Wesentlich: vom Leib ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt, als der Glaube an den Geist.

„Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein Kriterium der Wahrheit.“ Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die Stärke ein Kriterium, zum Beispiel in betreff der Kausalität.

344.

Grundlösung. – Wir glauben an die Vernunft: diese aber ist die Philosophie der grauen Begriffe. Die Sprache ist auf die allernaivsten Vorurteile hin gebaut.

Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge hinein, weil wir nur in der sprachlichen Form denken, – somit die „ewige Wahrheit“ der „Vernunft“ glauben (zum Beispiel Subjekt, Prädikat usw.).

Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem sprachlichen Zwange tun wollen, wir langen gerade noch bei dem Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehen.

Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach einem Schema, welches wir nicht abwerfen können.

345.

Der ganze Erkenntnisapparat ist ein Abstraktions- und Simplifikationsapparat – nicht auf Erkenntnis gerichtet, sondern auf Bemächtigung der Dinge: „Zweck“ und „Mittel“ sind so fern vom Wesen wie die „Begriffe“. Mit „Zweck“ und „Mittel“ bemächtigt man sich des Prozesses (– man erfindet einen Prozeß, der faßbar ist), mit „Begriffen“ aber der „Dinge“, welche den Prozeß machen.

346.

Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat, arbeitete im Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit, von schneller Verständlichkeit auf Grund von Zeichen und Klängen, von Abkürzungsmitteln: – es handelt sich nicht um metaphysische Wahrheiten bei „Substanz“, „Subjekt“, „Objekt“, „Sein“, „Werden“. – Die Mächtigen sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht haben, und unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktionskünstler, die die Kategorien geschaffen haben.

347.

Nicht „erkennen“, sondern schematisieren, – dem Chaos so viel Regularität und Formen auflegen, als es unserm praktischen Bedürfnis genugtut.

In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien ist das Bedürfnis maßgebend gewesen: das Bedürfnis, nicht zu „erkennen“, sondern zu subsummieren, zu schematisieren, zum Zweck der Verständigung, der Berechnung.... (Das Zurechtmachen, das Ausdichten zum Ähnlichen, Gleichen, – derselbe Prozeß, den jeder Sinneseindruck durchmacht, ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht eine präexistente „Idee“ gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, daß nur, wenn wir grob und gleichgemacht die Dinge sehen, sie für uns berechenbar und handlich werden.... Die Finalität in der Vernunft ist eine Wirkung, keine Ursache: bei jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend Ansätze gibt, mißrät das Leben, – es wird unübersichtlich –, zu ungleich –

Die Kategorien sind „Wahrheiten“ nur in dem Sinne, als sie lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische Raum eine solche bedingte „Wahrheit“ ist. (An sich geredet: da niemand die Notwendigkeit, daß es gerade Menschen gibt, aufrecht erhalten wird, ist die Vernunft, so wie der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie bestimmter Tierarten, und eine neben vielen anderen....)

Die subjektive Nötigung, hier nicht widersprechen zu können, ist eine biologische Nötigung: der Instinkt der Nützlichkeit, so zu schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe, wir sind beinahe dieser Instinkt.... Welche Naivität aber, daraus einen Beweis zu ziehen, daß wir damit eine „Wahrheit an sich“ besäßen!.... Das Nicht-widersprechen-können beweist ein Unvermögen, nicht eine „Wahrheit“.

348.

„Erkennen“ ist ein Zurückbeziehen: seinem Wesen nach ein regressus in infinitum. Was Halt macht (bei einer angeblichen causa prima, bei einem Unbedingten usw.) ist die Faulheit, die Ermüdung – –

349.

Wissenschaft – Umwandlung der Natur in Begriffe zum Zweck der Beherrschung der Natur – das gehört in die Rubrik „Mittel“.

Aber der Zweck und Wille des Menschen muß ebenso wachsen, die Absicht in Hinsicht auf das Ganze.

350.

Die Wissenschaft – das war bisher die Beseitigung der vollkommenen Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen, welche alles „erklären“, – also aus dem Widerwillen des Intellekts an dem Chaos. – Dieser selbe Widerwille ergreift mich bei der Betrachtung meiner selber: die innere Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen und über die intellektuelle Verworrenheit hinauskommen. Die Moral war eine solche Vereinfachung: sie lehrte den Menschen als erkannt, als bekannt. – Nun haben wir die Moral vernichtet – wir selber sind uns wieder völlig dunkel geworden! Ich weiß, daß ich von mir nichts weiß. Die Physik ergibt sich als eine Wohltat für das Gemüt: die Wissenschaft (als der Weg zur Kenntnis) bekommt einen neuen Zauber nach der Beseitigung der Moral – und weil wir hier allein Konsequenz finden, so müssen wir unser Leben darauf einrichten, sie uns zu erhalten. Dies ergibt eine Art praktischen Nachdenkens über unsre Existenzbedingungen als Erkennenden.

351.

Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf allen Stufen des Lebens das Denken, – in jedem Perzipieren und scheinbaren Erleiden auch noch! Offenbar wird es dadurch am mächtigsten und anspruchsvollsten, und auf die Dauer tyrannisiert es alle anderen Kräfte. Es wird endlich die „Leidenschaft an sich“.

352.

Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch und Tier lebt: du mußt auch noch den Willen zur Unwissenheit haben und hinzulernen. Es ist dir nötig, zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehen.

353.

Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergibt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres „leeren Raumes“, einen Zuwachs unserer „Öde“ –

354.

Die Entwicklung der Wissenschaft löst das „Bekannte“ immer mehr in ein Unbekanntes auf: – sie will aber gerade das Umgekehrte und geht von dem Instinkt aus, das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen.

