Nur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab... ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte...
Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende, sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen.
„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche mittheilte.
Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau Gottfried das letztemal eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“ rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern.
„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht, daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden, derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte der Laternanzünder.
Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde.
Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese durfte nicht mehr zu ihr, einigemal hatte sie das alte Stubenmädchen, die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war.
Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen und räuspern.
Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort.
Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle, welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend mal. Die Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das Haus nie mehr betreten...
Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen hat...
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Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da...
Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben, daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland. Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und was sie nur gelesen habe.
Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede, wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Bewohner sich in dem Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten.
In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher, wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick. Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des kleinen Mädchens.
Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage.
In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte:
„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der Pferdbub’ gesagt.“
Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“, wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch bald die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war.
„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder, wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte.
„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig, „der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir putzen — Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine Hemdärmeln.“
„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit ihrem Sessel, die krumme Frau holte tief Athem, lachte boshaft und fuhr erregt fort:
„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt, der Sali — sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! — daß der Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! — Draußen im Ausland — dort, von wo sie hergekommen ist — da ist ein Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt, verurtheilt und eingesperrt.“
„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr nächster Verwandter wäre.
„Ja, wie ich Ihnen sag’! — Und der „Onkel Euschön“, von dem meine Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich das erst! — der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel weiterleben kann.“
Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach einer Viertelstunde, als schon kein guter Ziegel auf dem Dache des Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten, und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“ schloß sie erschöpft.
Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken; sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu Dutzenden und fing auch frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu. Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel steifer Haare so im Flug sichtbar.
„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“
„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde.
„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was giebts?“
„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen... hat... die... Mam... mor... sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh... giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!... darf... ich?“
Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam.
„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’ kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem krummen Bein auf die Diele.
„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die Roserl kurz, und weg war sie.
„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, ein solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“
Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie einen steifen Knix gegen die „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in das Haus.
In dem Flur war rechts eine Thür, welche von außen mit einem schweren Teppich verhängt war, mit Schulter und Ellenbogen schob ihn das Kind beiseite und öffnete die Thüre. Die zierliche geputzte Kammerjungfer flatterte ihr entgegen und sagte lachend:
„Du siehen Deiner Suh aus, smutsiger Katz; Du müssen dik sön spiel mit die petit Blanche, sie ersähl söne Gesick, damit sie nik wein, ich mussen sein bei die Toilette von sein Mama’n, sein Mama’n mussen tansen,“ und dabei hob die bewegliche Französin ihre kleinen Füße, als ob sie selber schon tanzen wollte.
Die Rose streifte Schuhe und Strümpfe ab und stellte sie hinter den Thürvorhang, dann glitt sie barfuß über die weichen Teppiche der kostbaren Zimmer. Geräuschlos lief sie von einem Gemach in das andere, bis in ein Cabinet, das mit seinen weiß- und blaulackirten Möbeln aussah wie die Schlafkammer eines Zwergenprinzeßleins.
In einem Himmelbettchen, unter Decken, Kisten und Vorhängen von blauer Seide und weißen Spitzen, lag die kleine Blanche. Aschblonde Locken umkräuselten die hohe Stirne und das schmale feine Gesichtchen des Kindes, dunkelblonde Brauen hoben sich scharf von dem blassen Antlitz. Die farblosen Lippen klagten im Halbschlummer leise:
„Mama, geh’ nicht fort, bleib’ bei mir, Mama, bleib’ bei mir, Mama!“
„Aber ich bleib ja bei Dir, Blanscherl,“ schwatzte die Roserl, „Deine Mamaah muß tanzen,“ setzte sie überzeugungsvoll hinzu.
Während der kleine Gast plauderte, schlug Blanche die Augen auf, große traurige Augen, die dem Kindergesichte erst Ausdruck und Leben gaben. Ein freudiges Licht zuckte in den dunklen Sternen, dann streckten sich zehn feine weiße Fingerchen nach dem rothen Händchen der Freundin, die feinen Finger schoben sich kreuzweise in die plumpen, dann beugte sich der schwarze zerzauste Kopf über das blonde Lockenköpfchen, küßte es zwischen die Augenbrauen mit einem kecken, schnalzenden Kuß, und dann sägte die Roserl helllachend mit den verschlungenen Händen hin und her, bis das Zwergenprinzeßlein selbst mitjubelte.
