Die erste und bedeutsamste Wirkung dieser eben geschilderten Agitation ist die Thatsache, daß die gesamte Arbeiterschaft von Chemnitz und Umgegend, die ich kennen lernte, mit nur geringen Ausnahmen heute mit der sozialdemokratischen Partei irgendwie weit verknüpft ist, daß sie mehr oder weniger in der Luft ihrer Ideen lebt, und daß sie jedenfalls in ihr, dieser Arbeiterpartei par excellence, ihre einzige starke und berufene Repräsentantin erblickt. Der Arbeiter, mit dem ich Umgang gehabt habe, ist — bewußt oder instinktiv — durchdrungen von dem Gefühl des bestehenden feindlichen Gegensatzes seiner und der Unternehmer Interessen; er ist erfüllt von dem Drange nach einer geschlossenen thatkräftigen Organisation der Massen, zu denen er gehört, von dem Sehnen nach einem großen Fortschritt, nach einem Aufschwung des ganzen vierten Standes, den diese Massen bilden; er hat, auch ein Kind der neuen gedankendurchfluteten, gärenden Zeit, wie die andern Zeitgenossen allerhand neue Interessen, höhere, leibliche wie geistige Bedürfnisse, deren Befriedigung er verlangt; und er weiß, sieht, fühlt, daß dieses elementare Drängen und Sehnen, dieses Streben und Bedürfen ihm niemand anders bis heute ohne Rückhalt und Eigennutz, energisch und weitausgreifend befriedigen will, als eben die sozialdemokratische Partei.
Und darum, mag ihn sonst vieles von ihr trennen, vieles von ihrem sonstigen Wesen abstoßen, gehört er ihr an, und — ich bin dessen ganz gewiß — keine augenblicklich herrschende Gewalt, auch keine geistigen Machtfaktoren werden ihn heute ohne weiteres wieder von dieser Partei lösen, werden es vermögen, daß die Gedanken, die jene geweckt hat, und aus denen sie doch auch wieder erst herausgeboren wird, jemals wieder völlig verschwinden. Darum hängen ihr unterschiedslos Junge und Alte, Gut- und Schlechtgestellte, Verheiratete und Unverheiratete, Gelernte und Ungelernte, Sparsame und Lüderliche, Fleißige und Faule, Kluge und Dumme, Herauf- und Heruntergekommene, Eingeborene und Eingewanderte, alle Gruppen, Klassen und Kategorien der Fabrik bis auf eine verschwindend kleine Gruppe irgendwiesehr an, wissen sich als Sozialdemokraten, folgen den Führern und glauben an sie, ihre Worte und Schriften wie an ein neues Evangelium. Man hat es mir mehr als einmal in der Fabrik geradezu ins Gesicht gesagt: „Was bis jetzt Jesus Christus war, wird einst Bebel und Liebknecht sein.“ Das ist der Ausdruck des Bewußtseins, daß die Sozialdemokratie heute die Arbeiterschaft ist, daß diese sich in ihr zusammenfindet oder doch immer mehr zusammenfinden wird und daß, so groß und viel auch die Unterschiede, die Gegensätze, die Widersprüche, die Trennungen unter ihnen sind und immer sein werden, sie doch alle zusammen gehören in ihren Leiden, Freuden und Idealen.
Zum Beweis dessen führe ich eine Reihe ganz spontaner Äußerungen aus dem Munde der verschiedensten Arbeitsgenossen an. Sie lauten ihrem Sinne nach einander alle gleich: „Bei uns haben alle bis auf den letzten Mann sozialdemokratisch gestimmt“; „Die Arbeiter sind und wählen alle Sozialdemokraten“; „Jeder Arbeiter ist Sozialdemokrat“; „Ich wähle meinesgleichen“; und, besonders drastisch: „Hier ist alles sozialdemokratisch, selber die Maschinen!“ Was sich da ausspricht, ist immer dasselbe, eben die Meinung — ganz im allgemeinen —, daß Sozialdemokratie und Arbeiterschaft ein und dasselbe sein muß. Zwar scheinen dem eine Reihe andrer Aussprüche andrer Arbeitskollegen direkt zu widersprechen. Denn einige der Leute meinten auch wieder gelegentlich, „daß nur etwa die Hälfte der 400–500 Mann unsrer Fabrik Sozialdemokraten seien.“ Doch ist das nur ein scheinbarer Widerspruch. Denn da meinte man immer nur solche, die mit ihrer sozialdemokratischen Gesinnung irgendwie besonders bemerkbar hervortreten, vor allem irgend welchem sozialdemokratischen Wahl-, Fach-, Hilfskassen- oder Vergnügungsvereine angehörten. In diesem Sinne war allerdings noch lange nicht die Hälfte Sozialdemokraten zu nennen. Sozialdemokratisch gerichtet, bestimmt, gesinnt aber — im weitesten Sinne — war, wie gesagt, die erdrückende Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen.
Bewußte und erklärte Nichtsozialdemokraten habe ich nur drei in unsrer Abteilung von 120 Mann im Laufe der Zeit ausfindig machen können. Davon waren zwei in dem auch in Chemnitz bestehenden, wie ich hörte, etwa siebzig Mitglieder zählenden Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine; der dritte war eine gute, treue Seele, der religiös noch zu tief angeregt war und auch einer zu konservativen und zu wohlhabenden Bauernfamilie angehörte, um irgendwie sozialdemokratische Neigungen mit gutem Gewissen und aus innerm Bedürfnis haben zu können. Man sagte von ihm, er ginge nur zu seinem Vergnügen in die Fabrik; nötig hätte er es nicht. Außer diesen dreien gab es nun freilich, soviel ich beobachten konnte, auch bei uns noch einige andre, die thatsächlich mit der Sozialdemokratie nichts gemein hatten. Aber sie behielten das für sich und zogen es vor, die Genossen über ihre Gesinnung im Ungewissen zu lassen. Manchmal war auch angeborene große Schüchternheit und nicht bloße Berechnung die Ursache dazu. Obgleich ihre Zahl nicht zu schätzen ist, glaube ich doch nicht, daß ihrer allzuviele waren. Jedenfalls bildeten diese Neutralen auch zusammen mit jenen drei offnen mutigen Nichtanhängern an die Sozialdemokratie nur die verschwindende Minderheit gegenüber den Arbeitsgenossen, die sich selbstverständlich zur Sozialdemokratie rechneten oder offen zu ihr bekannten.
