Nein, nein! sagte Philippine; er wird mir nicht gefallen! Das weiß ich, ehe ich ihn noch gesehn habe!

Endlich rollte eine mit schwarzem Tuch überzogne Kutsche vor. Zwei schwarz gekleidete Männer stiegen aus, Herr Lund und Herr Kauser. Die Luft war durch Regen gerade sehr trübe, und die Wohnstube hinter dem Spezereiladen hatte nur Ein Fenster in den etwas engen Hof, so daß es auch an hellen Tagen hier ziemlich dunkel blieb; und vollend bei solchem Wetter, als heute.

Philippinens ohnehin trübes und finstres Gesicht bekam folglich nur ein sehr mattes Licht; und da die Lilien und Rosen darin von den schwarzen Flecken entstellt wurden, so that ihre Schönheit so gut als gar keine Wirkung.

Dazu kam auch noch, daß die kleine Stube, in welche die beiden schwarzen Männer jetzt traten, schon lange nicht mehr geweißt war.

Anfangs redeten sie vom Börsencours, ohne sich um die übrigen Anwesenden zu kümmern. Nach einiger Zeit brachte Herr Kauser denn doch die Angelegenheit, welche ihn hieher führte, zur Sprache. Apropos, fing er an, wenn Ihr keine Ausstattung gebt, so müßt Ihr doch die Hochzeit ausrichten. »Das werd' ich wohl bleiben lassen,« erwiederte Herr Lund; »wer heirathet, der trägt billig auch die Kosten. Man braucht indeß keinen närrischen Aufwand zu machen. Ein Paar Zeugen, ein Paar Tassen Kaffee, und damit gut.«

Herr Kauser dachte ein Weilchen nach, und erwiederte dann: Nun, es ist freilich, genau überlegt, am Ende gleichviel, ob Ihr die Hochzeit ausrichtet oder nicht. Das heißt, wenn es noch dazu kommt. Ihr wißt meine Bedingung. Wo ist die Tochter? Bei diesen Worten setzte er seine Brille auf die Nase.

Lund dagegen brachte seine Ohren in Bewegung, indem er bald hinter dem einen, bald hinter dem andern kratzte. Das that er aus Verlegenheit und Besorgniß, daß der Handel zurückgehn könne.

Kauser fing wieder an: Ist sie schön, und putzt sich gern, so nehm ich sie nicht. Dabei müßte ich mir den Schlag an den Hals ärgern. Ist sie das hier? Hm – nun, es geht damit noch an. Mir wollte Jemand sagen, sie wäre schön. So arg ist es damit eben nicht. Nach ihrem Anzug scheint sie auch eine gute Wirthin zu seyn. Nun ja – ich lass' es mir gefallen.

Philippine, die erst heimlich darüber seufzte, daß sie keine Mühe angewandt hätte, reitzend zu erscheinen, fuhr bei den letzten Worten zusammen, als ergriffe sie ein Fieberfrost. Sie hatte jedoch, seitdem Herr Kauser ins Zimmer trat, nichts anderes empfunden als eine Reihe von kalten Fieberschauern. Der zugewiesene Geliebte war schindeldürr, hatte ein erdgelbes, vielgefaltetes Gesicht, eine lange dünne Habichtsnase, ein spitzes Kinn, und ein Paar weitgeöffnete gelbbraune Augen, die gewöhnlich zwar sehr matt aussahen, aber doch von einem gewissen Isegrimmsfeuer loderten, wenn ein Affekt sie anregte. Die schwarze Kleidung war ihnen günstig; ihr Leuchten trat nunmehr heraus.

Bon jour, Mamsell, krächzte jetzt erst der Prüfende. Ich denke, wir wollen uns schon mit einander vertragen. Werden Sie eine gute Frau seyn, so bin ich ein guter Mann. So viel sag' ich Ihnen aber vorher, spaßen lass' ich mit mir nicht. Servitör, Madam Lund!

Jetzt wandte er sich halb um, auf's Neue mit dem Vater des Mädchens zu sprechen, der jetzt viel leichter athmete, weil sich kein Hinderniß gezeigt hatte. Nun sah die Braut Herrn Kauser, der seine Brille, nach vollendeter Prüfung, wieder abnahm, von der Seite. Dies hatte sein Vortheilhaftes für die convexe Nase und das concave Kinn. Der Zufall ließ aber dem Profil der Gestalt noch einige malerische Ergänzungen angedeihen, welche der Fantasie der Braut ungemein zu Hülfe kamen. Die weitgeöffneten Augen hatten bei ihr den Effekt eines abgebildeten weitgeöffneten Höllenschlundes gethan. Die Wirkung des Profils entsprach jener Illusion, nur daß sie vom Reich zu dem Regenten überging. Das sollte nun der Fantasie noch über alle Erwartung leicht gemacht werden. Der Bräutigam hatte pechfarbne, mit grau durchmengte, struppige Haare, an deren Verschneidung lange nicht gedacht war. Nun sträubten sich am Scheitel zwei gekrümmte, spitz auslaufende Borsten auf, die, von der Seite gesehn, zwei mäßigen Hörnern glichen. Kauser hatte sich aber in den etwas kurzen Trauermantel dergestalt gewickelt, daß er sich bis nahe an die Mitte des Leibes heraufzog. Und weil er darunter seinen Hut einklemmte, so fügte es sich, daß eine Ecke desselben hinterwärts vorblickte, und zugleich einen rheinländischen Fuß lang den schwarzen Flor niederwallen ließ. Nichts konnte lebhafter an den Schweif erinnern, von dem man nicht weiß, ob ihn Lucifer wirklich hat, oder ob ihn die Maler nur freigebig damit beschenken.

Philippine war indeß nun vom Grausen übermannt, sank ihrer Mutter halb ohnmächtig in die Arme, und rief zugleich, mit Wehmuth und Entsetzen zu gleichen Theilen in ihrer Stimme: Hu, der Teufel leibhaftig!

Herrn Kauser gefiel das Compliment freilich schlecht, und Herr Lund wallte in dem grimmigsten Zorn darüber auf. Was Teufel, rief er, schickt es sich für eine Braut, den Bräutigam Teufel zu nennen? Daß ich Dir nicht mit der flachen Hand an das gottlose Maul komme! Du solltest wirklich meinen, der Teufel wär' es!

