Jeder Satz soll übersichtlich und wohllautend sein. Man beachte bei allen Sätzen: a) ihre Form, b) die Art ihrer Verknüpfung, c) ihre Stellung, d) ihren Rhythmus. Nur wenn nach allen diesen Seiten hin der Satz keinen Anstoß erregt, kann er als stilistisch tadellos bezeichnet werden.
a) Hauptgedanken erhalten die Form von Hauptsätzen, Nebengedanken die Form von Nebensätzen. Gegen diese Regel wird häufig dadurch gefehlt, daß ein Hauptgedanke in Form eines Relativsatzes einem anderen Satze angefügt wird, und daß umgekehrt einem Nebensatze ein Hauptsatz (statt eines Nebensatzes) beigeordnet wird. Zu tadeln sind demnach Sätze wie die folgenden: „Gestern brach in dem Hauptgebäude des Schlosses Wilhelmshöhe, das jetzt vom Kaiser bewohnt wird, Feuer aus, das aber durch schleunige Hilfe wieder gelöscht wurde“ (statt: wurde aber durch schleunige Hilfe wieder gelöscht). — „Der König, der uns diese Verfassung gegeben hat, und er hat sich derselben auch untergeordnet“ (statt: gegeben und sich derselben auch untergeordnet hat). — „Hier ragten zwei Felsen empor, von denen der eine kahl war; der andere war mit Gestrüpp bewachsen“ (statt: von denen der eine kahl, der andere mit Gestrüpp bewachsen war). — Doch kann man einem Nebengedanken, wenn er hervorgehoben werden soll, die Form eines Hauptsatzes geben. So kann ich dem Satze: „Wir verehren diesen Mann, weil er unserem Vaterlande eine Achtung gebietende Stellung gegeben hat“, auch folgende Form geben: „Wir verehren diesen Mann, denn er hat unserem Vaterlande eine Achtung gebietende Stellung gegeben.“ Durch diese Umänderung erhält der Nebengedanke besonderes Gewicht.
b) Man strebe nach Ebenmaß in der Form der Sätze. Die wichtigste Regel ist hier folgende: Einander entsprechende Satzglieder (z. B.: Subjekt und Prädikat mit ihren Bestimmungen) oder Sätze (z. B.: beigeordnete oder parallele Haupt- und Nebensätze) müssen annähernd gleichen Umfang und möglichst gleiche grammatische Form haben. Da das Prädikat in der Regel den Hauptton trägt, so muß es mit seinen Bestimmungen meist größeren Umfang als das Subjekt haben, z. B.: „Ich höre staunend die Gewalt des Mundes, der mir von je so unheilbringend war.“ Das Tonverhältnis würde daher unschön sein, wenn das Prädikat geringeren Umfang hätte als das Subjekt, z. B.: „Der liebliche, von Blume zu Blume flatternde Schmetterling, ein Meisterwerk der Natur, ein kleines Wunder der Schöpfung, dessen kurze Lebenstage munterem Tändeln gewidmet sind, erfreut uns.“ Ebenso darf das Prädikat, wenn es oft auch größeren Umfang als das Subjekt haben muß, doch nicht unverhältnismäßig erweitert sein, wie in folgendem Satze: „Die Gemsenjagd ist ein gefährliches, schwindelfreien Kopf, kühnen Mut, gute Lungen und ausdauernde Muskelkraft erforderndes, gerade darum aber von gesunden, kräftigen Menschen begehrtes Vergnügen“ (statt: Die Gemsenjagd ist ein gefährliches Vergnügen; es erfordert schwindelfreien Kopf usw. Gerade darum aber wird es von gesunden, kräftigen Menschen gern aufgesucht). — Gleichmäßige grammatische Form haben die Sätze in folgender Periode: „So übt der Mensch in der Jugend seine Kräfte, damit er im Kampfe des Lebens nicht unterliege; so zieht er schwere Arbeit dem leichten Spiele vor, damit er des Lebens Preis erjage.“ Zu tadeln wäre es, wenn hier im zweiten Teile des Satzbildes auf diese Weise statt so, oder auf daß statt damit gesetzt würde. Durch schönes Gleichmaß der Form zeichnen sich folgende Sätze aus: „Das Buch war das beste, das ihnen die angenehme Ruhe ließ, im Lesen wenig zu denken, das ihnen das Vergnügen schaffte, hier und da ein Blümchen zu finden, ohne sich bücken zu dürfen, das sie in den süßen Traum einwiegte, das hier zu lesen, was sie selbst schon gedacht zu haben glaubten.