Das heißt nun freilich nicht, daß jeder von diesen ein zielbewußter, über das Prinzip und Programm der Partei klar orientierter Sozialdemokrat gewesen wäre. Das gilt vielmehr von kaum drei, allerhöchstens vier Prozent der Gesamtheit, nur von der kleinen Schar jener Leiter und Träger der Agitation und ihren nächsten Freunden und Schülern. Sie allein hatten einigermaßen die Agitationsschriften der Partei gründlich und mit Verständnis gelesen, sie allein kannten und verstanden das gesamte offizielle Programm, seine Interimsforderungen nicht minder als seine letzten radikalsten Ziele. In oft glühendem Fanatismus hatten sie die eignen, widersprechenden Erfahrungen aus der Praxis, das geistige Erbe ihrer Vergangenheit, die Kritik ihres gesunden Menschenverstandes gewaltsam unterdrückt und zum Schweigen gebracht, hatten sie sich, oft mit unsäglicher Mühe, mit pekuniären Opfern aller Art in dies Programm hineingearbeitet, bis sie endlich ganz in seinen Gedankengängen aufgingen, nur noch in ihnen und für sie lebten, nur durch die Brille dieses Programms Menschen und Dinge, Zustände und Ereignisse anzusehen und zu beurteilen imstande waren. Es waren meist echte, ehrliche, deutsche Schwärmer und Idealisten, aus denen sich dieser Kreis von Arbeitern zusammensetzte, manche dazu noch von einem unbändigen Ehrgeiz und Thatendrang erfüllt, aber nach allen meinen Beobachtungen nur wenige unter ihnen von der Klasse der ausgeprägten Egoisten, die heimlich irgend welchen persönlichen Vorteil suchten und fanden. Hier in dieser kleinen Gruppe und in ihr allein fand man wirklich die Anschauungen und Grundsätze der Sozialdemokratie klar und rein vertreten und ausgesprochen, Prinzip und Ziel fest erkannt und erstrebt. Doch gab man ihnen seltner, als man hätte vermuten und erwarten können, auch ebensolchen offnen Ausdruck.
In der ganzen übrigen erdrückenden Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiterschaft aber war von einer ebensolchen geschlossenen und klaren politischen und sozialen Gesinnung nicht mehr die Rede. Hier waren vielmehr die allerverschiedensten, auseinandergehendsten, verworrensten Ansichten in buntem Gemisch, in allen Nüancen und Färbungen vertreten. Hier waren die eignen praktischen Erfahrungen, die ein jeder in seinem bisherigen Leben und Berufe gemacht, die persönlichen Wünsche und Erwartungen, die gerade er hegte und erstrebte, die eigentümlichen Eindrücke, die er in seiner frühern nicht sozialdemokratischen Zeit, im Elternhause und sonstwo erhalten, nicht so gewaltsam unterdrückt und verwischt, sondern vielmehr häufig noch besonders rege und lebendig, und alles zusammen, eigne Erfahrung, persönliche Wünsche, frühere Einflüsse in eine wunderliche, oft nur sehr lose und nur sehr beschränkte Verbindung mit sozialdemokratischen Anschauungen und Lehrsätzen gebracht. Und auch diese wieder waren bei weitem nicht vollständig, nicht geklärt und geordnet aufgenommen. Denn nur wenige aus diesem großen und unübersehbaren Kreise hatten auch nur einigermaßen so hartnäckig und ernsthaft wie jene andre, erstgeschilderte Gruppe die Parteischriften studiert. Was sie vielmehr von politischen und wirtschaftlichen Ansichten sozialdemokratischen Ursprungs besaßen, war ihnen meistenteils aus kurzen halbverdauten Artikeln der unregelmäßig gelesenen sozialdemokratischen Lokalpresse, teils aus den Vorträgen und Reden sozialdemokratischer Versammlungen, teils endlich aus dem persönlichen Umgange mit den klarern, zielbewußtern Kameraden hängen geblieben. Und je nachdem nun einer oder mehrere der oben genannten vier Faktoren in dieser Verquickung das Übergewicht und den bestimmenden Einfluß hatten und je nach den geistigen Fähigkeiten des einzelnen Mannes und seiner größern oder geringern Initiative, entstand so ein vollständigeres oder unvollständigeres, geklärteres oder widerspruchsvolleres, vernünftigeres oder unvernünftigeres, immer aber buntes Gemisch von politischen und sozialen Gedanken, das sich in keinem Falle mehr mit der wasch- und programmechten sozialpolitischen Anschauung des Normal- und Elitesozialdemokraten zu decken vermochte, das überhaupt in keine Parteischablone einzuordnen war, und das nun bald in liebenswürdigerer, freundlicherer, ruhigerer und leidenschaftsloser, bald aber auch in roher, abstoßender, gehässiger, radaumäßiger Art, bald in gewandteren bald unbeholfneren Ausdrücken, bald häufiger bald seltner zu Gehör gebracht wurde. Und obgleich so notwendigerweise fast ein jeder dieser Leute eine besondre, von dem andern verschiedene Stellung zum sozialdemokratischen Programm einnahm und oft das Allerverschiedenste, ja Konservativste mit unter dasselbe subsummierte, fühlten und wußten sie sich doch alle als Sozialdemokraten, und manch einer von ihnen glaubte steif und fest, daß eben seine eignen lückenhaften, brockenweisen Gedanken gerade diejenigen der Partei, sein eigen wunderlich Ideal auch das ganze Ideal der Sozialdemokratie sei. Es ist unter solchen Umständen geradezu unmöglich, eine erschöpfende Darstellung dieser verworrenen, verschiedenartigsten, halb oder nie zum klaren Ausdruck gebrachten Ansichten zu geben. Ich selbst habe sie natürlich auch bei weitem gar nicht alle in Erfahrung bringen können und muß mich darum darauf beschränken, mir besonders frappant gewesene Züge davon hier wiederzugeben.