Philippine stotterte: Beßter Vater, ich flehe Sie um Erbarmen an! Geben Sie mir den Tod, nur diesen Mann nicht. Ich kann ihn nicht heirathen! Mir graut und schaudert vor ihm –

Jungfer Naseweis, fiel Herr Lund ein, wird Sie gefragt? Hat Sie auch eine Stimme?

Jene fuhr fort: Ich eigne mich auch nicht für ihn.

Donnernd gebot ihr der Vater, zu schweigen, und fügte hinzu: Will das Ei klüger seyn, als die Henne? Ich muß wissen, was zusammen paßt!

Frau Lund, ihre Tochter im Arm haltend, brach nun in Thränen aus, und rief: Nein, lieber Mann, der Unterschied in den Jahren ist zu groß. Mache Dein Kind nicht unglücklich!

Seht doch, entgegnete der liebe Mann; will die Gans auch drein schnattern?

»Ich bin Mutter, und gebe meine Einwilligung nicht.«

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht um Deine Einwilligung gefragt, und werde es auch bis an mein seliges Ende nicht thun.

Ei, fiel Herr Kauser ein, mein lieber Lund, das hätte ich nicht gedacht! Eure Frauenzimmer sind schlecht gezogen. Uebrigens thut bald, was Ihr thun wollt; ich habe Posttag, und verliere meine Zeit.

Gut, entgegnete Herr Lund, ich werde Euch vorläufig mit dem Mädchen versprechen. Ein Zeuge muß wohl noch dabei seyn. Ich rufe meinen Buchhalter.

Er ging, und der Bräutigam wandte sich unterdessen an Philippinen. Mamsell, sagte er, glauben Sie nicht etwa, daß ich so einfältig bin, Ihnen nicht in's Herz zu sehn. Es ist nur Verstellung und Ziererei. Sie heirathen für Ihr Leben gern, sind froh, daß ich gekommen bin. Man kennt die Jüngferchen, sie machen's alle so. Meine selige Frau wollte auch durchaus nicht, der Vater mußte Gewalt brauchen. Aber sie widersetzte sich nur zum Schein; die Gewalt wäre gar nicht nöthig gewesen. Aergern Sie doch Ihren Vater nicht unnützer Weise. Sie stellen sich, als wollten Sie das nicht, was Ihnen doch sehr lieb ist.

Lund fand sich wieder ein; Ketter folgte. Hier ist ein Zeuge, fing Jener an; nun kein Sperren mehr, Jungfer Naseweis! Hingegangen zu Herrn Kauser, gesagt: lieber Bräutigam, ich freue mich, daß ich die Ehre haben soll, Ihre Frau zu werden. Dann ein Küßchen in Ehren gegeben. Allons, wie lange währt's?

Ketter staunte. Herr Lund, rief er, um Gottes willen! was denken Sie zu thun!

Mit großen Augen fragte dieser: Wa ... wa ... wa ... was ist das?

»Sie könnten Ihre liebenswürdige Tochter so hinopfern?«

Wa ... wa ... was geht Sie das an, junger Herr? Zeugen sollen Sie, die Ohren brauchen, nicht den Mund. Wie kann sich auch der Buchhalter unterstehn, seines Principals Verfahren zu tadeln! Da soll ja ...

»Wie unedel muß ein Mann fühlen, der nicht allein an eben dem Tage, an welchem er die vorige Gattin begraben hat, sich abermal versprechen will, sondern auch ein Mädchen, das Grauen vor ihm einer Ohnmacht nahe bringt, durch Zwang an sich gefesselt kann sehn wollen!«

Ich sage Ihnen meinen Dienst auf! – Herr Kauser rief: Und dann muß es an der Börse öffentlich gesagt, ja selbst den Handelsfreunden weit umher geschrieben werden: daß er widerspenstig gegen seinen Principal gewesen ist, einen soliden angesehenen Kaufmann, dem er Respekt schuldig war, mit himmelschreiend unehrerbietigen Worten beleidigt hat. An keinem Orte muß er wieder eine Condition finden! Aber die Zeit vergeht. Macht fort, Lund!

Der junge Mann rief: »Weigern Sie sich Philippine! Es gilt das Glück Ihres Lebens. Die Gesetze berechtigen Sie, da Ihren Gehorsam zu versagen, wo man Sie zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«

Philippine hatte mehr Muth, seitdem Ketter eingetreten war. Feierlich schwör ich, sagte sie, daß ich diesem Mann nie meine Hand geben werde, und sollte ich darüber auch untergehn.

Frau Lund küßte ihre Tochter, billigte, was sie gesagt hatte, und versprach ihren Beistand nach allen Kräften.

Nun liefen die beiden Schwarzen in blindem Zorn mit den Köpfen an einander, und wurden durch den Schmerz noch wilder. Kauser trat mit eingestemmten Armen vor Philippinen hin, und sah ihr mit so strafenden und drohenden Blicken ins Gesicht, daß selbst die Tapferkeit davor hätte zittern mögen. Zu Worten gelangte sein Grimm dagegen nicht; Lunds Flüche hätten sie auch übertäubt.

Seitdem ihm Ketters kluge Thätigkeit wichtige Vortheile gebracht, hatte Lund das Er doch in eine höflichere Anrede umgeändert, weil er meinte, das Sie koste ja nichts, und der junge Mann könne es anstatt einer Gehaltszulage in Empfang nehmen. Jetzt aber rief er die Anrede mit Er zurück, nachdem schon Flüche vorhergegangen waren. Er packte den jungen Mann zugleich an der Brust, und schrie: Bu – bu – Bursche! Er will meine Tochter zum Ungehorsam verleiten? Wa – wa – was geht meine Tochter Ihn an?

Kaltblütig hielt Jener ihn ab, und sagte: Viel geht sie mich an. Ich sage muthig, daß ich Philippinen liebe. Zuerst sah ich sie in der Kirche, wo ihre Schönheit mich bezauberte. Ich wünschte, ihr nahe zu seyn, um mir ihre Gegenliebe erwerben zu können. Darum kam ich in Ihr Haus, fügte mich in jede Ihrer wunderlichen Launen, suchte durch Redlichkeit und Fleiß meines Principals Wohlwollen zu verdienen. Schon manchen Jünglingen gelang unter solchen Umständen endlich, was sie Anfangs nimmer hoffen durften. Ich machte einen ähnlichen Entwurf, ob mich schon nicht Philippinens Reichthum, sondern ihre Liebenswürdigkeit angezogen hatte. Daher bediente ich mich einer List, doch keiner Arglist, sondern einer schuldlosen, auch dem Redlichen erlaubten. Geben Sie mir Philippinen ohne alle Ausstattung. Ganz so unbemittelt, wie ich es vorgab, bin ich nicht, und traue mir hinreichende Geschicklichkeit zu, eine Frau zu ernähren.

