Zusammenstoß mit den Kannibalen.
Bau eines neuen größeren Bootes. – Probefahrten. – Neuer Kannibalenbesuch. – Der Kampf mit den Wilden. – Der Spanier und Freitags Vater. – Verpflegung der Befreiten. – Bestattung der Gefallenen. – Geschichte des Spaniers. – Zukunftspläne.
Da ich unaufhörlich an die siebzehn weißen Männer dachte, welche nach Freitags Behauptung bei seinen Landsleuten wohnen sollten, so wuchs in mir das Verlangen, dieselben aufzusuchen. Ich machte mich daher unverzüglich ans Werk, um mit Freitags Hilfe ein neues Boot zu bauen. Alsbald hatte Freitag, der in der Wahl des Holzes besser Bescheid wußte als ich, einen Baum gefunden, wie wir ihn bedurften. Er wollte sich nun anschicken, das Innere des Stammes, nach Art seiner Landsleute, mittels Feuers auszuhöhlen. Aber ich lehrte ihn, wie man denselben Zweck durch Handwerkszeug erreichen könne, und er zeigte sich auch bald als ein brauchbarer Schiffszimmermann. Nach Verlauf eines Monats war endlich ein Fahrzeug von gefälliger Form zustande gebracht; denn wir hatten auch die Außenseiten sorgfältig mit den Äxten bearbeitet. Noch lag ein schweres Stück Arbeit vor uns; denn um die Barke mit Walzen und Hebebäumen bis an das Meer zu schaffen, gebrauchten wir zwei Wochen. Als sie dann endlich flott geworden, betrachtete ich sie mit einem Gefühle von Genugthuung, denn ihre Größe hätte hingereicht, 20 Mann an Bord aufzunehmen. Auch Freitag empfand lebhafte Freude, und er lenkte das Fahrzeug trotz dessen Größe mit ungemeiner Geschicklichkeit.
»Nun, Freitag, was meinst du wohl, können wir uns mit dieser Barke bis an die Küste deiner Heimat wagen?«
»O gewiß!« entgegnete Freitag; »wir werden darin sehr gut fahren, selbst wenn großer Wind weht.«
Aber ich hatte noch einen andern Plan gefaßt. So wie es war, genügte mir unser Boot noch nicht; ich wollte es auch noch mit einem Mast, einem Segel und einem Steuer versehen. Ein Mast war nicht schwer zu erlangen; ich fand einen jungen, schlanken Baum ganz in der Nähe, wie zu meinem Vorhaben geschaffen. Während Freitag denselben fällte und den Stamm nach meiner Anleitung behieb, übernahm ich selbst die Herstellung der Segel. Unter meinem Vorrat alter Segelstücke fanden sich noch einige ziemlich gut erhaltene Stücke, und ich nähte ein dreieckiges oder lateinisches Segel daraus zusammen. Auch brachte ich für den Fall, daß der Wind umsetzte, ein kleines Focksegel und ein Besansegel an; besonders aber ließ ich es mir angelegen sein, ein Steuerruder an dem hinteren Teile der Barke herzurichten.
Als unsre Takelage beendigt war, bestiegen wir das Boot und segelten in der Bai umher. Freitag war zwar ein guter Ruderer, aber er hatte noch keinen Begriff von der Handhabung eines Steuers und dem Gebrauche eines Segels. Er schaute mir daher voll Bewunderung zu, wie ich das Fahrzeug nach meinem Willen vor- und rückwärts lenkte.
Freitag erhält Unterricht im Schiffbau.
Ich hatte jetzt das 27. Jahr meiner »Verbannung« auf meiner Insel angetreten. Nie unterließ ich es, den Jahrestag meines Schiffbruchs und meiner Ankunft auf der Insel in inbrünstigen Gebeten zu Gott zu begehen. Seine Güte hatte mich bisher so wunderbar behütet, und nun erfüllte mich die beglückende Hoffnung, wieder in die Gesellschaft der Menschen zurückzukehren. Auch während der letzten Zeit setzte ich meine Tagesarbeiten fort. Ich grub, pflanzte, ergänzte meine Einzäunungen, sammelte Korn, Reis, Baumfrüchte und Trauben ein; ich besorgte meine Ziegenherden, buk Brot und Kuchen, verfertigte Kleider, Körbe und Töpfe. – Unterdessen war die Regenzeit herangenaht, und ich mußte Bedacht darauf nehmen, unser Boot sicher unterzubringen. Ich schaffte es daher so weit auf den Strand, als die steigende Flut es erlaubte, und gebot Freitag, daneben ein Becken zu graben, tief genug, um das Boot beständig flott zu erhalten. Als die Flut dann zurückwich, führten wir einen starken Damm auf, der das Becken verschloß und dem Eindringen des Meeres vorbeugte. Um aber unser Fahrzeug gegen den Regen zu schützen, bedeckten wir es mit einem Dach und erwarteten so den Monat November oder Dezember, um die ersehnte Fahrt anzutreten.
Mit Beginn der schönen Jahreszeit beeilten wir uns, die nötigen Zurüstungen zur Reise zu treffen. Denn ich gedachte, vielleicht schon in acht bis zwölf Tagen das Wasserbecken zu öffnen und das Boot auslaufen zu lassen. Eines Morgens hatte ich Freitag nach dem Meere hinabgeschickt, um eine Schildkröte zu fangen, weil wir sowohl das Fleisch als auch die Eier dieses Tieres sehr wohl zu schätzen wußten. Aber schon nach wenigen Minuten kam er eiligst wieder zurück und übersprang den ersten Festungszaun.