“ Herder. — „Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, zeigt mir, daß Sie sich Ihres vergangenen Lebens freuen können, daß Sie auf einem reinen schönen Wege in einer sicheren Folge gegangen sind, daß Sie keine Zeit verloren, daß Sie sich nichts vorzuwerfen haben.“ Goethe. — Ganz besonders fehlerhaft ist es, wenn von zwei beigeordneten Satzgliedern das eine als bloßes Satzglied, das andere als Nebensatz dargestellt wird, z. B.: „Er gönnte sich Tag und Nacht keine Ruhe aus Ehrgeiz und weil er nach Reichtum strebte.“ Ebensowenig darf man einen vollständigen Nebensatz einem verkürzten oder einer Apposition beiordnen, z. B.: „Der Dichter hat uns hier mit einem Werke beschenkt, so eigenartig, so ganz dem Geiste unserer Sprache und unseres Volkes entsprechend, und in welchem sich kühner Schwung der Rede mit hohem Fluge des Geistes paart.“
c) Dagegen muß jeder untergeordnete Satz anders gebaut sein, als der ihm zunächst übergeordnete. Verschiedenheit der Form ist hier ebenso unbedingtes Erfordernis wie bei parallelen oder beigeordneten Sätzen Gleichartigkeit der Form. So ist es zu tadeln, wenn zwei konjunktionale Objektsätze, von denen der eine dem anderen untergeordnet ist, gleichmäßig mit daß eingeleitet oder durch den bloßen Konjunktiv angeknüpft sind, z. B.: „Ich habe mich bemüht zu zeigen, daß der Charakter der vollkommen gebildeten Sprachen dadurch bestimmt wird, daß die Natur ihres Baues beweist, daß es dem Geist nicht bloß auf den Inhalt, sondern vorzüglich auf die Form der Gedanken ankommt.“ — „Mein Freund ließ mir sagen, er habe soeben gehört, mein Heimatsort sei durch eine Feuersbrunst eingeäschert worden“ (statt: er habe gehört, daß mein Heimatsort eingeäschert worden sei). Tadellos ist dagegen der Satz: „Man hoffte, er würde erkennen, daß seine Stellung unhaltbar geworden sei.“ — Überhaupt strebe man bei der Unterordnung nach möglichster Abwechselung nicht nur in der Form, sondern auch in der Art der Nebensätze. So ist der folgende Satz anstößig, weil die aufeinander folgenden untergeordneten Sätze immer wieder Attributsätze sind: „Die versammelten Zuschauer erhoben ein Gebrüll der getäuschten Rachsucht, welches demjenigen zu vergleichen ist, das der Tiger ausstößt, dem sein Wächter die Speise fortreißt, welche er eben verschlingen wollte.“
d) Man setze überhaupt die Unterordnung nicht durch eine zu lange Reihe von Gliedern fort, auch dann nicht, wenn die Nebensätze verschiedener Art sind. Schlecht gebaut ist z. B. der folgende Satz: „Die Leichtigkeit, mit welcher schnell eine nicht geringe Zahl bedeutender Kunstwerke auf einen Platz versammelt worden, zeigt zur Genüge, wieviel Vortreffliches Berlin in sich faßt, das, bei Privatpersonen zerstreut, nur diesen und den in jene Familien eingeführten Personen bekannt, dennoch dazu geeignet wäre, die Mehrzahl des kunstliebenden Publikums zu erfreuen, welches, um sich an der Vereinigung der königlichen Kunstschätze zu ergötzen, den vollendeten Bau des Museums erwarten muß; daher es gewiß sehr zu wünschen wäre, daß ein ähnliches festbestehendes Lokal zuvörderst sich hier befände, wo Besitzer schätzbarer Gemälde und Kunsthändler das Beste aus ihren Sammlungen zur Kenntnis des Publikums bringen, besonders aber auch die Künstler Berlins ihre zuletzt vollendeten Arbeiten aufstellen lassen möchten, um dadurch sowohl Raum für die neu angefangenen in ihren Ateliers, als mehr noch eine kostbare Zeit zu gewinnen, welche durch die Verpflichtung verloren geht, täglich diejenigen zu empfangen, welche neugierig zu einem oder dem anderen bekannt gewordenen Werke ihres Pinsels wallfahrten.“ A. v. Helwig.