Philippine rief: Auch ich gestehe freimüthig, daß ich ihn liebe.

Die beiden Schwarzen geberdeten sich, als wollten sie mit den Köpfen gegen die Wände laufen, Wände und Köpfe zugleich einstoßen. Doch besannen sie sich noch, und sprachen in dem heftigsten Zorne, beide zugleich. Herr Lund rief zitternd: Also hat Er sich wie ein Betrieger in mein Haus geschlichen, und obenein mir die Tochter verführt! Nicht genug, solchen Bösewicht fortzujagen; verhaften, einstecken lassen muß man ihn. Ich will auf der Stelle zu dem Polizeiamt!

Er klemmte seinen Trauermantel in die Thür, als er beim Weggehn sie hinter sich zuwarf, und ließ ihn, wie Joseph, lieber fahren, als daß er noch zaudern mochte.

Herr Kauser hatte mit ihm zugleich gesprochen: O, wenn es hier noch einen jungen Wildfang giebt, der einem soliden Geschäftsmann böse Tücke spielen könnte; wenn das Jüngferchen obenein in ihn vernarrt ist, so kann ich mich bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen. Ich hole einen Notar; gleich Schwarz auf Weiß, unterzeichnet und gehörig besiegelt.

Er ging auch, blieb aber in den Mantel gewickelt; und dies kam ihm zu Statten, wie man sogleich hören wird.

Nie, seitdem er lebte, hatte sich Lund so heftig geärgert, wie diesen Abend. Der Zorn hatte auch seinen ganzen Körper in den stärksten Schweiß gesetzt. In seiner blinden Wuth hatte er gar nicht bedacht, was jetzt das Klügste sei. Ihm, einem guten Rechner, mußte jeder Strich durch die Rechnung ein Dorn im Auge seyn. Der heutige lange aber brachte ihn fast ganz von Sinnen.

So rannte er davon, und bemerkte nicht, daß sich der vorhin mäßige Herbstregen in einen Platzregen verwandelt hatte, den man beinahe einen Wolkenbruch hätte nennen mögen. Es war ziemlich weit nach dem Polizeiamt. Jupiter pluvius drang durch den schwarzen leichten Rock, und überschwemmte die Oberfläche des Körpers zum zweiten Male. Heiße und kalte Nässe vertrugen sich nun so schlecht, daß aus ihrem Zwiespalt ein Zwiespalt zwischen Lunds Leib und Seele entstand, dessen Natur gewiß irgend ein Arzt den Lesern gern erklären wird, wenn sie ihn höflich darum fragen.

Genug, Lund erkältete sich plötzlich auf seinen glühenden Zorn, und fiel, ehe er noch das Polizeiamt erreicht hatte, auf der Straße nieder. Daß er gerade in einen Rinnstein fiel, und daß einige Zeit verging, ehe man ihn aufhob und ins Trockne brachte, vermehrte die Folgen der Erkältung bis zu einem sehr hohen Grade.

Bei einem Platzregen gehen natürlicher Weise schon wenige Menschen aus dem Hause, und in einem Rinnstein kann man länger unbemerkt bleiben, als mitten auf dem Fahrdamm.

Erst nach einer Viertelstunde wurde Lund gesehn, und erkannt, doch im Anfang für betrunken gehalten, bis verständige Leute bemerkten; der, bei seinem Geitze, habe sich gewiß nicht betrunken; ihm sei eine Ohnmacht, ein Krampf, wo nicht gar ein Schlagfluß, zu gestoßen.

Endlich zog man den Röchelnden aus der Tiefe, und schaffte ihn mit einem Tragsessel in seine Wohnung. Ehe dies geschah, untersuchte noch ein vorbeigehender Chirurgus seinen Zustand.

Als vorhin die beiden Schwarzen weggeeilt waren, thaten die zurückgebliebnen Frauenzimmer, was Frauenzimmer unter solchen Umständen zu thun pflegen: sie ließen Klagen auf Thränen folgen, und dann wieder Thränen auf Klagen. Dem Buchhalter fiel das Trösten anheim, obwohl er selbst Trost bedurfte. Er sagte indeß: Standhaft, gute Philippine; man kann und darf Sie nicht zwingen. Wenn Ihre Mutter sich nicht zur Einwilligung bewegen läßt, so muß ihr Wort doch auch gelten. Ich kann nun nicht mehr im Hause bleiben, ob ich es gleich mit Schmerz verlasse. Eine Verhaftung besorge ich zwar nicht, will auch vor jedem Richter vertreten, was ich gethan und gesagt habe; Herr Lund hat mir aber den Dienst aufgekündigt. Nun, meine Bücher sind in Ordnung. Nur eine kurze Anweisung für meinen Nachfolger, und ich kann noch heute gehn.

Philippine bat ihn weinend, zu bleiben, und sie in der Noth nicht zu verlassen. So lange es möglich ist, soll es geschehn, erwiederte Ketter; allein Ihr Vater wird auf meine Entfernung dringen, wenn er weiter nichts vermag. O Philippine, ich weiß nun, daß Sie mich ein wenig lieben. Welche Glückseligkeit, und welches Entsetzen zugleich für mich, da meine Trennung von Ihnen jetzt nothwendig ist, und da ich nun überzeugt bin, von Ihrem Vater nie mein Glück hoffen zu dürfen!

Ketter, sagte Philippine ermannt; ja, ich liebe Sie! Zu sehr haben Sie meine Achtung und meine Dankbarkeit gewonnen, als daß ich je einem Andern meine Hand geben könnte. Braucht mein Vater Gewalt, so sag ich noch am Altare Nein, und rufe die Gesetze zu Hülfe. Doch sagen Sie mir, Sie, der Sie mich mit so vielem Guten, Rechten, Edlen und Schönen bekannt gemacht haben: würde es in meiner Lage unrecht seyn, wenn ich zu entfliehn suchte? Als Kammerjungfer, vielleicht sogar als Lehrerin, fände ich wohl ein Unterkommen. Schwer würde es mir freilich seyn, mich von der guten Mutter zu trennen; das müßte ich aber ja auch, wenn ich den verhaßten Kauser heirathete. In jenem Fall wüßte sie mich doch vor dem schrecklichsten Unglück gesichert.

