Robinson auf seiner Warte.

Elftes Kapitel.
Zusammenstoß mit den Kannibalen.

Landung der Wilden. – Die beiden Schlachtopfer. – Der Flüchtling und sein Beschützer. – Reste des Kannibalenschmauses. – Freitags Dankbarkeit. – Seine Ausstattung. – Erste Sprechstudien. – Freitag als Koch und Bäckerlehrling. – Nachrichten über die Nachbarländer. – Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen.

Auf die beschriebene Weise mochten weitere anderthalb Jahre verstrichen sein, als ich eines Morgens noch in der Dämmerzeit fünf Kanoes bemerkte, welche dicht nebeneinander und in der Richtung nach meiner Wohnung an der Küste gelandet waren. Eine solche Zahl machte mich stutzig, ich wußte, daß sich gewöhnlich fünf bis sechs Mann in einem Boote befanden, und es erschien mir deshalb ein verzweifeltes Wagestück, allein vielleicht ihrer dreißig angreifen zu sollen. Mit Besorgnissen erfüllt, zog ich mich daher hinter meine Festungswälle zurück. Hier traf ich die nötigen Anstalten, jedem feindlichen Besuch gebührend zu begegnen.

Nachdem ich geraume Zeit vergeblich auf die Ankunft der Gäste gewartet, wollte ich um jeden Preis wissen, was in meinem Inselkönigreich vorgehe. Mein Gewehr legte ich am Fuße der Leiter nieder; gleich nachher war ich selbst mit zwei Sätzen auf dem Gipfel des Hügels. Hier gewahrte ich durch mein Fernglas gegen 30 Wilde, die unter den seltsamsten Gebärden um ein Feuer tanzten. Darauf sah ich, wie man zwei Unglückliche aus den Kanoes herbeischleppte, um sie zu schlachten. Der eine von ihnen stürzte sogleich zu Boden, wahrscheinlich durch eine Keule getötet; in wilder Hast fielen zwei oder drei von den Kannibalen über ihn her und schnitten ihn in Stücke, während das andre Opfer ein gleiches Schicksal erwartete. Plötzlich erwachte in dem Unglücklichen die Lust zum Leben; er ergriff die Flucht und rannte mit unglaublicher Schnelligkeit am Ufer hin, gerade auf meine Burg zu. Ich war auf den Tod erschrocken, als ich ihn diese Richtung einschlagen sah, zumal ein Trupp ihm alsbald nachsetzte. Ich rührte mich nicht und schöpfte erst dann frischen Mut, als ich bemerkte, daß nur noch drei Männer dem Flüchtling folgten, der unterdessen einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen hatte.

Zwischen ihnen und meiner Festung lag die Bai, deren ich öfter schon erwähnt habe. Wollte der Flüchtling seinen Verfolgern entrinnen, so mußte er diesen Meeresarm durchschwimmen. In der That warf er sich ohne Zaudern in die Flut und gewann das andre Ufer. Er erkletterte behende das Gestade und setzte seine Flucht mit gutem Erfolge fort. Als die drei Verfolger an das Wasser kamen, kehrte einer bedächtlich um und begab sich zu seinen schmausenden Gefährten zurück; die beiden andern dagegen schwammen dem Flüchtling nach, brauchten aber noch einmal so viel Zeit dazu.

Jetzt schien der Augenblick gekommen, wo mein Traum sich erfüllen konnte. Ich hielt mich von der Vorsehung geradezu für berufen, dem Verfolgten zu Hilfe zu kommen. Rasch stieg ich von meiner Warte herab, nahm die beiden Gewehre, die ich am Fuße der Leiter gelassen, und eilte dem Meere zu, indem ich einen kürzeren Weg einschlug. Bald befand ich mich denn auch zwischen dem Entflohenen und den Verfolgern. Jenen rief ich laut an, allein der Arme erschrak fast noch mehr über mich, als er sich vor seinen Feinden fürchtete. Ich machte ihm deshalb mit der Hand ein Zeichen, zu mir zu kommen, und wandte mich sodann gegen die Verfolger, stürzte mich auf den Vordersten und schmetterte ihn mit einem Kolbenschlage zu Boden. Der Gefährte des Erschlagenen blieb entsetzt stehen; als ich mich aber ihm nahte, griff er nach Bogen und Pfeil, um auf mich zu schießen. Ich kam ihm indes flugs zuvor und streckte ihn durch einen Flintenschuß nieder.

Knall, Feuer und Rauch machten den armen geretteten Schwarzen so bestürzt, daß er wie angewurzelt stehen blieb. Unschlüssig, was zu thun sei, schien er mehr geneigt, weiter zu fliehen, als sich mir zu nähern. Wiederholt winkte ich ihm mit der Hand, zu mir heranzukommen. Er mochte meine Zeichensprache verstehen, that auch einige Schritte vorwärts, hierauf stand er wieder etwas still, kam dann etwas näher, hielt hernach aber von neuem inne. Ich fuhr jedoch fort, ihm zuzuwinken und ihm durch freundliche Gebärden seine Todesangst zu benehmen. Dies bewog ihn, sich allmählich zu nähern, aber wiederholt kniete er nieder, um mir seine Unterwürfigkeit auszudrücken. Endlich kam er zu mir heran, legte sich nieder, küßte die Erde, ergriff meinen rechten Fuß und setzte ihn auf seinen Kopf. Vermutlich wollte er mir dadurch zu verstehen geben, daß er von diesem Augenblicke an mein Sklave sei. Ich richtete ihn auf, sah ihn freundlich an und that alles mögliche, um ihm Mut einzuflößen.