e) Gleichförmiger Bau mehrerer Sätze, die aufeinander folgen, ist zu vermeiden. Anstößig ist es namentlich, wenn die Sätze immer wieder mit demselben Subjekt beginnen, z. B.: „Der Tiger ist ein prächtiges Tier, anmutig in seinen Bewegungen, aber von niedriger, grausamer Gemütsart. Er hat einen auf kurzen Beinen ruhenden Körper, wildrollende Augen und eine feuerrote Zunge, die er stets weit aus dem Rachen hervorstreckt. Er hat keinen anderen Instinkt als eine beständige Wut, einen blinden Grimm. Er wartet im Rohrdickicht, am Ufer der Seen und Flüsse auf die zur Tränke kommenden Tiere. Er sucht sich seine Beute aus oder vervielfältigt vielmehr seine Morde.“ (Besser: Der Tiger ist ein prächtiges Tier usw. Sein Körper ruht auf kurzen Beinen; die wildrollenden Augen und die feuerrote Zunge, die dieser Tyrann der indischen Wälder stets weit aus dem Rachen hervorstreckt, bekunden seine unersättliche Blutgier. Er hat keinen anderen Instinkt, als eine beständige Wut usw. Im Rohrdickicht, am Ufer der Seen und Flüsse wartet er usw. Dort sucht er sich seine Beute aus usw.)
a) Für die Zusammenziehung zweier Sätze gilt folgende Regel: Zwei Sätze dürfen nur dann zusammengezogen werden, wenn die Begriffe, die bei der Zusammenziehung nur einmal gesetzt werden, sowohl dem Inhalte als auch der grammatischen Form nach in beiden Sätzen völlig dieselben sind. So sind folgende Zusammenziehungen falsch, weil der Inhalt verschieden ist: „Der Knabe wird sechs Jahre alt, jetzt in die Schule geschickt und zunächst lesen lernen“ (das Verbum werden muß wiederholt werden; denn es ist das erstemal selbständiges Verbum, das zweitemal [wird geschickt] Hilfsverbum zur Bildung des Passivs, das drittemal [wird lernen] Hilfsverbum zur Bildung des Futurums). — „Der Kaufmann hatte sein ganzes Vermögen verloren und nur noch ein Haus in seiner Heimat“ (hatte ist das erstemal Hilfsverbum, das zweitemal selbständiges Verbum in der Bedeutung besitzen). — In folgenden Sätzen ist die grammatische Form nicht dieselbe: „Das erst ist die vollkommene Freiheit, einen Herrn weder zu haben noch zu sein“ (statt: weder einen Herrn zu haben, noch ein Herr zu sein). — „Der Brief, der heute früh angekommen ist und ich sofort gelesen habe.“ — Vgl. S. 40. — Ferner gilt als Regel, daß die zusammengezogenen Begriffe nicht ungleichartig seien, wie etwa in dem Satze: „Alle Georgier sind Christen, von Adel oder Bauern und geneigt zur Trunkliebe, gute Jäger und dem Erdbeben ausgesetzt.“ Auf solcher Zusammenstellung von Ungleichartigem beruhen vielfach die Witze Heinrich Heines.
b) Beigeordnete Nebensätze müssen durch dasselbe Pronomen oder dieselbe Konjunktion mit dem Hauptsatze verbunden werden. Zwei einander beigeordnete Relativsätze müssen z. B. beide mit der oder beide mit welcher eingeleitet werden. „Schon mancher Reisende ist ein Opfer der grausigen Schneewirbel geworden, die der Sturm in den Hochpässen umhertreibt und die (nicht welche) den Wandrer namentlich im Winter überraschen.“ Nicht gut ist der Satz: „Man suchte zu erforschen, wie der Schnee entstünde, auf welche Art (besser: wie) seine Kristalle sich zusammenfügten“ usw. Vgl. S. 46.