In dem einzigen Fall, erwiederte Ketter, daß Ihr Vater seine Absicht mit Gewalt durchsetzen will, halte ich es für erlaubt, daß Sie entfliehn. Auf meinen – anspruchlosen – Beistand können Sie dann sicher zählen.

Ich will selbst helfen, schluchzte die Mutter, allen Zorn meines Mannes tragen. –

Der Buchhalter ging ins Comptoir; die Frauenzimmer blieben, und weinten ihre schmerzlichen Thränen fort.

Da eilte, ehe noch der Tragsessel vor dem Hause war, jener Chirurgus herein. Erschrecken Sie nicht, Madame, fing er an; ich bringe eine üble Nachricht. Herrn Lund hat der Schlag gerührt. Er ist ohne alle Besinnung, und – fassen Sie sich – es ist keine Hülfe mehr.

Mutter und Tochter erschraken in der That sehr heftig; doch ihre Thränen hörten sogleich auf zu fließen. Ist es möglich? rief Frau Lund; ist es möglich?

Man trug den Sterbenden bereits in die Hausthür. Die Gattin eilte ihm entgegen, und wußte nicht, ob sie den eignen Augen trauen sollte. Doch that sie nach Pflicht und Gewissen, was nöthig schien. Der Kranke wurde in das Schlafzimmer gebracht, der nassen Kleidung entledigt, und in das gewärmte Bett gelegt. Der Chirurgus öffnete zwei Adern, sagte aber voraus, daß es unnütz seyn würde. Frau Lund befahl, daß noch ein Arzt geholt werden sollte, der berühmteste in der Stadt.

Bis er kam, beschäftigte der Chirurgus sich mit andern Rettungsmitteln. Philippine, die ungemein verstört in die Küche geeilt war, half dem Mädchen Thee bereiten und Steine wärmen. Von Zeit zu Zeit kam Frau Lund zu ihr, und sagte: Er bleibt dabei, daß keine Hülfe ist. Wir müssen aber doch nichts versäumen, daß wir uns nichts vorzuwerfen haben.

Philippine erwiederte jedes Mal: Freilich müssen wir das; sonst behielten wir ja kein gutes Gewissen.

Der berühmte Arzt kam endlich, fand hier aber keine Gelegenheit mehr, noch berühmter zu werden. Lunds Gesicht war zur Hälfte blau; nur selten vernahm man ein Röcheln, und der Puls war kaum noch zu finden.

Ist noch Hoffnung, Herr Doktor? fragte Frau Lund.

Nur einige Minuten kann es noch währen, antwortete der Arzt, nach einem bedauernden Achselzucken.

Frau Lund eilte wieder in die Küche, und schlug die Hände zusammen. Es ist bald aus, sagte sie; ich hätte es nie gedacht. Nun soll ich ihn doch überleben. Da sieht man: unverhofft kömmt doch oft!

Aengstlich sagte ihr Philippine ins Ohr: sie möchte nicht vergessen, ja nicht vergessen – was, das konnte sie nicht hervorbringen.

Die Mutter eilte in die Wohnstube. Beide gingen neben einander auf und ab, ohne etwas zu sagen. Bald kam der Arzt: Madame, ich bezeuge mein Beileid; Ihr Mann hat geendet.

Ist er auch gewiß todt? entfuhr der neuen Wittwe; kann ich mich darauf verlassen?

Philippine zupfte sie wieder ängstlich am Kleide, und Jener erklärte die absolut tödtlichen Wirkungen einer solchen Apoplexie, wie die vorliegende.

Er soll einen Grabstein von Marmor haben, sagte Frau Lund wieder, und dachte dabei dunkel: zum Dank für die große Wohlthat, die er mir durch seinen Tod erzeigt.

Die Nichthülfe der Aerzte ward reichlich bezahlt, und Beide gingen ihres Weges.

Mutter und Tochter flogen zum Todten, und schauderten. Die entseelten Züge schienen Trümmer von Geitz und Wuth. Lange war der Anblick nicht auszuhalten; Jene eilten in die Wohnstube zurück. Noch immer waren sie im Taumel einer Bestürzung, als kämen sie aus einem Kerker, und hätten noch dazu ein Loos von funfzig tausend Thalern gewonnen.

Träum' ich auch nicht? sagte Frau Lund; ist es denn wirklich wahr?

Wahr, erwiederte die Tochter. Nur fassen Sie sich; lassen Sie nicht merken ...

Mein Gott, fiel die Mutter ein, hat er es denn danach gemacht, daß wir uns über seinen Tod grämen können? Ich hatte keine frohe Stunde bei ihm, und sein Kind wollte er auch noch ohne Erbarmen unglücklich machen.

Hätte er noch einen letzten Willen abfassen können, sagte die Tochter, so würde er sicher darin verordnet haben, daß ich Kausern heirathen sollte.

Oder er hätte Dich enterbt, fiel die Mutter ein.

Nun, sagte die Tochter wieder, heirathe ich Kausern doch nicht, liebe Mutter? – Und die Mutter umarmte sie.

Ketter hatte von dem Allen nichts gehört. Jetzt trat er wehmüthig in die Stube. Herr Lund, fing er an, kömmt nicht wieder; so will ich denn gehn.

Er kömmt nicht wieder, sagte Frau Lund; Sie gehn aber nicht. Wer sollte denn die Geschäfte meiner Handlung führen? Oder vielmehr: unsrer Handlung; denn sie gehört mir und Philippinen zur Hälfte.

Der junge Mann verstand sie nicht, und gerieth in das höchste Erstaunen, als man ihm das Nähere sagte. Ungläubig ging er zu dem Leichnam, und kam bald in großer Bestürzung wieder. Jetzt erschien auch Herr Kauser, von einem Notar begleitet. Schwarz auf Weiß, rief er; Siegel und Zeichnung!

Frau Lund sagte: Herr Kauser, ziemt es sich wohl, gleich nach einem Todesfall ein Verlöbniß zu halten?

Warum nicht? antwortete er; über Vorurtheile muß man sich hinwegsetzen, wo es das Mein und Dein gilt.

Gut, hob Frau Lund wieder an; nun habe ich zu reden. Herr Notar, ich verspreche meine Tochter mit meinem Buchhalter, und Herr Kauser ist wohl so gütig, als Zeuge sich zu unterschreiben.

Herr Kauser rief: Was sind das für Possen! Wo ist mein Herzensfreund Lund?

