Die Pfarrwohnung meines Oheims lag klösterlich abgeschieden im Hintergrund eines Hofes und hatte einen noch einsameren Garten, ganz geeignet, sich in aller Ruhe und Stille allerlei Meditationen hinzugeben. Die Fenster des mir angewiesenen Zimmers gingen in diesen Garten und gestatteten mir die Aussicht in einen anderen benachbarten, den des zweiten lutherischen Pfarrers, Herrn Schneider. Den Morgen nach meiner Ankunft packte ich die mitgenommenen Bücher aus, beinahe lauter Schauspiele, einige historische Werke und ein paar Romane. Gleich nach dem Frühstück kam mein Oheim, musterte meine kleine Bibliothek und rief aus: „Lauter Komödien und nicht eine Bibel, doch dafür werde ich sorgen!“ Nachdem er nach einigen Ermahnungen mein Zimmer verlassen hatte, kam seine alte Köchin und brachte mir Merians Bibel in Folio, ich durchblätterte die und vergnügte mich bei dem Anschauen der oft gar sonderbaren Bilder. Auf einmal hörte ich ein paar Mädchenstimmen unter meinen Fenstern kichern und lachen. Ich sprang auf und erblickte zwei schöne schlanke Gestalten in des Nachbars Garten zwischen Blumenbeeten lustwandeln. Die eine war Eleonore von Brandenstein, zur reizenden Jungfrau emporgewachsen, und die andere Hannchen Schneider, des Pfarrers niedliches Töchterchen, ungefähr von gleichem Alter. Hinter dem Traubenlaub, das meine Fenster fast ganz verbarg, beobachtete ich unbemerkt die beiden Mädchen, die sich dessen nicht vermuteten und sich mit aller Naivität gehen ließen, sich neckten und schäkerten und endlich zu meinem Bedauern den Garten verließen. Ich steckte nun den Don Carlos zu mir und machte eine Morgenpromenade in den Schloßgarten. Als ich an dem Haus vorüberkam, in welchem mein Oheim Scholze mit seinen Kindern gewohnt und in dem ich der Freuden so manche genossen, entfuhr mir ein unwillkürlicher Seufzer. Jetzt bewohnte Frau von Brandenstein, die unterdessen Witwe geworden war und ihre älteste Tochter, die schöne Karoline, ebenfalls durch den Tod verloren hatte, der die wunderliebliche Blume gerade zur Zeit gepflückt, als die Knospe dem Aufbrechen nahte, einen Teil desselben. Im Schloßgarten selbst erinnerte mich jedes Plätzchen, jede Laube, jeder Gang an Henrietten und die hier gehabten Freuden. Ich wollte die Rolle des Marquis von Posa studieren, die mir mehr als die des Don Carlos, welche ich schon kannte, zusagte, aber es war mir unmöglich, meine Gedanken genugsam zu sammeln, um auch nur ein paar Zeilen mit gehöriger Aufmerksamkeit durchgehen zu können. Ich saß auf einer Bank an einem Rasenplatz in der Nähe des Schloßflügels, den die Landgräfin bewohnte, und hatte wohl schon zum sechstenmal die Stelle durchgegangen, wo Posa die Königin Elisabeth im Garten zu Aranjuez spricht, als zwei Damen die Schloßterrasse herabstiegen, von denen die eine in ihrer ganzen Haltung etwas sehr Edles und Majestätisches verriet, während auf ihrem Antlitz die Lieblichkeit eines Engels thronte; es war die liebenswürdige Prinzessin Auguste; die andere, auch recht hübsch, war ein Hoffräulein. Beide kamen auf die Bank zu, auf welcher ich Platz genommen hatte, und als sie sich in meiner Nähe befanden, stand ich auf und grüßte ehrerbietig. Die Prinzessin erkannte mich und sagte:
„Ah, Herr Fröhlich, seit wann sind Sie wieder bei uns?“
„Seit gestern, Durchlaucht.“
„Werden Sie lange bleiben?“
„Das weiß ich selbst noch nicht, Prinzessin.“
„Sind Sie wieder bei B...?“
„Um Vergebung, nein, bei meinem Oheim, dem Oberpfarrer.“
„Da sind Sie gut aufgehoben. Was haben Sie da für ein Buch?“
„Es ist Don Carlos von Schiller, Durchlaucht.“
„Sie lieben Schiller?“
„Sehr, ich lerne die Rolle des Marquis von Posa auswendig.“
„Wozu?“
„Ich will mich dem Theater widmen.“
„Wie, Sie wollen doch nicht Schauspieler werden?“
„Doch, Durchlaucht.“
„Und Ihre Familie gibt es zu?“
„Sie wird am Ende wohl müssen.“
Die Prinzessin wünschte mir nun einen ziemlich frostigen guten Tag und ließ mich stehen, während Fräulein Amand, so hieß die Kammerdame, noch einen teilnehmenden Blick auf mich warf.
Am Hofe zu Homburg waren unterdessen manche Veränderungen vorgegangen, die Prinzen waren bis auf den jüngsten, Leopold, alle bei den Armeen, in denen sie dienten, die schöne Prinzessin Mariana war die Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Preußen geworden. Mehrere meiner älteren Bekannten hatte der Tod weggerafft, andere hatten Homburg verlassen. Ich stattete nun einige Besuche ab, namentlich bei meinem früheren Lehrer Breidenstein und bei der Frau von Brandenstein, und wurde in beiden Häusern recht freundlich aufgenommen.
Als ich gegen Mittag nach Hause kam, examinierte mich mein Oheim, wo ich gewesen, und da ich ihm sagte, daß ich mit der Prinzessin Auguste gesprochen, war auch er sehr freundlich. Den Inhalt des kurzen Gesprächs hatte ich ihm freilich nicht mitgeteilt. Er machte mich jetzt mit der Ordnung, die ich in seinem Haus einzuhalten habe, bekannt und namentlich, daß ich mich streng an die Stunden der Essenszeit, mittags zwölf Uhr und abends sieben Uhr, zu binden habe, sowie daß mir ein für allemal das Ausgehen nach dem Abendtisch untersagt sei, ich habe zu bedenken, daß ich in einem Pfarrhaus wohne. Dies letzte war mir der fatalste Kasus von allen. Er wies mir nun auch meine Beschäftigungen und Lehrstunden an und stellte mir dabei seine Bibliothek zur Disposition. Diese, welche gut assortiert war und namentlich auch fast alle klassischen Werke der französischen Literatur enthielt, benutzte ich fleißig, las viel von Voltaire, einiges von Rousseau, namentlich die Heloise des letzteren, aus der ich heimlich jenen berühmten Brief übersetzte, Lafontaines Fabeln, und vor allem Racines und Corneilles Tragödien sowie Molières Lustspiele. Aber, wer sollte es glauben, in dem Winkel eines Schrankes von Ebenholz fand ich sogar den Ritter Faublas und die Liaisons dangereuses, die ich verschlang, und diese im Verein mit Goethes Faust und Don Juan, den ich an einem alten Klavierkasten täglich sang und dessen Musik meinem Oheim, wenn er sie zufällig hörte, recht wohl gefiel, er kannte das Sujet nicht, machten mich zu einem wahren Virtuosen in der Kunst, Weiber und Mädchen zu verführen.