»O Herr, Herr, o Jammer!«
»Was gibt's denn, was hast du?«
»Dort unten, dort unten! Eins, zwei, drei Kähne!« Freitag war so erschrocken, daß er am ganzen Körper zitterte; er hatte sich eingebildet, daß die Wilden nichts Geringeres beabsichtigten, als ihn einzufangen, in Stücke zu zerhauen und aufzuessen. Ich suchte ihn zu beruhigen, so gut ich konnte, und ihm begreiflich zu machen, daß ich ja ganz in der nämlichen Gefahr schwebe wie er.
»Freitag«, sagte ich, »wir müssen mit ihnen um unser Leben kämpfen; bist du bereit dazu?«
– »Jawohl, ich schieße auf sie; aber ihre Zahl ist groß.«
»Was thut das, Freitag? Unsre Gewehre werden einen Teil von ihnen niederstrecken, und das Feuer und der Knall wird die andern in die Flucht schlagen. Wenn ich dich aber mit meinem Leben verteidige, willst du mir auch treulich zur Seite stehen und alles thun, was ich dir sage?«
»Ja, Herr, ich will sterben, wenn du mir zu sterben befiehlst.«
Hierauf holte ich eine Flasche Rum, um Freitag in seiner mutigen Stimmung zu erhalten; dann gebot ich ihm, die beiden gewöhnlichen Jagdgewehre herbeizubringen, und ich selbst lud sie mit tüchtigen Posten.
Hiernach stieg ich mit meinem Fernrohr auf die Warte, um zu sehen, was an der Küste vorging. Da entdeckte ich nun, daß 21 Wilde in drei Kanoes gelandet waren, und zwar an der Südostküste, was mich um so mehr wunder nahm, als ich noch nie an dieser Stelle das geringste Anzeichen einer Landung der Kannibalen bemerkt hatte. Der Ort, wo sie ausgestiegen waren, schien sehr flach, der Strand niedrig; etwa 100 Schritte davon begann der Saum eines dichten Gebüsches, welches sich ziemlich weit bis in die Felsengruppen der inneren Insel hineinzog. Es deuchte mich, als ob sie drei Gefangene bei sich hätten und auch diesmal aus keinem andern Grunde an meine Insel gekommen wären, als wieder eines ihrer Siegesfestmahle abzuhalten.
Zunächst lud ich nun vier Musketen mit sieben Kugeln, sowie meine beiden Pistolen mit zwei Kugeln. Den Degen steckte ich in den Gürtel und befahl Freitag, sein Beil, ein Pistol, zwei Musketen und eine Flinte nebst Vorrat von Pulver und Blei zu ergreifen; ich selbst aber nahm das andre Pistol und die übrigen Schießgewehre. Außerdem steckten wir einige Brotkuchen und getrocknete Rosinen zu uns, sowie ein Fläschchen Rum zur Stärkung unsrer Lebensgeister. So gerüstet rückten wir aus. Auf einem Umweg von ungefähr einer Viertelmeile bogen wir nach dem Rande des Gehölzes ein, um hier, ungesehen von den Wilden, bis an die Bucht zu gelangen und sie in Schußlinie vor uns zu haben.
Unter Beobachtung größter Vorsicht gelangten wir an das Ende des Gehölzes und somit in die Nähe der Feinde, von denen mich nur noch eine einzige Baumgruppe trennte. Ich befahl Freitag, auf einen Baum zu steigen, um zu sehen, was die Wilden vornähmen. Er kletterte sehr bald wieder herab und berichtete, er habe die Feinde ganz deutlich gesehen; sie säßen rings um ein Feuer und verzehrten das Fleisch eines ihrer Gefangenen; ein andrer liege dicht daneben an Händen und Füßen gebunden und werde wahrscheinlich demnächst an die Reihe des Verspeisens kommen. »Aber«, fügte Freitag bedeutungsvoll hinzu, »es ist keiner von unserm Stamme, sondern einer von den weißen bärtigen Männern, die sich in unserm Vaterlande angesiedelt haben.« Dieser Bericht versetzte mich in Zorn und Wut. Ich stieg nun mit meinem Fernglas ebenfalls auf einen Baum und erkannte deutlich an Gesicht und Bekleidung in dem gebundenen Manne einen Europäer.
Ein kleines Gebüsch zog sich von der Waldspitze noch ungefähr 100 Schritte nach links gegen den Strand hin, und ich konnte, durch dasselbe gedeckt, den Wilden mich noch mehr nähern. Am Ende des Buschwerks gelangte ich auf einen kleinen Sandhügel oder eine Düne, von wo aus ich die jetzt nur noch in einer Entfernung von 80 Schritt lagernden Wilden aufs genaueste beobachten konnte. Es war kein Augenblick mehr zu verlieren, denn eben bemerkte ich, wie sich zwei der Kannibalen anschickten, des Europäers Hände und Füße von den Fesseln zu befreien, um ihn dann am Feuer zu schlachten. Ich sah mich nach Freitag um.