Man hinterbrachte ihm alles. O, wie würde ihn der Tod des Herzensfreundes entzückt haben, wenn er schon mit Philippinen verheirathet gewesen wäre!

Seine Einreden halfen nicht, da er nicht Schwarz auf Weiß hatte. Ketter und Philippine wurden nach einigen Monaten ein frohes Paar. Der wurmstichige Hausrath wurde abgeschafft; man genoß, was der Geitz zusammengescharrt hatte, und freute sich des Lebens, doch mit Anstand und mäßig.

Das Sonst und Jetzt waren im Lundschen Hause nun ziemlich verschieden. So geht es im weiten launigen Reiche der Schicksalsgöttin. Oft sinken die Freuden der Lebenden mit in ein Grab; bisweilen aber blühen ihnen auch Rosen daraus hervor.

Drei
Liebespaare in Einem.

Eine
romantische Kriegsbegebenheit.

Drei Liebespaare in Einem.

Der Sohn eines sächsischen, ziemlich bemittelten Landedelmanns wurde nach D*** auf eine Schule gesandt. Er war träge im Lernen, fleißig aber im Koboltschießen und Ballschlagen; oft vergaß er über einer glatten Schlitterbahn im Winter, oder einem steigenden Papierdrachen im Herbst, daß ihn eine Lehrstunde erwartete, und mußte daher ins Carcer. Die ihm jedes Vierteljahr ausgestellten Zeugnisse lauteten ungemein übel; er mußte sie jedes Mal in die Heimath schicken, von wo dann tüchtige Strafpredigten erfolgten. Sechzehn oder siebzehn Jahre mochte er alt seyn, als, nach einem ganz außerordentlich üblen Zeugniß, sein Vater in D*** anlangte, um einmal selbst nach dem ungerathenen Sohn zu sehn. Er fand dessen Wohnzimmer in solcher Unordnung, daß er die Hände über dem Kopf hätte zusammenschlagen mögen. Bälle und Flitzbogen lagen umher, die Schulbücher waren zerrissen, die Hefte voll Tintenflecke, und allerlei Fratzen darauf gezeichnet, so wie auch an den Wänden. Lisuart – so hieß das Söhnchen – hatte sich nicht gewaschen, nicht gekämmt; an Ellbogen und Knieen zeigten sich merklich schadhafte Gegenden.

Aber Junge, rief der Vater, Du spielst noch mit Bällen und Flitzbogen? Und so liederlich sieht Alles neben und an Dir aus? Bist ein Edelmann, und hast nicht mehr Ambition? Gehst mit zerrissenen Hosen, und das Hemd kuckt Dir an den Ellbogen heraus? Wie lange ist es her, daß ich Geld zu neuen Kleidern geschickt habe?

Ehe Lisuart zu einer Antwort gelangen konnte, bekam er zwei derbe Ohrfeigen; nun ward er tückisch, und antwortete gar nicht.

Der Vater machte jedoch mit ihm eine Runde bei den Lehrern, um sich zu erkundigen, woran es doch mit dem Buben läge.

Der Rektor sagte: Zwei Umstände sind es hauptsächlich, an denen es liegt, daß der junge Herr nichts lernt. Einmal schläft er zu lange, und kömmt immer zu spät in die Classe, wie sehr ich ihm auch das Aurora musis amica empfohlen, und ihn ermahnt habe, mit Tagesanbruch seine Uebungen vorzunehmen. Zweitens aber stecken seine Taschen immer voll Kuchen und Obst; er nascht während des Unterrichts in Einem weg verstohlen, und da gilt folglich das plenus venter non studet libenter auch in Einem weg bei ihm.

Junge, hob der Vater wieder an, wo nimmst Du das Geld her? Ich habe Dir doch nur acht Groschen zu Kleinigkeiten monatlich ausgesetzt.

Der Rektor faßte ihm während dessen in die Taschen; in der einen befand sich eine Mandel Abrikosen, in der andern ein Paket überzogner Gewürzkuchen.

Lisuart mußte nun reden, und gestand in abgebrochnen Worten: daß er bei verschiednen Kuchenbäckern und Obsthökerinnen auf Borg nähme.

Der Vater sagte zornig: Ich will in den Zeitungen bekannt machen lassen, daß Dir auch nicht eine gebrannte Mandel, nicht eine Pflaume, kreditirt werden soll.

Der Conrektor und der Subrektor äußerten ebenfalls große Unzufriedenheit, und klagten, daß der junge Mensch sich durch einen gewissen erzschalkhaften, boshaften Sinn auszeichne. Es sollte damit, ihnen zufolge, so weit gehen, daß er die Ehrerbietung vor seinen Lehrern vergäße. Beide führten einige Beispiele an. Einer sagte: Wie oft ich es ihm auch schon verboten, ja, ihn darum ins Carcer geschickt habe, nennt er mich doch oft, anstatt Herr Conrektor, Herr Kornrektor, so daß alle Knaben lachen, und die Aufmerksamkeit verloren geht. Ich bin nicht zu übermäßiger Strenge geneigt; jung ist jung. Sollen aber zuweilen allotria getrieben werden, so gescheh' es in den Freistunden, nicht in der Klasse.

Und mich, fiel der Andere ein, redet er oft, anstatt Herr Subrektor, Herr Suppenrektor an. Man sagt wohl: pueri puerilia tractant; allein der Herr Sohn sollte nicht mehr zu den Knaben gehören wollen.

Sein College nahm abermal das Wort: Daß er es gerade so übel meine, behaupte ich bei dem allen nicht. Die veränderte Silbe in Korn will sagen: ein Mann von ächtem Schroot und Korn. Er sollte gleichwohl bei der alten bleiben.

Nein, hob Lisuart stotternd an; so habe ich es nicht gemeint ...

Der Lehrer fragte: Wie denn sonst?

Er bekam zur Antwort: Nun – weil Sie so gerne Korn trinken.

Hierüber gerieth der Conrektor fast außer sich, und wollte den Beleidiger nicht mehr in seiner Klasse dulden.

Feuerroth wollte nun auch der Subrektor hören, weshalb denn sein Titel eine Veränderung erlitten habe. Der junge Mensch antwortete: es sei ihm zu Ohren gekommen, der Herr Subrektor habe einmal auf einem Schmaus eine ganze Terrine Suppe allein verzehrt.

Nun wollte auch dieser ihn nicht mehr unterrichten. Wär' es noch klassischer Witz, sagte er, so behielt' ich ihn in meiner Klasse; Allein dieser Witz ist schal, trivial.