Frau von Brandenstein besuchte ich täglich, ihr und ihrer Tochter, mit der ich das alte freundschaftliche Verhältnis erneuert hatte, Schillers dramatische Werke vorlesend, die sie noch nicht kannten; bei diesen Vorlesungen fand sich dann auch Hannchen Schneider ein. Da jedoch am Tage diese Unterhaltungen oft unterbrochen wurden oder Zeit und Stunde sich nicht eigneten, so kam ich mit Frau von Brandenstein überein, daß sie künftig in den Abendstunden von acht bis zehn Uhr stattfinden sollten; da mir aber das Ausgehen zu dieser Zeit verboten, die Haustür ohnehin verschlossen war, so stieg ich nach acht Uhr zum Fenster hinaus, kletterte an den nicht sehr hohen Spalieren hinab in den Garten und gelangte dann durch des Pfarrer Schneiders Garten auf die Straße, ging auch auf diesem Wege wieder zurück, Hannchen in ihres Vaters Wohnung begleitend, wozu Eleonore eben nicht gut sah und uns einigemal ihren noch viel jüngeren Bruder Karl mitgab, der sich jedoch bald weigerte, ferner diese Aufpasserrolle zu übernehmen; ich machte dann mit dem hübschen Pfarrerstöchterchen große Umwege durch das Boskett des Schloßgartens, wo wir in einer Marmorgrotte nebst den Düften der Blumen den Hauch glühender Küsse einatmeten. Aber lange währte das süße Spiel nicht, meines Oheims alter Drache, die Köchin Justine, hatte meine nächtlichen Ausflüge durch das Fenster erspäht und ihrem Herrn verraten. Als ich mich eines Abends wieder auf diesem Wege in meine Schlafstube begeben wollte, fand ich die Fenster von innen nicht nur verriegelt, sondern mit Kordeln zugebunden und sogar versiegelt. Ebenso fest war die Tür verschlossen, die aus dem Garten in das Haus führte. Was blieb mir anderes übrig, wollte ich die Nacht nicht unter freiem Himmel biwakieren, als ein paar Scheiben einzudrücken und die Fenster sodann von innen zu öffnen, wobei natürlich auch das Siegel lädiert wurde; zum Glück war es kein Amts- oder Gerichtssiegel, sondern nur das Privatsiegel meines guten Oheims, der aber dennoch den kommenden Morgen mit einer mehr als ernsten Amtsmiene in mein Zimmer trat und mir verkündigte, daß, wenn ich es so forttreibe, ich nicht länger bei ihm bleiben, sondern er an meine Eltern schreiben würde, damit diese andere Anordnungen hinsichtlich meiner träfen, eine solche Aufführung sei in einem geistlichen Haus nicht zu dulden. Auf meine Bemerkung, daß ich doch nicht mit den Hühnern schlafen gehen könne, erwiderte er mir, es sei besser, mit den Hühnern schlafen zu gehen, als mit den Gänsen zu wachen. Der gute Onkel war auch witzig; doch mit meinen Abendpromenaden und Vorlesungen war es nun aus.
Als einige Zeit darauf zu Ehren des Vermählungstages des landgräflichen Ehepaares ein Ball auf der Meierei veranstaltet wurde, dem alle Honoratioren Homburgs beiwohnten, und ich den Wunsch blicken ließ, denselben besuchen zu dürfen, schlug es mir mein gestrenger Oheim mit den Worten ab: „Es paßt sich nicht, daß der Neffe des Oberpfarrers Tanzböden besucht.“ – Ich hatte auf der Zunge: „Ei, so wollte ich, daß ich lieber der Neffe des Oberteufels wäre,“ unterdrückte jedoch glücklicherweise die Phrase. Aber alle meine Beredsamkeit vermochte nicht den festen Willen des geistlichen Oberhirten zu erweichen, der endlich mit den Worten schloß: „Ich möchte gar nicht an einen Ort gehen, wo ich der Letzte wäre, dort findest du lauter graduierte und betitelte Personen, und du bist gar nichts.“ Ich gestehe, daß diese letzte Bemerkung ein wenig meinen Ehrgeiz verletzte, und schwieg nun still. Als ich diese Äußerung bei Gelegenheit meinem früheren Lehrer, dem Hofprediger Breidenstein mitteilte, sagte dieser: „Ein Mensch, der Herz und Kopf am rechten Fleck hat, ist nie der letzte, wenn er auch gar keine Titel aufzuweisen hat, und am allerwenigsten hier bei uns, wo diese Titel nur die Aushängeschilde großer Erbärmlichkeiten jeder Art sind.“ – Nun ärgerte ich mich wieder, daß ich mich so hatte einschüchtern lassen.
Mein Leben in Homburg fing an, so einsilbig als langweilig zu werden, kaum daß ich mein hübsches Hannchen manchmal an der Gartenhecke verstohlen sprechen konnte, denn die alte Justine paßte auf wie ein Drache und hinterbrachte meinem Oheim jeden meiner Schritte. Glücklicherweise trat bald ein Ereignis ein, das mich aus dieser Lage befreite.
