Als der zur Abreise bestimmte Tag herangekommen war, holte mich mein neuer Lehrer selbst ab; ich folgte ihm willig und gern und verließ das väterliche Haus, in dem ich doch so manche Kinderfreuden genossen, ohne großes Leidwesen, denn Homburg hatte einen Magnet, dessen Anziehungskraft mich alles andere vergessen machte. Pfarrer Breidenstein war ein noch ganz junger und lebhafter Mann, der, noch unverheiratet, bei einem alten Schullehrer wohnte, dessen Frau die Wartung der Zöglinge übernehmen sollte. Als ich zu ihm kam, war ich der erste, der bei ihm wohnte, die übrigen, sieben bis acht an der Zahl, waren Kinder aus Homburger Familien, die nur am Tage teil an dem Unterricht nahmen.
Außer meinem Oheim Scholze, den ich noch den Abend nach meiner Ankunft besuchte, hatte ich noch einen Großoheim zu Homburg, der lutherischer Oberpfarrer daselbst war. Meine Eltern hatten lange geschwankt, ob sie mich nicht diesem braven Mann anvertrauen sollten, doch war man in der Familie dagegen, indem man denselben als zu ernst und zu streng für die Erziehung eines so lebhaften Knaben wie ich schilderte, und entschied sich für Breidenstein, obgleich derselbe der reformierten Religion zugetan, während unsere ganze Familie lutherisch war, weshalb manche unserer Basen einen Anstand nahmen und dies für eine gottlose und sündhafte Handlung hielten. Die beiden Konfessionen standen sich damals, besonders in Frankfurt, noch fast feindlich gegenüber. Ein Reformierter konnte ebenso wenig wie ein Katholik oder ein Jude in den Senat gelangen oder ein Amt zu Frankfurt bekleiden, und die Reformierten mußten in dem hessischen Ort Bockenheim ihren Gottesdienst halten. Später erlaubte man ihnen Bethäuser, aber ohne Türme, in Frankfurt. Bei diesem Lehrer nun hatte ich mich fast unbegrenzter Freiheit zu erfreuen und war außerhalb der Unterrichtsstunden so ziemlich ohne alle Aufsicht, denn des Schulmeisters Frau, die eine solche über mich üben sollte, achtete ich nicht, und sie traute sich auch nicht, mir etwas zu wehren. Ich benutzte nun diese Freiheit in vollem Maß und zum großen Verdruß meines Oheims, des Oberpfarrers, dem ich auf allen seinen Wegen begegnete, der sich aber jedes Verweises enthielt, damit es nicht scheinen möge, als fände er sich zurückgesetzt, daß man mich lieber einem Fremden als ihm anvertraut habe. Obgleich Breidenstein ein Lebemann war, so hoffte man doch, er würde meine überschäumende Lebhaftigkeit und frühzeitige Entwicklung wohl zu zügeln wissen; dies war aber nicht der Fall, und ich lernte bei ihm, was ich eben lernen wollte. Wie wir gesehen, hatten sich bei mir allerlei Eigenschaften und Talenten besonderer Art weit früher entwickelt, als dies bei anderen Menschenkindern gewöhnlich der Fall ist, und so traten denn auch die sogenannten Flegeljahre viel früher als bei anderen Jungen bei mir ein.
Es war im Frühjahr, als meine Versetzung nach Homburg stattfand, die Wiesen prangten mit den buntesten Blumenteppichen, auf den Feldern schossen alle Pflanzen auf das üppigste empor, Bäume und Wälder waren mit dem frischesten Grün bedeckt, und mir war es vergönnt, jeden Abend an Jettchens Hand durch Fluren, Auen und Wälder zu wandeln. Das Scholzesche Haus war meine zweite Heimat, ja ich war fast mehr in diesem als bei Breidenstein. Jeden Abend aß ich da zu Nacht, und an Sonn- und Feiertagen war ich ohnehin ein für allemal auf den ganzen Tag geladen.
Die französische Gouvernante hatte fast zu gleicher Zeit mit ihrer Herrin das Haus verlassen müssen, man hatte sie im Verdacht des Einverständnisses mit den Intrigen ihrer Gebieterin. Eine gewisse Frau Bönig hatte ihre Stelle vertreten und stand der Erziehung der vier Mädchen vor; sie war schon in etwas gesetzteren Jahren, mehrere dreißig, und hatte sich bei Herrn Scholze fest einzunisten gewußt, wurde aber von den Kindern und dem Gesinde nicht mit Unrecht gehaßt.
Bald hatte ich alle Schönheiten, es hat deren wirklich nicht gewöhnliche, und Merkwürdigkeiten Homburgs kennen gelernt, denn ich hatte ja einen gar lieben Führer. Die Lage dieser Stadt ist in der Tat wunderlieblich, und mit vollem Recht sagt der Dichter:
Wie lächelt mir so freundlich und so mild,
Wenn ich hinunter in den Osten sehe,
Mit weißem Turm und lieblichem Gefild
Das Badeörtchen Homburg vor der Höhe.[6]
Die Stadt, die damals ungefähr dreitausend Einwohner zählte, liegt am Fuß des Taunus, drei kleine Stunden von Frankfurt, und ist die Residenz des Landgrafen von Homburg, der hier ein geräumiges Schloß hat. Die Einwohner waren gewerbsame, fleißige, brave und sehr genügsame Leute, die bei aller Dürftigkeit doch eine glückliche Zufriedenheit besaßen und ihrem Landesfürsten, dem damaligen Landgrafen Friedrich V., einem Ehrenmann im vollen Sinne des Worts und trefflichem Fürsten, mit unbegrenzter Liebe und Hochachtung ergeben waren. Die Umgebungen Homburgs sind pittoresk und reizend, namentlich die herrlichen Waldpartien. Der Schloßgarten, halb im altfranzösischen, halb im englischen Geschmack angelegt, die Anlagen jenseits des großen Teiches in demselben, der große und kleine Tannenwald, die hohe Pappelallee, die zu beiden führt, und so weiter bieten die herrlichsten Spaziergänge ganz in der Nähe. Namentlich war der kaum eine Viertelstunde von der Stadt entfernte kleine Tannenwald, ein Park mit mannigfaltigen Anlagen, ein reizender Aufenthalt, in dem sich äußerst geschmackvolle Anlagen mit japanesischen Häusern, Grotten, dunklen Bogengängen und so weiter befanden, nebst einem großen Teich, in dessen Mitte eine kleine Roseninsel lag, aus deren Gebüsch eine Tempelkolonnade malerisch hervorragte. Diese stille, von der ganzen übrigen Welt abgeschieden scheinende Insel machte, als ich sie zum erstenmal betrat, einen unbeschreiblichen Eindruck auf mein junges, wenn auch nicht mehr sehr unschuldiges Gemüt; eine Brücke führte auf dieselbe zu der von einer Kolonnade umgebenen Rotunde; es war schon in der Abenddämmerung, als ich an Jettchens Hand diesen Ort betrat. Die tiefe feierliche Stille, die hier herrschte, nur von dem Gezwitscher einiger Vögel unterbrochen, erfüllte mich mit einem namenlosen, fast heiligen Schauer, noch nie gehabte Empfindungen bemächtigten sich meines sonst eben nicht zur Schwärmerei geneigten Gemütes, und ich glaubte mich in eines jener Feengefilde versetzt, die man mir in lieblichen Märchen so oft geschildert hatte. Lange hielt ich fast atemlos meine liebliche Führerin umschlungen, und nur die sich durch Geschrei verkündende Ankunft ihrer Schwestern weckte uns aus dem seligen Vergessen unserer selbst. Indessen sollten diese Insel und der kleine Tannenwald mit seinen Grotten, Lauben und so weiter noch gar manchmal Zeugen unserer eben nicht mehr ganz kindischen Liebe sein.
Friedrich V., der an der Regierung war, als ich in die Pension nach Homburg kam, war, wie ich schon erwähnt, von seinen Untertanen angebetet und wie ein Vater geliebt, es war ein wahrhaft patriarchalisches Verhältnis zwischen ihm und seinem Volke, und er förderte, so sehr es nur immer die Umstände gestatteten, das Wohl seines Landes. Achtzehn Jahre alt, hatte er die Regierung angetreten und im einundzwanzigsten sich mit einer Tochter Ludwigs IX., Landgrafen von Hessen-Darmstadt, vermählt, einer liebenswürdigen und sehr geistreichen, aber stolzen Prinzessin, die jedoch ihre großen Schwächen hatte und den kleinen Hof auf einen sehr großen Fuß eingerichtet haben wollte. Da gab es alle möglichen Hofchargen, ein Geheimer Rat von Saint-Clair war dirigierender Minister, da gab es einen Oberhofmarschall von Kickebusch, einen Oberstallmeister von Reizenstein, einen Oberforstmeister von Brandenstein; ein französischer Abbé, Herr de Roque, war Oberhofmeister der Prinzen, ein paar alte Hofdamen, von denen die eine schief, die andere buckelig, von Donop und von Ziegler, waren die Schönheiten am Hof. Ein Hauptmann von B... war so eine Art von Oberküchenmeister und zugleich Generalissimus der Homburger Armee, die aus ungefähr siebzig Invaliden bestand, von denen der jüngste hoch in den Fünfzigern war und die der Hoffurier kommandierte und exerzierte, fast alle waren mit Brüchen oder anderen Leibschäden behaftet, zwanzig davon trugen Bärenmützen und stellten Grenadiere vor, die anderen fünfzig waren Musketiere, sie trugen noch eine Uniform wie zur Zeit des siebenjährigen Kriegs. Alle die Regierungs- und Hofchargen wohnten weit ärmlicher als ein Frankfurter Handwerksmann und waren noch viel schlechter bezahlt als der Kommis eines gewöhnlichen Kaufmanns; aber alle diese Chargen sowie die Geistlichen hatten die Ehre, häufig und besonders Sonntags zur landgräflichen Tafel gezogen zu werden.
Da ich alles schnell auffaßte und begriff, ja fast leidenschaftlich betrieb, nur zum Zeichnen fehlte es mir an der nötigen Geduld, so ließ mir Breidenstein weit mehr Freiheit als den übrigen Zöglingen.
