Frau Erika lächelte beklommen und hustete.

Das junge Mädchen stand auf.

»Ich habe Ihre Güte zu lange in Anspruch genommen, gnädige Frau ... Sie müssen sich pflegen, zu Bett gehen, Aspirin nehmen ... verzeihen Sie! ...«

»Nicht doch, liebes Fräulein. Ihr Besuch ist mir sehr lieb gewesen. Sie haben mir einen so frischen Wind hereingebracht ... und dann all die Erinnerungen ... Sie müssen wiederkommen ...«

»Gern, wenn ich darf,« sagte Fräulein Marta und drückte die Hand, die sich ihr entgegenstreckte.

»Telephonieren Sie aber vorher,« bat Frau Lohrer, »ich bin so viel aus.«

Sie geleitete sie bis auf die Diele und küßte sie auf die pralle, frische Backe, was die treue Lina, die die Außentür öffnete, staunend und mißfällig bemerkte.

Frau Erika wurde rot und ging schnell in ihr grünes Zimmer zurück.

Eben steckte Doktor Lohrer den kurzgeschorenen, blonden Fuchskopf zur Tür herein.

»Die Luft rein?« fragte er. »Was bedeutete denn das? ... Das war ja die unverfälschteste Robert-Johannes-Vorstellung ... Und nach nassen Kleidern und Schmierstiefeln hat dein Besuch auch gerochen ...«

»Oh ... ich bitte dich ... es war ...« Und nun erzählte Frau Erika ihrem Mann, sehr heiser, aber mit einer Spur von Freude im Ton, von dem jungen Mädchen aus der vergessenen Heimat. Herr Doktor Lohrer hörte schweigend zu und sagte dann:

»Peinlich! ... hoffentlich kommt sie nicht wieder ... Sie soll jedenfalls nicht angenommen werden ...«

»Ja, warum nicht? Ich will sie gerne wiedersehen, und ich habe sie eingeladen! ...«

»Aber ... aber! Unbesonnen bis zum Übermaß,« tadelte Herr Doktor Lohrer sanft. »Verzeih', liebes Kind ...«

»Ja, erkläre mir ...«

»Nun, findest du es angenehm ... wenn vergangene Geschichten ... ich möchte nicht undelikat sein, aber ... verzeih' ... es läuft noch mancher in der alten Gegend herum, der durch deines Vaters ... sagen wir ... Versehen ... um Haus und Hof gekommen wäre – wenn ...«

»O! ...«

Frau Erika seufzte schwer.

»Nun, nimm es nicht wieder tragisch, Liebe,« sagte er beruhigend. »Es ist ja alles geordnet. Aber ich meine doch, gerade jetzt –, wo wir eine Position zu erhalten – eine noch höhere zu erwarten haben ... muß man vorsichtig mit allem sein, was nicht ganz durchsichtig – nicht ganz ...«

»Ich bitte dich ... laß das ... du hast recht ... sicher ... aber ...« ein heftiger Hustenanfall unterbrach sie.

»Nun, siehst du ... ich weiß es ja, daß wir immer einer Meinung sind, liebes Kind ... Übrigens siehst du schlecht aus ... und dein Husten ist auch nicht besser. Ob wir nicht gut daran tun, auf die Philharmonie heute zu verzichten?«

»Sicherlich,« sagte Frau Erika. »Ich fühle mich gar nicht frisch.«

»Und übermorgen, für die Sitzung im Unterrichtsministerium, mußt du es ja unbedingt sein, liebes Herz. Das ist für den ganzen Winter von großer Tragweite ... Die Erkundigungen wegen der verschämten Armen, die du Exzellenz Berens abgenommen hast, sind erledigt, nicht? ... Du weißt, daß du Exzellenz übermorgen triffst? ...«

Frau Erika nickte.

»Bis auf eine,« sagte sie tonlos ... »Du bist sehr gut, daran zu denken.«

Er strich leicht über ihr Haar und zog mit spitzen Fingern die weiße Locke tiefer in die Stirn.

»Abends werde ich dann allein etwas unternehmen, wenn du einverstanden bist ... Die Philharmonie lasse ich auch ...«

Natürlich war Frau Erika einverstanden, und die treue Lina telephonierte einen zusagenden Bescheid des Herrn Doktor nach der Eichstädter Straße.

... Als der Abend gekommen war und eine fast fühlbare Stille über den Räumen lag, in denen eine feingestimmte Beleuchtung die Farbenzauber des Tages geheimnisvoll vertiefte oder verschwimmen ließ, ging Frau Erika, das ungewohnte abendliche Alleinsein unbewußt genießend, in der Zimmerflucht hin und her.

Ihre Gedanken wanderten erst in den gewohnten Geleisen:

... Bazar für das Säuglingsheim ... Toilette dazu ... Anprobe ... Sie sah in ihrem Notizbüchelchen nach, wann? ... zwei five o'clocks ... die Erkundigung nach dem lahmen Mädchen für Exzellenz Berens ... Neue Franzosen bei Cassirer ... Zwölf-Personen-Diner im Hause ... Das alles tauchte kraus durcheinander in ihren Überlegungen auf.

Aber sie war dabei voller Unruhe, und wahrscheinlich fieberte sie, – denn mitten in diesen notwendigen und auch wichtigen Tageseinteilungen glaubte sie beständig die Stimme ihres Vormittagsgastes zu hören, die sehr laut geklungen haben mußte ... Daher wohl auch die Eindringlichkeit der Worte, die schließlich doch nichts anderes gewesen waren, als der Ausdruck erwartungsvoller Lebensfreude, – wie sie selbst sie vor Jahren hätte aussprechen können ...

Damals ... als sie das Studentenlied von dem lustigen Musikanten gesungen hatte ... wenn sie das wirklich gewesen war ...

Sie versank in Grübeln und Brüten, und verscheuchte Erinnerungen rangen sich zaghaft wieder hervor.

... Jetzt ein Bild ... ein Brief mit guten Worten aus längst vergangenen Zeiten ... oder etwas von den kleinen Heiligtümern, die ihr als Reste von dem jauchzenden Leben des Kindes übrig geblieben waren.

Ihr Mann nannte das Ballast, und alle Dinge, die nicht in den Stil des neuen Lebens paßten, hatten wohlverpackt auf dem großen Boden des Saalfelder Hauses zurückgelassen werden müssen.

Aber eine kleine Kiste fiel ihr ein, die irrtümlicherweise mit nach Berlin gekommen war, und die sie nicht hatte öffnen lassen, weil sie wußte, daß sie nur Wertloses enthalten konnte.

Heute hatte sie Sehnsucht, irgendeinen Gegenstand aus jenen vergangenen Zeiten vor sich zu sehen.

Sie klingelte und gab den Befehl, die kleine Kiste herbeizuschaffen.

Die treue Lina zog die Augenbrauen in die Höhe. Das Kistchen stünde wohl auf einer Bodenkammer, aber da wäre doch, soviel sie wüßte, nur ein Porzellankopf drin ...

Ob sie es denn geöffnet hätte? ...

Jawohl, die gnädige Frau würde sich doch erinnern, daß sie es selbst befohlen hätte ...

Nein, – sie erinnerte sich nicht, wiederholte aber den Wunsch, die Kiste bei sich zu haben.

Die treue Lina holte es also und setzte es mit einem leidenden Seufzer auf den perlmuttereingelegten Hocker, wo es plump und frech in der zarten Umgebung dastand.

Frau Erika konnte es kaum erwarten, den darin verpackten Gegenstand zu enthüllen.

Nun sie ihn in der Hand hielt, gab es eine große Enttäuschung.

Es war ein häßlicher Matrosenkopf in grell bemaltem Porzellan, wie ihn vor vielen Jahren, vielleicht zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, die Seefahrer aus England herübergebracht hatten. Die großen, hervortretenden Augen starrten. Blanke Goldringe steckten in den Ohren und eine Pfeife hing aus dem breiten, roten Mund. Den Schädel verdeckte ein schwarzer Lackhut, den man abnehmen mußte, wenn man zu dem Tabak gelangen wollte, der in dem hohlen Innern aufbewahrt wurde. Man spürte jetzt noch den schwachen Geruch, – – und wie lange mochte wohl nichts mehr darin gewesen sein? ...

Frau Erika schloß die Augen, und dann riefen die Erlebnisse aus den Kindheitstagen sie an, in die dieser Kopf von seiner Ecke her, oben auf dem eintürigen Schrank, hineingeschaut hatte.

Und wie sie den verödeten Gedankenwegen nachging, tauchten von Neuem lang vergessene Bilder in ihr auf. Einfache und bedeutungslose, – aber sie hauchten ein wunderlich starkes Leben aus ...

... Da war in dem kleinen Haus in der ostpreußischen Hafenstadt ein Stübchen, wie eine Schiffskabine ausgestattet ... Auf dem schwarzen Ledersofa sah sie den alten Großohm mit dem breiten, roten Gesicht und dem schneeweißen Bartkranz drum herum. Neben ihm, zart und fein, die kleine Großtante im schwarzen Kopftuch, lange, schmale Fidibusstreifen aus weißem Papier faltend.

