Es war damals ein sehr lustiges, unbekümmertes und sorgloses Leben, das französische Soldatenleben, und wenn man so mit klingendem Spiel, Sappeurs, Tambours, Musik an der Spitze, in eine neue Garnison einrückte und die vielen hübschen Frauen und Mädchen in den Fenstern erblickte, wie sie mit verlangender Neugierde die braungebrannten martialischen Gesichter vorüberdefilieren sahen, da waren alle ausgestandenen Strapazen und Entbehrungen verschwunden und man freute sich der bevorstehenden Abenteuer.
Ich hatte die Nachricht, daß wir Toul in kurzem verlassen würden, sowie unsre Marschroute sogleich meinen Eltern mitgeteilt und noch vor unserm Abmarsch Antwort und Empfehlungsschreiben an verschiedene Häuser in Dijon, in Chalons für Saone, Macon und Lyon empfangen, nebst einem Wechsel von vierhundert Franken auf Chalons als besondere Marschzulage, den ich jedoch noch in Toul versilberte, um mehrere Rückstände zu berichtigen. Unser erstes Nachtquartier war Colombey, ein erbärmliches Nest; zwei Dritteile des Bataillons mußten in umliegenden Dörfern untergebracht werden. Da der Fourier der Kompagnie kein Französisch konnte, so mußte ich auf des Kapitäns Geheiß das Geschäft desselben hinsichtlich des Quartiermachens für die Kompagnie versehen, womit mir wohl gedient war, da sämtliche Fouriere mit dem Adjutant-Unteroffizier ein paar Stunden vorausmarschieren, daher viel freier sind und die Unbequemlichkeiten des Marsches bei weitem nicht so empfinden, sich’s bequem machen, auch oft fahren oder auf Eseln reiten, wenn sie deren haben können, und dabei sich nichts abgehen lassen, indem es ihnen auf dem Marsch nie an Geld mangelt, das sie sich auf folgende Weise zu verschaffen wissen: sie lassen sich nämlich immer für den kompletten Stand der Mannschaft Quartierbilletts geben, während sich doch niemals eine Kompagnie ganz vollzählig auf dem Marsch befindet, da es immer Kranke, Detachierte und so weiter gibt, auch selten eine Kompagnie, besonders nach langen Märschen, Gefechten und so weiter komplett ist. Die Billette, die ihnen übrig bleiben, verkaufen sie an die Wirte, auf die sie lauten, die gerne einen, auch wohl einige Franken bezahlen, um der Last von ein paar Mann Einquartierung überhoben zu sein, so daß in größern Städten und wo Rasttage sind, der Fourier sich nicht selten fünfzig Franken und mehr auf diese Weise verschafft, von denen er aber einen Teil an den ihm beigegebenen Korporal abgibt, der sich dafür ebenfalls mit dem Billettverkauf, der natürlich viel Laufereien veranlaßt, da die Quartiere alle aufgesucht werden müssen, befaßt. Dieser Unterschleif mit den Billetten ist den Chefs bekannt, allein man sieht durch die Finger, da dem Gouvernement und den Truppen kein Schaden dadurch verursacht wird; viele Soldaten verkaufen ebenfalls ihre Billetts und bringen dann die Nacht auf den Straßen oder unter einer Kirchenhalle zu, besonders in dem mittäglichen Frankreich, wo es das Klima gestattet. – Der zweite Tag führte uns in das Städtchen Neufchateau an der Mouzon, die sich hier in die Maas ergießt, es zählt über dreitausend Einwohner. Hier war den Tag vor unserer Ankunft ein empörender Mord begangen worden. Ein Ungeheuer von einem Sohn hatte seinen achtzigjährigen Vater, den er unter irgendeinem Vorwand in den Keller gelockt hatte, daselbst mit einem Beil erschlagen; der Alte lebte dem Wüterich und namentlich dessen Konkubine zu lange. Die scheußliche Tat war den Abend um acht Uhr begangen, aber gleich darauf von einer alten Magd des Hauses, die sie entdeckte, verraten und angezeigt worden, so daß der Mörder noch in derselben Nacht verhaftet wurde. Auf der nächsten Etappe, dem Flecken Bourmont, hatte ich ein Quartier bei einer alten Marquise, die, noch ein lebendiges Monument aus den Zeiten Ludwigs XV., eine achtundachtzigjährige hochgeschminkte Schöne war und das damalige Hofkostüm trug, eine sehr ehrwürdige, andächtige Dame, welche den alles zertrümmernden Revolutionsstürmen glücklich entging. Das Quartiermachen brachte mir den Vorteil, daß ich gute Quartiere für mich selbst aussuchen und auf dem Quartieramt immer nach solchen, in denen sich liebenswürdige Schöne befanden, erkundigen konnte; diesmal hatte mich aber der die Billette austeilende Adjoint zum besten gehabt, indessen war das Quartier sonst gut. – Der folgende Tag brachte uns in den Flecken Montigny-le-Roi in der Champagne, wo man noch Überbleibsel von ehemaligen Befestigungen sieht. Hier hatte ich einen komischen Streit zwischen einem Leutnant, der kein Französisch verstand, und seinem Wirt zu schlichten. Letzterer hatte dem Offizier gesagt, als ihm dieser sein Billett präsentierte: „Qu’il ne pouvait lui donner qu’une paillasse pour coucher.“[8] In dem Ort spielten gerade Seiltänzer, als das Bataillon einmarschierte, und der Offizier, glaubend, daß der Mann ihm von diesen spräche, erwiderte: „Oui, oui, monsieur, joli Bajazzo.“ Als er aber bald darauf sah, daß sein Bett nur in einem Strohsack bestand, fing er Händel mit dem Wirt an, der sich ein über das andre Mal entschuldigte, daß er ihn präveniert und ihm gesagt habe: „Qu’il n’aurait qu’une paillasse.“ „Ach was Bajazz, Bajazz,“ schrie der Leutnant, „ich hätt’ den Henker von seinem Bajazz, er soll mir ein ordentliches Bett geben.“ Ich kam gerade dazu, als diese mit vielen Gestikulationen begleitete Diskussion stattfand, und klärte die Sache auf, worüber nun beide Teile herzlich lachten, und der Leutnant auf mein Zureden sich mit dem Strohsack begnügte, da der Bauer keine Matratze hatte.
Den kommenden Tag marschierten wir nach Langres, das alte Audomatunum und spätere Lingones, dessen schon Cäsar erwähnt. Es ist fast die am höchsten gelegene Stadt in Frankreich, nur Briançon liegt noch höher; dem Berg, auf dem sie liegt, entquellen nicht weniger als drei Flüsse, nämlich die Marne, die Maas und die Vingeanne. Die Stadt gehört zu dem Departement der Haute-Marne und ist hauptsächlich wegen ihrer vortrefflichen Messerklingen und Stahlwaren in ganz Europa berühmt. Hat man mühsam den Berg erstiegen, so wird man durch eine herrliche Aussicht belohnt, die sich über die Vogesen, in weiter Ferne über die Alpen verbreitet; ist der Himmel ganz heiter, so erblickt man sogar den Montblanc. Den Rasttag, den wir hier hatten, brachte ich mit Spaziergängen in die nächste Umgebung zu. Wir kamen nun nach dem nicht unbedeutenden Flecken Selongey, und von hier in die alte Hauptstadt der einst so mächtigen Herzöge von Burgund, nach Dijon; jetzt ist sie die Hauptstadt des Departements der Goldküste und liegt mitten zwischen Weinbergen, in einer fruchtbaren Ebene an dem Flüßchen Ouche. Sie hat zum Teil schöne und reinliche Straßen, große Plätze und herrliche Gebäude, unter denen der Palast der alten Herzöge von Burgund, in welchem sich ehemals die Stände dieses Landes berieten, das interessanteste ist. Die Kirche Notre-Dame ist ein herrliches Monument gotischer Baukunst, das Schiff derselben und die Halle mit ihren von schlanken Säulen umgebenen Pfeilern gewähren einen erhabenen Anblick. Auf einem Turm derselben war jenes berühmte Uhrwerk, welches Philipp der Kühne nach der Schlacht von Rosebecque der Stadt Courtray weggenommen hatte, um diese zu bestrafen, weil sie sich geweigert hatte, die goldenen Sporen Karls VI., der 1312 unter ihren Mauern getötet worden war, herauszugeben.
Wir marschierten jetzt, beständig die goldene Hügelreihe vor Augen, welche das Land mit den gepriesensten Weinen beschenkt, nach Beaune. Als wir durch Nuit kamen, hatte uns sowie dem ganzen Offizierkorps, ein dortiger Weinhändler, der Vater des Kadetten Larbalestier, ein treffliches Gabelfrühstück bereitet, wobei er reichlich Clos de Dougeot, Volney, Chevalier-Monrachet, Chambertin und andere Sorten des vorzüglichsten Gewächses, die ihrer Seltenheit und Güte halber fast nie in den Handel kommen, im Überfluß reichte; aber das klare Wasser mundete mir auch hier besser als alle die burgundischen Nektare. Durch das gute Dejeuner gestärkt und auf Wagen das Versäumte wieder einholend, denn das Bataillon war uns auf den Fersen, kamen wir bald in Beaune an. Diese alte Stadt, die schon unter Cäsar belagert wurde, hatte noch Wälle und liegt in einer lachenden Gegend, an dem Flüßchen Bouzeoise. Auch sie ist eine Hauptniederlage der besten Burgunderweine.
Von hier brachen wir nach Chalons an der Saone auf, beim Ausmarsch zeigte man uns Volney, Meursault, Chambertin, Pommard und andere Orte, welche die berühmten Weine dieser Namen liefern. Als wir in Chalons angekommen waren, fand ich auf dem Quartieramt ein Einladungs- und Einquartierungsbillett von dem Haus Bouillé, an das ich empfohlen war, für mich vor, in dem ich vortrefflich aufgenommen wurde, da ein Sohn desselben als Volontär in Frankfurt war; auch wirkte mir Herr Bouillé, sobald das Bataillon angekommen war, die Erlaubnis aus, einige Tage bei ihm auf Besuch bleiben zu dürfen, mit dem Versprechen, daß er dafür sorgen wolle, daß ich in Lyon wieder bei demselben eintreffe. Ich brachte nun ein paar Tage recht vergnügt in dem heiteren Chalons zu, das in einer schönen Ebene an dem rechten Ufer der Saone liegt, über welche eine Brücke von Quadersteinen zu der gegenüberliegenden Vorstadt führt, die auf einer Insel erbaut ist und anmutige Promenaden hat. Die Stadt ist sehr freundlich und hat besonders am Kai geschmackvolle Gebäude und an fünfzehntausend Einwohner, sie ist gewissermaßen der Stapelplatz zwischen Süd- und Nordfrankreich, hauptsächlich eine Niederlage für Marseille und Paris, auch verbindet sich hier der Zentralkanal mit der Saone.