Bei der Schule stand aber noch ein Quintus, der berühmt und berüchtigt zugleich war: jenes, weil er mehrere Schriften herausgegeben, die Aufsehn in der gelehrten Welt machten; dieses, weil er ehedem schon ein andres Amt bekleidet, aber von den jungen Mädchen, die er unterrichten sollte, zwei in einen Zustand versetzt hatte, nach welchem sie gesegnet zur Einsegnung kamen. Man hatte ihn weggejagt und noch anderweitig hart bestraft; ihn endlich aber, seiner trefflichen Kenntnisse wegen, doch wieder als Schulmann – nur nicht bei Mädchen – angestellt. Dieser Quintus trat nun für Lisuart ein. Er wollte bemerkt haben, daß der junge Mensch ein Genie sei. Nur Geduld! setzte er hinzu; es wird sich schon entfalten, und dann geht es auch mit den Studien über Hals und Kopf. Ich weiß, wie es bei mir gegangen ist.

Schon wollte der Vater seinen ungerathenen Sohn wieder mit nach Hause nehmen; doch der kleine Schimmer von Hoffnung, auf welchen der Quintus deutete, bestimmte ihn anders. Er versprach dem Conrektor und Subrektor, ihnen ein Paar geräucherte Schinken in die Küche zu senden, wenn sie die Sache gut seyn ließen.

Lisuart wohnte bis jetzt bei einem Bürger, dem der Vater eine Art von Aufsicht über ihn anvertraut hatte. Der Mann sagte aber: der junge Herr folge nicht, und richte auch im Hause nur allerlei Unfug an; darum wäre es ihm lieber, wenn der junge Herr auszöge.

Dem Vater fiel nun ein, daß in D*** ein verabschiedeter Hauptmann lebe, der sein Freund und Herr Bruder sei. Er ging mit Lisuart zu ihm, und fragte: ob es anginge, und er ihm die Freundschaft erzeigen wollte, den Sohn in sein Haus zu nehmen? – Von dessen übler Aufführung verschwieg er nichts, setzte aber hinzu: Strenge ist um so nöthiger; und kann Einer noch etwas aus ihm machen, so bist Du es, Herr Bruder.

Warum nicht, Herr Bruder? entgegnete der Hauptmann; das will ich Dir schon zu Gefallen thun. Aber ich muß im Nothfall die Fuchtel brauchen dürfen.

In Gottes Namen, erwiederte der Vater; brauche Sie nur recht oft! Er hat neun Häute; thu' Alles Dir Mögliche, ihm auch durch die letzte zu kommen.

Nicht öfter, sagte der alte Officier, als wenn er nicht pariren will. Von Gelehrsamkeit versteh' ich den Teufel; aber daß er früh aufstehn und sich an die Bücher setzen soll, will ich schon machen. Und kömmst Du wieder, und er ist nicht in seinem Anzug, wie aus dem Ei geschält, so ... gerade soll er mir auch gehn, wie eine Kerze.

Der Hauptmann erfüllte sein Versprechen. Kaum war Lisuart einige Monate in seinem Hause, als er in manchem Betracht sich gebessert hatte; aber doch nur ein wenig, und nicht in allen Stücken. Die Kleidung war sauber, stand ihm aber nicht gut; er ging gerade, doch steif, ohne Anmuth. Das Kinderspielzeug war verschwunden; Lisuart stand auch, in Rücksicht auf die schon einige Mal empfundenen Fuchtel, zeitig auf; doch an den Büchern wurde noch immer nicht viel gethan, ja, eigentlich noch weniger, als zuvor, wo er doch noch Gesichter mit langen Nasen hineingekritzelt hatte; was der Hauptmann nicht mehr zugab. Noch immer lauteten die Schulzeugnisse keineswegs rühmlich, und Lisuart saß noch in Quarta, obschon Manche, die jünger als er waren, sich in Tertia, ja in Secunda befanden.

Der Hauptmann nahm ihm einen Fechtmeister und einen Tanzmeister an, daß sie ihm ein sogenanntes air degagé beibringen sollten. Bei Jenem machte Lisuart einige Fortschritte, zum Tanzen hingegen hatte er so wenig Lust als Geschicklichkeit.

So kam sein achtzehntes Jahr heran, und auch der Winter, für den sein neuer Mentor in eine Gesellschaft trat, die sich wöchentlich zu einem Ball versammelte. Es geschah meistens um Lisuarts willen, der, wie Jener sagte, hier noch mehr den Bauer ablegen, und feinere Lebensart bekommen sollte.

Doch es hinkte auch da genug. Er sollte eine Dame zum Tanz auffordern, weigerte sich aber aus Blödigkeit. Nur angedrohte Fuchtel konnten ihn endlich bestimmen. Nun tanzte er freilich, indeß mit so krummen Knieen und so verwirrt, daß man über ihn lachte. Beim Essen stopfte er dagegen so viel Kuchen und Obst in sich, daß man mit Fingern auf ihn wies. Der Hauptmann ärgerte sich sehr, und fuchtelte ihn noch um Mitternacht, als man wieder zu Hause war.

Auf dem nächsten Ball zeigte er etwas mehr Geschick beim Tanz, und etwas weniger Naschgier an der Tafel; aber ganz unausgelacht kam er doch nicht davon. Sie sollten sich schämen, sagte der Hauptmann daheim; so ein hübscher junger Mensch, und beträgt sich – hol mich der ...! – so ungehobelt wie – nun, ich mag's nicht sagen.

Dies Mal war Lisuart doch so dreist, daß er sagte: Wenn aber Jemand so viel flucht, Herr Hauptmann, ist das gehobelt oder ungehobelt?

Was? rief Jener, der junge Patron will noch auf mich sticheln? Das leid' ich, Gott straf mich, nicht! Ich vertrete Vatersstelle bei ihm, und habe Autorität.

Um diese Autorität abermal thätig zu beweisen, zog er vom Leder; dies Mal aber, anstatt einer gewichtigen Klinge, eine leichte, beräucherte Gänsefeder, welche Lisuart aus einem Flederwisch gezogen und mit der Klinge vertauscht hatte. Es war das erste Mal, daß er dem Hauptmann einen Streich zu spielen wagte.

Dieser rief: Wer hat das gethan?

Ich nicht, antwortete Lisuart.

»Können Sie schwören?«

Hol mich der Teufel!