Robinson findet Freitag.

Währenddessen war der Wilde, den ich erschlagen zu haben glaubte, wieder zu sich gekommen und fing an, sich zu regen. Ich machte meinen Schützling darauf aufmerksam. Derselbe richtete hierauf an seinen Verfolger einige Worte, die mir aber seit 25 Jahren nicht mehr gehörte liebliche Laute waren, kamen sie doch aus dem Munde eines Menschen. Jetzt war jedoch keine Zeit, sich Betrachtungen zu überlassen, der Verwundete stand bereits im Begriff, sich wiederzuerheben. Deshalb legte ich auf ihn an, um ihn niederzuschießen, allein mein Schützling gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß ich ihm den Säbel, der an meiner Seite hing, überlassen möge. Ich reichte ihm die Waffe, und mit Blitzesschnelle stürzte er mit derselben auf seinen Feind los und hieb ihm mit einem einzigen Streiche den Kopf vom Rumpfe ab. Mittels dieses Meisterstücks schien er sich bei mir in Achtung setzen zu wollen, denn er wandte sich triumphierend mir zu, lachend und allerhand mir unverständliche Bewegungen ausführend, und legte Kopf und Degen mir zu Füßen.

Was ihn aber am meisten in Erstaunen und in schreckhafte Bewegungen versetzte, war der Umstand, daß ich den einen seiner Verfolger aus weiter Entfernung niedergestreckt hatte. Er ließ mich seine Empfindungen durch Zeichen erraten und schien um die Erlaubnis bitten zu wollen, sich überzeugen zu dürfen, ob sein Feind wirklich tot sei, was ich ihm nicht verwehrte. Als er vor dem Leichnam stand, betrachtete er ihn mit großer Verwunderung, wendete ihn dann bald auf die eine, bald auf die andre Seite und untersuchte die Wunde, aus der nur wenig Blut floß, denn die Kugel war tief in die Brust eingedrungen und das Blut hatte sich nach innen ergossen. Nach dieser Leichenschau kam mein Wilder mit Bogen und Pfeilen des Getöteten wieder zurück, und da ich jetzt heimgehen wollte, gab ich ihm zu verstehen, mir zu folgen. Er aber, als echter Sohn der Wildnis, war vorsichtiger als ich und deutete mir durch Zeichen an, wir möchten die Toten in den Sand eingraben, damit deren Genossen sie nicht so leicht finden konnten. Damit stimmte ich vollständig überein, und nach Verlauf einer Viertelstunde waren die beiden Kannibalen in die Erde eingescharrt.

Noch wußte ich nicht, wohin ich den Wilden bringen sollte. Meinem Traume gemäß hätte ich ihn nach meiner Burg führen müssen, doch besser schien es, mit ihm nach der Grotte, zu dem von meiner Hauptwohnung entferntesten Teile der Insel, zu gehen. Dort gab ich ihm Brot, Rosinen und frisches Wasser, was ihm trefflich mundete. Alsdann wies ich ihm eine Schütte Reisstroh zum Lager an und gab ihm dazu noch eine Decke. Bald war er ruhig eingeschlafen.

Es war ein schöngebauter, kräftiger, schlanker Bursche von etwa 25 Jahren. Seine regelmäßigen Züge waren einnehmend, sie hatten im Grunde wenig Wildes und trugen den Ausdruck männlichen Stolzes. Wenn er lächelte, sprach sogar eine gewisse Sanftmut aus denselben, wie sie meist den Wilden nicht eigen ist; seine langen Haare waren nicht wollig oder kraus, sondern hingen schlicht auf den Nacken nieder; seine Haut war dunkelbraun, von einer olivenfarbigen Schattierung. Sein Gesicht war rund und voll, die Stirn frei, der Mund nicht übel geformt, seine Zähne weiß wie Elfenbein.

Während der Wilde schlummerte, begab ich mich nach dem nahen Gehege, um meine Ziegen zu melken. Noch war ich damit beschäftigt, als mein Indianer, der höchstens eine halbe Stunde geruht hatte, eilends auf mich zukam, sich wiederum demütig vor mich hinlegte, meinen Fuß auf seinen Kopf setzte und mir durch alle möglichen Zeichen seine Dankbarkeit ausdrückte.

Ich verstand seine Zeichen und gab ihm meinerseits zu erkennen, daß ich mit ihm zufrieden sei; – nachher machte ich ihm verständlich, daß er den Namen Freitag führen solle, weil ich nach meinem Kalender glaubte, daß ich ihm an einem Freitag das Leben gerettet hätte. Dann bedeutete ich ihn, mich Herr zu nennen, da er meinen Weisungen Folge zu leisten hätte; in gleicher Weise lehrte ich ihn den Unterschied zwischen Ja und Nein sowie die Aussprache dieser Worte. Hiermit endigte die erste Lektion im sprachlichen Unterricht. Dann gab ich ihm Brot und Milch in einem irdenen Gefäße, ich selbst aber brockte mir ein Stück Gerstenkuchen in die Milch und winkte ihm zu, meinem Beispiele zu folgen.