Die Familie Bouillé tat ihr Möglichstes, mir den Aufenthalt in Chalons angenehm zu machen, und ein anderer Sohn des Hauses war mein treuer Begleiter auf allen Wegen, was mir aber gerade nicht sehr angenehm war und mich genierte, denn ohne diesen jungen Hüter, der mir nicht von der Seite wich, hätte ich gewiß ein kleines Abenteuer in Chalons gehabt; auch verschwor ich es, solche Einladungen wieder anzunehmen. Der junge Mensch gab sich indessen viel Mühe, mich zu unterhalten, zeigte mir die Kirchen, das Stadthaus, die Bibliothek, das Lorenzo-Hospital auf der Insel dieses Namens, das Theater und so weiter, aber damit war mir nicht gedient, und ich wäre lieber mancher Schönen gefolgt, die mir auf unseren Streifereien und Promenaden begegnete. Nach einem viertägigen Aufenthalt reiste ich, herzlich für die gute Aufnahme dankend, ohne irgendein Abenteuer, mit dem Coche d’Eau, einer eleganten Wasserdiligence, nach Lyon. Auf diesem Schiff traf ich auch den Offizier payeur unseres zweiten Bataillons, Herrn Madinier, und mehrere junge Offiziersfrauen an, deren Männer beim Heer waren, und die sich zu Verwandten nach Lyon begaben und recht liebenswürdig waren. Zu jener Zeit war überhaupt ganz Frankreich mit solchen jungen Strohwitwen angefüllt, deren Männer sich im Feld oder als Employés, Kommissäre und so weiter bei den Armeen befanden, und auch mit wirklichen Witwen, welche sich gerne über die allenfallsige und vermutliche Untreue ihrer verstorbenen Herren zu trösten und dieselbe bestens wettzumachen suchten. Bald hatte ich eine interessante Unterhaltung mit der jungen Gattin eines Groß-Majors[9], der bei den französischen Truppen in Österreich stand, angeknüpft; es war eine artige Pariserin und die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Die hübsche Frau hatte die feinste Taille, die man sich denken kann, einen eleganten Wuchs, ein Paar fast chinesische Füßchen, frivol-schelmische Augen, ein prächtiges kastanienbraunes Seidenhaar, Perlenzähne und eine Munterkeit, die mutwillig, ja bisweilen ausgelassen war. Während ich mit ihr scherzte und lachte, hatte Madinier mit einer anderen dieser Damen Bekanntschaft gemacht. Ohne zu wissen wie, erreichten wir Macon, wo wir ausstiegen und übereinkamen, daß man hier bis zur Ankunft des nächsten Coche d’Eau, das den folgenden Tag erwartet wurde, da eins täglich von Chalons abgeht, bleiben wollten. Daß ich weder das Haus, dem ich empfohlen, aufsuchte, noch mich viel mit den Sehenswürdigkeiten Macons beschäftigte, sondern einzig und allein dem Dienst der liebenswürdigen Dame lebte, darf man mir aufs Wort glauben. Ich hatte das Vergnügen, Madame O... am Arm, auf den schönen Kais an der Saone zu promenieren; wir ließen uns auch zu den noch vorhandenen Trümmern eines Triumphbogens und eines Janustempels, des alten Matiscos, führen und kehrten dann in unser Hotel zurück, wo wir uns nach einem deliziösen Souper zu einer ziemlich unruhigen Ruhe begaben.
Den andern Tag fuhren wir mit dem ankommenden Schiff nach Lyon ab und legten den Rest der Wasserreise vergnügt zurück. Je näher wir unserer Bestimmung kamen, desto pittoresker wurde der Anblick der Ufer der Saone, die freundlichsten Ortschaften, die reizendsten Landhäuser und Landschaften wechselten unaufhörlich ab, bis wir endlich im Hafen zu Lyon einliefen. Hier stiegen wir im Hotel d’Europe ab, wo wir wieder einen recht vergnügten Abend und eine noch vergnügtere Nacht zubrachten. Erst den kommenden Morgen meldete ich mich bei dem Bataillon, das diesen Tag Rasttag hatte. Mein Kapitän teilte mir die angenehme Nachricht mit, daß wir den Rest des Marsches auf der Rhone eingeschifft zurücklegen und deshalb noch einen Tag länger hier verweilen würden. Dies war mir zwar erwünscht, aber doch suchte ich mich wieder frei von Madame O... los zu machen, von deren Ketten ich schon genug hatte; ich kaufte bei einem Goldarbeiter eine zierliche Allianz, die ich ihr, ins Hotel zurückgekehrt, zum Geschenk machte, dabei mit schweren erzwungenen Stoßseufzern ankündigte, daß die Stunde der Trennung geschlagen habe, indem ich zur Kompagnie, bei der ich als Kadett stehe, – sie wußte sich nicht zu erklären, was dies für eine Charge sei, da die französischen Regimenter dergleichen nicht hatten, und hielt mich für einen Offizier, – einrücken müsse und wir wahrscheinlich noch diesen Abend abmarschieren würden. Nach einer letzten feurigen Umarmung, herzlichem Lebewohl und Versicherungen ewiger Liebe und Treue schieden wir für immer. Ich suchte jetzt das Quartier meines Sergeant-Majors auf, das ich erst nach langem Umherirren durch die engen und finsteren Gassen Lyons fand, und ließ mir von demselben ein Einquartierungsbillett geben, das auch in ein Hotel lautete. Da meine Börse anfing an der Auszehrung zu leiden, obgleich ich mir von Bouillé zu Chalons noch etwas Geld hatte geben lassen, so suchte ich das Bankierhaus J. Boutoux auf, an das ich empfohlen war, und ließ mir fünfundzwanzig Louisd’ors auszahlen, lehnte aber jede weitere Einladung und sogenannte Ehrenbezeigungen ab, und das Haus Paul Pages et neveux, an das ich ebenfalls empfohlen war und das mit dem unsrigen in Verbindung stand, besuchte ich gar nicht, sondern streifte nun auf eigene Faust und planlos in den langen labyrinthischen Straßen Lyons herum; besonders gefielen mir die lebendigen und schönen Kais der Rhone und der Saone, namentlich der Kai St. Clair. Auch die prächtigen Plätze Bellecour und das Terraux, auf dem das Hotel de Ville und andere schöne Gebäude stehen, sowie die Kathedrale St. Jean und so weiter besuchte ich.
Den zweiten Abend nach meiner Ankunft besuchte ich das große Theater, in dem „Le tyran corrigé“ nebst einem hübschen Ballett aufgeführt wurde. Hier traf ich mehrere Kadetten und auch ein paar Fouriere des Regiments, die letzteren zwei Franzosen, von denen sich der eine Jean Roi nannte und eines Pächters Sohn bei Nancy war, der andere Latouche, dessen Herkunft unbekannt, der aber schon durch ein halbes Dutzend Regimenter gegangen, waren deux mauvais sujets dans toute la force du terme. Diese beiden Individuen hatten es namentlich auf die jungen Leute beim Regiment abgesehen, von denen sie wußten, daß sie mit Mutterpfennigen versehen waren, und suchten diesen die Beutel auf alle mögliche Weise zu fegen. Sie hatten sich auch schon einigemal an mich gewagt, aber die Erfahrung gemacht, daß sie mich trotz meiner Jugend nicht leicht zu ihrem Düpe machen konnten, da ich weder zum Trunk noch zum Besuch liederlicher Häuser zu bewegen war. Diesen Abend hatten sie zwei ganz junge und noch unerfahrene Leute aus guten Familien auf dem Korn, die beide, der eine Dantrace aus Paris, der andere Roger aus Metz, Kadetten ohne Grad waren. Ich war im Parterre hinter ihnen, merkte bald, wo es hinaus wollte, und nahm mir vor, die jungen Leute nicht außer Augen zu lassen. Man hatte sich zu einem Souper bei einem Restaurateur nach beendigtem Theater verabredet, wo die beiden Fouriere, wie es schien, schon bekannt waren. Ich folgte der Gesellschaft, die in einer engen Straße in der Nähe des Platzes „des terraux“ in ein Haus von ziemlich verdächtigem Aussehen ging, und trat fast zu gleicher Zeit mit den Herren in das Speisezimmer, wo mich die Fouriere mit nicht sehr günstigen Augen ansahen. Sie ließen starke Weine auftragen und tranken den jungen Leuten, die, obgleich älter als ich, doch noch Kinder waren, tüchtig zu, so daß es bald schwere und schwindelnde Köpfe gab. Ich hatte mich an denselben Tisch zu ihnen gesellt, aber nur ein paar Gläser Champagner mit Wasser vermischt getrunken. Als man die Köpfe nach dem Dessert erhitzt genug glaubte, sagte Latouche: „Ah ça, il faut que nous allions voir les filles!“ Ich wollte die beiden Kadetten davon zurückhalten; da mir dies jedoch nicht gelang, so beschloß ich, sie zu begleiten, und wir brachen, nachdem die Zeche berichtigt war, auf. Die Fouriere führten uns durch einen langen Korridor, dann eine Treppe hinab über einen Hof in ein Hinterhaus, wo wir wieder zwei Stiegen steigen mußten und in ein ziemlich geräumiges Gemach traten, in dem sich etwa ein halbes Dutzend keuscher Priesterinnen der Venus vul befinden mochte, die uns entgegensprangen und auf das zuvorkommendste bewillkommneten. Ich stieß jedoch die, die sich an mich machen wollte, so unsanft zurück, daß sie ausrief: „Tiens qu’est ce que ce drôle“, worauf sich Latouche zu mir wandte und sagte: „Mais ce n’est point ainsi qu’on traite les filles“; ich erwiderte lächelnd: „Mais bien les g...s.