Es war in den ersten Tagen des Monats Februar, als wir zu Genua ankamen, dabei hatten wir von Toulon aus das schönste Frühlingswetter, alles war grün, und viele Bäume und Pflanzen standen in üppigster Blüte. Fünf Tage hatten wir noch vor dem uns folgenden Bataillon voraus, die ich in dolce giubilo mit Madame Grenet verlebte, und suchte auch meistens in deren Gesellschaft die Sehenswürdigkeiten Genuas auf, die nicht zu den alltäglichen gehören. Die prächtigen Straßen Balbi und Strada nuova mit ihren Marmorpalästen, wie sie keine Stadt in Europa mehr aufzuweisen hat und unter denen besonders die der Durazzo, der Doria, der Spinola, der Pallavicini und so weiter durch ihre außerordentliche Pracht und Schönheit hervorragen. In all diesen Palästen sind treffliche Gemälde und ganze Galerien derselben, welche die Meisterstücke eines Rubens, Tizian, Van Dyk und so weiter enthalten. Leider fand ich damals an leblosen Gemälden, wenn sie auch noch so trefflich waren, wenig Geschmack, besonders wenn sie sogenannte heilige Gegenstände darstellten; dagegen waren mir die lebenden desto teurer, und die genuesischen Frauen mit ihren langen Schleiern, die sie so graziös überzuwerfen, und ihren durchbohrenden Feueraugen, die sie so schelmisch zu gebrauchen wissen, sprachen mich weit mehr an als das herrlichste Gemälde im Palazzo Durazzo; und das lebendige Bild an meiner Seite, Madame Grenet, fing bald an, mich so zu ermüden, daß ich nach ein paar Tagen, soviel als es sich tun ließ, Genuas Schönheiten allein zu sehen suchte. Einige der schönen Bilder blieben jedoch nicht ganz ohne Eindruck auf mich, namentlich entsinne ich mich, daß ich das berühmte Gemälde Solimenos, Hektors Leiche durch Achilles um Troja geschleift, mit Wohlgefallen betrachtete.
Wir besuchten den zweiten Abend die Oper im Teatro Augustino, wo ‚Gli amanti in scompiglio‘ recht brav gegeben wurden. In einem zweiten Theater sahen wir Goldonis Bugiardo, das wir aber bald wieder verließen, da wir uns, kein Wort verstehend, langweilten, und nahmen in einem nahen Kaffeehaus, dessen Saal eine Grotte, mit Moos und Seemuscheln tapeziert, vorstellte, Sorbetti.
Schon in den nächsten vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft hatte ich mich erkundigt, ob noch Nachkommen von der Familie der Fieschi vorhanden seien und mit großem Vergnügen erfahren, daß noch Zweige derselben existierten, die jedoch nicht mehr zu dem reichsten und angesehensten Adel gezählt würden. Ich nahm mir vor, einen Grafen Fiesco, den ich ausgekundschaftet hatte, zu besuchen. – Nicht ohne Mühe machte ich seine Wohnung, einen etwas alten, nicht im besten Zustand befindlichen Palazzo, in einer schmalen, düsteren Gasse ausfindig und wurde von einem Bedienten gemeldet und angenommen. Ich stand nun vor einer langen, hageren, einige fünfzig Jahre alten, sehr trocken und etwas grämlich aussehenden Figur, der ich auf französisch auf die artigste Weise möglichst begreiflich zu machen suchte, warum ich mir die Freiheit herausgenommen, den Abkömmling eines so hochberühmten Hauses mit einem Besuch zu belästigen, und sprach dabei von Schillers trefflicher Tragödie, die seinen Namen führe. Der Herr Graf sah mich starr und fast stupid an, erwiderte mir endlich mit ein paar gebrochenen französischen Worten: „Je ne comprenner pas Monsju ke vous voulez.“ Da ich mich noch verständlicher zu machen suchte, ihm von Schiller, unserem größten Dichter, der sein Haus in Deutschland verewigt habe, und von der Verschwörung sprach, fiel er mir mit einem: „Ma Signor Uffiziale non capisco niente, cosa é questo Skiller!“ ins Wort. Da ich sah, daß es mir so ziemlich unmöglich war, dieser gräflichen Figur, die anfing, sich ängstlich um- und mich mit mißtrauischen Blicken anzusehen, begreiflich zu machen, warum ich sie besuche, so stand auch ich, wie einst bei Goethe, ziemlich verblüfft da, entschuldigte mich noch mit einer Verbeugung und war froh, als ich wieder zur Tür hinaus war. Ich nahm mir nun vor, so bald weder berühmte Männer noch berühmte Namen mehr aufzusuchen.
Denselben Abend sollte mir noch ein ganz anderes Abenteuer begegnen: Ich hatte mich unter allerlei Vorwand von Madame Grenet freigemacht, in Zivilkleider gesteckt und wandelte durch die engen Gassen Genuas, die schön gewachsenen Gestalten seiner weiblichen Kinder bewundernd; nachdem ich ziemlich müde war – ich hatte den Nachmittag auch die Kaserne besucht, welche unser Bataillon aufnehmen sollte, die sehr hoch über dem Platz dell’ acqua verte lag und eine herrliche Aussicht über Stadt und Hafen hatte –, setzte ich mich in der Loggia, einem weitläufigen Gebäude auf dem Platz de banchi, das ein großes, kühn gebautes, von Marmorsäulen getragenes Gewölbe hat und zu jeder Stunde von Personen besucht wird, die auf den ringsherum stehenden Bänken ausruhen, auch auf eine solche nieder. Kaum hatte ich mich niedergelassen, als ein feister Pfaffe, ein Kanonikus, mit einem Vollmondsgesicht, mich freundlich begrüßend neben mir Platz nahm und eine Konversation mit mir anzuspinnen suchte, von der ich aber wenig oder nichts verstand, da er kaum drei Worte Französisch und ich nicht mehr Italienisch konnte. Von den in der Halle vor uns auf- und niederspazierenden Personen – das Gebäude ist hauptsächlich ein Versammlungsort für Kaufleute, für die es früher ausschließlich bestimmt war, jetzt aber zur Bequemlichkeit für jedermann und zu Geschäfts-Rendezvous eingerichtet, Frauenzimmer kommen nicht dahin – sahen uns mehrere mit seltsam neugierigen Blicken an, so daß es mir auffiel. Der feiste Kanonikus schien dies nicht zu bemerken und lud mich auf das dringendste ein, ihm doch das Vergnügen zu machen, eine Sorbette mit ihm zu nehmen; ich ließ mich nach einigem Weigern dazu bereden, er führte mich durch viele enge und winklige Straßen in ein abgelegenes und wenig besuchtes Kaffeehaus, wo er mich mit Schnee-Eis regalierte und mich dann einlud, einen paseggio mit ihm zu machen, wobei er sich keuchend an meinem Arm hielt und sich so sehr an mich drückte, daß er mir lästig wurde. Er führte mich zur Porta dell’ Arco hinaus, über das Glacis, durch ganz einsame und isolierte Wege. Ich wollte ihn mehrmals zum Umkehren bewegen, da ich nicht wußte, was ein solcher Spaziergang um diese Zeit, es war schon längst Nacht, und in dieser Jahreszeit für Annehmlichkeiten haben sollte, mir auch endlich der Gedanke kam, der Pfaffe könne wohl ein Erzfeind der Franzosen sein und mich in ein guet-à-pens locken. Eben waren wir an dem Eingang eines kleinen Vorwerks angekommen, und ich war im Begriff, übel oder wohl, mit oder ohne den Signor canonico umzukehren, als ein barsches: Halte là – hinter uns ertönte, ein Offizier mit einem Korporal und drei Mann Wache den Pfaffen sogleich festhielt und ersterer mich mit einem „Qui êtez – vous?“ anredete. Mit wenig Worten sagte ich ihm, wer ich sei, und auf seine Frage, wie ich in diese Gesellschaft käme, erzählte ich ihm, wie dies zugegangen sei. Der Platzadjutant, denn dies war der Offizier, ließ nun den Kanonikus mit der Wache abführen, und mich beim Arm nehmend, eröffnete er mir, daß der saubere Pfaffe ein sogenannter warmer Bruder sei, den er schon lange auf dem Korn habe, da er sich besonders an junge Soldaten mache und diese zu verführen suche; als er mich zufällig mit ihm durch das Tor habe gehen sehen, wo ihn der Dienst gerade hingeführt, sei er mit der Wache nachgeeilt, in der Hoffnung, den Patron, dem er schon lange aufpasse, einmal zu erwischen. Ich war über diese Aufklärung so beschämt als entrüstet, und hätte ich nur die entfernteste Ahnung von den Absichten dieses Subjekts gehabt, so würde ich den Kerl schon heimgeführt und in die Falle gelockt haben. Ich bat den Platzadjutanten, den scharmanten Kanonikus, der keuchend und schweißtriefend zwischen den drei Lichtern, die ihm die Bajonette anzündeten, neben uns hertrabte, ein über das andere Mal um seine Loslassung flehte, sich endlich sogar auf die Kniee warf, hundert Luigi d’oro anbietend, wenn man ihn frei lassen wolle, und die Madonna und alle Heiligen anrufend, daß er sich in seinem ganzen Leben dergleichen nicht mehr zuschulden kommen lassen wolle, der Polizei zur strengen Bestrafung zu überliefern. Der Platzadjutant blieb auch unerbittlich und taub und wurde durch dieses Anerbieten nur um so aufgebrachter. Die Soldaten zerrten den Pfaffen bei seinem Rock in die Höhe und schleppten ihn bis zur Torwache, ihm mit den Kolben drohend, wenn er nicht gutwillig gehen würde. Hier angekommen, ging das Gejammer von neuem an, und wir beratschlagten, was wir tun sollten. Einen Eklat zu machen und folglich eine Untersuchung zu veranlassen, in die ich natürlich mit verwickelt worden wäre, konnte mir nicht angenehm sein, hierin stimmte mir der Adjutant bei; wir kamen nun überein, den Burschen bis gegen Morgen, ihm die Hölle noch recht heiß machend, in der Wache schwitzen zu lassen und ihn dann gegen eine Vergütung von fünfzig Lire an die Wache mit einem derben Wischer und der Warnung, sich ja nicht wieder erwischen zu lassen, fortzuschicken, was der Platzadjutant auf sich nahm. Ich eilte nun halb verdrießlich, halb lachend über dieses Abenteuer heim, wo mich Madame Grenet über mein langes Ausbleiben maulend und mit Vorwürfen empfing. Ich teilte ihr den Vorfall etwas verblümt mit, sie schien aber gar nicht begreifen zu können, was der Pfaffe eigentlich gewollt, und ich konnte es ihr auch nicht ganz deutlich machen, weshalb sie die ganze Sache bezweifelte, für eine Finte hielt und meinte, es sei wohl ein Kanonikus ohne Bart und im langen Kleid gewesen. Das letzte war an dem. Noch lange vor dem Einschlafen wurde ich mit Explikationen gequält, die ich geben sollte und nicht geben konnte; selbst mir war das Ding noch nicht recht klar und nie vorgekommen, schon der Gedanke an eine so ekelhafte und unnatürliche Wollust erfüllte mich mit Abscheu, und doch ist sie in Italien und noch mehr in Griechenland etwas sehr Gewöhnliches, man macht gar kein Aufsehen davon, nicht selten bieten Männer ihre Ehefrauen zur Kompensation für einen solchen Liebesdienst demjenigen an, der ihnen denselben erweisen will.