Den Herrn Oberpfarrer, obgleich schon in den Fünfzigern, aber noch Junggeselle, wandelte plötzlich die Lust an, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, und er hatte sich zu seiner Ehegefährtin eine ehrsame und wohlhabende Witwe aus dem nahen Friedrichsdorf erkoren; vor der Vermählung war er jedoch genötigt, noch eine mehrwöchige Reise anzutreten, um einige ihm wichtige Geschäfte in Ordnung zu bringen. Er schrieb daher an meine Eltern, daß sie mich wieder zu sich nehmen möchten, indem er mich unmöglich während seiner Abwesenheit allein in seinem Hause lassen könne, da ich imstande wäre, die Mädchen bis in die Pfarrwohnung zu bringen. Meine Eltern, die mich jedoch schlechterdings nicht in Frankfurt haben wollten, indem sie fürchteten, daß durch die Gelegenheit des Theaters meine Liebe zur Bühne wieder aufs neue erwachen möge und Nahrung erhalte, zogen es vor, mich nochmals meinem früheren Lehrer Breidenstein anzuvertrauen, mit der Bitte, er möge nur meinem Hang zum Schauspieler entgegenarbeiten, mir aber sonst alle Freiheit lassen. Diese benutzte ich auch in vollem Maß; nicht nur meine Vorlesungen bei Frau von Brandenstein begannen wieder und mit ihnen die Heimbegleitungen, sondern nun gab es auch Partien in den kleinen und großen Tannenwald, auf das Jägerhaus und so weiter, die ich veranstaltete und deren Kosten ich trug, wobei die Frau Hofküchenmeister Silbereisen die Honneurs mit Schokolade und Süßigkeiten, die ich lieferte, machen mußte, ich fuhr sogar einigemal mit den Mädchen heimlich in das Theater nach Frankfurt. Doch blieb es dabei nicht; auf einem anderen Ball, den ich, trotzdem ich keine Titel aufzuweisen hatte, besuchte, machte ich die Bekanntschaft einer anderen jungen Hofdame, eines Fräuleins von Breidenbach, aus einer angesehenen Familie aus Mainz, die zu den kurfürstlichen Zeiten daselbst eine große Rolle gespielt. Aber noch eine andere Bekanntschaft hatte ich auf diesem Ball gemacht, die zu reelleren Genüssen führen sollte, nämlich die einer jungen Frau, welche an den etwas rohen und plumpen Herrn von B. verheiratet war, der ebenfalls eine Hofcharge bekleidete, und die häufig zu der Frau Hofpredigerin zum Tee kam, wo mir dann das Glück zuteil wurde, sie nach Haus führen zu dürfen. Der Weg führte uns durch den Schloßgarten, ich war noch etwas schüchtern, denn es war das erstemal, daß ich mit einer jungen Frau in Berührung kam, auch war es bei der ersten Nachhausebegleitung bei einem ehrerbietigen Handkuß und sehr leisen Händedruck geblieben; einige Tage darauf aber, als sich gleiche Gelegenheit bot, hatte ich schon mehr Herz gefaßt und wagte, aber erst an der Haustür ihrer Wohnung angekommen, einen Kuß auf die Wangen der hübschen Frau, den man ruhig duldete. Als mir aber das drittemal die Ehre zuteil wurde, Frau von B. zu begleiten, unterfing ich mich, als wir durch das zweite Schloßtor waren, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen, und auf der Terrasse angekommen, drückte ich sie fester an mich, worauf sie ihr schönes Lockenköpfchen gegen mich drehte, als wollte sie sagen: Was soll dies?, denn so lebhaft auch unsere Unterhaltung in der Gesellschaft war, so stumm und einsilbig ward sie, sobald wir uns allein befanden. Jetzt begegneten sich unsere Lippen, und ein minutenlanger glühender Kuß war die Folge. Statt nun den geraden Weg nach dem in die Neugasse führenden Gartentor zu gehen, verirrten wir uns in eine dunkle Kastanienallee des Bosketts auf eine Rasenbank in einer Grottenlaube. Hier schloß ich die reizende Frau in meine Arme, ungestümer als noch je rollte mir das Blut in den Adern, sie ließ es geschehen, daß ich sie mit Küssen bedeckte, bald waren wir so innigst verschlungen, daß wir das Spalten des Erdballs und alle Donner des Himmels nicht gehört haben würden, und zum erstenmal schwelgte ich so ganz im Vollgenuß der Liebeslust. – Endlich aber war es hohe Zeit aufzubrechen. Nachdem die ziemlich zerstörte Toilette wieder etwas geordnet war, brachte ich Frau von B. nach Haus und lispelte zum Abschied: „Morgen, auf morgen mehr!“, aber es vergingen drei Tage, bevor ich sie wieder heimbegleiten konnte, der Schicklichkeit halber konnte sie ihre Abendbesuche bei B.s nicht früher wiederholen. Vorlesungen dienten auch hier zum Vorwand der Zusammenkünfte, und so fand sie sich von jetzt an dreimal die Woche ein. Der Herr Gemahl aber brachte jeden Abend in einem Männerkränzchen, in dem auch der Hofprediger war, mit Tabakrauchen, Trinken und à la bête-Spielen zu. Eines Abends aber, wir hatten kaum B.s verlassen, war es ihm eingefallen, sein teures Weibchen, das schon mit mir auf dem Heimweg war, einmal abzuholen; glücklicherweise ließ er sich von der Frau Hofpredigerin und ihrem Mann bereden, ihnen noch einige Zeit Gesellschaft zu leisten, aber dennoch sahen wir ihn vor uns hergehen, als wir den Schloßgarten verließen, ahnten aber nicht, daß er bei B.s gewesen. Wir gingen nun in einiger Entfernung hinter ihm, so daß wir fast zu gleicher Zeit an seinem Haus ankamen. „Wo hat dich denn der Teufel gehabt?“ schnaubte er seine Frau an, und diese wollte eben mit einem „Ich komme gerade von B.s“ herausplatzen, als ich, Unrat merkend, ihr noch zu rechter Zeit ins Wort fallend, sagte: „Herr von B..., da der Abend so schön ist, so gingen wir noch ein paarmal auf der Schloßterrasse zwischen den Orangen, deren Blüten so herrlich duften, auf und nieder.“ – „Zum Henker auch,“ brummte der Eheherr, „sie haben ja schon längst keine Blüten mehr.“ – „Möglich, aber sie duften dennoch.“ – „Dergleichen Promenaden verbitte ich mir für die Zukunft,“ sagte Herr von B. nun zu seiner Frau, „überhaupt weiß ich nicht, warum du seit einiger Zeit fast jeden Abend zu Hofpredigers läufst, was soll das?“ – „Ich wohne den Vorlesungen des Herrn Fröhlich bei, die mich außerordentlich unterhalten.“ – „So, es wird besser sein, du unterhältst dich mit deinem Strickstrumpf.“ – „Das tue ich auch.“ – „Komm jetzt ins Haus.“ – Ich wünschte nun eine gute Nacht, die mir Frau von B. freundlich, ihr Mann aber brummend zurückgab. Noch einigemal ging ich vor dem Haus auf und nieder und glaubte ein kleines Donnerwetter und allerlei eben nicht sehr schmeichelhafte Epitheten, wie „Rotznase, dummer Junge“ und so weiter, von denen die einen der armen Frau, die anderen mir gelten mochten, zu hören. Die Besuche der Dame bei B.s waren vorerst eingestellt, und ich sah sie nur bisweilen im Flug, am Fenster vorbeireitend oder gehend.
