, sich in solche Einzelheiten zu mischen. Ein gewisser Unwille des Vorgesetzten verfolgte ihn seitdem. Der wurde Doktor genannt, weil er für Zeitungen schrieb; aber er war nicht einmal Student. Da haben wir's, dachte Johan; er will mich ducken. Und jetzt bewachte er ihn. Die Abneigung dauerte auf beiden Seiten das Leben hindurch.
Die Scharfschützenbewegung war zunächst vom deutsch-dänischen Krieg hervorgerufen worden und hatte einen gewissen Nutzen, wenn sie auch vorübergehend war. Sie machte der Jugend Vergnügen und nahm dem Militär etwas von seinem allzu hohen Ansehen, da die unteren Klassen jetzt sahen, daß es nicht so schwer ist, Soldat zu spielen. Später war diese Einsicht Ursache, daß man gegen die preußische Wehrpflicht stimmte, für deren Einführung viel agitiert wurde, seit König Oscar II. in Berlin Kaiser Wilhelm I. gegenüber die Hoffnung ausgesprochen, die schwedischen und preußischen Truppen würden noch einmal Waffengenossen werden.
Ein kühner Traum war ihm in Erfüllung gegangen: er hatte eine Stellung für den Sommer erhalten. Warum nicht früher? Er hatte es nicht zu hoffen gewagt; also sich nicht darum bemüht. Was er recht lebhaft wünschte, danach wagte er nicht die Hände auszustrecken, aus Furcht, eine Enttäuschung zu erleben. Eine vereitelte Hoffnung war das schwerste, was er sich denken konnte. Jetzt aber schüttete das Glück auf einmal sein ganzes Füllhorn über ihn aus: die Stellung war in einem vornehmen Hause, das in der schönsten Natur lag, die er kannte: im Stockholmer Inselmeer; und zwar in der poetischesten Gegend des ganzen Inselmeers: Sotaskär hieß sie.
Er liebte jetzt die Vornehmen. Die Stiefmutter hatte ihn schlecht behandelt; die Verwandten standen immer auf der Lauer, Hochmut bei ihm zu entdecken, wo nur überlegener Verstand, Edelmut und Opferwilligkeit war; die Kameraden bei den Scharfschützen hatten sich bemüht, ihn zu ducken: all das hatte ihn von der Klasse verjagt, aus der er gekommen war; er dachte nicht mehr wie sie, fühlte nicht mehr wie sie; hatte eine andere Religion, andere Begriffe vom Leben. Seinen Schönheitssinn hatte das maßvolle Wesen der vornehmen Kameraden, ihre harmonische Art und ihr sicheres Auftreten angesprochen; er fühlte sich ihnen durch seine Erziehung näher und der Unterklasse ferner. Ihm schienen die Vornehmen nicht so hochmütig wie die Bürgerlichen zu sein; sie räkelten sich nicht, traten andere nicht; schätzten Bildung und Talent; sie waren in gewisser Weise, da sie ihn als ihresgleichen aufnahmen, demokratischer gegen ihn als seine Verwandten, die ihn wie einen recht Untergeordneten, Unterlegenen behandelten.
Fritz zum Beispiel, der ein Müllersohn vom Lande war, wurde beim Kammerherrn empfangen und spielte mit den Söhnen Komödie vor dem Direktor des Königlichen Theaters, der ihm Engagement anbot: niemand fragte, was sein Vater gewesen sei. Als Fritz aber einmal in Johans Elternhaus auf Ball war, wurde er von vorn und hinten untersucht; und mit großem Vergnügen hatte ein Verwandter auskundschaftet, Fritzens Vater sei zuerst nur Müllerknecht gewesen.
Johan war Aristokrat geworden, ohne seine Sympathien für die Unterklasse aufzugeben. Und da der Adel um 1865 sehr liberal war, herablassend und augenblicklich volkstümlich, wurde er getäuscht. Er begriff nicht, daß die, welche einmal oben waren, andere nicht mehr zu treten brauchten; daß die, welche auf der Höhe saßen, herablassend sein konnten, ohne herabzusteigen. Er sah nicht ein, daß die, welche unten waren, sich von denen, die an ihnen vorbei und hinaufsteigen wollten, getreten fühlten; daß die, welche keine Aussicht hatten, hinaufzukommen, nur den Trost besaßen, die herunterzuholen, die oben oder auf dem Wege dorthin waren. Das war ja das Gesetz des Gleichgewichts, das er noch nicht eingesehen hatte. Er war entzückt, zu den Vornehmen zu kommen.
Fritz gab ihm Vorschriften, wie er sich zu benehmen habe. Man solle nicht kriechen, nur bescheiden sein; nicht alles sagen, was man denke, denn das verlange niemand zu wissen; könne man Artigkeiten sagen, ohne grob zu schmeicheln, sei es gut; konversieren, aber nicht räsonnieren, vor allem nicht disputieren, denn recht bekomme man doch nicht. War das ein kluger Jüngling! Johan fand ihn entsetzlich, verbarg das Wort aber in seinem Herzen. Was er gewinnen konnte, war eine akademische Stellung, vielleicht eine Reise ins Ausland, nach Rom oder Paris, mit den Schülern. Das war das höchste, was er von den Vornehmen verlangte. Das hielt er für sein Glück, und nach diesem Glück wollte er jetzt jagen.
Er machte seinen ersten Besuch bei der Baronin an einem Sonntagnachmittag, als sie in der Stadt war. Sie glich dem alten Porträt einer Dame mittleren Alters. Adlernase, große braune Augen, das Haar über die Schläfen gekräuselt. Sie war elegisch, hatte einen schleppenden Ton, sprach etwas durch die Nase. Johan fand nicht, daß sie fein aussah, und die Wohnung war dürftiger als sein Elternhaus. Aber sie hatten ja das Herrenhaus, das Schloß, auf dem Lande. Sie gefiel ihm jedoch, denn sie hatte einen Zug, der ihn an seine Mutter erinnerte. Sie prüfte ihn, sprach mit ihm, ließ ihr Knäuel fallen. Johan sprang auf, nahm das Knäuel, aber gab es mit einer Miene zurück, die selbstzufrieden sagte: das kann ich, denn ich habe schon viele Taschentücher für die Damen aufgehoben. Die Prüfung fiel zu seinem Vorteil aus, und er wurde angenommen.
Am Morgen des Tages, an dem sie aus der Stadt abfahren sollten, fand er sich in der Wohnung ein. Der Königliche Sekretär, so wurde der Hausherr genannt, stand in Hemdsärmeln vor dem Spiegel und band sein Halstuch. Er sah stolz und milzsüchtig aus, grüßte kurz und kalt. Johan nahm ungebeten einen Stuhl, versuchte die Unterhaltung zu beginnen; das gelang ihm aber nicht, weil der Sekretär ihm den Rücken drehte und kurz antwortete.
— Das ist kein Vornehmer, dachte Johan; das ist ein Knoten!
Und sie waren einander antipathisch als zwei aus der Unterklasse, von denen jeder scheel auf das Hinaufklettern des andern sah.
Der Wagen stand vor der Tür. Der Kutscher hatte Livree an und grüßte mit der Mütze in der Hand. Der Sekretär fragte Johan, ob er im Wagen oder auf dem Kutschbock sitzen wolle; jedoch in einem Ton, daß Johan beschloß, fein zu sein und die Einladung auf den Kutschbock zu verstehen. Er setzte sich also neben den Kutscher.
Als die Peitsche knallte und die Pferde anzogen, hatte Johan nur einen Gedanken: Fort von Haus! Hinaus in die Welt!