„Da sieh’, Onkel Eugen, wie fröhlich Blanche ist, und sie wird so gut bleiben, wird nicht weinen, wird hübsch mit der... wie heißt Du?... Du!?“
„Rosi.“
Mit einem halb mitleidigen Blick schaute die Dame, welche unbemerkt eingetreten war, herab auf die erstaunte Kleine, die noch dunkler, zerzauster und ärmer dastand neben der glänzenden, hohen, schönen Gestalt. Die Roserl hatte noch nie eine Frau im Ballstaat gesehen, sie stopfte ihre Hand in den Mund und glotzte hinauf zu dem leuchtenden Wesen, duckte sich klein zusammen und versteckte ihre nackten Füße.
Zugleich mit der Baronin war ein grünblasser Herr eingetreten. Er schleppte die Füße faul nach, so als ob ihn jemand zwingen würde, sie zu bewegen. Der Mann war noch sehr jung, vielleicht sogar jünger als die stattliche Frau, aber er sah doch alt aus, seine Haltung, sein müdes Gesicht und seine Augen machten das; er hob immer die Lider zur Hälfte, nur wenn er die Baronin ansah, öffnete er die Augen groß. Gelangweilt setzte er sich in den einzigen Lehnstuhl, der am Fenster stand, steckte die Hände in die Hosentaschen, streckte die Beine lang vor sich, ließ den Kopf sinken und berührte mit der Spitze seiner großen geraden Nase manchmal die Rose im Knopfloch seines Frackes. Nach einer Weile putzte er an seinen glänzenden schmalen Fingernägeln herum, strich die rothblonden dünnen Haare tiefer in die Stirne und schaute mit verächtlicher Gleichgültigkeit auf die zierlichen Möbel und so im Vorbeiblicken auch auf Blanche. Plötzlich aber bekam das öde junge Gesicht einen dummen Ausdruck, Herr Eugen entdeckte so spät erst die kleine zusammengekauerte Roserl und rief mit näselnd-trägem Ton das fremde Kind heran.
„Du! Dingsda! komm her! — Das sieht komisch aus, Claudine,“ schnarrte er, der Baronin zugewendet. „Wie oft wäscht Dich Deine Mama im Jahre, Du Range?“
„Hab’ keine Mamaah, wasch’ mich alle Tag’ selber, und alle Samstag thut’s meine Mut...“ schrie die Roserl aus lauter Verlegenheit und schob sich mit eingeknickten Knien, gebückt, damit das Röcklein die schuhlosen Füße decken möge, dem Frager langsam zu.
„Es ist schon gut, schon gut!“ Er hielt sich zuerst die Ohren zu und winkte dann abwehrend mit der Hand.
„Behalte Deine Mama lieb,“ flehte die schöne Frau.
„Claudine!“
„Gleich, Eugen!“ erwiderte die Baronin, und sie küßte die kleine Blanche noch einmal, drückte das liebliche Köpfchen ihres Kindes in die Kissen und sagte kosend:
„Blanche, mon petit ange, süßes, schönes, einziges Kindchen, chéri, ich bitte Dich, weine nicht.“
„Nein, Mama.“
„Soll die Rosi bei Dir bleiben?... Ja!... So spiele mit ihr, was Du willst; begehre von Finette, was Dir Freude macht,“ sagte die Baronin fieberhaft und beugte sich tiefer zu dem Kinde.
Blanche nickte und lächelte freudig und fragte dann leise: „Kommst Du manchmal zu mir herab, Mama?“
„Gewiß, so oft ich fort kann, mein süßer Liebling,“ und dann flüsterte sie ganz leise, nur hörbar für das Kind, dieweil sie flüchtig hinüberspähte zu Eugen: „Wenn Du gut bist, dann kommt bald Dein Papa zu uns und dann wird Alles... Alles anders werden...“
Das Kind schaute sie mit weit offenen, leuchtenden Augen an und nickte unmerklich.