In summa bereitet die Wissenschaft eine souveräne Unwissenheit vor, ein Gefühl, daß „Erkennen“ gar nicht vorkommt, daß es eine Art Hochmut war, davon zu träumen, mehr noch, daß wir nicht den geringsten Begriff übrig behalten, um auch nur „Erkennen“ als eine Möglichkeit gelten zu lassen, – daß „Erkennen“ selbst eine widerspruchsvolle Vorstellung ist. Wir übersetzen eine uralte Mythologie und Eitelkeit des Menschen in die harte Tatsache: so wenig „Ding an sich“, so wenig ist „Erkenntnis an sich“ noch erlaubt als Begriff. Die Verführung durch „Zahl und Logik“, die Verführung durch die „Gesetze“.

Weisheit“ als Versuch, über die perspektivischen Schätzungen (das heißt über den „Willen zur Macht“) hinweg zu kommen: ein lebensfeindliches und auflösendes Prinzip, Symptom wie bei den Indern usw., Schwächung der Aneignungskraft.

355.

Das Recht auf den großen Affekt – für den Erkennenden wieder zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung und der Kultus des „Objektiven“ eine falsche Rangordnung auch in dieser Sphäre geschaffen haben. Der Irrtum kam auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: eben im Loskommen vom Affekt, vom Willen liege der einzige Zugang zum „Wahren“, zur Erkenntnis; der willensfreie Intellekt könne gar nicht anders, als das wahre, eigentliche Wesen der Dinge sehen.

Derselbe Irrtum in arte: als ob alles schön wäre, sobald es ohne Willen angeschaut wird.

356.

Keine „moralische Erziehung“ des Menschengeschlechts: sondern die Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrtümer ist nötig, weil die „Wahrheit“ degoutiert und das Leben verleidet, – vorausgesetzt, daß der Mensch nicht schon unentrinnbar in seine Bahn gestoßen ist und seine redliche Einsicht mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt.

357.

Die wertvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden: aber die wertvollsten Einsichten sind die Methoden.

Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft haben jahrtausendelang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt: auf sie hin ist man aus dem Verkehr mit honetten Menschen ausgeschlossen worden, – man galt als „Feind Gottes“, als Verächter des höchsten Ideals, als „Besessener“.

Wir haben das ganze Pathos der Menschheit gegen uns gehabt, – unser Begriff von dem, was die „Wahrheit“ sein soll, was der Dienst der Wahrheit sein soll, unsre Objektivität, unsre Methode, unsre stille, vorsichtige, mißtrauische Art war vollkommen verächtlich.... Im Grunde war es ein ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am längsten gehindert hat: sie glaubte an den pittoresken Effekt der Wahrheit, sie verlangte vom Erkennenden, daß er stark auf die Phantasie wirke.

Das sieht aus, als ob ein Gegensatz erreicht, ein Sprung gemacht worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch die Moralhyperbeln Schritt für Schritt jenes Pathos milderer Art vorbereitet, das als wissenschaftlicher Charakter leibhaft wurde....

Die Gewissenhaftigkeit im Kleinen, die Selbstkontrolle des religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen Charakter: vor allem die Gesinnung, welche Probleme ernst nimmt, noch abgesehen davon, was persönlich dabei für einen herauskommt....

358.

Nicht der Sieg der Wissenschaft ist das, was unser 19. Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen Methode über die Wissenschaft.

c. Ursache und Wirkung.
359.

Kritik des Begriffs „Ursache“. – Wir haben absolut keine Erfahrung über eine Ursache; psychologisch nachgerechnet, kommt uns der ganze Begriff aus der subjektiven Überzeugung, daß wir Ursache sind, nämlich, daß der Arm sich bewegt.... Aber das ist ein Irrtum. Wir unterscheiden uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema machen wir überall Gebrauch, – wir suchen nach einem Täter zu jedem Geschehen. Was haben wir gemacht? Wir haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung, Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, als Ursache mißverstanden, oder den Willen, das und das zu tun, weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.

„Ursache“ kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo sie uns gegeben schien, und wo wir aus uns sie projiziert haben zum Verständnis des Geschehens, ist die Selbsttäuschung nachgewiesen. Unser „Verständnis eines Geschehens“ bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah, und wie es geschah. Wir haben unser Willensgefühl, unser „Freiheits“-gefühl, unser Verantwortlichkeitsgefühl und unsre Absicht zu einem Tun in den Begriff „Ursache“ zusammengefaßt: causa efficiens und causa finalis ist in der Grundkonzeption eins.

Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand aufgezeigt würde, dem sie bereits inhäriert. Tatsächlich erfinden wir alle Ursachen nach dem Schema der Wirkung: letztere ist uns bekannt.... Umgekehrt sind wir außerstande, von irgendeinem Dinge vorauszusagen, was es „wirkt“. Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht – alles inhäriert der Konzeption „Ursache“. Wir suchen nach Dingen, um zu erklären, weshalb sich etwas verändert hat. Selbst noch das Atom ist ein solches hinzugedachtes „Ding“ und „Ursubjekt“....

Endlich begreifen wir, daß Dinge – folglich auch Atome – nichts wirken: weil sie gar nicht da sind, – daß der Begriff Kausalität vollkommen unbrauchbar ist. – Aus einer notwendigen Reihenfolge von Zuständen folgt nicht deren Kausalverhältnis (– das hieße deren wirkende Vermögen von eins auf zwei, auf drei, auf vier, auf fünf springen machen). Es gibt weder Ursachen noch Wirkungen. Sprachlich wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran liegt nichts. Wenn ich den Muskel von seinen „Wirkungen“ getrennt denke, so habe ich ihn negiert....

In summa: ein Geschehen ist weder bewirkt, noch bewirkend. Causa ist ein Vermögen zu wirken, hinzu erfunden zum Geschehen....

Die Kausalitätsinterpretation eine Täuschung.... Ein „Ding“ ist die Summe seiner Wirkungen, synthetisch gebunden durch einen Begriff, Bild. Tatsächlich hat die Wissenschaft den Begriff Kausalität seines Inhalts entleert und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel, bei der es im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite Ursache oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei Komplexzuständen (Kraftkonstellationen) die Quanten Kraft gleich blieben.

Die Berechenbarkeit eines Geschehens liegt nicht darin, daß eine Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde – : sie liegt in der Wiederkehr „identischer Fälle“.

Es gibt nicht, wie Kant meint, einen Kausalitätssinn. Man wundert sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich halten kann.... Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind wir beruhigt. Der angebliche Kausalitätsinstinkt ist nur die Furcht vor dem Ungewohnten und der Versuch, in ihm etwas Bekanntes zu entdecken, – ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem.

360.

In jedem Urteile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetze); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, so daß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt Subjekte; alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem Subjekte.

Ich bemerke etwas und suche nach einem Grund dafür: das heißt ursprünglich: ich suche nach einer Absicht darin, und vor allem nach einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles Geschehen ein Tun, – ehemals sah man in allem Geschehen Absichten, dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen? Die Frage „warum?“ ist immer die Frage nach der causa finalis, nach einem „Wozu?“ Von einem „Sinn der causa efficiens“ haben wir nichts: hier hat Hume recht, die Gewohnheit (aber nicht nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser, oft beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter nichts! Was uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Kausalität gibt, ist nicht die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern unsre Unfähigkeit, ein Geschehen anders interpretieren zu können denn als ein Geschehen aus Absichten. Es ist der Glaube an das Lebendige und Denkende als an das einzig Wirkende – an den Willen, die Absicht –, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß alles Tun einen Täter voraussetze, es ist der Glaube an das „Subjekt“. Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine große Dummheit sein?

Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens? Oder ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?

361.

Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie. – Daraus, daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergibt sich nicht, daß es notwendig erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, macht es nicht zum „unfreien Willen“. Die „mechanische Notwendigkeit“ ist kein Tatbestand: wir erst haben sie in das Geschehen hineininterpretiert. Wir haben die Formulierbarkeit des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Nezessität. Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen tue. Der Zwang ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein anderes Geschehen ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte, „Täter“ in die Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten Zwange ist, – ausgeübt von wem? wiederum von einem „Täter“. Ursache und Wirkung – ein gefährlicher Begriff, solange man ein Etwas denkt, das verursacht, und ein Etwas, auf das gewirkt wird.

a) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation.

b) Hat man begriffen, daß das „Subjekt“ nichts ist, was wirkt, sondern nur eine Fiktion, so folgt vielerlei.

Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die Dinglichkeit erfunden und in den Sensationenwirrwarr hineininterpretiert. Glauben wir nicht mehr an das wirkende Subjekt, so fällt auch der Glaube an wirkende Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.

Es fällt damit natürlich auch die Welt der wirkenden Atome: deren Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte braucht.

Es fällt endlich auch das „Ding an sich“: weil das im Grunde die Konzeption eines „Subjekts an sich“ ist. Aber wir begriffen, daß das Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz „Ding an sich“ und „Erscheinung“ ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff „Erscheinung“ dahin.

c) Geben wir das wirkende Subjekt auf, so auch das Objekt, auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein inhäriert weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird: es sind Komplexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe scheinbar dauerhaft, – also zum Beispiel durch eine Verschiedenheit im Tempo des Geschehens (Ruhe – Bewegung, fest – locker: alles Gegensätze, die nicht an sich existieren und mit denen tatsächlich nur Gradverschiedenheiten ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maß von Optik sich als Gegensätze ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes – und von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).

d) Geben wir den Begriff „Subjekt“ und „Objekt“ auf, dann auch den Begriff „Substanz“ – und folglich auch dessen verschiedene Modifikationen, zum Beispiel, „Materie“, „Geist“ und andere hypothetische Wesen, „Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs“ usw. Wir sind die Stofflichkeit los.

Moralisch ausgedrückt, ist die Welt falsch. Aber insofern die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch.

Der Wille zur Wahrheit ist ein Festmachen, ein Wahr-, Dauerhaftmachen, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes falschen Charakters, eine Umdeutung desselben ins Seiende. „Wahrheit“ ist somit nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken wäre, – sondern etwas, das zu schaffen ist und das den Namen für einen Prozeß abgibt, mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein processus in infinitum, ein aktives Bestimmen, – nicht ein Bewußtwerden von etwas, das an sich fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den „Willen zur Macht“.

Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, um so breiter muß die erratbare, gleichsam seiend gemachte Welt sein. Logisierung, Rationalisierung, Systematisierung als Hilfsmittel des Lebens.

Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein „Ziel“ in einem gewissen Sinne außer sich als seiende Welt, als metaphysische Welt, als „Ding an sich“, als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als Schaffender erdichtet bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg; diese Vorwegnahme (dieser „Glaube“ an die Wahrheit) ist seine Stütze.

Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von Grad- und Kraftverhältnissen, als ein Kampf....

Sobald wir uns jemanden imaginieren, der verantwortlich ist dafür, daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsre Existenz, unser Glück und Elend als Absicht zulegen, verderben wir uns die Unschuld des Werdens. Wir haben dann jemanden, der durch uns und mit uns etwas erreichen will.

Das „Wohl des Individuums“ ist ebenso imaginär als das „Wohl der Gattung“: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist, aus der Ferne betrachtet, etwas ebenso Flüssiges wie Individuum. „Erhaltung der Gattung“ ist nur eine Folge des Wachstums der Gattung, das heißt der Überwindung der Gattung auf dem Wege zu einer stärkeren Art.

Thesen. – Daß die anscheinende „Zweckmäßigkeit“ („die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit“) bloß die Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden Willens zur Macht ist – : daß das Stärkerwerden Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeitsentwurf ähnlich sehen – : daß die anscheinenden Zwecke nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, eine Ordnung des Ranges, der Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und Zweck erwecken muß.

Gegen die anscheinende „Notwendigkeit“:

– diese nur ein Ausdruck dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas anderes ist.

Gegen die anscheinende „Zweckmäßigkeit“:

– letztere nur ein Ausdruck für eine Ordnung von Machtsphären und deren Zusammenspiel.

362.

„Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt eintreten, wo es zum Bewußtsein kam, daß das, was man als Eigenschaften der Dinge bezeichnete, Empfindungen des empfindenden Subjekts seien: damit hörten die Eigenschaften auf, dem Dinge anzugehören.“ Es blieb „das Ding an sich“ übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich und des Dinges für uns basiert auf der älteren, naiven Wahrnehmung, die dem Dinge Energie beilegte: aber die Analyse ergab, daß auch die Kraft hineingedichtet worden ist, und ebenso – die Substanz. „Das Ding affiziert ein Subjekt“? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache, nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar kein Problem!

Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher nichts Empfindungsloses mehr zugrunde liegt.

In der Bewegung ist kein neuer Inhalt der Empfindung gegeben. Das Seiende kann nicht inhaltliche Bewegung sein: also Form des Seins.

Nebenbei: Die Erklärung des Geschehens kann versucht werden einmal: durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, die ihm voranlaufen (Zwecke);

zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm nachlaufen (die mathematisch-physikalische Erklärung).

Beide soll man nicht durcheinanderwerfen. Also: die physische Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus Empfindung und Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden und Denken ableiten und entstehen machen: vielmehr muß die Physik auch die empfindende Welt konsequent als ohne Empfindung und Zweck konstruieren – bis hinauf zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur eine Geschichte der Zwecke und nie physikalisch!

363.

Die Auslegung eines Geschehens als entweder Tun oder Leiden (– also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden setzt einen Urheber voraus und einen, an dem „verändert“ wird.

364.

Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen zu nehmen, schließlich als Ursache, zum Beispiel vom Blitz zu sagen: „er leuchtet“. Oder gar das Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive im Sehen wieder als Ursache des Sehens selbst zu setzen: das war das Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!

365.

Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich gibt es nicht Raum, noch Zeit. „Veränderungen“ sind nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen, so ist damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das post hoc ein propter hoc ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich. Aber Erscheinungen können nicht „Ursachen“ sein!

366.

„Wille zur Macht“ und Kausalismus. – Psychologisch nachgerechnet, ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl vom sogenannten Wollen, – unser Begriff „Wirkung“ der Aberglaube, daß dies Machtgefühl die Macht selbst sei, welche bewegt....

Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine Wirkung des Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender Grund“ desselben; – das Spannungsverhältnis unsres Machtgefühls (die Lust als Gefühl der Macht), des überwundenen Widerstandes – sind das Illusionen? –

Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in die uns einzig bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen haben: so ist uns keine Veränderung vorstellbar, bei der es nicht einen Willen zur Macht gibt. Wir wissen eine Veränderung nicht abzuleiten, wenn nicht ein Übergreifen von Macht über andere Macht statthat.

Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im Bilde (Bewegung ist eine Bilderrede). Die Gravitation selbst hat keine mechanische Ursache, da sie der Grund erst für mechanische Folgen ist.

Der Wille zur Akkumulation von Kraft ist spezifisch für das Phänomen des Lebens, für Ernährung, Zeugung, Vererbung, – für Gesellschaft, Staat, Sitte, Autorität. Sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen Ordnung?

Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie des Verbrauchs: so daß das Stärkerwerdenwollen von jedem Kraftzentrum aus die einzige Realität ist, – nicht Selbstbewahrung, sondern Aneignen-, Herrwerden-, Mehrwerden-, Stärkerwerdenwollen.

Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip beweisen? „Aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen“ – „Ein permanentes Gesetz der Dinge“ – „Eine invariable Ordnung“? – Weil etwas berechenbar ist, ist es deshalb schon notwendig?

Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin kein „Prinzip“, kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern es wirken Kraftquanta, deren Wesen darin besteht, auf alle anderen Kraftquanta Macht auszuüben.

Können wir ein Streben nach Macht annehmen, ohne eine Lust- und Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl von der Steigerung und Verminderung der Macht? Der Mechanismus ist nur eine Zeichensprache für die interne Tatsachenwelt kämpfender und überwindender Willensquanta? Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom, Schwere, Druck und Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“, sondern Interpretationen mit Hilfe psychischer Fiktionen.

Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch ein Wille zur Akkumulation der Kraft – : alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden.

Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf den Gesamtcharakter des Daseins –) strebt nach einem Maximalgefühl von Macht; ist essentiell ein Streben nach Mehr von Macht; Streben ist nichts anderes als Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt dieser Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.)

d. Ich und Außenwelt.
367.

Der Substanzbegriff eine Folge des Subjektbegriffs: nicht umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“, preis, so fehlt die Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt. Man bekommt Grade des Seienden, man verliert das Seiende.

Kritik der „Wirklichkeit“: worauf führt die „Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit“, die Gradation des Seins, an die wir glauben? –

Unser Grad von Lebens- und Machtgefühl (Logik und Zusammenhang des Erlebten) gibt uns das Maß von „Sein“, „Realität“, „Nicht-Schein“.

Subjekt: das ist die Terminologie unsres Glaubens an eine Einheit unter allen den verschiedenen Momenten höchsten Realitätsgefühls: wir verstehen diesen Glauben als Wirkung Einer Ursache, – wir glauben an unseren Glauben so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“, „Wirklichkeit“, „Substanzialität“ überhaupt imaginieren. – „Subjekt“ ist die Fiktion, als ob viele gleiche Zustände an uns die Wirkung eines Substrats wären: aber wir haben erst die „Gleichheit“ dieser Zustände geschaffen; das Gleichsetzen und Zurechtmachen derselben ist der Tatbestand, nicht die Gleichheit (– diese ist vielmehr zu leugnen –).

368.

Psychologische Geschichte des Begriffs „Subjekt“. Der Leib, das Ding, das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt die Unterscheidung von einem Tun und einem Tuenden; der Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner gefaßt, hat zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.

369.

„Subjekt“, „Objekt“, „Prädikat“ – diese Trennungen sind gemacht und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's, der etwas tut, etwas leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft „hat“.

370.

„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf läuft die Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das heißt unsern Glauben an den Substanzbegriff schon als „wahr a priori“ ansetzen: – daß, wenn gedacht wird, es etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine Formulierung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Tun einen Täter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches Postulat gemacht – und nicht nur konstatiert.... Auf dem Wege des Cartesius kommt man nicht zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu einem Faktum eines sehr starken Glaubens.

Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich gibt es Gedanken“, so hat man eine bloße Tautologie: und gerade das, was in Frage steht, die „Realität des Gedankens“, ist nicht berührt, – nämlich in dieser Form ist die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht abzuweisen. Was aber Cartesius wollte, ist, daß der Gedanke nicht nur eine scheinbare Realität hat, sondern eine an sich.

371.

Daß zwischen Subjekt und Objekt eine Art adäquater Relation stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das von innen gesehen Subjekt wäre, ist eine gutmütige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit gehabt hat. Das Maß dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz und gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über „Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen, mit denen die Realität berührt würde! –

372.

Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht ist“; – wir sind am andern Ende und sagen, „was gedacht werden kann, muß sicherlich eine Fiktion sein.“

373.

Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt sich zum Beispiel im Nihilismus. Der Glaube, daß es gar keine Wahrheit gibt, der Nihilistenglaube, ist ein großes Gliederstrecken für einen, der als Kriegsmann der Erkenntnis unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.

3. Metaphysik.
Die „wahre“ Welt.

374.

Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der Welt ein für allemal auszuruhen. Zauber der entgegengesetzten Denkweise: sich den Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.

375.

Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche Kraft. Wir wollen uns hüten, den Niedrigen die ihnen nötige Denkweise auszudenken und vorzuschreiben!!

376.

Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des Wachstums oder des Untergehens.

Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der inertia; die Mehrheit der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und änigmatischen Charakter nicht abstreiten wollen!

377.

Gegen das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch jeder Versuch von Monismus.

378.

Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran ist die Folge einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine Verallgemeinerung der Mutlosigkeit und Schwäche, – kein notwendiger Glaube.

Unbescheidenheit des Menschen – : wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu leugnen!

379.

Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge für das, was war, und das, was wird: – man sieht nur das Seiende. Da es aber nichts Seiendes gibt, so blieb dem Philosophen nur das Imaginäre aufgespart, als seine „Welt“.

380.

Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert hat, – sie war immer die scheinbare Welt noch einmal.

381.
Die „wahre“ und die „scheinbare Welt“.
A.

Die Verführungen, die von diesem Begriff ausgehen, sind dreierlei Art:

a) eine unbekannte Welt: – wir sind Abenteurer, neugierig, – das Bekannte scheint uns müde zu machen (– die Gefahr des Begriffs liegt darin, uns „diese“ Welt als bekannt zu insinuieren....);

b) eine andre Welt, wo es anders ist: – es rechnet etwas in uns nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren dabei ihren Wert, – vielleicht wird alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft.... Die Welt, wo es anders, wo wir selbst – wer weiß? – anders sind....

c) eine wahre Welt: – das ist der wunderlichste Streich und Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so vieles an das Wort „wahr“ ankrustiert, unwillkürlich machen wir's auch der „wahren Welt“ zum Geschenk: die wahre Welt muß auch eine wahrhaftige sein, eine solche, die uns nicht betrügt, nicht zu Narren hat: an sie glauben ist beinahe glauben müssen (– aus Anstand, wie es unter zutrauenswürdigen Wesen geschieht –).

Der Begriff „die unbekannte Welt“ insinuiert uns diese Welt als „bekannt“ (als langweilig –);

der Begriff „die andre Welt“ insinuiert, als ob die Welt anders sein könnte, – hebt die Notwendigkeit und das Fatum auf (– unnütz, sich zu ergeben, sich anzupassen –);

der Begriff „die wahre Welt“ insinuiert diese Welt als eine unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, – und folglich auch nicht unserm Nutzen zugetane Welt (– unratsam, sich ihr anzupassen; besser: ihr widerstreben).

Wir entziehen uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt:

a) mit unsrer Neugierde, – wie als ob der interessantere Teil wo anders wäre;

b) mit unsrer Ergebung, – wie als ob es nicht nötig sei, sich zu ergeben, – wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit letzten Ranges sei;

c) mit unsrer Sympathie und Achtung, – wie als ob diese Welt sie nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich....

In summa: wir sind auf eine dreifache Weise revoltiert: wir haben ein x zur Kritik der „bekannten Welt“ gemacht.

B.

Erster Schritt der Besonnenheit: zu begreifen, inwiefern wir verführt sind, – nämlich es könnte an sich exakt umgekehrt sein:

a) die unbekannte Welt könnte derartig beschaffen sein, um uns Lust zu machen zu „dieser“ Welt, – als eine vielleicht stupide und geringere Form des Daseins;

b) die andere Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, die hier keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse dessen sein, was uns diese Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre ein Mittel, uns zufrieden zu machen;

c) die wahre Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare Welt weniger wert sein muß, als die wahre? Widerspricht nicht unser Instinkt diesem Urteile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine fingierte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität? Vor allem: wie kommen wir darauf, daß nicht unsre Welt die wahre ist?.... zunächst könnte doch die andre Welt die „scheinbare“ sein (in der Tat haben sich die Griechen zum Beispiel ein Schattenreich, eine Scheinexistenz neben der wahren Existenz gedacht –). Und endlich: was gibt uns ein Recht, gleichsam Grade der Realität anzusetzen? Das ist etwas anderes als eine unbekannte Welt, – das ist bereits Etwas-wissen-wollen von der unbekannten. Die „andere“, die „unbekannte“ Welt – gut! aber sagen „wahre Welt“, das heißt „etwas wissen von ihr“, – das ist der Gegensatz zur Annahme einer x-Welt....

In summa: die Welt x könnte in jedem Sinne langweiliger, unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.

Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe x Welten, das heißt jede mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist nie behauptet worden....

C.

Problem: warum die Vorstellung von der andern Welt immer zum Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“ Welt ausgefallen ist, – worauf das weist? –

Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange des Lebens ist, denkt das Anderssein immer als Niedriger-, Wertlosersein; es betrachtet die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen Gegensatz, es fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen das Fremde.... Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das „wahre Volk“ wäre....

Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, – daß man diese Welt für die „scheinbare“ und jene für die „wahre“ nimmt, ist symptomatisch.

Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“:

der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die Vernunft und die logischen Funktionen adäquat sind: – daher stammt die „wahre“ Welt;

der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet: – daher stammt die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt;

der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert: – daher stammt die „gute, vollkommene, gerechte, heilige“ Welt.

Das Gemeinsame der drei Entstehungsherde: der psychologische Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.

Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte erscheint, mit welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den Stigmaten des philosophischen, des religiösen, des moralischen Vorurteils.

Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt, als ein Synonym des Nichtseins, des Nichtlebens, des Nichtlebenwollens....

Gesamteinsicht: der Instinkt der Lebensmüdigkeit, und nicht der des Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen.

Konsequenz: Philosophie, Religion und Moral sind Symptome der décadence.

382.

Zur Psychologie der Metaphysik. – Diese Welt ist scheinbar: folglich gibt es eine wahre Welt; – diese Welt ist bedingt: folglich gibt es eine unbedingte Welt; – diese Welt ist widerspruchsvoll: folglich gibt es eine widerspruchslose Welt; – diese Welt ist werdend: folglich gibt es eine seiende Welt: – lauter falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn A ist, so muß auch sein Gegensatzbegriff B sein). Zu diesen Schlüssen inspiriert das Leiden: im Grunde sind es Wünsche, es möchte eine solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt, die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert wird, eine wertvollere: das Ressentiment der Metaphysiker gegen das Wirkliche ist hier schöpferisch.

Zweite Reihe von Fragen: wozu Leiden?.... und hier ergibt sich ein Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt zu unsrer scheinbaren, wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: 1. Leiden als Folge des Irrtums: wie ist Irrtum möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie ist Schuld möglich? (– lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert). Wenn aber die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß die Freiheit zum Irrtum und zur Schuld mit von ihr bedingt sein: und wieder fragt man wozu?.... Die Welt des Scheins, des Werdens, des Widerspruchs, des Leidens ist also gewollt: wozu?

Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet, – weil dem einen von ihnen eine Realität entspricht, „muß“ auch dem andern eine Realität entsprechen. „Woher sollte man sonst dessen Gegenbegriff haben?“ – Vernunft somit als eine Offenbarungsquelle über An-sich-Seiendes.

Aber die Herkunft jener Gegensätze braucht nicht notwendig auf eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: es genügt, die wahre Genesis der Begriffe dagegenzustellen: – diese stammt aus der praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher ihren starken Glauben (man geht daran zugrunde, wenn man nicht gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das nicht „bewiesen“, was sie behauptet).

Die Präokkupation durch das Leiden bei den Metaphysikern: ist ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer Unsinn. Tapfere und schöpferische Menschen fassen Lust und Leid nie als letzte Wertfragen, – es sind Begleitzustände: man muß beides wollen, wenn man etwas erreichen will – darin drückt sich etwas Müdes und Krankes an den Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme im Vordergrunde sehen. Auch die Moral hat nur deshalb für sie solche Wichtigkeit, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht auf Abschaffung des Leidens gilt.

Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrtum: Ursache von Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit verbunden sei (Verwechslung: das Glück in der „Gewißheit“, im „Glauben“).

383.

Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“. – Von diesen ist die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten Dingen gebildet.

Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form ihres Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein Sein gibt, muß durch den Schein erst eine gewisse berechenbare Welt identischer Fälle geschaffen werden: ein Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung möglich ist, usw.

: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte Welt, an der unsre praktischen Instinkte gearbeitet haben: sie ist für uns vollkommen wahr: nämlich wir leben, wir können in ihr leben: Beweis ihrer Wahrheit für uns....

: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu leben, die Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik und psychologischen Vorurteile reduziert haben, existiert nicht als Welt „an sich“; sie ist essentiell Relationswelt: sie hat unter Umständen von jedem Punkt aus ihr verschiedenes Gesicht: ihr Sein ist essentiell an jedem Punkte anders: sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt – und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich inkongruent.

Das Maß von Macht bestimmt, welches Wesen das andre Maß von Macht hat: unter welcher Form, Gewalt, Nötigung es wirkt oder widersteht.

Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine Konzeption gemacht, um in einer Welt leben zu können, um gerade genug zu perzipieren, daß wir noch es aushalten....

384.

Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten angesehen; geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt in diesem Falle nach dem Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und Machtsteigerung einer bestimmten Gattung von Animal.