Ich blieb mit ihm den übrigen Teil des Tages und die folgende Nacht in der Grotte. Sobald es aber Morgen geworden war, nahm ich ihn mit in meine Burg, um ihn mit Kleidung zu versehen, denn er lief herum, wie ihn Gott erschaffen hatte. Als wir an der Stätte vorbeikamen, wo die getöteten Wilden eingescharrt waren, zeigte er mir genau die Stelle und machte ein Zeichen, als denke er daran, die Toten auszugraben, um sie zu verzehren. Er erschrak nicht wenig, als ich ihm deutlich meinen Abscheu ausdrückte.

Nach einer kleinen Weile winkte ich meinen Gefährten zu mir heran, um mit ihm meine Warte zu ersteigen. Vor allem wollte ich mich vergewissern, ob die Wilden fort wären; deutlich ließ sich durch das Fernrohr die Stelle erkennen, wo sie geweilt hatten. Von ihnen selbst aber und ihren Kähnen war nicht die geringste Spur mehr zu entdecken; sie hatten sich also offenbar entfernt, ohne sich um die zurückgebliebenen Gefährten zu bekümmern. Ich mußte mir Gewißheit verschaffen, gab meinem Freitag einen Säbel in die Hand, hing ihm Bogen und Pfeile um und gab ihm überdies eine Flinte für mich zu tragen. Ich selbst ergriff zwei Gewehre, und so bewaffnet marschierten wir nach dem Lagerplatz der Wilden.

Als wir den Ort der Blutmahlzeit erreichten, erstarrte bei dem grauenvollen Anblick, der sich mir darbot, mein Blut in den Adern. Der Boden war ringsum mit Blut gefärbt, Menschenknochen lagen zerstreut umher. Drei Schädel, fünf Hände, die Knochen von drei oder vier Beinen und mehrere halbverzehrte Stücke Fleisch waren die Überbleibsel des Siegesfestes. Freitag gab mir durch Gesten zu verstehen, daß die Kannibalen vier Gefangene hierher geschleppt hatten; eine große Schlacht zwischen seinem und dem benachbarten Stamme habe stattgefunden. Ich ließ Freitag die Schädel, die Knochen, die Fleischstücke auf einen Haufen tragen und zündete ein großes Feuer an, um alles zu Asche zu verbrennen. Hierbei regte sich in Freitag die alte Kannibalennatur; er trug nicht übel Lust, seinem Appetite nach Menschenfleisch Rechnung zu tragen. Aber ich verbot ihm dergleichen Gelüste auf das entschiedenste, so daß er nicht wagte, sein Verlangen zu befriedigen.

Nachdem wir dem Schauplatze menschlicher Grausamkeit den Rücken gewendet, schlugen wir den geraden Weg zur Burg ein; hier wollte ich vor allem meinen Diener mit Kleidern versehen. Zuerst gab ich ihm ein paar Leinwandhosen, dann fabrizierte ich eine Weste von Ziegenfell nach dem bequemsten Schnitt, denn ich war ein leidlich gewandter Schneider geworden. Auch für eine Jacke oder ein Wams wurde nun gesorgt, und eine bequeme, gar nicht übel aussehende Mütze von Hasenfell vollendete die Ausrüstung Freitags. Für den ersten Augenblick schien er entzückt darüber zu sein, fast ebenso auszusehen wie sein Herr; doch fühlte er sich gar bald in seinem Kostüm unbehaglich. Die Beinkleider schienen ihm zur Last zu sein, und die Wamsärmel drückten ihm Schultern und Arm. Nachdem ich aber an den Stellen, die ihm Zwang verursachten, etwas nachgeholfen, gewöhnte er sich bald an seine Tracht und legte sie zuletzt sogar mit einem gewissen Wohlgefallen an.

Ich sann nun darüber nach, wo ich meinen guten Freitag unterbringen könnte, ohne daß ich von ihm etwas zu fürchten hätte; es schien mir das geeignetste, zwischen meinen beiden Festungswerken ein Zelt aufzuschlagen. Da man von hier aus einen Eingang zur Höhle hatte, so brachte ich daselbst eine hölzerne Thür an und setzte diese in die Öffnung, sodann verriegelte ich die Pforte und zog auch meine Leiter mit herein. Meine innere Mauer trug eine Bedachung von langen Stangen, welche mein Zelt bedeckte und sich an die Felsenwand anlehnte. Über jene Stangen waren als Latten kleine Stäbe gelegt und auf letztere eine Schicht Reisstroh gebreitet, so daß es einem Rohrdach glich. Die Öffnung, durch welche man aus und ein gelangen konnte, hatte ich mit einer Art von Fallthür geschlossen und dadurch mich gegen Freitag vollkommen gesichert. Hätte er ja in feindlicher Absicht durchbrechen wollen, so wäre ich durch das Zuwerfen der Thür aufmerksam gemacht worden; aber ich behielt auch stets Gewehr, Pfeil und Bogen in meiner Nähe.