Sie selbst auf kleinem Schemel neben dem Tisch. Es wurde stark duftender Tee aus hohen, goldenen Tassen getrunken, und kleine Gewürzkuchen gab es dazu, die die Großtante aus einer Blechbüchse hervorholte.

Und dann erzählte der alte Mann Geschichten. Wunderliche Geschichten ... von Seestürmen, ... von lachenden Küsten, wo die Menschen nackt gingen, – von Meerungeheuern, die die langen Arme aus dem Wasser reckten und sich mit tellergroßen Saugnäpfen am Schiffe festsogen, von den wilden Späßen, wenn man die Linie passierte ... und auch von dem Schattenschiff, das in der Meerenge Bab-el-Mandeb sein grausiges Wesen trieb.

Von den siebzehn Menschen, denen er dann hier in seiner Tätigkeit als Oberlotse das Leben gerettet hatte, erzählte wieder seine alte Frau, – und zuweilen kam auch ihre, Erikas eigene schöne, junge Mutter dazu und streichelte mit ihren weißen Händen die knotigen Gichtfinger des Alten und lachte so leise und lustig, wie nur sie lachen konnte, wenn er sie dran erinnerte, daß sie oben im Sund auf einem Heringsschiff zur Welt gekommen war. Und die Sonne funkelte in die Fenster des Puppenhäuschens, und abends kam der Mond und schimmerte auf den weißen Tauen und Segeln des Schiffes, das in der Mitte des Zimmers von der Decke hing – oder er glitzerte auf dem Matrosenkopf, der so lebendig zu werden schien, daß man sich ordentlich vor ihm fürchte.

Wie fluteten diese Bilder aus goldenen Kinder- und Ferientagen, einfach und doch so vielsagend, durch das Van-de-Velde-Zimmer!

Mit welch ergreifend rauher Stimme rief jenes Leben die weiche Existenz von heute an. Aber nun nicht weiter ... Nichts von Elternhaus, nichts von lustigen Ritten und tränenschwerem Abschied – nichts von alledem, was dann kam ... In Gedanken an der See bleiben – – bei den lieben, alten Leuten.

Frau Erika legte die heiße Stirn an den häßlichen Matrosenkopf – man konnte schon sagen »zärtlich«, meinte die treue Lina an ihrer Türspalte – dann setzte sie ihn behutsam auf die Schreibtischecke neben ein spiegeltragendes Tanagrafigürchen, dessen ausgestreckter zarter Arm sich gegen die gemeine Nachbarschaft zu wehren schien ...

Es war schon spät, und Frau Erika schlief unter dumpfem Brausen ein, das von irgendwoher kam. Sie wußte nicht, rauschte das fiebernde Blut in ihr, oder schlug die Ostsee mit langen, schäumenden Wellen an den Strand, den sie damals von den kleinen Fenstern des Lotsenhäuschens in Pillau hatte sehen können ...

Am nächsten Morgen wunderte sie sich über die Stimmungen des vergangenen Tages und glaubte, sie geträumt zu haben. Das Aufstehen wurde ihr schwer, die Glieder wollten ihr nicht gehorchen, und die Brust schmerzte sie beim Atmen noch mehr als gestern. Aber es ließ sich überwinden, und so saß sie beim Frühstück mit ihrem gewohnten Lächeln dem Gatten gegenüber, der, in seine Zeitungen vertieft, nicht auf sie achtete.

Schwindlig ging sie dann in ihr grünes Zimmer und legte sich auf die Chaiselongue unter die großen Latanie.

Der Matrosenkopf, den sie gestern mit so viel wehmütiger Zärtlichkeit auf den Eckplatz gestellt hatte, war heute in seiner rohen Häßlichkeit geradezu eine Verunstaltung des schönen Raumes. Und doch konnte sie die Augen nicht von ihm lassen und glaubte sogar, den schwachen Tabakgeruch zu verspüren, der doch nur in nächster Nähe zu merken war.

»Ich muß ihn fortsetzen, ehe Lovis kommt,« dachte sie, aber sie rührte sich nicht.

Und da trat Doktor Lohrer schon ein. Gedämpft fröhlich und mit aufmerksamem Lächeln um den spitzen Mund.

»Nun,« sagte er – »dir geht's also besser? ...«

Sie mußte jetzt »ja« sagen. Sie wußte, das erwartete er. Aber plötzlich regte sich der Wunsch in ihr, bedauert und gepflegt zu werden, und so sagte sie statt dessen:

»Nein, ich möchte mich am liebsten wieder zu Bett legen.«

»Wegen einer kleinen Erkältung, mit der du sonst die anstrengendsten Dinge unternimmst? Wenn du dich jetzt legst, bricht unfehlbar der Schnupfen los, der dich für morgen unmöglich macht.«

Sie schwieg.

»Hast du etwa die fade Absicht, die Sitzung und den Tee im Ministerium abzusagen?«

»Ich weiß nicht,« sagte sie ängstlich, »ob ich hinkann.«

Jetzt hatte er sich umgewendet und den Matrosenkopf gesehen.

»Erika« ... rief er ganz fassungslos vor Entsetzen ... »Bist du von Sinnen? ... Wie kannst du das Monstrum da vor dir dulden? ... Ist das etwa ein Geschenk von deiner neuen Freundin?«

Frau Erika bemerkte, wie aufgebracht er war. Sie lenkte ein.

»Verzeih ... ich ließ mich vielleicht wirklich etwas gehen ... das Scheusal da ist aus Versehen stehen geblieben ... Ein Überbleibsel aus meiner Kinderzeit ... ich will mir's aufbewahren« ...

»Aber möglichst unsichtbar, wenn ich bitten darf ... Und, – daß du dich auf deine Verpflichtungen besinnst und dich nicht hängen läßt, liebes Kind, freut mich, – ist aber wohl selbstverständlich.«

»Und du bist überzeugt, daß es sehr wichtig ist?« fragte Frau Erika, ohne Ton in der Stimme.

»Das ist doch keine Frage! ... Es hat Mühe genug gekostet, dich dahin zu lanzieren ... Da wir leider keine Kinder haben, will ich wenigstens für meine Person und für deine natürlich ... aber warum das immer wiederholen. Wir sind ja einer Meinung und haben uns oft genug darüber ausgesprochen ...«

Dieser in bösen Stunden immer wiederkehrende Hinweis auf ihre Kinderlosigkeit, vereint mit dem Vorwurf über ihren Mangel an Vorsicht bei jenem schrecklichen Unfall, der ihnen das Kind geraubt hatte, wirkte jedesmal auf Frau Erika, als ob sie zu Boden geschlagen würde. Wenn sie sich dann erhoben hatte, ging sie wieder gehorsam den gemeinsamen Weg.

Er war übrigens in ihren eigenen, wie den Augen der Welt weit entfernt davon, ein Dornenweg zu sein ...

Nach dem Lunch, als Herr Doktor Lohrer längst fortgegangen war, hatte Frau Erika noch ein paar Schwächeanfälle, Frost- und Hitzeschauer. Wenn sie dann die Augen zumachte, wollte sie sich von neuem die beruhigenden Bilder vergegenwärtigen, die sich gestern beim Anblick des alten Porzellankopfes eingefunden hatten.

Sie holte ihn auch wieder aus dem Schränkchen hervor, in dem sie ihn verborgen hatte, aber heute stand er einfach in seiner kulturlosen Häßlichkeit da und wollte ihr nichts Schönes erzählen.

Im Gegenteil – die Gedanken irrten von ihm ab zu verbotenen Wegen, auf denen einstmals alle Schrecknisse des Menschenlebens, Unglück, Sorge, Schande und Verlassenheit über sie hatten herfallen wollen ...

Und das waren Töne, die hier nicht anklingen durften ... Mit Gewalt mußten sie vertrieben werden ... Ein ander Bild ... ein frohes ... Galopp, Menuett und Walzer ... Nein, das war ja nicht jenes Lied, das sie als Kind mitgesungen hatte, wenn in den Sommerferien alt und jung vor der Tür des Lotsenhäuschens zusammensaß ... Das hieß doch: »Morgen, da geht's in die brausende See ... morgen, da geht's in die brau ... au ... sende See ...«

Sie fuhr auf ... Was war das? ... Sie phantasierte ja am hellen Tage ... Sie wollte vielleicht doch den Arzt kommen lassen.

Sie stand auf, um zu ihrem Telephon an den Schreibtisch zu gehen.

Da trat die treue Lina ein.

»Herr Doktor telephonieren eben, gnädige Frau möchte nicht vergessen, die Erkundigung Eichstädter Straße 9 einzuziehen ...«

»Eichstädter Straße 9?« fragte Frau Erika. Die treue Lina senkte bestürzt die gefärbte Tolle. Sie hatte den Auftrag eben von der Eichstädter Straße aus bekommen und, in Gedanken noch dort, diese vielgebrauchte Adresse versehentlich ausgesprochen.