Beim ersten Gasthaus, wo sie rasteten, stieg Johan ab und trat ans Wagenfenster. Dort erkundigte er sich in einem leichten, verbindlichen, vielleicht etwas vertraulichen Ton nach dem Befinden der Herrschaft; erhielt aber von dem Herrn eine kurze scharfe Antwort, die jede weitere Annäherung abschnitt.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie saßen wieder auf. Johan steckte sich eine Zigarre an und bot auch dem Kutscher eine; der aber antwortete flüsternd, er dürfe auf dem Kutschbock nicht rauchen. Dann versuchte er den Kutscher auszufragen; erfuhr etwas über den Verkehr und dergleichen, aber nur wenig.
Gegen Abend langten sie auf dem Herrensitz an. Das Gebäude lag auf einem mit Bäumen bewachsenen Hügel und war ein weißes Steinhaus mit Markisen. Das Dach war flach, und dessen stumpfer Winkel gab dem Gebäude etwas Italienisches; aber diese rot- und weißgestreiften Markisen, das war wirklich etwas Feines.
Johan wurde in einen Flügel gewiesen, der aus einem besonderen Häuschen von zwei Zimmern bestand; in dem einen sollte er mit drei Knaben hausen, während das andere vom Kutscher bewohnt wurde.
Als er acht Tage auf dem Gut gewesen war, hatte Johan entdeckt, daß er ein Diener war, und zwar in einer recht unangenehmen Stellung. Der Knecht seines Vaters hatte ein besseres Zimmer, und vor allem ein eigenes Zimmer; der Knecht seines Vaters war doch einige Stunden am Tage Herr über seine Person und seine Gedanken; Johan nie. Nacht und Tag sollte er mit den Kindern zusammen sein, mit ihnen spielen, mit ihnen arbeiten, mit ihnen baden. Nahm er sich einen Augenblick Freiheit und jemand von der Herrschaft erblickte ihn, fragte man sofort: Wo sind die Kinder? Die Knaben pflegten nämlich zu den Instleuten zu laufen; dort durften sie sich aber nicht aufhalten, weil das Flüßchen dort vorbeifloß. Johan lebte in beständiger Unruhe, es könne etwas passieren. Er war für das Betragen von vier Personen verantwortlich: sein eigenes und das dreier Knaben. Wurden sie getadelt, bekam er etwas ab. In seinem Alter war niemand da, mit dem er sich hätte aussprechen können; keine jungen Leute. Der Inspektor hatte den ganzen Tag zu tun und war nie zu sehen.
Aber zweierlei entschädigte ihn: die Natur und die Freiheit vom Elternhause.
Die Baronin behandelte ihn vertraulicher, beinahe mütterlich; es unterhielt sie, mit ihm über Literatur zu sprechen. Da hatte er Augenblicke, in denen er sich durch seine Belesenheit ebenbürtig und überlegen fühlte; kam aber nur der Sekretär nach Haus, war er wieder Kindermädchen.
Die Landschaft des Inselmeers hatte für ihn einen größeren Reiz als die Ufer des Mälarsees, und die zauberischen Erinnerungen an Drottningholm und Vibyholm verblaßten. Das Jahr vorher war er bei einem Plänkeln mit den Scharfschützen bei Tyresö auf eine Höhe hinaufgekommen. Es war tiefer Fichtenwald. Zwischen Blaubeeren und Wacholder krochen sie, bis sie an eine steile Klippe kamen. Da öffnete sich plötzlich ein Gemälde, so entzückend, daß ihn fror. Meer und Inseln, Meer und Inseln, weit, weit, bis in Unendlichkeit. Er hatte, obwohl Stockholmer, das Inselmeer noch nie gesehen und wußte nicht, wo er sich befand. Dieses Gemälde machte einen solchen Eindruck auf ihn, als habe er ein Land wiedergefunden, das er in schönen Träumen gesehen, oder in einem früheren Dasein, an das er glaubte, von dem er aber nichts wußte.
Die Jägerkette zog sich nach der Seite in den Wald hinein, aber Johan saß auf der Klippe und betete an; das war das richtige Wort. Die feindliche Kette hatte sich genähert und gab Feuer; es sauste ihm um die Ohren; er verbarg sich; fortgehen konnte er nicht. Das war seine Landschaft, das wahre Milieu seiner Natur: Idyllen, arme, holperige Inseln aus Graustein, bedeckt mit Fichtenwald, auf große, stürmische Meeresflächen hinausgeworfen; und im Hintergrunde, in gehöriger Entfernung, das unendliche Meer.
Er blieb dieser Liebe auch treu, die nicht damit erklärt ist, daß sie die erste war. Weder die Alpen der Schweiz, noch die Olivenhügel des Mittelmeers, noch die Felsenküste der Normandie konnten sie verdrängen.
Jetzt war er in diesem Paradies, wenn auch etwas zu weit im Innern; die Ufer bei Sotaskär waren grüne, fette Weiden unter dem Schatten von Eichen, und das Meer öffnete sich nach Mysing zu, aber in weiter Entfernung. Das Wasser war rein und salzig; das war neu.
Während der Streifzüge mit Flinte, Hunden, Knaben kam er an einem sonnenhellen Tage an den Strand hinunter. Auf der andern Seite lag ein Schloß; ein großes, altmodisches Schloß aus Stein. Er hatte jetzt entdeckt, daß er nur auf einem Gute wohnte; daß sein Herr nicht adelig und nur Pächter war.
— Wer wohnt in diesem Schloß? fragte er die Knaben.
— Dort wohnt Onkel Wilhelm, antworteten die.
— Wie heißt der?
— Baron X.
— Besucht ihr denn den nicht?
— Doch, zuweilen.
Es gab also doch ein Schloß, mit einem Baron darin. Hm! Johans Spaziergänge schlugen seitdem fast regelmäßig die Richtung nach dem Strand ein, von wo er das Schloß sah. Es war von einem Park und einem großen Garten umgeben. Seine Herrschaft hatte keinen Garten. Dies war etwas anderes!
Eines Tages teilte ihm die Freiherrin mit, er solle am nächsten Tage die Knaben zu Barons begleiten; dort sollten sie den Tag über bleiben. Sie und der Herr Sekretär würden nicht mitfahren; er müsse also das Haus vertreten, fügte sie scherzend hinzu.
Er fragte nach seiner Toilette.
Er könne in seinem Sommeranzug hinfahren, aber den schwarzen Rock auf den Arm nehmen, um sich in dem kleinen Gobelinzimmer zu ebener Erde für das Mittagessen umzukleiden.
Gobelinzimmer? Hm! Müsse er vielleicht Handschuhe anziehen.
Sie lachte. Nein, behüte, keine Handschuhe.
Er träumte die ganze Nacht vom Baron, vom Schloß, vom Gobelinzimmer.
Am nächsten Morgen fuhr ein Leiterwagen auf den Hof, um die Jugend zu holen. Nein, den liebte er nicht; der erinnerte an den Küsterhof.
Sie fuhren ab. Kamen in eine große Lindenallee, fuhren auf den Hof, hielten vorm Schloß. Es war wirklich ein Schloß, wie aus Dahlbergs „Suecia‟, und es datierte von der Unionszeit. Aus einer Laube hörten sie die wohlbekannten Laute des Brettspiels. Und heraus trat ein Herr mittleren Alters in weitem Anzug aus Hanfleinen. Sein Gesicht war nicht vornehm, eher bürgerlich, und von einem graugelben Seemannsbart bedeckt. Er hatte auch Ohrringe.
Johan nahm den Hut in die Hand und stellte sich vor. Der Baron begrüßte ihn freundlich und bat ihn, in die Laube zu kommen. Dort stand ein Brettspiel, und da saß ein kleiner Greis, der einen Frühstücksschirm an der Mütze hatte und sehr entgegenkommend war. Er wurde vorgestellt als Rektor aus einer Kleinstadt. Johan bekam Kognak und mußte Neuigkeiten aus Stockholm erzählen. Er vertiefte sich in Theaterklatsch und dergleichen, und man hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu.