Am anderen Morgen sollte das Bataillon einrücken, dem ich eine Stunde weit entgegenging. Auch die Damen, mit ihnen Madame Grenet, fuhren ihm eine Strecke entgegen und bewillkommneten ihre Männer auf das zärtlichste. Ich war froh, meines Dienstes bei Madame Grenet jetzt überhoben zu sein, der mir anfing beschwerlich zu werden, denn die schönen Genueserinnen steckten mir im Kopf.
Nachdem der Dienst geregelt war, den wir gemeinschaftlich mit den anderen französischen Truppen versahen, machte das Offizierkorps, Düret an der Spitze, seine Besuche bei der Generalität und mehreren der angesehensten Häuser, wie bei Dorias, Pallavicinis und einigen anderen, in denen auch die Offiziere des schon länger hier stehenden dritten Bataillons eingeführt waren. Glänzend waren die Soireen bei dem Chef des Hauses Doria, wo wir nach ein paar Tagen, nachdem wir unsere Aufwartung gemacht, eingeladen wurden, bei dem schon alles so ziemlich französiert, das heißt auf französische Art eingerichtet war. Hier lernte ich die ersten Schönheiten Genuas kennen, und wirklich waren welche von den seltensten Exemplaren unter ihnen, namentlich eine Marchesa P..., die mit den regelmäßigsten, feinsten und dabei ausdrucksvollsten Gesichtszügen eine Körperbildung verband, die selbst Praxiteles für ein Meisterstück der Schöpfung erklärt und sich zum Muster erbeten haben würde und die, nachdem ich sie zum erstenmal gesehen, mich die übrige Nacht kein Auge schließen ließ, ein caso rarissimo. Sie war aus dem Hause der Durazzi und an den Marchese P... verheiratet, hatte aber neben ihrem Mann einen Cicisbeo, der nicht von ihrer Seite wich und schon in reiferen Jahren war. Zu jener Zeit war das Cicisbeat in Genua noch allgemein bei den Vornehmen eingeführt. Außer ihr waren noch eine Gerai, eine Tursi, eine Doria und eine Marchesa Costa wegen ihrer Schönheit zu bewundern, und die hochtrabenden Namen Spinola, Centurione, Imperiali, Somellini und so weiter ertönten fortwährend in den Conversazioni bei Dorias. Ich tanzte mit mehreren dieser Damen, namentlich auch mit der ausgezeichnetsten derselben, der Marchesa P..., konnte aber mit keiner derselben eine nur einigermaßen zusammenhängende Unterhaltung anknüpfen, da die meisten fast gar kein Französisch oder es doch nur sehr gebrochen sprachen und dann immer drei Vierteile italienischer Worte einmischten. Dies brachte mich zur Verzweiflung, und schon den anderen Morgen nach der ersten Soiree kaufte ich mir einen Veneroni und machte mich mit dem größten Eifer an die Erlernung der italienischen Sprache, nahm meine Grammatik mit zu Bett und auf die Wache, lernte vor allem die zur Unterhaltung notwendigsten Phrasen auswendig und nahm zugleich einen italienischen Sprachlehrer, einen gewissen Tommolo, an, der mich nicht nur mit dieser Sprache, sondern auch mit den Familienverhältnissen der vornehmen Welt ziemlich bekannt machte, was mir um so willkommener war, als ich hier ein probates Mittel, das mir in Frankreich so behilflich war, die Friseure, nicht benützen konnte, weil ich sie nicht verstand, da sie kein Französisch, ja nur ein sehr schlechtes Italienisch, das kauderwelsche Genuesisch sprachen. Mein exzellenter Lehrer wußte mir auch Mittel und Wege anzugeben, um leicht Bekanntschaften mit den Schönen von Genua anzuknüpfen, ja er erbot sich sogar zur Besorgung von Biglietti, wenn ich deren abzugeben hätte, bemerkend, die genuesischen Damen seien große Liebhaberinnen der französischen Offiziere. Ich nahm dieses Anerbieten dankbar an und versprach, seine Güte bei vorkommender Gelegenheit in Anspruch zu nehmen. In vierzehn Tagen war ich schon imstande, den Damen die gewöhnlichen Schmeicheleien auf italienisch zu sagen, und machte bald Riesenfortschritte in dieser so leichten als schönen Sprache.
Bald nach unserer Ankunft erhielt ich Empfehlungsschreiben und einen Wechsel auf ein deutsches, in Genua etabliertes Haus, und zwar das eines Frankfurters namens Bansa. Der Brief und noch mehr der Wechsel kam mir erwünscht, denn meine Kasse war ziemlich erschöpft, und ohne Geld, diesen nervus rerum gerendarum, kann man selbst in dem schönen Italien nicht viel anfangen. Ich eilte auf das Kontor meines Landsmannes, wo ich auf echt Frankfurter kaufmännische Art empfangen wurde; man zahlte mir den Wechsel, sechshundert Franken, und bat mich für den nächsten Sonntag zu einer langweiligen Abfütterungsmahlzeit, die ich nicht ausschlug, da ich nicht wissen konnte, ob ich das Haus später nicht brauchen würde; damit war es aber auch abgemacht, und Herr Bansa war nicht imstande, mir die mindeste Auskunft über genuesische gesellige Verhältnisse zu geben oder eine wissenschaftliche Unterhaltung zu führen, ebensowenig war er in der italienischen wie überhaupt in jeder anderen Literatur bewandert. Er war eine der gewöhnlichen merkantilischen Rechenmaschinen, die, sobald von etwas anderem als ihren Handlungsbüchern oder den in ihren Kram schlagenden Spekulationen die Rede ist, verstummen, da alles andere über ihren Horizont geht. So war denn auch dieses Diner, dem außer der Familie und mir noch ein paar andere Deutsche, gleichfalls Merkursdiener, beiwohnten, eines der langweiligsten, denen ich je beigewohnt; wo ich anklopfte, fand ich alle Pforten verschlossen, und als ich gar die Politik und Tagesgeschichte aufs Tapet bringen wollte und von Napoleons mutmaßlichen Absichten und so weiter sprach, da wurden alle Gesichter ellenlang und verlegen. Ich war herzlich froh, als man endlich vom Tisch aufstand, beurlaubte mich baldmöglichst, dem Bedienten eine reichliche buona mano, zu deutsch Trinkgeld, gebend, und erst im Freien ward es mir wieder wohl. Ich betrat auch das Haus nur noch einmal, um einen Hauptmann von Fürth, der in Geldverlegenheiten war, zu empfehlen, dessen Anliegen Herr Bansa jedoch abwies, der aber kurz darauf einen Wechsel von hundert Louisdor von seinen in Frankfurt etablierten Verwandten gerade auf dieses Haus erhielt.
Bei einer bald folgenden zweiten Soiree in der schönen Villa Doria vor dem Thomastor, wo Musik und Tanz war, konnte ich mich schon zur Not den Damen verständlich machen, tanzte auch wieder mit der schönen P..., ließ es bei ihr an Occhiaten nicht fehlen und brachte von meiner reizenden Tänzerin heraus, daß in der Regel die Kirche Santa-Maria della Passione diejenige sei, in welcher sie ihre Andacht verrichte, daß sie aber auch manchmal Sonntags die Militärmesse besuche. Ich war auf dem besten Weg, noch mehr zu erfahren, als sich plötzlich ein Lärm und heftiger Wortwechsel in dem angrenzenden Spielzimmer erhob, der bald so laut wurde, daß er die Aufmerksamkeit aller Tanzenden auf sich zog, von denen die meisten ihre Quadrillen verließen und den Türen zueilten, die in jenes Gemach führten, wo sich der Tumult vernehmen ließ. Ich benutzte diesen Augenblick, meiner Tänzerin ein „Mia carissima Signora!“, von einem leisen Händedruck begleitet, zuzuflüstern, was sie mit einem „Ma che volete?“ erwiderte und dann ebenfalls nach jener Tür eilte, wohin ich ihr folgte. – Man strömte schon wieder aus derselben zurück, und ich erfuhr von einem Kameraden, daß sich ein Kapitän von unserem Regiment namens Roy beim Spiel sehr undelikat benommen, obgleich er vielleicht Veranlassung dazu haben mochte. – Einer der Nobili hielt eine Pharaobank, bei der viele Offiziere pointierten, fast alle spielten fortwährend unglücklich, und Roy hatte schon eine bedeutende Summe verloren, wollte durchaus eine Coeurdame forcieren und behauptete, als er sie mit zehn Louisdor besetzt hatte und wieder verlor, sie sei jetzt schon zum fünftenmal in derselben Taille herausgekommen, zerriß sein ganzes Buch und warf die Kartenstücke mit großer Heftigkeit auf den Tisch, den Bankhalter einen Betrüger heißend. Der Nobile konnte sich dies nicht gefallen lassen, geriet, sich rechtfertigend, in Zorn, auch Roy wurde noch heftiger, wollte auf der Stelle Räson geben, weil es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, und wer weiß, wie die Sache abgelaufen wäre, wenn sich nicht der gerade anwesende kommandierende General ins Mittel gelegt und auch der Wirt des Hauses um Ruhe und Frieden gebeten hätte. Den Offizieren wurde das fernere Pointieren von ihren Chefs untersagt und so die Ordnung unter den Gästen wieder hergestellt, aber eine Mißstimmung dauerte doch den ganzen Abend, namentlich unter den Offizieren, fort. Ich eilte nun wieder, meine Tänzerin am Arme, um die Quadrille zu beendigen, konnte aber nicht mehr in dasselbe tempo animato kommen; nach einigen Touren traten wir ab, und es war mir nicht weiter möglich, mich meiner Angebeteten zu nähern, die jetzt beständig von ihrem Cavaliere servente, einem Ritter Negroni, umschwebt und unter strenger Obhut gehalten wurde. Diese Cicisbei sind hundertmal ärger als die Ehemänner, die sich in Italien, einmal vermählt, wenig mehr um ihre Frauen bekümmern, während die ersteren dieselben gleich ihrem Schatten verfolgen, begleiten und ihnen nicht von der Seite weichen, und zwar vom Augenblick ihres Aufstehens bis zu ihrem Schlafengehen. Diesmal galt es allen meinen Witz aufzubieten, sollte mir diese Eroberung gelingen, und sie wurde mir in der Tat schwer und sauer genug gemacht. Diesen Abend konnte ich nichts mehr als noch einen flüchtigen Blick im Vorübergehen erhaschen.