»Ach nein ... nicht Eichstädter – Heilbronner Straße.«

»Ja gut, Heilbronner, ich hab's ja notiert,« sagte Frau Lohrer. »Bringen Sie meine Sachen, ich will dann gleich hin ...«

Sie mußte sich zusammennehmen ... Der Doktor hatte bis morgen abend Zeit ... nach dem Tee bei der Ministerin.

Es war schwer, mit den stechenden Schmerzen in der Brust, gegen den Wind anzukämpfen, und in den Gliedern lag's ihr wie Blei.

Alle melancholischen Schauer eines grauen Novembernachmittags gingen um ... Der erste Schnee war in losen Flocken gefallen und auf dem Pflaster zu schmutzigem Wasser geworden. Schwere, bleifarbene Wolken drückten sich immer tiefer in die Straße hinein, und ein leise winselnder, müder Wind versuchte hier und da vergebens, sie aufzujagen.

Es war noch früh, aber trübe Dämmerung verwischte die Umrisse der Häuser und Bäume. Menschen und Gefährte bewegten sich wie Schatten.

Von aufspringenden und wieder verschwindenden Gedanken gequält, ging Frau Erika ihres Weges, und weiter, als sie beabsichtigt hatte. Mitten in der Potsdamer Straße fiel ihr ein, daß sie mit ihren Brustschmerzen eigentlich gar nicht gehen durfte, und sie stieg in ein Auto.

Die zuletzt gehörte Adresse klang noch in ihren Ohren, und sie nannte sie: »Eichstädter Straße 9.«

Die Gegend, in die sie kam, war ihr fremd.

Phantastische Formen sprangen aus dem zitternden Nebel auf. Hier glitzerte ein Goldbeschlag aus massigen Steinen heraus – da grüßte eine fratzenhafte Maske mit aufgerissenem Rachen von einem hohen Torpfeiler herunter ... dort hob sich eine schwere schmiedeeiserne Einzäunung, hinter der Zypressen wuchsen, und nun ein Goldgitter ...

Wo war sie? ... Das Auto hielt. Sie zahlte mechanisch.

Aus dem Eingangstor des Hauses, vor dem sie stand, fiel ein breiter, blutroter Schein auf das nasse Pflaster und rang mit dem blendenden Lichte einer großen elektrischen Kugellaterne, die eben aufflammte.

»Alles Neubauten,« sagte ein Gedanke in dem fiebernden Hirn der kranken Frau. Und weiter:

»Wie bin ich hierher gekommen, so weit ab von meiner Wohnung ... und was will ich hier? ... Ach, das steht in meinem Notizbuch.« ...

Und Frau Erika drückte auf die Glocke.

Die Tür öffnete sich. Sie stand in einem roterleuchteten Vorraum, an dessen Wänden ein Gewirr von weißen Arabesken, Früchten, Masken und Putten lebendig zu werden schien ...

Und dann, während Frau Erika in ihrer Handtasche nach dem Notizbuch kramte, kam ein Wunder: Die weiße Tür links wurde aufgerissen – ein paar tappende Schritte ... und auf der obersten Stufe der Treppe die herunterführte, stand ein Bübchen in weißem, zottigem Mantel, die weiße Kappe aus dem blühenden Gesicht mit dem blonden Kraushaar geschoben, die dicken Händchen gespreizt ... und mit Augen, die ganz weit vor Verwunderung hinunterblickten ... mit Augen!!

Wie kam ihr toter Junge hierher?!?

»Mein Kind ... mein Bub' ... mein alles ... wo warst du so lange? ... wo haben sie dich versteckt? ... liebes ... liebes ...«

Sie war oben und riß das Bürschchen an sich.

Das war einen Augenblick stumm vor Schreck. Dann fing es zu strampeln und zu schreien an.

»Loslassen ... loslassen ... Mutti ... Mutti!«

»Was gibt's denn?«

In der offenen Tür stand eine schöne, lebenstrotzende Frau, im eng anliegenden Schneiderkleid, zum Ausgehen fertig.

Das blühende, breite Gesicht unter dicken, rotbraunen Haarwellen leuchtete vor Gesundheit. Jeder Muskel des starken Körpers schien von Kraft gespannt und geschwellt.

»Setzen Sie mal sofort den Jungen hin,« rief sie laut und grell. »Was bedeutet denn das? ... Ah ... Sie?!! ... Sie?!! ...«

Ihre Stimme überschlug sich. In den schmalen, glitzernden, grauen Augen brannte eine vernichtende Feindseligkeit auf ... das ganze junge Weib wand sich in Verlegenheit und giftigem Haß.

Frau Lohrer achtete nicht darauf.

Sie hatte den Buben zur Erde gleiten lassen und stand weiß und stumm da.

»Verzeihung,« sagte sie dann. »Er gleicht zum Verwechseln meinem verstorbenen Kinde« ...

Die schöne, kraftvolle Person hob das Bürschchen hoch, drückte es an sich und lachte laut und höhnisch auf.

Dann trat sie hastig in die Wohnung zurück und schloß die Tür hinter sich zu.

Frau Erika stand noch einige Sekunden da und starrte den Verschwundenen nach.

Der Portier öffnete sein Fenster und kam dann heraus.

»Zu wem wünschen gnädige Frau?« fragte er höflich.

Frau Erika schüttelte den Kopf und sagte nur: »Nach Hause.«

»Soll ich Auto besorgen?«

Sie nickte, achtete nicht darauf, wie lange sie wartete, und bemerkte auch das verwunderte Kopfschütteln des Portiers nicht, als sie ihre Adresse angab.

Die Augen fielen ihr zu, und sie fuhr aus dem Dämmerzustand erst auf, als der Wagen vor dem Hause in der Bendlerstraße hielt.

Wie im Schlaf ging sie hinauf, vorbei an der treuen Lina, die ihr beim Ablegen helfen wollte, und in ihr grünes Zimmer.

Eine beklemmende Angst nahm ihr den Atem. Sie wußte nicht mehr, wo sie war. Sie konnte nicht mehr Traum und Wirklichkeit unterscheiden – nicht mehr Leben und Sterben ...

Ja ... das blühende Leben hatte die Tür vor ihr zugeschlagen und ihr Kind im Arm davongetragen, und sie ... sie stand hier ganz allein, ganz fremd. Sie brauchte etwas, um sich daran zu halten ... denn sie fiel um ... irgendwohin in die Finsternis ... Aber da war nichts ... kein Mensch ... kein Ton ... kein Bild ... Nur Schönheit, bunter Farbenzauber, fremdes Gerät, an das sich kein Erleben knüpft ...

... Doch! ... Der Matrosenkopf stand noch von vorhin auf dem kleinen Tischchen neben der Chaiselongue und grinste ...

Nach ihm streckte sich ihre Hand aus.

Da fiel er zur Erde, gegen ein bauchiges Bronzegefäß, und zerbrach in ein paar große Stücke ... Frau Erika griff voll Entsetzen nach dem einen – es war ein Ohr, mit dem blanken Ohrring darin –, dann warf sie sich auf die Chaiselongue und fing fassungslos zu weinen an.

Nicht, wie ein Mensch weint, dem ein großer Kummer das Herz getroffen hat. Es war ein Winseln, wie das des müden Windes draußen, der die grauen Wolken nicht verjagen konnte. Ein jammervolles, grauenhaftes Weinen.

Die treue Lina beugte sich verständnislos zu der Liegenden.

»Fehlt der gnädigen Frau etwas?«

»Mein einziges, ... mein letztes« ...

Nur eine matte Handbewegung nach den Scherben am Boden.

Achselzuckend sah die Jungfer darauf nieder.

»Beruhigen sich gnädige Frau doch ... gnädige Frau schaden sich. Herr Doktor ist auch schon zu Hause und kann jeden Augenblick hereinkommen« ... Das jammernde Weinen hörte nicht auf. Leise und eintönig klagte es weiter.

Die treue Lina stand ratlos daneben und ließ in Gedanken die im Hause verkehrenden Herren an sich vorübergehen.

So irgendeine heimliche Geschichte mußte doch dahinter stecken! ... Was konnte nur geschehen sein? ... Sie hatte schon immer gedacht ... diese Stillen ... Ob sie nun nicht doch den Herrn rief?

Da schlug matt draußen das Telephon an.

Sie ging schnell hinaus und nahm mit überraschtem Aufschrei die Meldung entgegen.

Dann klopfte sie, nachdem sie die Bluse zurechtgerückt und den Rock über den Hüften heruntergestrichen hatte, an die Arbeitszimmertür des Herrn Dr. Lohrer.

Diese Stunde nun war die, in der er durchaus ungestört zu sein wünschte, – in der er die Geschäftsdispositionen für den übernächsten Tag ausarbeitete, – in der allein er auch vor sich selbst alle ästhetischen und gesellschaftlichen Rücksichten wegwarf und seiner eigentlichen Natur die Zügel schießen ließ.