»Können Sie auch Ihr Ehrenwort darauf geben?«

Nein, das kann ich nicht! Ich hab' es gethan, weil ich dachte, eine Feder thäte doch nicht so weh.

Nun fiel ihm der Hauptmann um den Hals. Sieh! rief er; bist doch ein tüchtiger Kerl, Junge! Schwörst wohl beim Teufel falsch, willst aber nicht Dein Ehrenwort geben. Bravo! Und hast doch einmal Raupen im Kopf, einen guten Einfall. Ich glaube, die zwei Bälle haben Dich schon etwas formirt. Das muß ich gleich meinem Herrn Bruder schreiben. O, ich will zum Teufel fahren, wenn nicht noch was aus Dir wird!

Auf dem nächsten Ball setzte der Hauptmann sich neben eine ihm unbekannte Dame, und hob ein Gespräch mit ihr an. Nicht lange nachher kam ihre, etwa funfzehnjährige, Tochter aus den Reihen zurück, und nahm Platz bei der Mutter. Pfui, Luischen! sagte diese, wie schlecht hast Du getanzt! Und wir haben doch vier Monate einen Tanzmeister bei uns gehabt. Zwar bist Du zum ersten Mal auf einem Ball; ich hätte aber doch nicht geglaubt, daß es so schlecht gehn würde.

O nur Uebung, gnädige Frau, sagte der Hauptmann; da wird das Fräulein dreist. Ich habe da einen Eleven, der soll sie gleich wieder auffordern. Lisuart, kommen Sie her!

Schüchtern nahte sich dieser, und machte eine linkische Verbeugung.

Fordern Sie das Fräulein auf, sagte der Hauptmann wieder; geschwind!

Lisuart stammelte: Kann ich die Ehre haben ...?

Die Dame nahm das Wort: Wird meiner Tochter viel Ehre seyn. Allons, Luise, folge!

Luise stand bebend auf, schien ungern wieder in den Reihen zu gehn. Der Hauptmann sah zu. Es kam ihm vor, als nähme Lisuart sich dies Mal mehr zusammen, und hielte sich dreist, zierlicher.

Lisuart wies auch das Fräulein in den sogenannten Touren zurecht. Als aber der Tanz vorüber war, liefen ihm große Tropfen Angstschweiß vom Gesicht.

Der Hauptmann stand auf, lobte ihn, und sagte hernach leise: Nun setzen Sie sich ein wenig neben die junge Dame, mit der Sie getanzt haben; unterhalten Sie sich mit ihr.

Lisuart wollte nicht, und suchte Ausflüchte. Sie sollen, ward ihm erwiedert, oder es giebt zu Hause Fuchtel. Die Klinge ist eingesetzt.

Lisuart fragte zaudernd: Was soll ich denn mit ihr sprechen?

Tausend Sapperment! entgegnete der Hauptmann, was das für eine dwatsche Frage ist! Eben da formirt sich ein junger Mensch, wenn er mit Damen spricht, und es muß sich ja wohl etwas finden, wovon man sprechen kann, in's Teufels Namen! Sprechen Sie, wovon Sie wollen, nur nichts Ungezognes!

Lisuart nahm zagend neben dem Fräulein Platz, und hob an: Meine Gnädige – es ist heute schönes Wetter.

Die Gnädige antwortete: So muß es eben erst schön geworden seyn. Als wir kamen, schneiete es.

Sie hatte, wie man sieht, etwas mehr Fassung, als er; denn sie hörte doch, was er sagte, und daß es nicht ganz richtig schien. Er dagegen hatte so wenig recht gewußt, was er sagte, als er recht hörte, was sie antwortete. Beide dankten eigentlich dem Himmel, daß sie doch einige Worte hervorgebracht hatten, weil es die Schicklichkeit so gebot. Das Fräulein zeigte etwas mehr Gegenwart des Geistes im Reden, weil die weibliche Natur es so mit sich bringt. Daß Lisuart dagegen beim Tanz sie darin übertroffen hatte, rührte vielleicht davon her, daß er schon einige Mal öffentlich getanzt, Luise aber heute den ersten Versuch machte.

Nach und nach kamen Beide doch mehr und mehr ins Gespräch. Luise erzählte, daß sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter in D*** sei, was sie bereits an schönen Sachen gesehn habe, und noch sehn werde, und mehr dergleichen. Ihr Vater, sagte sie auch, der zu Hause geblieben wäre, hätte ihr prophezeiet, sie würde sich recht wundern. Lisuarts Angst verlor sich auf einer Seite; denn er vernahm allmählig, was seine Nachbarin sagte, und konnte dazwischen erzählen: wie es ihm in D*** ergangen sei, und noch gehe; auf der anderen Seite aber stieg diese Angst. Denn er fing an, ein ihm bis dahin ganz unbekanntes wunderbares Vergnügen zu fühlen, als er so mit Luisen redete. Und weil er so oft über das, was ihm Vergnügen gemacht, Tadel, Scheltworte, selbst Ohrfeigen und Fuchtel bekommen hatte, fing er an zu fürchten: daß ihm dieses Vergnügen aller Vergnügen noch etwas viel Schlimmeres zuziehen würde.

Zu seinem Erstaunen klopfte ihm aber der Hauptmann auf die Schulter, und betheuerte bei Ehre und Reputation: so wäre es recht!

Er setzte bei der Abendtafel sich wieder zu jener Dame, und Lisuart mußte neben Luisen Platz nehmen. Der junge Mensch betrug sich fein und angemessen, tanzte hernach noch einmal mit dem kleinen schönen Fräulein, und Beiden ließ sich kein Fehler mehr vorwerfen. –

Am nächsten Morgen kam sein Aufseher in seine Stuben: Was ist das! sagte er; Sie haben gewiß das Licht brennen lassen, und sind darüber eingeschlafen. Der Teufel! so kann ja Feuer entstehn.

Das noch glimmende Licht war ganz herunter gebrannt, und der junge Mensch hatte noch die Kleidung von gestern Stück für Stück auf dem Leibe.

Ich habe, erwiederte Lisuart verwirrt, ein nöthiges lateinisches Exercitium gemacht, und bin darüber nicht zu Bette gegangen. Es war ja schon zwei Uhr, als wir nach Hause kamen.