“ Nun aber nahm sich auch Jean Roi der Dirnen an und zeigte eine drohende Miene. Ich gab mir jedoch gleich ein so imponierendes Ansehen, daß die beiden Herren es für gut fanden, sich von ihren Freundinnen besänftigen zu lassen, was ich spöttisch lächelnd geschehen ließ. Um den Frieden herzustellen, wurde wieder Wein und Punsch gebracht, den die Dirnen kredenzten, wobei ich aber das Angebotene ausschlug, und auch den Kadetten, die ohnehin schon genug hatten, zuredete, nichts anzunehmen. Eine der Dirnen machte sich an Dantrace, die andere an Roger, und wollten beide mit sich fortziehen; ich aber protestierte dagegen, indem ich sagte: ich gebe es nicht zu, daß sich die jungen Leute ohne mich entfernten. Roger bezeigte auch wenig Lust, aber Dantrace, den diejenige, welche sich an ihn gewandt hatte, festhielt, indem sie zu ihm sagte: „Mais ce Monsieur est il donc votre Mentor?“, wurde dadurch gereizt, sagte mir: ich habe ihm nichts zu befehlen, und er wollte mit dem Mädchen fort; ich versetzte: „Gut, aber geben Sie mir erst Ihre Börse.“ Ich wußte, daß er an hundert Napoleons in Gold bei sich hatte. Er war im Begriff, es zu tun, als ihm Jean Roi lachend zurief: „Mais vous êtes donc un enfant?“, worauf er mein Begehren abschlug. Ich sagte ihm aber, daß er in diesem Fall nicht ohne mich das Zimmer verlassen werde. Jetzt ließ auch er einen drôle fallen, ich aber, an mich haltend, erwiderte nur: „Vous m’en rendez raison demain,“ und kündigte ihm sogleich, sowie den beiden Fouriers, kraft meines Sergeantengrades, Arrest an. Während dieses vorging, hatte sich ein anderes der Mädchen an Roger gemacht, diesen auf einen Stuhl gezerrt, und während sie eine ihrer Hände sonstwo hatte, verlor sich die andere in dessen Hosentaschen. Ich bemerkte dieses Manöver und sah, wie ihm die Dirne den wohlgefüllten Beutel ganz sachte aus der Tasche zog. Jetzt tat ich einen Seitensprung und faßte das Mädchen bei dem Arm, mit dem sie den Beutel hielt, den sie fallen ließ. Ihn aufhebend, sagte ich mit lauter Stimme zu dem Kadetten: „Merken Sie denn noch nicht, wohin man Sie geführt hat?“ und packte die Diebin so fest bei der Gurgel, daß sie überlaut aufschrie. Jetzt war endlich dem Dantrace ein Licht aufgegangen, und er rief aus: „Nous sommes donc dans un répaire de voleurs!“; er legte nun so starke Hand an die Demoiselles, daß ich genötigt war, ihn abzuwehren. Es gab jetzt einen gewaltigen Lärm, so daß die mère abesse des Hauses herbeieilte und sich eifrig nach der Ursache desselben erkundigte. Ich sagte ihr ganz trocken, es handle sich um einen ertappten Dieb, worauf sie ein: „Impossible“ erwiderte, ich aber ganz trocken erklärte, die Possibilität beweisen zu können, und mich hierauf mit den beiden Kadetten, die mir nun gerne folgten, entfernte, den zurückbleibenden Fourieren ein: „à demain“ verächtlich zuwerfend. Ich begab mich mit meinen Begleitern in ein Kaffeehaus auf dem Terrauxplatz, wo wir mehrere Offiziere vom Regiment antrafen, denen ich die saubere Geschichte mitteilte, und die auf der Stelle in das verdächtige Haus gehen, die Sache untersuchen und daselbst tolle Wirtschaft machen wollten. Vergeblich suchte ich sie von diesem Vorhaben abzuhalten, fürchtend, daß es zu argen Exzessen kommen könnte. Glücklicherweise war es uns, trotz stundenlangem Suchen, unmöglich, das Haus, von dem wir nicht einmal den Namen der Straße wußten, in der es lag, wieder aufzufinden; wir trennten uns um Mitternacht, indem ich zu Dantrace sagte, daß ich ihn wegen des drôle morgen besuchen würde. Das schändliche Benehmen der beiden Fouriere aber nahm ich mir vor, dem Bataillonschef, Herrn Düret, anzuzeigen. Bei Tagesanbruch suchte ich einen Kadetten auf, dem ich das Vorgefallene mitteilte, und den ich sodann zu Dantrace sandte, mit dem Auftrag, diesen zu einem Dejeuner à la broche einzuladen. Er fand sich auch bald darauf in dem ihm bezeichneten Kaffeehaus ein, von wo wir alle vier uns ins Freie jenseits der Rhone begaben. Auf dem Terrain angekommen, hielt ich ihm sein Benehmen gegen mich vom vorigen Abend vor; gerne gestand er sein Unrecht ein, sowie daß er mir noch obendrein großen Dank schuldig sei, und deshalb aus freien Stücken den drôle zurücknehme, mich um meine Freundschaft bitte, versichernd, daß er sie auf jede Weise zu verdienen suchen wolle, und ich in allen Fällen auf ihn zählen könne. Damit war die Sache abgemacht, und statt dem Dejeuner à la broche nahmen wir vergnügt eins à la fourchette ein, worauf ich mich mit meinen Kameraden zum Bataillonschef begab und diesem, was in der verwichenen Nacht vorgegangen, bis auf den kleinsten Umstand mitteilte. Düret ließ sogleich die Fouriere Latouche und Jean Roi holen und stellte sie in den härtesten Ausdrücken zur Rede, ihnen mit strenger Untersuchung und Strafe drohend. Diese redeten sich aber damit aus, daß auch sie ganz fremd in dem verdächtigen Haus seien, das sie jetzt nicht einmal mehr aufzufinden wüßten, da sie halb im Rausch und ebenso unwissend wie wir in dasselbe geraten seien. Ob nun gleich auch Herr Düret moralisch von der nichtswürdigen Absicht der beiden Individuen überzeugt war, so ließ er sie doch mit der Warnung gehen, sich nicht wieder auf ähnlichen Wegen erwischen zu lassen, schärfte den beiden andern jungen Leuten ein, künftig vorsichtiger zu sein, und somit war die Sache vorerst abgetan. Als wir das Quartier des Chefs verließen, sagte jedoch Latouche zu mir: dies würde er mir gedenken, worauf ich erwiderte: „Quand il vous plaira.“ Ich schwärmte den Rest des Tages noch in Lyon herum, besuchte den Abend das Theater Cölestin, wo ich mich mit einer schneeweiß gepuderten Schönheit, damals schon eine Seltenheit, die wahrscheinlich die grau werdenden Haare durch den Puder verbergen wollte, sonst aber gar nicht so übel war, recht angenehm in einer Loge unterhielt. Man gab „Agnes Sorel“ und noch einige kleine Piecen. Der Vorhang dieses Theaters stellte eine sehr täuschend gemalte Ansicht Lyons, von dem Kai der Rhone aus gesehen, dar.
Den kommenden Morgen schiffte sich das Bataillon auf fünf gebrechlichen Fahrzeugen auf der Rhone ein; da diese Art Schiffe nie den Weg zurückmachen, sondern, mit dünnen Brettern zusammengenagelt, an ihrer Bestimmung angekommen, auseinandergeschlagen werden und das Holz verkauft wird, so sind sie nicht von großer Solidität. Unsere Kompagnie, die erste, war mit der der Karabiniers, der Musik und dem Etatmajor des Bataillons zusammen eingeschifft. Kapitän Alphons, der die Karabiniers[10] kommandierte, hatte seine hübsche Frau bei sich, beide aber schnitten verdrießliche Gesichter, saßen stumm und traurig in einer Ecke des Schiffes und maulten miteinander. Ich erfuhr bald von meinem Kapitän den Grund dieses Umstandes: beide hatten eine galante Krankheit, und jeder warf dem andern vor, sie von ihm bekommen zu haben; das Wahre an der Sache mochte sein, daß keines seiner Sache gewiß war oder sein konnte, denn beide waren eben keine Felsen ehelicher Treue. Wir stießen nach acht Uhr unter dem Schall der Musik und dem Wirbeln der Trommeln vom Ufer und flogen pfeilschnell auf dem reißenden Strom dahin; rechts und links schwanden Villen, Gärten, Dörfer, Hügel und Auen, während die Soldaten jauchzten und zufrieden waren, so mühelos die Märsche zurückzulegen.
Bald bekamen wir das uralte Vienne mit seinen gotischen Türmen, Mauern und Zinnen zu Gesicht, eine der ältesten Städte Frankreichs, die schon fünfhundert Jahre vor Christi Geburt erbaut worden sein soll und die Hauptstadt der Allobroger (Vienna Allobrogum) war. Keine Stadt am Rhein, Köln ausgenommen, sieht so ehrwürdig grau, so imponierend alt aus, wie Vienne an der Rhone; nur zu schnell entschwand sie unsern Augen und wir kamen bald an jene hochberühmte Côte dü Rhone, deren Feuerweine mit dem besten Ungar rivalisieren können, namentlich der, den die Côte rotie, dem Barometerberg Pila gegenüber, erzeugt. So sahen wir Rousillon, und endlich Condrieux, wo wir landeten, um zu übernachten; ein Teil der Truppen schlief jedoch in den Schiffen. Das Städtchen liegt zwar nicht dicht am Fluß, hat jedoch einen Hafen an demselben, und ist meistens von Schiffern bewohnt, weshalb auch nur die Offiziere und ein Teil der Unteroffiziere in demselben einquartiert werden konnten und der Rest der Truppen auf den Schiffen blieb. Hier trug sich eine Begebenheit zu, die dem Fourier Jean Roi den Hals brach. Alle Fouriere waren nämlich samt dem Adjutant-Unteroffizier Geßner in einer großen Stube einquartiert, wo Jean Roi erwischt wurde, wie er in der Nacht einem Kameraden achtzig Franken aus der Tasche der abgelegten Beinkleider stahl; er wurde cum infamia vom Regiment gejagt, da man es nicht der Mühe wert erachtete, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen.
Mit Tagesanbruch schifften wir uns wieder ein und setzten die Reise gut gelaunt und fröhlich fort. St. Jüste hatte eine gute Portion süßen Condrieux mit an Bord genommen, womit er seine ganze Kompagnie regalierte, so daß jedermann ein großes Glas voll davon zum Frühstück erhielt, wodurch die Leute gewaltig munter wurden, während die Karabiniers des Kapitän Alphons, die nichts erhielten, scheel dazu sahen. Saint Vallier mit seinem alten Schloß, der platte Königsfelsen, der Berg Ventoux und so weiter glitten an unsern Blicken vorüber, und bald waren wir in der Nähe der berühmten Eremitage, welche den köstlichsten der Rhoneweine, den perlenden weißen Eremitage liefert, den viele Weinkenner noch dem Tokaier vorziehen. Jetzt windet sich der gewaltige Strom bald zwischen wandsteilen, ungeheuer hohen Felsen durch, bald wogt er durch die herrlichsten Weinhügel dahin. In dieser Gegend zeigt alles an, daß einst zahlreiche Vulkane hier gewesen sein müssen, die längst ausgewühlt haben, und noch stößt man auf ausgebrannte Krater. Immer reißender wird nun die rauschende Rhone, je näher man der Pont St. Esprit kommt. Bald zeigt sich diese majestätische, fünfundzwanzig schöne Bogen lange Brücke, ein Meisterstück der Architektur, dem erstaunten Auge, man darf sie kühn den größten Werken des Altertums der Art zur Seite stellen. Im Jahr 1265 wurde ihr Bau begonnen und erst 1309 vollendet, aber sie wurde fortwährend so gut unterhalten, daß sie noch so völlig unversehrt dasteht, als ob sie erst vor kurzem aufgeführt worden sei. Sie geht nicht in gerader Linie durch den Strom, sondern biegt in der Mitte gegen denselben aus, dies macht, daß sie besser den tobenden Wellen widersteht und an Festigkeit gewinnt. Ihre Bogen sind zirkelrund und sie ist bei aller Dauerhaftigkeit doch noch zierlich; ihren Namen soll sie erhalten haben, weil der heilige Geist selbst den Plan der Brücke dem Baumeister eingegeben hat. Die Beiträge, um das Werk vollenden zu können, wurden weit umher gesammelt, bis auf zwanzig Lieues in der Umgebung, man gab gerne, da die Überfahrt hier, wo der Strom so reißend ist, so gefährlich war, und kein Jahr ohne bedauerliches Unglück vorüberging.
Wild wogen die Fluten an der Brücke und unter ihren Bogen, und es erfordert eine große Geschicklichkeit der Schiffer, um pfeilschnell mitten durch einen derselben unversehrt durchzukommen; im Fall eines Anstoßes geht das Schiff unvermeidlich in Trümmer, wie es einem der unsrigen erging. Als wir uns der Brücke näherten, auf der viele Menschen standen, die Durchfahrt der kleinen Flottille anzusehen, schlugen die Tambours Sturmschritt, die Musik spielte einen Pas de charge, und man ließ die Guides wehen, während die Schiffer Gebete hersagten. Die beiden ersten Schiffe, worunter das unsrige, waren schon glücklich, unter dem Beifallrufen der auf der Brücke stehenden Leute, tambour battant durchgefahren, als das dritte, welches der Strom ein wenig zu weit rechts getrieben hatte, mit großer Gewalt gegen einen Pfeiler anfuhr und sich krachend spaltete, worauf sich sogleich ein furchtbares Geschrei auf und unter der Brücke und an den Ufern erhob, aber auch in demselben Augenblick stießen mehr denn zwanzig Nachen vom Ufer ab, die Verunglückten aufzunehmen. Das so leicht gebaute Fahrzeug war wenige Sekunden nach dem Anstoß auseinandergegangen und die Oberfläche des Wassers war alsbald mit Menschen, Tschakos und Effekten bedeckt. Alle ins Wasser Gefallenen, unter denen auch einige Frauen, wurden indessen bis auf zwei Mann gerettet oder retteten sich mittelst der Seile, die man ihnen zuwarf, und die für einen allenfallsigen Unfall schon in Bereitschaft waren. Die beiden andern Schiffe kamen, mitten durch die Leute und Trümmer im Wasser fahrend, glücklich jenseits der Brücke an. Vom Gepäck ging manches, und namentlich viele Gewehre, verloren. Die so wider Willen ausgeschifften zwei Kompagnien legten nun, nachdem sie sich erholt und getrocknet hatten, den Weg bis Orange zu Fuß zurück, wo auch der Rest des Bataillons ausschiffte, und Düret beschloß, daß wir die letzte Etappe – es war nur noch ein Marsch bis zur neuen Garnison – zu Land zurücklegen sollten.
Mit dem frühesten Morgen marschierten wir, von der aromatischen Luft der provenzaler Sonne erquickt, nach dem Ort unserer einstweiligen Bestimmung, nach Avignon, ab. – Hier wird das Himmelsblau schon lebhafter, Nebel bei Sonnenauf- und -untergang kennt man nicht, freundlich heiter sind die Fluren, und die klimatische Veränderung fühlt man durch den ganzen Körper.
Eine Viertelstunde vor Avignon wurde Halt und Toilette gemacht, man warf sich in grande tenue, die Karabiniers setzten ihre Bärenmützen mit den roten Federbüschen auf und schmückten ihre Schultern mit den Epaulettes von derselben Farbe, sowie die Voltigeurs mit gelben und die Chasseurs mit grünen Epaulettes und Federn; da das Regiment ganz neu und schön uniformiert war, so nahm es sich stattlich und imponierend aus und marschierte gehörig geschniegelt und gestriegelt in schönster Ordnung in die neue Garnison und alte Residenz so vieler Päpste ein, wo wir durch sehr enge, winklige Straßen mit altertümlichen Häusern, aus denen aber doch sehr moderne Damen auf uns herabsahen, auf den Waffenplatz kamen. Das Bataillon wurde gleich in die geräumigen gewölbten Säle der alten päpstlichen, auf hohen Felsen liegenden Burg kaserniert. Ich mietete mir aber eine Chambre garnie, die recht schön möbliert war, für den äußerst billigen Preis von acht Franken per Monat in der Nähe des großen Platzes. – Als ich in Gesellschaft mehrerer Kameraden nach Wohnungen suchte, gerieten wir auch an ein Haus, an dessen Mauern mit großen Lettern geschrieben stand: „Ici on loue des chambres garnies pour hommes et non pas pour femmes“; bald wußten wir, was es damit für eine Bewandtnis hatte, eine solche Unverschämtheit kann man sich nur in Frankreich erlauben. Eine andere Sache, nach der man sich eifrigst in jedem Haus, wo wir Wohnungen suchten, erkundigte, war: ob wir keine Kosacken, Tataren, Kalmücken oder Russen seien, und man wollte uns in der Regel nicht eher Zimmer zeigen, bis wir zur Genüge dargetan, daß wir Franzosen oder doch wenigstens des bons allemands und Christen seien. Den Grund dieser ängstlichen Erkundigungen erfuhren wir bald; man hatte nämlich von unserm Regiment das Gerücht, das uns vorausging, verbreitet, daß es fast aus lauter wilden und barbarischen Völkern bestünde, die nicht nur raubten und plünderten, sondern sogar die kleinen Kinder wegfingen, wo sie deren habhaft werden könnten, um diese nach Umständen roh, gebraten oder auch in einem Fricot zusammengehackt zu verzehren. Solche Dinge glaubten die Einwohner in allem Ernst und fluchten dem Napoleon, daß er solches Volk in Dienst nehme und ihnen zuschicke. Erst nachdem ich hinlänglich beteuert hatte, daß ich kein Kinderfresser sei, willigte man ein, mir die erwähnte Wohnung bei einem Herrn Croizet, einem kleinen Rentier, der eine hübsche Frau hatte, zu vermieten.
Die alte Stadt liegt in einer reizenden, fast immer grünenden, etwas abhängigen Ebene, an dem linken Ufer der Rhone, und ist von gelbbraunen Mauern und Türmen, nach der alten Befestigungsart, umgeben. Hier findet man sich schon ganz unter dem südlichen Himmelsstrich, wo Oliven und andere Südpflanzen gedeihen, die meistens der tropischen Zone angehören; der Himmel hat schon den italienischen Anstrich, und die immergrünen Fluren sind mit Limonen-, Orangen- und Feigenbäumen bedeckt; die herrliche Natur gibt in üppiger Fülle, was den Lebensgenuß versüßt, und die bläulichen Wasser der Rhone strömen majestätisch wild dem nahen Meere zu. Unvergleichlich und entzückend ist die Aussicht von dem hohen Felsen, auf dem die alte Residenz der dreikronigen Priester steht, von wo man die blühenden Gefilde der Rhone auf eine unabsehbare Weite überschaut, die der Fluß zwischen romantischen Ufern durchströmt. Besonders reizend ist die Aussicht gegen das malerische Tal von Vauclüse, und nicht mit Unrecht wird diese Gegend als die schönste in ganz Frankreich und als eine der anmutigsten Europas gepriesen.
Der alte päpstliche Palast ist eine auf hohen Felsen erbaute ungeheure Steinmasse, einer Feste ähnlich, ein ungeheures Gebäude mit öden Gemächern und Zimmern, fast alle hochgewölbt. In dem weitläufigen Schloßhof stieß man allenthalben auf Schutt und Trümmer, und die imposanten Ruinen ließen noch die Herrlichkeit längst vergangener Größe bewundern. In den am besten erhaltenen Sälen, Kirchen, Kapellen und Gewölben lagen jetzt unsere Soldaten, und an der Stelle, wo einst, dem Donnergott gleich, die Oberpriester der Christenheit ihre Blitze über das zu ihren Füßen liegende Avignon, gegen Venedig und Mailand, Deutschland und Italien, gegen Kaiser und Könige schleuderten, an dieser Stelle putzten jetzt Russen und Österreicher, Ungarn und Böhmen, in französische Uniformen gesteckt, ihre Gewehre und Patronentaschen und aßen mit hölzernen oder eisernen Löffeln ihre Menagesuppen. In den Gemächern und Höfen, wo die Päpste die prächtigsten und glänzendsten Feste mit üppiger Verschwendung gaben, wo einst die schöne Johanna von Neapel als Gebieterin von Avignon mit einem zahlreichen Gefolge von Kardinälen und Bischöfen, Rittern und Edelfrauen, in die kostbarsten und reichsten Gewänder gekleidet, an der Seite ihres Gatten unter einem Prachthimmel einzog und vom heiligen Vater in seiner ganzen Glorie empfangen und bewillkommnet wurde, da ertönte jetzt das eintönige Verlesen der barocksten russischen, deutschen, polnischen und böhmischen Soldatennamen, und das düstere „Qui vive!“ („Wer da!“) der Schildwachen des in Kasernen verwandelten Prunkpalastes, in dessen weiten Räumen und Höfen das einsilbige Kommando der Unteroffiziere widerhallte, die den exerzierenden Rekruten die Soldatenschule und Handgriffe einbläuten.