»Jetzt«, sagte ich zu ihm, »thue, wie ich dir sagen werde.«
»Ja, Herr! Befiehl!«
»So ahme genau das nach, was du mich thun siehst, und fehle nicht!«
Mit diesen Worten legte ich eines der Jagdgewehre und eine der Musketen auf den Boden. Freitag that dasselbe. Dann zielte ich auf die beiden mit ihrem Schlachtopfer beschäftigten Wilden und gebot Freitag, unter den übrigen Haufen zu feuern.
»Bist du fertig, Freitag?« – Freitag nickte zustimmend.
»Nun – dann Feuer!«
Zwei donnerähnliche Schüsse hallten hinaus auf Land und Meer. –
Befreiung eines Gefangenen.
Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, sah ich, was wir ausgerichtet hatten. Durch meinen Schuß war der eine getötet, der andre verwundet worden; Freitag dagegen hatte sogar zwei erlegt und drei verwundet. Der Schrecken aber, der durch den Knall unsrer Gewehre unter die Wilden fuhr, ist nicht zu beschreiben. Die Verwundeten jammerten und wälzten sich am Boden, die andern sprangen entsetzt auf und suchten zu entfliehen. In der gräßlichen Verwirrung liefen sie jedoch nur hin und her; denn sie wußten nicht, von welcher Seite ihnen das Verderben drohte. Freitag verwendete kein Auge von mir, um zu sehen, was ich weiter thun würde. Nach der ersten Salve legte ich mein Gewehr auf den Boden und ergriff die Flinte; Freitag that dasselbe. »Hahn gespannt. Angelegt. Feuer!« Wiederum rollte der Donner unsrer Gewehre über die Häupter der Wilden hinweg. Diesmal stürzten, da unsre Flinten nur mit grobem Schrot geladen waren, bloß zwei Männer zu Boden, aber es waren ihrer so viele verwundet, daß die meisten, mit Blut bedeckt und vor Schmerz heulend, wie im Wahnsinn durcheinander liefen. Bald stürzten noch drei von ihnen zu Boden, obgleich sie nicht tot waren.
»Jetzt, Freitag, mir nach!« sagte ich, nachdem ich die letzte, Freitag aber die dritte Muskete aufgenommen hatte. Mit lautem Geschrei stürzten wir aus dem Gebüsche, gerade auf die Wilden los. Der eine von den beiden, welche den Gefangenen losbinden wollten, lag tot, während der andre, verwundet, in einen Kahn gesprungen war, wohin ihm noch vier seiner Gefährten folgten.
Sogleich gebot ich Freitag, auf die Flüchtlinge zu feuern; er verstand mich sehr gut, lief ungefähr 40 Schritte weit, um die Flüchtigen aufs Korn zu nehmen, und schoß los. Er hatte seine Sache gut gemacht; denn sofort stürzten alle fünf nieder, so daß ich schon glaubte, er hätte sie sämtlich getötet; indessen sprangen zwei von ihnen wieder auf, die andern blieben regungslos liegen, entweder schwer verwundet oder getötet.
Während dies geschah, war ich zu dem Gefangenen geeilt und schnitt mit einem Messer die Bande entzwei, welche ihn an Händen und Füßen gefesselt hielten; dann half ich ihm aufstehen und fragte auf portugiesisch, wer er sei. Er antwortete mir in lateinischer Sprache: »Christianus«, war aber so entkräftet, daß er weder stehen, noch ein weiteres Wort sprechen konnte. Ich reichte ihm mein Rumfläschchen, aus dem er einen kräftigen Schluck nahm, der ihn sichtbar stärkte. Außerdem gab ich ihm auch ein Stück Brot, und er aß es mit der größten Hast. Währenddem fragte ich noch, aus welchem Lande er stamme, und erhielt zur Antwort: »Spanien«. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, gab er mir durch allerlei Zeichen zu verstehen, wie dankbar er mir sei für die Rettung aus der Hand der Kannibalen. Ich aber sprach zu ihm auf Spanisch, so gut es eben gehen wollte: »Sennor, später wollen wir uns weiter aussprechen, jetzt müssen wir kämpfen. Wenn Ihr noch irgend Kraft habt, so nehmt diese Pistole und diesen Degen und nun Gott befohlen!«
Kaum fühlte der Spanier die Waffen in seiner Hand, als er neu beseelt von Mut und Kraft erschien. Wie ein Wahnsinniger hieb er auf seine Peiniger ein und streckte im Nu zwei oder drei derselben zu Boden. Die Wilden waren durch die Wirkung unsrer Feuerwaffen und den ungestümen Überfall so überrascht, daß die meisten von ihnen wie gelähmt niederstürzten und ebensowenig zu fliehen als unserm Angriffe zu widerstehen vermochten.
Ich hielt mein Gewehr schußfertig, ohne jedoch abzuschießen, um nicht ganz verteidigungslos zu sein, da ich dem Spanier Degen und Pistole gegeben hatte. Dann rief ich Freitag herbei und gebot ihm, die abgeschossenen Gewehre, die wir zurückgelassen hatten, herbeizuholen, was mit unglaublicher Schnelligkeit geschah. Wir luden sogleich unsre Gewehre; ich übergab Freitag eine Muskete und sagte ihm, er solle weitere Waffen herbeischaffen, wenn man deren bedürfe. Unterdessen fand ein fürchterlicher Kampf zwischen dem Spanier und einem Wilden statt, der mit einem eisenharten hölzernen Schwerte auf ihn einhieb. Allein jener, ebenso kühn und tapfer, widerstand trotz seiner Schwäche lange Zeit den Angriffen des Indianers, ja er hatte ihm sogar zwei Wunden am Kopfe beigebracht. Der Wilde jedoch, ein Mensch von hohem Wuchse, hatte jetzt seinen Gegner gepackt, zu Boden geworfen und suchte ihm nun den Degen zu entwinden. Der Spanier ließ die Waffe fahren, riß die Pistole aus dem Gürtel und jagte seinem Feinde eine Kugel durch die Brust, die ihn sofort tötete.
