Die beiden ersten Tage hatte ich mich in ein Hotel logiert, suchte mir aber schon am zweiten eine passende Privatwohnung, die ich auch bald in der Nähe des Theaters und der Esplanade bei ein paar liebenswürdigen Frauen fand, von denen die eine an einen bei den Armeen in Deutschland angestellten Kommissär verheiratet, und die andere, ihre Schwester, noch unverheiratet war; bei dieser Wohnung befand sich ein hübscher Garten mit einem sehr eleganten Pavillon, der in dessen Mitte, von Zypressen umgeben, lag. – Ich erhielt ein elegant möbliertes Wohnzimmer und ebensolches Schlafkabinett, das in den Garten ging, für vierzig Franken monatlich. Auch für Montpellier hatte ich Empfehlungsschreiben an das Haus Michel und Gayral bald nach unserer Ankunft daselbst von meinem Vater erhalten und wurde von demselben mit zuvorkommender Artigkeit empfangen. – Ich besuchte schon den zweiten Abend das Theater, ein Vergnügen, das ich seit Lyon zu meinem Leidwesen entbehrte, da in Avignon während unseres Aufenthaltes nicht gespielt wurde, und fand die Oper wenigstens leidlich, das Lust- und Schauspiel aber ziemlich gut besetzt; besonders war es eine Aktrice, Demoiselle Verteuil, die zum Entzücken spielte, und deren Äußeres ganz mit dem Spiel harmonierte. Es war Molières ‚Tartüffe‘, den ich zuerst hier sah und der sehr gut gegeben wurde. Die Vorstellung hatte ein glänzendes Publikum, das ganze Offizierskorps samt dem Fürsten Y., der erst hier wieder zu dem Regiment gestoßen war, da er, als wir von Toul abmarschierten, abermals einen Abstecher nach Paris gemacht hatte, wohnte derselben bei. Die Offiziere mußten sich nun für ein Lumpengeld, einen Tag der monatlichen Gage, per Monat abonnieren, die Kadetten bezahlten für Unterleutnantsgage. – Auch die Damen von Montpellier hatten sich diesen Abend in der glänzendsten Toilette eingefunden und schmückte die Logenreihen auf das eleganteste. Ich war von dieser Vorstellung in jeder Hinsicht so enchantiert, daß ich mir vornahm, mich möglichst schnell in der hiesigen schönen Welt zu orientieren, und um dies zu können, auf folgendes Mittel fiel, das sich als vollkommen bewährt erfand. Ich ließ nämlich gleich den andern Morgen den Friseur der Stadt holen, der in derselben an der Tagesordnung, das heißt in der Mode war, empfing ihn sehr artig, ihn bittend, mir doch die Haare nach dem neuen Pariser Schnitt zuzuschneiden, mich nebenbei au fait der städtischen Angelegenheiten, das heißt der schönen Damenwelt, zu setzen, und mit dem Treiben der eleganten Welt und der Chronique scandaleuse bekannt zu machen. Dabei spielte ich mit einem Sechs-Livretaler zwischen den Fingern, was dem Haarkünstler, der, wie alle seines Handwerks in Frankreich, zugleich auch Barbier war, die Zunge so trefflich löste, daß ich in weniger als einer Stunde mehr wußte, als hätte ich jahrelang in Montpellier gelebt und mich selbst um diese Angelegenheiten bemüht. Ich fand das Mittel so probat, daß ich von jetzt an beschloß, sogleich nach der Ankunft in jeder Stadt, in der wir länger verweilen würden, dasselbe anzuwenden; der Erfolg war immer der erwünschteste, und meine Kameraden, denen ich die Sache geheim hielt, konnten gar nicht begreifen, wie ich nach den ersten vierundzwanzig Stunden in einer Garnison schon alle in einigem Rufe stehenden Schönheiten, deren Verhältnisse, Intrigen und so weiter wußte und an den Fingern herzählen konnte.
Nachdem ich erfahren, was ich zu wissen begehrte, entließ ich meinen Figaro, ihm den Sechs-Livretaler einhändigend, für den er sich tausendmal bedankte, machte Toilette und dann meinen liebenswürdigsten Wirtinnen meine gehorsamste Aufwartung. Sie nahmen mich recht artig auf und luden mich sogar zum zweiten Frühstück ein, was ich aber ausschlug, die Parade vorschützend. In dem Salon stand ein Piano, die Damen waren beide ein wenig musikalisch, die eine spielte, die andere sang französische Romanzen zwar etwas falsch, aber doch mit ziemlich klangreicher Stimme und vielem Ausdruck, und die liebe Kunst wurde bald wieder die gefällige Kupplerin. Madame Amiot war eine charmante Brünette, die ein kleines, etwas verzogenes Mäulchen hatte, das ihr allerliebst ließ, besonders wenn sie lächelte; ihre Schwester aber war eine dunkle Blondine, eine geistreiche und sehr muntere Französin. Noch an demselben Abend besuchte ich in Gesellschaft meiner Wirtinnen den hochberühmten Peyron oder lieu pierreux, wie er im dortigen Patois genannt wird, ein großer Lustgarten, zu dem drei steinerne Treppen durch drei schöne Gittertore führen. Es ist ein großes längliches Viereck, von prächtigen Balustraden eingefaßt, an dessen einem Ende zwischen zwei Reihen Bäumen sich eine Terrasse mit einem sehr schönen achteckigen Wassertempel befindet, zu dem zwei Prachtstiegen führen. Dieser Lustplatz ist ohne Widerrede eine der schönsten Promenaden Europas, mit der großartigsten Aussicht, von ihm aus sieht man rechts die Pyrenäen, links die Gipfel der Alpen; das Amphitheater der Stadt liegt zu den Füßen, und über demselben hinweg ragen zwischen Baumgruppen und Zypressen schöne Villen und andere Gebäude hervor. Gegen Süden hat man in geringer Ferne die schöne, oft spiegelglatte, mit Schiffen belebte Fläche des mittelländischen Meeres vor Augen, das ich hier zum erstenmal sah, und gegen Norden die lange Kette der Cevennen.
Ganz nahe bei dem Peyron liegt der erste botanische Garten, der in Frankreich von Belleval im Jahre 1598, und zwar aus dessen eigenen Mitteln, angelegt wurde; er verwandte die für jene Zeit ungeheure Summe von hunderttausend Livres darauf, da die ihm von der Regierung bewilligten Gelder nicht hinreichten. Zweimal mußte der Mann erleben, daß seine Schöpfung in den Religionskriegen unter Heinrich IV. und Ludwig XIII. wieder gänzlich verwüstet wurde, und dreimal hatte er den Mut, sie von neuem zu schaffen. Er wurde hier der erste Professor der Botanik und Akademie. In einem entlegenen Winkel dieses Gartens befindet sich das Grabmal der Adoptivtochter des berühmten Verfassers der Nachtgedanken, Youngs, der reizenden Narcissa, die der Vater auf seinen Schultern selbst hierher getragen und begraben, weil ihm die katholischen Priester ein Grab auf dem Kirchhof für das Mädchen verweigerten. Meine beiden liebenswürdigen Führerinnen teilten mir diese Begebenheit zwar gerührt mit, meinten aber doch, es sei ja eine Ketzerin gewesen, diese Narcissa, also das Unglück nicht so groß, nicht ahnend, daß sie mit einem sogar lutherischen Ketzer in Gesellschaft seien. Ich brachte indessen den Nachmittag recht vergnügt mit den Damen zu, die für das verschmähte Frühstück sich meine Teilnahme bei ihrem Souper ausbaten, was ich jetzt nicht refüsierte, und beide zur guten Nacht küßte.
Weltberühmt ist die Hochschule zu Montpellier, besonders hinsichtlich der Arzneiwissenschaft, der Chirurgie und Anatomie. Unter dem Volk ging aber die Sage, daß die Herren Mediziner hier ein so gewissenloses Volk seien, daß sie nicht selten in stiller Nacht an einsamen Orten gesunde Menschen wegfingen, um ihre Kunst an ihnen zu probieren, indem sie sie töteten und dann im anatomischen Theater sezierten, namentlich seien sie auch den abgelegen stehenden Schildwachen sehr gefährlich, von denen schon gar manche auf diese Weise schlafen gegangen. Diese letztere Albernheit hatte sich bald im Regiment unter den Soldaten verbreitet, die lange Zeit daran glaubten und gewisse Posten nicht ohne Widerwillen bezogen, auch dann sehr auf ihrer Hut waren. Da nun der Zufall wollte, daß mehrere Schildwachen von ihren Posten desertierten, so ließen es sich die Leute nicht ausreden, die Herren Doktoren hätten sie weggefangen und tranchiert, bis endlich einmal ein solcher Deserteur wieder eingebracht und vor der Front des Regiments zur Schau auf- und niedergeführt wurde, um die Soldaten zu überzeugen, daß ihn die Doktoren nicht verschnitten hatten. Dies rottete aber dennoch den Köhlerglauben der Leute nicht ganz aus, besonders da der Bursche, diesen Umstand benutzend, in seinem Verhör aussagte, er habe in der Tat seinen Posten nur verlassen, weil mehr als ein Dutzend in schwarze Mäntel und Kappen verhüllte Kerls auf ihn zugekommen seien und ihn hätten fangen wollen, weshalb er in der Angst sein Gewehr weggeworfen und zum Teufel gelaufen sei. Dies hinderte nicht, daß er hundertfünfzig Prügel in drei Portionen in drei Tagen bekam und bei erster Gelegenheit wieder davonging. Indessen ist es in früherer Zeit wirklich geschehen, daß solcher Menschenraub von der hiesigen medizinischen Fakultät verübt wurde.
Ich hatte gleich in den ersten Tagen dem Fürsten Y. meine untertänigste Aufwartung gemacht und wurde nicht nur sehr gnädig von demselben empfangen, sondern er geruhte mich auch zu versichern, daß er jeden Tag mein Offizierspatent mit denen von noch einigen andern Kadetten von Paris erwarte, wo er uns bei dem Kriegsminister zu Unterleutnants vorgeschlagen und auch dessen Zusage erhalten habe; ich dankte gehorsamst für diese Mitteilung und überließ mich der frohen Hoffnung, nun bald der mir oft lästigen Sergeantendienste los zu werden. In meiner Wohnung war ich unterdessen völlig der Hahn im Korb geworden und schon nach einem zweiten Souper ruhte die verheiratete Schwester auf meinen Knien und tändelte in meinen Armen, so daß uns die ledige scherzend zurief: „Modérez vous!“ – „Mais il ne me laisse pas, que veux – tu que je fasse?“, antwortete die Schwester, und ich setzte hinzu: „Me laisser faire,“ und: “Elle se laissa faire.“ Von jetzt an war ich der Herr vom Hause.