„Aber Claudine!“ mahnte die langsame gleichgültige Stimme des Onkels, und er zog die Oberlippe so sonderbar in die Zähne, daß sich sogar die Spitzen des röthlichen dünnen Schnurrbartes herabsenkten, und er zischte:
„Adieu, Blanche! Mama muß jetzt endlich fort!“
„Warum?“ fragte die Kleine eigenwillig.
„Weil sie einen Ball giebt, mein Schatz, weil Deine Mama tanzen muß, weil sie so reizend tanzt, wie keine Frau auf Erden!“ seine Blicke hingen aufflammend an dem schönen Weibe; „jetzt weißt Du Alles, petite chate,“ schloß er wieder nachlässig.
Die Baronin legte ihren Arm in seinen und schritt rauschend knisternd hinweg durch die Zimmer. Blanche neigte sich vor und sah ihrer glänzenden Mutter nach, bis sich die Thüre hinter ihr schloß, dann wendete sie das Köpfchen ihrer Spielgenossin zu, die immer noch wie versteinert auf demselben Flecke stand und noch immer nach der Thür starrte.
„Meine Mama ist sehr schön, nicht wahr?“ fragte Blanche.
„Ich glaub’s! wie die Maria-Zeller-Muttergottes hat’s ausgeschaut, wenn sie die echten Perlen um hat und das blauseidne Kleid an hat beim Einzug, wenn sie’s auf der Blumenbahr tragen, wenn sie die goldene Krone aufhat, wenn in der Kirchen die Lichter anzündt sind, wenn...“
Der Roserl ging der Athem aus, sie schaute sich verwirrt im Zimmer um, erwischte mit einem Griff die feine Spitzenüberdecke des Bettleins, die abseits lag, hing sich das blauweiße Gewebe um die Schultern, so daß sie es lang hinter sich herzog, und ging auf den Zehenspitzen die Zimmerreihen hindurch bis an die letzte Thüre. Lachend hatte ihr Blanche nachgesehen.
„So geht Deine Mamaah!“ sagte ernsthaft die Roserl, als sie mit ihrer Schleppe wieder hereinstolzirt kam.
„Ist Deine Mama auch so schön wie meine?“ fragte das Kind.
„Meine...? Uihjeh!...“
Der Roserl schwebte plötzlich das verrunzelte, harte, zahnlose Gesicht der frühgealterten Frau Kathi vor, die groben Röcke, die immer feucht waren vom Gürtel bis zum Saum, weil das Weib doch fort und fort wusch oder Wasser herbeischleppte... Und gar die weißen vollen Arme der Baronin!... Ach ja, weiß von Seifenschaum waren die Arme ihrer Mutter auch, und dunsteten, wenn sie plötzlich aus dem heißen Wasser herausfuhr, aber voll?... Die Vergleiche huschten nur so durch den findigen Kopf, und das junge lachende Gesicht wurde allmählig ernst, aus dem verwundert-spöttelnden Ton wurde ein unbewußt-mitleidsvoller.
„Ich bitt’ Dich. Blanscherl, was denkst,“ sagte die Roserl kleinlaut; „meine Frau Mutter!... Alleweil steht’s beim Waschtrog, und krumm ist’s auch, und lauter graue Haare hat sie, und ein einziges zimmetbraunes Sonntagskleid...“
„Hat sie Dich so lieb wie mich meine schöne Mama?“
„Kriegst Du nie Schopfbeutler?“ fragte die Roserl erwägend.
„Was ist das?“
„Na weißt, das ist so,“ die Kleine fuhr in ihre zerzausten Haare, schüttelte sich selbst ingrimmig den Kopf und gab sich zum Schluß nach rechts und links eine tüchtige Ohrfeige. „So ist’s!“ sagte sie dann erklärend.
Die vornehme Freundin schaute dem ganzen Gehaben sehr aufmerksam zu und lachte.