Vorerst hatte ich wenigstens erfahren, in welcher Kirche die Signora betete, und das war mir schon etwas, auch fand ich mich jeden Tag, wenn mich der Dienst nicht abhielt, in den Morgen- und Abendstunden, wo ich die Schöne erwarten konnte, in derselben fast immer in Zivilkleidern ein; aber das Weihwasser konnte ich ihr nicht reichen, da sie Negroni immer begleitete und diesen Dienst versah; erfahren hatte ich aber schon durch meinen Maestro Tommolo, daß, wenn man die nähere Bekanntschaft einer Dame in Genua wie überhaupt in ganz Italien machen wolle, man damit beginnen müsse, ihr am Eingang der Kirche das Weihwasser darzubieten; die Art und Weise, wie sie dasselbe empfängt, zeigt an, welche Hoffnung man sich machen darf; schlägt sie es ganz aus oder tut, als bemerke sie diese Artigkeit nicht und geht selbst zum Weihkessel, so heißt dies soviel als: ‚Ich will nichts mit dir zu schaffen haben.‘ – Um die Aufmerksamkeit des Cicisbeo, der Argusaugen zu haben schien, nicht rege zu machen, mußte ich mich immer möglichst zu verbergen suchen, und selbst wenn die Marchesa wegen schlechtem Wetter oder aus anderen Ursachen in der Portantina (eine Art eleganter Sänften, deren sich in Genua, wo man wenig Gebrauch von Kutschen machen kann, namentlich die Damen aus den höheren Ständen bedienen) ankam, trabte er hinter ihr her. Dieser Cicisbeo war eigentlich kein Liebhaber der Marchese P..., sondern vielmehr ein von ihrem Manne zur Hütung aufgestellter Cerberus. Ließ sich die Dame bei schönem Wetter, wie alle vornehmen Frauen Genuas, die Portantina nachtragen, so wich er ihr nicht von der Seite. Fensterparaden brachten mich auch nicht weiter, denn die Marchesa war fast nie allein und immer in Gesellschaft an einem Balkon ihres Palazzos, außerdem aber durfte ich die Sache nicht auffallend machen. Da war denn guter Rat teuer; mein Faktotum Tommolo selbst wußte mir für den Moment kein Mittel anzugeben, in nähere Berührung mit der Donna zu kommen, da er keine Seele in ihrer Wohnung kannte, versprach mir aber, Tag und Nacht darauf zu sinnen, irgendeinen Verbindungskanal ausfindig zu machen.
Unterdessen machte ich bei einer Abendgesellschaft im Palast Spinola die nähere Bekanntschaft einer Signora Peretti, die, ohne gerade schön zu sein, doch ein wirklich angenehmes Äußere mit einem sehr gefälligen Benehmen verband, dabei mit einer klangreichen Stimme begabt war, vortrefflich sang, sich mit der Mandoline oder Guitarre dazu begleitend, und ziemlich fertig französisch sprach. Da sie ein recht munteres, aufgewecktes Wesen hatte, ein sonst allerliebstes Schwarzköpfchen war, so wurde ich bald mit Hilfe der Musik bekannter mit ihr, obgleich auch sie ein Cicisbeo umgab, der ihr jedoch sehr ergeben war und demütig ihren Befehlen gehorchte. Ich sang bei Spinola Mozarts herrliches Duettino: ‚La ci darem la mano‘ mit ihr, nachdem sie es kaum einmal durchlaufen hatte, denn sie war sehr fest in der Musik. Der Don Juan, das heißt der Mozartsche, war damals noch völlig unbekannt in Genua sowie im übrigen Italien, und ich brachte zuerst diese herrliche Musik des unsterblichen Meisters dahin, namentlich nach Genua, Rom, Neapel, Florenz, Venedig und so weiter, wo er noch nicht einmal dem Namen nach bekannt war und von den wenigen, die ihn kannten, als eine viel zu schwierige, ja unausführbare Musik verschrien wurde. Das Duett gefiel so sehr, daß wir es auf allgemeines Verlangen da capo singen mußten, ja man wollte es sogar zum drittenmal hören, erkundigte sich emsig nach dem Komponisten dieses Tonstücks, und als ich ihnen sagte, daß es aus Mozarts Don Giovanni sei, war man allgemein verwundert, viele kannten den Namen noch gar nicht, andere aber nur seinen Figaro. Man wollte noch mehr aus dieser Oper hören, und ich sang nun das rauschende Prestissimo: ‚fin ch’an del vino, calda la testa‘, das nicht minder Beifall erhielt, ja die Gesellschaft in Enthusiasmus versetzte. Ich wurde jetzt umringt, von Herren und Damen um Kopien dieser Tonstücke gebeten, und mußte wenigstens einigen zwanzig Personen versprechen, ihnen dieselben abschreiben zu lassen, denn meinen Klavierauszug, der jede Nacht unter meinem Kopfkissen lag, wollte ich nicht aus der Hand geben. Ich trug nun auch etwas aus der Introduktion und den Finalen auf dem Flügel vor, wodurch die allgemeine Begeisterung noch stieg. Mit der Signora Peretti kam ich überein, daß wir mehrere Duette zusammen einstudieren wollten, und versprach, mich den anderen Morgen nach der Parade bei ihr einzufinden. Daß ich Wort hielt, kann man sich denken; ich ließ schon am anderen Morgen mit dem Frühesten einen unserer Regimentsmusiker rufen und gab ihm den Auftrag, sogleich mehrere Musikstücke zu kopieren und sie mir bei der Parade mitzubringen. Ich fand mich zur bestimmten Stunde bei der Signora ein, und wir probierten diese nebst noch einigen anderen Gesangstücken. Sie verbat sich auch schon in der ersten Stunde die Gegenwart ihres Cicisbeo, eines Signor Gentili, sowie sonstiger Besucher, weil man dadurch am Einstudieren verhindert und gestört würde, man gehorchte ihr auch ohne Widerspruch. Unterdessen war bei der beau monde in Genua von nichts als dem Don Giovanni die Rede, und ich ging mit der mutwilligen Peretti das ‚La ci darem la mano‘ durch, nachdem uns keine eifersüchtige Donna Elvira durch ihr Dazwischenkommen hindern konnte, noch ein ‚dolce giubilo‘ anzustimmen, dem wir uns bald genug überließen. Dies war einstweilen ein unterhaltender passe-temps, bis ich mit der schönen Marchesa in nähere Berührung kommen würde, auch hatte ich bei Spinolas noch die andere in Genua hochberühmte Schönheit, die Marchesa Costa, näher kennen lernen, deren Eroberung weniger schwierig war und die immer einen ganzen Schwarm von erhörten und unerhörten Anbetern um sich hatte, mich daher eben nicht sehr rührte. Sie fand aber bei hohen Personen Gnade, und namentlich bei Mürat, der sie auf einem Ball kennen lernte. Lange zu schmachten, ohne mich wenigstens auf einer anderen Seite zu entschädigen, war nicht meine Sache, und ohne den Zeitvertreib mit der Peretti würde ich vielleicht durch meine Ungeduld und den Ungestüm alles bei der Marchesa P... verdorben haben, so aber hatte ich Zeit, um recht systematisch, mit der nötigen Strategie auf die Eroberung derselben auszugehen, und konnte die Ergebung und Kapitulation der Festung in aller Ruhe und bequem abwarten.
Die Häuser, in welchen Konversazioni gehalten wurden, und namentlich Doria und Spinola, veranstalteten der Musik des Don Juan zuliebe häufiger Soireen, in denen man das bereits Einstudierte vortrug, ja es kam sogar ein Verein zustande, in welchem wir Ensemblestücke aus dieser Oper, wie die Introduktion, das schöne Quartett aus dem ersten, das Sextett aus dem zweiten Akt einstudierten, uns endlich sogar an das erste Finale wagten, und diese Stücke dann in den Abendgesellschaften zum besten gaben. In ganz Genua sprach man nur, wie bemerkt, von dem Don Juan und mitunter auch von dem Uffiziale francese oder tedesco, der ihn mitgebracht. Dies gab Veranlassung, daß ich auch meine schöne P... häufiger zu sehen und zu sprechen bekam und, was die Hauptsache war, auch mehr von ihr, wie überhaupt von den Damen, bemerkt und ausgezeichnet wurde.