Froh, wieder in einer Stadt zu sein, wo sich ein Theater befand, versäumte ich nicht leicht eine Vorstellung, und besuchte diese oft in Gesellschaft meiner beiden Hausdamen; aber bald interessierte mich die hübsche Verteuil weit mehr als diese, so daß ich noch lieber den Proben, als den Vorstellungen, und diesen jetzt fast immer nur hinter den Kulissen beiwohnte. Vermittelst einiger kleiner Geschenke und artiger Galanterien, vielleicht auch weil man mich für reich hielt, stand ich bald auf einem sehr vertrauten Fuß mit der liebenswürdigen Aktrice, und brachte manche Stunde in ihrer und der andern Theaterprinzessinnen Gesellschaft zu. Aufrichtig gestanden, habe ich in meinem ganzen Leben die Erfahrung gemacht, daß der Umgang und die Gesellschaft von Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen, die in der Regel nicht ohne Geist, Witz und Verstand und mit der muntersten Laune begabt sind, das Unterhaltendste von der Welt, während die vornehme Welt und sogenannte gute Gesellschaft zugleich auch die zum Einschlafen langweiligste ist, weshalb ich den Umgang mit hübschen Aktricen, wo deren waren, allem andern vorzog; doch hat er auch seine unangenehme und etwas kostspielige Seite und kann nach Umständen gefährlich werden und viel Unheil anrichten, wie ich mehrmals die Erfahrung machte und wir sogleich sehen werden. – Madame Verteuil hatte zu meinem Unstern auch wieder Gnade bei Seiner Durchlaucht unserm Regimentschef gefunden, den sie ebenfalls nicht verschmähte, wovon ich aber ebensowenig wußte, als der Fürst mein Verhältnis mit ihr ahnte. Eines Abends, nachdem ich mich nach dem Theater noch eine gute Weile mit einem alten pensionierten General aus der Zeit Ludwigs XVI. in dem Zelt der Esplanade unterhalten und die Erzählung von dessen Abenteuern, die er in seiner Jugend in Deutschland, namentlich am Hof des Vaters unsers Fürsten Y. mit einer Prinzessin, dessen Tante, gehabt, geduldig zugehört hatte, fiel es mir nach zehn Uhr ein, der Verteuil noch einen Besuch en passant zu machen; sie wohnte ebenfalls in der Nähe des Theaters. Ich wurde aber nicht von ihr erwartet, da wir in dem Theater davon gesprochen hatten, daß ich heute nicht kommen würde, weil sie über Kopfweh und Unwohlsein klagte, was öfters der Fall war. Ich fand die Haustüre offen, schlich mich leise die Treppe hinauf, öffnete ebenso leise die Zimmertüre meiner Prinzessin und fand Seine Durchlaucht den Fürsten Y. halb entkleidet auf einer Ottomane ausgestreckt liegen; die Verteuil, mich sogleich erblickend, schrie: „Ah mon dieu qui vient si tard?“ Mit den Worten: „Mille pardon je me suis trompé,“ schlug ich die Türe wieder zu und eilte von dannen und zur Kloster, der ich lachend mein Abenteuer erzählte, worauf mir diese versetzte: „Mais comment, vous ne saviez donc pas qu’elle est entretenue par son Altesse?“ „Ma foi non.“ Ich tröstete mich, ein Glas Punsch mit der Kloster trinkend, die, wie auch ihr Name andeutete, deutschen Ursprungs war, jedoch kein Wort deutsch verstand, und nahm mir vor, die Verteuil nicht wieder zu besuchen, denn ich dankte für die Ehre, auch ‚da mit dem Fürsten zu teilen, wo er noch unter den Menschen hinunterkriecht‘, wie Schiller sagt. Indessen war mir doch nicht so ganz wohl bei der Sache, und die Folge zeigte nur zu sehr, daß meine Furcht nicht unbegründet war, denn Fürst Y. warf jetzt einen unverdienten Haß auf mich und sah mich schon den andern Tag auf der Parade, der die Kadetten jedesmal, auf dem linken Flügel der Offiziere stehend, beiwohnen mußten, einigemal von der Seite mit einem zürnenden Blick an, während er sonst selten an mir vorüberging ohne ein paar freundliche Worte an mich zu richten. Er sprach diesmal mit dem neben mir stehenden jungen Prinzen Santa-Croce, der seit kurzem als Kadett in das Regiment getreten war, ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. – Noch denselben Tag erließ er eine Ordre du jour, welche den Kadetten auf das strengste befahl, sich zu allen Appellen in den Kasernen einzufinden, und daß bei Kontreappellen deren Anwesenheit in den Quartieren verifiziert werden solle; zugleich fügte er noch hinzu, daß sich die Herren Offiziere, sowie die Kadetten, nicht mehr unterfangen sollten, die Bühne während der Vorstellungen zu besuchen, wie er sehr mißfällig wahrgenommen, daß dieses stattgefunden. Außer mir und Seiner Durchlaucht wußte schwerlich jemand, wodurch dieser Tagesbefehl hervorgerufen worden war, und wir schwiegen beide weislich. Der Prinz Santa-Croce, den man trotz dieser Befehle eines Abends hinter den Kulissen erblickte, erhielt sogleich acht Tage strengen Arrest. Fürst Y. hätte dies alles nicht nötig gehabt, denn ich kam ihm nicht mehr ins Gehege, ob mir gleich die Verteuil ein halbes Dutzend parfümierter Entschuldigungs- und Einladungsschreiben auf Rosapapier zusandte. Ich hielt mich an die Kloster.
Auf dem Landhaus des Herrn Gayral, wohin ich sehr oft eingeladen wurde, hatte ich unterdessen auch die Bekanntschaft einer sehr artigen Kaufmannsfrau, der Madame Cauchin, gemacht, die mich, so wie ihr Mann, einlud, sie doch bisweilen zu besuchen, und mir sogar ihre Loge im Theater zur Disposition stellte. In diesem Haus brachte ich von jetzt an manche hochvergnügte Stunde zu. Überhaupt war bis dahin das Leben in Montpellier ein wahres Götterleben für uns gewesen, und es fehlte uns an Vergnügungen und Zerstreuungen nicht. Barras, der auf Befehl Napoleons hundert Lieues von Paris entfernt leben mußte und sich damals hier aufhielt, gab mehrmals große Soireen, zu denen er das ganze Offizierkorps des Regiments einlud, und die sehr glänzend waren, da sich die Hautevolee und die ersten Schönheiten der Stadt hier vereinigt einfanden. Ein großes Fest aber war die Fahnenweihe unsers Regiments, dessen Bataillone hier ihre Fahnen erhielten, deren reich mit Gold gestickte Krawatten ein Geschenk der Kaiserin Josephine waren, wie die Inschrift mit goldenen Buchstaben besagte. Nach der großen Parade, bei welcher die Fahnen den Bataillonen und den dazu bestimmten Trägern, nachdem sie in der Peterskirche von dem Bischof unter Gewehrsalven eingeweiht worden waren, eingehändigt wurden, fand ein großes Diner und am Abend ein Ball auf Kosten des Offizierkorps statt, zu dem alle Notabilitäten von Montpellier eingeladen waren, und der bis zum Grauen des Tages währte. – Wir hatten nun unsere Vereinigungszeichen, aber es waren bunte seidene Lappen, statt Adlern, wie sie die französischen Linienregimenter hatten; wahrscheinlich hielt uns Napoleon seiner Adler nicht wert, und wir mußten uns mit Latour d’Auvergne und andern sogenannten Fremdenregimentern trösten, denen es nicht besser erging.
Im Theater hatte man seit einiger Zeit bei jeder Vorstellung drei sehr hübsche Mädchen in einer Loge des ersten Ranges bemerkt, welche immer in der elegantesten Toilette nach der neuesten Pariser Mode gekleidet erschienen und aller Augen, namentlich auch die unsers Großmajors Omeara, eines Irländers, auf sich zogen. Diese Damen gaben sich für Pariserinnen aus, welchen das herrliche Klima Montpelliers von den Ärzten verordnet worden, ihre etwas angegriffene Gesundheit wieder völlig herzustellen; sie spielten übrigens die Spröden, waren sehr zurückhaltend und gaben namentlich Subalternoffizieren und andern Herren, die sich bemühten, ihre Bekanntschaft zu machen, kein Gehör. Man sprach viel von der strengen Tugend dieser Demoiselles, die einer der ersten Familien der Hauptstadt angehören sollten, prächtig, aber eingezogen mit einer älteren Gouvernante in einem eleganten Gartenhaus wohnten, keine Gesellschaft frequentierten, auch eine Einladung auf unsern Fahnenball zurückgewiesen hatten. Bald jedoch flüsterte man sich in die Ohren, daß sie unser Großmajor mit nächtlichen Besuchen beehre, andere sagten, es sei der Fürst selbst, der sich um die elfte Stunde nachts zu ihnen schleiche, und nun liefen allerlei mysteriöse Gerüchte auf Rechnung dieser Damen um, die das Gespräch der ganzen Stadt waren, bis endlich der Zufall das geheimnisvolle Wesen derselben an den Tag brachte. – Ein Schauspieler vom französischen Theater zu Paris, der nach Montpellier gekommen war, um hier Gastrollen zu geben, erkannte gleich zwei derselben als zwar sehr schöne, aber auch sehr kommune Nymphen des Palais-Royal in Paris. Jetzt war ihre Rolle ausgespielt, und als sie wieder in ihre Loge traten, zischte und pfiff man solange, bis sie sich entfernt hatten, was sie erst dann taten, als der Tumult aufs höchste gestiegen war. Schon am andern Tage waren sie aus Montpellier verschwunden. Es war nun gewiß, daß sie den Fürsten Y., den Großmajor Omeara und einige reiche Gimpel in ihr Netz zu ziehen gewußt und ihnen tüchtig die Federn gerupft hatten. Man lachte viel über diese Aventüre, denn wer den Schaden hat, darf ja für den Spott nicht sorgen. Dies war nicht die einzige Unannehmlichkeit, die dem Fürsten hier widerfuhr, eine weit größere stand ihm noch bevor. Der General, Kommandant zu Montpellier, namens Quesnel, der die neunte Division befehligte, war ein alter Soldat, der von der Pike auf gedient hatte und seinen hohen Grad einzig seinem Mut und seinen Verdiensten verdankte, war sehr unzufrieden mit der Art, wie im Regiment Y. der Dienst versehen wurde, sowie auch mit den Manövern bei dem Exerzieren, weshalb er uns jeden Tag ausrücken ließ und den Übungen selbst beiwohnte. Eines Tages kam, als das Regiment manövrierte, Fürst Y. in einer mit vier Pferden bespannten Kalesche in Begleitung zweier Damen auf dem Exerzierplatz angefahren, wo er aus seinem Wagen den Übungen bequem mit zusah; dies wurmte den alten General, der einen Adjutanten an ihn abschickte mit dem Befehl, der Herr Oberst möge die Güte haben, ihm sein Regiment vorzuführen und dasselbe selbst zu kommandieren. Fürst Y. mußte nun wohl oder übel aussteigen, und da er kein Reitpferd bei der Hand hatte, das Regiment zu Fuß anführen. Er hatte von Natur eine unangenehme und gellende Stimme ohne Kraft und Ausdruck beim Kommando, so daß man ihn bisweilen nicht recht verstand, wodurch dann Irrtümer entstanden; auch war er nichts weniger als kapitelfest in den Evolutionen. Ärgerlich, sozusagen jetzt par ordre du Mufti kommandieren zu müssen, verlor er ganz die Geistesgegenwart und machte einige arge Verstöße, die der General aber nicht sogleich inneward, weil er das deutsche Kommando nicht verstand; bald aber sah er doch ein, daß die Fehler vom kommandierenden Oberst ausgehen müßten und stellte diesen deshalb zur Rede. Fürst Y. replizierte etwas unbesonnen, worauf Quesnel ein französisches Donnerwetter losließ, ihm zu schweigen gebot, und da er dies nicht sogleich befolgte, ihm befahl, sich auf der Stelle in Arrest zu verfügen. Seine Durchlaucht wurden nun blaß, wollten mehrmals etwas entgegnen, aber der General drohte ihm, glühend rot, daß, wenn er nicht sogleich ginge, er ihn par la force armée, das heißt mit der Wache abführen lassen werde. Hier blieb nun nichts anderes übrig, als Ordre zu parieren, wollte man sich nicht noch größeren Fatalitäten aussetzen und wohl gar ein Kriegsgericht passieren sehen. Mit dem Ausruf: „Dies einem souveränen Fürsten!“ entfernte sich Y. zu Fuß, um acht Tage strengen Zimmerarrest anzutreten, und die in dem Wagen sitzenden Damen, die dem ganzen Skandal beigewohnt hatten, fuhren ganz verstimmt und unter dem Hohnlachen der Soldaten in dem vierspännigen fürstlichen Wappenwagen vom Exerzierplatz heim. Als die Zeit des Arrests um war, stellte sich Y. noch mehrere Tage krank, mußte aber endlich dennoch in den sauern Apfel beißen, dem bösen General aufzuwarten, um sich zu melden, den er zu seiner großen Freude seinerseits an einem Halsgeschwür wirklich krank darniederliegend fand.