„Du, das ist gar nicht zum Lachen!“ betheuerte die Roserl, „und wenn Du es nicht kennst, dann wird Dich Deine Mamaah schon lieber haben, wie mich meine Frau Mutter.“
„Und wie heißt das?“ Blanche griff mit ihren feinen Händchen in die struppigen Haare der Andern und zog sachte.
„Schopfbeuteln... Na hörst, aber was Du Alles nicht kennst.“
„Meine Mama hat nicht Zeit, mir viel zu sagen, Finette singt mir vor, aber mein Papa hat mir früher viel erzählt, weißt Du...“ den Rest flüsterte sie der Roserl in’s Ohr.
Draußen fuhr Wagen um Wagen an, es wurde geräuschvoll lebendig auf dem Flur und auf den Treppen... Vor dem Gitter sprachen die Kutscher in lärmender Weise miteinander, die Pferde wieherten und stampften die Erde, Wagen rollten wieder davon und manchmal sang eine frische lustige Stimme ein kurzes Lied, dann schwiegen die Andern, eine Weile zuhorchend. Als es dunkel wurde verstummten Alle lange Zeit, später drang nur ein abgedämpftes Gesumme bis in das Stübchen...
Am Gitterthor und im Vorgarten wurden die großen Laternen angezündet und ihr röthliches Licht fiel durch die hohen Spiegelscheiben hinein, das Feuer im Kamin sang und flüsterte geheimnißvoll, hie und da raschelte es an der Decke, als ob ein Mäuslein droben über die Diele huschte. Die beiden Kinder steckten die Köpfe zusammen und lauschten, bald aber wurde es ganz still... kein leichtfertiger Menschenlaut klang herein, ein keuscher Friede trennte die beiden Kinderseelen von der heißen Luft, die sich über ihren Köpfen vorbereitete zum Tanz. Das lispelte eng aneinander gerückt hinüber und herüber in hastigem kindlichem Gewispere, und die dunklen Augen der kleinen Blanche hingen mit sehnsüchtiger Neugierde an den Lippen ihrer Freundin, die so eindringlich von dem Nikolo und dem Krampus zu erzählen wußte, „der gerade heute Abend zu allen braven Kindern kommt“.
„Dort in der Stadt, wo wir immer waren, kam er aber niemals zu uns,“ flüsterte Blanche.
„So?... Na weißt, er hat Dich halt noch nicht kennt’, Du warst noch zu klein, aber wart’, heut wird er schon zu Dir kommen, der Nikolo, und einen Krampus wird er Dir bringen von lauter süßen Zwetschken und Mandeln, die essen wir dann morgen miteinander.“
„Ach! was Du Alles weißt, Roserl!“
„Ja. Aber Deine Schuh!“ das Kind lief herum und suchte, und fand endlich ein Paar kleiner Schuhe; sie kletterte auf den großen Lehnstuhl, öffnete mühsam das Fenster und stellte geschäftig die Schuhe zwischen die beiden Scheiben.
„Was thust Du?“
„Pass’ nur auf, was da morgen Alles drinn sein wird,“ sagte die Rosi mit ahnungsvoller Wichtigkeit.
„Hörst Du!“ lispelte Blanche und zeigte hinauf an die Decke und gab mit dem Köpfchen den Takt, denn verlorne Musiktöne schwebten nieder und zuweilen erschütterte eine jähe Bewegung die Wände, sodaß die Fensterscheiben leicht erklirrten.
„Jetzt muß meine Mama schon tanzen, nicht wahr?“
„Freilich,“ erwiderte die Roserl hinaufhorchend, „und ich schau, ob der Nikolo schon bei uns ist. Weißt, sonst geben mir die Andern nichts, wenn ich nicht dabei bin. Ich bring’ Dir dann gleich den Zwetschkenkrampus! gelt?“
Die Roserl lief davon...