c) Nebensätze, von denen der eine dem anderen untergeordnet ist, sind so viel als möglich durch verschiedene Konjunktionen einzuleiten. Von zwei Bedingungssätzen, die im Verhältnis der Unterordnung zueinander stehen, würde z. B. am besten der eine mit wenn, der andere mit falls zu beginnen sein, z. B.: „Es ist immer rührend, wenn auch der schwache Nestor sich dem ausfordernden Hektor stellen will, falls kein jüngerer und stärkerer Grieche mit ihm anzubinden sich getraut.“ Lessing. — Stehen zwei Relativsätze im Verhältnis der Unterordnung zueinander, so wendet man abwechselnd der und welcher zur Verknüpfung an, z. B.: „Er (Ignatius Loyola) hatte die unbeschränkte Leitung einer Gesellschaft in Händen, auf welche ein großer Teil seiner Intuitionen überging, welche ihre geistlichen Überzeugungen mit Studium auf dem Wege bildete, auf dem er sie durch Zufall und Genius erworben hatte; welche zwar seinen jerusalemischen Plan nicht ausführte, bei dem sich nichts erreichen ließ, aber übrigens zu den entferntesten, erfolgreichsten Missionen schritt und hauptsächlich jene Seelsorge, die er immer empfohlen, in einer Ausdehnung übernahm, wie er sie niemals hatte ahnen können; welche ihm endlich einen zugleich soldatischen und geistlichen Gehorsam leistete.“ Leopold von Ranke. Zu tadeln sind demnach Sätze wie die folgenden: „Der Fremde, welcher das Haus, in welchem (statt: in dem) er seine Kindheit verlebt hatte, wieder betrat.“ — „Ein Bedienter, der lange Zeit treu und redlich einem Herrn gedient, der aber nun gestorben ist (statt: welcher nun gestorben ist), sucht ein anderweitiges Unterkommen.“
a) Die Objektsätze und Adverbialsätze folgen in der Regel dem Hauptsatze nach; nur wenn sie hervorgehoben werden sollen, erhalten sie ihre Stellung vor dem Hauptsatze. Regelmäßig: „Ich sehe, daß ihr meiner nicht bedürft.“ „Wie wurde mir, als ich ins Innere der Kirche trat.“ Inversion: „Daß er betrogen ist, kann er nicht sehen; daß sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen.“ „Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich umgeben.“ „Und wie er sitzt und wie er lauscht, teilt sich die Flut empor.“
b) Attributsätze stehen in der Regel unmittelbar nach dem Worte, das durch sie näher bestimmt wird, z. B.: „Die Hoffnung, daß sie endlich doch den Sieg über ihre Bedrücker erringen würden, erhielt unsere Vorfahren in schwerer Lage aufrecht.“ Andere Beispiele s. S. 40.
c) Subjektsätze stehen in der Regel vor dem Hauptsatze, z. B.: „Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.“ Nachgestellt wird der Subjektsatz, 1. wenn er einen weit größeren Umfang hat als der Hauptsatz, z. B.: „Daß er das Gute will, ist außer Zweifel; aber leider ist es ebenso gewiß, daß geistige Beschränktheit ihn verkehrte Mittel zu guten Zwecken ergreifen und Schwäche des Willens ihn auch ergriffene rechte Mittel nicht durchführen läßt“; 2. wenn der Hauptsatz hervorgehoben werden soll, z. B.: „Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.“ „Ganz unleidlich ist’s, was wir erdulden“; 3. wenn der Hauptsatz ein Fragesatz ist, z. B.: „Ist’s denn so nötig, daß er sich entfernt?“
d) Zwischensätze dürfen nicht zu lang sein. Nicht gut ist z. B. der Satz: „Der Brocken, welcher die höchste Erhebung des Harzes bildet und schon während des ganzen Mittelalters wohl bekannt war und namentlich in der Sage eine große Rolle spielte, aber noch nicht von fröhlichen Wanderern, sondern höchstens von unheimlichen Hexen bestiegen wurde, gewährt selten eine gute Fernsicht.“ Der Zusammenhang des übergeordneten Satzes wird hier durch den Zwischensatz fast aufgelöst. Sind lange Zwischensätze nicht zu vermeiden, so muß nach Beendigung des Zwischensatzes der übergeordnete Satz von neuem begonnen werden, z. B.: „Daß die Vorsteher jener helvetischen Republiken weder den Herrn Linguet noch seine Annalen für wichtig genug gehalten, sich um ihretwillen auch nur der geringsten Unannehmlichkeit auszusetzen, die daraus hätte erfolgen können, wenn Blätter, worin nicht nur so viele öffentliche Korps und Gesellschaften in Frankreich aufs heftigste angegriffen werden, sondern selbst über Nationen, Könige, Fürsten und öffentliche Welthändel mit zynischer Freiheit ins Gelag hinein räsoniert wird, wenn, sage ich, Blätter dieses Schlages öffentlich aus einer helvetischen Druckerei hervorgegangen wären.“ Wieland.