Eigentlich verhielt sich die Sache so. Lisuart empfand, als er vom Ball nach Hause kam, auch nicht die mindeste Neigung zum Schlaf. Des Fräuleins Bild tanzte ihm unaufhörlich vor dem innern Auge: immer klangen ihre Worte, und die Musik der beiden mit ihr getanzten Tänze, ihm vor dem innern Ohr, und dies machte ihm wieder ein neues, so hohes Vergnügen, daß er sich ihm weit lieber, als dem Schlaf überließ. Es stand ein Klavier auf seinem Zimmer. Er bekam Unterricht in der Musik, hatte aber bis jetzt nur sehr geringe Fortschritte gemacht; theils, weil seine Neigung zu dieser Kunst nicht groß war, theils auch weil sein Lehrer darin nicht zu den vorzüglichsten gehörte. Dieser hatte seinem Schüler binnen einem Jahre eine alte sogenannte Klavierschule mit ganz leichten Anfangsstücken gebracht, etliche Sonaten der Art von Vanhal und Pleiel, auch eine Operette von Hiller, die Ouverture daraus zu lernen; allein der Schüler hatte bis jetzt sehr wenig begriffen.

Nur die alte Operette hatte ihn gewissermaaßen angezogen, weil sie Lisuart und Dariolette hieß. Der Mensch ist nun einmal so, daß er seinen Namen gern gedruckt sieht. Ein Kupfer am Titelblatt, welches einen jungen stattlichen Ritter im Harnisch vorstellte, pflegte er oft anzusehn, und auch einige der leichten Gesangmelodieen aus dem Werk zu klimpern.

Jetzt, indem er so im Zimmer umherging, und der eben entflohenen Stunden dachte, fiel ihm auch das Musikbuch in die Augen, und er betrachtete nun zum ersten Male mit Antheil die junge Dame, welche im Kupfer neben dem Ritter stand. Bald setzte er sich an das Klavier, und es schien ihm ganz anders zu klingen. Er schlug Einiges von dem auf, was der Ritter Lisuart von seiner Liebe singt, und es ergriff ihn gewaltig. Ihm dünkte, als wären es seine eignen Empfindungen; und viel geläufiger, als sonst, konnte er jetzt die Noten lesen, und die Finger rühren. Noch mehr hingerissen fühlte er sich bei dem Gesang der Dame in den Worten:

Reich Deine Hand als Bräut'gam mir,
 Mein liebstes Gut auf Erden,
Und ich verspreche Dir dafür,
 Nie ungetreu zu werden.

Er konnte nicht aufhören, die einfache Melodie zu wiederholen und die einfachen Worte dabei zu lesen. Ihm war, als sänge das Luise – zu ihm; und sterben hätte er mögen vor Entzücken über diese Vorstellung. Er beklagte nur, daß nicht Dariolette jenen Namen hatte. Bis an den hellen Morgen konnte er sich nicht von der süßen Beschäftigung losreißen.

Und nun brachte er auch eine ganz veränderte Stimmung mit in die Schule. Die Wissenschaften hatten ihm eine höhere Bedeutung gewonnen; er meinte: was ihn so lange angeekelt habe, könne wohl hohes Vergnügen gewähren. Zum ersten Male schämte er sich, immerfort getadelt worden und gegen Andere zurückgeblieben zu seyn; es erwachte in ihm Ehrgeitz, das Verlangen, seinen Mitschülern gleich, ja zuvor zu kommen, und er dachte nun auch, das könne so schwer nicht seyn.

Die ganze Woche hindurch zeigte er ungemeinen Fleiß, sowohl in den Lehrstunden, als zu Hause, und fragte den Quintus um vielerlei, der sich auch bereitwillig zeigte, ihm durch Winke und guten Rath fortzuhelfen. Schon am Ende dieser Woche wurde er in eine höhere Klasse versetzt. Hierzu trugen die Empfehlungen des Quintus das Meiste bei; dieser hatte nehmlich dem Rektor versichert: Lisuarts Genie fange nun an, sich zu entwickeln.

Gerade an diesem Tage führte ihn sein Mentor wieder auf den Ball. Lisuart hatte sich recht sorgfältig und nett gekleidet, und war viel weniger verlegen, als zeither; einige ältliche Damen, die müßig auf ihren Stühlen die Versammlung musterten, machten die Bemerkung: der Lisuart staffire sich recht gut heraus, und werde ein ganz hübscher Mensch.

Schon die heutige Versetzung in eine höhere Klasse hatte dem jungen Menschen mehr Muth gegeben; dazu kam aber noch, daß der Hauptmann ihn, theils darüber, theils auch über seinen heutigen Anzug und sein verbessertes Betragen gelobt hatte. Lob über ein gewisses Verdienst pflegt dies Verdienst zu erhöhn, namentlich in jüngeren Lebensjahren.

Aus dieser Ursache trat er nicht mehr so scheu vor Luisen, nach der er sich die ganze Woche hindurch gesehnt hatte. Auch Luise war weniger betreten, und daneben vortheilhafter, als neulich, gekleidet. Beide tanzten und sprachen heute mehr mit einander, als vor acht Tagen, und menschenkundigen Beobachtern hätte es nicht entgehn können, daß Beide sich sehr glücklich fühlten, und daß sich in ihren Herzen die ersten Spuren der Liebe zeigten.

Sonderbar übrigens, daß noch keins von Beiden des Anderen Namen wußte, und auch den Muth nicht hatte, danach zu fragen. Lisuart bediente sich nur der Anrede: meine Gnädige; und Luise war genöthigt, alle Anrede zu vermeiden. Der Hauptmann saß am Spieltisch, und kam dies Mal nicht zu ihnen.

Luisens Mutter begegnete dem jungen Menschen darum freundlich, weil er sich immer zu ihr hielt; es war ihr ja daran gelegen, daß Luise, die bisher auf dem stillen Lande erzogen war, sich in der Welt darstellen lernen sollte. Und außer Lisuart kümmerte sich Niemand eben um Luisen; das noch halb kindische Fräulein war den jungen Herren von Ton zu unbedeutend, und auch in D*** nur wenig bekannt.

Heute kam das Gespräch unter andern auf die Tonkunst. Lisuart erfuhr, das Fräulein habe auch darin Unterricht gehabt; und nach ihren Aeußerungen mußte sie viel größere Fortschritte darin gemacht haben, als er. Um so schöner und vortrefflicher schien ihm nun die Musik.

Er brachte den Rest der Nacht abermal am Klaviere hin, und mit noch höher gesteigerten Empfindungen. Heute fand er in seinem alten Opernbuch eine Romanze des Inhalts: