Robinson im Gebet.
Neujahr. – Sicherung der Hütte. – Wilde Tauben. – Beleuchtung. – Getreideähren. – Erdbeben. – Schleifstein. – Ein Fäßchen Pulver. – Zertrümmerung des Wracks. – Fischjagd. – Schildkröten. – Krankheit. – Nächtlicher Traum. – Fieber. – Reuige Betrachtungen. – Wiederherstellung durch Tabak. – Bibelfund. – Pflanzen und Früchte im Innern der Insel. – Bau eines Landhauses. – Die Katze und ihre Jungen. – Jahrestag der Landung. – Ernteerfolge.
Zum neuen Jahre, am 1. Januar 1660, beglückwünschte ich mich selbst. Es ist freilich ein Neujahr auf einer öden Insel, und ich verlassen von allen menschlichen Wesen! Doch nicht verzagt, Robinson! Mutig in die Zukunft geblickt!
Ich hing meine Flinte über die Schulter und wanderte nach dem Innern der Insel. Die Hitze war gewaltig, denn bekanntlich ist im Januar unter den Tropen ebenfalls heiße Jahreszeit; so sah ich mich genötigt, wiederholt unter dem Schattendache belaubter Bäume auszuruhen. Den ganzen Tag wanderte ich umher. Allmählich nahte der Abend heran, nachdem ich mehrere liebliche Thäler durchschritten hatte, die sich nach dem Herzen des Eilandes verliefen. Hier sah ich an verschiedenen Plätzen zahlreiche Herden von Ziegen weiden; aber so oft ich auch versuchte, mich diesen Tieren zu nähern, immer wußten sie mit schlauer List zu entrinnen. Deshalb beschloß ich am andern Tage, meinen Hund mitzunehmen und ihn auf die Ziegen zu hetzen, um womöglich mehrere lebendig in meine Gewalt zu bekommen und sie wie Hausvieh an mich zu gewöhnen. Ich hatte indes die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn als ich am nächsten Tage meinen Phylax auf eine Herde losließ, kehrten sich die Tiere plötzlich gegen den Hund um, dieser aber verspürte keine absonderliche Lust, mit den hörnernen Waffen der Langbärte Bekanntschaft zu machen. Er schmiegte sich furchtsam an mich, und so ließ ich die Sache einstweilen ruhen.
Bis gegen die Mitte des Monats April beschäftigten mich die Arbeiten für eine bessere Umzäunung meiner Burg; während dieser Zeit hatte mich der Regen oftmals gezwungen, mehrere Tage hintereinander mit meinen Befestigungskünsten einzuhalten. Daß mir die Herrichtung jedes einzelnen Pfostens große Schwierigkeiten verursachte, kann man sich wohl denken, zumal die Pfähle weit aus dem Innern der Insel zu holen waren und die Einrammung meine Kräfte stark in Anspruch nahm.
Einst traf ich eine Art wilder Tauben, welche nicht wie die andern Holztauben ihre Nester auf Bäumen bauen, sondern nach Art der Erdschwalben in den Ritzen des Gesteins nisten. Ich nahm einige der Jungen aus und fütterte sie groß; als ihnen jedoch später mit den wachsenden Flügeln der Mut gewachsen war, flogen sie davon, ihren alten Heimatssitzen zu.
Obwohl ich viele Dinge besaß, die mir in meiner Einsamkeit trefflich zu statten kamen, so empfand ich doch nicht selten aufs schmerzlichste den Mangel an Beleuchtung. Ein guter Gedanke leitete mich auf das Fett der Ziegen, welches ich bisher nur verspeiste. Ich sammelte das Fett in ein irdenes, an der Sonne getrocknetes Gefäß und verfertigte mittels eines von Kabelgarn bereiteten Dochtes mir eine Art Kerzen.
Während dieser Zeit hatte ich eine freudige Überraschung eigentümlicher Art. Wenige Schritte von meiner Festung bemerkte ich zehn oder zwölf Ähren Gerste und außer diesen etliche Weizen- und Reishalme. Wie mochten jene Getreidearten nach diesem Eiland und in dieses Klima gekommen sein? Unwillkürlich kam ich auf den Gedanken, daß die Vorsehung Gottes hier ein Wunder zugelassen habe. Endlich erinnerte ich mich, daß ich während der Regenzeit an dieser Stelle jenes Säckchen ausgeschüttet hatte, in welchem sich noch einige kümmerliche Reste der durch die Ratten benagten Gersten-, Weizen- und Reiskörner befanden. Jenes Säckchen hatte ich mittlerweile zum Pulverbeutel benutzt.