Da haben wir's, dachte er; die wirklich Vornehmen sind viel demokratischer als die nicht ganz Vornehmen.
— Verzeihen Sie, Herr..., sagte der Baron; wie war doch der Name? — Ja, so war es. Sind Sie mit Oskar verwandt?
— Das ist mein Vater!
— Ist das wirklich wahr? Das war ja mein alter Freund, als ich den Dampfer Strengnäs führte.
Was? Johan traute seinen Ohren nicht! Der Baron hatte einen Dampfer geführt? Ja, das hatte er.
Aber der Alte ging weiter und wollte Auskunft haben über Oskar und dessen Schicksal.
Johan sah das Schloß an und fragte sich, ob es auch der Baron selbst sei. Da kam die Baronin herunter. Die war ebenso einfach und freundlich wie der Baron.
Man läutete zum Essen.
— Jetzt wollen wir einen Schnaps trinken, sagte der Baron, kommen Sie.
Johan machte eine Volte im großen Flur und wollte den Gehrock hinter einer Tür anziehen; daraus wurde aber nichts. Er tat es doch, denn die Freiherrin hatte es gesagt.
Sie kamen in den großen Saal. Doch, es war ein richtiges Schloß. Steinfußboden; die Decke aus Holz geschnitzt; Fensternischen, tief wie kleine Zimmer; ein Kamin, in dem ein Klafter Holz Platz hatte; ein Klavier auf drei Füßen; eine Krone, deren Gläser so groß wie Pfefferkuchen waren; schwarze Porträts an den Wänden. Es war ganz, wie es sein sollte.
Das Essen war vorbei und Johan fühlte sich heimisch. Am Nachmittage spielte er Brett mit dem Baron und trank Grog. Alle Artigkeiten, die er sich ausgedacht, wurden eingestellt. Und als sein Tag zu Ende ging, war er sehr zufrieden damit.
In der großen Allee drehte er sich um und sah auf das Schloß zurück. Es sah jetzt nicht mehr so stattlich aus; beinahe dürftig. So paßte es besser für ihn, aber dieses Märchenschloß vom andern Ufer war schöner anzusehen. Jetzt hatte er nichts mehr, zu dem er hinaufsehen konnte. Aber er stand nicht mehr so tief unten. Vielleicht war es doch angenehmer, etwas dort oben zu haben, nach dem man gaffen konnte!
Als er nach Hause kam, wurde er von der Freiherrin ausgefragt.
— Wie finden Sie den Baron?
— Er ist nett und herablassend.
Johan war schon so klug, die Bekanntschaft mit dem Vater zu verschweigen. Das werden sie doch schon erfahren, dachte er. Ihm war jetzt etwas wärmer in den Kleidern, und er war nicht mehr so demütig.
Eines Tages lieh er sich ein Reitpferd vom Sekretär, ritt aber so wild, daß die Pferde beim nächsten Male nicht zu haben waren. Da schickte er einen Jungen von den Instleuten ins Kirchspiel, um ein Pferd zu mieten. Es war ein stolzes Gefühl, so hoch zu sitzen und dahin zu eilen; es war, als habe er eine neue Kraft bekommen.
Illusionen hatten sich zwar aufgelöst, aber es war doch angenehm, auf dem gleichen Niveau zu stehen, ohne daß man einen hatte herunterreißen müssen. Er schrieb an den Bruder nach Haus und prahlte. Bekam aber eine abweisende Antwort. Da er allein war und mit niemandem sprechen konnte, schrieb er ein Tagebuch an den Freund. Der hatte eine Stellung bei einem Kaufmann am Mälarsee gefunden, bei dem es Mädchen, Musik, Jugend und gutes Essen gab. Johan wünschte zuweilen an dessen Stelle zu sein; er hatte die Empfindung, als sei er in eine unglückliche Familie gekommen. Im Tagebuch suchte er die Wirklichkeit umzudichten, und es gelang ihm auch, den Neid des Freundes zu erregen.
Die Geschichte, daß der Baron Johans Vater kannte, verbreitete sich. Die Baronin glaubte schlecht von ihrem Bruder sprechen zu müssen. Johan hatte schon so viel Verstand, daß er einsah, hier lag etwas aus einem Majoratstrauerspiel vor. Da das ihn aber nichts anging, wollte er auch nicht danach forschen.
Bei einem Besuche im Pfarrhaus hörte der Unterpfarrer von Johans Plänen, Geistlicher zu werden. Da der Pfarrer aus Altersschwäche zu predigen aufgehört hatte, war sein Vertreter der einzige, der den Dienst versah. Und der fand die Arbeit so schwer, daß er nach jungen Studenten fahndete, die debütieren wollten. Er fragte Johan, ob er nicht einmal predigen möchte. — Aber er sei ja noch nicht Student. — Das tue nichts. — Hm! Er wolle es sich überlegen!
Der Unterpfarrer ließ nicht locker. Hier hätten schon so viele Studenten und Gymnasiasten gepredigt; ja, die Kirche habe einen gewissen Ruf, weil der berühmte Schauspieler Knut Almlöf dort in seiner Jugend gepredigt habe. — Menelaus? In der „Schönen Helena‟? — Eben der! — Das Evangelienbuch wurde aufgeschlagen, Postillen geliehen, und Johan versprach, sich am Freitag einzufinden, um die Predigt zu probieren.
Ein Jahr nach der Konfirmation sollte er also auf die Kanzel steigen und im Namen des Herrn sprechen; und die andern, sein Hausherr, die Baronin, die Mädchen, würden als andächtige, demütige Zuhörer dasitzen. Schon am Ziel, so schnell, ohne theologisches Examen, ja sogar ohne Studentenprüfung. Mantel und Kragen würde er leihen, das Stundenglas umkehren, Vaterunser beten, die Aufgebote vorlesen. Das stieg ihm zu Kopf; er wuchs um eine halbe Elle. Als er wieder nach Haus fuhr, war er überzeugt, daß er kein Knabe mehr sei.
Zu Hause aber erwachten die Bedenken. Er war ja Freidenker. War es ehrlich, zu heucheln? Nein, nein! Aber sollte er darum verzichten? Das war ein zu großes Opfer. Die Ehre winkte; vielleicht konnte er auch einige Samen freier Gedanken aussäen, die einst keimen würden. Ja, aber das war unehrlich! Er sah nämlich mit seiner alten Egoistenmoral auf die Absicht des Handelnden, nicht auf den Nutzen oder Schaden der Handlung. Es war nützlich für ihn, zu predigen, und es war nicht schädlich für andere, ein neues, wahres Wort zu hören: also... Aber es war nicht ehrlich! Er kam nicht davon los. So erleichterte er sein Gewissen bei der Baronin.
— Meinen Sie, der Geistliche glaubt an alles, was er sagt?
Das sei Sache des Geistlichen, er aber könne nicht.
Schließlich ritt er nach der Pfarre und bekannte kurz. Der Unterpfarrer war wenig erfreut, sein Vertrauen entgegennehmen zu müssen.
— Aber sie glauben doch wohl an Gott, in Jesu Namen!
— Ja, das tue ich gewiß!
— Nun, dann sprechen Sie nicht von Jesus. Bischof Wallin erwähnte niemals Jesu Namen in seinen Predigten. Aber berühren Sie den Punkt nicht; lassen Sie mich nichts davon wissen.
— Ich werde mein Bestes tun, sagte Johan, froh, seine Ehre gerettet zu haben!
Sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot, und die Sache war abgemacht.
Es war etwas, wie er mit seinem Tabak und seinen Postillen dasaß: als der Sekretär nach dem Hauslehrer fragte, antwortete die Magd:
— Der Herr Lehrer schreibt an seiner Predigt.