Fast alle meine Mußestunden, und ich hatte deren ziemlich viele, brachte ich bei Scholzens zu, die zu jener Zeit auch die einzigen waren, die in Homburg ein Haus machten, und obgleich es nach der Scheidung meiner Tante und unter der repräsentierenden Frau Bönig bei weitem nicht mehr den früheren Glanz hatte, so fanden sich doch alle Honoratioren durch eine Einladung in dasselbe geehrt und freuten sich auf die Leckerbissen, die da gespendet wurden und eine Abwechslung in ihre gewöhnlich sehr magere Hausmannskost brachten.
Leider gab es in dem Scholzeschen Hause einen komisch-unangenehmen Auftritt, in den ich mit verwickelt oder vielmehr zu dem ich die mittelbare Veranlassung war. Seit kurzem hatte sich unser Institut durch zwei junge Engländer, Atkinson und Edwards, vermehrt, von denen der erste siebzehn und der andere achtzehn Jahre alt war; sie sollten die deutsche Sprache erlernen. Diese beiden jungen Leute hatten sich in zwei von meinen Cousinen verliebt, die sie aber nur selten sahen und noch weniger sprechen konnten, da diese kein Englisch und jene noch zu wenig Deutsch verstanden, einstweilen aber suchten sie sich durch allerlei Geschenke bei den Mädchen zu insinuieren und erzeigten mir die Ehre, mich zum Überbringer derselben und so zu ihrem Postillon d’amour zu machen. Die beiden jungen Leute waren immer reichlich mit Taschengeldern versehen, und bald waren es seidene Strümpfe mit roten Zwickeln, die sie dutzendweise kauften, ostindische Foulards, Spitzen, kostbare Bänder und dergleichen, welche ich den Mädchen in ihrem Namen brachte, wozu ich mich in aller Unschuld um so lieber hergab, da diese Engländer auch gegen mich sehr freigebig waren und mir namentlich auf den Homburger Jahrmärkten alle möglichen Spielereien kauften. Ich teilte nun diese Sachen nach Gutdünken heimlich an meine vier Cousinen aus, wobei ich natürlich Jettchen immer am besten bedachte. Die jungen Gänschen nahmen alles, jedoch mit Zittern und Zagen an, denn sie fürchteten, daß Madame Bönig oder ihr Vater dahinter kommen könnten, und versteckten die Geschenke, die manchmal auch mit kleinen englischen Gedichten und Briefchen mit Goldschnitt begleitet waren, in die Strohsäcke ihrer Betten, wo sie sie am sichersten vor den Argusaugen der Gouvernante verwahrt glaubten, denn ihre Kommoden und Schränke wurden von Zeit zu Zeit von derselben inspiziert und visitiert. Schon waren sie im Besitz einer ziemlichen Quantität solcher Schätze, als Frau Bönig eines Tages zufällig beim Bettmachen ein Paar Handschuhe aus einem Strohsack fallen sah, die das Bettmädchen, die in dem Geheimnis war und so wie alles Gesinde die despotische Gouvernante verabscheute, schnell wieder hineinstopfen wollte; aber zu spät, die Dame fiel über den Strohsack her und fand den ganzen darin verborgenen Plunder. Zornentglüht rief sie nun Vater Scholze, welcher sich nicht weniger über den unvermuteten Fund wunderte; man untersuchte nun auch die drei andern Strohsäcke und fand sie mit gleicher Ware angefüllt. Auf der Stelle ward ein peinliches Verhör und strenge Untersuchung angestellt, die erschrockenen Mädchen bekannten und gestanden, daß ich der Überbringer dieser Dinge gewesen. Man ließ mich sogleich holen, und als ich in das Schlafzimmer meiner Cousinen trat und die schönen Sachen, wie in einem Laden, alle auf den Betten ausgebreitet sah, erschrak ich nicht wenig und erblaßte. Frau Bönig schnauzte mich an, mein Oheim zankte, und ich begriff wohl, daß hier kein Leugnen mehr helfen würde, und sagte ebenfalls mein pater peccavi. Man packte nun alle diese schönen Dinge zusammen, es gab einen ziemlich dicken Pack, und schickte sie durch einen Bedienten mit mir zu Breidenstein, wo mich ein neues Donnerwetter erwartete und mir verkündet wurde, daß, wenn ich mich noch einmal unterfinge, der Überbringer solcher Geschenke zu sein, ich das Haus meines Oheims nicht wieder betreten dürfe.
Mein Verhältnis mit Cousine Henriette fing seit einiger Zeit an, in gewisser Hinsicht ernstlicher, wenigstens unserem Aussehen nachteiliger zu werden; wir waren beide um ein paar Jahre älter geworden, und eine auffallende Blässe, hohle Augen, blaue Ringe um dieselben verrieten, daß mir wenigstens etwas fehlen müsse. Hofrat M... behauptete, ich habe Würmer, und verschrieb mir Wurmkuchen aus seiner Apotheke, denn er war Doktor und Apotheker in einer Person; ich nahm sie jedoch nicht, sondern fütterte seine Hühner und Gänse damit. Da nun seine Wurmkuchen nicht halfen und nicht helfen konnten, so sagte er zu Breidenstein, es sei nicht anders möglich, als ich müsse der Onanie ergeben sein, und empfahl diesem, zu suchen, doch ja hinter die Sache zu kommen. Mit einem Sohn des Schullehrers Köhnlein, der noch fort das Institut besuchte, stand ich auf einem intimeren Fuß als mit den anderen Zöglingen. Dieser Junge, der sich Konrad nannte, war so halb und halb in mein Verhältnis mit Henrietten eingeweiht und wußte, daß ich bei den Spielen im Schloßgarten mich häufig mit dem Mädchen in eine dunkle Laube versteckte, in der er uns einmal zufällig überraschte, als wir uns gerade recht innig küßten. Hierdurch sah ich mich genötigt, uns zu entschuldigen, ihn bis zu einem gewissen Punkt in unsere Verhältnisse einzuweihen, und empfahl ihm dabei die größte Verschwiegenheit. Als nun Breidenstein in der Absicht, durch die übrigen Kinder irgend etwas zu entdecken, was M...s Vermutung zur Gewißheit machen könnte, diese ausforschte, so teilte der junge Köhnlein seinem schon erwachsenen Halbbruder Georg, der unser Schreiblehrer war, mit, was er gesehen, und zwar mehr, als er wußte, denn er machte zur Gewißheit, was er nur vermuten konnte. Kaum hatte Breidenstein diese saubere Entdeckung gemacht, so eilte er zu meinem Oheim, diesen von allem zu unterrichtet. Das war nun Wasser auf die Mühle der Madame Bönig, mit der ich ein paar Tage zuvor einen Strauß wegen Henrietten gehabt. Henriette wurde sogleich vorgenommen, leugnete jedoch anfänglich hartnäckig, gestand aber, als man ihr sehr zusetzte, endlich einen kleinen Teil der Wahrheit ein, womit man sich begnügte und für gut fand, nicht weiter zu forschen, um uns nicht auf Dinge aufmerksam zu machen, von denen man hoffte, daß wir noch keine Kenntnis hätten. Ich aber leugnete standhaft alles, und Breidenstein fand für gut, nicht weiter in mich zu dringen; die Sache hatte indessen zur Folge, daß mir der Besuch des Scholzeschen Hauses bis auf weiteres verboten wurde. Unterdessen ward Breidenstein glücklicherweise der Aufenthalt in dem M...schen Hause bald ebenso sehr wie mir zuwider; als eines Tages der ziemlich beleibte Hofrat gerade vor seiner Haustür auf den Allerwertesten, es war Glatteis, am hellen Mittag hingefallen war und ich sowie die anderen Kinder, selbst seine eigenen, aus voller Kehle lachten, als es dem guten Mann, der wie gewöhnlich zuviel geladen hatte, trotz aller Anstrengung nicht möglich war, wieder auf die Beine zu kommen, bis ihm sein Provisor aus der Apotheke zu Hilfe sprang, geriet er darob in einen gewaltigen Zorn, und da er es nun einmal auf mich gepackt hatte, verlangte er von Breidenstein, daß er mich, weil ich ihn ausgelacht, in seiner Gegenwart tüchtig mit einem Farrenschwanz, den er selbst gebracht, abstrafen solle, was aber Breidenstein verweigerte; und nach einem kleinen Wortwechsel kam es zu einer Aufkündigung der Wohnung, worüber ich seelenvergnügt war. Dennoch ließ M... seine Knaben Breidensteins Institut fortbesuchen. Wir bezogen nun ein ganzes Haus am Ende der Neugasse, wobei sich ein hübscher Garten und gegenüber ein großes herrschaftliches Baumstück mit einer geräumigen Scheune befand, wo wir bei gutem und schlechtem Wetter den Tummelplatz unserer Spiele aufschlugen.