Doch alle diese Vorsichtsmaßregeln waren, wie ich mich immer mehr überzeugte, durchaus nicht notwendig; denn es konnte kaum eine treuere und diensteifrigere Seele gefunden werden, als dieser Freitag war. Nie legte er Eigensinn, nie Mutwillen an den Tag; stets fand ich in ihm nur die aufrichtigste Ergebung in meinen Willen. Er war mir herzlich zugethan und liebte mich wie einen Vater, so daß ich wohl sagen kann, er hätte gern und freudig sein Leben für mich hingegeben. Bald konnte ich von seiner Anhänglichkeit so überzeugt sein, daß ich alle getroffenen Maßregeln wieder einstellte. Seine Heiterkeit und seine Unverdrossenheit bei jedweder Arbeit, die ich ihm auftrug, nahm mich in so hohem Grade für ihn ein, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als mich mit ihm über allerlei Dinge unterhalten zu können. Mit Eifer setzte ich daher den begonnenen Sprachunterricht fort und hatte meine Freude an seiner Lernbegierde. Hauptsächlich suchte ich bei ihm dahin zu wirken, daß er die unnatürliche Begierde, Menschenfleisch zu essen, unterdrücke. Um dieses zu erreichen, bot ich ihm ein andres Fleisch an. Ich nahm ihn mit zu meinen Ziegen, und als ich eine Ziege mit ihren beiden Jungen in geringer Entfernung von mir liegen sah, faßte ich ihn beim Arme und sprach zu ihm: »Halte dich still und rege dich nicht!« In demselben Augenblick schoß ich eines der Zicklein nieder.

Der arme Bursche war so erschrocken, daß er vor Furcht selber zusammenstürzte; ja, er glaubte sogar, ich habe ihn erschießen wollen, denn er riß sein Wams auf, um zu fühlen, ob er verwundet sei. Dann fiel er vor mir auf seine Kniee nieder, stammelte unverständliche Worte und schien mich um Schonung seines Lebens zu bitten. Ich aber nahm ihn bei der Hand, redete ihm freundlich zu, deutete auf das Zicklein, das ich erlegt hatte, und gebot ihm, dasselbe zu holen. Während er meinem Befehle nachkam und das tote Tier mit Staunen betrachtete, lud ich von neuem mein Gewehr. Er war noch nicht klar darüber, wie das Tier getötet sein konnte.

Um ihm diesen Vorgang erklärlich zu machen, zeigte ich mit dem Finger auf die Flinte und dann auf einen Papagei, den ich in schußgerechter Entfernung auf einem Baume sitzen sah. Hierauf gab ich ihm zu verstehen, daß ich auch diesen Vogel durch mein Gewehr töten könne, hieß ihn seine Augen scharf nach dem Tiere richten, drückte los und schoß den Papagei vom Baume herunter.

Aber auch diesmal erschrak der arme Freitag auf das heftigste und zeigte eine wahre abgöttische Scheu vor meinem Jagdgewehr. Da er nämlich nicht gesehen, wie ich es geladen hatte, so glaubte er, die Waffe enthielte eine unerschöpfliche Zauberkraft des Schreckens, des Todes und der Vernichtung, fähig, Menschen und Tiere aus jeder beliebigen Entfernung zu töten. Er sprach mit dem Gewehr, als ob er verstanden werden könne, bat dasselbe, daß es ihn doch ja nicht töten möge, und schien hierauf eine Antwort zu erwarten, während er wie Espenlaub zitterte. Es dauerte noch etliche Tage, bevor er es wagte, die Flinte anzurühren.

Nachdem sich Freitag von seinem Staunen erholt hatte, gebot ich ihm, den geschossenen Vogel herbeizuholen. Nach längerem Ausbleiben – denn der Papagei war noch nicht ganz tot und eine Strecke weit fortgeflattert – brachte er ihn endlich. Hierauf ergriffen wir auch das Zicklein und kehrten nach Hause zurück; dort zerlegte ich das Tier und kochte einen Teil noch denselben Abend.

Freitag verzehrte mit dem trefflichsten Appetit das saftige Fleisch. Auffallend erschien es ihm hierbei, daß ich meine Speisen mit Salz würzte, und er gab mir zu verstehen, daß dies seinem Geschmack ganz zuwider sei. Um mir seine Abneigung zu verdeutlichen, legte er ein Stück Salz auf seine Zunge, verzog das Gesicht mit unnachahmlicher Grimasse, spuckte den salzigen Schleim wieder aus und spülte darauf den Mund mit frischem Wasser aus. Ich meinerseits suchte ihn mit seinen eignen Gründen zu schlagen, indem ich ein Stück Fleisch ohne Salz zu mir nahm und mich in ähnlichen Gesichtsverrenkungen gefiel, eine Art von Beweisführung, die ihm jedoch nicht stichhaltig schien.