Bald darauf war wieder ein Ball auf der Meierei, wo sie mir im Vorübergehen zuflüsterte: „Fordern Sie mich ja nicht zum Tanze auf, denn ich darf nicht mit Ihnen tanzen.“ Um jedoch in Berührung mit ihr zu kommen, suchte ich einen Kontretanz zu arrangieren, was nicht so leicht war, da es Mühe kostete, vier Paar zusammenzubringen, welche diesen Tanz nur einigermaßen kannten. Kaum waren wir aber angetreten, als Herr von B... aus dem Rauchzimmer in den Ballsaal trat, und seine Frau mir gegenüber stehen sehend, schnell zu dem Kandidaten ging und zu demselben sagte: „Erlauben Sie mir, daß ich diese Tour mitmache.“ Jedermann lächelte, da von B... sonst nie und am allerwenigsten Quadrille tanzte; ich erlaubte mir auch, dem Eingedrungenen zu bemerken, daß es ein Kontretanz sei. – „Schon gut, hat nichts zu sagen,“ lautete die barsche Antwort. – Wir begannen, und Herr von B... machte einen Bock über den andern, benahm sich auch so ungeschickt, daß jedermann lachte. Ich wollte ihn belehrend höflichst zurechtweisen, es war gerade bei dem Queue de chat, wofür mir mit einem ‚Naseweis‘ gedankt wurde, worauf ich sogleich mit meiner Dame austrat, meinem Gegner zurufend: „Das wird sich finden.“ – Ich begab mich in das Billardzimmer, wo ich auf ein Stückchen weißes Papier eine Herausforderung, und zwar auf Pistolen, an Herrn von B. schrieb, ihm diese zuschickte und mich sofort entfernte.
Die Veranlassung zu einem Duell hatte ich mir schon längst gewünscht, ein solches schien mir so recht heroisch-romantisch, und ich freute mich darauf, auf diese Weise Eklat und von mir reden machen zu können. Herr von B... dachte aber nicht so, sondern gab das Billett dem Hofprediger, indem er diesem sagte, er würde es nicht dabei bewenden lassen, ich sei ein naseweiser Junge, der, kaum hinter den Ohren trocken, sich schon mit bärtigen angestellten Männern messen wolle, ich müsse auf die Wache gesetzt werden, und dahin hoffe er es auch zu bringen. Es hätte auch in der Tat nicht viel daran gefehlt, daß man mich auf die Schloßwache gesetzt hätte, und nur aus Rücksicht für meinen Oheim verweigerte der Landgraf, bei dem Herr von B... klagte, seine Einwilligung. Mich ärgerte es, daß aus dem Duell, ja nicht einmal aus dem Arrest etwas geworden war, denn beides hätte nach meinen damaligen Begriffen von Ehre und der Lust, Aufsehen zu erregen, in meinen Kram gepaßt. Indessen tröstete ich mich mit dem Aufsehen, das die Sache dennoch in ganz Homburg gemacht hatte, und ein preußischer Leutnant, der als Werbeoffizier daselbst war, fand die Albernheit vortrefflich und hatte sich mir sogar zum Sekundanten angeboten, wenn aus der Sache etwas geworden wäre.
Unterdessen war mein guter Oheim wieder von seiner Reise zurückgekommen, hörte von all dem Skandal, den ich verursachte, und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, wozu noch kam, daß ich an einem Sonntagmittag, als gerade seine Kirche aus war, in der ich mich nie sehen ließ, auf meinem Mietklepper in vollem Galopp durch die Leute, welche die Kirche verließen, sprengte und ihn fast selbst über den Haufen ritt, da ich ihn unter der Menge nicht bemerkt hatte. Dies war denn doch ein wenig zu toll, und er schickte noch denselben Tag einen fulminanten Brief durch einen Expressen an meine Eltern ab, worin er diesen ans Herz legte, mich sofort von Breidenstein und von Homburg wegzunehmen, wo ich ihm und ihnen die größte Schande und so weiter mache.
Den folgenden Tag kam mein Vater selbst nach Homburg, die Sache zu untersuchen, aber Breidenstein meinte, dies seien nur Jugendstreiche, die man nicht so genau nehmen dürfe. Indessen drang mein Vater darauf, daß ich mich erklären und irgendeinen Stand, dem ich mich widmen wolle, wozu es hohe Zeit, wählen müsse, und setzte hinzu, daß, im Fall ich bei dem Theater beharre, ich auf alle und jegliche Unterstützung von seiner Seite sowie von der ganzen Familie zu verzichten habe. Er nahm nun noch Rücksprache mit dem Hofprediger und dem Oberpfarrer, welche Mittel zu ergreifen seien, mich von dieser Idee gänzlich abzubringen. Breidenstein meinte, man müsse es versuchen, mich bei der Ambition anzugreifen, da ein gewisser wenn auch falscher Ehrgeiz meine schwache Seite sei, und er wolle sich deshalb mit dem Herrn Oberpfarrer besprechen, um gemeinschaftlich mit diesem zu wirken, dies würde gewiß fruchten, und da ich nun einmal einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen den Kaufmannsstand hege, so möge man immer zugeben, daß ich mich dem Militär widme, weil er glaube, daß ich zu diesem am ersten nach dem Theater inkliniere und auch am meisten dazu passe.