Freitag blieb seinerseits auch nicht unthätig: er verfolgte die Flüchtlinge, ohne eine andre Waffe als sein Beil, und machte denen, die er im Laufe einholte oder die verwundet auf der Erde umherlagen, den Garaus. Der Spanier bat mich jetzt um ein Gewehr, und ich überließ ihm gern eine meiner beiden Jagdflinten. Er verfolgte damit zwei Wilde und verwundete sie beide; da er sie aber nicht einzuholen vermochte, so entkamen sie nach dem Walde. Hier aber trafen sie auf Freitag, der sogleich den einen von ihnen niederstreckte; der andre, wiewohl verwundet, lief nach dem Strande, warf sich ins Meer und schwamm dem Kanoe nach, in welchem sich ein Toter und ein Verwundeter befanden, während drei noch Lebende das Weite zu gewinnen suchten. Es waren 17 Wilde teils getötet, teils so schwer verwundet worden, daß sie an ihren Wunden sterben mußten; nur vier waren in ihrem Kahne entkommen, einer derselben aber dem Anscheine nach auch schwer blessiert.
Die in dem Kanoe Flüchtenden ruderten mit aller Anstrengung, um aus dem Bereiche unsrer Kugeln zu kommen, und obgleich Freitag noch zwei- oder dreimal nach ihnen feuerte, so schien doch keiner getroffen zu sein. Freitag zeigte sich so kampfbegierig, daß er eins ihrer Boote nehmen wollte, um die Wilden zu verfolgen, und in der That schien mir dieser Gedanke beachtenswert. Denn gelang es auch nur einem zu entrinnen, der die Nachricht von der Niederlage zu seinem Stamm brachte, so konnte ich mich sicherlich auf einen baldigen Besuch von Hunderten gefaßt machen, die uns durch ihre Überzahl erdrückt hätten. Ich eilte also mit Freitag nach dem Strande hinab und sprang in eine Barke. Aber wie erstaunte ich, als ich hier noch einen an Händen und Füßen gefesselten Wilden erblickte, der vor Angst halb tot war!
Sogleich zerschnitt ich seine Fesseln und suchte den armen Menschen emporzurichten; allein er konnte weder stehen noch sprechen, sondern stöhnte nur auf eine ganz erbärmliche Weise, weil er wahrscheinlich glaubte, er solle nun getötet werden. Ich gab Freitag mein Rumfläschchen, um den Armen durch einen Schluck zu stärken, und trug ihm zugleich auf, dem Wilden seine Befreiung zu verkündigen. Der Trunk und noch mehr die frohe Botschaft belebten den Armen so, daß er sich in der Barke aufrecht zu setzen vermochte. Als ihm aber Freitag aufmerksamer ins Gesicht sah, wurde dieser wie umgewandelt. Er umarmte den Geretteten, küßte ihn und drückte ihn stürmisch an die Brust; dann lachte er, jauchzte vor Freuden, sprang, tanzte, sang, gebärdete sich wie ein Unsinniger, weinte und rang die Hände. Lange währte es, ehe auch nur ein einziges vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen war: endlich, als er wieder ein wenig zu sich selbst kam, sagte er zu mir, der Gerettete sei sein Vater.
Es läßt sich nicht mit Worten das Entzücken des guten Freitag beim Anblick seines Vaters und dessen unerwarteter Errettung schildern; zwanzigmal sprang er aus dem Kahne und wieder hinein; dann setzte er sich an die Seite seines Vaters und öffnete sein Kleid, um den Kopf desselben an seine Brust zu drücken und ihn zu erwärmen; dann nahm er wieder seine Arme, seine Beine, welche durch das harte Zuschnüren der Bande steif und geschwollen waren, und rieb sie mit seinen Händen. Ich gab ihm nun etwas Rum, um die abgestorbenen Glieder des alten Mannes zu waschen, was demselben augenscheinlich sehr wohl that.
Freitag war so sehr mit seinem Vater beschäftigt, daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, ihn von demselben abzurufen. Erst als ich glaubte, er habe seiner kindlichen Freude vollkommen Genüge gethan, rief ich ihn, und er sprang mit freudestrahlendem Gesicht auf mich los.
»Hast du deinem Vater schon Brot zu essen gegeben, Freitag? Er wird wohl tüchtigen Hunger haben.«
»Nein, ach nein, Herr!« erwiderte fast weinend der arme Bursche; »o, ich schlechter Hund habe selbst alles gegessen, alles!«
»Nun, Freitag, beruhige dich! Da ist ein Stück Kuchen, das ich gerade noch in meiner Tasche finde; hier hast du auch noch Rosinen und einen Schluck Rum, damit stärke deinen Vater!«
Freitag gehorchte mit einem Blicke des Dankes und reichte das Dargebotene dem Alten. Dann sprang er mit einem Satze aus dem Kahne und lief wie ein gehetztes Wild davon, so daß er im Nu aus unsern Augen verschwunden war. Ich schrie, ich lief ihm nach – er hörte nicht; nachdem etwa eine Viertelstunde verflossen war, sah ich ihn wiederkommen, aber nicht so eilig, als er davongelaufen war, weil er etwas in den Händen trug. Er hatte nämlich in dieser kurzen Zeit den Weg nach der Burg zurückgelegt, um noch mehr Brot und einen Krug frischen Wassers hierher zu bringen. Sein Vater, der bald vor Durst verschmachtete, wurde durch den kühlen Trunk mehr erquickt, als all mein Rum vermocht hätte.