Der Fürst erschien nun wieder bei der Parade, wo er aber gleich das erstemal noch eine Fatalität anderer Art hatte. Es fanden sich bei derselben jedesmal eine Menge Zuschauer, meistens aus den unteren Klassen des Volks, ein, hauptsächlich, um der Musik zuzuhören; diese Leute drängten sich aber oft so unverschämt dicht an die aufziehende Wachtmannschaft heran, daß dieser kaum mehr Raum zum Abschwenken mit Pelotons übrigblieb. Der die Wachtparade kommandierende Bataillonschef, ein gewisser Brüge, ein Elsässer, wollte das Volk mit Schreien und Schimpfen zurückgehen machen, man lachte ihm aber ins Gesicht und drang noch frecher vor. Brüge ließ nun mit Sektionen abschwenken, so daß die Soldaten rasch in die Haufen drangen, die nicht schnell genug zurückweichen konnten, und Brüge rief ihnen dabei noch auf deutsch zu: „Tretet die Hundsfötter, die nicht weichen, nieder!“, so daß es beinahe zu einem Handgemenge zwischen den Soldaten und dem hier so bösartigen Volk gekommen wäre, aus dem mehrere der Kecksten vortraten und den kommandierenden Offizier förmlich herausforderten. Glücklicherweise trat Düret hinzu, der so ziemlich das Patois dieser Menschen sprach, und dem es gelang, die fatale Sache friedlich beizulegen. Aber der General, dem der Vorfall rapportiert wurde, ließ dem Fürsten abermals einen Verweis zukommen und schickte den Bataillonschef Brüge vier Tage in Arrest.
In meiner Wohnung lebte ich indessen ganz behaglich, ich hatte auch die Kost bei den Damen, und wir führten mit noch einigen andern Bekannten derselben bisweilen kleine französische Lustspiele und Vaudevilles im Gartensalon, aber möglichst geheim, auf, wobei nur wenige Eingeweihte als Zuschauer zugelassen wurden. Ich fand dies um so nötiger, als Fürst Y. früher einmal bei der Parade zu mir gesagt hatte: „Nun, wie steht’s mit unserm Theater, werden Sie bald wieder etwas zum besten geben? Sie können auch nächstens wieder Ihre Vorlesungen bei mir beginnen.“ Worauf ich erwidert hatte: „Durchlaucht, ich stehe zu Befehl!“ Nach dem Vorfall mit der Verteuil war aber von dem allem keine Rede mehr, ob ich gleich überzeugt war, daß mich Fürst Y. während seinem Arrest und seiner wirklichen oder fingierten Krankheit gerne wieder zum Vorlesen gehabt hätte.
So lebte ich denn noch einige Zeit so ziemlich sorglos und unbekümmert, obgleich in Ungnade gefallen, in den Tag hinein, versah meinen Dienst, bezahlte aber meine meisten Wachen, ausgenommen die, welche mich an den Justizpalast kommandierten, wo ich mich amüsierte, weil ich dann immer den öffentlichen Verhandlungen der Tribunale beiwohnte, die oft im höchsten Grad unterhaltend und komisch waren, besonders wenn sie Ehestandszwistigkeiten, Liebesintrigen und so weiter betrafen, wo dann jedesmal die Frauen die große Mehrzahl des Auditoriums ausmachten und sich desto besser unterhielten, je größer der Skandal war, auch ihre Gesichter eine ungeheure Heiterkeit überzog. Aber bald wurde ich durch ein Ungewitter, das sich über meinem Haupt zusammenzog und plötzlich losbrach, an dem ich freilich zum Teil selbst große Schuld trug, aus meinem Schlaraffenleben aufgeschreckt. Ein berühmter Sänger von der Academie imperiale in Paris gastierte hier, und solange er weilte, wurden nur Opern aufgeführt, während das Schauspiel unterdessen Vorstellungen zu Cette gab. Seine Durchlaucht war noch immer mit der Verteuil liiert, während ich jetzt einer jungen, aber recht hübschen Novize, die sich erst seit kurzem Thaliens Dienst gewidmet, den Hof machte. Demoiselle Angely hatte ein allerliebstes Stumpfnäschen à la Roxellane, war dabei ein sehr ausgelassenes, wildes und naseweises Ding, das seine Launen hatte, die Spröde spielte, aber für die Soubretten im Lustspiel ganz geschaffen war. Wenn ich glaubte, sie endlich ganz gewiß festzuhalten, war sie mir wieder entschlüpft, und schon öfters hatte ich bis Mitternacht bei ihr zugebracht, ohne etwas mehr als einige Küsse, und diese nur sparsam, erlangen zu können. Jedesmal ging ich verdrießlich mit leeren Versprechungen, die sie mir nebst einem Kuß beim Abschied für den folgenden Abend gab, und nie hielt, von ihr weg, mir vornehmend, das eigensinnige Mädchen ganz aufzugeben; diesen Vorsatz führte ich auch immer mit großer Festigkeit bis zum nächsten Abend aus, wo ich dann wieder das alte Spiel von neuem mit ebenso geringem Erfolg begann, mich über mich selbst ärgernd, eine solche Schmachtfahne geworden zu sein, und mich obendrein noch so an der Nase herumführen zu lassen. Endlich versprach mir Brigitte Angely, im Begriff auf mehrere Tage mit dem Schauspiel nach Cette zu fahren, daß, wenn ich sie dort besuchen wolle, sie mich gewiß erhören würde. Da ich ihr nicht traute, so sagte ich sehr ernst: „Ich will nicht hoffen, daß Sie mich wieder zum besten haben und mich vergeblich nach Cette sprengen wollen, was böses Blut setzen könnte.“ Mit einem, durch einen feurigen Kuß besiegelten: „Nein, gewiß nicht!“ beteuerte sie dieses, und ich dachte, es ist eine von den närrischen Launen des Mädchens, daß sie mich nur in Cette und nicht in Montpellier beglücken wolle, warum, das mögen die Götter wissen, und versprach ihr, schon den kommenden Tag zu folgen. Nach der Parade bat ich meinen Kapitän um zwei Tage Urlaub, die er mir auch gewährte, doch dabei bemerkte, daß es auch der Einwilligung des Fürsten bedürfe, wie ich wohl wisse, die er aber selbst einholen wolle. Seine Durchlaucht lagen aber gerade diesen Tag wieder an ihrem alten Übel, dem Podagra, darnieder, Saint Jüste wurde nicht vorgelassen, hatte mein Anliegen dem Kammerdiener mitgeteilt, der ihm die Antwort brachte, der Fürst könne sich in diesem Augenblick nicht mit Dienstsachen befassen, er würde später darüber Bescheid geben. Am folgenden Tage, an dem ich Brigitten nach Cette zu kommen versprochen, war noch nichts entschieden, der Fürst kam nicht zur Parade, ich hatte mir schon ein Pferd gemietet, bat meinen Sergeant-Major, daß, wenn ich bei den Appellen fehlen würde, er sagen möge, daß ich mich krank gemeldet habe, was er mir versprach. Ich ritt nun in gestrecktem Trabe nach Cette, wo ich jetzt das Meer in seiner unendlich scheinenden Unermeßlichkeit zum erstenmal ganz in der Nähe bewunderte und dann die Angely aufsuchte, die zu meinem Erstaunen sich mit der Verteuil in derselben Wohnung, und zwar so eingemietet hatte, daß beide in demselben Zimmer schliefen, worüber ich ihr während der Vorstellung Vorwürfe hinter den Kulissen machte, die sie aber mit einem: „Was tut das, lassen Sie mich nur machen“ beantwortete. Wir soupierten nun à trois, die Verteuil schien von der besten Laune beseelt, welche spanische Feuerweine noch vermehrten, und machte Witze auf Kosten des Fürsten Y. Nach dem Souper schlug sie vor, die herrliche stille Mondnacht zu einer kleinen Spazierfahrt auf der See zu benutzen, was mir, der ich noch nie auf dem Meere gefahren, ganz willkommen war. Wir suchten einen Schiffer an dem Hafen auf, der uns mit einem Gehilfen in die gerade ganz spiegelglatte See, wie sie nur am Mittelländischen Meer zu finden ist, und in welcher die silbernen Mondstrahlen sich herrlich spiegelten, eine ziemliche Strecke fuhr. Die ganze Natur war so still und ruhig, daß es uns schien, als seien wir die einzigen lebenden Wesen in derselben, man hörte kein anderes Geräusch als das Niederschlagen der beiden Ruder unserer Barke. Brigitte wurde ganz gegen ihre Gewohnheit ernst und stille, sprach wenig, seufzte sogar bisweilen, und schmiegte sich fest an mich, während ich sie mit dem linken Arm umschlang. Die Verteuil lächelte etwas ironisch und fragte die Ruderer, ob sie kein languedozisches Lied zu singen wüßten, was diese bejahten und gleich das in dieser Gegend so beliebte ‚La Nisada d’amour‘, das mit den Worten: ‚Connonyssés la bella Liseta‘ beginnt, anstimmten. Nach einer guten halben Stunde fuhren wir wieder ans Land und begaben uns in unsere Wohnung zurück, wo sich die Verteuil in das eine Bett und die Angely in das andere, in einem Alkoven stehende verfügte, während ich mich angekleidet auf eine Ottomane warf, als aber die Lichter gelöscht waren, in den Alkoven schlich, wo man mich mit offenen Armen, jedoch ganz leise ein „Pst, Pst!