In einem sehr wichtigen Gesichtspunkte näherten sie sich zunächst einander ziemlich alle. Das war in dem Verhältnis zu den letzten radikalen Zielen des sozialdemokratischen Parteiprogramms. Ich sage nicht, daß man sie offen verwarf oder ihnen auch nur konsequent Opposition machte. Aber bei der Mehrzahl dieser Durchschnittssozialdemokraten und gerade auch bei den klügern, nachdenklichen, praktischen, erfahrenen und gereiften Männern unter ihnen war weder der offizielle demokratische Republikanismus noch der wirtschaftliche Kommunismus eigentlich recht populär. Es waren dies Größen, für die die meisten dieser Köpfe kein inneres Verständnis und ebenso viele Herzen keine Begeisterung und Wärme zu hegen vermochten. Aber man nahm eben auch dies wie so vieles von der Sozialdemokratie hin als etwas, was nun wohl einmal dazu gehören und so sein müßte, gleichgiltig es den Führern überlassend, sich mit diesen unfaßbaren Problemen herumzuschlagen, im stillen vielfach davon überzeugt, jedenfalls aber darauf gefaßt, daß diese Prophezeiungen niemals in Erfüllung gehen würden. So sagte mir einmal ein ziemlich gut gestellter, kinderloser, darum sorgenlos lebender Bohrer, ein schon älterer, gutmütiger, höflicher Mann, aber ein begeisterter Anhänger der Sozialdemokratie, genau wörtlich: „So wie Bebel die Sache in Zukunft haben will, wird es doch niemals kommen. Er hat sich schon geändert und wird sich auch weiter noch mehr ändern.“ Ein andrer, ebenfalls sehr kluger, nachdenkender und überzeugter Sozialdemokrat erzählte mir einmal unter anderm in einem längern Gespräche: „Weißt du, ich lese nie ein sozialdemokratisches Buch und selten eine Zeitung. Früher habe ich mich überhaupt nie mit Politik beschäftigt. Aber seit ich verheiratet bin und fünf tüchtige Fresser im Hause habe, muß ichs thun. Doch mache ich mir meine Gedanken für mich. Ich bin auch nicht für rote Schlipse, große runde Hüte und sonstige ähnliche Sachen. Das machts alles nicht. Wir wollen auch gar nicht den Reichen und Vornehmen gleich werden. Reich und arm muß und wird immer sein. Das fällt uns gar nicht ein. Aber wir wollen gerechtere und bessere Ordnung in der Fabrik und im Staate, und was ich darüber denke, sage ich offen heraus, wenns auch nicht gefällt. Etwas Ungesetzliches aber thue ich nicht.“ Überhaupt scheuten sich Klügere und Selbstbewußtere nicht, auch gegenüber augenblicklichen Fragen ihrer Partei ihre besondre Stellung auszusprechen. So ein Monteur, der älteste, erfahrenste in der ganzen Abteilung, der, wie er mir bei einer andern Gelegenheit auseinandersetzte, ähnlich dem vorher zu Worte gekommenen Kameraden zur Sozialdemokratie stand, und der durchaus nicht die Verwirklichung aller ihrer Forderungen erwartete, ja kaum wünschte. Dieser war über die Haltung der offiziellen Partei zur Frage der Frauen- und Kinderarbeit, wie viele, nicht sehr erbaut. Bekanntlich drängte die Parteileitung bis vor kurzen dahin, daß die gesamte sozialdemokratische Agitation auf deren Beseitigung, und der Arbeiter möglichst auf deren freiwillige Unterlassung bestand. „Das ist aber Unsinn. Wenn der Mann genug verdient, läßt er schon von allein Frau und Kinder nicht in der Fabrik arbeiten. Wird aber das Geld gebraucht, so müssen sie eben wohl oder übel mitarbeiten; da sollte man denn doch den Verdienst nicht noch einschränken wollen. Denn das ist falsch, daß man behauptet, dann würden die Löhne steigen. Ein bißchen vielleicht, aber viel nicht. Sollte wirklich ein Ersatz geschaffen werden, dann müßten sie im Durchschnitt verdoppelt werden; dann brauchte allerdings keiner mehr seine Frau oder sein Kind arbeiten lassen. Aber wer kann das den Fabrikanten zumuten? Ich glaube gar nicht, daß sie das, selbst wenn sie es wollten, leisten könnten.“ Es kommt in diesen Meinungsäußerungen nicht darauf an, ob sie sachlich und wirtschaftlich richtig oder falsch sind — bei der eben angeführten z. B. müßte man doch das letztere behaupten —, sondern darauf, zu beweisen, daß geistig begabte, gewandte und überlegende Arbeiter, so sehr sie sich im allgemeinen mit der sozialdemokratischen Partei verbunden wissen, doch eigne Ansichten nicht nur bewahren, sondern sie auch unter den Genossen ruhig auszusprechen sich nicht schämen und jedenfalls mit ganz andern Fragen sich innerlich auseinanderzusetzen das Bedürfnis haben, als mit den Phrasen von einer republikanisch-kommunistischen Gesellschaftsordnung.
Vielmehr beschäftigen diese große, breite Gruppe der besten Arbeiter am stärksten die augenblicklichen und — für Höherangelegte und Weiterausschauende — auch die ferner und prinzipieller liegenden Fragen des eignen Wirtschaftsbetriebes, den sie kennen und verstehn, an dem sie unmittelbar beteiligt sind, in dem sie Erfahrung und Urteil besitzen. So ließ manchen schon die so ganz harmlose Frage der vierzehntägigen Lohnauszahlung nicht in Ruhe. Sie wünschten dringend eine achttägige Lohnperiode. Ich meinte da, das sei doch gleichgiltig, aber da kam ich nicht gut an. Die Bedürfnisse für acht Tage könnte man übersehen, das Geld so lange zusammenhalten und richtig und gleichmäßig verteilen. Das sei bei vierzehntägiger Löhnung nicht gut möglich. Größere Ausgaben, die notwendig dazwischen kämen, nähmen da zu viel weg, und am Ende der vierzehn Tage ginge es dann immer knapp genug her, oder man lebte auf Borg. Das waren nun zwar keine ausschlaggebenden Gründe, wohl aber leider ein weiterer Beweis für die schon bemerkte hauswirtschaftliche Unfähigkeit unsrer Arbeiterschaft. Wieder für andre war das Problem einer gerechteren Bezahlung Kern und Stern ihrer politischen und sozialen Anschauungen. Mit Fug und Recht. Ich habe schon in einem frühern Kapitel diese Sache gestreift. Es ist Thatsache, die viel beklagt wurde und mir immer wieder auffiel, daß in der Wertung und Löhnung der einzelnen Berufskategorien und innerhalb deren wieder der einzelnen Arbeiter kaum eine gerechte Ordnung herrscht. Es ist das meines Erachtens ebenso wie jene totale Vernachlässigung einer Regelung des Verhältnisses und der Kompetenzen der subalternen Vorgesetzten zu ihren unterstellten Arbeitern auf jenes verhängnisvolle