Sogar die treue Lina hatte um diese Tageszeit doppelt tadellos zu sein, wenn sie, im Notfall, ihn an seinem Schreibtisch aufsuchen mußte.

Heute trat sie etwas hastiger ein als sonst.

»Darf ich Herrn Doktor stören?«

»Zum Kuckuck ... nein! Was gibt's? ...«

»Gnädige Frau liegt auf der Chaiselongue und weint ganz furchtbar.«

Doktor Lohrer drehte sich auf seinem Stuhl um. »Und?« ... fragte er eisig.

»Sie sagt, weil sie den gräßlichen Puppenkopf zerschlagen hat ... Aber ...«

»Aber? Nun? ...«

Die treue Lina trat einen Schritt näher:

»Aus der Eichstädter Straße telephoniert man eben ... die gnädige Frau ist in der Wohnung gewesen, – und es scheint, – sie hat den Bubi fortnehmen wollen ...«

Doktor Lohrer sprang auf.

Seine hohe, schlaffe Gestalt streckte sich, und sein schmales Fuchsgesicht bekam den gefürchteten Raubtierausdruck.

»Hallo!!«

Und er ging unverwandt in das Zimmer seiner Frau.

Der Anblick, der sich ihm bot, war nicht geeignet, seine Empörung über die verbrecherische Geschmacklosigkeit, von der er eben erfahren hatte, zu besänftigen.

Frau Erika lag mit verschobenen Kleidern, noch in Hut und Mantel, mit niedergesunkenem Kopf über der Chaiselongue und winselte wie ein gepeinigtes Tier.

»Erika,« ... rief Doktor Lohrer in fassungslosem Zorn.

Sie rührte sich nicht.

Er rüttelte sie an den Schultern. Der Körper gab nach, aber sie öffnete die Augen nicht, aus denen unaufhörlich die Tränen hervorquollen.

Er griff nach der herabhängenden Hand. Sie war behandschuht, aber er fühlte die Glut durch das Leder. –

Es war keine Frage, – seine Frau fieberte. Sie war krank, kränker leider, als sie es in Anbetracht der morgigen Sitzung im Unterrichtsministerium und der gesellschaftlichen Aussichten, die sich für den Winter daran knüpften, sein durfte. Und es war auch nicht an der Zeit, um Taktlosigkeiten, die in solchem Zustande begangen worden waren, zu rechten.

Mit Hilfe der treuen Lina wurde Frau Erika der Straßenkleidung entledigt. Eine sanfte Gewalt mußte angewandt werden, als die Hand, die den Scherben des Matrosenkopfes fest umklammert hielt, von dem Handschuh befreit werden sollte.

Dann erst durfte nach dem Arzt telephoniert werden.

»Wie konnten Sie die gnädige Frau in einem solchen Zustande ausgehen lassen?« ... schrie Doktor Lohrer die treue Lina an.

Sie wollte aufbegehren. Aber ein Blick in das verbissen grübelnde Gesicht und die zornigen Augen belehrten sie, daß dies im Augenblick unangebracht war.

»Gnädige Frau ist doch nicht leicht zu beeinflussen ... bei aller Güte ...« wagte sie zu bemerken. »Auch mit dem häßlichen Porzellankopf ...«

Er winkte abwehrend.

»Telephonieren Sie sofort nach der Eichstädter Straße, daß das, was Sie vorhin sagten, unbedingt ein Irrtum sein müsse ... die gnädige Frau läge mit hohem Fieber zu Bett ... Ich lasse das sagen ... verstehen Sie? ...«

Natürlich verstand die treue Lina und richtete die Bestellung aus, während Doktor Lohrer, peinlich erregt, neben seiner zusammenhanglos murmelnden Gattin den Arzt erwartete. – – – – –

Es war eine doppelseitige Lungenentzündung, bei dem schwachen Herzen und der zarten Konstitution der Kranken von vornherein eine böse, fast aussichtslose Sache.

Herr Doktor Lohrer stand anfangs ungeduldig und voller Erbitterung und Staunen an dem Bette seiner Frau und spielte in Gedanken mit allen Möglichkeiten – aber er spielte.

Daß das Äußerste in Wirklichkeit eintreten könnte, fiel ihm noch nicht ein zu glauben. Noch empfand er, was geschah, als eine ihm zugefügte Beleidigung, sogar als die Lage schon fast hoffnungslos war.

Der harte Kampf dauerte länger, als man gedacht hatte. Der ganze Apparat, der der Krankheit zu Leibe geht, wenn sie in ein reiches Haus eingebrochen ist, war in Tätigkeit.

Der Wagen des berühmten Spezialisten hielt morgens, mittags und abends vor der Tür. Der vornehme Hausarzt wich kaum von dem Krankenlager, und ein jüngerer Kollege war zur Hand, wenn er seiner anderen Praxis nachgehen mußte.

Im Krankenzimmer selbst waltete eine barmherzige Schwester mit trüben Augen und fest zusammengezogenem Munde ihres Amtes. Was die Medizin an Hilfsmitteln geben konnte, war in Anwendung, aber das Fieber, das an dem zarten Körper fraß und schüttelte, übertrumpfte alle Sorgfalt, alle Bäder und alle Medikamente. Atemnöte und Beklemmungen füllten die langen, bangen Stunden ... und wenn die Temperatur nur ein weniges zurückging, wollte das Herz seinen Dienst nicht mehr tun.

Nach mühseligem Kampf gegen die zunehmende Schwäche kam der Augenblick, in dem die Ärzte andeuteten, daß man, wenn nicht ein Wunder geschähe, in kurzem auf das Schlimmste gefaßt sein müßte ...

Herr Doktor Lohrer, der seinen vollen Anteil an der Pflege aufopfernd Tag und Nacht getragen hatte, nahm die Botschaft stumm und mit gebotener Fassung entgegen und achtete nach wie vor auf die peinlich genaue Ausführung der ärztlichen Anordnungen.

Inzwischen lief er ruhelos zwischen dem Krankenzimmer und seinem Schreibtisch hin und her.

Auf einer dieser Wanderungen, nachdem er minutenlang das arme zuckende und gedunsene Gesicht der Sterbenden kummervoll betrachtet hatte, ging er zu dem Marmorporträt in seinem Zimmer hinüber, das vor zwei Jahren in Brüssel Lambert von ihr geschaffen hatte.

Aus dem, wie es die Mode betont, teilweise roh gebliebenen Marmor, hob sich das feine Köpfchen Erikas mit dem überzarten Halsansatz. Ein träumerisch scheues Lächeln, eine kleine melancholische Ironie belebten die regelmäßigen Formen.

Ja, das war die Gattin von Lovis Lohrer, das war das Bild der Frau, die seinem schönen Hause den Stempel zartester Ästhetik aufgedrückt hatte, das war das Bild, vor dem er erleichtert aufatmete. Von dem der armen Leidenden, die schmerzentstellt, Vernichtung in den verzerrten Zügen, da drüben kämpfte, wendete sich etwas ihm ab ...


Draußen kroch der Tag langsam und grau heran.

Da hörte auf dem Sterbelager das stoßweise Atmen und Röcheln plötzlich auf.

Die Schwester schreckte zusammen und beugte sich über ihre Kranke.

Die lag, plötzlich weiß und schmal geworden, mit großen, schimmernden Augen da.

Die Schwester trocknete ihre feuchte Stirn und nahm ihre Hand.

»Muß ich sterben?« flüsterte Frau Erika heiser, an der Pflegerin vorüberblickend.

Die sah sich mit scheuem Auge um, und als auch im Nebenzimmer alles still blieb, sagte sie feierlich und laut:

»Ja! ... Wir wollen beten!« ...

Frau Erika antwortete nicht.

Sie richtete sich mühsam auf und flüsterte Unverständliches vor sich hin.

»Das ist ja alles nicht wahr,« sagte sie dann plötzlich ganz klar. »Wenn ich leben bleibe, dann will ich wirklich ... wirklich ... nicht bloß zum Schein ... nicht hindämmern« ...

»Nach der Dämmerung bricht der leuchtende Tag des Herrn an,« sagte die Schwester, »der leuchtende Tag, der Tag der Erlösung. Der Friede ...«

»Finster ... Finster ...« ächzte Frau Erika und griff mit zuckenden Händen um sich.

Dann taumelte sie in den Abgrund, in dem Schein und Sein versinken.


In dem kleinen Wintergarten, der sich an das grüne Wohnzimmer schloß, unter weißen Rosen und weißem Treibhausflieder ruhte nun die Herrin dieser Räume noch eine kleine Stunde, ehe sie unter die verschneite Erde gebettet wurde.

In einer Stunde nämlich versammelte sich der Bekanntenkreis, und dann kam auch der Geistliche, die Verstorbene für die letzte Fahrt einzusegnen, die sie nach der thüringischen Heimatstadt antreten sollte, um neben ihrem Kinde zu schlafen, wie sie es wohl gewünscht haben würde, wenn ihr in ihrem geräuschvollen Leben der Gedanke an ewige Ruhe je gekommen wäre.