“ lispelnd, empfing. Erst als es zu spät war, erkannte ich, daß es die Verteuil war, die ich umschlungen hatte, ließ aber nicht merken, daß ich den Betrug entdeckt, und schlich mich nach Mitternacht, als ich sie eingeschlafen glaubte, davon und an das andere Bett, dessen Inhalt gleichfalls schlief, und den ich mit Küssen bedeckte, auch schlaftrunken wieder geküßt ward und endlich wahrnahm, daß es – wieder die Verteuil war, die ich umarmte. Es war, wie ich nun wohl einsah, eine abgekartete Sache zwischen den Damen, mich so zu foppen, aber ich nahm mir fest vor, die schelmische Brigitte dafür à tout prix zu bestrafen, ging gegen Morgen auf mein Zimmer, das Gemach der Aktricen verschließend und den Schlüssel zu mir steckend. Angekleidet warf ich mich nun auf mein Bett, schlief bald ein und – verschlief den halben Morgen, denn ich bedurfte der Ruhe. Als ich erwachte und nach der Uhr sah, die schon zehn zeigte, fiel es mir heiß ein, daß ich eigentlich ohne Urlaub von Montpellier fort sei und mir dies einen schlimmen Handel bei der ungnädigen Stimmung des Fürsten gegen mich zuziehen könne, wenn es an den Tag käme, daß ich die Nacht in Cette zugebracht. Ich ließ also eilig mein Pferd satteln und jagte, ohne Abschied von den noch Eingesperrten zu nehmen und den Schlüssel ihres Gemachs bei mir behaltend, ventre à terre nach Montpellier, um womöglich noch zu rechter Zeit zur Parade einzutreffen; aber ich hatte mich verrechnet, der elende Mietgaul hielt das tolle Rennen nicht aus und stürzte, als ich noch nicht den halben Weg zurückgelegt hatte, keuchend unter mir zusammen. Ich raffte mich und dann die Mähre nicht ohne große Mühe auf, führte sie im langsamen Schritt, jeden Augenblick fürchtend, daß sie auf der Stelle liegen bleiben würde, bis zum nächsten Dorf, wo ich mir so schnell als möglich einen Karren verschaffte und auf diesem den Rest des Wegs, wenn auch à forçe des pourboires, ziemlich rasch, doch immer noch viel zu langsam, zurücklegte, denn als ich zu Montpellier ankam, war die Parade längst vorüber und alle Donner gegen mich losgelassen; der erboste Fürst wähnte nicht anders, als ich sei der Verteuil zu Gefallen nach Cette, weshalb er auch Saint Jüste so abfertigen ließ, als dieser Urlaub für mich begehrte. Fürst Y. hatte wenigstens insofern recht, als sie ganz gegen meinen Willen und mein Wissen in meinen Armen eine Untreue gegen ihn beging. Als ich in meiner Wohnung ankam, erfuhr ich von meinen Wirtinnen, daß schon dreimal ein Unteroffizier nach mir gefragt und zuletzt mein Kapitän selbst gekommen sei, sich nach mir zu erkundigen, und daß er, als man ihm gesagt, daß man mich seit dem gestrigen Mittag nicht gesehen, geäußert habe: „Das wird eine saubere Geschichte werden.“ Dies waren böse Omen; ich ging nun sogleich in die Kaserne zu meinem Sergeant-Major, von dem ich erfuhr, daß er Ordre habe, mich sofort nach meiner Ankunft in den Salle de police der Unteroffiziere zu bringen, was er auch vollzog, und wohin ich ihm, meinen Degen abschnallend, ganz geduldig folgte. Ich traf dort ein halbes Dutzend Kameraden, unter denen noch zwei Kadetten für Disziplinarvergehen verhaftet waren, welchen ich sogleich die bien venue spenden mußte. Bald darauf erschien auch mein Kapitän, der mich beiseite nahm und mir verkündete, der Fürst sei im höchsten Grad aufgebracht gegen mich, denn er wisse, daß ich ohne Urlaub mit der Verteuil nach Cette gefahren, daß ich bei den Appellen und der Parade gefehlt und mich habe krank melden lassen, während ich des parties de plaisir mit Aktricen ausgeführt, und ich müsse mich auf seinen ganzen Zorn gefaßt machen, was ich in der Erwartung der Dinge, die da kommen würden, tat. Am andern Morgen brachte mir der Fourier der Kompagnie das Ordrebuch, in welchem ich las: ‚Der Kadett Fröhlich ist seines Grades als Sergeant verlustig und bis auf weitere Ordre wegen vierundzwanzigstündiger unerlaubter Entfernung aus der Garnison und Dienstvernachlässigung in strengem Arrest zu behalten.‘ Wäre ich noch zur Parade eingetroffen, so hätte der Fürst von meiner Abwesenheit nichts erfahren, aber als ich da fehlte, schickte er ein- über das anderemal in mein Quartier. Ist der Teufel einmal los, so ist er es auch gewöhnlich in allen Ecken. Jetzt meldete sich auch der Eigentümer des Pferdes, das ich gemietet hatte, und das ihm der Bauer zugeführt, dem ich diesen Auftrag nebst sechs Livres gegeben, und verlangte nicht weniger als sechshundert Franken für den Gaul, den man ihm ganz unbrauchbar und halb tot zurückgebracht habe. Er war zu meinem Kapitän gegangen, der mir riet, die Sache gütlich mit ihm abzumachen, damit das Feuer nicht noch mehr geschürt würde; ich schrieb nun an die Herren Michel und Gayral, an die ich empfohlen war, dieselben bittend, diese Sache aufs beste zu arrangieren, und sie fanden sich mit der Hälfte der Summe, die er gefordert hatte, mit dreihundert Franken, mit dem Spitzbuben ab. Das Pferd war keine hundert wert. Aber, was noch das ärgste war: der Fürst schrieb oder ließ an meine Eltern schreiben und malte diesen ein schreckliches Bild von meiner Aufführung aus, machte ihnen Vorwürfe, daß sie mir so viel Geld zukommen ließen, denn ich vertue dreimal mehr, als die Gage eines Kapitäns erster Klasse betrage, meine Konduite sei dabei abscheulich (nicht abscheulicher war sie als die Seiner Durchlaucht selbst, oder noch viel weniger abscheulich), ich versäume den Dienst und so weiter. Hieran erhielt ich sehr bald ein nicht minder fulminantes Schreiben von Haus, in dem man mir mein Betragen vorwarf und mir ankündigte, ich habe mich in Zukunft mit der mir bewilligten Zulage von hundert Franken monatlich zu begnügen und man werde Ordres an die Bankiers geben, daß mir keiner etwas darüber auszahlen dürfe, ich solle mein ausschweifendes Leben einstellen, sonst würde man ganz seine Hand von mir abziehen und so weiter. In Frankfurt hatte man die Sache noch weit mehr ausgeschmückt und vergrößert, da war ich kassiert und Gott weiß was alles worden, während das Abnehmen eines Unteroffiziergrades, oder Zurücksetzung um einen Grad, oder Suspension eine sehr gewöhnliche Disziplinarstrafe bei den Franzosen und besonders in unserm Regiment war, wo dies oft sogar von den Kapitäns, oder doch auf deren Antrag geschah. Ich beantwortete den Brief meines Vaters so gut ich vermochte, ihm die Sache mit Auslassung gewisser Punkte auseinandersetzend. Vierzehn Tage waren schon beinahe verflossen und ich noch immer im Arrest, ohne zu wissen, was am Ende daraus werden solle. Fürst Y. war bereits wieder nach Paris und von da mit Urlaub nach Deutschland gereist, und das Regiment sollte ihn nicht wieder zu sehen bekommen, als eines Morgens mein Bataillonschef Düret in das Arrestzimmer trat und mich mit lachender Miene fragte: „Eh bien en avez – vous assez?“ Ein Seufzer war meine Antwort. Er nahm nun ein Papier aus einem Portefeuille und übergab es mir mit den Worten: „Tenez lisez, cela vous consolera.“ Ich öffnete es, es war meine Ernennung zum Unterleutnant, die ich mit Staunen las. „Sie können von Glück sagen,“ fuhr Düret fort, „denn wären Sie nicht schon vor einigen Monaten vom Fürsten vorgeschlagen worden, jetzt würde es sicher nicht so bald geschehen.“ Diese Nachricht erfüllte mich auf einmal wieder mit Freude und frohen Hoffnungen, ich verließ mit Düret den Salle de police, war frei und Offizier nach wenig Monaten Dienst, und eilte in meine Wohnung, wo mich meine hübschen Wirtinnen recht freundlich mahnend empfingen, indem sie sagten: „Dies sind die Folgen, wenn man das mauvais sujet mit Aktricen macht.“ Ich schrieb jetzt schnell die gute Nachricht nach Haus, ließ mir ein paar Epauletten von dem Kapitän d’Habillement geben, und den andern Tag rückte das Regiment aus, dem ich mit noch vier andern Kadetten, unter denen auch Prinz Santa-Croce, die ebenfalls zu Offizieren avanciert waren, ‚au nom de S. M. l’Empereur et roi Napoleon I.‘ unter dem Wirbeln der Tambours und dem klingenden Spiel der Musik als Offizier vorgestellt, von dem Bataillonschef und meinen Kameraden umarmt wurde; ich wähnte nun einen Riesenschritt zum Marschallsstab getan zu haben. Omeara, der nach der Abreise des Fürsten die Funktionen des Obersten versah, lud uns zu einem Diner ein, ebenso General Quesnel, an den ich mir schon vorgenommen hatte zu schreiben, um ihn um Befreiung aus meinem Arrest zu bitten, aber so war es besser. Auch die beiden Damen, die an der ganzen Geschichte schuld waren, suchte ich gleich auf, um mich ihnen als Offizier zu präsentieren, wurde aber von diesen mit Vorwürfen empfangen, weil ich sie eingesperrt, ohne Abschied verlassen und sogar den Zimmerschlüssel mitgenommen habe, weshalb sie die Probe versäumt und einen Schlosser hätten müssen kommen lassen, sie zu befreien; es sei mir daher ganz recht geschehen, daß ich gestraft worden, denn auch sie hätten wegen der Versäumnis Strafe zahlen müssen. Ich aber stopfte Brigitten den Mund mit Küssen, sagte ihr, daß sie wohl wissen müsse, daß sie noch in großer Schuld bei mir stünde, und ich auf Berichtigung dränge. Alle ausgestandenen Leiden waren jetzt rein vergessen, aber das lange Einsetzen ohne Bewegung hatte doch meine Gesundheit angegriffen, und ich machte eine nicht ganz unbedeutende Krankheit durch, während welcher mich meine gutmütigen Wirtinnen recht sorgsam pflegten.