e) Wenn ein Nebensatz in einen anderen eingeschoben wird, so darf er nicht gleich nach der Konjunktion des übergeordneten Satzes eingeschaltet werden, sondern es muß mindestens ein den Inhalt andeutendes Satzglied (Subjekt, Objekt usw.) voraufgegangen sein. Nicht gut ist daher der Satz: „Es genügt, wenn, da der Geist immer unbewußt danach verfährt, er für jeden einzelnen Teil einen solchen Ausdruck findet, der ihn wieder einen anderen mit richtiger Bestimmtheit auffassen läßt.“ Richtig ist dagegen der Satz: „Wie glücklich war ich, daß tausend kleine Vorgänge zusammen, so gewiß als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir bewiesen, daß ich nicht ohne Gott auf der Welt sei.“ Goethe. Ist ein Nebensatz in einen Relativsatz eingeschoben, so kann er unmittelbar auf das Relativpronomen folgen, da das Relativpronomen nicht bloß zur Verknüpfung dient, sondern zugleich ein wichtiges Satzglied im Relativsatze bildet. Tadellos ist daher der Satz: „Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es öffentlich ausspräche, Mißfallen erregen müßte.“ Goethe.
f) Adverbialsätze dürfen nicht, wie im Lateinischen, unmittelbar nach dem Subjekte des Hauptsatzes stehen. Fehlerhaft sind daher die Sätze: „Orgetorix, nachdem er sich des Adels versichert, kam in die Gemeinde der Eidgenossen.“ „Der Major, als er in sein Zimmer trat, fühlte sich wirklich in einer Art von Taumel“ usw.
g) Konditionalsätze, die die Form eines Fragesatzes haben, müssen immer dem Hauptsatze vorangehen, z. B.: „Ist sie begeistert und von Gott gesandt, wird sie den König zu entdecken wissen.“ Schiller. Falsch dagegen: „Jede Form, wie köstlich auch immer ihr Inhalt sei, hat sie einmal ihre Zeit überlebt, kann so wenig als der Leichnam eines Menschen wieder erweckt werden.“
h) Einschachtelung von Nebensätzen ist zu vermeiden. Zu tadeln sind Sätze wie die folgenden: „Christliche Prediger, die sich durch den Ernst, mit welchem sie sich mit den inneren Kämpfen des religiös bewegten Lebens beschäftigten, auszeichneten, waren willkommen.“ — „Die Gesetze der Schwere, wie sie Newton und andere große Astronomen, welche dadurch einen Ruf, der bis in die Ewigkeit dauern wird, erlangt haben, aufstellen, sind jetzt allgemein bekannt.“
i) Nebensätze, die einander beigeordnet sind, müssen immer unmittelbar nebeneinander stehen, sie müssen also entweder beide Vordersätze oder beide Zwischensätze oder beide Nachsätze sein. Fehlerhaft ist z. B. der Satz: „Daß er der Heimat nahe sei, ward ihm jetzt immer deutlicher, und daß ihm große Freude bevorstehe.“
Der Rhythmus des Satzes beruht auf dem Wechsel stärker und schwächer betonter Satzglieder und Sätze. Je wichtiger ein Begriff oder ein Gedanke ist, desto stärker ist seine Betonung. Der Rhythmus wird nur dann ein wohlgefälliger sein, wenn ein lebendiger Wechsel mannigfacher Tonverhältnisse stattfindet und wenn dieser Wechsel nicht unregelmäßig und willkürlich, sondern mit schönem Ebenmaß der Sätze verbunden ist. Man beobachte daher hauptsächlich folgende Regeln:
a) Ein zu geringer Wechsel der Betonung ist zu meiden, denn der Stil wird dadurch eintönig und schleppend. Eintönig wird der Stil z. B., wenn lauter kurze Hauptsätze aufeinander folgen: „Peter war groß und von edlem Anstande. Er hatte eine geistreiche Physiognomie. Er drückte sich gut aus und redete mit Feuer, er hatte viel natürliche Anlagen zur Beredsamkeit und hielt oft Anreden. Gegen äußere Pracht war er sehr gleichgültig und überließ es seinem Günstling Menzikof, sie, wo es nötig war, zu zeigen. Nie war wohl ein Mensch arbeitsamer, unternehmender und weniger zu ermüden.“ Man nennt solche Sätze zerhackte Sätze. Schleppend wird der Stil, wenn die Perioden zu lang sind, wenn die Unterordnung durch eine zu lange Reihe von Gliedern fortgesetzt wird, vgl. S. 47; wenn zuviel gleichartige Satzteile aneinandergereiht werden, vgl. S. 42, und wenn Nebensätze eingeschachtelt werden, vgl. S. 51.