Damals vertauschte ich meine Charge bei der Voltigeurkompagnie mit einer gleichen bei den Karabiniers, von welchen der Unterleutnant als Oberleutnant in ein anderes Bataillon versetzt wurde; ich selbst hatte bei Düret darum nachgesucht, und zwar aus folgendem Grunde. Es war immer ein Grenadier- oder Karabinieroffizier, der das aus Grenadieren oder Karabiniers bestehende Detachement in die Militärmesse kommandierte, welche jeden Sonntag mittag zu Genua in der San-Lorenzo-Kirche sowie in allen von französischem Militär besetzten Städten in den von den Platzkommandanten dazu ausersehenen Kirchen gehalten wurde. Mit klingendem Spiel, mit den Sappeurs, dem Tambourmajor und allen Tambours des Regiments marschierte man in großer Parade, mit der Bärenmütze geschmückt, die ich gerne trug, weil sie mir gut zu Gesicht stand, in den mit der schönen Welt und den eleganten Damen, welche die Tribünen und Galerien zierten und diesen Messen vorzugsweise gerne beiwohnten, angefüllten Tempel, durch das Schiff bis an das Chor. Daselbst angekommen, wurde ein donnerndes ‚Halt!‘ und ‚Gewehr in Arm!‘ kommandiert, bis die Generalität mit ihrem Stab und die höchsten Zivilbeamten, wie der Präfekt und so weiter erschienen, die ihre Plätze auf karmoisinenen Sesseln in der Nähe des Hochaltars nahmen. Sobald die Messe beginnt, schultern die in zwei langen, sich gegenüberstehenden Reihen aufgestellten Truppen das Gewehr, und wenn der Priester das Sanctissimum zeigt, präsentieren dieselben, fallen auf das Kommando wie niedergedonnert auf die Knie, wobei sie die Gewehrkolben, die Gewölbe erschütternd, auf einen Schlag aufstoßen, die Tambours schlagen aux champs, die Musik fällt in eigens dazu komponierten Melodien ein, sowie das aus den Opernsängern und Sängerinnen bestehende Personal auf dem Chor, wo man oft die herrlichsten Stimmen hört, und es ist nicht zu leugnen, daß diese Feierlichkeit im höchsten Grad ergreifend und imponierend ist und auf die Andächtigen einen großen Eindruck macht. Der kommandierende Offizier muß aber eine starke, sonore und durchdringende Stimme haben, an der es mir nicht fehlte, denn wenn ich im Freien kommandierte und drei Bataillone in einer Linie aufgestellt waren, so konnte man doch jedes meiner Kommandoworte auf das deutlichste von einem Flügel zum andern vernehmen. War es an unserem Regiment, das Kommando in die Messe zu geben, so ersuchte ich jedesmal den Offizier, an dem die Reihe war, dasselbe mir zu überlassen, so daß alle vierzehn Tage meine Tour kam, und mehr als einmal hörte ich beim Abmarsch die sich Entfernenden flüstern: „Das ist der Offizier, der den Don Juan singt.“
Meine musikalischen Kenntnisse brachten mir auch noch den Vorteil, daß das Musikkorps des Regiments jetzt unter meine spezielle Aufsicht gestellt wurde, so daß es mir nun nicht schwer fiel, dasselbe bisweilen für meine Privatinteressen zu verwenden, denn der Musikmeister mußte es mit mir halten, da ich ihm manchen Vorteil verschaffen und gewähren konnte; auch überhob mich dies manches Dienstes, der gerade nicht zu den angenehmsten gehörte. Ich ließ nun öfters Schönen Serenaden und Aubaden, wie es sich am besten paßte, von Blasinstrumenten trefflich ausgeführt, bringen, wozu sich die Herren Musici willig fanden, da ich sie jedesmal nach denselben mit Wein und Erfrischungen regalierte. – Um aber den Ensemblestücken des Don Juan, die wir aufführten, noch einen höheren Reiz zu verleihen, instrumentierte ich, so gut es gehen wollte, den Klavierauszug für Violinen, Bässe, Klarinetten, Trompeten, Pauken und so weiter, was keine Kleinigkeit war, da ich von dem Generalbaß und dem Kontrapunkt wenig oder gar keine Kenntnis hatte; ich half mir aber, indem ich mich mit dem Umfang und Schlüssel eines jeden Instruments bekannt machte und dann nach Gutdünken, nachdem ich auf einem Klavier probiert hatte, welche Partie sich wohl für die Violinen, welche für die Hautbois, welche für die Hörner am besten eignen würde, dieselbe den Instrumenten zuteilte. Freilich möchte sich Mozart wohl im Grabe herumgedreht haben, wenn er sein Meisterwerk so verstümmelt gehört hätte, denn welche Verstöße gegen die Regeln der Harmonie mögen dabei mit untergelaufen sein! Einige berichtigte mir der Musikmeister. Auf diese Art komponierte ich auch Geschwind- und Parademärsche, von denen viele in allen Regimentern der großen Armee aufgenommen wurden, namentlich ein Sturmmarsch (pas de charge), den sogar die Musik der kaiserlichen und der neapolitanischen Garden adoptierte und der diese mehr als einmal ins Feuer führte. Auch viele Tänze, französische Romanzen und italienische Kavatinen komponierte ich und verlegte manche davon bei italienischen und französischen Musikalienhändlern. Eine Aubade, die ich in Genua einer Schönen bringen ließ, war jedoch Ursache, daß ich folgendes Billett von deren Ehemann erhielt: ‚Signore, ich bin kein Freund von Musik, die meine Morgenruhe und meine Ruhe überhaupt stört, am allerwenigsten aber von Hörnern, die bei Ihrer Musik vorzuherrschen scheinen; verschonen Sie mich also in Zukunft damit. Ihr und so weiter.‘ Ich schluckte die witzige Pille und ließ mir nichts merken, das Beste, was ich bei der Sache tun konnte.
Indessen ging alles vortrefflich in Genua, und ich hatte die beste Hoffnung, auch mit der P... zum Ziel zu kommen, als mir einige Fatalitäten begegneten, die mich beinahe in große Kalamitäten gestürzt und verwickelt hätten, aus denen ich mich jedoch noch so ziemlich gut zu ziehen verstand.
Eines Tages, als ich von dem Abendappell aus der Kaserne kam, sah ich den Kapitän Caguenec, denselben, der den Skandal im Theater zu Toulon veranlaßt hatte, in der Straße Balbi etwas schwankenden Trittes auf mich zukommen und merkte bald, daß er nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einmal des Guten viel zu viel getan hatte. Gerne wäre ich ihm ausgewichen, allein es war nicht mehr möglich, denn schon hatte er mich gesehen, eilte auf mich zu und lud mich ein, ein Glas Rosolio im nächsten Kaffeehaus mit ihm zu nehmen. Ihm in diesem Zustand etwas abzuschlagen, daran war nicht zu denken, wenn man nicht sofort arge Händel mit ihm selbst haben wollte; ich mußte also nolens volens einwilligen, und noch ehe ich Ja gesagt, hatte er mich unter den Arm gefaßt, zog mich mit sich in das nächste Kaffeehaus und ließ Vanille-Rosolio bringen. Nachdem er ein paar Gläschen zu sich genommen, fiel es ihm ein, eine Partie Billard mit mir spielen zu wollen, und als ich ihm bemerkte, daß das Billard bereits von jungen Leuten in Beschlag genommen wäre, schrie er: „Ach, was tut das, wir werden doch mehr sein als dieses Bürgerpack, ich will sogleich rein fegen.“ Hierauf sprang er auf, zog, ohne daß ich es verhindern konnte, seinen Degen, fuchtelte mit der flachen Klinge auf die jungen Leute los, es waren deren über ein halbes Dutzend, indem er ausrief: „Allez vous en tas de canaille!“ Sie ergriffen eiligst die Flucht, und in einem Nu war das ganze Kaffeehaus geleert, bis auf einen ältlichen Mann, der nicht schnell genug zur Türe hinaus konnte und dem er noch ein paar Hiebe aufzählte; hierauf stürzte er wieder einige Gläser Rosolio hinunter, schimpfte auf den Wirt und die Aufwärter, die sich zitternd in die Winkel und unter das Billard verkrochen, auf das er nun mit scharfer Klinge ein- und das Tuch desselben in Stücke zerhieb, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß er den Säbel oft nur mit der größten Mühe aus dem Holz, in das er tief eingedrungen war, herausziehen konnte. Sodann ging es hinter die Flaschen und Gläser des Kaffeezimmers, die er ebenfalls zertrümmerte, so daß der Rosolio und alle Liquide in Strömen flossen, dabei forderte er mich beständig auf, ihm bei dieser Arbeit zu helfen und tapfer mit einzuhauen. Ohne gerade seinen Willen zu erfüllen, zog ich doch auch vom Leder, suchte aber seine vernichtenden Hiebe soviel als möglich zu parieren, während ich tat, als hieb ich zu, und mußte mehr als einmal ein „maladroit“ von ihm hören. Nun machte er sich noch an Fenster und Spiegel, und schon hatte der Skandal einen Haufen Leute herbeigezogen, die mit Erstaunen diesen Heldentaten zusahen. Als er endlich des Einhauens müde und außer den bloßen Wänden nicht viel mehr zu vernichten war, stellte er sich vor den zitternden Wirt und sagte ihm mit drohender Stimme: „Kerl, jetzt mache mir die Rechnung; aber unterstehst du dich, einen Soldo zuviel anzurechnen, so haue ich dich in Stücke.“ Der Wirt, blaß wie eine Leiche und in Todesangst, stammelte: „Niente illustrissimo, niente affatto eccellenza.“
„Kerl, das war dir geraten, sonst wäre es dir schlecht gegangen,“ versetzte Caguenec, nahm mich beim Arm und wollte mich fortziehen, als gerade eine Patrouille, welche ein Aufwärter bei der nächsten Wache requiriert hatte, in das Kaffeehaus trat, uns jedoch ehrerbietig durchließ; ich sagte dem Wirt noch im Abgehen, er möge sich beruhigen, ich wolle dafür sorgen, daß ihm alles vergütet werde. – Caguenec wollte nun in diesem Zustand in das Theater, zu Dorias und Gott weiß wo sonst hin, aber ihm allerlei vorspiegelnd, brachte ich es durch List, indem ich ihm immer nachzugeben schien, dahin, daß er sich in seine Wohnung begab, um vorerst ein wenig auszuruhen, wo er aber, nachdem er sich auf das Bett geworfen, bald glücklich einschlief. Ich entfernte mich nun schnell, eilte in das Kaffeehaus zurück, um wo möglich den Wirt zu beschwichtigen; dieser war aber schon zu dem Platzkommandanten gelaufen, hatte dort seine Klage angebracht und kehrte jetzt mit einem Adjutanten desselben zurück, der beauftragt war, die Sache zu untersuchen. Das Haus und der Platz waren so voll mit Menschen, daß ich Mühe hatte, zu dem Adjutanten zu dringen, dem ich den Hergang der sauberen Geschichte ganz der Wahrheit gemäß mitteilte, mich dabei auf das Zeugnis des Wirtes berufend, der mir aber nicht alle, sondern nur eine zweideutige Gerechtigkeit widerfahren ließ und gerne gewünscht hätte, daß es hieße: mit gefangen, mit gehangen. Ich begleitete den Adjutanten zum Kommandanten, der mir aber, nachdem er ihn angehört, bis auf weitere Order Zimmerarrest ankündigte, weil ich geschehen ließ, was ich nicht hatte hindern können, ohne daß entweder ich oder der Kapitän auf dem Platz geblieben wäre, denn ich kannte meinen Mann, den jede Einsprache und Abhaltung nur noch wütender gemacht haben würde, obgleich ich, da ich nüchtern und jener betrunken, in großem Vorteil bei einem Klingengefecht gewesen wäre. Die Sache wurde sofort an den kommandierenden General Montchoisy berichtet, der im ersten Zorn von Kriegsgericht und sogar von Füsilieren sprach, sich aber durch Dürets und anderer Fürsprache bewegen ließ, den Caguenec auf sechs Wochen ins Fort zu setzen und mir acht Tage Stubenarrest zu geben, obgleich ich mich damit entschuldigt hatte, daß Caguenec Kapitän, mein Vorgesetzter und ein weit älterer Offizier sei als ich, der noch keine siebzehn Jahre zähle und wenig Erfahrung habe. Daß wir solidarisch zu allem Schadenersatz verurteilt wurden, den der Wirt über mehrere hundert Lire ansetzte, offenbar das Doppelte des wirklichen Betrags, versteht sich von selbst. Ich kam am schlechtesten dabei weg und mußte fast die ganze Summe zahlen, da Caguenec ein panier percé war, dem fortwährend zwei Dritteile seiner Gage wegen früherer Exzesse schon einbehalten wurden.
Diese Geschichte, mit allen möglichen Zusätzen und Vergrößerungen ausgeschmückt, machte in Genua großes Aufsehen, und ich hatte viel zu tun, mich bei den Familien, in denen ich bekannt war, wieder rein zu waschen. Während meinem Arrest lernte ich den ganzen Tag italienisch, das ich nun anfing, ziemlich geläufig zu sprechen; doch machte ich noch manchen und oft sehr komischen Bock. So fragte ich einst nach dem italienischen Namen ich weiß nicht mehr welches Medikaments, worauf man mir sagte, es sei in der Spezeria Galetti zu haben; ich aber hatte verstanden, das Medikament hieße spezeria Galetti, und wurde von einer Apotheke in die andere gewiesen, bis ich in die genannte kam, wo ich durchaus spezeria galetti haben wollte, während man mir bedeutete: „Ma é qui, Signore.“ – „Eh bene datemi.“ – „Ma che cosa, Signor?“ – „Spezeria Galetti,“ und man lachte, bis sich das komische Mißverständnis aufklärte. Ich hatte die Apotheke statt dem Medikament gefordert.
Mein erster Besuch nach meinem Arrest und nachdem ich mich gemeldet hatte, war bei der Signora Peretti, die mich zwar freudig empfing, mir aber mitteilte, daß ihr die Geschichte großen Kummer gemacht, da man sogar von Erschießen gesprochen habe; ich lachte und tröstete sie, wir musizierten und probierten zweierlei Gattungen von Duetten. Da ich ihr den Hergang der fatalen Sache ganz zu meinem Vorteil erzählt, so nahm sie es auf sich, mich allenthalben zu rechtfertigen, und ich wurde nach wie vor in den guten Häusern Genuas gerne gesehen. Ja, die Marchese P... fragte mich teilnehmend in einer Abendgesellschaft, wie es mir ergangen, und sagte, sie wünsche wohl ein kleines zweistimmiges Lied, ‚Nice so piu non m’ami‘, mit mir durchzugehen, bei welcher Gelegenheit ich erfuhr, daß ein alter Musiklehrer namens Guercino, der gerade gegenüber wohne, ihr manchmal neue Kompositionen bringe. Mir schien es, als habe sie mir dieses nicht ganz ohne Absicht mitgeteilt, besonders da sie den Namen des Mannes einigemal nachdrücklich wiederholt hatte. Gleich den andern Tag suchte ich diesen Guercino auf, der schon ein Sechziger war, sich sehr freute, als ich ihm ankündigte, daß ich Unterricht auf der Gitarre bei ihm zu nehmen wünsche, und zwar in seiner eigenen Wohnung, um ihm die Mühe zu ersparen, in meine etwas entfernt liegende gehen zu müssen. Ich hatte schon längst im Sinne gehabt, dieses Instrument, das zum Akkompagnieren so bequem, nicht schwer und in Italien und Spanien so allgemein im Gebrauch ist, zu erlernen. Der gute Mann meinte, es sei zuviel verlangt, daß ich zu ihm gehen solle, und glaubte vermutlich, daß ich dies um zu sparen tun wolle, weil er dann einen billigeren Preis eingehen müsse; ich nahm ihm den Wahn und gab ihm ein Zwanzigfrankenstück, den Preis für acht Lektionen, die man in Italien gewöhnlich antizipando bezahlt, nahm auf der Stelle die erste Stunde und gab ihm den Auftrag, mir eine gute Gitarre zu kaufen. Er fand einen gelehrigen Schüler an mir, der ihm schon bei der ersten Lektion mitteilte, daß er es der Marchesa P... zu verdanken habe, daß ich ein Schüler von ihm geworden sei, die ihn sehr gerühmt. „Oh é una eccelentissima signora, la Signora Marchesa!“ rief er aus, „sie war auch meine Schülerin und hat eine hübsche Stimme, é un vero angelo.“
Ich schielte fortwährend über die Gitarre weg, deren Tonleiter er mir zeigte, nach dem Balkon jenseits der Straße, aber alle Fenster waren verschlossen und verhängt; ich sah ein, daß ich viel zu früh gekommen sei, um meine Schöne sehen zu können, und zeigte meinem Lehrer an, daß ich künftig meine Stunde nach der Parade um achtzehn oder neunzehn Uhr (zwölf oder ein Uhr nach unseren Uhren) nehmen wolle, und zwar drei- oder viermal die Woche. Wir trennten uns, einer mit dem anderen sehr zufrieden. Den nächsten Tag kam ich zur festgesetzten Zeit und bemerkte, als ich in das Haus trat, daß die Marchesa hinter den Samtgardinen eines Balkons stand und mich wahrgenommen hatte. Sie zeigte sich auch während der Stunde mehrmals am Fenster, und zwar allein, ohne daß sie mich jedoch sehen konnte, da wir etwas weit zurück in der Stube saßen, ich ging aber einigemal unter allerlei Vorwand an das Fenster und grüßte die Signora verstohlen; auch wurde der Gruß durch eine leichte Verbeugung erwidert.
Nachdem ich ungefähr zehn bis zwölf Lektionen genommen hatte, bei denen ich die Marchesa fast jedesmal, wenigstens auf ein paar Augenblicke zu sehen bekam, war ich schon so weit, mich mit einigen Arpeggis und Akkorden begleiten zu können, da ich mich auch zu Haus fleißig übte und die Gitarre ein leicht zu lernendes Instrument ist, besonders wenn man schon Musik kennt. Eines Tages bat ich meinen Lehrer, doch ein leichtes Tonstück für zwei Gitarren mit mir durchgehen zu wollen, und hoffte ihn dadurch in die Notwendigkeit zu versetzen, vielleicht eine zweite Gitarre bei der P... entlehnen zu müssen; er holte aber ein anderes Instrument dieser Gattung aus einem alten Schrank hervor und stimmte es. Ich dachte: warte, der Gang ist dir doch nicht geschenkt, und da ich wußte, daß er keine umsponnenen Saiten, sondern nur Cantinen (Quinten) und G- und H-Corden im Hause hatte, so stimmte ich so lange an der D-Saite, bis diese glücklich sprang.
„Ma che facciam Signore, non ho altre corde in casa.“
„Maestro,“ erwiderte ich, „dem ist leicht abzuhelfen, leihen Sie einstweilen ein anderes Instrument in der Nachbarschaft, vielleicht bei Ihrer ehemaligen Schülerin?“
„Sie haben recht,“ versetzte der alte gute Narr, machte sich auf die Beine und kam bald mit einer sehr eleganten Chitarra-Lira zurück, auf der gewöhnlich die schönen Finger der reizenden P... spielten. Wir probierten nun ein paar leichte Stücke, und als sich die holde Marchesa wieder am Balkon blicken ließ, machte ich eine Pause, ging mit dem Instrument an das Fenster, schlug einige Akkorde an, und da ich sah, daß ihre Blicke auf mich gerichtet waren, zog ich ein längst in Bereitschaft habendes Billettchen, auf Rosapapier geschrieben, aus dem Busen, hob es in die Höhe, damit es Madonna wahrnehmen konnte, küßte es und warf es sodann in den Resonanzboden der Lyra. Dies alles hatte die Signora ganz gut, mein lieber Lehrer, dem ich den Rücken zudrehte, aber gar nicht bemerkt, da es das Werk eines Augenblicks war. Sie verließ errötend das Fenster, ich aber, ganz vergnügt, bat den gefälligen Guercino, das Instrument, verbindlichst dankend, doch gleich wieder seiner Eigentümerin zurückbringen zu wollen, wozu er sich verstand und bald mit der Nachricht zurückkam, daß ihm die Marchesa selbst dasselbe schon oben an der Treppe abgenommen habe. Ich verweilte nun noch eine kurze Zeit an dem Fenster, aber der Gegenstand meiner Verehrung ließ sich nicht mehr blicken. Der alte Guercino war sehr gesprächig und suchte alles Mögliche hervor, um mich zu unterhalten, indem er mir öfters den Grad seiner Verwandtschaft mit dem Maler Guercino, von dem mehrere Kirchen Genuas gute Gemälde besitzen, recht ausführlich langweilig auseinandersetzte. Endlich begab ich mich weg, indem ich ihm versprach, selbst neue Silbersaiten mitbringen zu wollen, was ich wohlweislich vergaß; ja um meiner Sache noch gewisser zu sein, ließ ich durch meinen Burschen Louis die eine Gitarre unter dem Vorwand, daß an meiner etwas zerbrochen sei und ich mich üben wolle, bei ihm holen, schickte sie nicht zurück und erklärte meinem Maestro den anderen Tag beim Unterricht, daß ich sie behalten und ihm abkaufen wolle, bezahlte ihm sechzig Lire dafür, obgleich sie keine dreißig wert war, worüber besonders seine alte Ehehälfte entzückt schien, die mich seitdem in besondere Affektion nahm und ihren Mann ermunterte, die Gitarre hin- und herschleppend, den Postillon d’amour in aller Unschuld fortwährend zu machen. Er holte das Instrument wieder, das ich um und um drehte und schüttelte; es konnte aber nichts herausfallen, denn es war leider leer; auch sah ich die Marchesa erst gegen das Ende der Stunde am Fenster, wo ich ihr nun ein zweites Billett zeigte und sie durch die Zeichensprache, die man in Italien zur höchsten Stufe der Vollkommenheit gebracht, welche ich neben der des Mundes fleißig studierte und bald begriffen hatte, dringend bat, mich doch mit einer Antwort zu beglücken. Sie schien mich nicht verstehen zu wollen, indessen sandte ich das zweite Billett, in dem dieselbe Bitte wiederholt war, auf dem Wege wie das erstemal ab.