Das einsame Kind legte sein Köpfchen wieder in die Kissen und lauschte... Ueber die helle Zimmerdecke liefen die Schatten von Pferden und Wagen, wenn sie draußen vorbeifuhren, und manchmal flog ein weißer Lichtstreifen, den sie zu haschen suchte, über ihre Kissen und lief die Wände hinan und verschwand oder verschwamm mit dem, der ihm folgte. Das war ein ganz lustiges Spiel, die kleinen Fingerchen waren immer hinterher, und freundliche Gedanken flogen hinauf zu der schönen Mama. Die Musik droben spielte schon viel lauter auf, sodaß die Ampel, die vor dem Bette hing, stoßweise schwankte. Geduldig wartete das Kind auf die Mutter und auf die kleine Freundin mit dem Krampus, diese unbekannte Gestalt drängte sich dem regen Kindersinne immer wieder zu. Blanche kümmerte sich nicht viel darum, als die Französin hereingetänzelt kam, eine Kerze in die Ampel schob und die Tasse Suppe brachte, die nun einmal jeden Abend getrunken werden mußte.
„Die Rosi kommen gleik!“ rief sie tröstend und flatterte wieder davon.
In der „blauen Gans“ hatte aber die Roserl einen harten Strauß zu bestehen; ihre Brüder, eine Schaar wilder Buben, hatten entdeckt, daß hinter dem Nikolaus der Laternanzünder steckte, der lange Mann hatte sich einen Bart und eine Perrücke aus weißer Baumwolle zurecht gemacht, das weiße Brautkleid der Fuchskäthe angezogen, natürlich nur den Rock, darüber hatte er einen rothen Fenstervorhang als Mantel umgethan und eine hohe Bischofsmütze aus Goldpapier war mit Stricknadeln an die Perrücke gesteckt. Dem heiligen Nikolaus ging es noch gut, sie hatten vor seinem Anzug, vor dem Backwerk, den Nüssen und Aepfeln, die er jedes Jahr brachte, und auch vor dem groben Laternanzünder selbst, den sie später auch erkannten, eine gewisse Achtung, aber der Krampus, der arme Knecht Ruprecht, ein harmloser Jüngling mit schwachen Beinen, der mußte das Spiel bezahlen. Der Bedauernswerthe, er war Hausknecht bei der Frau Kathi, hatte einen großen kupfernen Waschkessel auf sein Haupt gestülpt, so daß die rußbedeckte Außenseite des Kessels schwarz anzusehen war, seine dünne Gestalt war durch einen schwarzen Kutscherpelz verhüllt, den er umgekehrt hatte und der nur das rauhe Schaffell zeigte. Diese furchtbare Erscheinung zog eine eiserne Wagenkette rasselnd hinter sich her und schwang drohend einen neuen Ruthenbesen.
Die große Waschküche in der „blauen Gans“ war auch an diesem Tage der Ort, an welchem das Nikolofest gefeiert wurde, es sah aber auch blank und heimlich darin aus. Der Ziegelboden war frisch roth angestrichen, alles Holzgeschirr mit weißem Sand so sauber gerieben, daß es schimmerte, die Waschtröge standen umgestürzt auf dem Boden rund herum an den Wänden und darauf saßen die Väter und Mütter wie in einem Ballsaal. Auf dem großen offenen Heerde brannten dicke Scheite, das machte zugleich warm und licht, denn die Oellampen, die von der Decke niederhingen, waren nicht viel werth. Mitten in der Küche stand ein langer schwerer Tisch, der an Werktagen zum Einseifen der Wäsche gehörte, der war spiegelblank gescheuert, da brannten auch ein Dutzend Unschlittkerzen, die anstatt in Leuchtern in großen ausgeholten weißen Rüben steckten. Um den Tisch trippelten und liefen die Kinder der „blauen Gans“ herum und erwarteten mit fieberhafter Neugierde den Nikolo. Die Einen murmelten die Gebete, die sie hersagen mußten, die Anderen wiederholten halblaut ihre Aufgaben, die Mädeln legten ihre Handarbeiten zurecht, und die kleinsten Kinder zitterten und bebten halb aus Furcht, halb aus Freude. Groß und Klein aber war immer in einer Festtagsstimmung, die frischgetünchte Küche, die umgekehrten Waschtröge und neugewaschenen Werktagskleider brachten das mit sich...