Von einer uralten Brücke, die hier über die Rhone führte und von dem wilden Strom zerstört wurde, sind nur noch einige Bogen mit einer kleinen Kapelle übrig, sie hatte deren neunzehn. Im Mund des Volkes der Umgegend ist folgende, sie betreffende Sage: Ein sehr frommer Schäfer mit Namen Benedikt (Benezet in der dortigen Volkssprache) weidete eines Tages seine Herden auf den Auen der Insel Bartelasse, wo ihm der heilige Petrus erschien und ihm im Namen des Himmels befahl, die Bewohner Avignons und der Umgegend aufzufordern, zum Besten der Pilger, die nach Rom und Jerusalem wallfahrten, hier eine Brücke über den Strom zu bauen. Er fand jedoch die Leute nicht sehr willfährig für sein Ansuchen, obgleich er im Namen des Petrus sprach, das Unternehmen war zu schwierig und zu kostspielig; Benedikt aber war beharrlich und hörte nicht auf, das Volk aufzufordern, den Willen des Himmels zu erfüllen. Zuletzt verlangte der Bischof, er solle seine Sendung durch irgendein Wunder beweisen, und der Schäfer hob ein ungeheures Felsenstück, das wohl viele Tausend Pfund wog, so leicht auf seinen Rücken, als sei es eine Feder, trug es auf seinen Schultern eine große Strecke weit bis an den Fluß, auf dessen Oberfläche er bis zur Mitte mit seiner schweren Bürde schritt, ohne sich nur die Knöchel zu benetzen, und warf es dann mitten in den Strom, sprechend: „Dies sei der erste Grundstein zu der neuen Brücke.“ Jetzt schrie alles Volk: „Mirakel!“ und warf sich vor dem zum Ufer zurückkehrenden Schäfer auf die Knie. Der Bau der Brücke ging jetzt schnell vor sich und war in wenigen Jahren vollendet, Benezet aber ward nach seinem Tode unter die Heiligen versetzt und ihm zu Ehren in der Nähe der Brücke ein Kloster erbaut, dessen Mönche verpflichtet waren, die ankommenden Pilger zu verpflegen, die Brücke zu unterhalten. Man nannte sie deshalb fratres pontifices (Brückenbrüder). – Der Insel gegenüber liegt Villeneuve, wo noch die Ruinen eines ehemals wegen seiner Pracht und Größe berühmten Karthäuserklosters zu sehen sind, sowie das alte Schloß St. André mit seinen ungeheuren Mauern und dicken runden Türmen. Ludwig VIII. ließ diese starke Feste im dreizehnten Jahrhundert auf dem Hügel erbauen, der die Stadt beherrscht. Im Innern des Schlosses sind noch die Gebäude des ehemals so reichen Benediktinerklosters vorhanden. Villeneuve war der Geburtsort unseres Bataillonschefs Düret, der aus einer nicht sehr wohlhabenden Familie stammte, die während der Schreckenszeit aus dieser Stadt ausgewandert war. Nach mancherlei Schicksalen hatte er endlich zu Offenbach ein Ruheplätzchen bei dem Fürsten Y. gefunden, der ihn zum Kommandanten seines fünfzig Mann starken Heeres ernannte und bei der Formation des Regiments Y. zum Bataillonschef beförderte. Düret galt viel beim Fürsten und hatte ihn vermocht, beim Kriegsminister zu erbitten, daß das Regiment, um sich völlig einzuexerzieren, eine kurze Zeit in Avignon garnisonieren dürfe, was der Minister um so eher bewilligte, als er dasselbe ohnehin schon zu diesem Zweck nach Montpellier auf einige Monate bestimmt hatte. Also hatten wir es Dürets Eitelkeit zu verdanken, der sich seinen Verwandten und Landsleuten, die er seit vierzehn Jahren nicht gesehen, gerne an der Spitze seines Bataillons in glänzender Uniform zu Pferde zeigen wollte, daß wir auf kurze Zeit in Avignon in Garnison lagen, denn Montpellier war deswegen nicht aufgegeben. Ohne diesen Umstand hätte das Regiment wahrscheinlich Avignon nicht oder doch nur im Durchmarsch gesehen. Dafür mußten wir auch oft genug eine militärische Promenade durch Villeneuve machen. Das Offizierkorps des Regiments bestand, namentlich das des ersten Bataillons, meistens aus zum Teil sehr hübschen jungen Männern, an denen die holden Avignoneserinnen ihr Wohlgefallen zu haben schienen. Ich erinnere mich, daß nach der ersten Militärmesse, die wir hatten, eine junge hübsche Dame ganz außer sich zu meiner liebenswürdigen Wirtin ins Zimmer trat und mehrmals ausrief: „Oh le beau corps d’officiers, le beau corps d’officiers!“ Schönheit war die beste Empfehlung bei dem Fürsten Y., und er hatte die meisten Offiziere aus diesem Beweggrund angestellt.
Bei Croizets, meinen Wirtsleuten, lebte ich unterdessen wie der Vogel im Hanfsamen, und Madame Croizet war eine der liebenswürdigsten und muntersten Damen der Stadt, die mich gleich Rousseaus Mama in ihren besonderen Schutz nahm und in allem wahrhaft mütterlich für mich sorgen wollte, aber kein sehr gehorsames Kind an mir fand. Da sie mit den angesehensten Familien der Stadt bekannt und zum Teil verwandt war, so bekam sie täglich Besuch von jungen hübschen Damen, denen sie mich vorstellte und deren Bekanntschaft ich hierdurch machte. Da kein Instrument im Haus war, so mietete ich ein Fortepiano, welches mir Madame Croizet erlaubte, in ihren Salon zu stellen. Ich war somit befugt, denselben zu jeder Stunde zu betreten. Herr Croizet, obgleich in Avignon geboren, hatte eine gute Portion Phlegma, bei einer ziemlichen Zahl von Jahren; er war Kaufmann gewesen, hatte sein Schäfchen ins Trockene gebracht und ruhte, wenn auch nicht gerade im Überfluß und auf Lorbeeren, so doch gemächlich auf seinem Errungenen aus. Ich schien ihm noch viel zu jung und unerfahren, als daß er mich für gefährlich gehalten hätte, und da er alle Nachmittage und die Abende bis elf Uhr in den Kaffeehäusern meistens mit Dominospielen zubrachte, so hatten wir völlig freies Spiel zu Hause. Der Dienst war nicht sehr beschwerlich; außer dem Exerzieren und den militärischen Promenaden hatten wir fast alle Zeit frei, und die Wachen kamen nur selten an mich.
Ein paar Tage nach unserer Ankunft hatte ich Briefe von meinen Eltern mit Empfehlungsschreiben an das Haus Blavet et frères, von dem mein Vater öfters französische Südweine bezogen, erhalten. Ich präsentierte mich bei demselben und wurde mit der zuvorkommendsten Artigkeit aufgenommen, erhielt häufige Einladungen zu Dejeuneurs, Diners und parties de Campagne, lernte in diesem Haus die ganze beau monde von Avignon in ihrem Glanze kennen, und hatte auch bald, nach echt französischer Art, ein halbes Dutzend Amouretten von mehr oder weniger Bedeutung, mit mehr oder weniger Begünstigung. Madame Croizet war und blieb mir jedoch lieb und wert, besonders solange ich noch nichts wie einige Küsse im Vorübergehen von ihr erlangt hatte; um aber bald weiter zu kommen, suchte ich die Eifersucht zu rechter Zeit in Bewegung zu setzen, wozu mir ein besonderer Umstand günstig war, der mich zu dem Ziele brachte, das ich durch Bitten und Stürmen noch nicht hatte erreichen können. Eines Tages fand eine prächtige Prozession, ich weiß nicht mehr zu Ehren welches Heiligen, statt, die an dem Haus Croizets vorbeikam. Hier fanden sich viele Zuschauerinnen ein, um die Feierlichkeit bequem mit ansehen zu können. Unter ihnen war auch eine Cousine des Präfekten des Departements, ein charmantes Mädchen; dieser hatte ich zwar schon einigemal den Hof gemacht, aber heute stellte ich mich, als hätte ich nur Augen für sie, und dies setzte Madame Croizet in üble, mir aber günstige Laune. Als die Vorläufer der Prozession ankamen, wies Madame Croizet schnell jedem das Fenster an, durch welches er schauen sollte; sie entführte mir meine Schöne, und zwar in den zweiten Stock, und ich war somit von ihr getrennt. Sie selbst aber begab sich mit noch mehreren älteren Damen in mein Zimmer, das ebenfalls drei auf die Straße gehende Fenster hatte, da alle andern schon in Beschlag genommen waren, stellte sich mit mir unter eine der Fensterhallen, während die übrigen Damen die beiden andern zierten. – Wohl, dachte ich, diesmal wirst du mir nicht so ganz ungerupft davonkommen, denn Aufsehen kannst du in dieser Lage nicht machen, Küsse und Umarmungen hast du mir ja schon gewährt, und kannst keinen Eklat machen, also frisch gewagt. – Nachdem ich mich nun umgesehen und überzeugt hatte, daß uns die andern, ebenfalls in den Fensterhallen stehend, nicht sahen und alle ihre Aufmerksamkeit auf die sich nähernde Prozession gerichtet hatten, schlang ich meinen linken Arm um ihre schlanke Taille, sie fester und fester an mich drückend, und die Wangen der Dame glühten. – Dies war mir für jetzt genug und ich flüsterte: „A ce soir?“ – Keine Antwort. – „A quelle heure?“ – Noch immer stumm. – „A onze heures ou a minuit?“ – Noch immer kein Laut. – „Mais pour l’amour de dieu quand donc?“ – Endlich ein: „Laissez moi tranquille pour l’amour de dieu!“ – „Nicht eher bis ich weiß, wann?“ – „Eh bien à minuit, mais finissez donc!