Kopfstück Seite 109

Saõ Paulo, den 5. April 1882.

Mein liebes, herziges Gretele!

Es ist wirklich wahr: Saõ Paulo ist der beste Platz für Erzieherinnen in Brasilien, die Stadt sowohl wie die ganze Provinz, denn hier kokettieren Männlein und Weiblein, d. h. die jüngere Generation, mit der „Wissenschaft“ und spielen sich mit Vorliebe auf das Gelehrten- und Philosophentum heraus. Man ist Universitätsstadt! Allerdings darfst Du Dir darunter kein Bonn oder Heidelberg vorstellen, schon darum nicht, weil diese Academia nur eine Facultät besonders pflegt, nämlich die juristische. Weiter im Innern der Provinz, bei den Padres (der Name des Ortes ist mir entfallen), werden die Pfaffen zurechtgemacht, hier die Advokaten und in Rio de Janeiro die Jünger Aeskulaps, die „Doktoren“ par excellence.

Zu Advokaten passen die Brasilianer insofern ausgezeichnet, als sie da ihr deklamatorisches Talent verwerten können. Sie sprechen für ihr Leben gern, wenn sie auch nichts sagen; mit dem Pathos, das sie an eine einzige Rede verschwenden, könnte man bei uns bequem deren zehn ausstatten, und dennoch haben sie keine eigentliche Begeisterung noch auch individuelle Impulse — denn alle reden in dem gleichen traditionellen Tonfall, der auch bei allen Gelegenheiten derselbe zu bleiben scheint. Alles ist äußerlich, alles Halbbildung und Geste. Dieses pomphafte Phrasieren, dies hochtrabende Pathos ist an sich schon immer verdächtig und komödiantenhaft, aber wenn Du wirklich einmal die Probe darauf machst und die Leute nach etwas fragst, so können sie Dir keine Rechenschaft geben.

Da sind Leute, die an der Spitze der republikanischen Partei stehen, und sie kennen weder die Geschichte noch die Verfassung ihres Landes, geschweige die andrer Nationen, da giebt es andere, die sich zu dem philosophischen System des geistreichen Contes zu bekennen behaupten, und sie haben nicht seine elementarsten Lehren begriffen, da geben sie Urteile über die Sprachen fremder Nationen ab und können Dir keine Regel der eigenen erklären. Alle neuen Erfindungen auf technischem Gebiet müssen sie sofort haben, aber die Ingenieure zur Einrichtung kommen gleich mit aus Europa, und wenn sie wieder fort sind und es geht etwas an der betreffenden Maschinerie entzwei, dann kann ein Einheimischer sie gewiß nicht reparieren. Gründlichkeit herrscht nirgends, und wenn sie auch äußerlich Anschluß an deutsche Bildung zu suchen scheinen auf allen Gebieten der Wissenschaft — so lange sie sich nicht zugleich auch deutschen Fleiß und Ernst, deutsche Ausdauer und Gewissenhaftigkeit aneignen können, bleibt es doch nur Pantomime. Sie gehören eben innerlich nicht zu uns, mir drängt sich dies Gefühl immer von neuem auf, und die Brasilianer selbst bethätigen die Richtigkeit desselben instinktiv, indem sie mit ihrem Herzen doch immer wieder den Franzosen und andern romanischen Völkern zuneigen, wenn ihnen auch deutscher Geist oder englische Thatkraft mehr imponieren. Aber ich merke, daß ich predige — darum schnell zu etwas Anderem.