wirtschaftliche Prinzip des Gehenlassens und der Verachtung der menschlichen Persönlichkeit zurückzuführen, das es in seinem absolutistischen Dünkel gar nicht der Mühe wert hält, gar nicht als eine sittliche Pflicht auch nur ahnen und verstehn läßt, daß hier Ordnung sein muß, widrigenfalls hier eine Quelle dauernder größter Unzufriedenheit sprudelt. So war es Sitte, daß die Schlosser und Schmiede, also gelernte Leute, für ihre mühsame, schwere, oft knaupliche und viel Intelligenz erfordernde Arbeit im Durchschnitt viel geringer gelohnt waren als eine große Anzahl an der Maschine arbeitender Bohrer, Dreher, Hobler und Stoßer. Und wieder unter diesen hatten, wie schon gesagt, gerade die an den großen Drehbänken, Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen mühelos beschäftigten einen unverhältnismäßig höhern Lohn als die zu unausgesetzter Aufmerksamkeit gezwungenen Arbeiter an denselben Maschinen kleinen und kleinsten Kalibers, von den Handarbeitern gar nicht zu reden. Diese Mißstände zu beseitigen war mancher unsrer Sozialdemokraten dringendste Forderung. Sie verlangten hier gerechtere Berücksichtigung und dann mit einer ganzen Reihe von Arbeitsgenossen steigenden Lohn mit der wachsenden Anzahl der Jahre, währenddem man in ein und demselben Betriebe beschäftigt war, wenn möglich auch eine gewisse Avancementsfähigkeit, so vom Handarbeiter zum Arbeiter an einer kleinen, allmählich zu solchem an einer größern und auch ganz großen Maschine, die auch heute schon von keinen darauf gelernten Leuten bedient wurden. Ansätze zu einer solchen Avancementsskala waren freilich bei uns, aber auch wohl nur unbeabsichtigt vorhanden. Ich persönlich würde nicht so leicht begreifen, warum unsre Arbeitgeber — ich vermute, es ist anderwärts auch so — gerade diese Wünsche ihrer Leute bis heute so total ignoriert haben, wenn es nicht eben Thatsache wäre, daß sie von der Erfüllung sittlicher Pflichten keine blasse Ahnung haben. Und doch läge das in ihrem eigensten Interesse. Es kostete ihnen kaum eine nennenswerte Summe — worauf für sie doch so viel anzukommen pflegt — und ermöglichte ihnen, einen viel größern und viel seßhaftern, damit auch konservativern Arbeiterstamm heranzuziehen. Noch andre unsrer Arbeitsgenossen spannen nun freilich die Gedanken über Fragen unsers Betriebes über diese hinaus bis zu allgemeinen wirtschaftlichen Problemen der Art, wie sie allerdings die Sozialdemokratie ihnen vorformulierte. Dabei kamen ihnen dann jene früher geschilderten Erscheinungen zu Hilfe, die ihrer scharfen Beobachtung nicht entgingen, z. B. daß der ganze ihnen sichtbare Betrieb durchaus gesellschaftlich, sozialistisch gebildet war, in der Form der gemeinsamen Produktion einzelner kunstvoller Ganzen sowohl, wie in der Art des gegenseitigen Verkehrs unter sich und mit ihren nächsten Vorgesetzten bei dieser Arbeit. Dazu verhalf weiter die Thatsache, daß die eigentliche Gesamtleitung, die Thätigkeit des kaufmännischen Zweiges eines solchen großen Etablissements sowie der gesamten technischen Abteilung der Ingenieure und Zeichner sich fast vollständig ihren Augen entzog, sodaß diese einfachen Menschen umso leichter zu der irrigen Ansicht kommen konnten, daß eben ihre Arbeit die eigentliche, die hauptsächliche, die Arbeit überhaupt sei, daß eben sie die Maschinen bauten, sie die eigentlichen Schöpfer und Macher seien, sie, diese Arbeiterschaft, die Fabrik repräsentierten. Aber auch sie, die so ihre grübelnden Gedanken und Träume selbstbewußt und stolz oft weit hinaus in verschwimmende Ferne spannten, thaten auch das doch ohne rechtes Versenken in die eigentlich kommunistischen Prinzipien, ohne eigentlich klares Verständnis ihres Wesens und ihrer Konsequenzen und fast immer auch ohne jene erbärmliche, vaterlandslose, politische Gesinnung der Führer und Elitesozialdemokraten, deren Humanitätsduselei zum schwächlichsten Kosmopolitismus und damit zur Verkennung und Proskribierung alles wahrhaft Patriotischen und patriotisch Notwendigen verführt.
Ich glaube es nachdrücklich wiederholen zu können, daß eben von dieser letzten schlimmern Sorte von Sozialdemokratismus unter der Masse dieser Durchschnittssozialdemokraten, auch der strebsamen, überzeugtern unter ihnen, nur erst noch sehr wenig als wirklicher Bestandteil innerster Überzeugung vorhanden, und daß vielmehr z. B. dem deutschen Vaterlande, dem Kaiser und dem Heere gegenüber eine überraschend freundliche Gesinnung unter ihnen lebendig war. So schwer, ja unmöglich es für mich auch in diesem Falle war, bei der Verworrenheit und Unklarheit der Meinungen dieser Leute ein geschlossenes Gesamtbild davon zu gewinnen, so glaube ich doch gerade über ihre Stellung zum Militär, zum Kaiser und zum Könige von Sachsen, zur Revolution, endlich auch zu Bismarck ziemlich vollständige und richtige Angaben im folgenden machen zu können, für die ich die Bürgschaft übernehme.
Über das Militär habe ich mich nach meinen Notizen wohl fast zwanzigmal in der verschiedensten Richtung hin zufällig oder absichtlich, länger oder kürzer und mit den allerverschiedensten Leuten unterhalten. So schon in der Herberge. Da war ein mir etwa gleichaltriger Steinmetzgeselle mein besondrer Intimus geworden. Auch er war natürlich Sozialdemokrat von der geschilderten üblichen Durchschnittssorte; er hatte dabei ein seelengutes Gemüt ohne jede Verbitterung, und hatte noch manches von früherer Zeit in seiner Gesinnung bewahrt. Er hatte in einem thüringischen Bataillon, in der Residenz eines der kleinen Fürsten, gestanden. Davon und von den Paraden, die er mitgemacht, den Offizieren, die ihn befehligt hatten, erzählte er mir auf unsrer gemeinsamen Wanderschaft mit besondrer Vorliebe. Vor allem hatte es ihm imponiert, daß sein eigner Fürst, dienstlich im Range geringer, dem alten Generalfeldmarschall von Blumenthal die Honneurs gemacht hätte, als dieser einst die Garnison inspizierte. Blumenthal war überhaupt sein Ideal. Ihn schilderte er in besonders lichten Farben und mit großer Begeisterung. Für glänzende Uniformen und schöne prächtige Offiziere schien er ein besonders empfängliches Auge zu haben.