Am andern Tage setzte ich meinem Hausgenossen einen vortrefflichen Ziegenbraten vor; zur Bereitung desselben wendete ich ein Mittel an, wie ich es einst in England gesehen hatte. Ich steckte nämlich zwei Stäbe in gewisser Entfernung voneinander neben einem tüchtigen Feuer in die Erde, einen dritten Stab legte ich quer über die beiden ersten, hing an denselben mein Fleisch am Ende einer Schnur und ließ es drehen. Freitag drückte über dieses sinnreiche Verfahren seine Verwunderung aus. Als er aber erst den Braten gekostet hatte, gab er durch wohlgefälliges Schnalzen und Zähnefletschen kund, welch ein Leckerbissen das Genossene für ihn gewesen sei; ja er war davon so entzückt, daß er mir hoch und teuer versicherte, nie mehr in seinem Leben Menschenfleisch essen zu wollen.

Tags darauf wies ich Freitag an, Gerste auszukörnen und sie auf die schon beschriebene Art zu reinigen, wozu er sich ganz geschickt anstellte.

Ferner unterrichtete ich ihn, wie ich es mit dem Backen hielt und wie ich meine Kuchen zurichtete. Auch das begriff er so rasch, daß ich schon nach kurzer Zeit ihm dergleichen Arbeiten getrost allein überlassen konnte.

Da ich jetzt außer mir noch einen Menschen mit kräftiger Eßlust zu versorgen hatte, mußte ich eine größere Menge Korn säen, um reicheren Vorrat zu gewinnen. Zu diesem Zwecke suchte ich ein umfangreicheres Stück Ackerland aus und zäunte es auf ähnliche Weise ein wie die früheren. Bei der Arbeit unterstützte mich Freitag aufs eifrigste, zumal er schon wußte, dies alles geschähe, um für mich und ihn das nötige Brot backen zu können.

Dieses Jahr war von allen, welche ich auf meinem Eilande bisher zugebracht hatte, das angenehmste. Freitag konnte binnen wenigen Monaten sich recht geläufig englisch ausdrücken und wußte die Namen fast aller Dinge, die ich von ihm fordern, und aller Orte, wo ich ihn hinschicken konnte.

So genoß ich, nach einer langen Reihe von Jahren, endlich wieder das Vergnügen menschlicher Unterhaltung in meiner Muttersprache; aber außer diesem langentbehrten Genusse fand ich auch täglich mehr Freude an meinem Genossen. Seine Herzenseinfalt und seine Anhänglichkeit machten ihn mir immer teurer, und er wiederum liebte mich, wie er vielleicht niemand zuvor geliebt haben mochte. Einstmals versuchte ich zu ergründen, wie groß sein Verlangen sei, sein Heimatland wiederzusehen, und da er so viel Englisch verstand, um auf meine Fragen Auskunft geben zu können, so sagte ich zu ihm:

»Hat der Stamm, dem du angehörst, bei seinen Kriegszügen öfters den Sieg davon getragen?«

»O ja!« sprach Freitag lächelnd, »wir kämpften immer als beste.«

»Ihr kämpftet am besten, waret den andern also überlegen! Wie kommt es aber dann, daß sie dich zum Gefangenen gemacht haben?«

»Mein Stamm hat deshalb doch den Sieg behalten!«

»Den Sieg? Ich glaub' es nicht; sonst wärest du jetzt kein Gefangener.«

»An jenem Tage, o Herr, waren die Feinde gerade zahlreicher als die Brüder meines Stammes; sie nahmen eins, zwei, drei Brüder und mich gefangen; mein Stamm hat sie aber an einem andern Platze, wo ich nicht war, besiegt; mein Stamm hat ihnen dafür eins, zwei, ein zehnmal zehn und noch einmal zehnmal zehn genommen.«

»Aber warum haben deine Gefährten nichts für deine Befreiung gethan?«

»Sie nahmen rasch eins, zwei, drei und mich und schafften uns in ihre Kanoes; mein Stamm hatte damals keine Kanoes.«

»Und was macht dein Stamm mit den Gefangenen? Schleppt er sie auch fort und verzehrt sie, wie die Menschen, die hier auf der Insel waren?«

»Ja, Herr, mein Stamm ißt auch Menschen, ißt alle Gefangenen auf.«

»Wohin aber bringt ihr sie?«

»An einen andern Platz, als sie denken.«

»Bringt ihr sie auch manchmal hierher, Freitag?«

»Ja, ja, hierher und an noch andre Orte.«

»Bist du auch schon mit ihnen hierher gekommen?«

»Ja, Herr, von dort!« Hierbei zeigte Freitag nach der nordwestlichen Seite der Insel, wo der Landungspunkt lag.

»Aber, verirren sich nicht zuweilen die Kanoes auf der Überfahrt?«

»O, das hat keine Gefahr, Herr! Nur darf man nicht in den Strom fallen, der weit ins Meer hinausläuft; auch weht ein guter Wind des Morgens und wieder ein andrer des Abends.«

Anfangs glaubte ich, Freitag wolle von Ebbe und Flut reden; später indes überzeugte ich mich selbst, daß in der That zwei verschiedene Windströmungen in diesen Gewässern herrschten, die wahrscheinlich von der heftigen Flut und Rückflut des gewaltigen Orinokostromes herrührten, an dessen Mündung meine Insel lag. Das Land, das ich im Westen und Nordwesten erblickte, war die große Insel Trinidad.