b) Die Satzglieder und einzelnen Sätze einer Satzverbindung oder eines Satzgefüges müssen nach ihrem Inhalte und Umfange in möglichstem Ebenmaße stehen. Vgl. S. 45.
c) Anhäufungen schwach betonter oder unbetonter Wörter sind zu vermeiden. Fehlerhaft ist daher der Rhythmus in folgenden Sätzen: „Ich kann Ihre Briefe nicht entbehren: da Sie mir sie also nicht als ein Almosen wollen zukommen lassen“ usw. Lessing. „Er wunderte sich, wie sie, die sie es doch selbst gesehen habe, das bezweifeln könne.“
d) In einer Periode verhalten sich Vordersatz und Nachsatz zueinander wie Hebung und Senkung. Der Ton steigt bis zum Ende des Vordersatzes und sinkt dann allmählich bis zum Schlusse des Nachsatzes. Wenn der Nachsatz zu lang ist, namentlich wenn er aus mehreren beigeordneten Gliedern besteht, wird daher der Rhythmus leicht schleppend. Deshalb ist folgende Periode nicht mustergültig: „Wenn das Bücherlesen seinen eigentlichen Zweck erreichen, den Verstand aufklären, den Geschmack bilden, das Herz veredeln, Kraft und Stoff zum Denken, Handeln und Genießen geben, oder was ebensoviel heißt, wenn es uns weiser, besser und froher machen soll: so ist es nicht genug, gleich Irrenden in der Bücherwelt umherschwanken oder immer in einem Meere fremder Gedanken zu schwimmen, indes die Quelle der eigenen in uns vertrocknet; sondern wir müssen mit Wahl und Ordnung, mit Muße und Selbsttätigkeit lesen und dürfen keines der wenigen, aber guten Bücher aus der Hand legen, ehe wir uns über die Hauptgedanken des Verfassers befriedigende Rechenschaft zu geben imstande sind.“ Meisterhaft gebaut ist dagegen folgende Periode Schillers: „Wenn von der menschlichen Natur, solange sie menschliche Natur bleibt, nie und nimmer zu erwarten ist, daß sie ohne Unterbrechung und Rückfall gleichförmig und beharrlich als reine Vernunft handle und nie gegen die sittliche Ordnung anstoße; wenn wir bei aller Überzeugung sowohl von der Notwendigkeit, als von der Möglichkeit reiner Tugend uns gestehen müssen, wie sehr zufällig ihre wirkliche Ausübung ist und wie wenig wir auf die Unüberwindlichkeit unserer besseren Grundsätze bauen dürfen; wenn wir uns bei diesem Bewußtsein unserer Unzuverlässigkeit erinnern, daß das Gebäude der Natur durch jeden unserer moralischen Fehltritte leidet; wenn wir uns alles dieses ins Gedächtnis rufen; so würde es die frevelhafteste Verwegenheit sein, das Beste der Welt auf dieses Ungefähr unserer Tugend ankommen zu lassen.“ In dieser Periode sind nicht nur Vordersatz und Nachsatz zu einem rhythmisch schönen Ganzen verbunden, sondern auch jedes Glied der Periode hat für sich wieder einen wohlgefälligen Rhythmus.