Auch in der Fabrik dachte ein jeder gern an seine Dienstzeit zurück. Wenn wir zusammenstanden, und das Gespräch durch irgend etwas darauf kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte man mit Genugthuung von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf den Exerzierplätzen und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher war auf sein Regiment besonders stolz. Und doch waren es allesamt Sozialdemokraten, alte und junge, die so redeten. Von den letztern hatten wir einen, einen kleinen, hübschen, netten, 18jährigen strebsamen Schlosser, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als Vierjährig-Freiwilliger bei der reitenden Artillerie in Riesa einzutreten. Er ging von seinem Plan auch nicht ab, so sehr sich ein älterer, übrigens wohlmeinender Genosse unsrer Handarbeiterkolonne, oft und meines Erachtens mit Recht bemühte, ihm ihn auszureden und die Schattenseiten eines vierjährigen Militärlebens zu schildern. Dann gabs auch eine Anzahl bereits ausgehobener Rekruten, die im Herbste einzutreffen hatten. Auch ein Österreicher war darunter. Sie alle, besonders der letztere, warteten wie Kinder mit freudiger Ungeduld und doch natürlich mit einigem Bangen auf den Termin ihrer Einberufung, auch von ihnen ein jeder stolz auf sein Grenadier- oder Gardereiterregiment, zu dem er ausgehoben war. Der Österreicher nahm sichtlich schon eine immer strammere militärische Haltung an und grüßte gar nicht anders mehr als durch Anlegen der Hand an die Mütze, ganz nach militärischer Art. Auch sie waren mehr oder weniger alle „sozialsch,“ wie es einmal einer sehr geschmackvoll und gewandt ausdrückte. Ja eben der künftige Gardereiter, ein ziemlich leichtsinniges Bürschchen, war es gewesen, der mir das schon oben zitierte famose Wort gesagt hatte. „Bei uns ist alles sozialdemokratisch, selber die Maschinen.“ Dann traf ich einen sogenannten Zehnwöchentlichen unter uns, also einen Ersatzreservisten. Auch er sollte in weniger als vier Wochen eintreffen. Und auch er hatte dafür — ich sprach mehrmals mit ihm — nichts andres als nur Worte einer gewissen stillen und stolzen Genugthuung. Er that sich etwas darauf zu gute, daß er jetzt sparen mußte, um während der zehn Wochen Militärzeit etwas zum Zusetzen zu haben! Einmal stand ich mit etwa fünf andern Sozialdemokraten zusammen. Auch da kam das Gespräch auf das Militär und vor allem auf die Manöver in der Chemnitzer Gegend. Und auch da war es nur der Anstoß zu einer Menge hübscher Manövergeschichten, die einzelne von ihnen meist als Zuschauer und als Quartierleute zu ihrer Freude mit erlebt hatten. Dann war unter den Handarbeitern unsrer Fabrik ein früherer Schneider, der in Dresden bei der Artillerie gestanden hatte und diese Dresdner Zeit mehrmals als die schönste und lustigste seines Lebens bezeichnete. Als ich ihn einmal auf dem Krankenbette abends besuchte, ließ er sich von seiner Frau seine eigne und seiner Kameraden Photographien sowie das ganze Batteriebild herbeiholen, um sie mir mit sichtlicher Freude und unter genauer Schilderung des Lebensganges eines jeden abgebildeten Vaterlandsverteidigers vorzuführen. Dann erklärten mir wieder einmal bei der Arbeit zwei Packer, alte, wetterfeste, knorrige Leute, die viel derbe Späße im Kopfe hatten und leidlich genießbar waren, wenn man sie zu nehmen wußte, mit besonderm Nachdruck: „Wir sind mit Leib und Seele Soldat und werden es bis an unsern Tod bleiben.“ Und dasselbe könnte ich noch von einer Reihe andrer berichten, die beim Frühstück und auch einmal eines Abends in der Kneipe ganz ähnlich von ihrer Soldatenschaft redeten. Selbst jener ganz heruntergekommene Schlosser, der nur acht Tage bei uns blieb, sich gleich am ersten Tage hatte Vorschuß geben lassen und, freilich ohne Glück, uns alle anzuborgen versuchte, und der sich als ein Regimentskamerad von mir entpuppte, unterhielt sich mit ganzem Herzen über die uns gemeinsam bekannten Offiziere im Regiment, über die Kaserne und allerhand andre Wichtigkeiten. Freilich — einzelne räsonnierten ja auch manchmal über ihre Offiziere, die sie allzu scharf angefaßt hatten. Ein junger sozialdemokratischer Schlosser kannte auch die bekannte Abelsche Broschüre und sagte, er stimmte ihr zu: aber auch bei ihm und denen, die sich manchmal über ihre Offiziere beklagten, war das mehr persönlicher Groll und galt eben — nach dem ganzen Eindruck, den ich davon hatte — mehr nur diesen Personen und einzelnen Vorfällen als der gesamten Einrichtung.
Einmal unterhielten sich auch zwei über die sozialdemokratische Forderung der Abschaffung des stehenden Heeres. Der eine, selbst nicht Soldat gewesen, vertrat sie, aber mäßigte sie dahin, daß das natürlich nicht sofort und auf einmal möglich wäre. Vielmehr könnte das nur ganz allmählich vor sich gehen. Der andre bestritt das und erklärte die eventuelle Auflösung der Regimenter und die Entlassung der Hunderttausende junger, frischer Arbeitskräfte für einen Ruin der gesamten Arbeiterbevölkerung. Dann würde die industrielle Reservearmee ins ungeheure anschwellen, die Löhne ganz gewaltig sinken, und wir Arbeiter allesamt hungern müssen.
Eine ganz wunderliche Vorstellung traf ich bei zwei andern Sozialdemokraten, von denen nur einer unsrer Fabrik angehörte. Es war das bei dem Kinderfeste auf der Jagdschenke bei Siegmar. Sie redeten von Streiks. Da sagte der mir Unbekannte plötzlich: „Ja, wenn erst die Offiziere streiken werden. Es fängt schon an, zu gären. Nur darum hat die Regierung auch neuerdings ihre Gehälter verbessern wollen, um sie zufrieden zu machen. Übrigens, setzte er hinzu, geht es schon los, in England, Spanien u. s. w.“
Eigentliche Erbitterung gegen das Militär habe ich nur einmal beim Mittagessen in unsrer Kneipe an einem finstern wortkargen Burschen mit einem fanatischen Jesuitengesichte angetroffen. Dieser las einem andern einen Militärartikel aus einem Blatte vor. Darin wurde der Hauptmann der Vater, der Feldwebel die Mutter der Kompagnie genannt. Das brachte den Mann sehr in Aufregung, und er erging sich denn da in nicht allzu schmeichelhaften Ausdrücken über die in der That ja manchmal höchst problematische Vater- und Muttertreue der beiden Herren. Aber das war eben auch einer der rabiaten „Elitesozialdemokraten,“ von dem keine andre Meinung zu erwarten war. Sonst jedoch fand ich, wie gesagt, immer nur freundliche Gesinnungen.