Mein Vater überließ es daher den beiden Hochehrwürden, diese Angelegenheit bestens zu betreiben, und sie taten ihr Möglichstes bei der Sache, ja mein Oheim wandte sich deshalb sogar erzählend an die regierende Landgräfin, bei der er wie bei dem ganzen fürstlichen Haus hoch in Gnaden stand, indem er sagte, er wisse nicht, was er machen solle, und wäre außer sich, wenn ich zum Theater ginge. Die Fürstin, eine sehr geistreiche Dame, tröstete den guten Mann, ihn auffordernd, zu veranstalten, daß ich mich den nächsten Mittag auf der Terrasse vor ihrem Pavillon einfinde, sie wolle mir den Kopf gewiß so waschen, daß mir der Komödiant vergehen solle, ich habe ohnehin den ganzen Hof vor ein paar Tagen in Alarm und Uneinigkeit versetzt.
Dies hatte folgende Bewandtnis. Ich hatte aus Schillers Gedichten, von denen damals noch viele unbekannt waren, namentlich in Homburg, das Gedicht ‚Laura am Klavier‘ auf Velinpapier mit Goldschnitt abgeschrieben und es dem Fräulein von Brandenstein, Eleonoren, gegeben, ohne ihr zu sagen, wer der Verfasser sei. Diese glaubte, das Gedicht sei von mir, ich habe es ihr zu Ehren gemacht, und zeigte es auf dem Schloß, wo es sogar bei der Tafel zirkulierte und als von mir verfaßt nach Herzenslust kritisiert, bespöttelt und heruntergemacht wurde, namentlich ließ mein Freund, Herr von B..., kein gutes Haar an demselben und meinte, Fräulein von Brandenstein hätte so läppisches Zeug gleich verbrennen sollen; indessen waren doch einige Damen, und namentlich Prinzessin Auguste, anderer Meinung und erwiderten, es sei für einen Anfänger so übel nicht, aber die Majorität machte sich lustig darüber. Von B... hatte den Vorfall gleich nach der Tafel dem Hofrat M... mit Schadenfreude hinterbracht, und dieser, dem ich hierauf begegnete, hatte mir, was auf dem Schloß vorgefallen, mit hämischer Freude wiedererzählt und dabei gesagt, auch er habe das Ding gelesen und könne nicht begreifen, wie ich meine Zeit damit zubringen möge, solch abgeschmacktes Zeug zusammenzuschmieren. Ich ließ den guten, etwas begeisterten Mann ganz ruhig ausreden und sagte dann trocken: „Ich bedaure, mein Herr Hofrat, daß der Verfasser des Don Carlos, der Jungfrau von Orleans und so weiter so abgeschmacktes Zeug schmiert, denn das Gedicht ist von keinem anderen als von Schiller.“
„Unmöglich,“ rief M..., „Sie haben mich zum besten.“
„Wie würde ich mich so etwas unterstehen!“
Aus dem stupiden Gesicht des Hofrats war nun mit einem Mal alle Schadenfreude verschwunden, und es zog sich ellenlang.
„Also wirklich von Schiller?“ fragte er wieder.
„In dem soeben erschienenen zweiten Band von Schillers Gedichten Pagina so und so können Sie es nachlesen.“
Ich ließ den Hofrat stehen, eilte nach Haus, nahm Schillers Gedichte und schickte sie dem Fräulein von Breidenbach, der ich fortwährend Bücher zur Unterhaltung lieh; diese ließ noch denselben Tag das Buch im Schloß von Hand zu Hand gehen, und alle, die gegen das Gedicht so losgezogen hatten, mußten sich nun den beißendsten Spott gefallen lassen; aber Eleonore grollte ein paar Tage mit mir, weil ich ihr den Verfasser nicht gesagt und sie so die unmittelbare Veranlassung war, daß sich mehr als ein Hofgehirn gewaltig kompromittiert hatte.
Mein Oheim ließ mich rufen und teilte mir mit, ich habe mich zur Mittagsstunde des kommenden Tages auf der bezeichneten Terrasse einzufinden, wo ich etwas Neues erfahren würde, ich dürfe aber ja nicht fehlen. Auf weiteres ließ er sich nicht ein. Meine Neugierde machte, daß ich seinen Willen pünktlich befolgte. Nachdem meine Geduld schon während einer ganzen Stunde vergeblichen Wartens auf die Probe gestellt war, sah ich die Landgräfin in Begleitung einer Hofdame und von einem Bedienten gefolgt, wie sie um diese Zeit regelmäßig ihre Promenade zu machen pflegte, die Terrasse herabkommen. Als sie mich erblickte, schickte sie den Bedienten, ich möge mich zu ihr verfügen; ich eilte, dem Befehl ehrfurchtsvoll zu gehorchen, und als ich vor ihr stand, sagte sie:
„Was höre ich, Sie wollen Schauspieler werden, ist dies an dem?“
„Ja, Durchlaucht.“
„Der Neffe des Herrn Oberpfarrers von Homburg ein Komödiant! – Was wird die Welt dazu sagen?“
„Oh, der Oberpfarrer von Homburg ist auch etwas Rechtes!“
Die durchlauchtigste Frau machte nun ein Rechtsumkehrt, trotz einem preußischen Grenadier, und ließ mich mit langer Nase und etwas verblüfft stehen. – Erst nach einigen Augenblicken kam ich wieder zur völligen Besinnung und fühlte, welche Artigkeit ich der Landgräfin gesagt hatte.
Noch denselben Abend, als ich zu Brandensteins ging, erzählte mir Leonore, daß sie die Landgräfin gefragt, ob ich noch ihre Mutter besuche, und als sie dies bejaht, habe sich die Fürstin geäußert, sie könne nicht begreifen, wie man einem Menschen, der ein Komödiant, das heißt ein Hanswurst werden wolle, den Zutritt gestatten möge; Leonore habe darauf gestammelt, ich lese ihrer Mutter sehr gut vor, worauf ihr die Dame gesagt: „Was vorlesen, Komödianten darf man in keinem honetten Haus dulden.“ Brandensteins und Fräulein von Breidenbach drangen nun auch in mich, doch einen anderen Stand und zwar den des Militärs zu wählen, und letztere meinte, ich müsse ein recht schmucker Offizier werden, als Soldat könne ich eine ganz andere Karriere machen, ja zu hohen Würden gelangen, kur- und tafelfähig und allgemein geachtet werden, ein solcher Entschluß würde mich auch sogleich wieder mit der zürnenden Landgräfin sowie mit meinen Verwandten aussöhnen, und das Haus Homburg könne mir sowohl in österreichischen wie in preußischen Diensten, wenn ich diese wähle, sehr förderlich und zu schnellem Avancement behilflich sein.
Aber noch konnte ich einen Plan, den auszuführen ich mir seit Jahren alle erdenkliche Mühe gegeben, und einen Stand, für den mich auszubilden ich bisher fast nur allein rastlos und mit großem Eifer gearbeitet hatte, nicht so rasch aufgeben, ob ich gleich schon wankte. Da beschied mich abermals mein guter Oheim zu sich, empfing mich ungewöhnlich ernst, indem er mir mit einem feierlichen Tone sagte, daß es nun die höchste Zeit für mich sei, einen Entschluß zu fassen, denn mein Vater habe beinahe sein ganzes Vermögen verloren. – Ich sah meinen Oheim mit großen Augen und zweifelnd an, als wollte ich ihn fragen: Ist dies auch wahr? – „Du scheinst die Sache in Zweifel zu ziehen,“ fuhr derselbe nach einer Pause fort, und teilte mir sodann die näheren Umstände dieser nur zu wahren Begebenheit mit.
Ohne sein Verschulden hatte mein Vater eine große Summe, über zweimalhunderttausend Gulden, verloren. Er hatte einem auswärtigen Haus, mit dem er schon lange in Geschäftsverbindung stand, auf ein Deposito von österreichischen Staatspapieren eine sehr bedeutende Summe auf mehrere Monate vorgeschossen und zu diesem Zweck selbst noch fremdes Geld aufgenommen. Kaum war diese Operation gemacht, so teilte er sie dem alten Rothschild mit, dieser aber sagte ihm ganz bestürzt: „Um Gotteswillen, Herr Fröhlich, was haben Sie getan, bevor acht Tage vergehen, erklärt sich Österreich bankrott.“ – Mein Vater erschrak, wollte jedoch Rothschild keinen Glauben schenken, der ihm dagegen versicherte, dies sei nur zu wahr, er habe es aus einer Quelle, die auch nicht den mindesten Zweifel übrig ließe. „Oh, warum haben Sie mir nicht vorher etwas davon gesagt,“ setzte er hinzu. – Mein Vater schrieb nun gleich an das Haus, erhielt aber erst nach sechs Tagen zweideutige und ausweichende Antwort, und schon den siebenten war die Finanzoperation, welche die österreichische Regierung (Ende 1804) vorgenommen, wodurch sie ihr Papiergeld sehr bedeutend herabsetzte, also Bankrott machte, in Frankfurt bekannt. Das Haus, von dem das unsrige die Papiere hatte, ließ diese im Stich und fallierte ebenfalls, so daß mein Vater den ganzen ungeheuren Verlust allein zu tragen hatte. Er hielt die Sache indessen sehr geheim, und mein Oheim teilte sie mir unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mit, wenn ich meines Vaters Kredit nicht untergraben wollte.
Mein Oheim drang nun nochmals in mich, eine Karriere, und zwar eine andere als das Theater zu wählen und meinen armen Eltern nicht noch mehr Kummer zu machen, als sie jetzt schon hätten. „Übrigens,“ setzte er, mich tröstend, hinzu, „bleibt ihnen noch immer so viel, daß sie dich in dem Stand, den du wählen wirst, vorerst noch unterstützen können. Würdest du dich der Theologie widmen, so kannst du auch noch auf meine Hilfe zählen und vielleicht dereinst meine Stelle bekleiden.“
Ich erbat mir nun noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, obgleich ich ihm hinsichtlich des theologischen Studiums – ich wäre ein sauberer Theolog geworden – gleich mit einem sehr positiven ‚Nein‘ hätte antworten können.
Noch den nämlichen Abend teilte ich der Frau von Brandenstein mit, daß ich mich nun für den Militärstand entschlossen habe und daß allerdings die Worte der Frau Landgräfin nicht ohne Einfluß auf diesen Entschluß geblieben seien; am anderen Morgen eröffnete ich dasselbe meinem Oheim und schrieb meine Sinnesänderung an meine Eltern. Obgleich man auch diesem Stand nicht sehr hold war, so war man doch froh, daß ‚mir der Komödiant aus dem Kopf war‘, ergab sich darein und ließ mich vorerst noch in Homburg, um mich zu der neugewählten Laufbahn vorzubereiten, während man überlegen wolle, wie und wo ich am besten unterzubringen sei.
Als die Landgräfin meinen Entschluß hörte, sowie daß ihre Worte denselben hervorgebracht, äußerte sie sich wieder sehr gnädig über mich, und der Herr Landgraf sagte: „Unter den Soldaten wird man ihn schon zurechtbringen.“ Indessen wurde mir die hohe Gnade, an den Exerzierstunden des Prinzen Leopold, er lernte die Handgriffe und das Marschieren bei einem ehemaligen preußischen Unteroffizier, teilnehmen zu dürfen, und da der junge Brandenstein auch zugelassen wurde, so formierten wir eine ganze Rotte und konnten nach Verlauf von wenigen Wochen schon ordentlich im Feuer exerzieren, marschieren, alle Wendungen und so weiter machen. Meine Eltern hatten mir einige Werke über Taktik, Strategie und so weiter geschickt, in denen ich fleißig studierte, und Prinz Leopold, der kleine Schanzen mit Wällen und Gräben anlegte, machte, daß ich wenigstens einen Begriff von der Fortifikationskunst erhielt, auch hatte er in Hölzer eingereihte Bleisoldaten, mit denen er die Pelotonsschule übte, sowie Festungen von Pappe, die wir mit kleinen messingenen Kanonen beschossen. War es schlechtes Wetter, so exerzierten wir in den Schloßgängen, wobei wir bisweilen die Gewehrkolben so gewaltig aufstießen, daß die Frau Landgräfin schickte und sich zu menagieren gebot.