“ Jetzt nahm ich ihre Hand, drückte sie fest an meinen Busen, und sagte, ich hoffe, daß sie Wort halten würde. Daß uns Herr Croizet nicht im Wege stehe, wußte ich, denn er hatte sein besonderes Schlafzimmer in einer höhern Etage. Aber der Zufall wollte, daß ich nicht einmal so lange mehr auf die versprochene Schäferstunde warten sollte, sondern diese mir denselben Nachmittag noch wurde. Als das ganze Haus, bis auf Madame Croizet und ich, die wir allein zurückgeblieben waren, von allen Bewohnern verlassen war, um der Kirchenfeierlichkeit beizuwohnen, erlangte ich auf der Ottomane des Salons, was ich wünschte, und erschöpft ruhten wir Arm in Arm, als uns das Klingeln der Haustüre aufjagte und trennte, und die Zofen heimkamen. Denselben Abend brachte ich bei Blavets zu, wo ich wieder die hübsche Cousine des Präfekten, Amelie, traf, und fortsetzte, wo ich es am Morgen gelassen hatte. Daß hier nicht viel zu erreichen war, wenn ich nicht ernstliche Absichten blicken ließ, wozu ich ebensowenig Lust hatte, als Aussicht dazu vorhanden gewesen, denn die nächste zu einer Heirat war wohl ein Kapitänspatent in noch unabsehbarer Ferne, war mir bald klar, und ob ich gleich ewige Liebe und Treue versicherte, wurde mir außer einem verstohlenen Händedruck und einem Kuß zum Abschied nichts gereicht. Dagegen war ich weit glücklicher bei einer allerliebsten Grisette, die vis-à-vis von mir wohnte, aber schon einen Liebhaber hatte. Wir wechselten erst Blicke, dann Kußhände und endlich kleine Zettelchen, die ich um einen kleinen Stein gewickelt in das offene Fenster gegenüber warf. Es kam bald zu einem Rendezvous und zwar zuerst in der stillen Franziskanerkirche, wo wir uns verständigten und spätere Zusammenkünfte in der Wohnung einer ihrer Freundinnen verabredeten, die ich aber bald wieder zu vermeiden für gut fand; nicht so das Mädchen, das diese Intrige durchaus fortsetzen wollte, und es so auffallend machte, daß nicht nur die Nachbarschaft und Madame Croizet das Verhältnis merkten, sondern auch ihr Liebhaber Lunte roch und eifersüchtig ward. Ich war dann abends mehr als einmal Ohrenzeuge von heftigen Szenen, die zwischen beiden vorfielen, konnte aber wenig verstehen, da sie sich in dem Patois Avignons, das schon ziemlich dem Provenzalischen gleicht, zankten; doch merkte ich wohl, daß Madame Croizet das Feuer geschürt haben mußte; jeder Streit endigte aber immer mit einer zärtlichen Versöhnung, nachdem Annette, so hieß das Mädchen, ihrem Geliebten unerschütterliche Treue und ewige Liebe geschworen hatte. Ich machte der Sache ein Ende, indem ich Annetten ein kleines silbernes Körbchen, mit Orangenblüten gefüllt, unter denen ein Billettchen verborgen war, zuschickte, in welchem ich ihr den guten Rat erteilte, sich in Zukunft allein an ihren Liebhaber zu halten, der sie auch ehelichen wolle. Mit Madame Croizet hatte ich aber manchen Strauß deshalb zu bestehen, bis wir bald darauf an der Quelle zu Vauclüse einen ewigen Frieden auf kurze Zeit schlossen.
Schon seit einiger Zeit hatte ich eine Partie nach Vauclüse beabsichtigt, die jetzt zustande kam. Ich wußte es auch zu veranstalten, daß Amelie an derselben teilnehmen konnte, damit wenigstens doch auch eine Laura dabei war, denn meine Haustyrannin, das war Madame Croizet wirklich geworden, konnte mir keine solche mehr sein; freilich war auch ich nichts weniger als ein Petrarka. –
An einem Sonnabend fuhren wir fast mit Sonnenaufgang von Avignon ab. Von der Partie war auch noch eine jüngere Schwester der Madame Croizet, eine hübsche Witwe, die sonst nur selten in das Haus kam, und, wie ich später erfuhr, die Geliebte des Präfekten war. Auf dem Wege durch die reizende Gegend bis zum Städtchen l’Ile war Amelie mein Visavis im engen Wagen, deren Knie zwischen die meinigen eingeengt, so daß ich sie bei jedem Stoß über eine holprige Stelle zusammendrücken mußte und auch oft ohne eine solche Veranlassung zusammendrückte, wobei die Blicke des holden Mädchens jedesmal verlegen, sowie die der Dame Croizet, wenn sie etwas bemerkte, finster und gewitterschwanger wurden. In l’Ile stiegen wir aus und legten, nachdem wir vor dem Ort in dem Hotel, welches das Aushängeschild ‚Petrarka und Laura‘ führt, ein gutes Diner für den Abend bestellt hatten, den übrigen Teil des Weges durch das schöne und wilde Felsental Valla Clausa zu Fuß zurück. Ungefähr eine Stunde von l’Ile liegt das Dörfchen Vauclüse, das kaum ein Viertelhundert Häuser zählt. Auf einem steil hervorstehenden überhängenden Felsen sieht man die Ruinen eines alten Schlosses, das vor Zeiten der Familie von Sade gehörte. Der Volksglaube hält es für Petrarkas Wohnung und nennt es mit seinem Namen. Unter diesem Felsen liegt das Dörfchen Vauclüse, zu dem man über eine hölzerne Brücke durch ein düsteres Felsengewölbe gelangt. Eine Papiermühle, welche fast sämtliche Einwohner des Orts, kaum mehr als hundert Seelen, ernährt, steht alten Nachforschungen zufolge an der Stelle, wo Petrarkas kleines Wohnhaus war, sein zweiter Garten aber, den er den transalpinischen Parnaß nannte, lag unfern der Quelle. Es war im Jahre 1357, als sich der treffliche Dichter hier niederließ; seine Wohnung erbaute er ungefähr 250 Schritte von dem Felsental entfernt; hier war er mit seinen Büchern, den Musen, einem treuen Hund und zwei Personen zu seiner Bedienung und Gesellschaft, allein, lebte seinen Träumen, seiner Sehnsucht, seinen Phantasien, und nannte sich selbst ‚den Eremiten von der Sorgue‘. Als Schäfer gekleidet ging er auf den Fischfang, pflückte Mandeln und Feigen, verschaffte sich so sein Mittagsbrot und schrieb seine Lobrede auf die Einsamkeit, seine Ansichten über das Mönchsleben, sein Gedicht über Scipio, seine fastes de Romae und so weiter, führte dabei ein beschauliches Leben und schilderte in seinen Briefen die reizende Einsamkeit desselben mit den verführerischsten Farben. Seine Laura sah er hier nie, sondern klagte nur den Felsen der Valchiusa, in deren Echo seine Seufzer widerhallten, sein Sehnen und seine Leiden; doch hatte er eine Gesellschafterin bei sich.
Gerne hätte ich mit Laura-Amelie diese wilden und manchmal gefährlichen Partien, wo der Dichter so sinnig schwärmte und dichtete, allein besucht, aber meine gefällige Hauswirtin ließ mich nicht außer Augen, sondern wußte es so einzurichten, daß wir uns nicht allein sprechen konnten. Unter dem Vorwand, mir noch eine ganz besondere Schönheit zeigen zu wollen, führte sie mich den jähen Felsenpfad hinauf, der zu der schauerlichsten Einsamkeit führt, und wollte mir hier eine strenge Strafpredigt über meine Unbeständigkeit, Treulosigkeit und Gott weiß was noch alles halten, aber ich hielt es für das beste, den obgleich zürnenden doch liebenswürdigen Mund mit Küssen zu schließen und den Friedenstraktat, wenn auch nicht mit der Feder, zu unterzeichnen, versprach was man begehrte, und hielt was ich versprochen bis zur – Heimfahrt, wo schützende Finsternis wieder eine kleine Untreue begünstigte. Nachdem die Gesellschaft lange genug geschwärmt, gekost und mitunter auch geküßt hatte, kehrten wir nach Vauclüse und von da nach l’Ile zurück, um das beorderte Mahl einzunehmen, dessen Hauptbestandteile köstliche Forellen und noch trefflichere Aale ausmachten, würzten dasselbe mit Eremitagewein, Scherzen und Lachen, und besuchten noch die Kirche zu l’Ile, in welcher Petrarka zum erstenmal seine Laura gesehen und das ihn verzehrende Feuer gefangen hatte, das er nicht zu löschen verstand. – Die Heimfahrt war nicht minder angenehm als die Hinfahrt, und trotzdem es Madame Croizet so einzurichten wußte, daß Amelie nicht mehr mein Visavis, sondern in der andern Ecke des Wagens war, während sie selbst mir gegenüber saß, so hatte sie ihre eigne, mir nicht minder gefährliche Schwester, der ich ohnehin schon Fleuretten genug erzählt hatte, neben mich placiert. – Mit stockfinsterer Nacht kamen wir zu Hause an, uns alle nach Ruhe sehnend. Am andern Morgen wurde ich durch eine unangenehme Geschichte aus dem besten Schlaf in aller Frühe geweckt. Ich hatte einen ältern Soldaten von der Kompagnie, namens Roß, zu meiner Bedienung genommen, eine ehrliche Haut, die sich aber von Zeit zu Zeit dem Trunke ergab, wie die große Mehrzahl des Regiments, eine Leidenschaft, welche die Leute in Avignon um so leichter befriedigen konnten, als eine Flasche starker dicker roter Wein nur zwei Sous kostete. An den Zahlungstagen wurde dann auch das Regiment immer in den Kasernen konsigniert, denn die Russen, Polen, Böhmen und so weiter tranken sich toll und voll, begingen Exzesse aller Art und wälzten sich zum Skandal der Einwohner in den Gossen herum. Roß hatte sich den Tag, da ich zu Vauclüse war, mit einigen Kameraden einen tüchtigen Zopf getrunken, und sie wußten dann nichts Besseres zu tun, als in einer Schenke mehr denn dreißig große umflochtene Korbflaschen, wie man sie in jener Gegend hat, und von denen eine jede über fünfzig gewöhnliche Flaschen hält, in toller Vollwut mit ihren Säbeln zusammenzuhauen, so daß man bald bis an die Knöchel in der Schenke im Wein watete. Dabei schrien und schimpften die Kerls wie besessen über die f... Franzosky, wie sie sie nannten. Der Wirt aber, der den Skandal nicht hatte verhindern können, war zum Platzkommandanten gelaufen, um Hilfe zu suchen, die er auch sogleich erhielt, indem starke Wachtpatrouillen abgesandt wurden, die Trunkenbolde zu verhaften und in das militärische Gefängnis abzuführen. Der Schaden wurde auf über hundertfünfzig Franken angeschlagen, und die Burschen, die ihn nicht ersetzen konnten, sollten auf das strengste bestraft werden. Roß hatte seinen Helfershelfern, nachdem er