Er hatte den Text vor sich, über den er sprechen sollte. Es war der siebente Sonntag nach Trinitatis, und die Worte lauteten so:
„Jesus sagte: Jetzt ist des Menschen Sohn verkläret, und Gott ist verkläret in ihm. Ist nun Gott in ihm verkläret, so wird auch Gott ihn in sich selber verklären; und wird ihn bald verklären.‟
Das war alles. Johan drehte und wendete den Text, fand aber keinen Sinn darin. Das ist etwas dunkel, dachte er. Aber es berührte den empfindlichsten Punkt: Christi Gottheit. Wenn er sich nun ein Herz faßte und Christi Gottheit forterklärte, dann hätte er eine große Tat vollbracht. Die Aufgabe lockte ihn, und mit Parkers Hilfe dichtete er ein Loblied in Prosa über Christus als Sohn Gottes. Äußerst vorsichtig rückte er damit heraus, daß wir alle Gottes Söhne sind, Jesus aber, Gottes auserwählter lieber Sohn, an dem Gott ein besonderes Gefallen fand und dessen Lehren wir hören müssen.
Das war aber nur die Einleitung, und das Evangelium wurde ja nach der Einleitung vorgelesen. Worüber sollte er denn predigen? Jetzt hatte er sein Gewissen beschwichtigt, indem er seine Überzeugung von Christi Gottheit ausgesprochen. Das Fieber glühte, der Mut wuchs: er fühlte, daß er einen Beruf zu erfüllen habe. Er wollte das Schwert gegen die Dogmen ziehen, gegen Gnadenwahl und Pietismus. Das war eine Aufgabe.
Als er dann nach Verlesung des Textes sagen sollte: Auf Grund des verlesenen heiligen Textes wollen wir in dieser kurzen Stunde zum Thema der Betrachtung nehmen ... schrieb er: Da der Text des Tages uns zu weiteren Betrachtungen keine Veranlassung gibt, wollen wir in dieser kurzen Stunde ein Thema betrachten, das von größerer Bedeutung als etwas anderes ist... Dann betrachtete er Gottes Gnadenwerk in der Bekehrung.
Das waren zwei Angriffe: einer gegen die Textkommission, einer gegen die Lehre der Kirche von der Gnadenwahl.
Er sprach zuerst von der Bekehrung als von einer ernsten Sache, die ihre Opfer fordere und von dem freien Willen des Menschen abhänge. (Das war ihm nicht ganz klar.) Er berührte die Ordnung der Gnade und schlug schließlich die Tore des Himmelreichs für alle auf: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Zöllner und Sünder, Huren und Statthalter: alle sollten in den Himmel kommen! Sogar der Räuber hörte die frohe Botschaft: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Das war Jesu Evangelium für alle. Niemand solle glauben, die Schlüssel zum Himmel zu besitzen, und sich einbilden, allein ein Kind Gottes zu sein (das war für die Mucker!), sondern die Türen der Gnade ständen offen für alle, alle!
Er wurde jetzt ernst und fühlte sich wie ein Missionar.
Am Freitag fand er sich in der Kirche ein und las von der Kanzel herab einige Stellen aus der Predigt vor. Er wählte die unschuldigsten. Darauf wurden die Gebete wiederholt, während der Unterpfarrer unter der Orgel stand und „lauter, langsamer!‟ rief. Johan ward approbiert, und sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot.
Am Sonntag war die Kirche besetzt. Johan wurde in der Sakristei mit Mantel und Kragen angetan. Einen Augenblick fand er es lächerlich; dann aber kam die Angst über ihn. Er betete zu dem einzigen wahren Gott um Hilfe, da er jetzt für seine Sache das Schwert ziehen solle gegen tausendjährigen Irrtum. Als der letzte Laut der Orgel verklungen war, stieg er unbefangen auf die Kanzel hinauf.
Alles ging gut. Als er aber an die Stelle kam: „Da der Text des Tages uns keine Veranlassung zu weiteren Betrachtungen gibt‟, und er die vielen weißen Flecke, die Gesichter waren, sich unten in der Kirche bewegen sah, zitterte er. Aber nur einen Augenblick. Dann begann er, und mit ziemlich starker und sicherer Stimme las er seine Predigt vor.
Als er ans Ende kam, war er selber so gerührt über die schönen Lehren, die er verkündete, daß seine Tränen die Schrift auf dem Papier undeutlich machten.
Er atmete auf. Las alle Gebete, bis die Orgel wieder anfing; dann stieg er hinunter.
Da stand der Unterpfarrer und empfing ihn mit einem „Danke‟.
— Aber, aber, fügte er hinzu, es ist nicht gut, vom Text abzugehen. Wenn das Konsistorium das erfährt! Aber es hat wohl niemand gemerkt, wollen wir hoffen. Am Inhalt selbst war nichts auszusetzen.
Dann gab es ein Essen in der Pfarre. Man spielte mit Mädchen und es wurde getanzt. Johan war so etwas wie der Held des Tages.
— Das war eine sehr gute Predigt, sagten die Mädchen, sie war so kurz.
Er hatte zu schnell gelesen. Und dann hatte er ein Gebet übersprungen.
— Alle sind Kinder am Anfang, sagte der Unterpfarrer.
Im Herbst kehrte Johan mit den Knaben nach der Stadt zurück, um bei ihnen zu wohnen und die Aufgaben mit ihnen zu machen. Sie gingen in die Klaraschule. Wieder eine Strafarbeit. Dieselbe Klaraschule, derselbe Direktor, derselbe Lehrer in Latein. Johan arbeitete gewissenhaft mit den Knaben, überhörte sie und konnte darauf schwören, daß sie ihre Aufgaben gelernt hatten. Und doch kamen sie mit einem Tadel nach Haus, und in ihren Büchern las der Vater von soundsoviel Aufgaben, die sie nicht gekonnt.
— Das ist eine Lüge, sagte Johan.
— Es steht jedenfalls hier zu lesen, sagte der Vater.
Es war eine schwere Arbeit. Gleichzeitig bereitete er sich auf die Studentenprüfung vor.
Als die Weihnachsferien anfingen, fuhr man wieder aufs Land. Man saß am Kamin, knackte Nüsse auf, einen ganzen Sack, und las „Frithjofs Sage, Axel, Die Abendmahlskinder‟ von Tegnér. Die Abende waren lang und unerträglich. Johan aber entdeckte einen neuen Inspektor, der beinahe wie ein Knecht behandelt wurde. Das reizte Johan, mit ihm Bekanntschaft zu machen; auf dessen Zimmer brauten sie Punsch und spielten sie Karten.
Die Baronin sagte Johan tadelnd, der Inspektor sei keine Gesellschaft für ihn.
— Warum nicht?
— Er hat keine Bildung!
— Hm! Das ist nicht so gefährlich.
Sie sagte auch, es sei ihr angenehm, wenn der Hauslehrer abends die Gesellschaft der Familie wähle oder wenigstens sich im Zimmer der Knaben aufhalte. Er zog das letzte vor, denn oben war es dumpfig; auch war er es müde, vorzulesen und die Unterhaltung zu führen.
Er saß also auf dem Zimmer der Knaben, das zugleich das seine war. Der Inspektor kam dorthin und sie spielten ihre Partie. Die Knaben bettelten, mitspielen zu dürfen. Warum nicht? Johan hatte in seinem Elternhaus stets mit Vater und Brüdern Whist gespielt; dieses unschuldige Vergnügen wurde als Erziehungsmittel in Disziplin, Ordnung, Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit angewandt; um Geld hatte er nie gespielt. Mogeln wurde augenblicklich zurückgewiesen, unzeitiger Jubel über Gewinnen zum Schweigen gebracht, mißvergnügte Mienen über Verlieren verspottet.