Mit dieser natürlichen Erklärung des Wunders regte sich bei mir erst recht das Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott. Hatte ich doch alle Ursache, die Erhaltung dieser wenigen Körner als ein besonderes Zeichen seiner Güte anzusehen.
Die Umhegung meiner Hütte war um Mitte April nun vollendet, und ich glaubte mich jetzt für hinreichend geschützt halten zu können. Aber schon am nächsten Tage hätte nicht viel gefehlt, und es wären fast alle meine Arbeiten, die Frucht so langer Zeit und so vieler Mühen, zerstört worden.
Ich war gerade hinter meinem Zelte mit einer Arbeit beschäftigt, als plötzlich der Boden anfing zu erzittern. Von der Decke der Höhle fiel Schutt nieder, die Stützen der Mauern wankten und stürzten mit fürchterlichem Gekrach zusammen. Aus Furcht, unter den Trümmern begraben zu werden, legte ich eiligst die Leiter an und sprang über die Palissaden hinüber. Kaum hatte ich den Erdboden erreicht, so sah ich, wie eine ziemliche Strecke von mir entfernt ein mächtiger Felsblock sich von einem der Berge ablöste und mit donnerähnlichem Getöse in die wildbrandenden Wogen hinabrollte. Noch nie hatte ich ein so heftiges Erdbeben erlebt; meiner Sinne nicht mächtig, war ich unter einem Baume niedergesunken und unwillkürlich rief ich: »Herr Gott, erbarme dich meiner!«
Zwar faßte ich wieder etwas Mut, aber die Luft wurde immer schwerer, der Himmel umzog sich mit dichten Regenwolken, und es erhob sich ein Wind, der bald zum schrecklichen Orkan anwuchs. Die See kochte, der Schaum kräuselte sich in wildem Tanze auf ihrer Oberfläche, und die Fluten stürzten brausend an die Ufer. Nach drei Stunden ließ das Toben nach, und ein heftiger Regen strömte hernieder. Jetzt erst fiel mir ein, daß Wind und Regen die Folgen des Erdbebens seien und daß sie das Ende desselben anzeigen könnten. Durch diesen Gedanken ermutigt, kehrte ich nach meinem Zelte zurück und flüchtete ganz durchnäßt in die Höhle, obwohl ich noch immer befürchtete, es möchte die Decke über mir zusammenbrechen.
Der Regen währte die ganze Nacht und den größten Teil des folgenden Tages, was mich am Ausgehen verhinderte. Es drängte sich mir der Gedanke auf, daß ich mich durchaus nach einer andern Wohnung umsehen müßte; denn wie leicht konnte mich die Wiederholung eines Erdbebens lebendig unter den Trümmern meiner Höhle begraben! Da ich aber sah, wie alles um mich her sich in schönster Ordnung befand, wie ich eigentlich sicher und bequem wohnte, und als ich an die unsägliche Mühe dachte, welche mir die Einrichtung meines kleinen Festungswerkes verursacht hatte, so konnte ich mich nur schwer dazu entschließen, meinen jetzigen Aufenthalt zu ändern. Ich zog es daher vor, einstweilen noch in meiner alten Wohnung zu bleiben, bis ich eine neue errichtet hätte, und begnügte mich damit, vor der Hand den herabgefallenen Schutt herauszuschaffen.
Vor der Ausführung meiner Pläne prüfte ich meine drei starken Äxte sowie mehrere kleine Beile. Diese waren durch das Fällen und Behauen des harten Palissadenholzes so schartig und unbrauchbar geworden, daß ich sie in solchem Zustande nicht mehr benutzen konnte. Da blitzte ein Gedanke in mir auf: ich besaß ja einen Schleifsein. Aber wie ihn drehen? Nach langem Sinnen glückte es mir, eine Trittvorrichtung zu vollenden, welche ich mit dem Fuße in Bewegung setzen konnte, während mir beide Hände frei blieben. Und nun wurde ich der eifrigste Schleifer, der nur jemals gefunden werden kann.