Breidensteins Institut war in Homburg berühmt und gefürchtet, denn die Zöglinge desselben verübten alle möglichen Teufelsstreiche, aber ein paar derselben übertrafen alle anderen und verdienen wohl, erzählt zu werden. Eines Tages kam das ganze Institut von einem Spaziergang, von seinem Oberhirten geführt, zurück und begegnete ganz in der Nähe des landgräflichen Schloßgartens einer ebenfalls heimkehrenden Herde zahmer Schweine, die auch ihren Hirten an der Spitze oder vielmehr an der Queue hatten. Kaum hatten die beiden uns schon bekannten Engländer Satans dereinstige Hüllen erblickt, als sie mit einem lauten Hallo und Hussa das ganze Institut in Alarm brachten und zu einer wilden Jagd auf die zahmen Schweine anfeuerten, wozu es eben keiner großen Aufmunterung bedurfte; in weniger als zwei Minuten waren die zweibeinigen Tiere sämtlich hinter den vierbeinigen drein, die auf nichts mehr, selbst auf das Gebell des Schweinshirten-Adjutanten, eines gewaltigen Bullenbeißers, nicht mehr achteten, sondern pêle-mêle mit den geängstigten Sauen durch das offene Tor des Schloßgartens stürmten, welches die daselbst postierte Schildwache zwar verhüten und das Eindringen des wilden Haufens verweigern wollte, dabei aber so unglücklich war, von einem der größten und fettesten Schweine umgerannt zu werden, so daß das ganze wilde Heer über des Unglücklichen Körper wegsetzte, der indessen mit dem bloßen Schreck davonkam, da sämtliche Jäger zu Fuß und von leichtem Gewicht waren, er also nicht zu befürchten hatte, von Rosseshufen zerstampft zu werden. Die Jagd hatte sich unterdessen im ganzen Schloßgarten verbreitet, die schrecklichsten Verwüstungen angerichtet und einen Lärm gleich dem wilden Heer im Freischütz gemacht; der Kommandant der Schloßwache sandte nun auf Ersuchen des Hoffuriers zwei Mann starke Patrouillen nach allen Richtungen, um die Urheber des Skandals zu fahnden. Man war auch so glücklich, einen der beiden Engländer und noch ein paar andere der ungezogenen Zöglinge zu fangen und brachte sie in die Schloßwache, wo man sie à vue bewachte. Auf des Hofmarschalls Befehl mußte der Hofgärtner sogleich einen Bericht über den Schaden aufsetzen, welchen diese extemporierte Schweinsjagd in dem herrschaftlichen Garten verursacht hatte. Aus diesem ersah man erst, welche ungeheuren Verwüstungen dies Treibjagen angerichtet hatte. Da war keine Rabatte, keine Hecke, kein Gebüsch, kaum ein Baum, der nicht beschädigt worden wäre, alle Blumen waren zerknickt, alle Blumentöpfe umgeworfen und zerbrochen, ja sogar durch das Treibhaus und die Orangerie war das wilde Heer gezogen und hatte da die schrecklichsten Spuren seiner Zerstörungswut hinterlassen. Die meisten Fenster waren zertrümmert, die Kübel umgeworfen, und Pisangbaum, Zuckerrohr, Kaffeebaum und so weiter waren gleich Strohhalmen zerknickt, und alle Ananas hatten entweder die Schweine oder die Zöglinge gefressen. Der Verlust war unersetzlich und in Jahren nicht wieder gut zu machen. Es war demnach kein Wunder, daß das Hofmarschallamt die Sache streng untersucht und bestraft wissen wollte und die eingefangenen Arrestanten nicht nur auszuliefern sich weigerte, wie Breidenstein verlangte, sondern auch noch den anderen Engländer und einige der anderen Zöglinge, unter denen auch ich war, auf die Wache zu setzen begehrte. Man mußte ihm willfahren. Wir waren nun sieben, welche die Schloßwache in Verwahrung hatte, und sannen darauf, wie wir durch List unsere Selbstbefreiung erwirken könnten. Wir konversierten dieserhalb in französischer Sprache, von der unsere Wächter kein Wörtchen verstanden, sondern sie hielten es für Latein und uns für sehr gelehrt. Bald waren wir einverstanden, daß wir die ganze Wache betrunken machen müßten. Die Engländer ließen, als es Abend wurde, durch den Tambour ein paar Dutzend Flaschen Wein und mehrere Krüge Branntwein holen und luden die Soldaten zum Mittrinken ein, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, sondern so fleißig zusprachen, daß sie bald alle samt dem Korporal-Wachtkommandanten nicht mehr gerade auf den Füßen stehen konnten und, als es Nacht wurde und die drei Schloßschildwachen abgelöst werden sollten, der Gefreite mit seinen drei Mann kaum mehr die Posten zu erreichen vermochte. Bald lag das ganze Wachtpersonal samt seinem Kommandanten in Morpheus Armen auf den Pritschen, ein greuliches Schnarchkonzert aufführend. Wir hätten uns jetzt ganz gemächlich und unbemerkt entfernen können, aber sich so ruhig auf echt spießbürgerliche Philisterart und ohne allen Spuk davonzuschleichen, wie die Mehrzahl von uns Lust hatte, das paßte weder in meinen noch in der Engländer Kram, sondern wir wünschten die ganze Begebenheit durch einen recht eklatanten Geniestreich zu krönen. Um uns zu überzeugen, ob auch alle gehörig schliefen, zerschlugen wir zuerst mehrere Flaschen und Krüge mit großem Getöse, aber es rührte sich auch nicht eine Seele von den Eingeschlafenen. Wir verließen nun in aller Stille die Wachtstube, fanden, wie wir erwartet hatten, die Schildwache am Schloßtor fest in ihrem Schilderhaus schlafend, und legten dies ganz sachte samt seinem Inhalte um. Mit der zweiten Schildwache, die an dem Tor postiert war, das zu