wieder nüchtern geworden war, erzählt, daß ich ihn öfters an die Ecke der Gasse, wo ich wohne, als Lauerposten aufgestellt habe, um mich beizeiten zu benachrichtigen, wenn der Hausherr käme, mit dessen Frau ich mich einstweilen amüsiere. Nun meinten seine Sauf- und jetzt Leidensbrüder: wenn dem so ist, so muß dein Kadett auch die Zeche bezahlen, sonst soll ihn der Teufel holen. Sie schickten hierauf einen Boten mit der Bitte an mich ab, ich möge doch den Wirt befriedigen, das hätte Roß durch sein Schildwachestehen wohl an mir verdient. Der Abgesandte stieß unglücklicherweise zuerst auf Herrn Croizet, den er nicht kannte, ließ sich mit ihm, da er etwas Französisch verstand, in ein Gespräch ein, und letzterer lockte so von dem dummen Teufel halb und halb den Grund heraus, warum die saubern Patrone diese Forderung an mich machten. Er führte ihn nun zu mir, der ich noch in den Federn lag. Ich ließ den Burschen sagen, daß ich die Sache zu arrangieren suchen würde, begab mich auch vor der Parade zum Wirt, wo der Skandal vorgefallen war, und fand mich mit diesem für eine runde Summe ab, die ich zu bezahlen versprach, wenn der Mann dagegen die Sache bei dem Platzkommandanten so abmachen würde, daß die Delinquenten wenigstens mit einem blauen Auge, das heißt mit einigen Tagen Arrest davonkämen. Der Wirt brachte es in der Tat dahin, daß die Leute dem Regiment zu einer Disziplinarstrafe überlassen wurden, und ich zahlte ihm dann neunzig Franken aus, mit denen er zufrieden war, da er sonst gar nichts erhalten haben würde; somit war von der einen Seite die Sache abgemacht, aber nicht so von der andern. Croizet war jetzt argwöhnisch geworden und wollte sich von dem Grund der Aussagen des Soldaten und seines Verdachts überzeugen. Ich hatte mit Madame Croizet, ihrer Schwester und dem Kadetten Roger, der mich öfters besuchte und mit von der Vauclüse-Partie gewesen war, abgemacht, daß wir uns den kommenden Abend alle vier verkleiden, die beiden Damen nämlich Uniformen von uns und wir Kleider von den Damen anziehen, und so eine Abendpromenade in den Straßen der Stadt machen wollten. Croizet hatte das Haus wie gewöhnlich verlassen, wir waren mit der Toilette der Damen, die uns schon in Weiberkleider gesteckt, beschäftigt, zogen ihnen die Uniformen unter Lachen und Schäkern an, und eben machte ich der Madame Croizet die Brusthaken zu, als sich plötzlich die Türe ihres Schlafzimmers, denn dieses hatten wir zu unserm Ankleidezimmer gewählt, öffnete und Herr Croizet mit grimmiger Gebärde hereinstürzte. Er war durch ein Hinterpförtchen des Hauses, zu dem er allein die Schlüssel hatte, heimlich zurückgekehrt, während das Kammermädchen der Madame Croizet im Salon am offenen Fenster aufpaßte, daß uns niemand überrasche. Zum Glück lag mein Degen in der Nähe, den ich bei des Mannes unvermutetem Erscheinen schnell ergriff, und setzte mich in eine defensive Positur. Herr Croizet aber wandte sich nur an seine uniformierte Gattin, die er eben nicht mit den feinsten Epitheten anredete und bedrohte; aber die Schwester, die, wie es schien, viel Gewalt über ihn hatte, warf sich sogleich zwischen beide, indem sie dem aufgebrachten Ehemann versicherte, daß ja das Ganze nur ein durchaus unschuldiger Scherz sei, und er sich doch nicht durch eine wirklich unbegründete Eifersucht lächerlich machen solle, es sei in ihrer Gegenwart auch nicht das mindeste Unanständige vorgefallen und so weiter; wir alle machten Chorus mit der jungen Witwe und überschrien den Mann so sehr, daß er gar nicht mehr zu Wort kommen konnte; er wendete jedoch dagegen ein, was er von dem Soldaten herausgebracht, es war mir aber ein Leichtes, ihm glauben zu machen, er habe den Burschen ganz mißverstanden, der zu allem, was man ihn frage, sein „Oui“ sage, und es gelang unsern vereinten Kräften, nicht nur den ehrlichen Ehemann völlig zu besänftigen, sondern sogar zu bereden, mit von der Partie und des jungen Rogers, der ein sehr hübsches unbärtiges Gesicht hatte, Ehrenkavalier zu sein, während ich mich von den beiden weiblichen Kadetten, die mich in die Mitte nahmen, führen ließ; so traten wir munter unsere Promenade an, kehrten in einem eleganten Kaffeehaus auf dem großen Platz ein, wo wir uns Eis geben ließen, und alles lief auf das beste ab.
Zwei Tage nach dieser Begebenheit erhielt das Regiment Ordre, nach Montpellier zu marschieren; ich nahm Abschied von allen meinen Lieben, ließ mir noch eine Summe bei Blavet et frères auszahlen, denn ich hatte ziemlich große Depensen in Avignon gemacht, und marschierte in aller Frühe um sechs Uhr mit dem Bataillon ab, da ich keine Quartiere mehr machte, seit wir einen französischen Fourier bei der Kompagnie hatten. Manche jetzt verlassene Schöne sah hinter ihren Gardinen wohl mit Tränen in den Augen das Regiment dahinziehen, das sie anfangs gefürchtet und später gerne gesehen hatte.
Nur vier Etappen waren es von Avignon nach Montpellier, wovon die erste nach Tarascon lautete. Tarascon mag ungefähr zehntausend Einwohner zählen, die jedoch ein bitterböses und händelsüchtiges Volk sind, wie alle niederen Klassen in der Provence und Languedoc, und uns während unserm vierundzwanzigstündigen Aufenthalt einen Beweis lieferten, wie sehr sie ihren guten Ruf verdienen, indem sie beinahe unsere Wache steinigten, wozu aber das einfältige Benehmen des dieselbe kommandierenden Offiziers Veranlassung gab. Als die Avantgarde des Bataillons ankam, welche jedesmal die Wache in der Etappenstadt bildete, in die man einmarschiert, versammelte sich sogleich ein Haufen Volk vor dem Wachthaus und musterte die Angekommenen mit neugierigen Blicken; auch sie hatten schon viel von den Wundertieren, aus denen das Regiment bestehen solle, gehört, und besahen sich die ungewöhnlichen Uniformen mit ziemlicher Zudringlichkeit. Den kommandierenden Unterleutnant, einen gewissen Buchwald, ein kleines, unansehnliches Männchen, das früher ich weiß nicht bei welchem deutschen Duodezfürsten in Diensten gestanden, verdroß dieses Begaffen, und noch von dem deutschen Zopfdünkel besessen, befahl er der Schildwache vor dem Gewehr, die Leute auseinanderzutreiben. Der Posten, ein Österreicher, und von seinem frühern Dienst ebenfalls gewöhnt, alles, was nicht Uniform trage, müsse man als Bauer verachten, sich noch in Prag oder Olmütz in Garnison glaubend, war nicht faul und wollte die Haufen mit dem Kolben auseinanderjagen, dabei auf gut böhmisch fluchend; das Volk jedoch, statt sich zu entfernen, fing an zu lachen, der Leutnant wurde erbost und rief dem Soldaten zu: „Stoß zu auf das Lumpenpack!“ Aber noch ehe der Mann einen Stoß hatte anbringen können, war er auch schon beim Kragen gepackt und ihm das Gewehr abgenommen. Der Leutnant zog jetzt den Degen und rief der übrigen Mannschaft, einigen zwanzig, zu, unter das Gewehr zu treten, aber auch dazu ließen es die wütend gewordenen Tarasconer nicht kommen, sondern hatten in einem Nu die Wache erstürmt, und ein starker stämmiger Provenzale faßte den kleinen Buchwald, der wenig mehr französisch als die Worte b... f... hervorzubringen vermochte, um den Leib und hob ihn samt seinem Degen hoch in die Luft, so daß die kleine Figur mit Armen und Beinen, den Degen hoch in der Hand haltend, in der Luft zappelte, was so possierlich anzusehen war, daß die ganze Menge und namentlich die Weiber in ein schallendes Gelächter und lautes Applaudieren ausbrachen, wodurch gewiß größeres Unheil verhindert wurde. Der provenzale Herkules setzte endlich das Männlein wieder auf den Boden und ließ ihn laufen. Glücklicherweise rückte jetzt gerade das Bataillon ein, und als Düret von dem unglücklichen Wachtkommandanten erfahren hatte, was vorgefallen, geriet er so sehr in Zorn, daß er ihn sogleich in strengen Arrest schickte, nachdem er ihn abwechselnd bald deutsch, bald französisch vor der Front heruntergeputzt. Es wurde nun eine andere Wache dahin kommandiert, und da sich die Haufen Volks noch immer mehrten, so kam der Maire mit seiner dreifarbigen Schärpe und forderte sie auf, auseinanderzugehen was sie auch befolgten. Aber Düret war hiermit nicht zufrieden, ließ durch alle Straßen patrouillieren, verdoppelte die Wache und verlangte vom Maire, daß er die Schuldigen bestrafen und dem Bataillon Satisfaktion geben solle. Dieser machte jedoch Schwierigkeiten und erklärte, daß, wenn sich die Truppen an den Einwohnern vergreifen würden, er für nichts stehen könne, und diese gewiß sogleich das Tocsin (die Sturmglocke) läuten und die Landleute herbeiziehen würden. Man ließ jetzt die fatale Sache, welche auch den beiden uns folgenden Bataillonen keinen sehr angenehmen Empfang zu Tarascon bereitete, auf sich beruhen. Ich führte eine der Streifwachen an, und wenn ich an einen dichten Haufen kam, wo nicht gut durchzukommen war, so sagte ich laut: „Messieurs, de la place s’il vous plait!“, worauf man mir höflich die Gassen öffnete und mich ungehindert und ungeneckt mit meinen Leuten durchließ. Buchwald aber machte die Sache so viel Verdrießlichkeiten, daß er bald darauf das Regiment quittierte, um anderwärts ein Unterkommen zu suchen.