Kaum war ich genesen, erhielt das Regiment Marschordre, und zwar so, daß das erste und zweite Bataillon nach Toulon und die beiden andern nach Marseille gewiesen wurden. Den Tag vor unserm Abmarsch erreichte ich noch meinen Zweck bei der Angely, halb durch Überrumpelung, halb durch Überredung, auch sagte sie mir, daß sie bereits mit dem Direktor des Theaters zu Toulon in Unterhandlung stehe, dort ein vorteilhaftes Engagement zu erhalten hoffe, und gab mir deshalb ein Schreiben an denselben mit, mich bittend, mich in Toulon für ihre Angelegenheiten zu interessieren, was ich versprach. Es war vielleicht mit ein Grund ihrer endlichen Ergebung. Den andern Morgen marschierte ich mit dem Bataillon nach Toulon ab.
Wir kamen wieder über Lünel, Nimes, bis Tarascon zurück und den vierten Tag in Saint Remy an. An römischen Altertümern fehlte es hier so wenig, wie in der ganzen Gegend. Ein halb in Ruinen vor der Stadt liegender Triumphbogen, ein noch gut erhaltenes Mausoleum, fünfzig Fuß hoch, dessen Basreliefs meisterhaft dargestellte Schlachtstücke bilden, sind die bemerkenswertesten, auch viele römische Münzen, Urnen und so weiter werden fortwährend hier gefunden. Saint Remy ist die Vaterstadt des berühmten Astrologen und Leibarztes Karl IV., Nostradamus, dessen Prophezeiungen noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei Galeerenstrafe und Bann verboten waren, weil er den Untergang des Papstes geweissagt hatte; aber gerade das vom Heiligen Stuhl neuerdings ausgegangene Verbot machte die Leute wieder auf dieses Werk aufmerksam, von dem ein Exemplar sogar für zweitausend Livres verkauft wurde. Von Saint Remy marschierten wir in das kleine Städtchen Orgon; die nächste Etappe nach dem Städtchen Lambeß war nicht von Bedeutung, auf diese aber folgte Aix, das alte Aquae Sextiae. Aix war die erste Kolonie in dem römischen Gallien. Zur Zeit Karl Martels von den Arabern verwüstet, aber von den Grafen der Provence wieder hergestellt, war sie im Mittelalter deren Hauptstadt. Diese hielten hier einen glänzenden Hof, an dem sich die berühmtesten Troubadours befanden. Unter René, der den Titel eines Königs von Jerusalem und Sizilien führte, und 1480 als Graf von Provence starb, blühten Wissenschaften und Künste aufs höchste in Aix; er war es auch, der die hiesige so berühmte und berüchtigte Fronleichnamsprozession einführte, die eine der seltsamsten Merkwürdigkeiten dieser Stadt ist. Die Teufel und heidnischen Gottheiten spielen dabei eine große Rolle. Das ganze soll den Sieg des Christentums über das Heidentum darstellen, dessen letzter Tag gekommen ist, und das vor der aufgehenden Sonne gleich der Finsternis der Nacht verschwindet. Das Fest beginnt schon mit dem Sonntag Trinitatis und dauert mehrere Tage. Der ganze Olymp und die halbe Hölle figurieren bei diesem religiösen Mummenspiel. Ein alter Küster übernimmt gewöhnlich die Rolle des Zeus und hat ein Bündel Blitze von Goldpapier in den Händen; seine Gattin, die Frau Juno, ist ein derber Bäckergeselle; die Venus stellt meistens ein klapperdürres Schneiderlein und den Vulkan ein rußiger Fleischer dar; ein dicker Fleischersjunge macht den Schalk Amor und führt statt der Pfeile ein blankes Schlachtmesser; die keusche Diana ist nicht selten ein rauhbärtiger Matrose und Mars ein invalider Krieger und so weiter. Abends gegen zehn Uhr verlassen sämtliche Götter ihren Olymp, das heißt, das Rathaus, auf dem sie sich versammelten, und ziehen nun beim Fackelschein mit Pauken und Trompeten, Zimbeln und Trommeln durch alle Hauptstraßen der Stadt. Diesen Götterzug verkündigt eine zu Pferde vorausreitende Fama, der Merkur, Pluto, Proserpina, Momus, Charon und drei Höllenrichter, sämtlich beritten, folgen; nach ihnen kommt der christliche Fürst der Finsternis mit ein paar Dutzend christlicher Teufel, dann kommen Furien, Hexen, Faunen, Nymphen und so weiter, alles durcheinander, die beim Klang der Schalmeien, Sackpfeifen und Basquen tanzen. Bacchus sitzt auf einem ungeheuern Faß, Mars und Minerva, Apoll und Diana, Vesta und Cybele und so weiter reiten phantastisch geschmückte Rosse, während Ihre Majestäten Jupiter und Juno, von der Frau Venus und ihrem Söhnchen begleitet, in einem vergoldeten, mit vielen bunten Laternen erleuchteten Wagen fahren. Die unseligen Parzen auf rabenschwarzen Tieren, und Tambourin spielende und dabei tanzende Höllengeister schließen den Zug.
Am Morgen des Fronleichnamsfestes versammeln sich in aller Frühe die zum biblischen Zuge gehörigen Personen. Ein König, im Kostüm des Kreuzkönigs der Spielkarten, erscheint an der Spitze von einem Dutzend großer, hochgehörnter und langgeschwänzter Teufel. Vier Teufelchen folgen, Bocksprünge machend, einem Engel, der eine gerettete Seele an der Hand führt, dann kommt das goldene Kalb, durch eine mit Goldpapier geschmückte große Katze vorgestellt, ihm folgt ein zweigehörnter Moses mit den Gesetztafeln, Aaron, die Königin Saba und Herodes mit einem Trupp von mehr als hundert weißgekleideten Kindern, welche von Zeit zu Zeit durch mit Keulen von Pappendeckeln oder Beilen von Blech bewaffnete, blutrot gekleidete Henker niedergeworfen werden und sich dann im Kot oder Staub, je nachdem das Wetter ist, heulend und winselnd wälzen; auch wird sogar auf sie geschossen. Petrus, Judas, Johannes der Täufer im Schafspelz und Christus unter dem Kreuz keuchend, die Schächer und Pharisäer und Pontius Pilatus fehlen nicht. Diesen Zug, der sich nach beendigter Messe aus der Hauptkirche durch die Stadt bewegt, schließt ein lebendig Toter, in ein Leichengewand gehüllt, eine Sanduhr auf dem Haupt und eine Riesensense von blankem Blech in der Hand. Die Teufel werden beständig mit Weihwasser besprengt, damit sich der wirkliche Teufel, Satanas selbst, nicht unter sie mischen kann, wie sich dies einmal zugetragen haben soll; auch einige Teufelinnen befinden sich bei der Prozession, und alle sind mit Schellen behangen. Wenn der vom Teufel verfolgte König aus der Kirche tritt, fallen sie über ihn her, stoßen und stechen ihn mit Mistgabeln oder Spießen, Seine Majestät schlägt aber mit einem großen Szepter wütend um sich und versetzt den Gehörnten eins, wo und wie er kann. Auch die arme Seele hat viel von den kleinen Teufelchen zu leiden, die sie fortwährend zu haschen suchen, aber der mit einem gelbblechernen Heiligenschein und goldenen Flügeln geschmückte Engel nimmt sie in Schutz, wobei er doch manchen derben Schlag von den Teufeln erwischt. Das ganze Fest endigte mit Spiel und Tanz; ein Teufelstanz, ein Tanz der Aussätzigen, einer von gräßlichen Ungeheuern, halb Menschen, halb Pferde von Pappe, vermutlich Zentauren vorstellend, wurde dabei aufgeführt. Während der Revolution und der Republik (von 1790 bis 1803) unterblieben diese grotesken Feierlichkeiten, aber als die christliche Religion wieder Mode in Frankreich ward, wurden auch sie wieder mit erneuertem Glanz und großem Aufwand fortgesetzt, wie ich später zu sehen Gelegenheit hatte.
In Toulon galt mein erster Weg dem Zeughaus. Dies ist wieder ein für sich bestehendes Ganzes, das in vielen Abteilungen und Magazinen alle ganz fertigen Gegenstände aufbewahrt, die zur Armierung eines Kriegsschiffes jeder Größe nötig sind. Da sieht man einen Artilleriepark von tausend Schiffskanonen zwischen kolossalen Pyramiden aus den vertilgendsten Materialien erbaut, nämlich Kugeln, Kettenkugeln, Bomben und Granaten von jedem Kaliber, zwischen Reihen von Kanonen, Feldschlangen, Karthaunen, Mörsern und Haubitzen, die in unabsehbaren Linien aufgeschichtet sind. In den Waffen- und Rüstsälen sind unzählige Flinten, Musketen, Karabiner, Säbel, Spieße, Pistolen, Dolche und so weiter, welche oft die zierlichsten und seltsamsten Figuren, wie große Blumenvasen, Weinstöcke, deren Trauben Kartätschen sind, und so weiter bilden, aufgestellt. Im Modellsaal ist eine vollständige Sammlung von Modellen aller möglichen Schiffe, von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten, von dem aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestehenden Kahn des Wilden an, bis zu dem mit allem Luxus und aller Kunst ausgerüsteten Admiralschiff von hundertundzwanzig Kanonen, ebenso Flöße, Maschinenwerke und so weiter.