dem Teil des Schlosses führte, den das fürstliche Ehepaar bewohnte, machten wir es ebenso; aber bei der dritten, die an dem Gartentor stand, das in die Neugasse führte, waren wir damit nicht zufrieden, denn dieser Soldat hatte uns bei der Verhaftung am meisten mitgespielt und verdiente deshalb auch eine besondere Gratifikation. Nachdem wir ihn samt dem Schilderhaus ebenfalls recht sanft umgelegt hatten, trugen wir beide nicht ohne gewaltige Kraftanstrengung an den großen Teich und stellten das Häuschen einige Schritte weit in demselben wieder aufrecht, so daß die Fluten des Wassers dem unverdrossenen Schläfer die Waden umspülten. Nach diesem glücklich vollbrachten Streifzug kehrten wir mit schlammigen Füßen, wie Brunnenfeger aussehend, noch einmal in die Wachtstube zurück, schnitten der ganzen Garde in Ermangelung eines anderen Instruments mit dem ziemlich stumpfen Säbel des Korporals sämtliche Zöpfe ab, wobei wir die Köpfe allerlei komische Bewegungen machen lassen mußten, die aber nichtsdestoweniger die Augen festgeschlossen behielten, und verließen sodann unsere bisherige Residenz, die erbeuteten Trophäen mitnehmend, kletterten über das Hoftor in die Wohnung unseres Instituts, wo man uns den kommenden Morgen, als die Sonne schon hoch am Horizont stand, noch in den Federn fand. Aus der über diesen die ganze Stadt in Aufruhr bringenden Vorfall angestellten Untersuchung ging hervor, daß gegen Morgen einer nach dem anderen der berauschten Krieger aus dem Schlummer erwachte, und als sie mit großem Erstaunen unser Verschwinden gewahrten, sich gegenseitig perplex anstierten. Der Gefreite hörte zu seinem Schrecken drei Uhr nach Mitternacht schlagen, hatte also die Schildwachen nicht zur rechten Zeit abgelöst, die schon mehrere Stunden über ihre bestimmte Zeit gestanden, sie wurden nur alle vier Stunden sowie die ganze Wache nur alle drei Tage abgelöst, und eilte, die Mannschaft, an der jetzt die Reihe zum Ablösen war, völlig wach zu rütteln. Aber welche Feder vermöchte es, die Perplexität dieser Helden zu beschreiben, als sie inne wurden, daß sie ihrer größten Zierden, ihrer ellenlangen Zöpfe beraubt waren! Alle brachen in ein lautes Heulen und Wehklagen aus, das sich in eine stumme Verzweiflung auflöste, wobei sie sich mit den geballten Fäusten so gewaltig auf die Stirne schlugen, daß es furchtbar hohl widerhallte, und dabei stießen sie die gräßlichsten Flüche aus. Um acht Uhr kamen der Hofmarschall von Kickebusch mit dem Generalissimus des Homburger Heeres, Hauptmann von B..., auf die Wachtstube und konnten kaum durch das sie umgebende Volk dringen, das die stupende und mit hundert Varianten vermehrte Nachricht von dem Spuk der verwichenen Nacht schon herbeigeführt hatte, um sich von dem Vorgefallenen zu überzeugen. Aber erst nach einer mehrwöchigen Untersuchung stellte sich der Zusammenhang der ganzen Spukgeschichte klar heraus. Man fand die Sache indessen auch höchsten Ortes, wo man sehr aufgeklärt dachte, so belustigend, daß trotz dem Antrag des Generalissimus, der das ganze Institut samt dem Lehrer auf wenigstens drei Monate bei Wasser und Brot in den Turm des alten Rathauses gesetzt wissen wollte, man sämtliche Übeltäter großmütig pardonierte. Nur die beiden reichen Britensöhne wurden verurteilt, die Kosten des im Garten verursachten Schadens zu tragen und mußten für die zopflosen Soldaten englische Patentzöpfe kommen lassen, welche diese so lange hinter den Ohren befestigen sollten, bis die wirklichen wieder gewachsen seien, dies war so ziemlich auf Lebenszeit.
Noch immer aus dem Scholzeschen Haus verbannt, war es mir nicht möglich, lange ohne Mädchenbekanntschaften zu bleiben. In unserer neuen Wohnung war eine ziemlich bejahrte Köchin Breidensteins, welche die Haushaltung führte, das einzige weibliche Wesen, dagegen befanden sich in der Nachbarschaft einige allerliebste Kinder, unter denen ein Julchen Zimmer, die Tochter eines ganz in der Nähe wohnenden Müllers, ein Lisettchen Kräh und ein Kätchen Burkhard, die schon fünfzehnjährige Tochter eines Beamten, zugleich meine Aufmerksamkeit fesselten und mich mein schönes Cousinchen bald, wenn auch nicht ganz vergessen, doch weniger vermissen ließen. Alle drei waren mir gleich teuer, mit Julchen phantasierte ich auf den Wiesen und an der Kunzbach hinter der Untermühle, mit Kätchen warf ich mich im Heu in der Herrnscheune herum, und mit Lisettchen schaukelte ich beim Mondschein auf dem nahen Zimmerplatz.
Unterdessen machte Breidenstein öfters ziemlich große Touren mit seinen Zöglingen in die umliegende Gegend und das Taunusgebirge zu Fuß und mit dem nötigen Gepäck auf dem Rücken, was nicht nur eine sehr gesunde Motion für uns Knaben war, sondern auch unsere Körper gegen Hitze und Frost, Wetter und Wind, Hunger und Durst, Nässe und Kälte außerordentlich abhärtete und für die Eindrücke der wechselnden Witterung unempfindlich machte, da kein Wetter von diesen Partien abhielt. So besuchten wir nacheinander Friedberg, Nauheim, Hanau, Wilhelmsbad, Kroneburg, Königstein, Falkenstein, Selters, Eppstein, Usingen, Wertheim, die Goldgrube und andere im Taunus liegende Ortschaften, wobei es dann fast nie ohne allerlei oft sehr komische Abenteuer abging.