Nachdem der Alte getrunken hatte, fragte ich Freitag, ob noch etwas Wasser übrig sei, und auf seine Bejahung trug ich ihm auf, dieses sowie ein Brot dem Spanier zu bringen, der dessen ebensosehr bedurfte und auf einem Rasenhügel im Schatten eines Baumes ausruhte.
Als Freitag zurückgekommen, schlug er die Augen zu mir empor und blickte mich mit dem Ausdrucke größter Dankbarkeit an. Gern hätte sich der Spanier erhoben und wäre zu uns gekommen, allein er war so erschöpft und seine Glieder durch die harten Bande so angeschwollen, daß er sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ich befahl daher Freitag, ihm Hände und Füße mit Rum einzureiben. Dabei drehte letzterer alle Augenblicke den Kopf herum, um nach seinem Vater zu sehen. Als er ihn einmal nicht in seiner vorigen Stellung sah, ließ er ohne weiteres vom Einreiben ab, sprang auf und schoß wie ein Pfeil nach dem Boote, in welchem sich sein Vater niedergelegt hatte, um seinen müden Gliedern Ruhe zu gönnen. Erst als er völlig zufrieden gestellt sein durfte, kehrte Freitag eiligst zurück und vollendete die ihm aufgetragene Hilfeleistung.
Alles dies hatte uns von der Verfolgung der Wilden abgezogen, und ihre Barke selbst war uns bereits aus dem Gesicht, als wir wieder an sie dachten. Die Verhinderung unsrer anfänglichen Absicht war jedoch ein großes Glück für uns. Denn zwei Stunden später erhob sich ein heftiger Wind, der den übrigen Teil des Tages und die ganze Nacht hindurch anhielt. Wie übel hätte es uns in unsrer leichten Barke ergehen können!
Dem Spanier machte ich den Vorschlag, sich auf Freitag zu stützen und bis zu einem der Kähne sich weiter zu helfen, um ihn dann nach unsrer Wohnung zu schaffen, wo ich besser für seine Pflege und Bequemlichkeit sorgen könnte. Allein er fühlte sich so schwach, daß er nicht mehr stehen konnte. Ohne weitere Umstände nahm daher Freitag mit kräftiger Hand den Fremden auf seinen Rücken, trug ihn nach dem Kahne, setzte ihn an der Seite seines Vaters nieder, stieß das Boot vom Ufer und ruderte dasselbe, ungeachtet des sich erhebenden Windes, die Küste entlang, schneller als ich gehen konnte. Darauf eilte er zurück. Als er an mir vorbei lief, fragte ich ihn: »Wo rennst du so hurtig hin?« – »Andern Kahn holen!« lautete lakonisch seine Antwort, und schnell wie der Wind war er davon. Als ich bei der Bucht anlangte, war auch Freitag fast gleichzeitig mit dem nachgeholten Boote daselbst eingetroffen.
Soweit war alles gut gegangen. Da aber weder Freitags Vater noch der Spanier zu gehen im stande war, so befanden wir uns in nicht geringer Verlegenheit, wie wir dieselben bis zur Burg und besonders über die Wallmauer bringen sollten. Wir hatten indes keine Zeit, noch lange zu überlegen. Das geeignetste Transportmittel schien mir unter den vorliegenden Umständen eine Tragbahre zu sein. Sofort machte ich mich denn auch, indem ich die beiden unsrer Obhut anvertrauten Männer am Ufer ruhig niedersitzen ließ, mit Freitag ans Werk, und nach einem Stündchen hatten wir mit zwei Stangen und Flechtwerk eine Tragbahre hergerichtet, wie sie unsern Zwecken notdürftig entsprechen konnte.
So trugen wir denn den Spanier und Freitags Vater und gelangten bis an die äußere Umfassungsmauer unsrer Burg. Hier aber entstand wiederum die Frage: Wie werden wir die beiden Entkräfteten über den Wall hinwegbringen? Es blieb denn nichts andres übrig, als zwischen der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Gebüsch ein Zelt zu errichten. Freitag ging mit seiner gewohnten Geschicklichkeit ans Werk, und nach zwei Stunden hatten wir eine leidlich hübsche Hütte zustande gebracht, bedeckt mit alten Segeln und Baumzweigen. Im inneren Raume derselben stellten wir einen Tisch hin nebst einer Bank und ein paar roh gezimmerten Stühlen, sodann zwei Lagerstätten von gutem Reisstroh nebst je zwei wollenen Decken: eine, um darauf zu liegen, die andre, um sich damit zuzudecken.
Sobald alles unter Dach und Fach gebracht war, erschien es wohl natürlich, daß ich nun auch an mich und Freitag dachte. Ich befahl letzterem, eine junge Ziege zu schlachten und sie in Stücke zu zerschneiden. Mit einigen derselben, die ich Freitag kochen ließ, bereitete ich eine kräftige Suppe und ein vortreffliches Fleischgericht. Dann wartete ich in dem neu aufgeschlagenen Zelte auf und hieß meine Gäste guten Mutes sein und tapfer zulangen.