Eine besondre Vorliebe für das Militär äußerte sich natürlich bei denen unter uns, die den Feldzug in Frankreich mitgemacht hatten. Ich habe von ihnen drei in treuer Erinnerung, einen Ulanen, einen Jäger und einen Infanteristen. Alle drei erzählten mit Stolz von jenem Jahr in Frankreich mit der ganzen epischen Breite, Komik, Derbheit und Natürlichkeit, die alle solche Schilderungen im Munde von Leuten aus dem Volke so originell und reizvoll machen. Der eine, der Jäger, ein Bohrer, hätte so gern der damals gerade in Aussicht stehenden Zusammenkunft der alten Kameraden von den sächsischen Jägern und Schützen in Meißen beigewohnt — aber an die Ausführung dieses Wunsches war natürlich bei seinem Verdienst von 27 oder 29 Pfennigen die Stunde — und dem Rudel Kinder, das er hatte, kein Gedanke. Endlich möchte ich doch auch erwähnen, was mir nicht ganz unwichtig scheint, daß mir die Militär- und Soldatenbilder und Bildchen oft primitivster Art, und manchmal im allerdürftigsten Farbendrucke ausgeführt, auffielen, die vielfach an den Arbeitskästen neben dem Arbeitsplatze der einzelnen Leute angeklebt waren. Auch das scheint mir ein deutliches Zeugnis für die Vorliebe zu sein, die man nach meinem Urteil auch heute noch trotz mehr denn zwanzigjähriger sozialdemokratischer Agitation unter der Arbeiterbevölkerung eines großen deutschen Industrieortes für das deutsche Volksheer hegte.
Ich führe diese erfreuliche Erscheinung nun allerdings weniger auf den idealen Gedanken zurück, daß man auch in dieser Bevölkerungsschicht wie im Adel und einigen Bürgerkreisen stolz ist, dem Könige im Heere dienen zu dürfen, sondern vielmehr auf die Freude des Volkes an dem bunten Rock und dem militärischen Glanz und Gepränge, auf das frische, freie, heitre, sorgenlose Leben, das der vollkräftigen, lebenslustigen Arbeiterjugend in dieser Zeit wie meist niemals wieder nachher beschieden ist, und auf die nicht minder wichtige Thatsache, daß diese Militärzeit für den Fabrikarbeiter die längste, völligste und glänzendste Abwechslung in dem öden Einerlei seines Fabriklebens ist. Daraus erkläre ich mir auch die auffällige Erscheinung, daß man sich allerseits doch auch (wenn nicht ganz armselige Verhältnisse und allzugroße Not in der Familie herrschen) verhältnismäßig gern und willig an den Reserveübungen beteiligt, weil man dabei die Erinnerung an die alte schöne Zeit für kurze Wochen wieder einmal gemeinsam auffrischt. Und diese Erscheinung gewinnt noch an moralischem Schwergewicht, wenn man daran denkt, daß für solche Leute aus dem Arbeiterstande die Reserveübungen bisher ja mit einem gänzlichen Ausfall an Verdienst für die Familien und darum mit viel größern Opfern fürs Vaterland verbunden sind, als die jährlichen achtwöchigen Übungen für Söhne wohlhabender Eltern, die Reserveoffiziere sind oder es werden wollen.
Auch über die Militärvereine wurde zweimal in der Fabrik von meinen Arbeitsgenossen gesprochen, beide male in einer höchst interessanten und mitteilenswerten Weise. Es handelte sich um die Frage, ob Sozialdemokraten Mitglieder eines Militärvereins sein dürfen; und es zeigte sich hierbei, daß drei ganz verschiedne Meinungen unter den Arbeitsgenossen vorhanden waren, die sich schroff gegenüber standen. Die einen behaupteten, man müßte unter allen Umständen ehrlich und charakterfest sein. Es stünde fest, daß die Militärvereine offiziell jeden sozialdemokratischen Kameraden auszuschließen verpflichtet wären. So sollte jeder Genosse auch so stolz sein und von selbst aus diesen Vereinen austreten, besser überhaupt niemals in sie eintreten, um keinen Betrug zu begehen und nicht doch schließlich hinausgeworfen zu werden. Zwei andre, die selbst nie Soldaten gewesen waren, bestritten diese Ansicht lebhaft und vertraten die gegenteilige: „Jeder Sozialdemokrat, der gedient hat, hat die Pflicht, in den Verein einzutreten und es dahin zu bringen, daß sie allmählich ganz zu sozialdemokratischen Vereinen und auch die bisher anders gesinnten Kameraden Sozialdemokraten werden.“ Diese beiden, jüngere Männer voll Initiative, hatten dabei wohl den Militärverein unsers Vororts im Auge, dessen Mitglieder allerdings zur Mehrzahl aus erklärten Sozialdemokraten bestanden, der dies bei irgend einer Gelegenheit auch offen bekannt und daraufhin die Zugehörigkeit zum sächsischen Militärvereinsbunde und das Recht, das königliche Wappen in seiner Fahne zu führen, verloren hatte. Zum größten Bedauern und zur Mißbilligung der dritten Gruppe bei jenen beiden Gesprächen, die, schon ältere Leute, eine mehr vermittelnde Anschauung, doch auch nachdrücklich und gegensätzlich genug den zwei andern gegenüber vertrat. Sie meinten, die Sache sei so: „Wir sind Soldaten und Sozialdemokraten, beides mit Leib und Seele. Die Militärvereine sind Soldaten- und zugleich Unterstützungsvereine, vornehmlich mit das letztere; und wir haben lange Jahre auch mit in ihre Kasse gesteuert. Wir haben also ein Anrecht an dem Genuß ihrer Vorteile. Schon deshalb dürfen wir in den Vereinen bleiben. Aber da deren Satzungen die politische Gesinnung der Sozialdemokratie ausschließen, so wäre es Blödsinn und Tollkühnheit, sie in den Vereinen zu äußern oder gar Propaganda dafür zu machen. Man behält sie dort besser für sich und redet nicht davon.“ In beiden Gesprächen kam es zu keiner Einigung und Annäherung dieser drei Anschauungen. Jede Gruppe bestand auf der Richtigkeit der ihrigen und erklärte die zwei andern für durchaus falsch. Jedenfalls zeigt auch diese Thatsache die Verschiedenheit der treibenden innersten Prinzipien in der politischen Gesinnung dieser Durchschnittssozialdemokraten. Bei den ersten entscheidet der Idealismus und fordert offnes Visier und streng reinliche Trennung; bei den zweiten drängt der Gedanke der Agitation und Propaganda zu kühnem Wagen; bei den dritten kämpft das von der Partei aufgezwungne vaterlandslose Empfinden des Sozialdemokraten mit der guten vaterländischen Gesinnung des alten Soldaten, und Nützlichkeitsrücksichten bestärken noch mehr die dadurch erzeugte Unentschiedenheit der Stellung. Ich glaube, annehmen zu können, daß diese drei Meinungen auch in weitern Kreisen meiner Fabriksgenossen vorhanden waren, da sie, wie gesagt, eben damals infolge der Vorgänge im Militärvereine unsers Ortes gezwungen waren, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Welche von den Richtungen überwog, konnte ich nicht erkennen.