Den andern Abend war große Gesellschaft bei dem kommandierenden General, wohin auch der Marchese P..., seine Gattin und deren Schatten, der Ritter Negroni, eingeladen waren. Hier sollten zum erstenmal mehrere Stücke aus dem ersten Finale des Don Juan mit der von mir arrangierten Orchesterbegleitung, die unser Verein einstudiert hatte, vorgetragen werden, worauf Souper und Tanz folgten. Alle geladenen Nobili trafen mit ihren Frauen und Cicisbeen zur bestimmten Stunde im höchsten Glanz und reich geschmückt zu dem Feste ein, unter ihnen ragte die Marchesa P... in den ersten Reihen gleich einer Sonne unter Sternen hervor; bei dem Vortrag der Musik saß sie mir gerade gegenüber. Außer den Gesängen aus dem Don Juan trug ich diesen Abend noch die bekannte italienische Arie: ‚Tu non sai da quanti moti‘ vor, die ich wegen des vielsagenden Textes gewählt, hauptsächlich an meine Herzensdame richtete, und bei jeder bezeichnenden Stelle warf ich die Blicke auf sie, wo sie dann die ihrigen niederschlug, doch, wie ich wohl bemerkte, bisweilen verstohlen nach mir schielte. Es lief alles ziemlich nach Wunsch ab. Als der Tanz begann, verfehlte aber der mir so fatale Negroni nicht, diesen Abend aufmerksamer als je sein Amt zu versehen; dennoch aber konnte er nicht verhindern, daß ich zwei Quadrillen mit der unter seiner Aufsicht stehenden Dame tanzte, ihr einigemal die Hand drückte und sie leise fragte, warum sie mir keine Antwort auf meine Briefchen gebe, ob sie denn wolle, daß ich vor Kummer und Gram und aus Verzweiflung sterben solle? und so weiter.
Nachdem sie sich allenthalben umgesehen, ob man uns nicht beobachte, sagte sie mir auf französisch, ‚Je n’ose.‘ –
Dies war mir hinreichend, ich arrangierte nun die zweite Quadrille, für die ich mit ihr engagiert war, so, daß nur Offiziere in derselben mittanzten, und bat einen Kameraden, mit dem ich genauer bekannt war, den Negroni doch in einer anderen Quadrille während dieses Tanzes zu placieren, was ihm auch gelang; ich hatte nun freieres Spiel, und die Marchesa benahm sich weit ungezwungener und weniger ängstlich. Ich wiederholte mündlich, was ich geschrieben, sprach von meiner feurigen, innigen Liebe und erhielt das Versprechen, daß sie mich mit ein paar Zeilen Antwort beglücken würde. Auf meine Frage, warum sie bisher so streng und zurückhaltend gewesen, erwiderte sie: „Sehen Sie denn nicht, wie man mich bewacht und beobachtet? Der fatale Negroni, den mir mein Mann zum Begleiter aufgedrungen, verfolgt mich bei Tag und bei Nacht, deswegen hoffen Sie nicht viel.“
„Diesem wird doch auch noch eine Nase zu drehen sein,“ erwiderte ich.
„Vielleicht, daß der bevorstehende Karneval Gelegenheit dazu bietet,“ versetzte sie, „sonst wüßte ich nicht, wie es zu machen wäre. Indessen werde ich Ihnen schreiben, da Sie mich versichern, daß dieses schon Sie glücklich macht.“
„Tausend Dank, schönste Signora, oh, wenn nur erst wir beide uns verstehen, dann ist es mir wegen dem übrigen nicht bange.“
Die Musik verhallte, der letzte Pas war gemacht, und ich führte die Signora an ihren Platz zurück, wo sie Negroni in Empfang nahm. Bei dieser Soiree befand sich auch Madame Grenet sowie viele andere Offiziersdamen der Garnison, welche die Konversazioni der genuesischen Familien in der Regel nicht besuchten, hauptsächlich weil sie den Aufwand der Toiletten scheuten, sich auch durch die mit Brillanten reich geschmückten Genueserinnen zu sehr in den Schatten gestellt sahen. Wer sieht schärfer als die Eifersucht? – Madame Grenet, die ich bis jetzt fast ganz vernachlässigt und nur einigemal besucht hatte, mit der ich des Anstandes halber aber doch ein paarmal tanzte, hatte recht wohl bemerkt, wie sehr ich der schönen Marchesa den Hof gemacht, und sich bei einigen anderen Damen, die sie nicht kannten, nach dem Namen und den Verhältnissen derselben genau erkundigt. Ich hatte ihr einige Galanterien gesagt, die sie kalt genug aufnahm, und als der Tanz mit ihr zu Ende war, ignorierte ich sie für den Rest des Abends. Am nächsten Tage eilte ich wieder zur bestimmten Zeit in meine Musikstunde, ließ die Gitarre holen und fand zwei Zeilen darin, die mich warnten: ‚ich möge ums Himmelswillen vorsichtig und behutsam sein und mich nicht verraten, sonst könne großes Unglück entstehen‘. – Ein Billettchen, das ich morgens schon geschrieben und mit Schwüren und Versicherungen ewiger Liebe und Treue vollgeschmiert hatte, ließ ich auf demselben Wege wieder zurückgehen. Dieser Briefwechsel fand noch ein paarmal statt, und die Billette der Marchesa wurden etwas länger, zärtlicher und weniger ängstlich. In dem letzten derselben, etwa vier Tage nach dem Fest beim General, schrieb sie mir, ich solle mich diesen Abend ja a due ore di notte (zwei Stunden nach Sonnenuntergang) an der Kirche der Karmeliter einfinden, wo ich mich der so sehr gewünschten Zusammenkunft endlich erfreuen und sie verkleidet finden würde. Auffallend war es mir aber, daß ich die Marchesa während der ganzen Stunde sowie beim Weggehen nicht einen Augenblick am Fenster gesehen hatte, da sie mich doch bei Guercino wußte. Ich schrieb dies indessen ihrer Verschämtheit wegen des zugesagten Rendezvous zu, erkundigte mich nach der benannten Kirche und erfuhr, daß dieselbe in dem entlegensten und einsamsten Winkel der Stadt, an deren Mauern liege. Auch dies schien mir natürlich, da ihr alles daran gelegen sein mußte, von niemand gesehen oder erkannt zu werden. Indessen waren wir in Italien, und ich wußte, wessen man sich hier zu versehen habe, wenn man Intrigen mit Frauen anknüpfte; noch vor wenigen Tagen war ein Artillerieoffizier bei der Heimkehr aus dem Theater von mehreren Banditen angefallen und lebensgefährlich verwundet, ein anderer sogar von einer Frau, mit der er ein Verhältnis gehabt und die er nachher vernachlässigte, in seinem Zimmer erdolcht worden. Ich fand deshalb für nötig, nachdem ich noch bei Tage den Ort des Rendezvous rekognosziert hatte und zur Ausführung eines Banditenstreiches vollkommen gut gelegen fand, meinen Burschen Louis gehörig bewaffnet mitzunehmen. Als die dennoch von mir mit großer Sehnsucht herbeigewünschte Stunde schlug, denn irgendein Abenteuer mußte es ja absetzen, sei es ein verliebtes oder blutiges, beide mir recht, eilte ich in Begleitung meines Bedienten an den bezeichneten Ort, hieß diesen sich ruhig in einen Winkel postieren und nur erst, wenn ich ihn beim Namen rufen würde, herbeizuspringen. Ich begab mich in die Kirche, in der ich keine Seele sah und nur hin und wieder düster brennende ewige Lampen erblickte. Ich setzte mich in einen Stuhl, die Ankunft meiner Madonna mit Ungeduld erwartend. Es mochte beinahe eine Stunde sein, daß ich da saß, und noch immer zeigte sich keine Marchesa, und auch sonst kein Mensch ließ sich sehen. Ich verlor die Geduld, ging vor die Kirche und wollte die Runde um dieselbe machen; aber noch hatte ich keine dreißig Schritte getan, als drei Kerls hinter einem hervorspringenden Mauerpfeiler auf mich stürzten, und einer von ihnen sagte: ‚Eccolo, è costui!‘ Schneller als der Blitz hatte ich jedoch meinen Degen aus der Scheide gezogen und mich en garde gestellt; dies hinderte die Banditen nicht, mit ihren langen Stiletten bewaffnet auf mich einzudringen, und zwei derselben suchten mich im Rücken zu fassen, ich aber machte schnell eine Wendung, so daß ich mich mit dem Rücken an eine Mauer lehnen konnte, und hieb nun nach allen Seiten wie ein Rasender um mich, so daß keiner mir auf den Leib kam, zugleich rief ich: „A moi Louis!“, der nun auch mit gezücktem Säbel zusprang, und die drei vermummten Wichte ergriffen jetzt das Hasenpanier. Wir verfolgten sie zwar eine Strecke, verloren sie aber, nachdem sie um eine Straßenecke gebogen, aus dem Gesicht. Wahrscheinlich hatten sie sich in einen ihnen bekannten Schlupfwinkel oder in ein offenes Haus geflüchtet.
Dieser Streich brachte mich so sehr auf, daß ich auf der Stelle in die Wohnung des Marchese P... wollte, um dort Aufklärung über diesen Vorfall zu erhalten und Rechenschaft zu begehren; doch kühlte sich mein Blut mehr und mehr ab, während ich durch die engen Straßen der Stadt meinem Quartier zueilte, ich gab jetzt dies Vorhaben auf, faßte aber den festen Vorsatz, der Sache à tout prix auf die Spur zu kommen, da ich die Stimme und Figur Negronis erkannt zu haben glaubte. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zutun und rannte fast mit Tagesanbruch in Guercinos Wohnung, um ihm den Vorfall mitzuteilen. Dieser aber empfing mich mit den Worten: „Oh Signor mio che avete fatto, m’avete rese infelice son un uomo perduto.“
„Wieso, was ist Ihnen?“ rief ich ganz erstaunt.
„Sie haben mich wider mein Wissen zum Ruffiano gemacht, und der Marchese P... wird mich verderben.“
Ich suchte nun den alten Mann, dem die Tränen in den Augen standen, zu beruhigen, als auch seine Frau aus dem Nebenzimmer, und zwar nicht im reizendsten Negligé, heulend in die Klagen ihres Eheherrn einstimmend, trat und ihre Worte immer mit dem Refrain schloß: „Wir müssen so unschuldig leiden und haben gar nichts davon; ja, wenn wir noch etwas davon gehabt hätten!“
Ich gab mir alle Mühe, die beiden Alten möglichst zu beruhigen, indem ich ihnen versprach, daß ich alles wieder zu applanieren und gut zu machen wissen werde, und drückte der Frau einstweilen zwei Goldstücke in die Hand, ohne daß ich noch wußte, was hier eigentlich vorgefallen war. Der Zauber des Goldes hatte denn auch die Wirkung, daß beide Eheleute sogleich ruhiger wurden, ohne ein niederschlagendes Pulver zu nehmen, und jetzt imstande waren, meine Fragen vernünftig zu beantworten; ich erfuhr nach und nach den Zusammenhang der ganzen Geschichte, soweit sie solche betraf, woraus ich mir das übrige schon erklären konnte.