Als ich einige Tage darauf, am Morgen des ersten Maitages, bei niederem Wasserstande nach dem Meere hinausschaute, gewahrte ich einen Gegenstand, der wie ein Fäßchen aussah und sich als eine kleine Tonne nebst einigen Trümmern unsres Schiffes erwies, dessen Lage sich durch den letzten Sturm verändert hatte, denn sein Rumpf ragte höher aus dem Wasser hervor. Das Vorderteil steckte nicht mehr im Sande, sondern stand zwei Meter über der Wasserfläche empor. Das Kastell, von dem übrigen Teile losgerissen, lag auf der Seite, und Berge von Sand hatten sich um das Schiff herum aufgehäuft, so daß ich jetzt zur Zeit der Ebbe trockenen Fußes zu dem Wrack gelangen konnte. Ich begriff sehr bald, daß diese Veränderung durch das Erdbeben veranlaßt war. Die Gewalt desselben hatte ohne Zweifel das Schiff noch mehr zertrümmert, denn täglich spülte die Flut abgelöste Stücke ans Land. Ich wälzte die gefundene Tonne weiter an das Ufer und fand nach Eröffnung derselben, daß sie Pulver enthielt.
Am 3. Mai ging ich mit einer Säge an das Wrack und durchschnitt einen Balken, der augenscheinlich einen Teil des Oberdecks trug. Hierauf räumte ich, so gut es ging, den Sand fort, sah mich aber genötigt, die Arbeit einzustellen, da die Flut zu steigen begann. Den nächsten Tag versuchte ich zu angeln. Zwar hatte ich keinen Angelhaken, nahm aber ein Stück gekrümmten Eisendraht an einer langen, aus aufgedrehten Tauen gemachten Schnur; ich fing auch eine Menge Fische, unter andern einen jungen Delphin. Später wiederholte ich diese Fischjagden öfters, trocknete meistens die gefangene Beute und aß sie gedörrt.
Fast täglich arbeitete ich nun auf dem Wrack, brach Bretter los, schlug eiserne Bolzen und andre Stücke von demselben Metall heraus und fand auch neben mancherlei andern verwendbaren Dingen eine Rolle Blei, von welcher ich kleine Stücke abschlug, um diese einzeln in meinen Gewahrsam zu schaffen.
Während der ganzen Nacht des 16. Mai blies der Wind so heftig, daß die Reste des gestrandeten Schiffes fast ganz zertrümmert wurden. Die Flut trieb Kisten, Zimmermannsholz und Deckplanken an das Ufer, und der Holzvorrat, welchen ich am Lande aufgestapelt hatte, war zu einem solch ansehnlichen Haufen angewachsen, daß ich davon eine Barke hätte erbauen können, wenn ich nur einen Begriff von Schiffbaukunst gehabt hätte. Auch ein Faß mit Schweinefleisch kam ans Land geschwommen; ich hätte dasselbe gern gegessen, mußte jedoch auf den Genuß verzichten, weil es durch das eingedrungene Seewasser gänzlich ungenießbar geworden war.
Als ich eines Morgens im Monat Juni früh am Ufer des Meeres entlang ging, sah ich eine große Schildkröte, die erste, welche ich fand. Ich tötete und zerlegte sie, und ihr Fleisch, das ich kochte, schien mir das angenehmste und saftigste zu sein, das ich je gegessen. Hatte ich mich doch seit meiner Ankunft auf der Insel auf das Fleisch wilder Ziegen und Vögel beschränken müssen!
Bald darauf, in den letzten Tagen des Juni, kam eine schwere Prüfung über mich. Ich fühlte starkes Frösteln und brachte die Nächte zum Teil schlaflos zu. Hierzu gesellten sich heftige Kopfschmerzen. Das Fieber mit abwechselndem Frost und Schweiß hatte mich gepackt, so daß ich leider den ganzen Tag über, ohne Speise und Trank zu genießen, an mein Lager gefesselt war. Mich quälte unsäglicher Durst, doch hatte ich nicht Kraft genug, um mir Wasser zu holen. Nach langer Zeit richtete ich wieder einmal meine Gedanken auf Gott, alle meine Sinne waren so eingenommen, daß ich nichts weiter ausrief als: »O Gott, sieh gnädig auf meine Not, erbarme dich meiner!« Endlich schlief ich vor Ermattung ein. Erst spät in der Nacht erwachte ich und fühlte mich um vieles besser, nur wurde ich durch heftigen Durst gequält. Da ich indes keinen Tropfen Wasser in meiner Wohnung hatte, so mußte ich auf dieses Labsal verzichten und schlief endlich wieder ein.