Herr Doktor Lohrer ging durch alle Räume, um mit dem Blick des Herrn festzustellen, ob alles der Sachlage und seinen Anordnungen gemäß auf der Höhe wäre.

Zuletzt kam er in den Wintergarten und warf einen prüfenden Blick auf die Tote, deren leise Stimme noch in diesem Raum zu klingen schien.

Er hatte sich mit dem Ungeheuerlichen, das über ihn hergefallen war, als Mann von Selbstbeherrschung äußerlich abzufinden gesucht. Aber seine Gestalt sah sehr zusammengefallen und das Fuchsgesicht spitz und gelb aus.

Er schloß einen Augenblick die Augen, deren Lider rot und geschwollen waren. Als er sie wieder öffnete, fiel ihm die rötliche Orchidee in den starren Händen der Ruhenden auf, und er überlegte, ob dieser einzige Farbfleck die Harmonie des weißgrünen Bildes herabsetzte oder erhöhte. Er bemerkte auch, daß irgend etwas um das holde, friedvolle Gesicht nicht stimmte, es leer scheinen ließ ... Natürlich! Wie hatte er es übersehen können! Die weiße Locke, die viel bewunderte, fiel ja nicht in die Stirn wie im Leben. Der Friseur hatte sie ungeschickterweise versteckt. Er fuhr mit spitzen Fingern in das Haar und zog sie vor.

Aber sie hatte das Flockige verloren und lag rauh und ohne Glanz da.

Welch ein Glück, daß er im letzten Augenblick das noch ändern konnte!

Er rief nach der treuen Lina, die in angemessener Trauerhaltung nach kurzem Schaudern mit der Brennschere die gewohnte Ordnung herstellte.

Den scheuen Blick, mit dem sie aus zitternden Lidern ihren Herrn streifte, bemerkte er nicht.

Er winkte ihr, hinauszugehen, und dann nahm er doch die blaßrote Orchidee fort, die »wie ein Tropfen Lebensblut das Bild des Todes in seiner Absolutheit störte.« So dachte er.

Er legte sie auf den Kübel der Latanie, die sonst über die Chaiselongue im Nebenzimmer ihre großen Blätter hängen ließ ...

Die Blume fiel auf einen Scherben, ein rotes Ohr mit einem blanken Ring darin. Vor einigen Tagen hatte man ihn der fieberglühenden, jetzt erstarrten Hand entrissen und ihn auf den Platz geworfen, auf dem er achtlos liegen geblieben war.

... Und nun konnte die Trauerfeier vor sich gehen. Die Wachskerzen, die Doktor Lohrer selbst anzündete, legten ihren klaren, gelblichen Schein auf ein Bild von unbeschreiblicher, ruhevoller Schönheit und Poesie.

Er stand davor voller Bewunderung und Rührung. Mit einem Gefühl von Dankbarkeit streichelte er die eisigen Hände und rechnete in Wehmut und Güte mit der Toten ab.

»Sie hat ihren Zweck erfüllt ... sie war der Schmuck meines Lebens ... Vielleicht durfte sie nicht hinwelken ... um mir ein unvergeßliches Bild zu hinterlassen ... Aber auch ich hatte sie weich gebettet nach ihrem traurigen Jugendschicksal ... in Glück und Glanz ... Nicht jeder ... aber gleichviel ... es ist hart ... bitter hart ...«

Nach einem letzten trüben Blick auf die Ruhende richtete Doktor Lohrer sich straff auf und dachte an seine Pflicht.

Aus den Nebenräumen drang Stimmengemurmel. Er schob den Vorhang zur Seite – – und mit noch feuchten Augen, war das erste, was er leise befriedigt wahrnahm –, der weiße Spitzbart des Unterrichtsministers ...

Unter gleichem Winde

Gerade als die buntfarbigen Laternen in der nebeligen Dämmerung des Novemberabends die ganze Tauentzienstraße hinunter unnatürlich groß aufflammten, sprang eine Dame an der Haltestelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von einem Wagen der A-Bahn, ehe er noch vollständig stillstand. Ein großgewachsener, hagerer Herr, der anscheinend mitfahren wollte, kam in ihren Weg und streckte höflich den Arm aus, um sie zu stützen. In der Heftigkeit des Sprunges aber taumelte sie gegen ihn, und eine aus dem Mantel herausfliegende Lorgnonkette hängte sich so fest an den Knopf seines Überziehers, daß er sie nicht schnell genug losmachen konnte und den Wagen, den er hatte benutzen wollen, vorüberfahren lassen mußte.

»Pardon – wie ärgerlich!« sagte die Dame und zog an der Kette.

»Wollen gnädige Frau vielleicht bis zum Schaufenster dort treten, damit wir in dem helleren Licht die Schnur, oder was es ist, lösen können, ohne sie zu zerreißen?«

Die Dame fuhr zusammen und sah ihm ins Gesicht. Sie hatte eine kleine und zierliche Gestalt, rasche, lebendige Bewegungen, und ihre Farben schienen hinter dem Punktschleier jung und rosig, aber die Art ihrer eleganten Straßenkleidung zeigte doch auf den ersten Blick, daß sie mehr auf Würde als auf Jugendlichkeit Anspruch zu machen hatte.

Sie standen nun in der strahlend weißen Beleuchtung der Tapetenhandlung und sahen einander an, ohne an die Kette zu denken, prüfend und voll ängstlichen Staunens.

»Ist das möglich,« sagte die Dame leise und riß mit einem Ruck ihre Kette los, »Doktor Ender?«

Er hob den Hut und fuhr sich über die kahle Stirn. »Ja, gewiß. Und Sie? Wie ich Sie zu nennen habe, weiß ich nicht einmal. Man hat mir vor Jahren erzählt, daß Sie sich nach dem Tod von Major Splettner wieder verheiratet haben.«

Sie nickte. »Frau von Betzwold ... Irmgard Betzwold ...«

Ein nervöser Zug, der wie ein verzerrtes Lächeln aussah, zuckte um seinen Mund.

»Jawohl ... Irmgard! ... Leben Sie denn hier?«

»Ja, seit langem. Mein Mann ist Beamter. Geheimrat – im Verkehrsressort ... Und Sie?«

»Ich halte mich seit mehreren Jahren hier auf.«

Sie waren ein paar Schritte weitergegangen und blieben nun wieder stehen. Fragende, verstehende, überquellende Blicke senkten sich ineinander.

Die Frau schüttelte zuerst den Bann des Schweigens ab, der sich auf sie gelegt hatte.

»Da vermeidet man sich ein halbes Leben lang, und dann kommt solch ein närrischer Zufall und kettet einen sozusagen wieder aneinander ... Wollen wir eine Viertelstunde zusammenbleiben?«

»Gewiß,« sagte er. »Es wäre unnatürlich, wenn wir uns jetzt mit höflichem Gruß trennen wollten. Wo befehlen Sie?«

»Möchten Sie ein Stück mit mir gehen? Ich wohne in der Leibnizstraße und wollte ohnedies zu Fuß nach Hause.«

Er schwieg erst und deutete dann auf die Menge der Menschen, die beide Seiten des Kurfürstendamms hinauf und hinunter strömte, schwatzend, eilend oder schlendernd und gegeneinander drängend. »Können wir nicht eine Viertelstunde irgendwo ungestört sitzen?« fragte er. »Ich weiß hier in einer Nebenstraße ein kleines Restaurant, in dem man um diese Zeit sicher niemand trifft.«

»Nein,« sagte sie, ein wenig lächelnd. »Es dürfte doch befremdend wirken, wenn zufällig jemand von meinen Bekannten mich in so einem Lokal sähe. Dagegen können wir hier in die Konditorei eintreten. Da kennt man mich – wir sitzen in dem Erker da – sehen Sie – vor aller Augen und doch ganz allein.«

Er musterte sie einen Augenblick verwundert, als ob er fragen wollte: Was fürchtest du denn noch? Sie verstand und antwortete auf die stumme Frage: Nein, nein. Sie mache durchaus Gebrauch von dem Recht ihrer weißen Haare – aber in dem Beamtenstaat, in dem sie lebe, wäre alles gewissermaßen numeriert, die Leute, mit denen man umginge, die Orte, die man besuche. Übrigens hätte sie auch aus den Erfahrungen ihrer früheren Jahre gelernt, etwas wie Schutz in einer umzäunten Lebensenge zu finden ... Sie könne gut mit einem Jugendbekannten in einer vornehmen, großen Konditorei zusammensitzen – in einer obskuren, kleinen Restauration, die sie sonst nicht beträte, würde es aussehen, als ob sie mit ihm über wer weiß was zu reden hätte ...

Sie sagte das lächelnd, im Eintreten; und sich geschickt durch die enggestellten Tische windend, dirigierte sie ihn zugleich in den vorhin bezeichneten Erker, der durch zwei Goldsäulen von dem großen Raum geschieden war.