Nach aufgehobener Mahlzeit trug ich Freitag auf, eine Barke herbeizuschaffen und unsre Waffen zu holen, die wir im Drange der verwichenen Stunden auf dem Schlachtfelde gelassen hatten. Nächstdem gab ich ihm den Auftrag, seinen Vater über die Wilden auszufragen, und ob er glaube, daß sie einen Rachezug gegen uns unternehmen würden. Freitags Vater meinte, die Flüchtlinge hätten in ihrem leichten Fahrzeuge dem Sturme, der sich bald nach ihrer Abfahrt erhob, um so weniger widerstehen können, als er sie bereits auf dem ersten Viertel ihres Seewegs überrascht hätte. Wenn aber das Fahrzeug auch nicht umgeschlagen wäre und seine Insassen in den Wellen begraben hätte, so würden diese doch nach Süden zu unvermeidlich an Küsten geschleudert worden sein, wo sie als Kriegsgefangene dem Tode preisgegeben wären. Sollten sie dennoch in ihre Heimat kommen, so würden sie ihren Landsleuten eher ab- als zureden, diese Insel jemals wieder zu betreten. Er habe nämlich vernommen, wie sie sich gleich nach unsern ersten Gewehrsalven ängstlich und zitternd einander zuriefen: die beiden Wesen (nämlich ich und Freitag) seien keine Menschen, sondern böse Geister, die vom Himmel auf die Erde herabgestiegen wären, um sie zu vernichten; denn Menschen, wie sie immer auch seien, könnten nicht Blitze und Donner machen, auch nicht Feuer und Tod in die Ferne schicken. Gewiß käme ihnen dieses Eiland wie ein verzaubertes Land vor, dessen geisterhafte Bewohner alles vernichteten, was sich in ihre Nähe wagte.
Der alte Mann mochte wohl nicht unrecht haben. Dennoch blieb ich auf der Hut; da wir aber jetzt unser vier waren, so konnten wir es getrost mit einer Rotte von 50, ja 100 Mann aufnehmen.
Nachdem wir uns noch über mancherlei unterhalten hatten, überließ ich Freitags Vater und den Spanier der benötigten Ruhe, denn sie waren immer noch matt und schwach. Auch wir beiden andern zogen uns nach dem Wohnhause zurück und suchten gleichfalls unser Lager auf. Trotz meiner Müdigkeit wollte mich der Schlaf nicht überkommen; die jüngsten Ereignisse tauchten wieder so lebhaft in meiner Seele auf, daß ich den ganzen Kampf gleichsam von neuem durchlebte.
Die Einwohnerzahl meiner Insel war nun um das Vierfache gestiegen, und ich war naturgemäß der unumschränkte Monarch über diese Insulaner. So klein aber die Zahl auch war, eine große Verschiedenheit zeigte die Bevölkerung hinsichtlich der Abstammung und der Religion. Freitags Vater war Karibe, Heide und Menschenfresser, der Sohn Spaniens war Katholik, und ich nebst Freitag huldigten der Lehre des Protestantismus. Aber diese Verschiedenheit sollte kein Stein des Anstoßes werden, kein Gewissenszwang beirrte in meinem Staate die Gemüter.
Als wir uns am andern Morgen erhoben hatten, gebot ich Freitag, die getöteten Wilden, deren verwesende Leichname die Luft zu verpesten drohten, in die Erde zu verscharren. Zugleich sollte Freitag auch die eklen Überreste der Kannibalenmahlzeit entfernen, damit sie nicht unser Auge ferner beleidigten. Er entledigte sich meines Befehls mit gewohnter Bereitwilligkeit.
Dann machten wir gemeinsam die Runde um die Burg und ihre Umgebungen und gingen nach der Höhle und den Ziegenparks. Ich wollte nämlich sowohl mich selbst von dem Stande der Dinge unterrichten, als auch meine neuen Gefährten mit meinen wirtschaftlichen Erfolgen bekannt machen. Freitag hatte als Dolmetsch hierbei vollauf zu thun; denn sein Vater war über die vielen neuen Dinge, die er bei uns sah, ganz erstaunt, und ich ließ ihm ihren Zweck und Gebrauch so deutlich wie möglich auseinandersetzen. Aber auch der Spanier war nicht wenig überrascht von den zweckmäßigen Einrichtungen, die ich im Laufe so vieler Jahre getroffen und allmählich mehr und mehr verbessert hatte.
Nachdem meine neuen Hausgenossen sich endlich von ihren Schmerzen an Händen und Füßen befreit fühlten, boten sie mir bereitwillig ihre Kräfte zur Verrichtung der ländlichen und vielen andern Arbeiten an. Freitag ließ ich meist in Gesellschaft seines Vaters arbeiten, während sich der Spanier in meiner nächsten Nähe zu halten pflegte. Da fehlte es denn nicht an hunderterlei Fragen und Mitteilungen, an Plänen und Aussichten für die Zukunft, an Erörterungen hinsichtlich der Mittel, nach dem Festland hinüberzukommen, wo ich, wie Freitags Vater versichert hatte, um seinetwillen gastfreundliche Aufnahme finden würde.