Die Sache ging durch, ohne daß ein Tadel ausgesprochen wurde, denn die Herrschaft war zufrieden, daß die Knaben beschäftigt waren und ihnen nicht selbst zur Last fielen. Aber den Verkehr mit dem Inspektor liebten sie nicht. Im Sommer hatte Johan einmal aus seinen Schülern und den Knaben der Instleute eine Truppe gebildet, die er auf dem Felde übte. Sofort erging das Verbot, nicht mit den Kindern der Instleute zu verkehren.
— Jede Klasse soll für sich bleiben, sagte die Baronin.
Aber Johan konnte den Grund nicht verstehen, da der Klassenunterschied ja 1865 aufgehoben war!
Das Gewitter zog inzwischen auf und konnte jeden Augenblick losbrechen. Eine Kleinigkeit entzündete es.
Eines Morgens schlug der Herr des Hauses Lärm, weil seine Fahrhandschuhe fortgekommen seien. Er warf seinen Argwohn auf den ältesten Knaben. Der leugnete und beschuldigte den Inspektor: der habe auf einer Fahrt nach der Pfarre die Handschuhe benutzt.
Der Inspektor wird gerufen.
— Sie haben meine Fahrhandschuhe genommen; was soll das heißen?
— Nein, ich habe sie nicht genommen!
— Was sagen Sie? Hugo behauptet es!
Johan, der zugegen ist, tritt, ohne aufgefordert zu sein, vor und sagt:
— Hugo lügt. Er selbst hat sie genommen.
— Was sagen Sie?
Er gibt dem Inspektor einen Wink, zu gehen.
— Ich sage die Wahrheit!
— Wie können Sie sich unterstehen, meinen Sohn in Gegenwart eines Knechtes zu beschuldigen?
— Herr X. ist kein Knecht! Und übrigens ist er unschuldig!
— Ja, Sie sind unschuldig! Sie spielen Karten mit den Knaben und trinken mit ihnen! Das ist sauber!
— Warum haben Sie diesen Tadel nicht früher ausgesprochen? Dann hätten Sie erfahren, daß ich nicht mit den Knaben trinke!
— Verdammter Junge, was erlauben Sie sich!
— Sie können sich einen andern Jungen zum Hauslehrer für Ihre Jungen nehmen, da Sie so geizig sind, daß Sie keinen Erwachsenen nehmen wollen.
Damit ging Johan.
Am selben Tag mußten sie nach der Stadt fahren, da die Weihnachtsferien zu Ende waren. Nach Hause also, wieder nach Hause. Hals über Kopf zurück in die Hölle, wo er verhöhnt und geduckt werden würde; sieben Male schlimmer, seit er mit seiner neuen Stellung geprahlt und Vergleiche mit dem Elternhaus gezogen hatte. Er weinte vor Grimm, aber er konnte nach einer solchen Beschimpfung nicht wieder zurück.
Die Baronin schickte nach ihm. Er ließ sie warten. Darauf schickte sie noch einmal. Jetzt ging er mürrisch zu ihr hinauf. Sie war recht milde. Bat ihn, noch einige Tage zu bleiben, bis sie einen neuen Hauslehrer bekommen hätten. Er versprach, als sie dringend bat.
Die Baronin wollte mit den Knaben mitfahren.
Der Schlitten fuhr vor. Der Sekretär stand daneben und sagte:
— Sie können auf dem Kutschbock sitzen.
— Ich kenne meinen Platz, antwortete Johan.
Indessen muß die Furcht des Sekretärs vor seiner Frau größer gewesen sein als seine Lust, Johan zu demütigen, denn bei der ersten Rast bat die Baronin Johan, in den Schlitten zu steigen.
Nein, er wolle nicht!
In der Stadt blieb er noch acht Tage in seiner Stellung. Während dieser Zeit schrieb er einen etwas spanischen Brief in weltmännischem Tone nach Haus; der Ton gefiel dem Alten aber nicht, trotzdem Johan ihm schmeichelte.
— Ich finde, du hättest erst fragen müssen, ob du wieder nach Haus kommen darfst, sagte er.
Da hatte er recht. Der Sohn aber hatte sich das Elternhaus nie anders gedacht als ein Hotel, in dem man umsonst ißt und wohnt.
So war er wieder zu Hause.
Durch eine unergründliche Naivität hatte sich Johan bewegen lassen, noch einige Zeit zu seinen früheren Schülern zu kommen, um die Aufgaben mit ihnen durchzugehen. Eines Abends wollte Fritz ihn mit in ein Café nehmen.
— Nein, sagte Johan, ich muß Stunden geben.
— Wo?
— Beim Königlichen Sekretär!
— Was? Bist du noch nicht fertig mit ihnen?
— Nein, ich habe versprochen, so lange zu kommen, bis sie einen neuen Hauslehrer haben.
— Was kriegst du denn dafür?
— Was ich dafür kriege? Ich habe Wohnung und Essen gehabt!
— Ja, aber was kriegst du jetzt, nachdem du nicht mehr Wohnung und Essen hast?
— Hm! Daran habe ich nicht gedacht!
— Du bist ein Narr, wenn du die Kinder von reichen Leuten umsonst unterrichtest! Jetzt gehst du mit mir und setzest nie mehr einen Fuß in das Haus!
Johan kämpfte auf dem Trottoir einen Kampf mit sich aus.
— Ich habe versprochen!
— Du mußt nicht versprechen! Komm und schreib ab!
— Ich muß Abschied nehmen!
— Das ist nicht nötig! Man hatte dir zu Weihnachten eine Gratifikation versprochen; die gehörte zu deinen Bedingungen; aber du hast nichts erhalten. Und dann läßt du dich wie einen Knecht behandeln. Komm mit und schreib!
Er wurde in die Kneipe geschleppt. Die Kellnerin holte Papier und Feder. Nach dem Diktat des Freundes schrieb er, mit Rücksicht auf sein nahes Examen könne er keine Stunden mehr geben!
Er war frei!
— Aber ich schäme mich, sagte er.
— Weshalb schämst du dich?
— Ich schäme mich, weil ich unhöflich gewesen bin.
— Ach, Geschwätz! Eine halbe Punsch!
Die Zeit hatte sich zusammengenommen und war lebhaft geworden. Die Ausstellung von 1866 war eine Neuheit und außerdem eine Äußerung von realistischem Skandinavismus. Die Eröffnung des Nationalmuseums, Dietrichsons Vorlesungen, die Bildung des Kunstvereins gab der Ästhetik einen neuen Impuls. Die Wahlen von 1867 waren eine Überraschung, welche die ganze Nation zum Nachdenken veranlaßte, denn die Reform hatte die Gesellschaft so gründlich umgekehrt, daß der Bodensatz nach oben kam.
Schwache Dünungen waren in der höchsten Klasse der Lehranstalt zu merken, wo sich jetzt junge Männer für allgemeine Fragen interessierten. So war die schwarze Tafel eines Morgens mit Namen vollgeschrieben. Der Direktor, der die Morgenzeitung noch nicht gelesen hatte, fragte, was diese Liste zu bedeuten habe. Es waren die Stockholmer Wahlen zur Zweiten Kammer. Darauf gab der Direktor einen Überblick über die Zusammensetzung der Kammer, äußerte Befürchtungen, ob die neue Volksvertretung auch von Nutzen für Land und Reich werden könne.
Man begann schon Unrat zu wittern; und die Begeisterung war vorüber.
Die Klasse war auch eingeteilt in Freihändler oder Schutzzöllner.