Nachdem ich den Maestro den Tag vorher verlassen, trug er wie immer die geliehene Gitarre zurück, die ihm aber diesmal nicht wie bisher die Marchesa, die er gar nicht zu sehen bekam, sondern der Cavaliere servente Negroni abgenommen hatte, worauf er sich empfahl. Bald darauf hatte ihn aber der Marchese P... wieder rufen lassen, und als er in dessen Zimmer trat, mit den Worten angeschnauzt: „Alter Kuppler, habe ich dich, dies soll dir nicht so hingehen!“ worauf ihn der sich gegenwärtig befindende Negroni noch weit ärger heruntergemacht, geschimpft und beinahe tätlich mißhandelt habe. Er, von gar nichts wissend und nichts ahnend, habe lange vergeblich gefragt, um was es sich denn handle, und noch vergeblicher seine völlige Unschuld beteuert. Nach langem Hin- und Herreden und beständigem Drohen und Schimpfen habe ihm sodann Negroni das Billett gezeigt, das ich an die Marchesa geschrieben und das die Herren schon das vorletzte Mal in der Gitarre gefunden hatten, in dem ich die Signora P... auf das dringendste um ein Rendezvous gebeten. Sodann habe man ihn in ein entlegenes Zimmer des Palastes geführt, daselbst eingeschlossen und seiner Frau sagen lassen, sie möge diesen Abend nicht auf ihn warten, da er bis spät in die Nacht Musikstücke mit der Marchesa durchgehen müsse. Endlich aber habe man ihn nach fünf Uhr (elf nach unserer Uhr) in der Nacht wieder freigelassen mit der Deutung, daß, wenn er im mindesten schuldig befunden würde, er sich auf das Schlimmste gefaßt machen könne.
Ich tröstete den armen Teufel, so gut ich konnte, versprach ihm meine Hilfe in jeder Hinsicht, um ihm die ausgestandene Angst und den Arrest reichlich zu vergüten, ging vorerst wieder heim und kehrte zur gewöhnlichen Unterrichtsstunde zu Guercino zurück, dessen Frau ich einstweilen eine genuesische Quadruppia auf Abschlag des versprochenen Schmerzensgeldes gab, was machte, daß die guten Leute, alle ausgestandene und noch bevorstehende Gefahr vergessend, von der besten Laune beseelt wurden und die Frau zu mir sagte: „Aber warum haben Sie sich nicht an mich gewendet, ich hätte Ihnen die sichersten Mittel und Wege gezeigt, wie Sie die Signora hätten sprechen und ihr schreiben können, ohne daß man dahinter gekommen wäre; einem so großmütigen Herrn diene ich gern. Ich habe Bekanntschaft in dem Palazzo, die alte Wärterin der Marchesa ist meine intime Freundin und gilt alles bei der Signora, hätten Sie sich nur mir anvertraut ... jetzt ist die Sache wohl ziemlich verpfuscht, wenigstens weit schwieriger einzuleiten, doch wir wollen sehen, was noch zu tun ist ...“
Da ich die Alte so sprechen hörte, dachte ich: ‚Holla, du bist, was ich brauche‘, und bat sie, vorerst nur zu erforschen zu suchen, wie die Sachen drüben ständen und wie man die Marchesa behandle. Sie versprach mir, womöglich schon den andern Morgen Nachricht deshalb zu geben, indem sie noch diesen Abend ihre Freundin zu sprechen suchen würde.
Daß ich in der Abendstunde meuchlerisch war angefallen worden, war schnell publik, und schon den andern Tag fragten mich die Generale, Chefs und andere Offiziere wegen den näheren Umständen, die ich ihnen mitteilte, dabei aber weislich die mir nun wohl einleuchtende Ursache des Anfalls verschweigend, und schob ihn dem allgemein bekannten Haß des Volkes gegen die Franzosen oder auch der Raubsucht zu; Düret aber, der mich kannte, setzte, mit dem Finger drohend, hinzu: „Und dem Haß gegen die Verführer ihrer Frauen.“ Indessen mehrte sich durch diesen und einige ähnliche Mordanfälle die schon bestehende Erbitterung zwischen der Garnison und den Einwohnern noch bedeutend und wurde bald zu einem unversöhnlichen Haß.
Meine Musikstunden setzte ich nach wie vor fort, als sei nichts vorgefallen, was wohl das Klügste unter so bewandten Umständen ist, war aber, besonders des Abends, auf meiner Hut, wenn ich allein aus dem Theater oder von andern Orten nach Hause ging und ließ mir niemand zu nahe auf den Leib rücken.
Die Alte hielt Wort und konnte mir schon den nächsten Tag das Nähere mitteilen; sie hatte, um allen Verdacht ferne zu halten, durch eine dritte Person die alte Wärterin wissen lassen, daß sie sie zu sprechen wünsche, und diese sagte ihr noch denselben Abend ein Stelldichein in einer Kirche zu. Hier erzählte sie nun, daß der Gatte Toninas, der Taufname der Marchesa, ein Billett erhalten, in welchem man ihn vor mir gewarnt und mitgeteilt habe, daß ich seiner Frau nachstelle; dies habe er dem Negroni gezeigt, der, ohnedies schon durch das ofte Leihen der Gitarre aufmerksam geworden, beschlossen hätte, die Gitarre das nächste Mal zu untersuchen, in der er auch ein Billett von mir gefunden, worauf ihre Gebieterin in strenges Verhör genommen worden sei; da aber in meinem Briefchen glücklicherweise durchaus nichts gestanden, wodurch man auf ein Einverständnis zwischen uns beiden hätte schließen können, sondern ich mich im Gegenteil beschwert habe, daß sie grausam sei und mich so lange um eine einzige Zusammenkunft betteln lasse, so sei es der Signora nicht schwer geworden, sich, ihre Unschuld beteuernd, auf meine Kosten von dem Verdacht der Teilnahme frei zu machen, indem sie nichts dazu könne, wenn man ihr gegen ihren Willen Briefe auf diese Art heimlich zukommen zu lassen suche, die sie weder gelesen noch gesehen habe. Um aber ihre Unschuld zu beweisen, habe sie jenes Billett, wodurch ich in die Kirche gelockt wurde und das man ihr in die Feder diktiert, schreiben müssen. Im übrigen stünde jetzt alles so ziemlich im Hause wieder wie früher, nur dürfe sie sich nicht am Fenster blicken lassen, solange man mich bei Guercinos wisse, worauf man genau acht gebe; die Marchesa sei aber über das Verfahren ihres Mannes und Cicisbeos so aufgebracht, daß sie jetzt ihr Köpfchen aufgesetzt und geschworen habe, den beiden Herren eine Nase zu drehen, es entstehe auch daraus, was da wolle, sie müsse nun die nähere Bekanntschaft des jungen Offiziers machen. – Echt italienisch. – Für diese Nachricht bekam die Alte wieder ein Goldstück, und außerdem kam ich jetzt nie in das Haus, ohne ihr einige Kleinigkeiten für sie und ihre Freundin mitzubringen, um beide in guter Laune und mir geneigt zu erhalten, und war so immer au fait von dem, was in der Wohnung des Marchese P... vorging. Signora Guercino gab mir die beste Hoffnung, meine Madonna bald allein und ungestört sprechen zu können: „Denn der Karneval ist vor der Tür,“ setzte sie hinzu, „darum allegro Signor Uffiziale!“
Indessen war jetzt, gerade wo ich es am nötigsten bedurfte, meine Kasse schlecht bestellt, und ich sah den leeren Boden derselben; denn außer diesen Extraausgaben hatte ich auch ziemlich viel Geld im Spiel, wo ich meistens unglücklich war, verloren. Bansa zahlte mir meine bestimmte Zulage aus, aber mehr wollte ich von ihm nicht fordern, eine abschlägige, mir sehr empfindliche Antwort befürchtend. Aus dieser Geldverlegenheit riß mich Dantrace, der unterdessen auch Offizier geworden war und immer eine wohlgefüllte Börse besaß, die er mir schon einigemal angeboten hatte; er war sehr vergnügt, mir fünfzig Louisdor leihen zu können.