Eine andere Sehenswürdigkeit dieses einzigen Arsenals ist das von dem berühmten Ingenieur Grognard erbaute Bassin, welches am Ende des großen Zimmerplatzes, ganz nahe an der See, liegt, in welchem sowohl neue Schiffe erbaut, als alte ausgebessert werden. Sobald sie fertig, holt sie das nun eingelassene Meerwasser ab und führt sie in den Hafen. Grognard hatte mit unendlichen Schwierigkeiten und Hindernissen, die ihm sowohl Natur als Neid, Mißgunst und Eigennutz von allen Seiten in den Weg legten, zu kämpfen, bevor er dieses bewundernswürdige Werk zustande brachte. So oft man ein Schiff aus diesem großen Bassin holen oder in dasselbe führen will, wird letzteres mit Seewasser angefüllt, das, wenn man dessen nicht mehr bedarf, durch, von einem halben Hundert Galeerensklaven in Bewegung gesetzte, Pumpen in einer Zeit von sechs bis acht Stunden wieder fortgeschafft wird. In den Häfen des Atlantischen Meeres und der Nordsee ist dies unnötig, weil dort die Natur mit Hilfe der Ebbe und Flut die Schiffe von selbst holt und bringt.
Während unsers Aufenthalts in Toulon sah ich einen Dreidecker von hundertzwanzig Kanonen, den ‚Commerce de Paris‘, eine neue Fregatte und eine Brigg vom Stapel laufen, was immer die Veranlassung zu einer großen Feierlichkeit gibt; das Schiff ist auf das bunteste beflaggt und bewimpelt, viele Personen und geladene Gäste befinden sich auf demselben, nebst einer rauschenden Musik, die, während es losgelassen wird, Kriegsmärsche spielt. Wenn es glücklich im Meer angekommen ist, endigt das Ganze mit Tafelfreuden und Tanz auf dem Schiff, wobei auch Matrosen und sonstige Arbeiter, selbst die Galeerensträflinge, mit doppelten Portionen bedacht werden.
Bevor dieses Bassin vorhanden, war es eine sehr gefährliche Operation, ein so ungeheures Schiff vom Stapel laufen zu lassen, besonders für diejenigen, die die vordersten Stützen desselben wegschlagen mußten, da alsdann das Schiff sogleich pfeilschnell abrutscht. Zu dieser lebensgefährlichen Operation nahm man gewöhnlich einen lebenslänglich verurteilten Galeerensklaven, der, unter der Bedingung, daß, wenn er sie glücklich vollbrachte, seine Freiheit erlangte, sich freiwillig dazu verstand. War er nicht rasch und gewandt genug, um mit einem großen Sprung außer dem Bereich des furchtbar schnell dahinschießenden Schiffes zu kommen, so konnte leicht der Kiel desselben über seinen Körper gehen und ihn so zermalmen, daß kaum noch eine Spur von seinem Dasein zu finden war.
Diese Galeerensklaven, deren Zahl in Toulon in der Regel über viertausend beträgt, von denen wenigstens ein Dritteil auf Lebenszeit verurteilt ist, haben zwar ein hartes Geschick, das jedem Menschen, in dem noch ein Funken Gefühl vorhanden ist, furchtbar, ja unerträglich sein würde; aber die hierher verurteilten Verbrecher sind meistens völlig gefühllos und durch und durch verhärtet, wie es die oft stupid greulichen Physiognomien der Mehrzahl andeuten, und ist erst ein Mensch ein paar Monate auf dieser Hochschule aller Laster und Verbrechen, dann ist gewiß auch der letzte Funken von Ehre und Gefühl für immer in seiner Brust erstickt. – Aus dieser ebenso unsinnigen als scheußlichen Strafanstalt rekrutieren sich fortwährend die Raub-, Mord- und Diebesbanden durch die wieder frei gewordenen oder entwischten Sträflinge, die Paris und ganz Frankreich zu vielen Tausenden investieren, die empörendsten Verbrechen begehen, da ihnen Raub und Mord Kleinigkeiten und sie gewöhnt sind, immer alles an alles zu setzen, und die den Aufenthalt in der Hauptstadt so gefährlich machen. Sie sind teils in alten Galeeren und Schiffen eingesperrt, teils in den Bagnos (besondere zu diesem Zweck erbaute schmale und lange Säle), wo sie auf zwei Reihen Pritschen oder langen Bänken, zwischen denen ein schmaler Gang hinführt, je zwei und zwei aneinandergekettet, liegen. Jeder hat gerade so viel Raum, als er zur höchsten Notdurft bedarf, um liegen zu können; des abends werden sie noch mit besondern Ketten angeschlossen, die gerade so lang sind, daß sich der Sträfling bis zu dem nächststehenden Nachtkübel, wohin ihn dann sein Kettenkamerad begleiten muß, begeben kann, seine Notdurft zu verrichten. Das Licht dringt sparsam durch kleine in der Höhe angebrachte, stark vergitterte Fensterchen in die Bagnos, diese faulen und pestartigen Menschenställe, denn so oft auch diese Kübel geleert werden, so sind sie dennoch beständig mit Unrat angefüllt. Auf diesen Pritschen nehmen die Unglücklichen auch ihre elende Nahrung zu sich, die ihnen, gleich dem Vieh, in hölzernen Trögen gereicht wird, und aus den gröbsten Speisen, schwarzem Brot und in Wasser gekochten dicken Saubohnen besteht. Zu ihrer Bedeckung haben sie des nachts einige Fetzen, Rudera von Decken, in denen es von Ungeziefer wimmelt; nicht viel besser ist ihre Kleidung beschaffen.
Die neuen Ankömmlinge, die hierher verdammt sind, werden sogleich in eine Schreibstube des Marinekommissärs gebracht, wo man die sie betreffenden Papiere untersucht, um sich von der Identität ihrer Person zu überzeugen, worauf sie in das Register, aber mit keinem Namen, sondern mit einer Nummer bezeichnet, eingetragen werden. Von hier werden sie zum Baden in ein dazu bestimmtes Gemach gebracht, wo sie andere Forçats völlig entkleiden, in eine hölzerne mit Seewasser angefüllte Bütte legen, mit groben Schwämmen reiben und reinigen und das Wasser mehrmals erneuern, dann werden sie noch von einem Chirurgen visitiert, und sind sie krank befunden oder haben sonst etwas an sich, in das Galeerenlazarett gebracht, um geheilt zu werden. Die Gesunden erhalten nach der Besichtigung des Wundarztes nun ihre Galeerenkleidung, aus einer ganz groben Jacke von rotem Tuch, sackleinwandenen Beinkleidern, nicht viel besseren Hemden, ein paar mit Hufnägeln beschlagenen Schuhen und einer grobwollenen Mütze bestehend, die mit der Nummer des Inhabers bezeichnet und für die auf eine bestimmte Zeit Verurteilten rot, aber für die auf Lebenszeit grün ist, wahrscheinlich eine Satire auf die Farbe der Hoffnung. Auch das Haupt wird ihnen jetzt glatt geschoren.
Diejenigen unter ihnen, welche imstande sind, sich etwas nebenher zu verdienen, irgendein Handwerk, eine Kunst verstehen, oder andere Kenntnisse besitzen, sowie die, welche von ihren Familien eine Unterstützung erhalten, können sich manches Bene tun und ihr Schicksal um vieles erleichtern, namentlich auch ihre Nahrung verbessern. In diesen Bagnos erblickt man die Menschheit in ihrer tiefsten Entwürdigung und Verworfenheit. Die leiseste Bewegung eines solchen Sträflings verursacht ein widerliches Kettengeklirre, man glaubt sich in einer Menagerie wilder Bestien oder angeketteter Raubtiere. Wenn sie zur Arbeit abgeführt werden, sind sie von der Pritsche losgeschlossen, aber bleiben an der Kette, an der sie mit einem Kameraden zusammengeschmiedet sind, die mit einem schweren dicken eisernen Ring an dem einen Fuß befestigt ist und über einen Viertelzentner wiegt. Durch ihre Aufseher und Wächter, Argousins genannt, die mit dicken, knotigen, mit Eisen schwer beschlagenen Stöcken versehen sind, werden sie hinausgeführt und draußen noch von Wachen mit scharf geladenen Gewehren empfangen und begleitet. Das geringste Vergehen oder auch nur eine Miene des Ungehorsams oder Murren wird auf der Stelle durch die Argousins mit ihren Eisenstöcken auf das fühlbarste und ganz nach Willkür bestraft. Für größere Vergehen folgen weit härtere Strafen, vierfache Ketten, doppelte Ringe, enges Schließen, mit den Eisenstöcken wohl aufgemessene Prügel sind die gewöhnlichsten.
Ohne Unterschied ihres frühern Standes und Verbrechens, sind hier alle Stände vermischt aneinandergekettet und repräsentiert. Während meines Aufenthaltes zu Toulon, wo ich oft die Wache am Arsenal hatte, waren Geistliche, sogar ein ehemaliger Bischof, hohe Militärchargen, zwei Generäle, Richter, Notare, Kriegskommissare, Advokaten, Adlige, Kaufleute, Ärzte, Huissiers, Fabrikanten, Künstler, Handwerker, Bauern, Tagelöhner und so weiter alle durch- und aneinander geschmiedet, die freilich Verbrechen der gröbsten Art begangen hatten.
Trotz der strengsten Aufsicht und trotzdem sie, so oft man sie in die Säle zurückführt, bis auf das Hemd durchsucht werden, gelingt es ihnen doch häufig, in den Werkstätten allerlei Dinge zu entwenden und durch ihre Verbindungen mit außen heimlich zu verkaufen. Nägel, Hämmer, Kupfer, Handwerkszeug, Segeltuch und so weiter sind die Gegenstände, die sie vorzugsweise zum Diebstahl reizen; sie hüten sich aber, die gestohlenen Sachen mitzunehmen, sondern verstecken solche in den entlegensten Winkeln der Schiffe oder in der Nähe der Werkstätten, in denen sie arbeiten, und lassen sie dann durch freie Arbeiter, die im Arsenale zu tun haben, mit denen sie im Einverständnis sind und denen sie durch Winke begreiflich machen, wo sie den Raub zu suchen haben, verkaufen. – Gelegentlich stecken ihnen dann die letztern einige Sous dafür zu. Nicht selten wird durch diesen Handel der freie Arbeiter am Ende selbst auf die Galeere geschmiedet. Durch diese Arbeiter unterhalten die Sträflinge auch fortwährend Einverständnisse mit Personen in der Stadt, besonders mit feilen Dirnen, die sie schon früher kannten, und deren es in Toulon wegen der Marine und der Matrosen unzählige der allerverworfensten Gattung gibt, wie in jedem großen Seehafen. Vermittelst solcher Einverständnisse gelingt es nicht selten einem Galeerensklaven zu entwischen; in diesem Falle verbirgt er sich gewöhnlich mehrere Tage bei einer solchen liederlichen Dirne oder in einem andern Schlupfwinkel der Stadt, während, durch Kanonenschüsse in Alarm gebracht, ihn die Gendarmerie und die Patrouillen in der Umgebung suchen, vertauscht seine Sklavenkleidung, in welcher in jedem Stück die Buchstaben Gal groß eingebrannt sind, mit einer andern, welche die Dirne längst für ihn in Bereitschaft gehalten, eilt nach Marseille, Lyon oder Paris, um daselbst seine Laufbahn von neuem, nur mit größerer Virtuosität, mehr Vorsicht und Erfahrung, wieder zu beginnen, denn der Aufenthalt in den Bagnos, wo nicht selten falsches Geld, falsche Abschiede, falsche Pässe, falsche Bankbilletts und so weiter mit erstaunenswerter Kunst und fast nicht zu entdeckender Täuschung verfertigt werden, hat sie ja zu Meistern in den scheußlichsten Lastern und Verbrechen gemacht, und so treten sie als vollendete Schurken wieder mitten unter die menschliche Gesellschaft, der sie ewigen Haß, Rache und Verderben geschworen haben.