Und nun saßen sie einander gegenüber. Ein Paar Tassen zwischen sich, von dem faden Geruch der süßen Backware, des Kaffees, des Grogs eingehüllt, von dem leisen Rauschen der Zeitungsblätter in den Händen der ringsumher Lesenden, von dem Kommen und Gehen der Gäste, von durcheinanderhallenden Gesprächsbrocken umgeben.

Doktor Ender hatte sich aufgestützt und ließ den kahlen Kopf hängen. Frau von Betzwold nestelte an dem Schleier, musterte zerstreut und unruhig das Publikum und wandte sich dann, in den Schatten der Säule rückend, ganz dem Schweigenden zu.

»Wir müssen aber die kurze Zeit, die wir uns schenken, ausnützen ... Erzählen Sie zuerst von sich, lieber Freund! Was haben Sie in all den langen Jahren angefangen?«

Der verbitterte und traurige Zug um seinen Mund vertiefte sich, und das nervöse Zucken zitterte sekundenlang über eine Hälfte seines Gesichts.

»Ich habe nicht viel Tatsächliches zu erzählen ... Mein Onkel Farrstein – wenn Sie sich noch erinnern,« Frau von Betzwold nickte – »starb ein paar Jahre nach – nach unserer Trennung und hinterließ ein viel größeres Vermögen, als ich erwartet hatte. – Übrigens machte ich damals den letzten Versuch, mich Ihnen zu nähern – ich bekam aber meinen Brief, den ich nach Sagan schickte, wohin Ihr Gatte doch gegangen war, als unbestellbar zurück.«

»Das wird wohl in der Zeit gewesen sein, in der ich in Sanatorien herumwanderte – die Jungen im Korps waren – mein Mann auf irgendeiner der Probestellungen, die er nach seiner Pensionierung in allen möglichen Branchen suchte ... Schließlich landeten wir ja dann doch wieder in Sagan, wo er auch starb ... Aber zu Ihnen, lieber Freund – was fingen Sie nun an?«

»Meine Erbschaft ermöglichte es mir, die Last des traurigen Berufs abzuwerfen.«

»Sie waren doch Lehrer aus Passion! ...«

»Nicht mehr nach unserem Erlebnis! ...«

»Und womit beschäftigten Sie sich denn? ... Sie hatten doch einen so ungeheuren Tätigkeitsdrang....«

»Nicht mehr nach unserem Erlebnis,« wiederholte Doktor Ender. »Ich bin in der Welt herumgewesen, habe gesehen und erlebt, was man als Reisender ohne Anhang und ohne Ziel erlebt ... Und zuletzt, als mich das zu ermüden anfing – ich auch die eine Note begriffen hatte, auf die mein ganzes Wesen – seit damals – gestimmt war – habe ich mich in eine Tätigkeit gestürzt, die nun eine Art Lebenszweck geworden ist ... Ich versuche nämlich, unschuldig Verurteilten zu helfen – nach meiner Meinung ist ihr Prozentsatz ein erschreckend hoher. – Alle großen Mordprozesse, bei denen die Täterschaft zweifelhaft ist, durcharbeite ich mit und suche sie mit Aufwand all meiner Kräfte und Mittel aufzuhellen. Hier und da habe ich auch schon einen kleinen Erfolg gehabt, – die öffentliche Meinung beeinflußt im Sinn der Gerechtigkeit. – Ich betrachte meine Arbeit als eine Art Sühne ... Sie werden das begreifen, nicht? ...«

Die Geheimrätin sah sehr bestürzt vor sich nieder und erwiderte nichts.

»Und Sie?« fragte er, als sie schwieg.

»Ach, mit mir hat's das Leben schließlich noch gut gemeint. Wohl als Revanche für die schrecklichen Erfahrungen ... Daß ich damals – nachdem ich Sie verließ, an der See schwerkrank war, und von da gleich nach Jena in eine Nervenheilanstalt geschickt wurde, haben Sie wohl noch erfahren ... Dann haben Sie ja aufgehört, nach mir zu fragen, wofür ich Ihnen übrigens von Herzen dankbar gewesen bin – denn ich hätte ein Zusammenkommen nicht mehr ertragen, wie ich auch lieber gestorben wäre, als nach Kreuzstadt zurückzugehen ... Nachdem dann die gräßliche Geschichte dort ihre – Erledigung gefunden hatte und ich wieder fähig war, unter gesunden Menschen zu existieren, bin ich nach Sagan gekommen. Daß der Tod meines Mannes, der bald darauf erfolgte, mich nicht besonders tief traf, werden Sie begreifen ... Zwei Jahre danach lernte ich in Thüringen meinen jetzigen Gatten kennen, und da ist dann alles Böse und Traurige versunken, und ich bin eine recht glückliche Frau geworden ...«

»Und die Buben – die Zwillinge?!« fragte Doktor Ender.

»Beide vor dem Oberleutnant – prachtvoll geworden. Und meine beiden Mädel aus dieser Ehe auch liebe, schöne Geschöpfe ... Ich bin eine sehr stolze Mutter – und, wie gesagt, ich habe allen Grund, zufrieden zurück und wohl auch in die Zukunft zu sehen.«

»Irmgard Splettner,« sagte Doktor Ender nach kurzem Schweigen, »ich bewundere Sie. Ich bewundere Ihre Selbstbeherrschung und Ihre Lebenskraft ... Fast noch jugendlich und blühend an der Schwelle des Alters ... Ich habe mich nicht so bemeistern können. Mir hat unser Erlebnis – unsere Schuld das Leben zerbrochen, jedes Streben vernichtet ... Dabei habe ich mir noch Vorwürfe gemacht, daß ich dich, das Weib, die schwächere, nicht stützen und trösten konnte – und nun bist du ...«

Bei diesem »Du« zuckte Frau Irmgard zusammen und machte eine kleine, abwehrende Bewegung.

Doktor Ender bemerkte es nicht. Er saß zusammengesunken da und sah mit den ausgeblaßten, trüben Augen starr vor sich hin.

»Lieber Freund – wir haben, seitdem das – das Peinliche sich ereignete, so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes, jedenfalls Ausfüllendes – Sie doch auch – daß jenes Erlebnis restlos, man kann wohl sagen – verschlungen ist ... Warum jetzt noch einmal darauf zurückkommen? ...«

»Haben Sie denn wirklich und wahrhaftig vergessen – und ohne Gewissensqualen weiter leben können? ...«

Frau Irmgard seufzte ein wenig beklommen.

»Mein Gott, natürlich habe ich seinerzeit viel ausgestanden, tödliche Angst vor allem – aber es ist doch auch viel geopfert worden – alle Wünsche – und – das, ja – Sie wissen es ja am besten – wir haben uns doch nie wiedergesehn seitdem.«

»Ich weiß, daß wir auseinandergegangen und aneinander vorübergeschlichen sind wie zwei Feiglinge, wie zwei Verbrecher, die wir schließlich auch waren ...«

Frau Irmgard wurde weiß bis in die Lippen.

»Ich bitte Sie – leise! Was wollen Sie mit diesen pathetischen Worten – mit diesem gewaltsamen Aufwecken längst verschollener Dinge? Das war ein anderes Leben, so weit ab von dem jetzigen ...«

»Natürlich, natürlich.« Er nickte und lachte mit einem gequälten, höhnenden Ton. »So weit ab, wie etwa das Lokal hier – von der Wirtschaft – dem Heidekrug ...«

»Schweigen Sie!« befahl Frau von Betzwold. »Sonst gehe ich auf der Stelle ... Ich will das nicht – ich bin fertig damit ... Wie können Sie nur,« lenkte sie ein, als sie in sein graues, vergrämtes Gesicht mit den trostlosen Augen sah. »Warum quälen Sie sich und schließlich auch mich so? ...«

»Sie haben recht, es ist ganz überflüssig. Aber ich bitte Sie – bleiben Sie. Sie mögen mich für einen sehr schwachen Menschen halten. Aber bedenken Sie – das lebenslange Schweigen, das Herumirren in der Welt unter Fremden, immer in der Maske des Ehrenmanns, der man vor sich doch nicht ist – und nun plötzlich die einzige, die einen kennt, mit der man sprechen kann über all diese verquälte Zeit, weil sie die gleiche Last durch das Leben geschleppt hat ...«

»Nein, nein, ich sagte schon wiederholt, ich habe das längst abgetan ... Mein Gott – unsere gemeinsame Schuld – gewiß, es war eine, – in meiner Welt von jetzt genau wie in der von damals – ich war sicherlich eine untreue Frau – aber wenn man die mürrische, grausame Strenge meines Mannes bedenkt – – und wir zwei hatten uns lieb – waren so jung und so froh! ... Was haben wir zusammen gelacht und geschwärmt ... Schöne Zeiten waren es trotz alledem!« ...

Ja, jene Zeiten!

Durch den bläulichen Dunst, das leise Stimmengeschwirr, durch die hastende Unruhe im Kommen und Gehen schlichen sie in den Erker und schütteten die Erinnerungen an harmlose Freuden und Leiden, an verschwiegenes Wünschen und erfülltes Sehnen über die beiden Menschen, die traumverloren da saßen ...