Der Spanier unterrichtete mich zuvörderst von seinem und seiner Genossen Schicksal. »Ich heiße«, erzählte er, »Don Juan Caballos und stamme aus Valladolid in Spanien. Wir waren auf einem Fahrzeuge abgesegelt, das vom Rio de la Plata nach der Havanna gehen und dort Pelzwaren und Silber gegen europäische Waren umtauschen sollte. Es erhob sich ein heftiger Sturm, und in der Nacht darauf wurden wir so heftig gegen ein Felsenriff geschmettert, daß wir, im ganzen elf Spanier und fünf Portugiesen, uns beeilen mußten, in die Schaluppe zu kommen. Sturm und Wellen preisgegeben, halbtot vor Hunger und Durst, Angst und Gefahr, wurden wir nach der karibischen Küste verschlagen und schwebten in der peinlichsten Furcht, von den Wilden geschlachtet zu werden. Allein die Kannibalen waren menschlicher, als wir glaubten: sie nahmen uns ohne Feindseligkeit auf und ließen uns in Frieden unter sich leben. Da wir uns indes an ihre schlechten Lebensmittel und namentlich an ihr Nationalfestessen, aus Menschenfleisch bestehend, nicht gewöhnen konnten, so nagten wir fast beständig am Hungertuche. Zwar besaßen wir einige Feuergewehre und Säbel; aber wir hatten bereits in den ersten Tagen nach unsrer Landung den Vorrat an Pulver und Blei verbraucht und waren deshalb fast lediglich auf den Unterhalt durch die Wilden angewiesen. Was Wunder, wenn der Gedanke einer Flucht aus diesem Lande sich in uns allen bis zum glühendsten Wunsche steigerte? Dies, Freund Robinson, ist die Lage meiner Genossen unter den Kannibalen.«
»Das ist in der That traurig, Don Juan«, erwiderte ich dem Spanier. »Aber mir geht ein Gedanke durch den Kopf: würden wohl Eure Gefährten einen Vorschlag zu ihrer Rettung von mir annehmen?«
»O sicherlich mit dem innigsten Dankgefühl, Sennor; denn in ihrer jetzigen verzweifelten Lage haben sie keine Hoffnung, sich selbst jemals befreien zu können!«
»Mein Vorschlag wäre demnach folgender: sie sämtlich nach unsrer Insel herüberzuholen und durch gemeinschaftliche Arbeit ein Fahrzeug zu bauen, das groß genug sein würde, um uns alle samt den nötigen Lebensmitteln aufzunehmen und nach Brasilien oder nach einer spanischen Kolonie zu bringen. Freilich würde ich es aber bitter zu bereuen haben, das Werkzeug ihrer Rettung geworden zu sein, wenn sie gegen mich, als einen Engländer, die obschwebenden Feindseligkeiten der spanischen und britischen Nation geltend machen würden.«
»O Sennor«, entgegnete der Spanier, »meine Genossen haben den Kelch der bittersten Leiden zu lange gekostet, als daß sie nicht schon den bloßen Gedanken verabscheuen sollten, demjenigen ein Unrecht zuzufügen, dem sie für die Rettung aus Not und Verbannung verpflichtet wären.«
»Und doch, Don Caballos, ist gerade die Dankbarkeit keine gewöhnliche Tugend unter den Menschen. Denn nur zu oft richten dieselben ihre Handlungen nicht nach den Pflichten ein, welche ihnen durch empfangene Wohlthaten auferlegt werden, sondern nach ihrem eignen persönlichen Vorteil, dem sie alle übrigen Rücksichten nachsetzen.«
»Wohl, Sennor, aufzwingen läßt sich Vertrauen nicht. Aber wenn Ihr gestattet, so laßt mich mit Freitags Vater wieder zurückfahren, meine Landsleute von Eurem Plane in Kenntnis setzen, mit ihnen einen Vertrag abschließen, den sie mit einem heiligen Eide beschwören sollen. Diesen Vertrag werde ich unterzeichnet hierher zurückbringen. Ich selbst aber will mich, ehe ich abreise, durch einen Eid verbindlich machen, Euch treu und gehorsam zu bleiben, solange ich lebe, und meine Genossen eben dazu anzuhalten; Euch selbst will ich für den Fall, daß letztere sich widerspenstig oder untreu bezeigen sollten, auf das kräftigste beistehen und Eure Person bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.«
Auf solche Versicherungen hin glaubte ich die Rettung der Spanier und Portugiesen wagen zu dürfen und ordnete an, daß Caballos mit dem alten Wilden abgesandt werden solle. Als aber bereits alles zur Abreise vorbereitet war, erhob der Spanier selbst eine Schwierigkeit, in welcher sich seine Klugheit und Aufrichtigkeit bekundeten, so daß ich gern seinen Rat annahm und die Befreiung seiner Gefährten noch um sechs Monate hinaus verschob.
Zurüstung des Bootes zur Abfahrt.
Er musterte nämlich meine Vorräte an Reis und Gerste und begriff sofort, daß dieselben allerdings für mich und Freitag mehr als hinreichend waren, daß jedoch jetzt, wo wir unser vier von diesem Haushalt zehren mußten, die weiseste Sparsamkeit von nöten sein würde. Wie aber sollte es vollends dann werden, wenn auch noch die 16 Europäer auf unser Kornmagazin angewiesen waren? Dabei riet mir der Spanier, ich möchte ihn sowie die beiden Indianer so viel Land beackern und besäen lassen, als dies ohne zu erhebliche Verringerung der Vorräte geschehen könne, und dann die nächste Ernte abwarten. Würde diese ungünstig ausfallen, so könnte leicht die Hungersnot Unzufriedenheit und Zwistigkeiten herbeiführen; seine Gefährten könnten dann wohl meinen, nur aus einem Unglück in das andre gefallen zu sein.