Wenn die Sträflinge von der Arbeit zurück in ihre Säle geführt werden, dann ist es ihnen erlaubt, für sich zu arbeiten. Der eine schnitzt allerlei Dinge aus Kokosnußschalen, der andere kopiert Schreibereien, wohl auch Noten, ein dritter verfertigt Dosen, ein vierter macht Tischler- oder Dreherarbeiten, ein fünfter schneidert oder flickt Schuhe und so weiter. Geringere Vergehen werden mit dem Verbot dieser Arbeiten bestraft, was den Sträflingen sehr empfindlich ist, weil sie dadurch die Mittel verlieren, sich ihre Lage zu erleichtern und manches Bedürfnis, als Tabak, ein Glas Branntwein und so weiter befriedigen zu können.
Auf das Signal, das einer der Aufseher mit einer Pfeife gibt, müssen diese Arbeiten augenblicklich aufhören, das Abendgebet wird verrichtet, und jeder legt sich auf das ihm angewiesene Bretterbett nieder, wo ihm ein etwas erhöhter Holzblock zum Kopfkissen dient. – Sobald sie liegen, werden sie durch eine eiserne Stange, die man durch die Fußringe zieht, aneinandergekettet, und Wachen marschieren die ganze Nacht zwischen diesen Pritschen auf und nieder.
Diejenigen Forçats, die zu Prügeln förmlich verurteilt worden sind, erleiden diese auf der sogenannten Bank der Gerechtigkeit, auf die man sie, mit einem Strick umwunden und angebunden, legt, worauf sie die bestimmte Zahl Prügel mit einem gedrehten, in Seewasser eingeweichten Strick erhalten, der die Hiebe weit empfindlicher macht, weil er sich um die Glieder schlingt.
Die zu hoffende Belohnung für ein gutes und gehorsames Betragen macht, daß der Forçat sich mehr deshalb als aus Furcht vor Strafe bemüht, ein solches zu haben. Bei einer guten Aufführung von mehreren Monaten oder nach Jahresfrist verordnet der Chef dieser Strafanstalt, daß man ihn en chaîne brisée tue, das heißt, daß man ihn von seinem Kettenkameraden trenne, er behält dann nur noch die Hälfte der Kette und den Fußring, kann jetzt wieder allein gehen und ist nicht mehr gezwungen, bei allen Verrichtungen auf seinen Kameraden zu warten, was eine außerordentliche Erleichterung ist. Er gehört nun gewissermaßen zu den vertrauten Sträflingen, aus denen man Köche, Barbiere, Krankenwärter in den Lazaretten und sogar Schreiber in den Bureaus macht, man erlaubt ihm, sich eine kleine Matratze anzuschaffen; später bleibt ihnen nur noch der Ring am Fuß, und selbst diesen erlaubt man ihnen mit einem langen Pantalon zu bedecken, sowie das geschorene Haupt mit einer Perücke. Ein entwichener und wieder eingefangener Galeerensklave wird mit einer tüchtigen Bastonade bewillkommt, eine Zeitlang in ein Loch gesperrt, wo kein Tag hineindringt, und seine Strafzeit auf der Galeere verdoppelt. Stirbt ein Sträfling, so wird er von vier seiner Kameraden ohne Ketten, die nur noch einen Ring am Fuß haben, in einem Sarg in das Lazarett der Marine getragen, wo die Wundärzte an seinem Körper ihre Studien machen; wird aber einer wegen neuer, auf der Galeere begangener Verbrechen hingerichtet, was in Gegenwart aller übrigen, die in bloßem Haupte sind und auf den Knieen der Exekution beiwohnen müssen, geschieht, so begraben ihn die grauen Brüder der Büßenden in Toulon, ein Werk der Barmherzigkeit übend. Die kranken Sträflinge werden in dem für sie bestimmten Lazarett gut verpflegt und gewartet. Doch genug über diesen Gegenstand, einen der traurigsten, der die Menschheit berührt.
In Toulon bei der Belagerung durch das Heer der Republikaner zeichnete sich Buonaparte zuerst als geschickter Artillerieoffizier aus. Nach den Begebenheiten vom 31. Mai zu Paris hatte Toulon an dem Aufstand der Marseiller teilgenommen, und mit diesen einverstanden, riefen die Einwohner von Toulon die Engländer herbei und übergaben ihnen Stadt und Hafen. In letzterem lagen damals fünfundzwanzig der schönsten Linienschiffe, mit tausend Kanonen bewaffnet, und im Arsenal war ein unermeßlicher Vorrat von Material jeder Art. Die Verbündeten, Engländer, Spanier, Piemonteser und so weiter, besetzten auch noch die Zugänge und Engpässe, die nach Toulon führen, auf mehrere Stunden in der Umgegend, und namentlich die französischen Thermopylen, das Felsental von Olioulles. Der französische General Cartaux hatte aber bereits dasselbe wieder genommen, und seine Vorposten standen im Angesicht der Stadt, als Buonaparte, Bataillonschef bei der Artillerie, im Hauptquartier zu Beausset ankam, wo man mit dem Projekt umging, die feindlichen Flotten in der Reede zu verbrennen. Den Tag nach seiner Ankunft besuchte er, den Obergeneral begleitend, die zu dem Zweck errichteten Batterien und war nicht wenig erstaunt, als er eine derselben eine Viertelstunde von dem Engpaß von Olioulles mit sechs Einundzwanzigpfündern besetzt fand, die nicht weniger als drei Kanonenschußweiten von den feindlichen Schiffen und zwei von den Ufern entfernt lag. Dabei waren die Soldaten in den umliegenden Bastiden (Landhäusern) rastlos beschäftigt, die Kugeln, welche die Schiffe in Brand stecken sollten, glühend zu machen. Der Kommandant der Batterie entschuldigte diesen Unsinn, vorgebend, daß er auf höheren Befehl handle. – Buonaparte suchte nun einen Park von zweihundert passenden Feuerschlünden und geschickte Leute zu deren Bedienung herbeizuschaffen, und nach Verlauf von wenig Wochen waren sämtliche Batterien so nahe an dem Ufer der Reede aufgeworfen, daß sie die größten feindlichen Schiffe entmasteten und die kleineren zum Teil in den Grund bohrten, daher der Feind genötigt wurde, diesen Teil der Reede zu verlassen. Täglich vermehrte sich nun das republikanische Belagerungsheer, und bald war man imstande, die Belagerung mit allem Nachdruck zu betreiben. Buonaparte, der sich unterdessen genau mit dem Terrain bekanntgemacht hatte, schlug den Angriffsplan vor, dem man die Wiedereinnahme Toulons verdankt und der mit großer Sachkenntnis entworfen war. – Gleich anfangs hatte er erklärt, daß, wenn man nur drei Bataillone auf die Spitze der Vorgebirge Balaguier und Eguillette, wo zwei Forts lagen, brächte, sich die Stadt in vier Tagen ergeben müsse. Dieser Plan wurde aber den Engländern verraten, die sich schnell entschlossen, die hohe Wichtigkeit dieser Position begreifend, sie zu besetzen und eiligst zu befestigen, sogar die Galeerensklaven bei dieser Arbeit verwendend. Durch viertausend Mann ließen sie diese Posten nun besetzen, alles Gehölz in der Umgegend umhauen, und nannten diese Verschanzungen Klein-Gibraltar, weil sie sehr fest und schwer zu nehmen waren. General Cartaux, früher ein Maler, der glücklich gegen die Marseiller gewesen, weshalb ihn die Deputierten des Bergs an demselben Tage zum Brigade- und Divisions-General ernannt hatten, der aber sonst gar kein militärisches Talent besaß, verlor jetzt das Kommando wieder, das man einem General Doppet, einem armen Savoyarden, der früher Advokat und jämmerlicher Rabulist gewesen, übertrug. Dieses Subjekt hatte noch weit weniger Kenntnisse, war dabei ein Feind jedes fremden Talentes und ein gewaltiger Hasenfuß, so feig wie boshaft. Ohne seine Feigheit würde er durch einen sonderbaren Zufall Toulon in zweimal vierundzwanzig Stunden nach seiner Ankunft genommen haben. Die Spanier hatten nämlich einen Mann von den in den Laufgräben vor Klein-Gibraltar liegenden Truppen gefangen genommen und mißhandelten ihn im Angesicht der Franzosen. Diese, darüber wütend, griffen zu den Waffen und liefen im Sturm gegen die feindlichen Schanzen. Als dies Buonaparte sah, eilte er zum General und beredete ihn, diesen zufälligen Angriff und Enthusiasmus seiner Leute zu benutzen, der auch auf seinen Rat alle Reserven in Bewegung setzte, an deren Spitze Buonaparte marschierte. Die Sache schien den besten Erfolg zu haben, als unglücklicherweise an Doppets Seite ein Adjutant, durch eine Kugel getroffen, niedersinkt; da ergreift den Advokat-General ein panischer Schrecken, in seiner Herzensangst läßt er eiligst, und zwar in dem Augenblicke, als die Grenadiere im Begriff sind, in den Eingang der Redouten zu dringen, von allen Seiten zum Rückzug blasen. Die Soldaten, wütend, riefen laut, daß man ihnen Advokaten und Hundsfötter statt Generälen gebe. Doppet wurde zwar abgerufen und zum Henker gejagt, und ein alter, schon mit Wunden bedeckter Soldat, General Dügommier, an dessen Stelle ernannt, aber der beste Moment war verpaßt. Jetzt nahm die Sache jedoch bald eine andere Wendung, und mit großem Eifer bereitete man alles vor, um sich zum Herrn jener Position zu machen. – Der unverständige Haufen, welcher die Wichtigkeit derselben nicht einzusehen vermochte und nicht begreifen konnte, warum man alle Streitkräfte konzentrierte, um ein abgesondertes Fort zu nehmen und nichts gegen die Stadt selbst unternahm, murrte. Alle Schreier in den Klubs beschuldigten die Kommandierenden des Verrats oder doch der Unfähigkeit, man klagte über die lange Dauer der Belagerung, Mangel und Not fing an, sich in der Provence fühlbar zu machen, und die Konvents-Deputierten Freron und Barras schrieben an den Konvent, es sei besser, die Belagerung aufzuheben und das Beispiel Franz I. zu befolgen, der sich bei dem Einfall Karl V. hinter die Dürançe zurückgezogen, worauf die Hungersnot den Feind genötigt habe, die von ihm verwüstete Provence zu verlassen, und der dann mit desto größerem Erfolg angegriffen und geschlagen wurde. Aber kurz nachdem dieses Schreiben, welches die Deputierten später für unterschoben erklärten, nach Paris abgegangen war, befahl Dügommier einen allgemeinen Angriff auf Klein-Gibraltar, in welches Buonaparte nicht weniger als fünftausend Bomben werfen ließ, während dreißig Vierundzwanzigpfünder dessen Brustwehr demolierten. Von dem Flecken La Seine, der in der Reede liegt, läßt Dügommier, ohnerachtet man es ihm mißrät, um Mitternacht bei dem schrecklichsten Sturm und Regenwetter die Truppen in zwei Kolonnen gegen die Verschanzungen marschieren, die aber durch die vor den Redouten placierten Plänkler mit einem sehr gut unterhaltenen Feuer empfangen werden, so daß die erste Kolonne zu wanken beginnt, und Dügommier an ihrer Spitze ruft aus: „Vorwärts! in’s Teufelsnamen, oder ich bin verloren!