Das Perspektivische also gibt den Charakter der „Scheinbarkeit“ ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische abrechnet! Damit hätte man ja die Relativität abgerechnet!

Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen Rest seine Perspektive, das heißt seine ganz bestimmte Wertung, seine Aktionsart, seine Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“ reduziert sich also auf eine spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Zentrum.

Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“ ist nur ein Wort für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die Realität besteht exakt in dieser Partikularaktion und -Reaktion jedes Einzelnen gegen das Ganze....

Es bleibt kein Schatten von Recht mehr übrig, hier von Schein zu reden....

Die spezifische Art zu reagieren ist die einzige Art des Reagierens: wir wissen nicht, wie viele und was für Arten es alles gibt.

Aber es gibt kein „anderes“, kein „wahres“, kein wesentliches Sein, – damit würde eine Welt ohne Aktion und Reaktion ausgedrückt sein....

Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reduziert sich auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ –

385.
A.

Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resigniert, auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt – sie mag sein, wie sie will –, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntnis für sie.

Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntnis setzt man auch diesen Gegensatz nur an?....

Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich ist, auch als abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit, daß wir eine Welt als subjektiv bedingt verstehen, damit ist nicht ausgedrückt, daß eine objektive Welt überhaupt möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß die Subjektivität real, essentiell ist?

Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption: eine „Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den Begriff „Sein“, „Ding“ immer nur als Relationsbegriff....

Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“ und „wahr“ sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt hat: „gering an Wert“ und „absolut wertvoll“.

Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“ Welt; der Schein soll eine Instanz gegen den obersten Wert sein. Wertvoll an sich kann nur eine „wahre“ Welt sein....

Vorurteil der Vorurteile! Erstens wäre an sich möglich, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein not täte, um leben zu können.... Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum Beispiel in der Ehe.

Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für wertvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt....

a) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte eben bloß eine scheinbare Welt geben, aber nicht nur unsere scheinbare Welt....)

b) Die wahre Welt angenommen, so könnte sie immer noch die geringere an Wert für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte, in seinem Erhaltungswert für uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der Schein an sich ein Verwerfungsurteil begründete?)

c) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den Graden der Werte und den Graden der Realität (so daß die obersten Werte auch die oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches Postulat, von der Voraussetzung ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werte kennen: nämlich, daß diese Rangordnung eine moralische ist.... Nur in dieser Voraussetzung ist die Wahrheit notwendig für die Definition alles Höchstwertigen.

B.

Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die wahre Welt abschafft. Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung der Welt, die wir sind: sie war bisher unser gefährlichstes Attentat auf das Leben.

Krieg gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die moralischen Werte die obersten seien.

Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen werden könnte als die Folge einer unmoralischen Wertung: als ein Spezialfall der realen Unmoralität: sie reduzierte sich damit selbst auf einen Anschein, und als Anschein hätte sie, von sich aus, kein Recht mehr, den Schein zu verurteilen.

C.

Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht. Dies wäre damit zu beweisen, daß er sich aller unmoralischen Mittel bedient: die Metaphysiker voran –

Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die moralischen Werte die obersten Werte seien. Die Methodik der Forschung ist erst erreicht, wenn alle moralischen Vorurteile überwunden sind: – sie stellte einen Sieg über die Moral dar....

386.

Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es gäbe ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum nicht erkannt werden! Etwas Unbedingtes kann nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber immer „sich irgendwozu in Bedingung setzen“ – –; ein solch Erkennender will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht, und daß dasselbe Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennenwollen und dem Verlangen, daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens, weil etwas, das niemanden nichts angeht, gar nicht ist, also auch gar nicht erkannt werden kann. – Erkennen heißt „sich in Bedingung setzen zu etwas“: sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst unsrerseits bedingen – – es ist also unter allen Umständen ein Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen (nicht ein Ergründen von Wesen, Dingen, „An-sichs“).

387.

Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre „Dinge“:

denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften,

das heißt, es gibt kein Ding ohne andre Dinge,

das heißt, es gibt kein „Ding an sich“.

388.

Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle „Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges wegdenke, so bleibt nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns hinzufingiert ist, aus logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung (zur Bindung jener Vielheit von Relationen, Eigenschaften, Tätigkeiten).

389.

„Dinge, die eine Beschaffenheit an sich haben“ – eine dogmatische Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.

390.

Daß die Dinge eine Beschaffenheit an sich hätten, ganz abgesehen von der Interpretation und Subjektivität, ist eine ganz müßige Hypothese: es würde voraussetzen, daß das Interpretieren und Subjektsein nicht wesentlich sei, daß ein Ding, aus allen Relationen gelöst, noch Ding sei.

Umgekehrt: der anscheinende objektive Charakter der Dinge: könnte er nicht bloß auf eine Graddifferenz innerhalb des Subjektiven hinauslaufen? – daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als „objektiv“ dauernd, seiend, „an sich“ sich herausstellte, – daß das Objektive nur ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre innerhalb des Subjektiven?

391.

Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an sich“, eine „Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand an sich“, sondern ein Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand geben kann.

Das „was ist das?“ ist eine Sinnsetzung von etwas anderem aus gesehen. Die „Essenz“, die „Wesenheit“ ist etwas Perspektivisches und setzt eine Vielheit schon voraus. Zugrunde liegt immer „was ist das für mich?“ (für uns, für alles, was lebt usw.).

Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr „was ist das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so ist das Ding immer noch nicht „definiert“.

Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine Meinung über das „Ding“. Oder vielmehr: das „es gilt“ ist das eigentliche „es ist“, das einzige „das ist“.

Man darf nicht fragen: „wer interpretiert denn?“ sondern das Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein „Sein“, sondern als ein Prozeß, ein Werden) als ein Affekt.

Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Empfindenden. Der Begriff „Ding“ selbst ebenso als alle Eigenschaften. – Selbst „das Subjekt“ ist ein solches Geschaffenes, ein „Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die Kraft, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also das Vermögen im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Tun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.