Frau Irmgard sah ein paar längst versunkene Lebensbilder zum Greifen deutlich vor sich aufzucken.

Das kleine Haus der Bezirkskommandantur in der stillen Straße hinter dem Ordenstor, ihr damaliges Heim ... Major Splettner, ihr damaliger Gatte, grämlich und verbittert wegen der zu früh abgeschlossenen Karriere ... Seine ewig scheltende Stimme mischt sich mit dem zwitschernden Jubel der Zwillingspuppen, mit denen sie selbst kindlich froh herumtobt, wenn der Hausherr nicht da ist ...

Wie ein Schatten huscht der lange Adjutant über die Straße, der vierte in dem lustigen Bund, und in der Kaprifoliumlaube des verwilderten Hausgartens kräht er zum Ergötzen seines dankbaren Publikums wie ein Hahn, gackert wie ein Huhn, wenn es ein Ei gelegt hat, und läßt mit dem Mund Champagnerpfropfen knallen ...

Aber das Tollen muß aufhören, die Jungen, noch nicht sechsjährig, sollen zu lernen anfangen, bestimmt der Major. Und da bringt eines Tages der Adjutant seinen Freund Doktor Ender ins Haus. Er ist Reserveoffizier bei dem Infanterieregiment, von dem zwei Bataillone im Städtchen liegen; das legitimiert den jungen Gymnasiallehrer bei dem Major, der ihn sonst nicht ernsthaft genug und bedenklich jung findet ... Mutter und Lehrer bemißtrauen sich im Anfang anscheinend, sind eifersüchtig aufeinander und beklagen sich gegenseitig bei dem gemeinsamen Freunde. Aber auf dem ersten Spaziergang mit ihm und den Kindern, an einem Märztag, längs den abfallenden Ufern der raschfließenden Aller – beim Kätzchenpflücken – stehen sie plötzlich voreinander – tief erschrocken, einander stumm anblickend: das bist du ... das hab' ich ja nicht gewußt ...

»Es ist sonderbar, daß man in einem Augenblick ganze Monate in der Erinnerung durchleben kann,« sagte Frau Irmgard von Betzwold aufatmend ...

»Ja, ich habe eben auch vieles deutlich gesehn und empfunden, was über dem grausigen Abschluß längst vergessen war ... Vieles Schöne und Liebe.«

»Und schließlich war es auch nicht einmal eine Schuld,« sagte Frau Irmgard unbewußt. »Es hätte so aussehen können, wenn es je einer geahnt hätte ... Was nahm ich ihm denn? ... Gar nichts! Ich versteckte unser kurzes Glück vor ihm, wie ich vor seiner Gehässigkeit jede kleinste Lebensfreude verbergen mußte ...«

»Freilich war diese Schuld eine geringfügige gegen das andere,« sagte er. »Sonderbar übrigens, daß das, was uns zum erstenmal einander in die Arme jagte, auch ein Mord war ... Denkst du daran? ...«

Ob sie daran dachte ... An den unvergeßlich grauenhaften und doch schönen Tag ...

Die Nachbarkatze hatte das einzige, was der Major auf der Welt liebte – seinen Kanarienvogel, gefressen – und er, mit dem Burschen gemeinsam, sie gefangen und mit einem alten Degen lebendig an die Wand gespießt.

Sie schauderte noch heute, wenn sie daran zu denken wagte. Halb bewußtlos vor Grauen, war sie zitternd aus der Wohnung gelaufen. In der Abenddämmerung durch den Garten über den Wiesenweg zu dem kleinen Haus neben dem Tannenkrug, in dem Doktor Ender allein wohnte ...

Fassungslos war sie ihm um den Hals gefallen und hatte nicht mehr fortgehen wollen – und war dann doch selig – als sein Weib – unempfindlich gegen das, was sie zu Hause erwarten konnte, heimgeschlichen ...

»Hätten wir damals – nach jenem Maiabend, den Mut gehabt, uns zueinander zu bekennen« – sagte Doktor Ender nachdenklich.

»Um Gottes willen,« rief die Geheimrätin. »Ohne Existenzmittel – die Kinder in seinen Händen ... Sie selbst haben das doch damals für unmöglich gehalten ... Ich hätte es ja auch gar nicht überlebt – Splettner hätte mich wie jene Katze, glaube ich – doch warum diese überflüssigen Erwägungen? ... Vier Jahre später war er tot ...«

»Und wieder ein paar Jahre später war ich ein wohlhabender Mann – aber was half uns beiden das? Uns hatte die Nacht vom 8. September auseinandergefegt. Und doch hätte sie uns zusammenkitten müssen, wenn man's recht bedenkt ...«

»Nein, nein, es war schon richtig so, daß wir uns nicht mehr sahen ...«

»Angst war es vor der Welt – bei mir mißverstandenes Ehrgefühl dazu. Darüber haben wir einen unschuldigen Menschen ins Verderben und in einen frühzeitigen Tod gejagt. Haben Sie daran nie gedacht? ...«

»Dieser Kellner Hake war ohnedies ein verlorener Mensch. Er hatte allerlei Schandtaten auf dem Gewissen. Ich habe mich später erkundigt ...«

»Aber die, wegen der er lebenslänglich verurteilt, wurde und dann auch im Zuchthaus starb, hatte er nicht begangen. Und wir wußten es.«

»Wir konnten es nicht genau wissen – es war immerhin möglich ...«

»Beschönige es nicht. Sieh noch einmal das Ganze, wie es war ...«

Frau von Betzwold stützte sich auf und sah mit überquellenden Augen in ihre Schokoladentasse, aber sie schwieg. Sie ließ die Worte des Mannes über sich hinstreichen wie einen Wind, dem man schutzlos preisgegeben ist.

»... Wir hatten uns drei Wochen nicht gesehen. Ihr wart an der See – in Cranz, und wolltet noch den ganzen September dort bleiben. Da warst du auf die Idee gekommen, irgendeine Reparatur in deiner Wohnung vornehmen zu lassen, und kamst für einen Tag herüber. Weißt du es?«

Sie nickte. »Leider ...«

»Am Tage zeigtest du dich im Städtchen. Die Nacht gehörte uns. Du kamst über den Wiesenweg – ganz feucht von den Abendnebeln kamst du ... Am Morgen schlichen wir hinaus. Auf der schiefen Bank im Ellernbusch, oben am Ufer, dicht neben der Gartenpforte hinter dem Tannenkrug, setzten wir uns nieder. Wir drückten uns schweigend aneinander und sahen glückssatt in die fahle, stumme Welt um uns, und ich weiß noch, wie eine große Eule vor dir aufflog, ohne daß man sie hörte ... Und da schlurrte das Schicksal heran ...«

»O Gott,« seufzte Frau Irmgard.

»Da, es war der Gastwirt Passinner. Er kam über seinen Hof geschlichen, und wir sahen ihn erst, als er mit der Last, die er schleppte, dicht neben unserm Busch stand, so dicht, daß wir durch das Blattwerk auch die wilden Augen sehen konnten, mit denen er um sich spähte, bevor er den blutigen Sack das steile Ufer hinab in das Wasser warf ... Er keuchte und stöhnte – es war wohl keine leichte Last gewesen, und der schwarze Zopf ...«

»Ich sterbe, wenn du nicht schweigst,« unterbrach Frau Irmgard mit vergehenden Blicken.

»Das war ja alles ... Weiter gab's ja nichts ... Wir rührten uns ja nicht ... Wir sahen einen Mörder davontaumeln und blieben muckstill ...«

»Ja, natürlich ... vor Entsetzen ... Wie gelähmt waren wir, konnten nicht sprechen und saßen wie versteinert da.«

»Aber du mußtest doch nach Hause. Heimbringen durfte ich dich nicht. Ich blieb im Ellernbusch und sah dich wie einen Schatten durch den Nebel gleiten ...«

»Ach, ich in meiner schauerlichen Angst rannte und rannte. Ich riß zu Hause meine paar Sachen zusammen und lief auf den Bahnhof und saß zwei Stunden im Wartesaal und klammerte mich an unseren Kohlenlieferanten, der auch mit dem Morgenzug fahren wollte, und der sich meiner dann später auch angenommen hat. An dich habe ich gar nicht gedacht ... Es war in mir alles wie ausgelöscht, Liebe und alles. Mit einem Mal und für immer ...«

»Also bei dir auch?« sagte Doktor Ender. »Ich wollte es mir anfangs gar nicht zugeben. Auch war ja die Sehnsucht nach dir oft groß ... Keine Liebessehnsucht – nein –. Aber du hattest ja das Wundermittel der Erlösung in Händen – ein mutiges Wort von dir, und der unglückliche Kellner – den sie schuldig sprachen, als der Mord, trotz der unzugänglichen Stelle am Fluß, bekannt wurde – während der wirkliche Mörder als Hauptbelastungszeuge auftrat – – und er ist ja dann auch bis an sein seliges Ende frei herumgelaufen ...«