Der Nikolaus trat ein, hinter ihm die unheimliche Krampusgestalt. Im ersten Augenblick wirkten die Beiden so verblüffend, daß die ganze Schaar sich in die Nähe des Heerdes drängte, dorthin, wo das meiste Licht war. Als aber der Schwarze mit der Kette rasselte und hinter seinem Kessel eine unmögliche Sprache gurgelte, da brach ein erschütterndes Geheul los und die Hälfte der Kinder lagen zerknirscht auf den Knieen.
„Du, der Drampus hat ein Loch in Stiefel, bei der drohen Zehen; weißt, wer solche Stiefeln haben thut?“ flüsterte in diesem schauerlichen Augenblick der Xandi seinem älteren Bruder zu.
Der kleine Knirps war der schlaueste Bube im Hause, er gab seiner Schwester, der Roserl, nichts nach an Findigkeit und Uebermuth, bei den meisten Schelmenstreichen war sie die Seele und er der ausführende Leib.
„Ein Loch? — Meiner Seel! — Der Ferdl hat solche Stiefeln, unser Hausknecht, na wart!“ Der Aeltere zischelte die merkwürdige Entdeckung weiter.
„Richtig, und der Frau Mutter ihren Waschkessel hat er auf! ich kenn’ ihn, weil der Henkel einen Sprung hat,“ piepste ein kleines Mädel.
„Und dem Lohnkutscher sein Pelz hat er verdreht an! na wart, wenn uns der prügeln will beim Beten!“
So grollte der Aelteste, und als ob diese Worte das Unheil heraufbeschworen hätten, begann der Nikolaus mit tiefer feierlicher Stimme:
„Franz! Du thust schon lang in die Schul-e geh’n, geh-en,“ verbesserte sich der Heilige, „alsdann mußt Du auch etwas gelernt-et hab-en. Was thust Du könn-en fang-e an?“
„Was thust Du könn-en?“ widerholte der Krampus hinter seinem Waschkessel.
„Dich auf die Erd’ setzen, dummer Bub’! das kann ich,“ schrie der Franz und gab dem hülflosen Krampus mit seinem Knie einen gewandten Stoß in die Kniebeuge.
Der Schwarze knixte zusammen und fiel dann der Länge nach hin, der Kessel rollte fort und das dunkelrothe entrüstete Gesicht des armen Ferdinand tauchte auf. Der heilige Nikolaus suchte seine Würde gegenüber den Empörern zu wahren, er ging mit langen Schritten davon, früher aber stellte er noch den Korb mit der Bescheerung, die draußen vor der Thüre stand, auf die Schwelle. Diese besonnene That rettete auch den verunglückten Krampus vor weiteren Püffen, er mußte den Korb an den Tisch schleppen und die aufgeregten Mütter begannen unter Schelten und Lachen auszukramen und auszutheilen.
In dieses Getümmel kam die Roserl hereingeflogen, kreischte, als sie den zerzausten Krampus beschämt herumtappen sah, stürzte auf den Tisch los und erraufte sich die schönsten Aepfel und Nüsse, das beste Backwerk und den größten Zwetschkenkrampus... Sie band unter steten Anfechtungen Alles in ihre Schürze, nahm den Krampus fest in ihren linken Arm und puffte sich wieder bis an die Thüre durch, als Siegerin sprang sie über die Schwelle hinaus und fragte wenig um den Lärm, der sich hinter ihr doppelt empört erhob.
„Roserl! Roserl!“ hörte sie noch die Mutter schreien, als sie über die Straße stampfte und den Krampus an ihr Herz gepreßt hielt. Sie lachte vor sich hin, weil ihr der Raubzug geglückt war, und sprang lustig mitten in die Kothlachen, nur damit sie schneller hinüber kommen möge zu der einsamen Blanche.