Eine äußerst interessante und angenehme Fußreise war die Tour nach dem durch sein mit Recht weltberühmtes herrliches Sauerwasser bekannten Niederselters, dessen Brunnen man schon im neunten Jahrhundert kannte und von dem man jetzt den Krug zu Paris mit drei Franken, in London mit sechs Schillingen und in Ostindien mit einer Guinee bezahlt, ungefähr soviel, als er nach dem dreißigjährigen Kriege, während welchem er verschüttet war, Pachtzins abwarf. Jetzt trägt dieser Brunnen dem Herzog von Nassau jährlich über hunderttausend Gulden ein. Er entquillt in einer wild-romantischen Gegend.
Mit großem Vergnügen sahen wir den schmucken, flinken Fülldirnen zu, die viele tausend Krüge in einer Stunde unter beständigen possierlichen Bücklingen füllen. Die Krüge tauchen sie auf ein Tempo, wie auf ein militärisches Kommando, zugleich ein, und zwar eine jede zehn Krüge zumal; sind sie ermüdet, so werden sie durch andere Füllmädchen abgelöst und verpichen nun die Krüge. Es sind gewisse Stunden bestimmt, an denen es jedermann erlaubt ist, Wasser zu holen und so viel zu nehmen, als einer tragen kann, aber mit Eseln, Pferden oder gar Fuhren darf niemand kommen. Von Homburg sind es sieben gute Stunden nach Niederselters, ein sehr angenehmer Weg. Der Ort an und für sich ist unbedeutend und hat außer dem Brunnen, der nur von wenig Kurgästen besucht wird, keine besonderen Merkwürdigkeiten aufzuweisen. Das Wasser, an der Quelle getrunken, hat jedoch einen ganz anderen Geschmack und eine ganz andere Kraft, als in Krügen versendet.
Die Sommersonntage aber brachte ich gewöhnlich in Berkersheim zu, wohin ein sehr romantischer Weg über Niedereschbach und Harheim führte, wo ich meine Eltern und immer große Gesellschaft traf; das Weihnachtsfest und einen Teil der Messe verlebte ich jedoch in Frankfurt, was mir wegen des Theaterbesuchs besonders viel wert war.
In Homburg selbst gestaltete sich unterdessen das Leben etwas geselliger. Breidenstein im Verein mit mehreren anderen Honoratioren veranstaltete kleine Konzerte, die in dem Hause eines landgräflichen Dieners namens Zorbuch und später im Saal der herrschaftlichen Meierei, die ein Franzose namens Hanguard gepachtet hatte, gehalten wurden. Bei diesen Gelegenheiten war es, wo ich zum erstenmal wieder mit meinen Cousinen zusammentraf, aber anfänglich wagten wir nur, uns verstohlen einige Blicke zuzuwerfen, bis wir allmählich dreister wurden und uns die Tanztouren, denn nach diesen Konzerten wurden gewöhnlich noch ein paar Anglaisen, von den Engländern angeführt, getanzt, in nähere Berührung brachten, als einige Zeit darauf ein erfreuliches Ereignis die alte Vertraulichkeit wieder ganz herstellte.
Leider sollte es mit meinen Homburger Freuden jedoch bald zu Ende gehen, was ich mir selbst und hauptsächlich durch folgende Veranlassung zuzuschreiben hatte.
Der Konrektor der Homburger Schule namens Zink hatte ein klavierartiges Instrument, von dem Orgelbauer Bürgy daselbst erfunden, das in drei Klaviaturen bestand, eine ziemlich vollständige Harmonie von Blasinstrumenten bildete und ein angenehmes Flötenwerk hatte, an sich gebracht. Mit diesem war der Schulmonarch nach Wien auf Spekulation gereist, um es daselbst bewundern zu lassen und bestmöglich zu verkaufen. Bei dieser Gelegenheit war es ihm gelungen, eine Audienz bei der Kaiserin zu erhalten, welche das Instrument für eine namhafte Summe erstand. Als der Konrektor von seiner Reise nach Wien zurückkam, von wo er sogar eine Equipage mitbrachte, die er jedoch bald wieder veräußern mußte, da die Pferde nicht von Harmonien, und wären es auch himmlische gewesen, leben konnten, erzählte er, daß bei der Unterredung, die er mit Ihrer Majestät gehabt, allerhöchst derselben eine ganz gewöhnliche Stecknadel vom Busentuch gefallen sei, die er sogleich aufgehoben und sich die Gnade erbeten habe, zum ewigen Andenken an diese Stunde und diese Ehre das Kleinod behalten zu dürfen, was ihm auch holdseligst lächelnd und huldreichst auf der Stelle bewilligt worden sei. Der brave Mann hatte die Nadel in einer kleinen Schachtel, an ein Sammetband gesteckt, bestens aufbewahrt und zeigte nun die kaiserliche Reliquie allen Homburgern, die er besuchte, der Kaiserin Worte immer wiederholend. Zufällig befand ich mich gerade bei Silbereisens, als er auch diesen das