Während dieses zweiten Schlafes hatte ich einen fürchterlichen Traum. Mir war es, als säße ich außerhalb der Umzäunung auf dem Boden an der Stelle, wo ich dem Ausgange des Erdbebens entgegensah. Da stieg aus einer großen grauschwarzen Wolke ein Riese herunter, den leuchtende, mich brennende Flammen umgaben. Lange schlängelnde Blitze durchzuckten die Luft, und als seine Füße den Erdboden berührten, erbebte die Erde in ihren innersten Grundfesten. Er schwang einen langen Speer, den er in der Hand trug, gegen mich und sprach mit drohender Donnerstimme: »Da so viele Warnungen dich nicht zur Reue erweckt haben, so stirb jetzt, Elender, von meiner Lanze durchbohrt!«
Robinson, von Reue erfüllt.
Bei diesen Worten schreckte ich aus meinem Traume auf, und noch lange Zeit nach meinem Erwachen konnte ich mich kaum überzeugen, daß alles nur ein Traum gewesen sei.
Leider hatten die Worte dieser nächtlichen Erscheinung nur Wahrheit ausgesprochen, denn ich war ein gefühlloser Mensch, der eigentlich gar keine Gottesfurcht empfand. Die guten Lehren meines Vaters waren längst während der acht Jahre vergessen, in denen ich fast nur mit gottlosen Leuten verkehrt hatte. Niemals hatte ich daran gedacht, das Mißgeschick, das mich in so vielfachen Gestalten traf, als eine gerechte Strafe des Himmels anzusehen. Solange ich in Afrika als Gefangener lebte, hatte ich mich kaum ein einziges Mal an Gott um Beistand gewendet, auch dann nicht, als ich mit Xury den gefahrvollen Fluchtversuch ausführte. Als ich hierauf von dem portugiesischen Kapitän aufgenommen ward, regte sich kein Gefühl der Dankbarkeit für eine so wunderbare Rettung. Ja, als ich später nackt und hilflos auf dieses Eiland geworfen wurde, fühlte ich nicht einmal Reue über die Verhärtung meines Gewissens, sondern hatte nur Klagen darüber, daß ich zu nichts als zum Unglück auf der Erde bestimmt sei.
Zwar regten sich damals, als ich mich gerettet aus Sturmesfluten und wohlbehalten auf der Insel wiederfand, Gefühle in mir, die einem Danke für Gottes Güte gleichen mochten; allein sie endeten nur als Äußerungen der Freude, Gefühle des wechselnden Augenblicks. Ich dachte nur daran, mich gegen den Hunger zu schützen, und trug lediglich Sorge für meinen Unterhalt und um meine Verteidigung.
Nur vorübergehend hatte die Entdeckung des aufsprossenden Getreides mein Gemüt dankbar gestimmt; ebenso vorübergehend nur war ich durch die Furchtbarkeit des Erdbebens an Gottes Allmacht gemahnt worden. Erst die Heftigkeit des Fiebers, die ganze Hilflosigkeit meiner Lage preßten mir Thränen aus und riefen die Stimme meines Gewissens wach. »Jetzt«, sagte ich mir, »jetzt ist die Prophezeiung deines Vaters in Erfüllung gegangen; niemand ist um mich, der mir Trost und Beistand gewähren könnte. O meine guten Eltern, hätte ich doch eure Ermahnungen beachtet und der Heimat nicht lebewohl gesagt. O Gott, bei dem da ist alle Kraft und alle Barmherzigkeit, verlaß mich nicht, denn mein Elend ist groß!«
So betete ich nach langer Zeit inbrünstig zum erstenmal. Nachher ließ der Fieberanfall nach, obgleich der Traum der vergangenen Nacht noch lange einen großen Schreck in mir zurückließ.
Ein Viertelstündchen der Erholung benutzte ich dazu, um eine Flasche mit Wasser sowie etwas Rum vor mein Lager zu stellen; auch röstete ich auf Kohlen ein Stück Ziegenfleisch, doch wollte es mir noch nicht recht munden.