Ich richtete an Freitag nun noch vielerlei Fragen, die sich auf sein Land und dessen Einwohner, das Meer, die Küstenstriche und die benachbarten Völkerschaften bezogen. Er beantwortete alles mit bereitwilliger Offenheit, so gut es eben ging, aber ich konnte aus ihm betreffs der Menschen keinen andern Namen bringen als die Bezeichnung »Karibs«, woraus ich schloß, daß es die Kariben seien, die den Landstrich von der Mündung des Orinoko bis nach Guayana und St. Martha bewohnen.

Er erzählte mir ferner: weit jenseit des Mondes – d. h. westwärts, wo der Mond unterging – gäbe es auch so weiße und bärtige Männer, wie ich sei (dabei deutete er auf meinen langen Bart), und diese Männer hätten viele Leute getötet. Es war daraus leicht zu erraten, daß er die Spanier meinte. Die Grausamkeit derselben war ja in ganz Amerika bekannt und hatte sich durch Erzählung von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt.

Als ich ihn fragte, wie ich es anzufangen habe, um jene Insel zu erreichen und zu den weißen Männern zu gelangen, antwortete er mir: »Ja, ja, du kannst hingehen in zwei maß Kanoes.«

Ich verstand nicht, was er mit »zwei maß Kanoes« sagen wollte, bis sich herausstellte, daß er einen Kahn meinte, zweimal so groß wie der meinige.

Da Freitag immer größere Fortschritte im Erlernen der englischen Sprache machte, so versäumte ich nicht, ihn in die Hauptlehren der christlichen Religion einzuführen. Es entwickelte sich dabei folgendes Gespräch:

»Sage mir doch, Freitag, wer hat das Land, das Meer, die Berge und die Wälder gemacht?«

»Ein erhabener Greis, Namens Benamucki. Er wohnt auf dem höchsten Berge und ist viel älter als das Meer und das Land, als Mond und Sterne.«

»Wenn also«, fragte ich weiter, »Benamucki alle Dinge erschaffen hat, beten ihn dann nicht alle lebendigen Wesen der Welt an?«

Freitag nahm hierbei eine ernste Miene an und sagte mit der größten Herzenseinfalt: »Alle Wesen sagen zu ihm: O!«

»Gehen die Menschen, die in deinem Vaterlande sterben, nach ihrem Tode in eine andre Welt über?«

»Ja, sie gehen alle zu Benamucki.«

»Und kommen die Menschen, die ihr gefressen habt, auch dahin?«

»Gewiß, o Herr!«

»Hast du auch schon einmal mit Benamucki gesprochen?«

»Nein, junge Leute dürfen nicht zu ihm gehen, sondern nur alte Männer, die Uwukaki, welche >O!< sagen. Wenn sie vom Berge herabsteigen, so verkünden sie, was Benamucki ihnen mitgeteilt hat.«

Die Uwukaki waren also die Priester der benachbarten Eingeborenen, die sich und ihr Treiben in den Schleier des Geheimnisses hüllten und die unwissende Menge in Aberglauben erhielten. Ich suchte meinem Schüler einen Begriff von dem wahren Gott, dem Allvater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, beizubringen; ich sprach von seiner Allmacht: alles liege in seiner Hand, er könne geben und nehmen nach seinem weisen Willen.

Freitag hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Mit besonderer Freude vernahm er die Lehre von der Erlösung durch unsern Heiland Jesus Christus sowie von der Wirkung unsrer Gebete, die wir an Gott im Himmel richten.

Darauf bemerkte Freitag in seiner unbefangenen Weise: »Gut! Wenn Gott über der Sonne und den Sternen thront und dort Gebete hört, so muß er ja wohl viel größer sein als Benamucki, der nur dann die Gebete der Uwukaki hört, wenn sie selbst zu ihm hinaufsteigen!«

»Du hast recht, Freitag! Gott ist groß und mächtig wie kein andres Wesen.«

Robinson als Lehrer.

Täglich unterrichtete ich nun Freitag in den Lehren unsrer Religion und weihte ihn besonders ein in das Geheimnis der Erlösung durch unsern Heiland, der sich auf Golgatha zur Beseligung der sündigen Menschheit geopfert hat. All mein Kummer kam mir jetzt leichter vor, seitdem ich einen so aufmerksamen Gesellschafter hatte. Meine Wohnung war mir teurer und angenehmer geworden; ich hielt es nicht mehr für ein Unglück, an die Küste dieser Insel verschlagen worden zu sein. Im Gegenteil, ich empfand unaussprechliche Freude, wenn ich daran dachte, ein armes Wesen, wie Freitag, zur Glückseligkeit wahrer Gotteserkenntnis geleitet zu haben.