Meine jetzigen „Erziehungssubstrate“ sind in der That wahre Muster-Exemplare von Wildheit, und nur bei Lavinia hat sich diese berechtigte(?) Familieneigentümlichkeit zu einer angenehmen Frische abgeschwächt. Mit den Jungen habe ich einen schweren Stand, und mehr als einmal haben sich die beiden Brüder schon in der Stunde beim Kragen gehabt, ehe ich mich dessen versah. Da braucht der eine blos eine falsche Antwort zu geben, dann wirft der andre eine lebhafte vorlaute Verbesserung dazwischen, wofür ihm jener schneller als der Blitz eins mit dem Lineal überzieht — dann haben wir die schönste Rauferei, und es ist für mich keine Kleinigkeit, diese Brüderzwiste immer rasch wieder zu schlichten; neulich habe ich mich dazu aufgerafft, den kleineren einfach vor die Thür zu setzen, und finde das Mittel eigentlich ganz probat. Aber ich will versuchen, hier auszuhalten; man muß streben, solche arme, schlechterzogene Kinder zu bessern. Meinst Du nicht auch, meine süße Grete? Ich möchte doch nicht schon wieder fort.

Gestern traf ich zufällig auf Mr. Hall, als ich zu Frl. Meyer ging, und er begleitete mich ganz bis an das Haus. Weißt Du Grete, er ist wirklich sehr nett, garnicht wie die Brasilianer, fast wie ein Deutscher; er hat so aufrichtige große blaue Augen und sieht so männlich aus. Er fragte mich, ob ich nicht Sonntags in die englische Kirche ginge; eine deutsche ist hier nämlich nicht. Ich bin zwar bis jetzt noch nicht hingegangen, aber es ist wirklich wahr, ich sollte es thun; es ist recht unrecht, daß ich bis jetzt nicht dagewesen bin. Nächsten Sonntag muß ich bestimmt hingehen. Es küßt Dich tausendmal

Deine Ulla.

P. S. Anliegend schicke ich Dir zwei Verdeutschungen eines brasilianischen Gedichtes von Goçalves Dias (in Europa gedichtet), das wohl so eine Art von Anspruch auf Volkstümlichkeit hat, wenn man in diesem Lande, wo es eigentlich gar kein Volk giebt, und wo ich niemanden finde, der mir den Text der Nationalhymne sagt, von so etwas sprechen kann. Die eine ist von Herrn Schaumann und fast wörtlich übersetzt, die andre, freiere, von unserm verehrten Dranmor; Du wirst da den Dichter sofort erkennen. Ich schicke die wortgetreuere Übersetzung voraus.

Lied des Verbannten.
Meine Heimat, die hat Palmen,
Und dort singt der sabia,
Anders zwitschern hier die Vögel,
Anders zwitschern sie da.
Unser Himmel hat mehr Sterne
Und mehr Leben unsre Wälder
Und mehr Liebe unser Leben
Und mehr Blumen unsre Felder.
Dort des Abends, wenn alleine,
Wie viel süßer träumt’ ich da!
Ach, mein Heimatland hat Palmen,
Und dort singt der sabia.
Volles Glück beut meine Heimat,
Wie ich hier noch keines sah,
Und des Abends, wenn alleine —
Wie viel süßer träumt’ ich da!
Ja, mein Heimatland hat Palmen,
Und dort singt der sabia.
Wolle Gott nicht, daß ich stürbe,
Ohn’ daß ich es wiedersah,
Ferne von dem Glück der Heimat,
(Ach, ich finde es nur da!)
Ferne von der Heimat Palmen
Und dem Lied des sabia.

Und nun die Übertragung des Poeten:

Lied aus der Verbannung.
Palmen schmücken meine Heimat,
Und so traulich ist es da,
Wo von grünen Blätterkronen
Uns begrüßt der Sabia.
Zeigt mir holden Waldesschatten,
Fluren, die den unsern gleich,
Sterne, wie sie niederleuchten
Auf der Liebe Zauberreich.
In den trüben Winternächten
O, wie gramvoll denk’ ich da
An das Land der Palmenhaine
Und des Sängers Sabia.
Denn es stralt in Schönheitsfülle,
Wie ich sonst sie nirgends sah,
Und in allen Traumgebilden
Ist es meiner Sehnsucht nah
Mit dem Flüstern seiner Palmen,
Mit dem Gruß des Sabia.
Laß, o Gott, erst dann mich sterben,
Wenn mein Land ich wiedersah,
Und die Heimat mich beglückte,
Wie es hier noch nie geschah,
Wie die Palmen es verkünden
Und der Ruf des Sabia.