Meine Eltern beschäftigten sich jetzt, eine passende Anstellung im Militär für mich ausfindig zu machen. Mein Vater hatte anfänglich den Gedanken, mich nach Petersburg zu seinem Bruder Wilhelm, der Oberst in der russischen Garde war, zu schicken. Eine Ohrfeige bewirkte, daß er den Handelsstand mit dem Soldatenstand vertauschte, in welchem er rasch ein glänzendes Glück gemacht. Als er von Bremen wieder in das elterliche Haus zurückgekehrt war, mußte er auf dem Kontor seines Vaters arbeiten und sollte sich dabei streng an die eingeführte Hausordnung halten, namentlich sich präzis um acht Uhr zum Abendessen einfinden; da er sich aber öfters verspätete, so zog ihm dies mehrmals Verweise zu, und als er wieder einmal erst um halb neun Uhr kam, empfing ihn sein Vater mit einer Ohrfeige vor dem ganzen Kontorpersonal. Wilhelm eilte zur Tür hinaus, ließ sich von der Köchin vier Kreuzer für die Torsperre geben, da er gar kein Geld zu sich gesteckt hatte, und eilte so zum Allerheiligentor hinaus nach Hanau zu. Hier angekommen, wurde er nicht eingelassen, diese Stadt war damals ebenfalls noch eine Festung, und schlief die Nacht auf dem Glacis. Am folgenden Morgen verkaufte er seine Uhr in Hanau und reiste weiter bis Leipzig, suchte daselbst einen Geschäftsfreund seines Hauses auf und schrieb nun seinen Eltern, was aus ihm geworden, sowie daß sein fester Vorsatz sei, nicht mehr nach Frankfurt zurückzukehren, sondern sich nach St. Petersburg zu begeben, den Kaufmann für immer an den Nagel zu hängen und in russische Militärdienste zu treten. Durch einen Bruder seines Vaters, der schon eine hohe Militärcharge daselbst bekleidete, die er durch Verwendung des russischen Generals Prinzen von Anhalt erhalten, nachdem er als Rittmeister in dem Leibkürassier-Regiment des Großfürsten Paul gedient und bald ein Liebling Pauls I. geworden war, machte auch Wilhelm rasch sein Glück in Rußland und heiratete obendrein ein sehr reiches Fräulein, eine Anverwandte des Fürsten Potemkin. Er fügte seinem Brief noch hinzu, man möge etwas Geld und Wäsche nach Leipzig schicken, womit er bis St. Petersburg reisen könne, wo nicht, so würde er sich so durchzuhelfen suchen; man tat, was er wünschte.
Meiner Mutter aber lag Rußland zu fern, sie fürchtete, mich nie wiederzusehen, und so ward dieser Plan aufgegeben, ehe ich nur etwas davon erfahren hatte. Man sprach von österreichischen Diensten, gegen diese hatte ich aber eine Abneigung, weil man die Österreicher so oft zum Gegenstand des Spottes und des oft schalen Witzes und sich über sie lustig machte; sie standen mir nicht hoch genug in der öffentlichen Meinung, eher neigte ich mich zu den Preußen hin, aber hier hatte ich trotz aller Protektion nur wenig Aussicht auf Beförderung, da ich kein gegerbtes und bekritzeltes Eselsfell vulgo Pergament aufzuweisen hatte, welches bewies, daß ich schon so und so viel faule Ahnen habe, die zu jener Zeit, bei der Artillerie ausgenommen, erforderlich waren, um des Tragens eines Portepees in der preußischen Armee würdig zu sein. – Also auch hier nichts.
Mein Vater hatte einige finanzielle Relationen mit Hessen-Kasselschen höheren Beamten und glaubte in diesem kleinen Staat mir eine Karriere eröffnen zu können, obgleich auch hier wie in allen deutschen Staaten und Stäätchen der Adel sehr bevorzugt war. Es wurde nun an diese Herren geschrieben, die Antwort lautete ziemlich günstig, wir wurden an einen in Hanau garnisonierenden Obersten empfohlen, der mich dem Erbprinzen daselbst vorstellen und zum Kadetten oder Junker vorschlagen sollte. Ich fuhr an einem Sonntag mit meinem Vater dahin ab, wo uns der Oberst im Gasthof zum Riesen erwartete, um uns mit auf die Parade zu nehmen und die Gelegenheit abzupassen, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen. – Als ich die steifen abgemessenen hessischen Soldaten, die mir gleich hölzernen Maschinen vorkamen, mit ihren langen bis an die Kniekehle reichenden Zöpfen und weißgepuderten Locken, mit ihren ausgestopften Puppen ähnlichen Offizieren, die aufs Haar den Nürnberger, von schwarzem Brotteig geformten, gebackenen und lackierten Soldaten glichen, welche die Kaufleute auf die Frankfurter Messe bringen, so bei mir vorübermarschieren sah, da bekam ich einen Schauder, es wurde mir ganz komisch zumute, und das Theater fiel mir wieder ein. – Ich erklärte auch sofort meinem Vater, daß ich nicht in hessische Dienste treten wolle und es besser wäre, wir führen gleich wieder heim. Er meinte aber, daß, da wir einmal hier seien, man auch das Ende abwarten müsse, und man könne nicht weg, bevor ich wenigstens vorgestellt sei, der Oberst von M... könne sonst glauben, man habe ihn zum besten gehabt.
Als endlich die Parade vorüber war, kam der Oberst und beorderte mich, ihm zu folgen. Er führte mich zum Erbprinzen, der von mehreren Stabsoffizieren mit hohen, lang bespornten Kanonenstiefeln, mit ungeheuren Federhüten auf den Köpfen, martialische Dienstmienen, aber recht nichtssagende Gesichter machend, umgeben war. Als wir in der Nähe des Erbprinzen waren, sagte mein Führer: „Da bringe ich Eurer Durchlaucht einen neuen Rekruten, den Sohn des Herrn Fröhlich aus Frankfurt,“ und gab mir ein Zeichen, vorzutreten.
Der Erbprinz und seine Offiziere musterten mich von oben bis unten und betrachteten mich ungefähr mit der Miene wie ein Fleischer, der ein Rind zum Schlachten kaufen will. Hierauf sagte der erste:
„Man hat Lust, Soldat zu werden?“
„Ja, Durchlaucht.“
„Das gehörige Maß scheint man zu haben, auch kann man noch wachsen. Aber man hat die verteufelte französische Jakobinermode mitgemacht, trägt abgeschnittene Haare, wie steht es da mit dem Zopf?“
„Oh, der kann wieder wachsen,“ fiel der Oberst ein.
„Ja, das wird lange währen,“ meinte der Erbprinz, „und ein hessischer Soldat ohne Zopf ist so viel wie gar nichts.“
Hier wackelten sämtliche Offiziere mit ihren Köpfen, gleichsam um durch die Bewegung ihrer ellenlangen Zöpfe anzudeuten, wie sehr sie mit der Meinung Seiner Durchlaucht einverstanden seien. Dieser fuhr fort:
„Wie alt ist man?“
Ich stand wie auf Kohlen und platzte endlich heraus:
„Man ist fünfzehn Jahre vorüber.“
Der Erbprinz sprach nun einige für mich unverständliche Worte zu seiner Umgebung und entfernte sich, ohne mich weiter eines Blickes zu würdigen. Ich eilte zu meinem Vater zurück, der der ganzen Szene in einiger Entfernung zugesehen hatte, und gleich darauf kam der Oberst zu uns und sagte zu demselben, ich habe mich so sonderbar benommen, daß der Erbprinz sehr ungnädig sei und er es nicht wage, ferner einen Schritt in dieser Angelegenheit zu tun.