kostbare Kleinod zeigte, das von Hand zu Hand ging, und während er mit dem gehörigen Pathos die Worte, welche er zu Ihrer Majestät gesprochen, zum drittenmal nachdrucksvoll wiederholte, hatte ich Silbereisens ältester Tochter, Riekchen, die Schachtel ab- und die kaiserliche Stecknadel herausgenommen, an deren Stelle jedoch eine ganz gemeine bürgerliche, die aber gerade so aussah, substituiert, ohne daß es jemand bemerkt hätte. Als der Konrektor weg war, machte auch ich mich mit meinem Raub davon und verehrte die Nadel noch denselben Abend Karolinen von Brandenstein, ihr meinen Diebstahl bekennend, während der Bestohlene fortwährend von Haus zu Haus mit der untergeschobenen Nadel wanderte und diese vorzeigte. Aber weder Karolinchen noch ich hielten reinen Mund, und während sie sich mit dem Besitz der Nadel brüstete, rühmte ich mich der Entwendung derselben. Die Sache kam bald zu des Konrektors Ohren, der nun im größten Zorn zu Brandensteins rannte und auf die Herausgabe der echt kaiserlichen Nadel drang. Karolinchen gab auf Befehl ihres Vaters zwar eine Stecknadel heraus, jedoch nicht die rechte, ließ sich aber bald darauf wieder merken, daß sie noch immer im Besitz der echten sei. Abermaliges Drängen des Konrektors, das echte Kleinod herauszugeben, worauf Karolinchen ganz naiv gestand, daß sie dies wenn auch sehr gerechte Begehren nicht zu erfüllen imstande wäre, indem die Nadel unter die anderen ihres Etuis geraten sei, worauf sie ihre ganze Nadelbüchse ausschüttete und dem Herrn Zink sagte, er möge sich die kaiserliche Nadel nun selbst heraussuchen. Dieser geriet in Zorn und rief aus: „Wie ist es möglich, so wenig Ambition zu haben und eine kaiserliche Stecknadel mit ganz gemeinen zu vermischen!“ – Was wollte aber der gute Mann machen, er konnte um so weniger die echte Nadel herausfinden, als diese gerade nicht unter den vorgeschütteten war. Auf mich aber, als den Urheber dieses Raubes, der ihm nach seiner Aussage für Millionen nicht feil gewesen, ging all sein Zorn über und sogar zum Teil auf meinen Lehrer, dem er vorwarf, einen wahren Teufelsbraten aus mir zu ziehen. –
Unterdessen hatte diese Begebenheit, wie noch so manche andere Dinge, meinen Großoheim Oberpfarrer doch endlich veranlaßt, meinen Eltern sehr ernstliche Vorstellungen wegen meiner Erziehung in Breidensteins Institut zu machen, wo ich durchaus nichts als Teufeleien lerne und unter gar keiner Aufsicht sei, und es wurde beschlossen, mich von da weg und zu einem Hofrat Scherer zu tun, der ein sehr besuchtes Institut zu Offenbach am Main hatte, wo ich, wenigstens während der Sommerszeit, unter elterlicher Aufsicht sei, da meine Eltern jetzt die Sommersaison in Offenbach zubrachten.
Der Abschied von Homburg tat mir in mehr als einer Hinsicht weh, ob ich gleich, außer einer fast ungezügelten Freiheit, in Breidensteins Haus gerade nicht wie der Vogel im Hanfsamen saß, da die Frau Hofpredigerin eine sehr strenge Ökonomie eingeführt, mich und andere auch im Sommer und Winter in Dachkammern logiert hatte, wo Wind, Regen und Schnee durch das Ziegeldach drang, im Winter über meiner Bettdecke oft eine andere von Schnee war und mir vor Frost und Kälte die Zähne klapperten. Da ich indessen schon früher im elterlichen Hause abgehärtet worden war, so schadete mir dies nichts und bereitete mich zu den Strapazen, Fatiguen und Entbehrungen vor, die mir später in reichem Maße werden sollten.
Bald nach meiner Abreise verließ auch mein Oheim Scholze Homburg, um sich mit seinen Kindern nach Bremen zu begeben. Die Ursache dieser beschleunigten Abreise war, daß sich Prinz G... sterblich in meine schöne Cousine Henriette verliebt hatte und ihr bei den Spielen im Schloßgarten und auch auf Spaziergängen hart zusetzte; das nun mehr als fünfzehnjährige Mädchen schien auch für die Aufmerksamkeit des Prinzen eben nicht unempfindlich, weshalb Herr Scholze für gut befand, schneller als er gewollt seinen Wohnsitz zu wechseln und seine Kinder in der alten Hansestadt in Sicherheit gegen die verschiedenen Angriffe zu bringen.
Vor ihrer Abreise sah ich meine Cousinen noch einmal in Frankfurt, wo sie Abschied von uns nahmen; zwei, Sophia und Johanna, sollte ich gar nicht mehr und Henriette und Mina, die letztere in dem beklagenswertesten Zustand, erst nach vielen Jahren wiedersehen.