Hierauf unternahm ich einen Spaziergang ins Freie, konnte aber wegen Ermattung nur eine kleine Strecke zurücklegen. Auf einem Felsenstück ließ ich mich nieder, von welchem das Auge weit über den jetzt ruhigen Spiegel des Meeres schweifen konnte. Da tauchten Gedanken in mir auf: »Wer ist es, der alle diese Dinge, Meer, Himmel und Erde, geschaffen hat? Und wer erhält und lenkt sie unwandelbar? Ist es nicht Gott, der alles weiß und sieht? Ja, er sieht auch mich. Durch seinen Willen, ohne den nichts geschieht, lebe ich auf diesem Eiland; ich ergebe mich in seine Fügung, der Herr wird es wohl machen!«
Diese Betrachtungen flößten mir Trost ein, und ich kehrte nachdenkend in meine Wohnstätte zurück. Noch vor derselben fiel mein Blick auf die von der Sonne goldig gebräunten Ähren, welche jetzt harte Körner trugen. Ich pflückte die Stengel, nahm sorgfältig die Frucht aus den Rispen und bewahrte sie für die kommende Säezeit auf.
Dieser Ausgang hatte mich mehr angegriffen als ich gedacht, und es überkam mich die Furcht, aufs neue vom Fieber geschüttelt zu werden. Da fiel mir ein, daß die Brasilianer fast alle ihre Krankheiten mit Tabak kurieren. Sofort ging ich nach dem Keller, wo ich einen ziemlichen Vorrat in einer Kiste aufbewahrte. Gott selbst mußte mir diesen Gedanken eingegeben haben; denn neben dem Tabak fand ich auch jene drei Bibeln, die mir von England nach Brasilien geschickt waren. Welch ein kostbarer Fund!
Wie aber sollte ich den Tabak gebrauchen? Ich wußte es nicht und versuchte es daher auf verschiedene Weise. Zuerst kaute ich ein Stückchen von dem Blatte; dann ließ ich ein andres zwei Stunden lang in Rum liegen, um davon zu trinken, und als dritte Heilmethode verbrannte ich ein Blatt auf Kohlen und hielt die Nase darüber, um den beißenden Dampf in vollen Zügen einzuatmen. Die Pausen, welche zwischen diesen drei Bereitungen lagen, suchte ich durch Lesen in der Bibel auszufüllen; allein die Betäubung durch meine etwas sonderbare Medizin ließ mich nur eine Stelle erkennen, auf welche meine Augen zuerst gefallen waren: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!« Diese Worte, so ganz auf meine gegenwärtige Lage passend, machten einen überwältigenden Eindruck auf mich. O wie sehnte ich mich jetzt nach der Heimat zurück, aber lange, lange Jahre sollten noch vergehen, ehe sich dieser Wunsch verwirklichte.
Der Genuß des durch Tabak gebeizten Rums versetzte mich in einen Zustand ungewöhnlicher Betäubung; ich verfiel bald in einen so tiefen Schlaf, daß ich erst am andern Tage nachmittags erwachte. Ja, ich mußte sogar glauben, daß ich noch einen ganzen Tag verschlafen habe, denn es fehlte mir in der Folge ein voller Tag in meiner Zeitrechnung. Indessen fühlte ich mich merklich wohler, und es stellte sich auch wieder ein tüchtiger Hunger ein. Ich bereitete mir daher eine kräftige Suppe von saftreichem Schildkrötenfleisch und genas von dieser Zeit an täglich mehr, obgleich ich am 2. Juli noch einmal zu meiner Arznei, einer Dosis Tabak, greifen mußte.
So fand ich denn auf seltsame Weise die erwünschte Besserung – durch ein Mittel, für dessen ganz unfehlbare Heilkraft ich nicht immer einstehen möchte. Obwohl ich noch schwach und abgemagert war, so versäumte ich doch nicht, mit meinem stets geladenen Gewehr kleine Ausflüge in mein »Königreich« zu unternehmen. Einmal stieß ich hierbei auf herrlich grüne Wiesengründe, die ich vorher noch nicht bemerkt hatte. Ich fand daselbst Tabakspflanzen mit langen, starken Stengeln, eine Gattung Aloe und Zuckerrohr. Hernach kam ich in einen waldigen Grund, wo ich mancherlei eßbare Früchte traf, namentlich saftige Melonen am Boden liegend, und eine Art wildwachsender Weintrauben, welche in vollster Reife aus Rebenlaub hervorschauten, das sich von Baum zu Baum üppig weiterrankte. Diese Trauben sammelte ich, um sie an der Sonne zu trocknen; denn ich mochte die Frucht nicht in frischem Zustande genießen, da ich mich erinnerte, daß mehrere englische Sklaven, die zu viel davon genossen hatten, während meines Aufenthalts in der Berberei an der Brechruhr gestorben waren.