Mit Hilfe der Guercino und ihrer alten Freundin war jetzt eine regelmäßige Korrespondenz zwischen der Marchesa und mir in Gang gekommen, der Karneval hatte begonnen und die Masken ließen sich bereits in den Straßen und auf den Promenaden blicken. Eines Morgens, nachdem ich den Abend vorher die P... in einer Gesellschaft gesehen, aber weder mit ihr gesprochen noch getanzt hatte, indem wir nur verstohlen Blicke wechselten, um den Argwohn der Männer nicht neuerdings rege zu machen, empfing mich meine Alte mit triumphierender Miene und reichte mir zwei Billettchen mit den Worten: „Nun, Signor, blüht Ihr Glück; morgen sprechen Sie die Geliebte, und hier das anonyme Briefchen, das Ihnen bald den Hals gebrochen hätte.“ Hastig durchlas ich beide, das erste enthielt die Bestätigung dessen, was mir die Guercino gesagt, und das andere, in sehr fehlerhaftem und gebrochenem Italienisch geschrieben, warnte den Marchese vor mir. Trotz aller Mühe, die man sich gegeben, seine Handschrift zu verstellen, erkannte ich dennoch die Hand der Madame Grenet in derselben. „Warte, das sollst du mir büßen, kleiner Satan,“ rief ich im ersten Zorn aus, der sich jedoch bald wieder legte, indem ich mir sagte, daß ich doch manches Unrecht gegen sie begangen, und bald dachte ich an nichts mehr als an den kommenden Tag, der mich beglücken sollte. In dem Billett der P... stand, daß mir die Alte mündlich sagen würde, wie endlich unsere beiderseitigen Wünsche in Erfüllung gehen sollten, und diese teilte mir jetzt mit, daß sich die Signora am nächsten Tage in den Nachmittagsstunden, als eine alte Sybilla maskiert, in einer Portantina zu einer vertrauten Freundin würde bringen lassen, die bereits in unser Geheimnis eingeweiht sei und gerne die Hand biete, die beiden Männer zu prellen. Sie selbst aber, die Guercino, würde sich schon früher zu der nämlichen Signora verfügen, um dort einen ganz gleichen Anzug wie den der Marchesa anzulegen, in welchem sie mit jener Freundin maskiert durch die Straßen und Promenaden Genuas bis zur Abenddämmerung wandern würde. Negroni, welcher der Dame in der Portantina bis zum Haus der Signora Maretti, so nannte sich die Freundin, folgen möchte, aber dasselbe nicht betreten dürfe, was bei solchen Gelegenheiten gegen die Sitte sei, würde dann wahrscheinlich auch sie beide, seine Marchesa unter der Verkleidung der Guercino wähnend, auf allen Gängen verfolgen, während ich nun mehrere Stunden mit der wirklichen P... ungestört zubringen könne, jedoch nicht in dem Haus der Signora Maretti, wo die Marchesa nicht bleiben werde, da ich ohne Aufsehen zu erregen nicht in dasselbe gehen könne, weshalb sie sich abermals umkleiden und einen Mesero (ein Schleier von Baumwollenzeug, mit dem sich die Frauen aus geringerem Stande Kopf und Brust bis beinahe an die Knie bedecken, so daß fast nur die Augen frei bleiben, man weder Taille noch Arme sieht und ziemlich unkennbar ist) umhängen, und sich dann so verkleidet in die Wohnung der Guercino begeben werde, wo ich sie erwarten solle; ich dürfe aber, um allen Verdacht fern zu halten, erst dann in dasselbe gehen, wenn ich, in einem nahen Kaffeehaus aufpassend, gesehen, daß die Portantina und Negroni den Palazzo P... verlassen haben würden. Dieser Plan schien mir gut und mit großer Schlauheit ersonnen, und es bewährte sich wieder, daß nichts über Pfaffentrug und Weiberlist geht, doch nicht ganz gefahrlos, da ich fürchtete, Negronis Scharfblick möchte dennoch die Metamorphosen am Ende entdecken; aber die Alte beruhigte mich deshalb, indem sie mich versicherte, daß der gewählte Anzug einer betagten Wahrsagerin die Umrisse des Körpers vollkommen verberge, da man krumm und gebückt gehen und sich obendrein noch einen Höcker machen werde, so vermummt und eingehüllt daher ein Erkennen unmöglich sei. Anreden dürfe er sie auch nicht, wenigstens keine andere Antwort als durch Zeichen und Kopfnicken erwarten, und so stehe sie für den Erfolg ein. – Sie sprach dies mit solcher Zuversicht, daß ich alles Vertrauen in die Schlauheit dieser Weiber setzte und nun jeden Pulsschlag bis zur Stunde, die mich beglücken sollte, zwischen der noch eine lange Nacht lag, in welcher ich beinahe kein Auge schloß, zählte. Endlich brach der heißersehnte Tag an, an dem das Abenteuer bestanden werden sollte, das mich seiner Sonderbarkeit halber schon mehr wie jedes andere reizte, weil es mit so viel Schwierigkeiten und Gefahr verbunden war und ich schon oft gezweifelt hatte, diesmal zum ersehnten Ziel zu kommen. Gleich nach der Parade warf ich mich in Zivilkleider, begab mich sodann in das bestimmte Kaffeehaus, keinen Blick von der Porta des Palazzo P... verwendend, und harrte mit ängstlicher Erwartung, ein Sorbetto nach dem andern verschlingend, dem Erscheinen des ersehnten Gegenstandes; es waren sicher schon drei Stunden verflossen, als sich endlich die Tore öffneten und die Portantina, die alle meine Wünsche in sich faßte, so wohl verwahrt, daß kein Blick den Inhalt derselben gewahren konnte, herausgetragen wurde, der Negroni unmittelbar folgte.
Als ich beide aus dem Gesicht verloren, begab ich mich in Guercinos Wohnung, von der er mir den Schlüssel übergeben, sich selbst entfernend, damit ich ganz ungestört sein sollte. Hier harrte ich nun abermals über eine gute Stunde, hinter einer Gardine lauernd, und sah manche Frauengestalt, in einen Mesero gehüllt, dicht an dem Haus vorübergleiten, jedesmal die Heißersehnte darunter wähnend. Wer je in dem Fall war, auf ein solches Rendezvous zu warten, wird wissen, was dies heißt und in welcher Aufregung, Spannung und in welchen Befürchtungen der Vereitlung man sich dann befindet. Jedesmal stampfte ich mit dem Fuß, wenn ich durch das Vorbeigehen einer solchen Gestalt enttäuscht war. Endlich aber schwebte mit leichtem Elfentritt ein Wesen heran, das mir das Herz ungestümer pochen machte, und wenn gleich tief verhüllt, doch einen ätherischen Wuchs und unnennbare Grazie zu verraten schien. Wenn es diese nicht ist, so ist es keine, dachte ich bei mir selbst; aber sie war es, denn kaum hatte ich ausgedacht, so schlüpfte sie auch schon zur Pforte herein, leisen Trittes die Treppe hinauf, ich machte die Stubentüre auf, öffnete beide Arme, sie fest zu umschlingen, aber man sträubte sich, und als ich recht zusah, war es – die alte Guercino, die ich so feurig umfaßt hielt. Dies war zu toll: „Was soll das heißen!“ rief ich zornig aus. „Hat man mich zum besten?“ Aber die Alte lachte und sprach: „Nur nicht so bös, mein ungestümer Herr, es ist freilich arg, wenn man einen jungen Engel zu umarmen wähnt und dafür ein altes Weib umschlingt, aber nur ein klein wenig Geduld, der Engel folgt mir auf dem Fuß nach, und ich bin nur der Sicherheit wegen, um eine Überrumpelung zu verhüten, gekommen; wir haben es überlegt, daß es besser sei, wenn ich Wache halte, und eine andere Freundin der Signora Maretti spielt einstweilen statt meiner die Rolle der Marchesa-Sybilla.“ Sie sprach wahr, denn kaum hatte sie ausgeredet, so trat eine zweite, in einen Mesero gehüllte Gestalt ein, und diesmal war es die rechte. Endlich lag Tonina in meinen Armen, und in endlosen Küssen sog ich ihren Atem in vollen Zügen ein. Die Alte verließ uns, ihren Lauerposten antretend, ich entschleierte die reizende Nymphengestalt vollends und trug sie küssend in das anstoßende Schlafzimmer Guercinos, wo ich ein paar unvergeßliche Stunden im höchsten Entzücken zubrachte. So war denn meine Ausdauer und Beharrlichkeit endlich gekrönt und Negroni an der Nase herumgeführt: denn während wir im Hochgenusse schwelgten und ich die rechte Sybilla im Arm hatte, lief der Cicisbeo der untergeschobenen mehrere Stunden durch alle Gassen nach, sie auch nicht eine Minute aus den Augen lassend; die beiden Damen führten ihn absichtlich in die ödesten und entlegensten Orte der Stadt und kehrten erst mit einbrechender Nacht wieder heim. Negroni hatte deren tolles, planloses Rennen verflucht, das ihn, der eben nicht besonders gut auf den Beinen war, sehr ermüdete.
Als sich Tonina endlich aus meinen Armen wand, nachdem wir uns über alles, was wir bisher gelitten und ausgestanden, unterhalten und ausgesprochen hatten und sie sich zum Weggehen anschickte, hatte es schon zu dämmern begonnen; sie warf den Mesero über und schlüpfte nach hundert Abschiedsküssen zur Türe hinaus, während ich ihr so weit als möglich mit den Augen folgte, sowie die Guercino in einiger Entfernung zu ihrer Sicherheit; ich warf mich dann erschöpft auf das Bett, auf welchem noch vor wenig Augenblicken die Engelsgestalt geruht hatte. Vor Ermüdung war ich in dem immer finsterer werdenden Zimmer eingeschlummert, als die Guercino zurückkam, mich weckte und auf mein schlaftrunkenes ‚Chi è?‘ erwiderte: „Nun, sind Sie zufrieden, nicht wahr, dies waren Götterstunden?“ Ich beantwortete die naseweise Frage, indem ich ihr meine ganze Börse, etwa fünfzig Lire enthaltend, in die Hand drückte. Sie berichtete mir, daß die Marchesa wieder glücklich in das Haus der Maretti gekommen sei, nun bald in ihr eigenes zurückkehren und dann die Oper mit ihrem Cicisbeo besuchen werde. Ich beschloß, ebendahin zu gehen, nahm einen Platz in einer Gitterloge dicht an der Bühne, von der aus ich sie ziemlich unbemerkt beobachten konnte und ihr bisweilen eine verstohlene Occhiata zuwarf.
Da wir nun einmal so weit waren, so wiederholten wir dasselbe Manöver mit einigen Variationen, so oft es sich tun ließ, ohne Verdacht zu erregen. Die Marchesa wählte dann jedesmal ein solches Kostüm zu ihrer Verkleidung, das die Formen jeden Wuchses unkenntlich machte und für alle Gestalten paßte. Da indessen dieser wunderliche Geschmack ihrem Eheherrn und dem Cicisbeo bald aufgefallen sein würde, so zeigte sie sich in der Zwischenzeit und an den Tagen, an denen wir nicht zusammenkamen, in andern und sehr eleganten Maskenanzügen, in Begleitung ihrer Freundin und immer von Negroni verfolgt, in den Straßen, wo ich ihr dann häufig begegnete, öfters aber auch andere, mich intrigierende Masken verfolgte, von denen mir einmal ein paar Dinge sagten, welche mich in Erstaunen und Unruhe versetzten, da sie mein Verhältnis zu der P... betrafen.
Eines Abends, nachdem ich wieder eine Zusammenkunft mit der Marchesa in Guercinos Wohnung gehabt, traten, kurz nachdem sie weggegangen, zwei andere weibliche Masken in das Zimmer, in dem ich noch verweilte. Es waren zwei Zingarellen (Zigeunerinnen), die einen niedlichen Wuchs, ein stolzes Einherschreiten hatten und noch junge, wahrscheinlich auch hübsche Frauen zu sein schienen. Sie machten mir eine stumme Verbeugung, ließen sich nieder und ich fing eine Konversation mit ihnen an, die von ihrer Seite fast drohend geführt wurde. Bekannt schien mir die, wenn auch schon verstellte Stimme der einen, und ich begrüßte sie bald mit einem: „Buonissima sera Signora Peretti.“ Sie nahm nun die Larve ab und sagte: „Ah Birbone, was machen Sie fast jeden Nachmittag hier?“
„Musik, Signora, ich lerne die Gitarre und studiere Partien ein.“
„So, und die Dame im Mesero, die Sie besucht?“