Eifrig wurde die Fräuleinreform besprochen. Johan hielt diese Reform für gut. Hatte er doch eben gesehen, wie drei alte Fräulein sich die Haare rauften und in feiner Gesellschaft den „Zeitgeist‟ verfluchten, weil der ehrlichen Leuten das nehme, was ihre Väter ehrlich erworben. Die Reform nahm aber den Fräulein nichts, denn sie durften ihren Titel behalten, gab nur allen das gleiche Recht. Es verhielt sich mit dem Titel ebenso wie mit der Seligkeit. Niemand schätzte ihn mehr, als er allen erlaubt wurde.
— Dann wird man die Mägde auch Mamsell nennen, schrie ein Fräulein.
— Mindestens, antwortete Johan.
Aber diese Reform ließ noch auf sich warten, aus unbekannten Gründen. Die Mägde sollten natürlich Fräulein genannt werden, aber man konnte sie zuerst wenigstens zu Mamsells erheben, damit sie nicht lächerlich gemacht würden.
Das Freidenkertum nahm an Ausdehnung zu. Johan hatte es nach der Predigt als einen Beruf, eine Pflicht empfunden, die neue Lehre auszubreiten und für sie einzutreten. Er begann also vom Morgengebet fortzubleiben und blieb in der Klasse sitzen, während die andern in den Betsaal zogen.
Der Direktor kam, um ihn und seine Mitschuldigen hinauszutreiben. Johan antwortete, seine Religion verbiete ihm, an einem fremden Kult teilzunehmen. Der Direktor berief sich auf Gesetze und Verfassung. Johan antwortete, die Juden brauchten am Gebet nicht teilzunehmen. Der Direktor bat ihn schön, des Beispiels wegen doch zu kommen. Er wolle doch kein schlechtes Beispiel geben. Der Direktor bat herzlich, freundlich; berief sich auf alte Bekanntschaft. Johan gab nach. Aber er sang die Kirchenlieder nicht mit und seine Kameraden auch nicht. Da geriet der Direktor außer sich und hielt eine Strafpredigt; nannte Johan bei Namen und schmähte ihn. Johan antwortete damit, daß er einen Streik organisierte.
Er und Gleichgesinnte kamen regelmäßig so spät zur Schule, daß das Gebet aus war, wenn sie anlangten Kamen sie doch zu früh, blieben sie im Flur sitzen und warteten. Dort beim Holzkasten trafen sie Lehrer, mit denen sie von diesem und jenem plauderten. Der Direktor entdeckte dies. Um die Aufrührer zu zermalmen, ließ er, sobald das Gebet zu Ende ging, während die Schule hoch versammelt war, die Tür zum Flur öffnen und die Revolutionäre hereinrufen. Diese defilierten mit frechen Mienen und unter einem Schauer von Schelte durch den Gebetsaal, aber ohne dort zu bleiben. Schließlich wurde ihnen dies zur Gewohnheit: aus freien Stücken traten sie ein und nahmen die Schelte hin, wenn sie durch den großen Gebetsaal zogen.
Der Direktor begann Johan zu grollen und gab zu verstehen, daß er ihn durchs Examen fallen lassen wolle. Johan setzte hart gegen hart und arbeitete Nächte und Tage.
Die theologischen Stunden arteten jetzt zu Disputationen mit dem Lehrer aus. Der war Geistlicher und Atheist. Zuerst machten ihm die Antworten Spaß, dann aber wurde er müde und befahl, nach dem Lehrbuch zu antworten.
— Wie viele Personen sind in der Gottheit?
— Eine!
— Aber was sagt Norbeck?
— Der sagt drei!
— Dann sagen Sie auch drei!
Im Elternhause war es still. Johan wurde in Ruhe gelassen. Man sah, er war verloren, und es war zu spät, auf ihn einzuwirken. An einem Sonntag machte der Vater einen Versuch im alten Stil, bekam aber Bescheid.
— Warum gehst du nie mehr in die Kirche? fragte er.
— Was habe ich dort zu tun?
— Eine gute Predigt ist immer von Nutzen.
— Predigten kann ich selbst machen.
Schluß!
Die Pietisten ließen einen Geistlichen für Johan in der Bethlehemskirche beten, als sie ihn an einem Sonntagvormittag in Scharfschützenuniform gesehen hatten.
Im Mai 1867 bestand er die Studentenprüfung.
Sonderbare Dinge kamen an den Tag. Da waren Kerle mit Bart und Brille, welche die Halbinsel Malakka Sibirien nannten und die ostindische Halbinsel für Arabien hielten. Leute bekamen das Zeugnis in Französisch, die eu wie y aussprachen und die Hilfsverben nicht konjugieren konnten. Es war unglaublich. Johan selbst war der Meinung, er sei vor drei Jahren stärker in Latein gewesen. In Geschichte wäre jeder durchgefallen, wenn man nicht von den Fragen Wind bekommen hätte. Man hatte zu viel gearbeitet und zu wenig gelernt. Kompendien in allen Stoffen hätten mehr genützt; mit denen hätte man die Studentenprüfung in der vierten Klasse machen können. Aber es war mit der Studentenprüfung und ist es noch heute, wie mit der Seligkeit und dem Fräuleintitel: sie verliert allen Reiz, wenn sie Gemeingut wird; dann aber würde sie reizvoller für alle und viel nützlicher sein.
Die Prüfung endete mit einem Gebet, das von einem Freidenker gesprochen wurde; der stockte beim Vaterunser; das schrieb man aber fälschlich seiner Erregung zu.
Als Johan am Abend Student war, zogen die Kameraden mit ihm in die Stadt hinein, um ihm eine weiße Mütze zu kaufen. (Er selbst hatte nie Geld.) Dann ging er nach dem Kontor, um dem Vater eine Freude zu machen. Johan traf ihn im Flur; er war im Begriff, nach Hause zu gehen.
— Also, bestanden? fragte der Vater.
— Ja!
— Und du hast schon die Mütze?
— Die habe ich auf Kredit gekauft!
— Geh zum Kassierer, dann kannst du sie bezahlen.
Dann trennten sie sich. Kein Glückwunsch, kein Händedruck. Nun, es war die Isländernatur des Alten, keine zärtlichen Gefühle äußern zu können.
Als Johan nach Haus kam, saßen alle am Abendtisch. Er war fröhlich und hatte Punsch getrunken. Aber seine Freude verstimmte. Alle schwiegen. Die Geschwister gratulierten nicht. Da wurde er verstimmt und schwieg selbst.
Als er vom Tische aufstand, ging er sofort wieder weg, in die Stadt, zu den Kameraden. Da herrschte Freude. Kindliche, dumme, übertriebene Freude, mit allzu großen Hoffnungen.
Im Sommer gab er Stunden in großem Stile, indem er zu Hause wohnte. Mit dem Geld wollte er im Herbst nach der Universität Upsala fahren, um den Doktor zu machen. Der Geistliche lockte ihn nicht mehr; der lag hinter ihm; auch war es gegen sein Gewissen, den Eid als Geistlicher abzulegen.
Diesen Sommer war er zum ersten Male bei einem Mädchen. Er fühlte sich enttäuscht, wie so viele andere. — Das war also alles! — Seltsam war, daß es gegenüber der Bethlehemskirche geschah. Aber warum war es nicht früher geschehen; dann wären ihm so viele qualvolle Jahre erspart, soviel Kraft erhalten geblieben. Als es geschehen war, kam eine große Ruhe über ihn; er fühlte sich gesund und froh, als habe er eine Pflicht erfüllt.
Im Herbst fuhr er nach Upsala. Die alte Grete packte ihm die Reisetasche, in die sie Kochgeschirr und Gedeck legte. Darauf zwang sie ihn, fünfzehn Kronen von ihr zu leihen.
Vom Vater erhielt er eine Tasche mit Zigarren und die Aufforderung, sich selber zu helfen.
Achtzig Kronen besaß er selbst; die hatte er sich durch Stunden erworben; mit denen wollte er das erste Vierteljahr auskommen.