Da lag auch schon das laute neue Haus und leuchtete in die Nacht hinaus; sie lief athemlos vorwärts durch den Vorgarten und die Stufen hinan. Am Hausthor stand ein fremder Mensch, der in einen weiten dunklen Pelzmantel gehüllt war, sein Gesicht hatte er halb von einer hohen schwarzen Mütze und halb von einem langen schwarzen Bart verdeckt, nur die bleichen Wangen und die großen, beinahe leuchtenden Augen sah das Kind, als es an ihm vorbeihuschen wollte... „Jesus Maria!“ murmelte es entsetzt.
„Wohin gehst Du?“ fragte der Fremde, beugte sich nieder und faßte den Arm der Roserl.
„Da hinein, zu meiner Freundin, zu dem kleinen Baronmädel, zu der Blanscherl,“ stotterte sie.
„Du?!“
„Ja,“ sagte das Kind ängstlich und ärgerlich, „lassen’s mich aus.“
„Warum gehst Du... arme Kleine... zu... zu der Andern?“ und der Mann betrachtete erbarmungsvoll das junge Wesen in den dürftigen Kleidern.
„Weil’s ganz allein ist, ihre Mamaah...“
„Ganz allein?“ fragte der Mann erstaunt.
„Ja, und weil’s kein Nikolo und kein Krampus kennt, drum bring’ ich ihr den da. Aber jetzt lassen’s mich aus,“ drängte die Roserl.
„Führe mich zu der Blanche... Gieb mir Dein Geschenk... Sei stille... Es darf mich Niemand sehen... Vorwärts!...“
Der Mann zitterte am ganzen Leibe, er nahm den Krampus in die Hand und folgte der Roserl, die gar nichts zu thun wußte als dem Fremden zu gehorchen. Das Kind vergaß sogar die Schuhe auszuziehen, sie trippelte, auf den Pelzmann zurückschauend, durch die Zimmerreihe. Blanche saß in ihrem Bettchen und wartete. Als die Roserl mit leeren Händen mitten in dem Schlafstübchen stand, wurde sie noch angstvoller, doch sie besann sich nicht lange, leerte ihr Fürtuch auf die seidene Decke, zeigte hinter sich und flüsterte:
„Wart nur, da kommt schon der Krampus nach... da hast Aepfel und goldene Nuß’! und... mußt nicht weinen, mußt Dich nicht fürchten... weißt, ich... ich fürcht’ mich jetzt selber... Jesas! da ist er!“ zeterte das Kind und hielt beide Hände vor die Augen.
Da stand er in der Thüre...
Gleichsam zur Entschuldigung, zur Beruhigung zum Gruße hielt er dem kleinen Mädchen das armselige Spielzeug entgegen, weil es mit furchtsamen Augen auf die dunkle Gestalt blickte. Der Mann stand bewegungslos, er wagte keinen Schritt weiter vorzugehen, er schaute nur wie verzückt auf das schmale Gesichtchen.
Blanche griff nach dem Arm ihrer Freundin, während sie immer noch furchtsam hinübersah. Plötzlich aber zuckte das kleine Antlitz in verhaltenem Lachen... bezwang sich ein wenig, und dann aber jubelte das Kind kichernd:
„Das ist der Krampus!?“
Als hätte die feine Kinderstimme den Bann gebrochen, als fielen schwere Ketten von seinen Händen und Füßen, als ströme jählings ein Meer von Duft, Licht und Wohllaut in den kleinen Raum, so befreit jauchzte der Mann auf, schleuderte Mütze und Mantel fort, fiel vor dem Bettchen auf beide Kniee und hielt unbewußt das Spielzeug noch immer dem Kinde entgegen.
„Papa!... Du bist es, mein Papa!... Du bist...“
„Meine Blanche! mein Herzenskind, ich habe Dich wieder, mein Kind, mein Kind, mein Kind...“ Der starke Mann legte seinen Kopf an die Brust des kleinen Wesens und weinte, weinte, als ob er alle Schmerzen hinwegspülen könnte von seinem eigenen Herzen und von denen aller armen leiderfüllten Menschen mit den bitteren und doch beseligenden Thränen. Sein Kind aber saß ruhig über ihn gebeugt und lächelte vor sich hin, die zarten Händchen hielten den großen Kopf des Vaters fest.