Während des Zeitraums von drei Jahren, die wir so miteinander verlebten, fühlten wir uns vollkommen glücklich und gehoben durch den ernsten Vorsatz, fest auszuharren in dem unwandelbaren Vertrauen auf die Barmherzigkeit unsres himmlischen Vaters. Während ich meinem Gefährten die Bibel auslegte, wie mein Verstand es mich lehrte, mußte ich selbst notwendigerweise tiefer eindringen in das Studium der Heiligen Schrift, und die hunderterlei Fragen Freitags gaben mir häufig Veranlassung zum fruchtbringenden Nachdenken über unsre verschiedenen Heilslehren.

Neben den religiösen Gesprächen machte ich meinen Freund auch mit meinen früheren Lebensschicksalen bekannt, was mir oft genug Gelegenheit bot, sittliche Lehren in das empfängliche Herz des Wilden einzupflanzen. Dann erzählte ich ihm auch wohl von den Ländern Europas und dessen Völkern, schilderte ihm mein Vaterland mit seinen gewaltigen Städten, in denen eine betriebsame Bevölkerung sich geschäftig regt. Ebenso führte ich ihn in die geheimnisvollen Wirkungen von Pulver und Blei ein und brachte ihm die Elemente der edlen Weidmannskunst bei. Zuletzt überließ ich ihm ein großes Messer zum Gebrauche, worüber er eine ungemeine Freude empfand; ich versah ihn mit einem Gürtel, an welchem eine Scheide hing, ähnlich der, wie man sie in meinem Vaterlande für die Jagdmesser gebraucht, und endlich bewaffnete ich ihn mit einem kleinen Beile.

Auf einem unsrer gemeinschaftlichen Ausflüge zeigte ich ihm auch die Überreste meiner Schaluppe, die jetzt ganz und gar zerfallen war. Bei ihrem Anblick stand Freitag eine Weile nachdenklich still. Ich fragte ihn, woran er dächte, und er gab mir endlich zur Antwort:

»Ich sah ein Schiff kommen, ganz wie dieses da, zu meinem Volke.«

Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht und forschte danach, was er meine. Da erklärte er mir denn, daß ein Boot wie das meinige in seiner Heimat durch widrige Winde an die Küste getrieben worden sei.

Ich dachte zuerst, daß in jenen Gewässern ein europäisches Schiff gestrandet und daß eine von demselben losgelöste leere Schaluppe an das Land der Kariben geraten wäre. Als aber Freitag weiter hinzusetzte: »Wir haben die weißen bärtigen Männer vom Ertrinken gerettet« – da ward meine Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt, und ich fragte ihn: »Wieviel weiße Männer haben sich in jenem Boote befunden?«

»Siebzehn Männer, Herr«, berichtete Freitag, an den Fingern zählend.

»Und was ist aus ihnen geworden?«

»Sie leben wohl alle noch, sie wohnen bei meinen Brüdern.«

»Weißt du auch, wie lange dies her ist?«

»Ich entsinne mich genau, Robin, es sind seitdem vier Jahre verstrichen.«

Jetzt erinnerte ich mich auch, daß diese Zeitangabe genau mit der Strandung jenes Fahrzeugs übereinstimmte, dessen Trümmer an meiner Insel festsaßen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft des Schiffes in eine Schaluppe geflüchtet und war, dem Sturme und den Wellen preisgegeben, an die Küste der Wilden getrieben worden.

»Du sagtest mir vorhin, Freitag, daß die weißen Menschen bei deinem Volke lebten. Wie kommt es denn, daß deine Landsleute sie nicht aufgefressen haben?«

»Sie haben Brüderschaft mit uns gemacht«, erwiderte Freitag; »und wir essen nicht Menschen, wenn sie nicht im Kriege gefangen sind. Sie befinden sich dort ganz wohl, und unsre Brüder liefern ihnen, was sie zum Unterhalt gebrauchen.«

Es war eine geraume Zeit nach dieser letzten Unterredung vergangen, als ich einstmals mit meinem Gefährten auf einen Berg der südöstlichen Hügelreihe stieg. Der Himmel war heiter, und kein Wölkchen zeigte sich an dem tiefblauen Firmament; die Luft war durchsichtig, und von der See her wehte uns eine frische Brise entgegen. Freitag sah auf das weite Meer hinaus und blickte nach einer Weile unverwandt auf einen Punkt hin.

Plötzlich ward er unruhig, fing an zu tanzen, zu springen und zu jubeln und rief mich zu sich heran:

»Robin, Robin, komm schnell hierher!«

»Was gibt's, Freitag?«

»O meine Freude! Ich bin glücklich, selig! Ich sehe mein Heimatvolk! Dort kommt mein Volk.«

Das, was meinen guten Freitag in so überschwengliche Aufregung versetzte, rief in mir die entgegengesetzten Gefühle hervor. Was lag näher als die Vermutung, daß in den unverhohlenen Ausbrüchen der Freude sich die Sehnsucht Freitags nach den Seinen aussprach? Von dem Augenblick an erwachte in mir Argwohn gegen meinen Freund und beunruhigte mich wochenlang. Ich zeigte mich unfreundlich, ja verschlossen; aber hierdurch that ich dem armen Burschen das größte Unrecht, denn er kam mir stets mit einem Vertrauen, mit einer Hingebung entgegen, daß ich endlich alle meine Zweifel an seine Aufrichtigkeit fallen ließ.