392.

Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich auch den gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte kein Recht mehr zu seiner Unterscheidung „Erscheinung“ und „Ding an sich“, – er hatte sich selbst das Recht abgeschnitten, noch fernerhin in dieser alten üblichen Weise zu unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung auf eine Ursache der Erscheinung als unerlaubt ablehnte – gemäß seiner Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen rein intraphänomenaler Gültigkeit: welche Fassung andrerseits jene Unterscheidung schon vorwegnimmt, wie als ob das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen, sondern gegeben sei.

393.

Es liegt auf der Hand, daß weder Dinge an sich miteinander im Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können, noch Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergibt, daß der Begriff „Ursache und Wirkung“ innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen glaubt, nicht anwendbar ist. Die Fehler Kants –.... Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt, – die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an „Seelen“ (und nicht an Dinge). Innerhalb der mechanischen Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische Formel – mit der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals etwas begriffen, wohl aber etwas bezeichnet, verzeichnet wird.

394.

Gegen den Wert des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas Naivität, Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange vita

III. Die Natur – ein Machtwille.

1. Die anorganische Natur.

395.

Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; wir können durch nichts verhindern, bloße Quantitätsdifferenzen als etwas von Quantität Grundverschiedenes zu empfinden, nämlich als Qualitäten, die nicht mehr aufeinander reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt, gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität: während umgekehrt alle unsre Wertempfindungen (das heißt eben unsre Empfindungen) gerade an den Qualitäten haften, das heißt an unsren, nur uns allein zugehörigen perspektivischen „Wahrheiten“, die schlechterdings nicht „erkannt“ werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von uns verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich in einer anderen Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten sind unsre eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu verlangen, daß diese unsre menschlichen Auslegungen und Werte allgemeine und vielleicht konstitutive Werte sind, gehört zu den erblichen Verrücktheiten des menschlichen Stolzes.

396.

Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, Quantitäten festzustellen; aber wir können durch nichts hindern, diese Quantitätsdifferenzen als Qualitäten zu empfinden. Die Qualität ist eine perspektivische Wahrheit für uns; kein „An sich“.

Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, innerhalb deren sie funktionieren, das heißt, wir empfinden groß und klein im Verhältnis zu den Bedingungen unsrer Existenz. Wenn wir unsre Sinne um das Zehnfache verschärften oder verstumpften, würden wir zugrunde gehen: – das heißt, wir empfinden auch Größenverhältnisse in bezug auf unsre Existenzermöglichung als Qualitäten.

397.

Von den Weltauslegungen, welche bisher versucht worden sind, scheint heutzutage die mechanistische siegreich im Vordergrund zu stehen. Ersichtlich hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite; und keine Wissenschaft glaubt bei sich selber an einen Fortschritt und Erfolg, es sei denn, wenn er mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen ist. Jedermann kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“ und die „Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele, man zeigt, daß bei gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden kann; man verbirgt ein schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die „anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen, wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen Dummheit. Inzwischen gibt sich gerade bei den ausgesuchten Geistern, welche in dieser Beziehung stehen, ein Vorgefühl, eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die Theorie ein Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten Loche werden könne: ich meine zu jenem, auf dem man pfeift, wenn man in höchsten Nöten ist. Man kann Druck und Stoß selber nicht „erklären“, man wird die actio in distans nicht los: – man hat den Glauben an das Erklären-können selber verloren und gibt mit sauertöpfischer Miene zu, daß Beschreiben und nicht Erklären möglich ist, daß die dynamische Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes“, den Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker Gewalt haben wird: wobei man freilich zur Dynamis noch eine innere Qualität –

398.

Der mechanistische Begriff der „Bewegung“ ist bereits eine Übersetzung des Originalvorgangs in die Zeichensprache von Auge und Getast.

Der Begriff „Atom“, die Unterscheidung zwischen einem „Sitz der treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine Zeichensprache aus unsrer logisch-psychischen Welt her.

Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel zu verändern: es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße Semiotik ist. Die Forderung einer adäquaten Ausdrucksweise ist unsinnig: es liegt im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße Relation auszudrücken.... Der Begriff „Wahrheit“ ist widersinnig. Das ganze Reich von „wahr – falsch“ bezieht sich nur auf Relationen zwischen Wesen, nicht auf das „An sich“.... Es gibt kein „Wesen an sich“ (die Relationen konstituieren erst Wesen –), so wenig es eine „Erkenntnis an sich“ geben kann.

399.

Druck und Stoß etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes, Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das zusammenhält und drücken und stoßen kann! Aber woher hielte es zusammen?

400.

Gegen das physikalische Atom. – Um die Welt zu begreifen, müssen wir sie berechnen können; um sie berechnen zu können, müssen wir konstante Ursachen haben; weil wir in der Wirklichkeit keine solchen konstanten Ursachen finden, erdichten wir uns welche – die Atome. Dies ist die Herkunft der Atomistik.

Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles Geschehens in Formeln – ist das wirklich ein „Begreifen“? Was wäre wohl an einer Musik begriffen, wenn alles, was an ihr berechenbar ist und in Formeln abgekürzt werden kann, berechnet wäre? – Sodann die „konstanten Ursachen“, Dinge, Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also; erdichtet – was hat man erreicht?

401.

„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne ist eine vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine Absicht ein Anziehen nicht denken. – Den Willen, sich einer Sache zu bemächtigen oder gegen ihre Macht sich zu wehren und sie zurückzustoßen – das „verstehen“ wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.

Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben an Kausalität liegt in der Unvorstellbarkeit eines Geschehens ohne Absichten: womit natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen Glaubens) nichts gesagt ist! Der Glaube an causae fällt mit dem Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus).