XVI.
Marsch von Genua nach Mola di Gaëta. – Beschwerliche Märsche durch das Gebirge. – Der Anblick von Italiens Ebenen. – Parma. – Reggio. – Modena. – Bologna. – Eine liebenswürdige Advokatenfamilie. – Faenza. – Forli. – Cesena. – Rimini. – San-Marino. – Sinigaglia. – Loretto. – La Casa-Santa und ihre Schätze und Reliquien. – Macerato. – Foligno. – Spoleto. – Terni. – Der Wasserfall. – Narni. – Civita-Castellana. – Roms Umgebung. – Ein Tag in Rom. – Marsch nach Mola di Gaëta. – Besitznahme des Königreichs Neapel durch die Franzosen.

Es war Anfang April 1806, als wir Genua la superba verließen, über Recco, unser erstes Nachtquartier, und dann durch die ödesten und gebirgigsten Wildnisse, in den erbärmlichsten und elendesten Ortschaften übernachtend, über Borgo di Taro und Fornovo in sieben oder acht Tagen nach Parma marschierten. Von Genua an wurden die Truppen nicht mehr bei den Einwohnern einquartiert, sondern das ganze Bataillon jedesmal in eine Kirche oder ein Kloster auf vierundzwanzig Stunden kaserniert, in denen man den Soldaten Strohlager bereitete. Dies geschah aus zweierlei Ursachen, erstens wollte man die ewigen Reibereien und Händel zwischen dem französischen Militär und den italienischen Bürgern und Bauern vermeiden, die zu beständigen Klagen und Strafen Veranlassung gaben und hauptsächlich dadurch entstanden, daß sich die Leute nicht miteinander verständigen konnten; sodann traute man dem Volk, dessen Stimmung den Franzosen höchst ungünstig war, nicht und fürchtete, daß bei dem Vereinzeln der Leute wohl einmal eine Metzelei, eine zweite sizilianische Vesper veranstaltet werden könnte. Die Kirchen und Klöster, wovon jedoch die Nonnenklöster dispensiert waren, mußten das Schiff, die Kreuz- und anderen Gänge gehörig mit Stroh belegen, und sobald die Soldaten abmarschiert waren, wurden sie wieder gereinigt und erstere als verunheiligt durch die Geistlichkeit jedesmal wieder von neuem eingeweiht und heilig gemacht, was allerdings notwendig war; denn man hatte an den heiligen Orten nicht nur gegessen, getrunken, gekocht, sondern auch gespielt, gesungen, geflucht und Gott weiß was sonst noch für Unfug getrieben. Es war aber nicht selten der Fall, daß die Pfaffen soeben die Einweihungszeremonien und das Räuchern beendigt hatten, als schon wieder neue Truppen ankamen und die kaum gereinigten Orte abermals verunreinigten, ja bisweilen mußte in einer Woche das heilige Werk drei- bis viermal vorgenommen werden. Die Offiziere wurden zwar meistens in den zunächstliegenden Privathäusern einquartiert, aber diese Quartiere waren in den armseligen Dörfern im Gebirge so elend, daß auch viele von ihnen das Stroh in den Kirchen vorzogen und sich ein Nachtlager auf erhöhten Orten oder in Tribünen, wenn deren da waren, bereiten ließen, denn die Stuben der Bauern oder Schenken in diesen Nestern waren ärger als deutsche Viehställe. Ich schlug in diesem Fall in der Regel mein Lager bei der Orgel auf, wenn sich eine in der Kirche befand, und spielte dann des Abends zur Belustigung des ganzen Bataillons allerlei deutsche und französische Soldatenlieder, Märsche und Tänze, wozu mir die Karabiniers mit Vergnügen die Balgen traten, die Leute unten oft sangen und tanzten und bei dem Klang der Orgeltöne dann einschliefen. Ebenso spielte ich beim Erwachen einige erheiternde Melodien, weckte sie so trotz des Tambours aus dem Schlaf, und sie machten sich fröhlich marschfertig. Indessen waren die Märsche in diesen Gebirgen und Wildnissen beschwerlich und nicht selten abscheulich. So kamen wir, die letzte Etappe vor Parma, an einen fast senkrecht zu erklimmenden Felsenberg, was für die mit Gepäck, Waffen und Patronen beladenen Soldaten sehr mühsam war. Düret ließ zuerst die Tambours und die Musik hinaufklettern, und als sie oben waren, den von mir komponierten Sturmmarsch spielen, die Truppen zu ermuntern. Unten, auf der linken Seite des Felsens, wand sich ein reißender Waldstrom; durch diesen wurden die Reitpferde der Offiziere sowie die, welche mit dem Bataillonsgepäck beladen waren, denn an Wagen war auf diesen Märschen nicht zu denken, geführt. Dieser steile Berg lag gerade an dem Ende einer wilden Waldgegend, aus der wir traten; er überraschte uns seltsam, da er gleich einer mächtigen Mauerwand sich unserem weiteren Vordringen entgegenzustemmen schien, und es war für die noch Zurückgebliebenen ein komischer Anblick, ihre Kameraden so auf allen Vieren diese Wand hinanklettern zu sehen. Aber oben angekommen, welche Aussicht! Man erblickte nun mit einem Male die unabsehbaren Ebenen dieser Gegend Italiens, endlos scheinend wie das Meer und aus den lachendsten Fluren und den fruchtbarsten Gefilden bestehend.

Als wir diese reichen Ebenen hinabstiegen, da fielen mir Hannibal und Napoleon ein, die beide durch diesen herrlichen Anblick ihre müden Truppen neu belebten und sie in eroberungslustigen Enthusiasmus versetzten. Nichts ist auch überraschender, als mit einem Male, aus fast grauenvollen Wildnissen hervortretend, wie durch einen Zauberschlag vor einem solchen Paradies zu stehen, das reichen Lohn für die überstandenen Mühseligkeiten verspricht, ihn aber nur selten gewährt.

‚Ihr habt nichts, und dort ist alles, was ihr bedürft!‘ lauteten Napoleons Worte, zu denen er aber noch hätte hinzufügen können: ‚das ihr aber nicht erhaltet‘; denn was kam von all diesen Eroberungen an den gemeinen Mann und die untergeordneten Chargen? Nur einige Anführer raubten sich reich.

Den Umweg über Parma, Reggio, Modena und so weiter mußten wir machen, weil Toscana noch nicht französisch war und laut Konvention keine französischen Truppen durch dasselbe marschieren durften, obgleich es unter dem Namen des Königs von Etrurien, von der Königin Marie Louise, jedoch gänzlich unter französischem Einfluß, beherrscht wurde, und es tat uns leid, das schöne Land so auf der Seite liegen lassen zu müssen. In Parma hatten wir der vielen Maroden wegen zwei Rasttage, die ich benutzte, die Merkwürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen.

Den vierten Tag nach unserer Ankunft zu Parma, wo ich in einem Franziskanerkloster einquartiert war, marschierten wir nach Reggio, das Regium Lepidi der Römer.

Hier besuchte ich das Theater, in welchem die Oper ‚Ludovica‘ und ein großes fünfaktiges Ballett, ‚Alexander der Große‘ betitelt, aufgeführt wurde. Die Vorstellung dauerte bis nach drei Uhr morgens, so daß, als ich das Theater verließ, das Bataillon schon über eine Stunde abmarschiert war (wir marschierten nämlich von Parma aus, der schon eingetretenen großen Hitze wegen, immer bald nach Mitternacht ab, und später sogar zwei Stunden vor Mitternacht, um mit Tagesanbruch in den Quartieren anzukommen, wo man dann über die Mittagszeit schlief) und ich demselben über Hals und Kopf nacheilte, es jedoch erst auf dem halben Wege nach Modena, wo es Halt machte, wieder einholte, aber unterwegs gar manchen Nachzüglern begegnete. Dieses frühe und nächtliche Abmarschieren hatte den Nachteil, daß das Bataillon immer kaum mit einem Dritteil seiner Mannschaft in dem Etappenort ankam, da sich die Leute unterwegs rechts und links in die Felder schlafen legten, weil sie in dem zum Nachtquartier bestimmten Orte zu wenig Zeit zum Ruhen hatten. Denn kaum angekommen, mußten sie die Lebensmittel empfangen, oft lange auf dieselben warten, dann selbst in den Klöstern und Kirchen kochen; sie konnten erst spät essen, mußten sich dann wieder zum Appell einfinden, so daß die Momente der Ruhe gar knapp zugemessen waren. Die Soldaten marschierten ohnehin viel lieber einzeln als in der Kolonne, weil dies weit weniger ermüdend und bequemer ist, obgleich, wie sich von selbst versteht, die Kolonnen während dem Marsch nie geschlossen sind, sondern die Glieder und Rotten in gehöriger Distanz Mann vom Mann gehen.

Mehrere der Hauptleute und auch einige andere Offiziere, die bemittelt, waren beritten, ich aber mietete mir von Zeit zu Zeit ein Cavallo samt seinem Patron und schickte beide, an dem Etappenort angekommen, wieder zurück, mir jedoch vornehmend, bei erster Gelegenheit ein Pferd anzuschaffen, da dessen Unterhalt auf dem Marsch wenig oder nichts kostete, indem man den berittenen Offizieren immer solche Quartiere zuteilte, bei denen sich Ställe befanden, wo dann dem Pferd in der Regel Gastfreundschaft erwiesen und dasselbe freigehalten wurde. Aber erst in Neapel konnte ich zu einem eigenen Satteltier kommen.

Nach acht Uhr des Morgens kamen wir in Modena an; auch diese alte Stadt liegt in einer schönen Fläche zwischen der Secchia und dem Panaro. Sie ist wohlgebaut, freundlich und auch reinlich gehalten; die meisten Häuser haben hier sowie zum Teil schon in Parma und Reggio und in fast allen größeren Städten Arkaden oder auf Säulen ruhende Bogengänge, welche sowohl gegen die Sonnenhitze als gegen den Regen schützen, so daß man auch bei dem schlimmsten Wetter, ohne naß zu werden, von einem Ende der Stadt zum anderen gehen kann, wie dies namentlich in Bologna der Fall ist, wo ich mich nicht entsinne, ein einziges Haus ohne Säulenhallen gesehen zu haben. Häufig sind diese jedoch sehr niedrig und haben dann ein düsteres Aussehen.

Bei unserem Abmarsch von Modena fiel eine ergötzliche Szene vor. Das Bataillon war teils in einer Kirche, teils in dem Kreuzgang des zu derselben gehörigen Klosters einquartiert gewesen. Die Soldaten hatten sich auch hier allerlei Unfug erlaubt und namentlich allerhand Fratzen und unanständige Dinge mit Kohlen an die Wände des Kreuzganges geschmiert, wie sie dies schon öfters getan. Als nun das Bataillon unter dem Gewehr und zum Abmarschieren bereitstand, kamen plötzlich drei bis vier feiste Mönche fast atemlos angerannt und verlangten den Chef zu sprechen. Düret saß schon zu Pferd und fragte, was das Begehren der Kutten sei. Die Patres baten seine illustrissima eccelenza inständig, sich doch mit ihnen ins Kloster begeben zu wollen, um die Sporcherie (Schweinereien) zu sehen, welche die Signori Soldati an die Wände geschmiert hatten. Düret schickte den Adjutant-Major, Leutnant von Hülsen, einen Preußen, mit zweien der heiligen Männer ab, die Malereien zu besichtigen. Er kam bald mit seiner geistlichen Eskorte zurück und rapportierte, daß die Soldaten nebst allerlei Unflätigkeiten unter anderem auch einen Teufel mit Hörnern, Bocksfüßen, Krallen, und hinten und vorn geschwänzt, gezeichnet, wie er einen dicken Pfaffen hole, ein anderer Satan habe den Papst selbst beim Ohr und so weiter. Düret konnte sich sowie alle, die es hörten, des Lachens nicht erwehren, sagte indessen zu den Mönchen, sie möchten ihm die Täter bezeichnen, dann wolle er sie bestrafen. Dies war aber den guten Fratres nicht möglich. (Es waren ein paar Unteroffiziere, die ziemlich gut zeichnen konnten und die man im Bataillon wohl kannte.) Der Bataillonschef bedauerte daher, ihnen keine Satisfaktion geben zu können. Die Offiziere trösteten die Herren von der Kutte und setzten ihnen unter dem Vorwand, daß ihre Glatzen zu kühl haben müßten, Polizeimützen und einem einen Tschako auf den Kopf, was sich so possierlich ausnahm, daß das ganze Bataillon in lautes Gelächter ausbrach. Düret gab nun das Zeichen zum Abmarsch, der Tambour-Major ließ das Roulement schlagen, und wir marschierten mit rechts in die Flanken pas acceleré ab. Ich aber und noch ein paar Kameraden nahmen jeder einen der Pfaffen unter den Arm und ersuchten sie, uns doch wenigstens das Geleit bis an das nach Bologna führende Tor zu geben, wozu sie auch ohne Widerstand einwilligten, und so mußten die wohlgenährten Herren unter dem Gelächter der Soldaten im Geschwindschritt nach dem Takt der Kalbsfelle in ihrem burlesken Kostüm, und zwar noch eine Strecke bis vor das Tor mittrollen, wo wir sie wieder in Gnaden entließen. Sie mögen schwerlich wieder ähnliche Klagen bei einem Kommandierenden geführt haben.

Der Marsch von Modena nach Bologna führte uns über mehrere Flüsse und Brücken. Links von dem Flecken Forcelli kamen wir an der vom Lawino und der Girando gebildeten Halbinsel vorüber, welche durch den Bund der Triumvirn, Octavius, Antonius und Lepidus so berühmt geworden, die sich hier gegenseitig verpflichteten, rücksichtslos alle zu opfern, die einem von ihnen dreien schaden könnten. Cicero und Lepidus’ Bruder selbst wurden ein Opfer dieses Versprechens.

Mit dem frühen Morgen standen wir vor den Toren von Bologna, auf ehemaligem päpstlichen Gebiet, und bekamen das erste päpstliche Geld, die Bajocchis zu sehen, die hier noch kursierten. Überhaupt war es auf dem Marsch von Genua bis hierher gerade wie in dem weiland heiligen deutschen Reich, fast in jeder Stadt traf man andere Geldsorten, anderes Maß und Gewicht an.

Bologna, das Bononia der Alten, ist nach Rom die bedeutendste Stadt des Kirchenstaates und zählt über sechzigtausend Einwohner, sie ist befestigt, und gerade ein Dutzend Tore führen in das Innere der Stadt zu den meistens schönen breiten Straßen derselben. Sie liegt an zwei Wassern, dem Fluß Reno und dem Flüßchen Savena; über den ersteren führt eine schöne, zweiundzwanzig Bogen lange Brücke; sie hat über sechzig Kirchen und wenigstens ebensoviele Klöster, die alle mehr oder weniger bedeutende Kunstschätze aufzuweisen haben. Fast alle Häuser dieser Stadt sind von Quadersteinen aufgeführt und haben Bogengänge. Auf einem Platz in der Mitte der Stadt stehen die beiden berühmten, aber eben nicht schönen schiefen Türme, welche die Namen Asinella und Garisanda führen, über deren Entstehen folgende Sage im Munde des Volkes geht.

Zwei junge Architekten verliebten sich in das wunderschöne fünfzehnjährige Töchterchen eines reichen Goldschmieds, der demjenigen von ihnen, welcher das künstlichste Bauwerk aufführen würde, die liebenswürdige Signorina zur Gattin zu geben versprach. Da baute der eine einen schiefen Turm, aber der andere setzte einen noch weit schieferen daneben, und dem letzteren wurde die Tochter samt dem reichen Brautschatz; so weit die Sage. Die Wahrheit von der Entstehung dieser Türme ist aber wo möglich noch alberner als die Fabel; denn daß Verliebte dumme Streiche machen, ist ganz in der Ordnung und liegt in der Natur der Sache, daß aber zwei sehr reiche Edelleute vor siebenhundert Jahren ihren Reichtum nicht besser zu verwenden wußten, als ein paar ganz unnütze und das Auge beleidigende Baukunststücke aufführen zu lassen, war ein alberner Streich; sie haben jedoch dadurch wenigstens ihre Namen auf die Nachwelt gebracht, denn noch jetzt werden diese Türme nach ihnen Asinella und Garisanda genannt, und Dante hat ihnen sogar die Ehre erzeigt, ihrer in seinen Gedichten zu erwähnen. Der eine ist so schief und überhängend, daß er einen angsterregenden Anblick gewährt, wenn man ihn zum erstenmal sieht, dies verliert sich aber bald, und den anderen Tag, wir hatten Ruhetag in Bologna, bestieg ich ihn keck.

Bologna hat mehrere Theater, sie waren aber während unseres kurzen Aufenthaltes daselbst geschlossen. Diese Stadt ist fortwährend der Sammelplatz aller sich außer Engagement befindlichen italienischen Schauspieler, Schauspielerinnen, Sänger, Sängerinnen, Tänzer und Tänzerinnen, und die mimische Vorratskammer, aus der sich alle Theaterdirektionen Italiens rekrutieren. Oft sind nicht weniger als ein halbes Tausend dieser dramatischen Künstler hier, auf Engagement wartend.

Ich war hier, zum erstenmal seit Genua, weder in einer Lokanda noch in einem Kloster einquartiert, sondern wieder in einem Privathaus, bei einem Signor Magnani, einem Advokaten, der zwei hübsche Töchter und eine nachsichtige Frau hatte. Die Mädchen klimperten recht artig Gitarre, wie fast alle Mädchen und Frauen in Italien bis zu den untersten Ständen herab. Ich machte der Familie einen Höflichkeitsbesuch, und da ich mich nun schon ziemlich geläufig italienisch auszudrücken wußte, so war die Unterhaltung bald animiert. Das Hauptthema war wie gewöhnlich die Musik, und die Damen erzählten mir, daß erst vor kurzem einige tedeschi bei der hiesigen Oper Furore gemacht hätten, auch der eine in Mailand, der andere für die Bühne zu Neapel engagiert worden sei. Ich bat die Mädchen, die ich schon vorher hatte musizieren hören, mich doch durch ihr Talent erfreuen zu wollen, und die Jüngste trug sogleich das damals in Italien sehr beliebte Schalksliedchen ‚Una povera ragazza, se n’andie una mattina‘ und so weiter per confessarsi – mit viel Feuer und Ausdruck vor, worauf beide ein paar komische Duette von Guglielmi und Cimarosa in echt italienischer Manier, das heißt parlando sangen. Ich holte nun auch meinen Klavierauszug aus dem Don Juan hervor und studierte mit beiden das Duettino: ‚La ci darem la mano‘, das sie nach einer halben Stunde, mehr dem Gehör als der Musik nach, denn sie waren nicht sehr taktfest im Ablesen der Noten, so ziemlich sangen, welches ihnen so viel Vergnügen machte, daß sie mich um die Erlaubnis baten, es sogleich abschreiben zu dürfen. Wir kamen hierauf auf die Stadt und ihre Umgebungen zu sprechen, und ich äußerte den Wunsch, daß, da wir hier einen Ruhetag hätten, ich auch gerne etwas von der letzteren sehen möchte. Das jüngste Mädchen, Giuglietta, erwiderte mir, daß sie den nächsten Morgen mit ihrer Mutter die Madonna di San Luca besuchen würde, deren schöne Kirche ein paar Miglien (eine kleine Stunde) vor der Stadt liege und zu der ein Säulengang führe, unter dem man vor Hitze und schlechtem Wetter vollkommen geschützt sei. Ich bat um Erlaubnis, die Damen dahin begleiten zu dürfen, aber die Signora madre meinte, es ginge schlechterdings nicht an, daß Damen allein in Begleitung eines Fremden, und gar eines Signor Uffiziale francese, über die Straßen gingen, namentlich da sie ihr Mann wegen Mangel an Zeit nicht begleiten könne. Ich wußte indessen diesen Einwand zu beseitigen, sie bittend, in Zivilkleidern vor der Stadt sie erwarten zu dürfen, was mir dann auch die Mama nicht nur zugestand, sondern meinte, ich könne ihnen in einiger Entfernung, da ich doch den Weg nicht wisse, durch die Stadt folgen. Ihr und den Töchtern dankend die Hände küssend, empfahl ich mich, um meine Streifereien durch Bologna zu beginnen, brachte aber den Abend wieder in ihrer Gesellschaft plaudernd und musizierend zu. Den anderen Tag wurde in der Morgenkühle die Wallfahrt zu dieser Madonna angetreten. Ich folgte den Damen, so wie wir übereingekommen waren, in einiger Entfernung durch die Stadt, und gesellte mich unter den ersten Bogen vor derselben zu ihnen. Dieser Säulengang war unabsehbar und schien gar kein Ende zu nehmen; es sind weit über sechshundert Arkaden, und jeder dieser Bogen ist von einer frommen Seele oder Familie, auch oft von einer ganzen Körperschaft oder Zunft, wie Tischler, Schlosser, Bäcker, Schneider, sogar auch von Soldaten und Bedienten erbaut, jeder hat andere Verzierungen, Malereien, Arabesken von sehr verschiedenem Wert, was diesen Spaziergang recht unterhaltend macht; mehrmals sind die Bogen auch durch durchbrochene Felsen geführt. Einige fromme Personen haben auch mehrere, manche ein ganzes Dutzend dieser Bogen auf ihre Kosten errichten lassen und dafür einen großen Extra-Ablaß auf Gott weiß wieviel Jahre erhalten; dagegen müssen ihre Erben oder ihre Familien diese Bogen, von denen wohl manche einzelne über tausend Taler kosteten, gehörig unterhalten, sonst würden die armen Seelen der Stifter um viele Jahre länger im Fegfeuer schmachten. Alle diese Bogen sind Heiligen, die meisten aber der Jungfrau selbst und namentlich der Jungfrau vor und nach den Kindesnöten geweiht. Endlich waren wir in der Kirche und bei der Madonna angekommen, deren Wunderkraft mir die Signora Magnani mit vielem Eifer und großer Beredtsamkeit erklärte und mir dabei ganz ernsthaft versicherte, das Bild habe der heilige Lukas selbst gemalt. Wir hielten uns ziemlich lange dabei auf, denn die Damen wurden mit Beten und Andachtsübungen nicht fertig, ich aber hatte diesen lebenden Madonnentöchtern schon längst auf der Promenade hierher zu verstehen gegeben, wie sehr ich sie anbete, und bedauerte nur, so wenig Zeit übrig zu haben, ihnen Proben von der Wahrhaftigkeit dieser Versicherung liefern zu können, da uns das grausame Schicksal schon den nächsten Tag trennen sollte. Doch hoffe ich bald wieder und auf längere Zeit nach Bologna zu kommen, und dann ...

„Ach,“ sagte die Signore madre, „den Herren Soldaten und besonders den Signori francese ist nicht weiter zu trauen, als man sie sieht.“

Die Dame sprach wahrscheinlich aus früherer Erfahrung, denn ihre Blütenzeit war längst vorüber.

„Ja,“ setzte Lucilla, die ältere Tochter, hinzu, „man hat uns sehr ernstlich vor diesen Herren gewarnt, sie sollen den Mädchen nur die Köpfe verrücken und, sich dann den Mund abwischend, lachend davongehen.“

„Lügen, lauter Lügen, das können Sie mir glauben, Illustrissima, und zudem bin ich ja kein Franzose, sondern ein ehrlicher tedesco.“

Die Damen sahen mich nun mit großen Augen an, und Giuglietta sagte endlich: „Ja, das habe ich immer sagen hören, daß die Signori tedeschi treu wie Gold und die besten Ehemänner seien.“

„Da hat man Ihnen vollkommen die Wahrheit gesagt, Signorina.“ – Auf dem Rückweg wurden wir nun schon weit vertraulicher, trennten uns aber wieder vor den Toren der Stadt, und den Abend brachte ich bis zum Abmarsch des Bataillons, der um zehn Uhr in der Nacht festgesetzt war, bei der liebenswürdigen Familie zu; bei dem Abschied wurde mir gestattet, die Damen, versteht sich Mama zuerst, zu küssen, und ich wurde auch eingeladen, wenn mich der Zufall wieder nach Bologna führe, nicht vergessen zu wollen, sie zu besuchen, was ich feierlich versprach, und schied, ärgerlich, nicht ein paar Tage länger hier weilen zu können. Aber das ist ja das Los des Soldaten und war es besonders zu jener Zeit. Ich eilte nun auf den Sammelplatz, mein ‚Non piu andrai‘ wieder trillernd, und kam gerade noch zur rechten Zeit an, denn man hatte schon lange rappeliert, als ich noch immer mit meinen Schönen plauderte.

Es war halb elf, als wir den nächtlichen Marsch durch die finsteren Straßen Bolognas zu dem nach Imola führenden Tor hinaus mit klingendem Spiel antraten, welches manche Schöne im Nachtkleid noch ans Fenster lockte.

Da ich in Bologna wenig geruht und also ziemlich müde war, so blieb ich gleich anfangs hinter dem Bataillon zurück, um bequemer marschieren und von Zeit zu Zeit ruhen zu können. Bald hörte ich einen Wagen kommen und erkannte ihn für den der Madame Grenet; dieses Renkontre war mir gerade nicht angenehm, und ich hätte es gerne vermieden, aber die Dame hatte mich trotz der Finsternis bereits erkannt und mir zugerufen: „Herr Leutnant Fröhlich, gehören Sie auch zu den Maroden?“

„Um Vergebung, ich habe mich nur ein wenig verspätet.“

„Nun, was machen Sie denn, Sie lassen sich ja gar nicht blicken.“ (Ich hatte die Dame auf dem ganzen Marsch bisher möglichst gemieden.) „Nicht wahr,“ fuhr sie fort, „Ihre Streiche in Genua, ja, da muß man sich freilich verstecken.“

„Das gerade nicht, Madame, und ich glaube, daß gewisse Damen, deren Anschläge ich genau kennen gelernt, noch mehr Ursache hätten, sich vor mir zu verbergen, als ich mich vor ihnen. Ich bin noch im Besitz eines Billetts, das ...“

„Wozu diese Zänkereien?“ fiel mir Madame Grenet ins Wort. „Ich bin nicht so rachsüchtig, machen wir Frieden; es ist ziemlich kühl, ich biete Ihnen einen Platz in meinem Wagen an, es fährt sich doch besser, als man geht, und Sie kommen dann weniger ermüdet auf der Station an.“

Ich nahm das Anerbieten an, das mir gerade nicht so unwillkommen war, und saß bald an der Seite der Dame. Noch hatte ich zwar die liebenswürdigen Advokatentöchter im Kopf, aber doch bereits Madame Grenet im Arm. Ein ewiger Friede wurde förmlich geschlossen und durch glühende Küsse besiegelt. Madame Grenet war ja hübsch und jung, ich hatte heißes Blut, dabei die Finsternis der Nacht, die Gelegenheit mit einer liebenswürdigen Frau im engen Raume eines Wagens, da mag der Henker kalt bleiben; alle Unbill war von beiden Seiten schnell in dem Taumel des Genusses vergessen, und nach einer guten Stunde verließ ich den Wagen, um mich dem nicht mehr sehr entfernt marschierenden Bataillon wieder anzuschließen.

Schon mit dem Grauen des Tages rückten wir in Imola ein, einer Stadt von ungefähr achttausend Einwohnern, die ein festes Schloß, aber außer einem schönen Spital wenig Merkwürdiges enthält. Der damalige Papst (Pius VII.) war hier längere Zeit Bischof. Sie war auch der Schauplatz der verruchten Schandtaten Cäsar Borgias. Julius II. brachte sie an den heiligen Stuhl. Sie hat wenigstens ein paar Dutzend Kirchen und Klöster. Eine Stunde nach Sonnenuntergang wirbelten die Tambours abermals zum Abmarsch; diese Nacht führte uns leider um Mitternacht durch das schöne Faenza, dessen Einwohner unser durch Trommeln und Musik geräuschvoller Durchmarsch aus dem Schlaf aufgeschreckt haben mag, nach Forli. – Faenza ist ziemlich groß, soll bei sechzehntausend Einwohner, nicht weniger als zwanzig Klöster und dreißig Kirchen haben und ist eine der hübschesten Städte der ganzen Romagna. Von ihr hat das Töpfergeschirr Fayence, das noch jetzt in vorzüglicher Güte daselbst verfertigt wird, seinen Namen.

Forli liegt am Fuße der Apenninen, in einem fruchtbaren Tale, an der alten Via Aemilia. Die Stadt ist nicht übel gebaut, hat einen sehr schönen Marktplatz, und der Versammlungssaal ihres Stadthauses ist von Raphael gemalt. Auch sie hat bei zehn- bis elftausend Einwohnern Dutzende von Klöstern und Kirchen. Manche ihrer Kirchen und Paläste sollen interessante Kunstschätze enthalten, um die ich mich aber immer weniger auf diesem Marsch bekümmerte, da wir, von den Nachtmärschen ermüdet, einen großen Teil des Tages mit Schlafen zubringen mußten, auch war damals das Beste und Schönste im Louvre zu Paris.

Von Forli kamen wir über Forlimpopoli, welches Gregor XI., weil alle seine Einwohner Räuber geworden waren, 1370 gänzlich zerstörte, nach Cesena, der Vaterstadt Pius’ VI., dem man hier eine Bildsäule errichtet hat, sowie der Pius’ VII., der aber damals noch keine hatte. Unter den unzähligen Klöstern dieser Stadt ist das der Benediktiner, welches auf einem Berg vor dem Tor liegt, wegen seiner großen Pracht merkwürdig.

Ohne Cäsar zu sein, ging auch ich über den Rubikon, ein kleines Flüßchen, das jetzt Pisatello heißt und kaum eine Stunde von Cesena entfernt, auf dem Wege nach Rimini, unserem nächsten Nacht-, vielmehr jetzt Tagquartier, vorbeifließt. Ein Papst hatte feierlich zu entscheiden geruht, daß der Luso der alte Rubikon sei, aber Seine Unfehlbarkeit hatte hier, wie so oft schon, einen Fehlschuß getan, der längst zur Satire geworden ist.

Auch wir gingen also über den Rubikon, und auch nicht so ganz bedeutungslos; denn es galt ja die schon begonnene Eroberung des Königreichs Neapel vollenden zu helfen und dessen Regenten zum Teufel zu jagen.

Rimini erreichten wir wieder mit Tagesanbruch. Es liegt an der Mündung des Marechia, nahe am Adriatischen Meer, das vor Zeiten dessen Mauern bespülte. Sein ehemaliger Hafen war jetzt in einen großen Garten umgeschaffen, und der kleine, jetzt noch bestehende kann nur von geringen Fahrzeugen und Fischerbarken besucht werden. Von römischen Altertümern ist noch die Brücke vorhanden, die unter der Regierung des Tiberius vollendet wurde, Augustus hatte sie begonnen; ein diesem Kaiser zu Ehren erbauter Triumphbogen ist auch noch vollkommen erhalten und gleich der Brücke aus weißen Sandsteinen erbaut. Außerdem sind noch viele andere römische Altertümer daselbst, und auf dem Marktplatz wird eine Art Fußgestell gezeigt, von dem herab Cäsar seine Truppen angeredet haben soll, nachdem er über den Rubikon gegangen war. Überhaupt konnten wir jetzt keinen Schritt mehr vorwärts tun, ohne jeden Augenblick durch Monumente und historische Begebenheiten an das welterobernde Volk der Römer erinnert zu werden, dessen klassischen Boden wir betreten hatten.

Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so benutzte ich denselben, um einen Ritt nach der von Rimini wenige Stunden entfernten, wegen ihrer Unbedeutendheit berühmten und deshalb unangefochtenen Republik San-Marino zu machen, deren Haupt- und einziges Städtchen und Gebiet wenig mehr als fünftausend Bewohner zeigt. Ein Maurer aus Dalmatien namens Marin soll sie im sechsten Jahrhundert gegründet haben, und zwar, wie die Sage will, auf folgende Veranlassung.

Dieser Mensch hatte sein halbes Leben damit zugebracht, an den Werken von Rimini zu arbeiten, hierauf fiel es ihm ein, sich dem beschaulichen und erbaulichen Leben zu widmen und ein Einsiedler zu werden. Jetzt lebte er ebenso keusch und fromm, als er früher ausschweifend und sündhaft gelebt hatte, er legte sich selbst die schwersten Bußen und strengsten Strafen auf. Längere Zeit wußte man nicht, was aus ihm geworden war, er trieb die Sache sehr geheim, endlich aber hatte ihn ein ebenfalls reuiger Sünder bei diesen Kasteiungen belauscht und bat den frommen Mann, auch ihn in Gnaden aufnehmen zu wollen, worauf sich der Geruch seiner Heiligkeit bald weiter verbreitete und er viele Jünger oder Schüler erhielt. Der Berg, auf dem er seine Einsiedelei angelegt, gehörte damals einer Fürstin der Umgegend, die ihm denselben zum Geschenk machte, auf welchem er nun die kleine Republik, aus lauter Frommen bestehend, gründete und die noch jetzt, wenn auch nicht mehr aus Einsiedlern, doch aus sehr friedlich gesinnten Menschen besteht, denen, um Krieg zu führen, alles fehlt.

Das Städtchen San-Marino liegt auf einem etwas steilen Berg, zu dem ein ziemlich bequemer Fußweg führt, es hat sogar ein kleines Kastell mit mehreren Türmen; in seinem Gebiet wächst ein guter Wein auf den Höhen des Berges, der aber den Klöstern der Republik gehört und von deren trägen Bewohnern fast ausschließlich in behaglicher Ruhe getrunken wird; so klein dieser Staat auch ist, so muß er doch ein halbes Dutzend dieser Faulnester nähren.

Ich war in Begleitung von mehreren Kameraden auf Mietpferden nach San-Marino geritten, unter diesen befand sich ein erst kürzlich vor dem Abmarsch von Genua zum Regiment gekommener Offizier, der in österreichischen Diensten gestanden und sich kurz vor der Schlacht von Austerlitz hatte fangen lassen. Er war Hauptmann gewesen und bei unserem Regiment als Leutnant eingetreten, wozu ihm die Gnade des Fürsten Y., dem er sich empfohlen, verholfen hatte. Dieser Mensch, der sich Baron von Neumann nannte, dessen Bauch jedoch weit besser in eine Pfaffenkutte als in eine Uniform gepaßt hätte, war nur in der Hoffnung mit nach Marino geritten, daß es daselbst etwas Tüchtiges für seinen Schnabel, das heißt brav zu essen und zu trinken absetze, fing aber schon zu fluchen an, als der Weg etwas steil und unbequemer zu werden begann; als er aber erst das kleine Städtchen sah und in demselben nichts als etwas Käse und Brot zu essen fand, da sagte er ganz aufgebracht zu mir: „Dos is holter auch der Müh’ wert g’wesen, uns in so än Nest z’führen, wo’s halt nix z’nagen und nix z’beißen gibt, ich dank für d’Ehr.“ – Als ich ihm von der Seltenheit und Sonderbarkeit, die diesen Staat merkwürdig machen, erzählen wollte, ließ er mich nicht endigen, sondern fiel mir mit den Worten in die Rede: „I’ hob den Henker von so ’ner Merkwürdigkeit, die größte Merkwürdigkeit für mi is holt ä gut’s Schweinsbrates und ä gut’s Glaserl Wein.“ – Das letztere verschaffte ich ihm auch, wodurch er bald zum Schweigen gebracht wurde, er fand das Gewächs vortrefflich und war bald so selig, daß er bei der Heimkehr sein Roß nicht mehr ohne Hilfe zu besteigen vermochte; war es uns gelungen, ihn auf der einen Seite mit aller Mühe hinaufzuheben, so fiel er auf der anderen wieder herab. Glücklicherweise hatten wir sehr geduldige und kraftlose Mähren, die sich alles gefallen ließen. Ich machte den Vorschlag, den Kameraden auf seiner Rosinante festzubinden, aber es fehlte uns an Stricken, und es war nicht so leicht, deren in San-Marino aufzutreiben. Als wir uns endlich im Besitz der nötigen Bindemittel befanden, legten wir den vollen Sack, der wenigstens ein halbes Dutzend Pokale geleert hatte, quer über das Tier, wie jeden anderen Sack, und banden den schnarchenden aber ganz bewußtlosen Leichnam auf demselben fest. Wir waren noch keine fünf Minuten geritten, als die Bande durch das Rütteln schon locker wurden und unser Freund Neumann unter sein Roß rutschte; wir hoben ihn wieder auf, banden ihn nochmals fest, aber jetzt kam er allmählich wieder etwas zur Besinnung und wollte gleich den anderen wieder zu Pferd sitzen. Man tat ihm den Willen; es ging nun in kurzem Trabe den jähen Berg hinab, aber nach wenig hundert Schritten stürzte Neumann, der ohnehin nicht reiten konnte und das Pferd nicht in der Hand hatte, sondern ihm die Zügel schießen ließ, samt demselben und fiel so unglücklich, daß er ein Bein brach. Jetzt war die Not groß, und nur mit schwerer Mühe und glänzenden Versprechungen brachten wir ein halbes Dutzend Landleute, die wir aus Marino holten, zusammen, um den Verunglückten auf einer Tragbahre nach Rimini zu bringen, wo er erst bei sinkender Nacht ankam, über sein hartes Geschick und über mich, als die erste Veranlassung zu demselben, fluchend und wimmernd. Den Trägern gaben wir jedem einen Scudo romano; dies war ein teurer Lustritt. – Neumann mußte zurück- und im Lazarett bleiben, bis er geheilt war, wo er so gut verpflegt wurde, daß er sich bald von dem einen zum andern trug und ein wahrer Spitalbruder ward. Die französischen Offiziere wurden allerdings in den Lazaretten der Städte, namentlich in dem Kirchenstaat, wie die Herren gepflegt und behandelt. Ich sah den guten Neumann nie wieder, denn er wurde zum Depot des Regiments geschickt, und habe später nur soviel erfahren, daß nach dem Frieden von 1814 die österreichische Armee so glücklich war, den Helden wieder in ihren Reihen zu sehen.

Den folgenden Tag kamen wir nach Sinigaglia, das Beaucaire oder Leipzig Italiens hinsichtlich seiner sehr besuchten hochberühmten Messen.

Sinigaglia ist an und für sich keine sehr bedeutende Stadt, hat kaum zehntausend Einwohner, treibt aber viel Handel und ist ziemlich gut befestigt. Zu ihren Messen strömen die Fremden aus ganz Italien, Griechenland, Dalmatien und der Schweiz herbei; ihr nicht sehr großer Hafen ist für Kauffahrteischiffe bequem und sicher. Die Häuser dieser Stadt sind alle gut gebaut, auch hat sie einige ausgezeichnet schöne Kirchen. In der fruchtbaren Gegend nach Urbino zu zeigt man noch Hasdrubals Grab, das die Einwohner den Monte Asdrubale nennen.

Unsere folgende Etappe war Loretto, ein beschwerlicher und ermüdender Marsch; aber dafür sollten wir auch durch den Anblick des heiligen Hauses der Jungfrau Maria und sogar durch das Betreten desselben mit unseren unheiligen Füßen belohnt werden. Die Stadt ist klein, zählt kaum sechstausend Einwohner, die fast alle von dem Schacher mit heiligem Firlefanz leben; sie liegt auf einer Anhöhe, von der man eine herrliche Aussicht auf das Adriatische Meer und dessen Küsten hat. In der Haupt- und einzigen bedeutenden Straße der Stadt sieht man Bude an Bude gereiht, in denen nichts als Kruzifixe, Madonnenbilder mit dem Jesuskind, Kreuzchen, Rosenkränze, allerlei Reliquien, künstliche Blumen, Medaillen zur Ehre der Jungfrau und anderer Heiligen geprägt, Wachskerzen, Borden, Bänder und ähnlicher Kram verkauft werden. Mitten in der prachtvollen, großen und schönen Kirche der Madonna von Loretto befindet sich das heiligste Haus der ganzen Christenheit, dasjenige, in welchem die Jungfrau geboren und erzogen wurde. Es ist ein sehr bescheidenes, von Backsteinen und Holz erbautes Häuschen, das la santissima casa di Nazaretto genannt wird und welches die lieben Engelein im Jahre 1291 aus Galiläa, aber ohne das Fundament, das ihnen wahrscheinlich zu schwer war oder zu viel Mühe auszugraben kostete, durch die Lüfte nach Dalmatien entführten, um es vor den wilden Horden der Ungläubigen in Sicherheit zu bringen und zu schützen, wozu wahrscheinlich der allmächtige Gott nicht Macht genug im gelobten Lande hatte; da es aber auch hier noch nicht sicher genug schien, so trugen sie es drei Jahre später in einen Wald unfern Racamati; aber auch dieser Ort schien ihnen nach abermals drei Jahren nicht ganz passend, und nun flogen sie Anno 1295 mit ihm nach Loretto und stellten es da nieder, wo es noch steht. Diese erbauliche Geschichte mit allen dazu gehörigen Umständen, treu und ganz der Wahrheit gemäß ausführlich beschrieben, verkauft man zu Loretto in allen Sprachen gedruckt. Das Haus ist nur achtzehn Fuß hoch, fünfundzwanzig lang und etwa zwölf breit und würde in unseren Tagen auch einem nur mittelmäßigen Bauern zu klein und zu eng erscheinen; dagegen ist aber die Kirche, die es beschirmt, um so größer und geräumiger, fast ganz in morgenländischem Stil erbaut, mit kostbaren Türen von Erz versehen und hat unzählige Beichtstühle, für alle Nationen und Sprachen bestimmt, über denen zu lesen ist: ‚Für Polen, für Franzosen, für Spanier, für Deutsche, für Engländer‘ und so weiter. Hunderttausende von Pilgrimen aus allen Ländern Europas und der Christenheit, jedes Ranges, Alters und Standes wallfahrteten früher zu dieser Kirche, ihre Zahl hatte aber so sehr abgenommen, daß sich kaum der fünfzigste Teil von ehedem mehr einfand, und was das Schlimmste war, meistens arme Teufel, die statt zu bringen, empfangen mußten, welchen man hier Wohnung und magere Kost, eine schlechte Suppe, so lange ihr kurzer Aufenthalt währte, verabreichte.

So klein das Häuschen war, vielleicht eines der kleinsten Europas, so wurde es doch bald eines der reichsten, wo nicht das reichste. Die Schätze, die es noch vor der französischen Revolution aufzuweisen hatte und die es größtenteils frommen Monarchen, Fürsten und anderen reichen, zum Teil auch armen Seelen verdankte, waren unermeßlich, ihr Verzeichnis füllte ein ganzes Buch. Kolossale Engel von gediegenem Gold, ungeheure Lampen von demselben Metall, noch weit größere von vergoldetem Silber, Kronen mit Edelsteinen reich geschmückt, von ungeheurem Wert, für die Mutter Gottes und ihren Sohn, unter denen eine von Ludwig XIII., die er, um das Gelübde, das er getan, wenn er einen Sohn erhielte (Ludwig XIV., dessen Vater er indessen nicht war), zu erfüllen, der Madonna von Loretto schenkte, mit mehr als dreitausend Diamanten verziert war; unzählige Reliquienkästchen von Gold, Perlen und Edelsteinen, in denen man Gott weiß was für Knochen aufbewahrte, Pokale, Ketten und dergleichen waren ohne Zahl vorhanden und die Mauern, Wände und Nischen mit Gold- und Silberplatten bekleidet. Pius VI. mußte das Heiligtum schon eines Teils seiner Schätze berauben, um den Franzosen die durch den Frieden von Tolentino (1797) schuldig gewordene Summe bezahlen zu können. Aber bald darauf nahmen diese ungebetenen Gäste den noch übrigen Teil und plünderten Haus und Kirche, ihnen alles von Wert raubend, sogar die Statuetten der Madonna mitnehmend, mit Ausnahme der von Zedernholz, die der heilige Lukas selbst, obgleich ebensowenig Bildhauer als ich ein Verschnittener, verfertigt haben soll, und die sie respektierten, ob aus Achtung für den Heiligen oder wegen des geringen Kunst- und materiellen Wertes, den sie hat, will ich dahingestellt sein lassen. Indessen wurde behauptet, daß die Geistlichkeit, die von der bevorstehenden Plünderung einigen Wind gehabt, denn man weiß, daß die Herren in der Regel gute Nasen haben, doch einen großen Teil der Schätze, namentlich die kostbarsten Edelsteine und Perlen, die sie durch falsche ersetzte, auf die Seite geschafft habe. Dem sei, wie ihm wolle, wir fanden, als wir nach Loretto kamen, wenig von den echten Schätzen mehr vor, die so prächtig gewesen sein sollen, daß das Auge ihren Glanz nicht zu ertragen und der erfahrenste Juwelier sie nicht zu schätzen vermochte. Die Jungfrau samt dem Jesuskind trugen nun Kronen mit falschen Steinen, doch hingen schon wieder viele silberne und reich vergoldete, fortwährend brennende Lampen in der Kirche und dem Haus, das gerade unter der Kuppel des Doms steht und von dem ewigen Lampenrauch ganz schwarz gefärbt ist. Der Fußboden gleicht einem Damenbrett, und besteht aus weißen und roten viereckigen Platten. Die braune, zedernhölzerne Madonna steht in einer Nische des Häuschens, gerade unter dem Schornstein, das Jesuskind im Arm und mit einem langen schwarzen Schleier behängt. Von diesem Schleier erhalten alle frommen Gläubigen ein kleines Stückchen, das auf einem gedruckten Zeugnis aufgeklebt ist und ihnen zur schützenden Reliquie dienen soll; und – o Wunder! – soviel auch jahrein jahraus von diesem Schleier abgeschnitten wird, so wird er doch nie kleiner, sondern das am Tage Abgeschnittene wächst bei Nacht wieder nach. Auch die Suppenschüssel Marias wird gezeigt, in welcher man Rosenkränze, Kreuze, Medaillen und so weiter herumrührt und einweiht. Man erhält ferner daselbst eine kleine viereckige Tüte von Papier, auf welcher das heilige Haus abgebildet ist, wie es die guten Engel durch die Lüfte transportieren, und die etwas von dem von der Mauer desselben abgeschabten Staub enthält, wofür man einige Paoli bezahlt. Auch diese Reliquie gilt für ein sicheres Amulett gegen alles Böse, gegen Widerwärtigkeiten, Krankheiten, Zauberei und so weiter, man trägt sie an einem Bändchen oder Kettchen um den Hals, auf die Brust herabhängend. Auch ich versah mich mit einer solchen, zum Andenken an meine Anwesenheit in Loretto, und hatte es wahrlich nicht zu bereuen, denn sie bewirkte in der Tat kein geringes Wunder an mir, mich von einem grausam schmählichen Tod errettend, wie wir bald sehen werden. Außerdem kaufte ich ein Dutzend kleiner Rosenkränze von allen Farben, grün, rot, gelb und so weiter, ließ sie in der heiligen Suppenschüssel umrühren und schickte sie dann per Post meinem Vater, um sie an die übrige Verwandtschaft auszuteilen, die, obgleich es Ketzer waren, diese Aufmerksamkeit doch gut aufnahmen. Auch die Küche der Jungfrau und das Fenster, durch welches der Engel der Verkündigung zu ihr einflog, ließ ich mir zeigen.

Loretto verlassend, entfernten wir uns wieder von den Küsten des Adriatischen Meeres und marschierten landeinwärts nach Macerata, einer ansehnlichen, auf einem Berge liegenden Stadt, von der man das Meer noch einmal erblickt, die fünfzehntausend Einwohner, mehrere sehr schöne Kirchen und ein merkwürdiges Tor, Porta Pia, eine Art Triumphbogen mit drei Durchgängen hat. Sie steht auf der Stelle des alten Helvia Ricina, das die Goten zerstörten, und hatte früher eine Universität. – Von hier kamen wir nach Tolentino, einem an sich sehr unbedeutenden kleinen Städtchen, das keine fünfzehnhundert Einwohner zählt, aber dennoch fünfzehn Kirchen hat und den Leichnam des heiligen Nikolaus aufbewahrt, was dem sonst sehr toten Ort an dessen Festtag einiges Leben verleiht. Hier wurde 1796 der Friede zwischen dem Papst und der französischen Republik geschlossen, der dem erstern große Opfer kostete und wenig oder keinen Nutzen brachte. Durch das ebenso berüchtigte Col-Fiorilo, wohin der Weg eine ziemliche Strecke zwischen durchhauenen Felsen führt und das so enge ist, daß kein Wagen dem anderen ausweichen kann, sondern derjenige, der am nächsten beim Ausgang ist, rücklings zurückfahren muß, marschierten wir bei Nacht. Der Weg von hier bis Foligno, besonders bei den sogenannten Steinbrüchen, ist fortwährend sehr schmal und für das Fuhrwerk äußerst gefährlich, da er längs schauerlichen Abgründen hinführt, in die schon sehr viele Wagen samt Pferden und Reisenden hinabstürzten, und doch wird nicht dafür gesorgt, diese Gefahr durch tüchtige Schranken zu beseitigen! –

Spoleto, unsere nächste Etappe, ist eine alte, an einem Berge liegende, aber schlecht gebaute und befestigte Stadt, die im Altertum durch den mutigen Widerstand, den sie dem Hannibal leistete, berühmt wurde, jetzt aber kaum sechstausend Einwohner, nicht weniger als zwei Dutzend Faulenzernester, vulgo Klöster genannt, noch mehr Kirchen hatte; zwanzig Einsiedeleien liegen obendrein auf einem nahen Berg, zu dem ein anmutiges Tal führt. Hier ist die Faulenzerei und mit ihr die Bettelei zu Hause, denn das träge Vieh in den Klöstern speist das zerlumpte und ebenso faule in den Straßen mit den übriggebliebenen Brocken. Jeder sich meldende Bettler bekommt eine Klostersuppe.

Der Marsch von hier nach Terni ging über die Somma, den höchsten Gipfel der Apenninen in dieser Gegend, auf dem zur Heidenzeit ein Tempel des Jupiter Summanus stand. Terni ist die Vaterstadt des berühmten Geschichtsschreibers Tacitus und des Kaisers, der denselben Namen führte. Es liegt zwischen zwei Armen des Flusses Nera, der hier eine Insel bildet, und hat ebenfalls noch viele römische Altertümer, unter denen die Ruinen eines Amphitheaters und eines Sonnentempels. Diese Stadt rühmt sich eines gleichen Alters mit Rom.

Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so schlug ich mehreren Kameraden vor, eine Partie nach dem berühmten Wasserfall von Terni, der fünf Miglien (etwa anderthalb Stunden) von der Stadt entfernt liegt, zu machen. Hauptmann Grenet und seine Frau waren mit von derselben. Der Weg dahin führt durch einen Olivenwald und durch ein Dorf, von dem er sich furchtbar steil, oft an schwindelnden Abgründen vorüber, auf dem Berg hinzieht. Wir waren fast alle auf Eseln, nur einige, unter denen auch ich, zu Pferde. In einiger Entfernung von der Kaskade stiegen wir ab und legten den Rest des Weges zu Fuß zurück, wurden aber bald von dem Wasserstaub benetzt. Über hundertsechzig Meter stürzt sich hier der Velino von den Felsen in den jähen Abgrund herab und gibt dem erstaunten Wanderer ein großartiges, ergreifendes Schauspiel, welches der Anblick der Milliarden, in allen Farben spielenden Wasserperlen, die das wieder emporspringende Wasser bildet, beim Sonnenschein so prächtig macht, daß das Blitzen aller Diamanten dagegen als fahl und matt erscheinen muß. Das Geräusch, welches die fallenden Wassermassen verursachen, ist donnerähnlich, und die sich wie Nebel wieder erhebenden Wasser formieren einen großen Staubwirbel, der wie ein Tau abermals niederfällt und den erstaunten Zuschauer durch und durch naß macht. Dieser Wasserstaub bildet unaufhörlich auf- und niedersteigende Brillantbogen, die man mit Entzücken bewundert; es ist eines der schönsten Naturschauspiele der Welt. Auf dem Rückweg nahmen wir in dem Dorf an dem Olivenwäldchen eine echt italienische Kollation, aus Brot, Käse, Orangen und Feigen bestehend, so ziemlich alles, was man nebst einem Glas Wein in einem solchen Ort in Italien haben kann.

Von Terni kamen wir wieder an unabsehbaren Abgründen vorüber nach Narni, das auf einem Berg an der Nera liegt, kaum viertausend Einwohner zählt und von tausendjährigen Olivenbäumen umgeben ist. Das heitere Tal, durch welches man zwischen Terni und Narni kommt, ist dasselbe, welches Plinius als so außerordentlich fruchtbar schildert, daß man hier viermal des Jahres Heu erntet. Es wird von der Nera bewässert.

Von hier aus marschierten wir über Otricoli und mehrere andere unbedeutende Orte, kamen bald an die Ufer der Tiber, die wir zum erstenmal erblickten, und längs derselben nach Civita-Castellana, dem alten berühmten Veja, das Camill bezwang und wo die dreihundert Fabier fielen. Diese Stadt ist jetzt sehr klein, zählt kaum ein paar tausend Seelen und liegt auf einem steilen, die Umgegend beherrschenden Berg. Die Hauptkirche derselben steht auf einem isolierten Felsen wie auf einer Insel und ist vermittelst einer Brücke mit der übrigen Stadt verbunden.

Jetzt verspürten wir schon die Nähe der alten Welthauptstadt. Ruinen, Wasserleitungen, Tempelreste, Monumente jeder Art und hie und da eine Villa verkündeten uns die hochberühmte Campagna, in welcher die Hauptstadt der christlichen Welt liegt.

Monterosi, in dessen Umgegend sich noch etrurische Ruinen und Altertümer befinden, sollte unser letztes Quartier vor Rom sein; da uns aber die Marschroute keinen Rasttag in Rom selbst gestattete, so gab Düret dem Wunsch der meisten Offiziere, unter denen auch ich war, nach, ließ das Bataillon nur wenige Stunden in Monterosi ruhen und dann nach Rom aufbrechen, damit wir wenigstens einen Tag vollständig und mit Ruhe daselbst zubringen konnten, denn niemand war imstande, uns zu garantieren, daß wir jemals die berühmte Stadt wieder betreten würden.

Indessen wurde uns dieser Doppelmarsch, der zum Teil über die alte Via Cassia ging, beschwerlich genug, es schien, als wolle er gar kein Ende nehmen. Jeder Landmann, dem wir begegneten, wurde mit: „Quante miglie ancora?“ von den Soldaten angeredet, und antwortete gewöhnlich mit: „Poche signore, strada romana, strada buona!“, und murrend und fluchend, sich durch das Wenig immer getäuscht zu sehen, ging der Marsch weiter.

Öder und wüster wurde aber jetzt die Gegend, wir waren in der verrufenen Campagna di Roma und kamen häufig an Galgen und Pfählen vorüber, an denen Köpfe gespießt und halb verfaulte Schenkel, Arme und Körper hingen, von Legionen Raubvögeln umflattert und angenagt, lauter Überreste greulicher Raubmörder und Banditen. Wir waren die ganze Nacht und fast den ganzen Tag marschiert, wenige Stunden Ruhe in der Mittagszeit ausgenommen, und erblickten endlich gegen Abend die schon lange und heißersehnte Siebenhügelstadt mit ihren Kuppeln, Domen und Türmen, aus deren Häusermeer vor allem Sankt Petri Dom wie ein Berg hervorragte. – Der Anblick dieser sogenannten ewigen Stadt, deren Geschichte ich genau kannte, und in der seit Jahrtausenden so viel Großes, Wunderbares und Außerordentliches vorgefallen, von der aus so viel Unheil über die ganze Erde, in alter und neuer Zeit, unter den heidnischen Kaisern wie den christlichen Päpsten ergangen, erschütterte mich tief und machte einen großen Eindruck auf mich. Lange staunte ich diese toten Massen, Zeugen von so viel Untaten, wenig Helden- und noch weniger guten Taten an. Es ging nun etwas bergab; bald kamen wir an dem Grab Neros vorüber, wo er aber schwerlich begraben liegt, und an die Pontemolle, die alte Pons Aemilius, an der Cicero die Verschworenen verhaften ließ, als sie sich in das Lager Catilinas begeben wollten; hier überwand auch Konstantin den Tyrannen Maxcenz. Erst wenige Monate vor unserer Ankunft (1805) hatte Pius VII. diese Brücke wieder herstellen lassen. Noch immer war die Gegend öde und fast wie ausgestorben. Von hier marschierten wir auf der Via Flaminia, erst zwischen einsamen Gartenmauern, und dann an einer langen Häuserreihe vorüber, bis vor die Porta Popolo, wo wir noch vor Sonnenuntergang, aber durch den forcierten Marsch zum Umfallen müde, ankamen. Glücklicherweise war das Gebäude, eine Art Kaserne, in welcher das Bataillon einlogiert wurde, gerade das letzte Haus rechts vor dem Tor, und alle Säle in demselben fanden wir schon dick mit Stroh belegt, denn Betten gab der heilige Vater den französischen Soldaten noch nicht. Die Leute waren so müde, daß sie sich kaum die Mühe nahmen, ihre Tornister, Patronen, Gewehre und Patronentaschen abzulegen und sich angekleidet auf die einladende Streu fallen ließen, den Henker nach Rom, seinen Denkmälern und dem Papst fragend, worauf sie bald um die Wette schnarchten. Ich nahm zwar das mir zukommende Quartierbillett an, das auf eine Privatwohnung in der Stadt selbst lautete, verspürte aber keine Lust, dieselbe noch diesen Abend in deren vielleicht entferntesten Vierteln aufzusuchen, sondern warf mich, es zu mir steckend und noch einen Blick durch das Tor auf die Piazza Popolo werfend, wo ich den Obelisk und die Eingänge zu drei unabsehbaren Straßen gewahrte, ebenfalls unter die Karabinier-Kompagnie auf die Streu. Mein Kapitän, ein Hauptmann Leclerc, machte es ebenso, und die meisten Offiziere, die keine Pferde hatten, folgten unserm Beispiel; wir schliefen fest und ungestört, bis den kommenden Morgen die Sonne schon hoch über der ewigen Stadt stand, hatten besser als auf den schwellendsten Polstern geruht, und machten uns endlich aus dem Stroh und unsere Toiletten, uns in grande tenue steckend, um uns durch die Porta Popolo, die alte Porta Flaminia, in das Innere der merkwürdigen Weltstadt zu begeben und deren hauptsächlichste Sehenswürdigkeiten aufzusuchen.

Man wird hier keine ausführliche Beschreibung Roms und seiner Merkwürdigkeiten erwarten, die allein dicke Bände füllen würde, und die schon so oft beschrieben und wieder beschrieben worden sind, außerdem brachte ich diesmal nur einen einzigen Tag daselbst zu, der kaum hinreicht, das Interessanteste im Flug zu übersehen.

An das Tor dell Popolo stellten wir Schildwachen von zwei Karabiniers auf, welche den Befehl hatten, nur die ganz reinlich und ordonnanzmäßig gekleideten Soldaten unsers Bataillons in die Stadt zu lassen, auch durften nicht mehr als zwanzig Mann der Kompagnie auf einmal in dieselbe gehen.