Und wieder schwebten lustige Walzerklänge nieder und die Decke schüttelte sich in leichter Bewegung, daß die Ampel schwankte und die Scheiben klirrten. Das kleine Mädchen aber wisperte fröhlich:
„Hörst Du die Musik, Papa?“
„Ja Süßlieb, was ist das?“
„Mama giebt einen Ball.“
„Einen Ball!?“ fragte er ungläubig.
„Ja, Onkel Eugen sagte, Mama muß tanzen!“
„Oh!... und Du bist allein, meine arme Blanche?...“
„Nein Papa! die Roserl war da.“
Der Mann schaute voll Verachtung auf die prunkenden Möbel, dann winkte er gleichsam zum Abschied mit der Hand hinauf an die Decke und flüsterte langsam, zaghaft, mit einem beruhigenden zärtlichen Lächeln: „Blanche, mein kleines Mädchen, Du fürchtest Dich jetzt nicht mehr vor mir?“
„O nein Papa, ich freue mich, daß Du wieder bei uns bist, ich war immer gut, damit Du bald kommen sollst.“
Der Baron nahm die zarten Hände der Kleinen in die seinen, küßte ihre Augenlider zärtlich und sagte:
„Ich kam zu Dir, Blanche, für Mama kam ich unerwartet ... sie ließen mich von dort, wo ich war, früher fort. Daran dachte Mama nicht...“ Er horchte, es wurde oben lustig weitergetanzt.
Der Mann nahm seine Mütze und seinen Mantel wieder auf, ein fester Entschluß sprach sich in jedem Blick, in jeder Bewegung aus, auf seinem Gesichte jedoch lag Sorge und Zagen, besonders, als er wieder zu sprechen anhub.
„Möchtest Du fortfahren mit dem Papa, Blanche? ... spazieren,“ setzte er rasch hinzu, und dann sagte er zögernd und mit demselben beruhigenden angstvollen Lächeln, „draußen steht ein schöner Wagen mit weißen Pferden, die haben Schellen und große Federbüsche!... Willst Du mitfahren und immer bei Papa bleiben?“
„Ja, ja! ich will fahren! Aber Mama?“
„Lasse... Sie wird kommen, wenn sie genug getanzt hat...“
Der Mann packte die zarte Gestalt in die Kissen und Decken des Bettes, schlug den weiten Pelzmantel um diesen kostbaren Bündel und schlich wie ein Dieb hinaus durch die Zimmer, über den hellerleuchteten Flur und den Vorgarten, und als er ungesehen die Straße erreicht hatte, rannte er hinüber bis zu den nächsten Häusern, die im tiefen Schatten lagen. So schnell, als sie die kurzen Beine trugen, lief die Roserl hinterher, und erst als der Baron vor dem Wagen stand, der dort auf ihn wartete, beachtete er das Kind. Er beugte sich nieder, zog die kleine rothe Hand an seine Lippen... griff in die Tasche und flüsterte:
„Halte Dein Schürzchen auf.“
Als die Roserl das that, fielen zwei Hände voll Gold- und Silbermünzen hinein, dann ließ der Baron sie den Mund seiner Tochter küssen, legte flüchtig seine Hand auf ihren Kopf: „Gott segne Dich!“ sagte er, sprang in den Wagen und fuhr davon.
Das Alles geschah so schnell, daß die Roserl weder denken noch reden konnte, sie hielt nur ihre Schürze zusammen, stand betäubt mitten im Straßenkoth und schaute dem davonrollenden Wagen nach. Erst als die Laterne bei einem Buge der Straße verschwand, schrie sie laut auf und rannte ein Stück nach, dann kehrte sie verstört um und lief auf das neue Haus zu, aber auch dort prallte sie muthlos zurück und trabte durch Dick und Dünn hinüber in die „blaue Gans“... Sie stürzte in die Waschküche, leerte ihr Fürtuch auf dem Tische aus, kauerte sich neben ihre Mutter auf den Fußboden und weinte laut in die Röcke der verwunderten Frau:
„Mußt nicht tanzen, Mutter, sonst kommt Einer und stiehlt mich!“