„Ist auch nicht nötig, Herr Oberst,“ versetzte ich, „ich werde um keinen Preis hessische Dienste nehmen.“ – Mein Vater hieß mich schweigen, war verlegen und suchte mich bei dem Obersten zu entschuldigen. Wir kehrten in den Riesen zurück, wo uns ein Bekannter aus Hanau aufsuchte, der mit meinem Vater über die Sache sprach und diesen einigermaßen beruhigte, indem er ihn versicherte, daß ich auf keinen Fall ein großes Glück bei den hessischen Zopfhelden gemacht haben würde, da ich, nicht von Adel, noch hätte von Glück sagen können, wenn ich mit dem fünfzigsten oder sechzigsten Jahre eine Kompagnie erhalten hätte, denn bei vielen heiße es: ‚Herr Leutnant, dir lebe und dir sterbe ich‘, und man könne sich nicht vorstellen, welch eine Misere es sei, einem kleinen deutschen Souverän zu dienen. Das Elend sei nicht einmal ein glänzendes, sondern ein ganz gewöhnliches.
Ich stimmte dem braven Mann von Herzen bei und sagte meinem Vater, als er bei der Heimfahrt äußerte, er wisse nun gar nicht, was er mit mir anfangen solle, es wäre wohl das beste, wenn ich es mit den französischen Diensten versuchte, wo man wenigstens weder nach albernen Hirngespinsten, wie verfaulten Ahnen, noch nach Schnurrpfeifereien, wie Zöpfen, frage. Diese Sprache hatte ich Breidensteins Erziehung zu verdanken, der uns wenigstens so viel als möglich von allen albernen Vorurteilen frei zu machen suchte, dabei aber vergaß, uns die nötige Klugheit anzuempfehlen, und seine Freude daran zu haben schien, wenn wir uns recht derb deshalb ausließen, eine Freude, die ihm durch mich in vollem Maß wurde. Diese Erklärung setzte meine werte Verwandtschaft, die noch meistens gut kaiserlich gesinnt war und die Franzosen haßte, neuerdings in Alarm, und es gab abermals Debatten, die jedoch durch die Furcht, meine Theaterlust möchte wieder erwachen, und da auch meine Mutter Neigung für den französischen Dienst zeigte, bald beseitigt wurden; es ward nun beschlossen, daß ich in französische Dienste treten sollte. – Ich fuhr ein paar Tage darauf mit meinem Vater nach Mainz, wo Latour damals ein neues Regiment für die französische Regierung errichtete. – Als wir ankamen, ließ General Lefevre, ein Müllerssohn, gerade ein Armeekorps von zwanzigtausend Mann auf der großen Bleiche, die zum Heer Napoleons stoßen sollten, die Musterung passieren. Als ich diese wahrhaft martialischen und dabei doch gutmütigen Gesichter defilieren sah, machte dies einen ganz anderen Eindruck als die Hanauer Zopfparade auf mich. Das kriegerische Aussehen dieser Truppen, das legere Marschieren, die ungezwungene und doch imponierende Haltung derselben, das unaufhörliche Wirbeln der vielen Trommeln, mit denen eine etwas wilde Janitscharenmusik wechselte, dies alles machte mein Herz freudig pochen. Ich vergaß und versäumte das Mittagessen über dieser Revue und kam erst nach drei Uhr in die drei Reichskronen zurück, in denen wir abgestiegen waren. Noch denselben Tag besuchten wir Latour, dem wir durch einen Mainzer Bekannten empfohlen wurden, und eine halbe Stunde darauf war ich mit Unteroffiziersrang in dem neuen Regiment angestellt. Am folgenden Tag kehrten wir wieder nach Frankfurt zurück, um meine Equipierung instand zu setzen, die eben nicht sehr umständlich sein durfte; als Abzeichen meines Dienstes hatte ich schon eine dreifarbige Kokarde, die ich aufsteckte, mitgebracht, kündigte mich allenthalben und mit triumphierender Miene, namentlich auch in Homburg, als angehender französischer Krieger an, was mir manche verdrießliche Miene zuzog und mir namentlich der alte Oberst Schulter übel nahm, der wie viele andere eine wahre Antipathie gegen die Franzosen hatte, ebenso die Homburger, mit Ausnahme der Landgräfin, die für die Franzosen eingenommen war und sehr gut französisch sprach. – Während ich so mit meinen Abschiedsbesuchen bei allen meinen Lieben und mit meiner Equipierung beschäftigt war, kam Frau von Waldschmidt zu uns und teilte uns mit, daß der Fürst Y... ebenfalls im Sinn habe, ein Regiment für den Kaiser Napoleon zu errichten, es könne sich nicht leicht bessere Gelegenheit finden, meine Militärdienste anzutreten, ja ich könne ohne Zweifel als Offizier in dieses Regiment treten, da der Fürst junge Leute von Distinktion für dasselbe suche. – Mein Vater entgegnete ihr jedoch, daß, da ich schon definitiv bei Latour d’Auvergne angestellt sei, dies zu spät komme, ohnehin sei es nicht sein Wille, daß ich gleich eine Offizierscharge bekleide, die mir zu viele Freiheit lasse, was bei meiner großen Jugend und meinem Hang zu einem wilden Leben gerade nicht wünschenswert sei. Aber Frau von Waldschmidt meinte, ich könne gerade in dieser Hinsicht nirgends besser aufgehoben sein als in dem Regiment des Fürsten Y..., der unsere Familie kenne und mich gewiß unter seine besondere Obhut nehmen würde, eine Versetzung von dem einen Regiment zu dem anderen ließe sich ja leicht bewirken und so weiter. Mein Vater dankte für die Aufmerksamkeit, ließ es indessen vorerst dabei bewenden, und nach ein paar Tagen reiste ich allein nach Mainz ab, meine militärische Laufbahn anzutreten, die wenigstens lustig genug werden sollte.