Als ich den Korso entlangging, begegnete ich dem Kapitän Gasqui mit noch einigen Offizieren, die mich einluden, sie zu begleiten und ihnen als Dolmetscher zu dienen, da noch keiner von denselben zehn Wörter italienisch konnte, sie auch wußten, daß ich in der römischen Geschichte bewandert war und eine ziemlich genaue theoretische Kenntnis von Rom hatte. Gerne schloß ich mich dieser Gesellschaft an, wir schlugen zuerst den Weg nach der Sankt Peterskirche ein, wo uns der ungeheure zirkelrunde, von vierfachen Säulenreihen umgebene Platz mit seinen prächtigen zwei Springbrunnen und dem höchsten Obelisk Roms in der Mitte, die Fassade des berühmtesten Tempels der Christenheit, neben dem sich rechts der stolze Vatikan zu den Wolken erhebt, allerdings in Staunen und Bewunderung versetzte. Nicht so das Innere der Kirche, das diesmal, besonders auch hinsichtlich der Größe, hinter meiner Erwartung zurückblieb, deren ungeheure Dimension man aber nach und nach, die einzelnen Teile betrachtend und näher untersuchend, gewahr wird, weil das Ganze eben durch das Kolossale derselben zu sehr gedrückt wird und überladen scheint. Ich machte, soviel ich es imstande war, Vasis Beschreibung von Rom, die ich mir schon in Bologna angeschafft hatte, in der Hand, den erklärenden Ciceroni, und gab mir vorzüglich viel Mühe, die reizende Madame Gasqui auf die hauptsächlichsten Schönheiten derselben aufmerksam zu machen. Wir hatten uns hier schon eine ganze Stunde verweilt, als ich die Gesellschaft erinnerte, daß, wenn wir noch mehr in Rom sehen wollten, es Zeit sei, weiterzugehen. Einige wünschten noch den Vatikan zu besuchen, worauf sie aber auf meine Bemerkung, daß, um ihn nur flüchtig zu durcheilen, was uns noch vom Tage übrigbleibe nicht hinreichen möchte, verzichteten, und wir verständigten uns dahin, für diesmal nur noch das Pantheon, das Kapitol, das Kolosseum, das alte Forum, jetzt Campo Vaccino, die Triumphbogen des Titus, Konstantins und Monte-Cavallo zu besuchen, die alle in großer Entfernung von der Peterskirche liegen, so daß wir vollauf zu tun hatten, dies möglich zu machen. Wir gingen nun wieder an dem nahen Castel St. Angelo vorbei, zum zweitenmal über die Engelsbrücke und nahmen, auf der großen Piazza Navona angekommen, zwei Mietkutschen, wo ich es so einzurichten wußte, daß ich mit Herrn und Madame Gasqui in der einen, die übrigen Offiziere aber in der andern fuhren; wir begaben uns zuerst in das Pantheon, ehemals allen Göttern Roms und Griechenlands geweiht, und jetzt die Kirche San Maria Rotonda, die mit Recht allen Architekten, die ähnliche Meisterwerke, denn sie ist ein solches, aufführen wollen, zum Modell dient. Von hier fuhren wir zum Kapitol, das wir zwar bestiegen, aber dessen Inneres wir nicht sahen, weil uns die Zeit dazu mangelte. Vom Kapitol begaben wir uns auf das Campo Vaccino und zu dem Kolosseum, dessen Größe allerdings kolossal genug ist, um überraschend zu imponieren; es faßte über hunderttausend Zuschauer, und hier wurden die größten Schauspiele der Welt aufgeführt; in Europa kenne ich kein zweites Gebäude, das so in Erstaunen setzt, obgleich ein Teil desselben mutwillig niedergerissen wurde, um dessen Steine zu andern Bauten zu benutzen. Die schöne Madame Gasqui am Arm, in Gesellschaft der übrigen, wanderte ich im Innern desselben von Station zu Station (es sind hier die vierzehn Leidensstationen Christi in der Runde aufgestellt). Hierauf sahen wir noch die beiden erwähnten Triumphbogen, fuhren nach Monte-Cavallo, den von Seiner Heiligkeit bewohnten Palast zu sehen, und von da auf die Piazza Colonna, wo ich die Gesellschaft beredete, noch die Antoniussäule zu besteigen, was aber Kapitän Gasqui wenigstens für seine Person ablehnte, weil ihm das Steigen zu beschwerlich war. Auf der sehr engen Treppe, welche im Innern derselben zu ihrem Gipfel führte, reichte ich der Madame Gasqui die Hand, um ihr das Steigen zu erleichtern und den übrigen den Weg zu zeigen; wir waren aber bald durch ein Dutzend Stufen von den uns Folgenden getrennt, die uns aus den Augen verloren, und um der Dame die Mühe noch weniger beschwerlich zu machen, faßte ich sie um ihre schlanke Taille, sie von einer Stufe zur andern hebend, was sie auch lächelnd geschehen ließ, sowie daß ich sie bei jedem Schritt aufwärts fester an mich drückte, was sie zu ignorieren schien. Der Weg zu einem intimeren Verhältnis war dadurch gebahnt, das sich auch später zwischen uns entspann. Schon auf der Insel Porquerolles, als ich die liebenswürdige junge Frau durch das Gebüsch kommen sah, hatte sie mein Herz stärker schlagen gemacht, in Genua aber sah ich sie nur wenig und war so sehr mit den dortigen Schönen beschäftigt, daß mir keine Zeit übrigblieb, noch an andere zu denken. Erst auf dem Marsch von da bis hierher bekam ich sie öfters, meistens ritt sie im Gefolge des Bataillons, zu Gesicht, und hatte manchmal ein paar Worte und Blicke mit ihr gewechselt. Den heiligen Paulus, der jetzt statt des Kaisers Antonius Pius auf der Säule steht und diese verunstaltet, bat ich heimlich, meine neue Inklination in Schutz zu nehmen. Nachdem wir uns gehörig umgesehen und den Umfang der ungeheuern Stadt bewundert hatten, verließen wir die Säule, ohne daß es mir möglich gewesen wäre, uns bei dem Herabsteigen von den Übrigen zu trennen, die uns dicht auf den Fersen folgten. ‚Oh, wären wir doch allein gewesen!‘ seufzte ich bei mir selbst. Kapitän Gasqui nahm uns unten in Empfang und meinte, wir seien etwas lange geblieben.

Wir nahmen nun noch ein fröhliches Mahl bei einem Restaurateur auf dem Spanischen Platz ein und begaben uns jeder in sein Quartier, uns zum nahen Abmarsch vorzubereiten. Die Sonne war bereits hinunter, und der Abmarsch war für die zehnte Stunde beordert; ich aber hatte mein Quartier nicht einmal aufgesucht, begab mich wieder in meine Kaserne zurück und ruhte noch ein paar Stunden bis zur ersten Rappelle des Tambours. Bald stand das Bataillon unter dem Gewehr, aber bevor wir abmarschierten, setzte es noch ein kleines Donnerwetter. Von mehreren Orten, wo wir einquartiert gewesen, und namentlich auch von Loretto, waren bei dem päpstlichen Gouvernement Klagen wegen des von den Soldaten in Klöstern und Kirchen verübten Unfugs eingelaufen, die das unflätige Anschmieren der Wände mit Kohlen, meistens Zerrbilder auf die Pfaffen, und auch andere, die Keuschheit derselben beleidigende Dinge betreffend, nicht unterlassen konnten, wegen deren man unsern Bataillonschef Düret in Rom zur Rede gestellt hatte. Dieser erließ jetzt einen strengen Tagesbefehl und verbot bei schweren Disziplinarstrafen, sich ferner dergleichen zu unterfangen, er hielt auch noch einen Sermon vor der Front an das Bataillon dieserhalb, sowie wegen der ziemlich zahlreichen Deserteure, von denen man gerade ein halbes Dutzend wieder eingebracht hatte, welchen man mit Erschießen drohte, wozu es indessen nicht kam. Hierauf wurde mit rechts in die Flanken, und zwar in aller Stille, ab- und durch die heilige Stadt ohne Trommelschlag und klingendes Spiel marschiert, denn es durften laut Konvention damals keine französischen Truppen bewaffnet durch die Residenz des Papstes marschieren, sondern sie mußten den großen Umweg um die Mauern derselben machen. Es war also eigentlich eine Infraktion, die wir begingen, von der jedoch keine Notiz genommen wurde. Heller Mondschein leuchtete durch die Straßen der Stadt, deren Gebäude und Schatten uns wahrhaft riesig erschienen. Von Zeit zu Zeit ließen die Blasinstrumente unsers Musikkorps eine sanfte Melodie oder einen pas redoublé ohne türkische Musik ertönen, was diesen Marsch noch romantischer machte. Endlich kamen wir durch die Porta San Giovanni, die nach Albano, unserem nächsten Quartier, führt, wo ich, ermüdet, den ganzen Tag verschlief. Von hier marschierten wir über Veletri durch die pontinischen Sümpfe nach Terracina, wo wir einen Ruhetag hatten. Von da nach Fondi, dem ersten neapolitanischen Städtchen, und durch üppige Gegenden nach Mola di Gaëta, wo wir uns endlich auf dem Schauplatz der kriegerischen Ereignisse befanden, und den neunten oder zehnten Tag nach unserm Abmarsch von Rom ohne besondere Abenteuer, meist spottschlechte Quartiere habend, eintrafen.

Noch in einer ziemlichen Entfernung von Mola di Gaëta, das auf den Ruinen des alten Formio erbaut ist, hörten wir schon den Kanonendonner des Geschützes der die Festung beschießenden Artillerie. Gegen neun Uhr des Morgens kamen wir zu Mola an, wo unser erster Blick auf Verwundete fiel, die man ins Feldlazarett transportierte, welche soeben bei den Belagerungsarbeiten durch das Geschütz der Belagerten übel genug zugerichtet worden waren, und von denen einige mit dem Tode rangen.

Bevor ich mit dem Bericht der Blockade und Belagerung von Gaëta während unsers Aufenthaltes vor dieser Festung fortfahre, muß ich ein paar Worte über die damalige Besitznahme von Neapel durch die Franzosen vorausschicken.

Napoleon hatte in den Feldern von Austerlitz beschlossen, der Herrschaft der Bourbonen in Neapel ein Ende zu machen, weil der König Ferdinand IV., gegen den Vertrag vom 21. Juli 1805, den Russen und Engländern die Häfen seines Reiches geöffnet hatte. Im Februar 1806 war das französische Heer in drei Kolonnen unter dem Oberbefehl von Napoleons Bruder, dem Prinzen Joseph, und dem Marschall Massena, der das Zentrum befehligte, im Königreich Neapel eingerückt. General Regnier, der den rechten Flügel kommandierte, war vor Gaëta gerückt, während Massena Capua fast ohne Widerstand nahm und die Franzosen schon den 14. Februar in die Hauptstadt eindrangen; einen Tag später hielt Joseph seinen feierlichen Einzug in dieselbe. Einstweilen war der linke Flügel des Heeres, meistens aus italienischen Truppen bestehend, unter dem General Lecchi über Itri vorgedrungen, und als wir im Mai nach Mola di Gaëta kamen, war, Gaëta und einige andere, im Absatz und an der Sohle des italienischen Stiefels liegende Gegenden ausgenommen, schon der größte Teil des Königreiches von den französischen Truppen besetzt, aber noch weit entfernt, beruhigt zu sein. Der Tanz sollte im Gegenteil erst recht angehen und lange und blutig genug werden. Unterdessen war durch ein kaiserliches Dekret der Prinz Joseph zum König von Neapel ernannt worden.