Die Welt stand ihm jetzt offen. Die Eintrittskarte hatte er in der Hand. Blieb nur übrig, hinein zu kommen. Nur!
„Des Menschen Charakter ist sein Schicksal‟, war zu dieser Zeit eine beständige und sehr gebilligte Redensart. Jetzt, da Johan in die Welt hinaus sollte, um sein Schicksal zu machen, wandte er viele freie Stunden darauf an, sein Horoskop aufzustellen, indem er von seinem Charakter ausging. Er glaubte nämlich, sein Charakter sei fertig. Die Gesellschaft ehrt mit dem Namen Charakter die, welche ihre Stellung gesucht und gefunden, ihre Rolle übernommen, gewisse Gründe für ihr Betragen ausgedacht haben und nun automatisch danach handeln.
Ein sogenannter Charakter ist eine sehr einfache mechanische Einrichtung; er sieht die so äußerst verwickelten Verhältnisse des Lebens nur von einem Gesichtspunkt; er hat sich entschlossen, für sein Leben eine und dieselbe Ansicht über eine bestimmte Sache zu haben. Um sich nicht der Charakterlosigkeit schuldig zu machen, ändert er nie seine Ansicht, wie einfältig oder sinnlos sie auch sein mag. Ein Charakter muß also ein ziemlich gewöhnlicher Mensch sein und was man dumm nennt. Charakter und Automat scheinen zusammenzufallen. Dickens' berühmte Charaktere sind Puppen für Leierkasten und die Charaktere auf der Bühne müssen Automaten sein. Ein gut gezeichneter Charakter ist gleichbedeutend mit einer Karikatur.
Außerdem soll ein Charakter wissen, was er will. Was weiß man denn davon, was man will? Man will oder man will nicht, das ist alles. Sucht man über seinen Willen nachzudenken, hört der Wille gewöhnlich auf. In Gesellschaft und Leben muß man immer die Folgen bedenken, die eine Handlung über einen selbst und andere haben kann, und muß daher überlegen. Wer augenblicklich handelt, ist unklug, selbstsüchtig, naiv, unbewußt. Solche Menschen kommen weiter im Leben, denn sie sehen nicht nach, ob ihre Handlungen andern schaden können, sondern sie sehen nur darauf, welchen Nutzen die Handlung für sie selbst hat.
Johan hatte ja die christliche Gewohnheit angenommen, Herz und Nieren zu prüfen; so fragte er sich jetzt, ob er einen Charakter habe, der für einen Mann passe, welcher seine Zukunft machen will.
Er erinnerte sich, daß die Magd, die er geschlagen, weil sie seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, nach dem Vorfall sagte: — Es ist Charakter in dem Jungen! — Was meinte sie damit? — Sie hatte gesehen, daß er Tatkraft genug besaß, in den Park zu gehen, einen Stock zu schneiden und sie zu bestrafen. Hätte er den gewöhnlichen Weg eingeschlagen und es den Eltern gepetzt, hätte sie ihn wohl für eine Memme gehalten. Die Mutter dagegen, die damals noch lebte, hatte seine Handlung anders beurteilt: sie hatte ihn rachgierig genannt.
Da hatte er also zwei Auffassungen derselben Sache. Er hielt sich natürlich an die, welche die weniger ehrende war, denn an die glaubte er am meisten. Rache? Das war doch Strafe! Hatte er ein Recht zu strafen? Recht? Wer hatte ein Recht? Die Eltern rächten sich ja immer! Nein, sie straften. Sie hatten also ein anderes Recht als er, und es gab zwei Rechte.
Doch, er war wohl rachgierig. Ein Junge vom Klarakirchhof hatte offen gesagt, Johans Vater habe im Halseisen gestanden. Das war eine Beschimpfung der ganzen Familie. Da Johan schwächer als der Junge war, bot er seinen älteren Bruder auf, und beide zusammen übten mit einigen Schneeballen Blutrache aus. Ja, sie übten die Rache noch weiter aus, denn sie prügelten auch dessen jüngern Bruder, der verhältnismäßig unschuldig war, aber großschnauzig aussah.
Das war wohl alte gute Familienrache mit allen ihren Symptomen. Was hätte er denn tun sollen? Dem Lehrer petzen? Nein, das tat er nie. Er war also rachgierig. Das war ein schwerwiegender Vorwurf.
Dann aber dachte er nach. Hatte er sich am Vater gerächt für die Ungerechtigkeiten, die der ihm zufügte, oder an der Stiefmutter? Nein! Er vergaß und zog sich zurück.
Hatte er sich an den Lehrern der Klaraschule gerächt, indem er ihnen Kasten voll Steine zu Weihnachten geschickt? Nein! War er denn streng gegen die andern und war er kleinlich, wenn er ihre Handlungsweise ihm gegenüber beurteilte? Nein, behüte, er war nicht schwer zu behandeln, glaubte leicht und konnte zu allem verleitet werden, wenn er nur nicht Zwang oder Druck fühlte. Kameraden hatten ihm gegen ein Tauschversprechen sein Herbarium, seine Insektensammlung, seine chemischen Apparate, seine Indianerbücher abgelockt. Hatte er sie gemahnt oder sie schikaniert? Nein, er schämte sich, in ihrem Namen, und nahm fürlieb. Am Ende eines Vierteljahrs hatte der Vater eines Schülers vergessen, Johan zu bezahlen. Er schämte sich zu mahnen, und erst ein halbes Jahr später mußte er auf Verlangen seines Vaters die Forderung eintreiben.
Es war ein eigentümlicher Zug bei Johan, daß er sich mit andern identifizierte, im Namen anderer litt, sich schämte. Wenn er im Mittelalter gelebt hätte, würde er sich stigmatisiert haben.
Wenn ein Bruder eine Dummheit oder Geschmacklosigkeit sagte, schämte sich Johan. In der Kirche hörte er einmal einen Chor Schulkinder gröblich falsch singen. Er verbarg sich im Kirchenstuhl und schämte sich sehr.
Er schlug sich mit einem Kameraden, und es gelang ihm, diesem einen starken Stoß gegen die Brust zu versetzen; als er aber sah, wie sich das Gesicht des Jungen vor Schmerz verzog, fing er an zu weinen und reichte ihm die Hand.
Wenn jemand ihn um eine Sache bat, die er höchst ungern tun wollte, litt er in dessen Namen, dessen Wunsch er nicht erfüllen konnte.
Er war so feige, daß er niemand ungehört von sich gehen ließ, aus Furcht vor dem Anblick eines Unzufriedenen. Er fürchtete sich noch im Dunkel, fürchtete sich vor Hunden, Pferden, fremden Menschen. Doch konnte er, wenn's sein mußte, mutig sein; zum Beispiel, als er sich in der Schule auflehnte, obwohl es seine Studentenprüfung kosten konnte; oder als er sich gegen den Vater empörte.
„Ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh‟, stand in dem alten Abcbuch. Da man jetzt entdeckt hat, daß die Tiere sehr religiös sind; daß, wer Wissenschaft besitzt, keine Religion braucht; so wird die nützliche Wirkung der Religion sehr herabgesetzt. Indem er stets die Kraft nach außen, in Gott, verlegte, hatte der Jüngling die Kraft und den Glauben an sich verloren. Gott hatte sein Ich geschwächt. Er betete immer und alle Augenblicke, wenn er in Not war. Er betete in der Schule, wenn die Frage an ihn kam; er betete am Spieltisch, wenn die Karten gegeben wurden. Die Religion hatte ihn verdorben: sie hatte ihn zum Himmel erzogen statt zur Erde. Die Familie hatte ihn verdorben: sie hatte ihn für die Familie gebildet statt für die Gesellschaft. Die Schule hatte ihn für die Universität entwickelt statt fürs Leben.