Eines Tages, als wir auf demselben Bergesgipfel, aber bei nebeligem Wetter, zusammen waren, begann ich Freitag auszuforschen.

»Du würdest dich wohl sehr glücklich preisen, Freitag, wenn du wieder in deine Heimat kommen und deine Brüder sehen könntest?«

»O ja, Robin, ich würde sein viel froh, zu sehen mein Volk.«

»Und möchtest wohl gern wieder, wie deine wilden Brüder, Menschenfleisch beim Siegesschmaus essen?«

»O nein, nein! Niemals wird Freitag wieder Menschenfleisch essen; er wird sagen seinen Brüdern, sich untereinander zu lieben, nicht mehr zu Benamucki zu beten, Fleisch von Ziegen und andern Tieren zu essen und Brot von Korn und Gerste zu backen.«

»Aber fürchtest du nicht, Freitag, daß sie dich umbringen würden, wenn du so zu ihnen sprächest?«

»O nein, nein, Robin, sie werden mich nicht töten; sie wollen gern lernen.«

»So möchtest du also wieder zu den Deinen zurückkehren?«

»Ja, das schon! Aber wie könnte ich so weit bis dort zu jenem Lande schwimmen?«

»Ich will dir ein Kanoe bauen, Freitag.«

»Aber dann gehst du mit? Denn ohne dich würde ich die Insel nie verlassen.«

»Ich, Freitag? Nur zu bald würden deine Brüder über mich herfallen, mich töten, in Stücke zerlegen und über dem Feuer schmoren lassen.«

»Nein, nein, Robin, das wird nimmermehr geschehen; ich werde ihnen sagen, daß du mir das Leben gerettet hast, daß du mich liebst wie einen Bruder, und dann werden sie dich auch lieben und dir Gutes thun.«

»Aber nochmals, warum willst du nicht allein zu den Deinen zurückkehren?«

»O Herr, du bist gewiß recht böse auf mich, daß du mich fortschicken willst!«

»Nicht im geringsten, mein guter Freitag! Vielmehr gedachte ich dir eine Freude zu bereiten, wenn ich dich freiwillig in deine Heimat entließe.«

Und Freitag bleibt dabei: nichts ohne seinen Herrn.

»Was sollte ich aber bei deinem Volke anfangen?«

»O, dort gibt's genug für dich zu thun; wie du mich unterrichtet und gebessert hast, so wirst du auch meine Brüder sanft erziehen.«

»Mein guter Freitag! Du weißt selbst nicht, was du sprichst. Zu einem solchen Werke fehlt es mir an Kraft und Ausdauer.«

»O, du kommst doch mit, Robin?«

»Nein, nein, Freitag! Geh du ohne mich; ich werde hier bleiben und wiederum so leben wie vor deiner Ankunft.«

Die treue Seele war tief gerührt, Thränen standen ihm in den Augen. Dann griff er an seinen Gürtel, holte das Beil hervor und überreichte es mir.

»Was soll ich damit, Freitag?«

»Mich totmachen, Herr!«

»Aber was fällt dir ein?«

»Ja, schlage lieber Freitag damit tot, als daß du ihn fortjagst; er kann nicht ohne dich leben.«

Diese Wendung der Unterhaltung nahm den letzten Zweifel über Freitags Anhänglichkeit aus meinem Herzen, und in mir selbst regte sich von neuem die alte Begierde, eine weitere Seereise zu unternehmen und nach dem großen Festlande zu steuern, auf welchem nach Freitags Bericht die weißen bärtigen Gesichter – Portugiesen oder Spanier – zu treffen sein mußten. Eines Tages führte ich Freitag zu jenem Boote an der Bai, das ich seit mehreren Jahren nicht in Gebrauch genommen, sondern im Wasser versenkt hatte, damit es mich den Wilden nicht verraten sollte. Wir schöpften das Wasser aus dem Kanoe und setzten uns dann selbst hinein. Dabei zeigte Freitag in der Lenkung des Bootes eine Geschicklichkeit und Sicherheit, die mich in Erstaunen setzte. Nach einer Weile sagte ich zu ihm: »Nun, Freitag, wie wäre es, wenn wir jetzt in diesem Boote nach deinem Vaterlande segelten?« Er schien über meine Frage verwundert, denn er fand das Boot viel zu klein, um darin eine so weite Reise zurückzulegen. Hierauf sagte ich ihm, daß ich wohl noch ein größeres Fahrzeug hätte, und daß wir es am nächsten Tage aufsuchen wollten. Ich führte ihn denn auch, wie versprochen, zu dem Orte, wo die Barke lag, die ich nicht hatte ins Wasser bringen können; da ich mich indes länger als 20 Jahre nicht weiter um sie gekümmert hatte, seit ich sie gebaut, so war sie von der Sonne ausgetrocknet und gesprungen, daß sie sich in einer ganz kläglichen Verfassung befand. Freitag aber sagte, daß ein Fahrzeug von dieser Größe, da man genug Eß- und Trinkvorräte darin unterbringen könne, ganz tauglich zu einer Seereise sei, und diese Versicherung kam meinen Plänen entgegen.