Meine Entdeckungsreise hatte mich so sehr in Anspruch genommen, daß mich der Abend überraschte, ehe ich es gemerkt hatte. Auch fühlte ich mich zu abgespannt, um wieder nach meiner Burg zurückkehren zu können. So schlief ich zum erstenmal außerhalb meiner Wohnung. Wie am Tage meiner Landung auf der Insel, kletterte ich auch heute auf einen Baum und brachte hier die Nacht unversehrt zu. Am andern Morgen setzte ich meinen Weg weiter fort und behielt immer die Richtung nach Norden im Auge, da meine Aussicht zu beiden Seiten durch einige Hügelreihen begrenzt war.
Am Ende meines Marsches breitete sich ein offenes Gefilde aus, das von einem nach Osten verlaufenden Bache durchschlängelt wurde. Eine reizende Gegend in grünem Wiesenschmuck, gleich einem Teppich von tausend und abertausend bunten Blumensternen durchwirkt. Palmen streckten ihre Kronen empor; Orangen-, Zitronen- und Limonenbäume luden mich ein, ihre Früchte zu pflücken. Schwer beladen mit köstlichen Früchten schied ich von dem paradiesischen Garten, um meiner länger als sonst verlassenen Hütte zuzueilen.
Als ich in meinem »Hause« ankam, fand ich die Trauben verdorben und die Beeren zerquetscht, während die Zitronen, deren ich überhaupt nur wenige gefunden hatte, vortrefflich erhalten waren.
Jenes Thal mit seinem reichen Pflanzenwuchs zog mich so sehr an, daß in mir der Gedanke aufstieg, meine Wohnung dorthin zu verlegen; allein die Erwägung, daß ich von meinem Hause am Strande die offene Aussicht über das Meer hatte und so ein vielleicht hier vorbeisegelndes Fahrzeug erspähen könnte, brachte mich von dem schnell gefaßten Plane ab, und ich beschränkte mich darauf, eine Art Lusthaus in jenem gesegneten und reizvollen Thale zu errichten. Ohne Zeit zu verlieren, ging ich ans Werk und umgab meine zweite Wohnstätte mit einer doppelten Pfahlreihe, die ich noch durch ein Flechtwerk von Schlingpflanzen und Baumstämmen verstärkte. Diese Arbeiten beschäftigten mich bis Anfang August.
Unterdessen fand ich meine aufgehängten Weintrauben nun genug getrocknet, und ich beeilte mich, sie einzusammeln, denn schon kündigte sich die in der heißen Zone übliche Regenzeit auf fühlbare Weise an. Zweihundert Päckchen von Rosinen schaffte ich in meine Vorratskammer, und so konnte ich mir nun die folgenden Monate hinreichend versüßen.
Am 14. August erlebte ich die Freude einer Vermehrung meiner Familie. Meine Katze nämlich, die ich vom Wrack mitgenommen hatte, war eine Zeitlang verschwunden, ohne daß ich mir erklären konnte, wohin sie geraten sei. Während ich nun an jenem Tage über die Landschaft schaute, sah ich meine alte Freundin samt drei jungen Sprößlingen wohlgemut auf meine Hütte zukommen und zögerte nicht, die neuen Gäste freundlichst aufzunehmen. Sie hatte die Jungen in einem Versteck so weit groß gezogen, daß sie vor den Angriffen des Katers sicher waren, und führte sie mir jetzt zu. Mit diesem Tage begann auch die Regenzeit, und ich machte mich wieder darauf gefaßt, wochenlang in meinem wohlgeschützten Strandhause zubringen zu müssen. Vom 14. bis 29. August währte ununterbrochen der Regen; meine Nahrung bestand aus Rosinen, Ziegenfleisch und gerösteter Schildkröte. Dabei war ich täglich beschäftigt mit der Erweiterung meines Kellers.
Gegen Ende September erinnerten mich die Einschnitte, die ich in meinen hölzernen Kalender gemacht hatte, daß seit meiner Landung auf der Insel ein Jahr verflossen war. Ich feierte diesen Tag mit dankerfülltem Herzen gegen Gott, dessen Güte mich so wunderbar beschirmt hatte.