“; denn das Schafott, das damals jeden geschlagenen General erwartete, schwebte ihm vor Augen. – In diesem Augenblick erklimmt ein junger Artilleriehauptmann namens Muiron, der Buonaparte zugeteilt war und den man mit einem Bataillon Chasseurs absandte, den Berg an der Spitze seiner Truppen und kommt, von der zweiten Kolonne gefolgt und unterstützt, glücklich an dem Fuß des Forts an, springt durch eine Schießscharte desselben, aus der man soeben eine Kanone abgefeuert hat, und während man mit der Wiederladung derselben beschäftigt ist, folgen ihm seine Leute auf dem Fuß und dringen mit ihm in die Schanze. Muiron wird jedoch durch den Bajonettstich eines Engländers schwer verwundet, während die Feinde bei den Geschützen niedergemacht werden, welche die Franzosen sogleich gegen dieselben wenden. Balaguier und Eguillette, jetzt von den Engländern schnell geräumt, werden genommen, worauf eine Batterie und eine Redoute nach der andern in die Hände der Republikaner fällt. Den kommenden Morgen spielte schon mit Anbruch des Tages all das Geschütz der genommenen Redouten auf die Schiffe in der Reede; als aber der englische General Hood von seinem Erstaunen zurückgekommen war und sah, daß die Franzosen Meister dieser Plätze waren, gab er das Zeichen zum Lichten der Anker und zum Verlassen der Reede. Er begab sich sodann noch nach Toulon, um den Einwohnern anzukündigen, daß man die Stadt verlassen müsse, und nach reiflicher Überlegung war der Kriegsrat einstimmig der Meinung, daß man unter diesen Umständen die Festung nicht länger behaupten könne. Man nahm nun in größter Eile Maßregeln, um sich einzuschiffen, und die französischen Schiffe, die man nicht mitnehmen konnte, wurden angezündet und verbrannt, auch das Arsenal, alle Magazine und was zur Marine gehörte, wurden zerstört, vernichtet oder unbrauchbar gemacht. Zu gleicher Zeit machte man den Einwohnern bekannt, daß alle diejenigen, welche nicht in der Stadt bleiben könnten oder wollten, auf den Schiffen der Engländer und Spanier aufgenommen würden. Als dieser Beschluß veröffentlicht wurde, stieg die Bestürzung der Bürger, die eben noch mit ganz Frankreich so etwas für unmöglich gehalten, ja jeden Augenblick die Aufhebung der Belagerung erwartet hatten, auf das Höchste. Noch in derselben Nacht sprengten die Engländer das Fort Poné in die Luft, und eine Stunde darauf steckten sie die französische Flotte, was sie davon nicht fortbringen konnten, in Brand; nicht weniger als zwölf Linienschiffe, viele Fregatten, Korvetten, Briggs und andere Kriegsschiffe wurden ein Raub der Flammen, die in hundert Feuersäulen zumal gen Himmel wirbelten. Ein Augenzeuge hat mir versichert, daß der Anblick dieser vielen brennenden Schiffe mitten in der Reede ein so furchtbar schönes Schauspiel war, daß der, der es nicht gesehen, sich unmöglich eine richtige Vorstellung machen könne. Man glaubte eine im Meer brennende ungeheure Stadt zu erblicken, die Maste mit ihren Tauen schienen eben so viele brennende Türme, zugleich loderten auch die Flammen und Feuersäulen aus dem in Brand gesteckten Arsenale empor, wo die Magazine so viel brennbare Materiale enthielten, daß sie bald ein Feuermeer bildeten, und der ganze Horizont war nur noch eine Rauchwolke, mit Milliarden glühender Funken geschmückt. In der Stadt herrschte unterdessen eine unbeschreiblich grauenvolle, grenzenlose Unordnung, jeder suchte seine teuerste Habe zusammenzupacken, um sich damit auf die englischen und spanischen Kriegsschiffe zu flüchten. Alles lief, schrie, heulte und rannte durcheinander, am Hafen standen Tausende, das furchtbar schöne Schauspiel in der Reede mit verzweiflungsvollen Blicken anstarrend. Die Galeerensklaven suchten diesen Augenblick zu benutzen, sich ihrer Ketten zu entledigen, und die, denen es gelungen war, sich zu befreien, die große Mehrzahl, rannten durch die Straßen Toulons, um in der allgemeinen Verwirrung zu rauben und zu stehlen. Die Franzosen selbst, welche den Feind herbeigerufen, schmerzte es in der Seele, zu sehen, wie so viele teure Gegenstände, viele hundert Millionen an Wert, in wenig Stunden ein Raub der Flammen und vernichtet wurden. Dabei feuerten die Batterien der Republikaner unaufhörlich auf die Reede und schossen viele Boote, die mit den sich zu den Engländern flüchtenden Einwohnern überfüllt waren, in den Grund. – Als endlich die Morgenröte anbrach, sah man die englische und spanische Flotte schon außerhalb der Reede nach den hyerischen Inseln segeln. – Mehrere tausend Familien aus Toulon, welche die Revolutionstribunale zu fürchten hatten und ohne Zweifel, wenn sie geblieben, dem Henkersbeil anheimgefallen wären, waren mit dem Wenigen, das sie in der Eile hatten retten können, den Engländern gefolgt, und doch wurden in den ersten Tagen der Wiedereinnahme der Stadt durch die Republikaner viele hundert Menschen, angeblich als Royalisten, ermordet; auch kam ein Befehl vom Konvent, alle Häuser der schuldigen Geflüchteten niederzureißen, womit man sofort begann. Was von den dreißigtausend Einwohnern, die damals Toulon zählte, zurückgeblieben, etwa zwei Dritteile, war größtenteils die Hefe des Volks und der raub- und mordlustige Abschaum der Stadt, alle besseren Leute waren fortgezogen. – Den anderen Morgen und noch mehrere Tage nach jener grauenvollen Schreckensnacht sah man, wie mir derselbe Bürger erzählte, mehr als tausend Leichname, Engländer, Franzosen und Spanier, Männer, Weiber, Kinder und Säuglinge, zum Teil schrecklich verstümmelt, auch viele abgerissene Gliedmaßen, in der Reede und dem Hafen schwimmen. Man fischte sie nach und nach auf und begrub sie in ungeweihter Erde.
Die Nachricht von der Wiedereinnahme Toulons durch die Republikaner, die sich kein Mensch hatte träumen lassen, machte in ganz Frankreich und dem übrigen Europa eine große Sensation. Buonaparte hatte hier den Grundstein zu seiner künftigen Erhebung gelegt und seinen Ruf begründet. Kaum einen Monat später wurde er schon zum Brigadegeneral der Artillerie ernannt.
Ich besuchte nun mehrere Tage lang alle die Punkte und Orte, welche bei dieser Belagerung von Wichtigkeit gewesen und wo der jetzige Kaiser und seine Artillerie gestanden und gewirkt hatten; es wurde mir dadurch klar, welchen scharfen und richtigen Überblick Napoleon hier gehabt. Mit mehr Ernst als bisher legte ich mich nun auf das Studium der höheren Kriegskunst und deren Hilfswissenschaften, namentlich die, welche die Artillerie erfordert, und hoffte wohl auch noch einmal eine Armee zu kommandieren, wofür mich der gütige Himmel bewahrte, was ich ihm jetzt, wo mir die lächerliche Nichtigkeit all dieser menschlichen, wenn auch oft so blutigen Puppenspielerei beißend klar geworden, herzlich danke. –
Die ersten Tage meines Aufenthalts in Toulon brachte ich in einem Gasthofe zu, wohin mich mein Einquartierungsbillett gewiesen hatte, dann aber suchte ich mir eine Privatwohnung, die ich recht angenehm am Kai fand, wo ich zu jeder Stunde die unterhaltendste Aussicht auf das Gewühl und Getriebe der Schiffe und Menschen in dem Hafen hatte. Indessen fing mir der Aufenthalt in Toulon bald an langweilig zu werden, da das Theater spottschlecht war und ich, nachdem vierzehn Tage verflossen, in denen ich alles, was zu sehen war, zum Überdruß gesehen, noch keine Bekanntschaft, die mich interessierte, gemacht hatte, was in Toulon nicht so leicht war, da die besseren Häuser sich vom Militär und von der Marine fern zu halten suchen.
Glücklicherweise erhielt ich jetzt Briefe von Hause und mit diesen ein Empfehlungsschreiben an einen der reichsten Kaufleute der Stadt namens Kohn, der ein Elsässer von Geburt war und mich in mehrere Familien einführte. Zugleich meldete mir mein Vater mit großem Bedauern, daß man fürchte, der Kaiser der Franzosen wolle der republikanischen Herrlichkeit Frankfurts ein Ende und die Stadt zur Hauptstadt eines Großherzogtums machen, nachdem ihr Augereau noch einige Millionen Kriegskontribution abgenommen.