»Wißt Ihr doch selbst, Sennor«, fügte er hinzu, »wie auch die Kinder Israel anfänglich über ihre Errettung aus Ägyptenland frohlockten, dann aber, als es ihnen in der Wüste an Brot gebrach, sich gegen ihren Führer auflehnten.«
Der Rat des Spaniers schien mir so wohl überdacht und beachtenswert, daß ich ihm ohne Zögern folgte. Wir machten uns daher alle vier, so gut es mit unsern hölzernen Werkzeugen gehen wollte, an die Arbeit, gruben ein ziemlich großes Stück Land um, und bereits nach Verlauf eines Monats, wo die Saatzeit eintrat, hatten wir so viel Ackerland zubereitet, daß wir 22 Scheffel Gerste und 16 Krüge Reis säen konnten; es blieb aber für uns bis zur nächsten Erntezeit noch genug Gerste zu unsrer täglichen Nahrung übrig. Da wir jetzt zahlreich genug waren, um die Wilden nicht mehr fürchten zu müssen, so gingen wir frei und unbesorgt auf der ganzen Insel umher, um alles Notwendige zu unsrer Befreiung, die unsre Gemüter ausschließlich beschäftigte, instandzusetzen. Als die Jahreszeit gekommen war, Trauben zu pflücken und zu trocknen, ließ ich eine solche Menge derselben aufhängen, daß wir 60 bis 80 Fässer hätten füllen können, wenn wir in Alicante gewesen wären, wo die besten Rosinen gemacht werden. Diese Früchte und das Brot bildeten den Kern unsrer Mahlzeiten. Außerdem aber flochten wir fleißig Körbe, die uns zur Aufbewahrung unsrer Vorräte unentbehrlich waren.
Zugleich nahm ich auch darauf Bedacht, unsre Herde zahmer Ziegen zu vermehren. Zu diesem Zwecke ging ich abwechselnd mit dem Spanier auf die Jagd, wohin uns Freitag begleitete. Indem wir die alten Ziegen schossen, die Jungen aber einfingen, brachten wir an 20 junge Ziegen zusammen, die ich dann mit den übrigen aufzog.
Auch bezeichnete ich mehrere Bäume, die ich zur Erbauung eines größeren Fahrzeuges geeignet hielt, und ließ sie durch Freitag und seinen Vater fällen, während ich dem Spanier die Überwachung und Leitung dieser Arbeiten anvertraute. Ich zeigte ihnen, mit welcher Geduld und Ausdauer ich große Bäume zu Booten verarbeitet hatte, und wies sie gleichfalls dazu an. Sie schnitten ein Dutzend guter Bretter von 60 cm Breite, 5-11 m Länge und 5-10 cm Dicke – eine Arbeit, die manchen schweren Schweißtropfen kostete.
Inzwischen war die Zeit der Ernte gekommen, und wir arbeiteten mit Lust am Einsammeln. War sie auch nicht allzu ergiebig, denn ich hatte früher schon reichere Ernten gehabt, so entsprach sie doch unsern Erwartungen. Wir erhielten über 220 Scheffel Gerste und in demselben Verhältnisse Reis. Das bildete einen Vorrat, der uns alle, mit Einschluß der Gefährten des Spaniers, bis zur nächsten Ernte nicht nur hinlänglich ernährt, sondern auch noch bequem zur Verproviantierung eines Fahrzeuges gereicht hätte, um zu dem von Europäern bewohnten Festlande von Amerika zu gelangen. Nachdem wir unsre Vorräte untergebracht hatten, fand ich es für angemessen, das Feld noch einmal zu bearbeiten und zu besäen, weil wir wegen des Schiffbaues, aus Mangel an Werkzeugen, uns noch eine geraume Zeit hier aufhalten mußten.
Nachdem alles bestens geordnet war, setzten wir unser Boot in Bereitschaft, in welchem Caballos mit dem alten Indianer absegeln sollte, um mit den Spaniern und Portugiesen zu unterhandeln. Um mich aber für jeden Fall sicher zu stellen, setzte ich dem Spanier am Tage vor ihrer Abfahrt einen in portugiesischer Sprache abgefaßten schriftlichen Befehl auf, der folgendermaßen lautete:
»Es wird keiner mitgebracht, der nicht in Gegenwart von Freitags Vater und des Don Juan Caballos auf das Evangelium schwört, mich, Robinson Crusoe, als seinen obersten Befehlshaber anzuerkennen, mir treu und gehorsam zur Seite zu stehen, mir wissentlich nie Schaden oder Böses zuzufügen, mich gegen jeden Angriff, woher er auch komme, zu verteidigen und sich meinen Befehlen und meiner Leitung, wohin ich ihn auch führen würde, niemals zu widersetzen. Jeder hat heilig zu versprechen, mein Wohl nach seinen Kräften zu fördern. – Alles dies soll von sämtlichen Leuten beschworen und durch eigenhändige Unterschrift anerkannt werden.«