Einen meines Erachtens guten Dienst leistete übrigens — ich darf dies an dieser Stelle gleich mit erwähnen — der Turnverein unsers Vorortes. Er war noch nicht alt und verhältnismäßig stark. Junge Schlosser, Weber, Arbeiter, aber auch Kaufleute, Expedienten und Schreiber gehörten ihm an. Auch einen jungen Zeichner, also einen höhern Beamten aus unsrer Fabrik, traf ich unter den Turnern. Kurz, es waren wohl fast alle Berufsarten unsers Vorortes in dem Vereine vertreten, und ebenso die sozialdemokratischen wie die sozialistisch noch nicht oder nur wenig durchsetzten. Und alle Glieder schienen gute Kameradschaft zu halten. So war dieser Turnverein ein neutraler Boden, auf dem die verschiedensten politischen Gesinnungen und Neigungen friedlich und nach den Satzungen des Vereins unausgesprochen neben einander hergingen. Es war damit eine Stätte der persönlichen gegenseitigen Annäherung gebildet über die engherzige Parteigesinnung hinweg. Und hierin sehe ich die große ethische Bedeutung aller Turnvereine, die in einer ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Bevölkerung nach denselben Grundsätzen existieren und blühen. Von diesem Gesichtspunkt aus stelle ich sie auch höher als die Militärvereine, die heute doch in der That „reichstreue“ Parteivereine und antisozialdemokratische Kampfvereine geworden sind.
Gleich freundlicher Art sind nun auch die Erfahrungen, die ich über die Gesinnung dieser Leute gegen den deutschen Kaiser und den König von Sachsen gemacht habe. Zwar war es hier natürlich besonders schwierig, einen sichern Einblick zu bekommen. Jedermann hütete sich vor einer Majestätsbeleidigung, da keiner dem andern recht traute. Ich glaube auch, daß sich ein nicht ganz geringer Bruchteil wie zu manchem andern so auch zu Kaiser und Reich durchaus gleichgiltig verhielt. Sie hegten weder Haß noch Liebe; sie hatten kein Interesse dafür, häufig auch zu viel mit sich, ihren engen Verhältnissen oder seichten Vergnügungen zu thun, um daran denken und ihr Herz noch daran begeistern zu können. Dann waren gewiß auch wieder andre, die, von der parteikorrekten Gesinnung der Elitesozialdemokraten auch in dieser Beziehung schon angekränkelt, innerlich zwischen Zuneigung und Abneigung, Vaterlandsliebe und Vaterlandslosigkeit noch hin und her schwankten. Aber für die große Mehrzahl eben der Durchschnittsanhänger war doch der Kaiser eine durchaus sympathische, volkstümliche Gestalt. Nicht nur, daß man ohne Opposition, ohne Murren und finstre Mienen billige und freundliche Urteile über ihn mit anhörte und ihnen zustimmte — das wäre in diesem Falle noch kein Beweis für meine Behauptung —, sondern ich habe auch selbst aus dem Munde der Leute nicht einmal nur das runde Urteil gehört: „Der Kaiser ist gut und tüchtig.“ Einmal bei einem der Kinderfeste, wo die Leute also doch ganz unter sich waren und sich nicht genierten, trat diese Ansicht besonders deutlich zu Tage: „Kaiser Wilhelm hat die besten Absichten; aber er kann nicht, wie er will. Den halten sie fest und zwingen ihn nach ihren Plänen. Aber hoffentlich gelingt es ihm noch, seine eignen Wege zu gehn.“ Dort hörte ich auch um Kaiser Friedrichs Tod die nicht seltene Klage: „Schade um ihn! Wie ganz anders stünde alles, wenn er nur fünf Jahre regiert hätte.“ Ein andermal sagte ein schon ziemlich herabgekommener Fleischergeselle, mit dem ich ein Stück wanderte: „Kaiser Friedrich hielt auf die Arbeiter mehr als auf alle andern. Sie haben aber auch recht.“ An Kaiser Friedrich vor allem glaubt man da unten. Der milde freundliche Hohenzoller ist noch im Grabe ein Friedensmittler zwischen dem Thron und dem Volk und ein Segen für beide. Hie und da findet sich auch ein Bild von ihm wie von dem regierenden Kaiser an den Arbeitsplätzen einzelner Leute angeklebt. Auch traf ich patriotische Lebensbeschreibungen von Friedrich dem Dritten sowohl als Wilhelm dem Ersten, freilich in Form der bekannten, meist so minderwertigen Kolportagegroschenhefte in mehreren Familien verbreitet, deren Väter wiederum sonst offen mit in das Horn der sozialdemokratischen Partei stießen. Ich werde an einer spätern Stelle ein haarsträubendes Gespräch zweier Sozialdemokraten unsrer Fabrik über Bismarck mitteilen. Auch diese beiden zeigten, so sehr sie Bismarck fluchten, doch volles Vertrauen zum Kaiser. Als ich bei jener Unterhaltung meinte, ich glaube nicht, daß der Kaiser, selbst wenn ein neues Attentat käme, das Sozialistengesetz aufrecht erhalten würde, stimmten mir beide nachdrücklich zu. Ein andermal verwahrte einer ganz entschieden die Arbeiter gegen die Anklage der Reichsfeindlichkeit: „Wir sind nicht gegen die Regierung und den Kaiser, nur gegen ihre falschen Freunde.“ Und ein andrer Durchschnittssozialdemokrat, mit dem ich mich besonders häufig über politische Dinge unterhielt, auf dessen durchdachte Ansichten ich einiges hielt und der, bereits neun Jahre in unsrer Fabrik, auch die einzelnen Genossen ziemlich genau kannte, sagte mir einmal ganz offen und ohne dazu aufgefordert zu sein: „Ich bin im geringsten gar nicht gegen den Kaiser oder gegen unsern König. Ich habe zwar beide noch nicht gesehn; aber für unsern König ginge ich durchs Feuer. Und so wie ich, giebts ihrer unter uns noch satt (genug).“ Zu dieser weit verbreiteten freundlichen Gesinnung half wohl gleichmäßig mit das feste monarchische Bewußtsein, das von alters her tief im deutschen und sächsischen Volke sitzt, die aufrichtige reformfreundliche, soziale Gesinnung des Kaisers, von deren Ehrlichkeit man auch da unten oft wider Willen überzeugt scheint, und schließlich die nur beschränkte antimonarchische Agitation der Sozialdemokratie, der man gerade in diesem Punkte die Flügel arg beschnitten hat. Freilich darf man nicht meinen, daß diese günstige monarchische Gesinnung auch nur in einem wesentlichen Punkte jener frühern Unterthänigkeit gleicht, die in tiefster Ehrfurcht, mit Zittern und Zagen vor Seiner Allmächtigen Majestät erstarb. Willenlos, gedankenlos geht wohl keiner mehr auch da unten mit durch Dick und Dünn. Aber dafür ist — nach meinem Dafürhalten eine viel gewichtigere Thatsache — doch in weiten Kreisen jene Achtung vor dem „ersten Diener des Staates“ vorhanden, dessen Daseinsnotwendigkeit anerkannt ist, an dessen redliche, pflichttreue, volksfreundliche, unparteiische und gerechte Absichten man glaubt, von dem man aber auch mehr ahnt als weiß, daß er nicht der allmächtige Herr, sondern ein durch Zwang und Widerstreit der entgegengesetztesten Interessen vielfach sehr gebundner Herrscher ist. Ich bin nach alledem davon überzeugt, daß es der sozialdemokratischen Agitation kaum gelingen dürfte, diese vernünftige Gesinnung des Volkes zu vernichten, wenn nur der Kaiser wie bisher fortfährt, auch den Arbeitern und ihren begründeten Forderungen nicht nur gerechte Billigung zu teil werden zu lassen, sondern ihnen auch, so viel an ihm ist, Geltung und Erfüllung zu verschaffen.