Tarascon hat ein schönes altes Schloß, das die Einwohner die Burg des Königs René nennen, der sich öfters in dieser Stadt aufhielt. Es war aber die Residenz der alten Grafen der Provence; es ist von gotischer Bauart und dient jetzt zum Gefängnis; von seinen Mauern hat man eine herrliche Aussicht in die unabsehbaren Ebenen von Languedoc. Unter dem König René fand hier ein sehr sonderbares Tournier statt, welches man das Schäfertournier nannte, weil die demselben beiwohnenden Ritter auf ihren herrlichen Tournierhengsten, ganz geharnischt und die Helme mit purpurroten Federn geschmückt, nebst ihren Waffen auch einen Schäferrock, eine Schäferschippe, eine Sackpfeife oder Flöte und ein Brotkörbchen nebst einer Wasserflasche bei sich führten. Die Preise wurden dem Sieger von einer als Schäferin gekleideten Dame, die auf einem von zwei Edelknaben geführten und mit Goldstoff bedeckten Zelter ritt, und der voran eine ganze Herde Schafe ging, ausgeteilt. Ihr grünes Schäferhütchen war mit Wiesenblumen geschmückt und ihr Schäferstab war von Silber, auch sie hatte ein Brotkörbchen und ein Wasserfläschchen am Gürtel hängen. Während man tournierte, saß sie in einer Blumenlaube auf erhöhtem Sitz. Der Preis, den sie auszuteilen hatte, bestand in einem Kuß und Blumenstrauß an goldenen Stengeln. Rechts von ihr saß der König René und seine Gattin auf einer rot ausgeschlagenen Tribüne, hinter ihnen deren Gefolge, und links von ihr saßen die Kampfrichter. Einer der Ritter-Schäfer, der den Preis erhielt, um den er lange verzweifelt gekämpft, begnügte sich mit dem Kuß und zierte unter dem donnernden Beifall der ganzen Versammlung die hübsche Schäferin mit den Blumen an goldenen Stengeln.
Zu Tarascon war auch der Hauptsitz der provenzalischen Galanterie und Minne, hier wurden manche Liebeshöfe abgehalten und prächtige Feste gefeiert, und fast alle Troubadoure und Dichter der Provence haben die Schlösser von Tarascon und Beaucaire, denn auch diese Stadt hatte eine berühmte Burg, durch ihre Gesänge verherrlicht. Das Schloß von Tarascon hat noch große unterirdische Gewölbe und ungeheure Hallen und Säle; von seinen Zinnen und Türmen sprangen einst über fünfzig Gefangene in die unten vorbeifließende Rhone hinab, lauter Engländer, von denen die meisten in den Wellen ertranken, während sich mehrere durch Schwimmen retteten. Der Gouverneur ließ nun auf allen Mauern zweischneidige Schwerter, Sensen und Spieße befestigen, damit man nicht mehr versuchen möge, sich auf diese Weise in Freiheit zu setzen.
Den zweiten Pfingstfeiertag wird hier ein seltsames Fest gefeiert; man führt nämlich ein großes Ungeheuer, von Holz verfertigt, das man la Tarasque nennt, in den Straßen der Stadt umher und läßt es die Leute niederwerfen und nicht selten beschädigen. Diese Art von Prozession geschieht zum Andenken an einen Wasserdrachen, der in uralten Zeiten die Schiffe in der Rhone umwarf, die Schiffer verschlang oder zerriß, selbst in die Straßen von Tarascon drang, und was ihm an Menschen begegnete, raubte und auffraß. – Unter Nero, so erzählt die Sage, zogen bewaffnete Kohorten gegen das Ungetüm aus, aber dieses verschlang alles samt Schild und Speer, die Ufer des Stromes waren mit Menschenknochen besät, und es war nahe daran, daß alle Einwohner die Stadt auf immer verlassen wollten, um sich ein anderes Vaterland, wo sie vor dem Drachen in Sicherheit wären, zu suchen; da kam plötzlich eine schön geschmückte Barke den Strom herabgefahren, in der ein wunderschönes Frauenbild saß, das eine ehrwürdige männliche Gestalt begleitete. Die Jungfrau landete in der Nähe der Höhle, in welcher sich der Drache aufhielt, der, als er sie erblickte, sich winselnd zu ihren Füßen wand und geduldig litt, daß sie ein Band um seinen schuppigen Hals befestigte. Dann aber folgte er ihr zitternd. Sie führte das Ungetüm mitten auf den Markt der Stadt Tarascon und befahl den staunenden Einwohnern, es zu erschlagen, was sie auch sogleich taten. Jetzt hielt der Begleiter der Jungfrau eine Predigt an das Volk, um es zum Christentum zu bekehren, denn es waren noch eitel Heiden, und brachte eine solche Wirkung hervor, daß sich sogleich alle und ohne Ausnahme taufen ließen. Die Retterin war niemand anders als die heilige Martha selbst gewesen, und ihr Begleiter war ihr Bruder Lazarus, der erste christliche Bischof in jenem Land. Der hölzerne Drachen, den man jetzt noch alljährlich am Pfingstfest und auch am Festtag der heiligen Martha herumführt und den Tarasque nennt, hat ungefähr die Gestalt einer Riesenschildkröte, die langgeschwänzt ist, und ist ein von hellgrüner, mit goldenen Schuppen bemalter Wachsleinewand überzogenes hölzernes Gerippe, unter dem acht junge Burschen stecken, die es sechzehnfüßig machen, leiten und lenken, und mit ihm sich gewandt drehend, unter die dichtesten Haufen der Zuschauer rennen, sie zu Dutzenden niederwerfen, und mit dem Drachenschwanz so derb schlagen, daß alle schreiend davonlaufen. Zugleich speit das Ungetüm aus dem Rachen und den Nasenlöchern Feuer und schleudert Schwärmer unter die Menge. Am Festtag der heiligen Martha wird das Ungeheuer von einem jungen weißgekleideten Mädchen an einem langen Bande geführt, wo es sehr friedfertig ist, und wird zuletzt in die Kirche der heiligen Martha gebracht, in der sich auch deren schönes Grabmal von Marmor befindet, auf dem sie liegend dargestellt ist; hier leitet man es in das Chor, wo es ein Priester mit Weihwasser besprengt, worauf es leblos niederstürzt, und in dieser Kirche wieder bis zur nächsten Prozession aufbewahrt wird. In der Revolution hatte man es zerschlagen, aber nach der Wiedereinführung der christlichen Religion wurde auch ein neuer Tarasque verfertigt, und das Volk begrüßte mit Jubel und Freudengeschrei die Wiederauflebung seines alten Drachens.
Von dem uns so unfreundlichen Tarascon marschierten wir nach dem durch seine berühmten römischen Denkmäler berühmten Nimes.
Da hier die Einwohner in einem gewissen Wohlstand waren, so fanden sie sich meistens mit den Soldaten, die Quartierbillette auf sie hatten, durch Geld ab und zahlten drei bis sechs Franken per Mann für das Billett; so kam es, daß beinahe die Hälfte des Bataillons während der Nacht auf den Straßen kampierte. Nachdem die Leute das erhaltene Geld in den Wirtshäusern verzehrt, sich größtenteils betrunken hatten, schlenderten sie lärmend in der Stadt umher, machten auch hie und da einige Exzesse, bis sie endlich unter freiem Himmel, den Tornister statt Kissen unter dem Kopf, einschliefen. Der Bataillonschef gab den andern Tag eine strenge Ordre, durch welche er bei namhafter Strafe den Soldaten das Verkaufen ihrer Quartierbilletts untersagte, um künftig ähnlichen Unordnungen zu steuern, was den Leuten eben nicht behagte. Denn in den Quartieren im Innern von Frankreich hatten sie außer der Schlafstelle auf nichts als Kochsalz und Licht Anspruch zu machen, und das geringste, was man ihnen dafür gab, waren doch immer dreißig Sous, wofür sie viel essen und noch weit mehr trinken konnten. – Ich hatte wieder das Glück, zu einer hübschen jungen Frau ins Quartier zu kommen, deren Ehemann ihr jedoch, solange ich da war, nicht von der Seite wich, ergo war jeder Versuch unmöglich.
Den vierten Tag nach unserm Ausmarsch von Avignon rückten wir in unserer neuen Garnison Montpellier ein. Je näher wir dieser Stadt kamen, desto angenehmer wurde die hier im allgemeinem sehr kahle Gegend mit fast kreideweißem Erdreich, welcher die vielen graugrünen Olivenbäume zwar ein sehr friedliches, aber auch totes Ansehen geben; auch um Montpellier sieht man außer Granat-, Pomeranzen-, Maulbeer-, Feigen-, Mandel-, Cypressenbäumen und Weinstöcken wenig andere Bäume und Gebüsch. Die Stadt liegt in einer der fruchtbarsten Ebenen von Südfrankreich, ist von hübschen Landhäusern umgeben und an einem Hügel amphitheatralisch erbaut, was ihr ein großartiges Ansehen gibt. Aber im Innern ist sie schlecht gebaut und hat meistens sehr enge und winklige Straßen und wenig freie Plätze; demungeachtet hat sie eine sehr gesunde Lage und Luft. Sie ist die Hauptstadt des Departements Herault, Sitz einer Präfektur, und zählt vierzigtausend Einwohner; ihre Entstehung ist neuerer Zeit; im elften Jahrhundert stand hier noch ein Flecken, den man Mons puellarum (junger Mädchenberg) nannte, weil er, wie die Sage will, an der Stelle lag, wo sich früher eine Einsiedelei befand, in welcher zwei sehr junge und wunderschöne Jungfrauen, die sich Gott geweiht, als Eremitinnen lebten.
Wir marschierten gleich auf die Esplanade, einen schönen, großen, mit Bäumen besetzten Platz, der zwischen der Stadt und der von Ludwig XIII. als Zwinger für die Protestanten erbauten Zitadelle liegt. Das Bataillon wurde in den prächtigen und sehr geräumigen Kasernen untergebracht, in denen die drei Bataillone des Regiments, die sich in wenig Tagen hier wieder vereint fanden, hinlänglich Raum hatten.