Er war unschlüssig, schwach. Wenn er Tabak kaufen wollte, fragte er den Freund, welche Sorte. Daher fiel er immer in die Hände von Freunden. Das Bewußtsein, beliebt zu sein, nahm ihm die Furcht vorm Unbekannten, und die Freundschaft stärkte ihn.
Noch verfolgten ihn Launen. Eines Tages, als er in Stellung auf dem Lande war, fuhr er nach der Stadt, um von dort aus Fritz zu besuchen. Als er in die Stadt kam, fuhr er nicht weiter, sondern blieb zu Hause bei den Eltern auf einem Bett liegen, indem er stundenlang mit sich kämpfte, ob er zu Fritz hinausfahren solle oder nicht. Er wußte, der Freund erwarte ihn; sehnte sich selber danach, Fritz zu treffen, fuhr aber nicht. Am nächsten Tage fuhr er zurück zu seiner Herrschaft, schrieb einen klagenden Brief an Fritz und suchte sich zu erklären. Aber Fritz wurde böse und verstand keine Launen.
In all seiner Schwäche fühlte er zuweilen einen ungeheuern Fonds von Kraft: dann traute er sich alles zu.
Im Alter von zwölf Jahren sah er ein französisches Jugendbuch, das der Bruder aus Paris mitgebracht hatte. — Das wollen wir übersetzen und zu Weihnachten erscheinen lassen, sagte er. — Sie übersetzten es; dann wußten sie aber nicht, was weiter zu machen sei, und das Buch blieb liegen.
Er bekam eine italienische Grammatik und lernte Italienisch.
Als er in Stellung war, wollte er, da kein Schneider zu erreichen war, ein Paar Hosen ändern. Er trennte die Nähte auf, nähte sie anders wieder zu und plättete mit dem großen Stallschlüssel.
Er flickte auch seine Schuhe.
Wenn er die Geschwister Quartette spielen hörte, war er nie zufrieden mit der Ausführung. Er spürte eine Lust, aufzuspringen und ihnen die Instrumente fortzunehmen, um ihnen zu zeigen, wie es sein mußte.
Wenn er seine Singstimme übte, benutzte er das Cello. Wenn er nur gewußt hätte, wie die Saiten hießen.
Johan hatte die Wahrheit sagen gelernt. Log ein wenig, wie alle Kinder, aus Selbstverteidigung oder auf naseweise Fragen; es machte ihm aber ein brutales Vergnügen, mitten in einer Unterhaltung, wenn man mit der Wahrheit Umstände machte, gerade heraus zu sagen, was alle dachten. Auf einem Ball fragte seine Dame, als er schweigsam war, ob ihm das Tanzen kein Vergnügen mache.
— Nein, durchaus nicht.
— Warum tanzen Sie denn?
— Weil ich dazu gezwungen bin.
Er hatte Äpfel gestohlen, wie alle Knaben, und das bedrückte ihn nicht; er machte kein Geheimnis daraus. Es war ja hergebracht.
In der Schule hatte er niemals Verdrießlichkeiten gehabt. Einmal am letzten Tage des Vierteljahrs hatte er einen Kleiderhaken abgebrochen und alte Schreibhefte zerrissen, aber mit andern zusammen. Er allein wurde bestraft. Es war eine Unart, ein Ausbruch wilder Freude und wurde nicht weiter tragisch genommen.
Wie er jetzt über sich zu Gericht saß, begann er die Urteile anderer Menschen über sich zu sammeln; jetzt erst war er bestürzt über die wechselnden Urteile. Der Vater hielt ihn für hart; die Stiefmutter für boshaft; die Brüder für sonderbar; die Mägde hatten ebenso viele Urteile, wie ihre Zahl war; die letzte hatte ihn gern, war der Meinung, die Eltern behandelten ihn schlecht und er sei nett; die Freundin hielt ihn zuerst für gefühlvoll; der Ingenieur zuerst für ein liebenswürdiges Kind; Freund Fritz für einen Kopfhänger, aber voller Wildheiten; nach den Tanten hatte er ein gutes Herz; nach Großmutter hatte er Charakter; seine Geliebte, die eine Kellnerin war, vergötterte ihn natürlich; die Lehrer in der Schule wußten nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollten; gegen die schroffen war er schroff, gegen die freundlichen freundlich. Und die Kameraden? Die sagten es nie; Schmeichelei war nicht gebräuchlich, dagegen Schelte und Schläge, wenn's nötig war.
Johan fragte sich jetzt, ob er ein so vielseitiger Mensch sei, oder ob die Urteile so vielseitig waren. War er falsch? Zeigte er sich anders gegen die einen als gegen die andern? Ja, und davon hatte die Stiefmutter Witterung. Sie sagte immer, er tue schön, wenn sie etwas Gutes über ihn hörte. Ja, aber alle taten schön. Sie, die Stiefmutter, war freundlich gegen ihren Mann, hart gegen die Stiefkinder, weich gegen ihr eigenes Kind, war demütig gegen den Hauswirt, hochmütig gegen die Mägde, knickste vor dem Geistlichen, lächelte die Mächtigen an, grinste über die Ohnmächtigen.
Das war das Gesetz der Anpassung, das Johan noch nicht kannte. So waren die Menschen; es war ein Trieb, sich anzupassen; der war berechnet, konnte aber auch unbewußt, eine Reflexbewegung sein. Wie ein Lamm gegen seine Freunde, wie ein Löwe gegen seine Feinde.
Wann aber war man wahr? Und wann war man falsch? Wo war das Ich zu finden? Das der Charakter sein sollte? Es war nicht auf der einen noch auf der andern Seite: es war auf beiden. Das Ich ist kein Selbst; es ist eine Menge Reflexe, ein Komplex von Trieben und Begierden, von denen bald die einen unterdrückt, bald die andern losgelassen werden!
Der Komplex des Jünglings war, durch viele Kreuzungen des Blutes, streitende Elemente im Familienleben, reiche Erfahrungen aus Büchern, bunte Erlebnisse im Leben, ein ziemlich reiches Material, aber ungeordnet. Er suchte noch seine Rolle, da er seine Stellung noch nicht gefunden hatte; darum fuhr er fort „charakterlos‟ zu sein.
Er war noch nicht dazu gekommen, sich zu entscheiden, welche Triebe zu unterdrücken seien und wieviel vom Ich für die Gesellschaft geopfert werden müsse, in die er jetzt eintreten sollte.
Hätte er sich selber sehen können, würde er erkannt haben, daß die meisten Worte, die er sprach, den Büchern und den Kameraden entlehnt waren; seine Gebärden Lehrern und Freunden; seine Mienen Verwandten; seine Natur Mutter und Amme; seine Neigungen dem Vater, dem Großvater vielleicht. Sein Gesicht trug keine Züge, weder von der Mutter noch vom Vater. Da er weder den Vater der Mutter noch die Mutter des Vaters gesehen hatte, konnte er über seine Ähnlichkeit mit diesen beiden nicht urteilen. Was hatte er denn von sich selbst und in sich selbst? Nichts! Aber zwei Grundzüge waren in seinem Seelenkomplex, die für sein Leben und sein Schicksal bestimmend wurden.
Der Zweifel! Er nahm die Gedanken nicht kritiklos an, sondern entwickelte sie, verglich sie miteinander. Darum konnte er nicht Automat werden und sich nicht in die geordnete Gesellschaft eintragen lassen.
Empfindlichkeit gegen Druck! Darum suchte er teils den Druck zu verringern, indem er sein eigenes Niveau hob, teils das höhere zu kritisieren, um einzusehen, daß es nicht so hoch steht, also nicht so erstrebenswert ist.
So trat er ins Leben hinaus! Um sich zu entwickeln, und doch immer zu bleiben, wie er war.