Im Zusammenhang damit ist es nun auch verständlich, daß der weitaus größte Teil meiner Chemnitzer Fabrikgenossen durchaus an keine gewaltsame blutige Revolution dachte. Ich habe auch für diese Thatsache nicht nur den sichern allgemeinen Eindruck als Beweis, sondern auch zahlreiche direkte und ehrliche Äußerungen meiner Arbeitsgenossen, die ebenfalls deren Richtigkeit bestätigen. An jenem aufgeregten Sonntagabend, an dem nach dem Kinderfest unsers Wahlvereins die heiße Redeschlacht mit dem amerikanisierten Baiern und seinem Freunde, dem Brauereidirektor, geschlagen wurde, an dem ein sozialdemokratisches Lied auf das andre gesungen wurde, und wirklich Herz und Mund den Leuten auf- und übergingen, erklärten mir mehrere: „Wir Arbeiter wollen keine Revolution. Wir sind viel zu gebildet dazu. Wir wollen auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen; jetzt schon so viel als möglich, und unsre Nachkommen den Rest.“ Und das waren ein paar jüngere Leute. In der Fabrik sagte mir gleich im Anfang meiner Arbeiterlaufbahn ein andrer: „Es fällt uns gar nicht ein, Revolutionäre zu sein; hier in Chemnitz und Umgegend denkt wenigstens niemand daran.“ Und später einer: „Daß die Arbeiter Revolution machen wollen, glauben die oben im Ernst doch selber nicht.“ Und einer der beiden schon genannten strammsozialdemokratisch-rabiaten Bismarckhasser sagte eben da, als wir von der Aufhebung des Sozialistengesetzes redeten. „Der Kaiser hat gesehn, daß alles auch ohne das Sozialistengesetz in Ruhe und Ordnung weitergeht. Revolution kommt schließlich nur, wenn man unsre Sache gewaltsam unterdrückt.“ Ebenso ein sehr erfahrener, selbständiger, schon mehrmals genannter Monteur. „Wir wären doch selbst die größten Dummhute, wenn wir Revolution machen und die Fabriken zerstören wollten. Das wäre albern und schadete uns selber am meisten.“ Dann einer der vordern in der Chemnitzer Weberbewegung, ein kraftvoller Mensch und ausgezeichneter Turner: „Die Großen wünschen, daß wir Revolution machen; aber wir werden ihnen unter keinen Umständen den Gefallen thun.“ Und endlich sagte einmal in einer geschlossenen Sitzung der Vorsitzende mit großem Nachdruck und unter aller schweigender Zustimmung: „Wir im Fachverein wollen keine Umstürzler sein, sondern vielmehr ein gutes Beispiel geben und nur die Besserung der Lage unsers Standes anstreben.“ Nur ein einziges mal traf ich auf einen Ausspruch, den man auch anders auslegen könnte: „Die großen Herren sollten uns mit mehr Liebe entgegenkommen. Dann wäre all der Haß und Streit nicht. Wenn sie das aber durchaus nicht wollen, so gehts uns schließlich wie dem, der Hunger hat und nichts zu essen kriegt: er maust sich, was er braucht.“
Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse, die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, ohne Kampf eine Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt, zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige, aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die Gefahr einer Revolution keinen Augenblick. Sie liegt aber nicht in der Absicht, in den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat. Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein sozialistischen und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern und Breitern zu reden haben.
Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant, daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen. Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war jedenfalls nicht das geringste zu spüren.
Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter der gesamten Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis zum harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck hat Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender gehaßt da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn herrschte eine Ansicht, eine Stimme: „Bismarck ist der größte Arbeiterfeind“ und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind wörtliche Zitate, die ich mehr als einmal gehört habe. Einmal standen wir etwa ein halbes Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen Wand, in die ich mit der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da schrieb einer ganz plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen Buchstaben an die Wand und gab uns auf zu raten, was das bedeute. Er löste uns das Rätsel dann selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder Buchstabe des Bismarckschen Namens, je von vorn und hinten gelesen, war der Anfangsbuchstabe eines Wortes in diesen zwei Sätzen. Der eine hieß: „Bismarck Ist Seiner Majestät Allmächtigster Reichs-Kanzler“ und der andre: „Kein Reich arbeitet mit so intelligenten Beamten.“ „Ja,“ sagte ein andrer darauf, „Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich. „Bismarck hat die meisten Steuern gebildet,“ war die Antwort. In beiden Fällen wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder mit einem andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns lag. Der Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder vor noch nach dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern mit anhörte.