»Ach, es war ja alles verlorenes Volk, lieber Freund. Selbst die unglückliche, ermordete Hausiererin mußte ihr Leben wegen einer Diebsbeute lassen ... Wir dagegen hatten alles zu verlieren, Kinder, Stellung ... Sagen Sie selbst: wie hätten wir weiter leben sollen, wenn wir öffentlich bekannt hätten? ... O Gott, nein – so furchtbar das alles war, käme es heute noch einmal – ich würde genau so handeln wie vor zwanzig Jahren – oder, besser gesagt, mich gerade so treiben lassen ...«

»Das ist doch aber das Schrecklichste von allem gewesen – dies sich gegen seinen Willen Treibenlassenmüssen,« sagte Doktor Ender. »Da stehen die Gerechtigkeit und die Wahrheit. Man ist ein anständiger Kerl, kann sich eine Weltordnung ohne die nicht vorstellen – und man schleicht an ihnen vorbei. So ins Nichts, ins Dunkle ... Ich kann Ihnen sagen, Irmgard Splettner, keine Stunde hab' ich meinen Jungen in der Klasse mehr geben können – mittendrin kam's über mich – so einer wie du, der Mitwisser einer scheußlichen Tat – der ganz ruhig zusieht, wie ein armer, unschuldiger Mensch seiner Ehre, seiner Freiheit beraubt wird – mit welchem Recht will der Jugend belehren und erziehen? Ich hatte ja keinen Grund mehr unter den Füßen – ich hab' ihn nie wieder erobern können ...«

»Leiser ... man wird sonst aufmerksam auf uns,« sagte die Geheimrätin ängstlich ... »Ich begreife es ja nicht, daß Sie innerlich nicht ruhiger wurden, als es bei den Verhandlungen herauskam, was für ein Verbrecher dieser Kellner Hake auch ohne diesen Raubmord war – aber sagen Sie mir eins. Wenn Sie mich schonen wollten, und das mußten Sie natürlich – warum meldeten Sie sich nicht allein zur Zeugenschaft? Niemand wußte von mir – kein Mensch hatte mich gesehen ...«

Doktor Ender beugte sich zu ihr hinüber.

»Das ist's ja eben, was Sie nicht wußten, und was ich Ihnen auf keine Weise mitteilen konnte ... Er hat Sie gesehen, und er hat auch mich gesehen, wenn ich auch den Kopf gleich wieder in den Busch zurückzog und er ganz ruhig blieb ...«

»Wer – um Himmels willen, wer? ...«

Starr und leichenblaß saß Frau von Betzwold da.

»Der Passinner, der Mörder,« flüsterte Ender. »Als du davonliefst und ich dir wenigstens schutzbereit nachsah, raschelte es am Zaun, und ich sah ihn, schwer auf den Querpfahl gelehnt und mit seinen Glotzaugen dir folgend und auch mich streifend, als ich tödlich erschreckt vortrat, um dir zu Hilfe zu eilen ...«

»Und?«

»Nichts weiter. Er ließ den Kopf hängen, ich zog mich in unüberlegtem, feigem Abwarten zurück und sah ihn dann sich nach dem Haus schleppen.«

»Und hast ihn nie gesprochen?«

»Nie ... Es war ja alles wie ein quälender Traum, und ich konnte mir manchmal auch denken, daß meine vernichteten Nerven mir das vorgespiegelt hätten – nur ...«

»Mein Gott, wir wollen jetzt nicht mehr alle Möglichkeiten erwägen ... er ist ja lange tot ... Gott sei Dank, lange tot ... Und welch ein Glück, daß ich dies letztere nie erfuhr ... Ach, alle längst vergessene Bangigkeit und herzbeklemmende Sorge war in einem Moment wieder aufgewacht ... Lassen Sie uns anderes reden ... Wissen Sie, daß mein Interesse für ähnliche Vorgänge mich eigentlich mit meinem Gatten zusammengeführt hat? ...«

»So, weiß er also? ...« fragte Doktor Ender freudig interessiert.

»Um Gottes willen! ... Aber ich habe doch über alles, auch das Juristische Bescheid bekommen – und ich bin ganz, ganz ruhig geworden ...«

Doktor Ender sank wieder zusammen.

»Aber es steht doch alles für Sie auf einem schwankenden Boden. Haben Sie das nie bedacht? Das Wirkliche an sich, das ganz einfach Wahre haben wir doch verschleiern geholfen. Damit haben wir unseren Anteil an der einzig allgemeinen Kulturaufgabe, die zugleich das einzige Bindeglied zwischen Mensch und Mensch ist, fortgeworfen – das einzige Steuer, mit dem man an der Bosheit und Dummheit der Welt vorüberkommen kann, zerbrochen. Im Licht wandeln ... Haben Sie nie daran gedacht, welch ein Glück es sein muß, nichts zu verbergen zu haben? ... Im Licht wandeln ...«

»Sind Sie ein Frommer?« fragte Frau Irmgard ängstlich mit der unbestimmten Erinnerung an ein Bibelwort und drückte seine gestikulierende Hand auf den Tisch.

»Was ich bin? Weiß ich das? Jedenfalls ein Lügner, einer, der das Weltgefüge zerstören helfen wollte, und dabei, wie alle seinesgleichen, sich selbst zerstört hat.«

»Das werden Sie tun, wenn Sie mit solchen Grübeleien fortfahren, die Sie ja unglücklich machen müssen ... Ich verstehe Sie ja nicht und bin froh, daß ich all das so anders auffasse ... Mein und der Meinen Leben hab' ich dabei nicht verdunkelt, im Gegenteil ...«

»Und das wieder ist mir ein unlösbares Rätsel,« sagte Doktor Ender müde. »Das gleiche Schicksal, der gleiche Sturm faßt uns, und Sie treibt er in ein stilles friedliches Leben – mich in eine wüste Einsamkeit, in die keine warme Menschenstimme mehr dringt – nichts als die Schreie der unschuldig Verurteilten aller Zeiten.«

»Lieber Freund, Sie haben sich in böse Phantasien eingesponnen, und ich bin nicht stark genug, um Ihnen diese gefährlichen Entstellungen der klaren Wirklichkeit zu zerstören.«

»Entstellungen der klaren Wirklichkeit? ... Mir? ... Und das sagen Sie – Irmgard Splettner, deren ganzes Leben sich wie hinter einer getrübten Scheibe abspielt?«

Die Geheimrätin lächelte halb nachsichtig, aber doch mit einem kleinen, ungeduldigen Blick in den noch immer schönen, ruhigen Augen.

Doktor Ender zuckte darunter zusammen. Er stand auf. Sein eben noch in Bewegung zuckendes Gesicht nahm einen starr höflichen Ausdruck an.

»Meine gnädige Frau, unser Zusammentreffen hat mir die allerletzte Illusion genommen, daß es einen Menschen auf dieser Welt gibt, mit dem gemeinsam ich eine gleich schwere Last trage. Im Grunde müßte ich in Ihrem Interesse wohl froh darüber sein ... Leben Sie wohl. Hoffentlich tauche ich mit der Vergangenheit in die Verdunklung zurück, die Ihnen das Leben so leicht gemacht hat.«

Frau von Betzwold streckte ihm die Hand entgegen. »Das sicherlich nicht. Ich will an das Liebe und Schöne denken, das unsere Jugend uns beschert hat und ...!«

Doktor Ender beugte sich fremd über die gebotene Hand, und mit bitterem Lächeln um den zusammengekniffenen Mund ging er hinaus, ohne noch einmal in das Gesicht zu sehen, das ihm doch einst das liebste gewesen war.

Die Geheimrätin blieb noch einen Augenblick in ihrem Erker. Anfangs als sie sich wieder allein sah, hatte sie das Gefühl, die letzte Viertelstunde geträumt zu haben.

Dann schäumte ein wildes Durcheinander von Stimmen, Bildern, Ängsten, – ein beklemmendes Entsetzen in ihr auf, peitschte ihr Blut und ließ ihr Herz jagen ... Was war das? Wie hatte sie das erleben können? ... Wie durfte sie das erleben? ... Dieser arme Phantast, – was war aus dem lachenden Jungen geworden? Jetzt waren ihre Zwillinge so alt wie er damals.

Dieser Gedanke riß sie wieder in die gewohnte Bahn.

Nicht mehr diesen verschollenen Geschichten nachhängen, nicht mehr daran denken – nie mehr. Das war man sich und dem Leben mit seinen großen und kleinen Anforderungen als pflichttreue Gattin, Mutter und Frau von Welt schuldig ...

Heute abend machte man Kammermusik bei ihr. Brahms H-Moll. Ihr Gatte war ein vorzüglicher Cellist – ihre Tochter Eva fast Meisterin auf der Geige.

O, es tat gut, in diese Welt der Harmonie zurückzukehren, die vor schreienden und klagenden Stimmen, vor schuldvollen Erinnerungen, vor begrabenen Jugendsehnsüchten und Ängsten ihre klingenden Tore schloß.