Der General Regnier hatte den Versuch gemacht, die starke Festung Gaëta durch eine Überrumpelung zu nehmen, der jedoch verunglückt war; denn der Prinz von Hessen-Philippsthal, der in derselben kommandierte, verteidigte sich auf das tapferste und hatte geäußert: „Gaëta ist nicht Ulm und ich bin nicht Mack.“ Der General Grigny und mehrere Offiziere und Soldaten hatten bei diesem Versuch das Leben verloren; doch war eine Redoute weggenommen worden. Regnier hatte nun eine Abteilung seines Armeekorps vor der Festung gelassen, um diese einstweilen im Blockadezustand zu halten, und war mit dem Überrest seiner Truppen weiter in das Königreich Neapel vorgerückt. Im Monat März wurden die Belagerungsarbeiten begonnen. Unterdessen hatten die Franzosen das neapolitanische Heer, durch Insurgenten verstärkt, in den Engpässen von San Martino überflügelt und auf das Haupt geschlagen, so daß sich dasselbe in zügelloser Flucht auflöste; ein Bataillon von der königlichen Garde, mehrere tausend Gefangene, Geschütz, Pferde und Bagage waren den Siegern in die Hände gefallen. Der Rest flüchtete sich in die Gebirge von Kalabrien.
Schon lange vor unserer Ankunft hatte man angefangen, die Festung zu beschießen, und fand für nötig, das von Regnier zurückgelassene Belagerungskorps, das anfänglich nur aus zweitausendfünfhundert Mann bestand, bis auf fünfzehntausend Mann zu verstärken, sowie das nötige Belagerungsgeschütz nicht ohne große Beschwerlichkeiten, zum Teil sogar von Mantua, kommen zu lassen. Die meisten Lafetten dazu wurden erst im Lager selbst verfertigt.
Wir biwakierten größtenteils in Baracken oder Erdhütten und waren bei den Schanzarbeiten dem feindlichen Feuer sehr ausgesetzt. Man hatte mir oft gesagt, daß selbst der unerschrockenste Mensch, der zum erstenmal in das Feuer der Schlachten komme, sich des sogenannten Kanonenfiebers und eines Herzklopfens nicht erwehren konnte, indessen habe ich bei dieser Belagerung, wo ich zum erstenmal feindliche Kugeln zischen hörte, von diesem Fieber nichts verspürt, obgleich unsere Kompagnie an einem der gefährlichsten und dem Geschütz der Festung am meisten ausgesetzten Ort arbeiten mußte; dagegen verursachte mir der Anblick der oft schwer Verwundeten und Verstümmelten eine schmerzliche Empfindung. Gewiß ist es, daß ein passives Verhalten vor dem Feinde oder bei dessen Angriffen am ersten geeignet ist, Herzklopfen zu verursachen, besonders wenn man in einem hintern Treffen müßig, das Gewehr im Arm, stehen muß, während die vordern schon handgemein sind und man die armen Teufel mit zerschmetterten Gliedern, Armen und Beinen, jammernd, stöhnend, ächzend und Schmerzensgeschrei ausstoßend, vorübertragen sieht; da gebe ich gern zu, daß auch der Mutigste nicht gleichgültig bleibt, er hat wenigstens ein banges Vorgefühl, weshalb man immer die nicht gleich ins Feuer kommenden Truppen womöglich so zu placieren suchen sollte, daß ihnen dieser eine nachteilige Wirkung habende Anblick erspart würde. Wenn aber, kaum in Schlachtordnung gestellt, der Angriff sogleich beginnt, so ist das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeten, das Wiehern der Rosse, der Donner des Geschützes und das Abfeuern der Gewehre, sowie das betäubende Schlachtgetöse überhaupt, ganz dazu gemacht, den Soldaten, wenn er auch nicht gerade zu den Tapfersten gehört, zu begeistern und zu ermutigen. Wenigstens erging es mir so, und wenn das Getümmel des Gefechts am ärgsten war, hatte ich am wenigsten Sinn für Gefahr, in die ich mich mit Enthusiasmus, ja mit einer Art von Wut stürzte, und nur der ausgemachteste Feigling kann dann noch Sinn für Flucht oder Angst haben.
Es waren besonders zwei Anhöhen, von denen der Hauptangriff auf die Festung gemacht werden mußte. Beide waren durch eine Schlucht getrennt. Auf dem einen Hügel stand ein altes Gemäuer, Terra attratina genannt, in welchem man Pulver aufbewahrte, der andere Hügel hieß Monte secco; auf beiden wurden Batterien aufgepflanzt, nachdem man mit den Laufgräben fertig war, die man anlegen mußte, um die Leute dem feindlichen Geschütz, das ein ununterbrochenes, furchtbares Feuer unterhielt, ohne es erwidern oder sich verteidigen zu können, nicht zu sehr bloß zu geben, denn es setzte täglich eine bedeutende Zahl Toter und Verwundeter. An der Küste hatte man ebenfalls mehrere Batterien errichten müssen, um sich vor den Angriffen der feindlichen, namentlich der englischen Schiffe zu sichern, da die Kanonierschaluppen und Bombardierschiffe oft sehr nahe an das Ufer kamen. Die Arbeiten waren überhaupt sehr mühsam, und es bedurfte einer großen Menge Sandsäcke, Schanzkörbe, Faschinen und so weiter, wozu die Materialien und das Holz sehr weit im Lande, bis bei Fondi, geholt werden mußten; auch traf man bei dem Graben der Laufgräben nicht selten auf alte Mauern und Fundamente, die so fest und stark waren, daß sie mit Pulver gesprengt werden mußten, selbst die zu den Parapets nötige Erde mußte eine ziemliche Strecke weit herbeigeführt werden.
Gaëta selbst ist eine außerordentlich starke Festung, vielleicht mit die stärkste auf dem ganzen europäischen Kontinent, und von der Natur außerordentlich begünstigt, ein zweites Gibraltar. Sie liegt auf einer Erd- oder vielmehr Felsenzunge, ist von drei Seiten vom Meer umströmt, durch steile Felsen geschützt und hat einen trefflichen Hafen. Der Strich Landes, durch den sie mit dem Festland zusammenhängt, ist kaum zweitausend Schritte breit.
Die Stadt mochte etwa achttausend Einwohner zählen, von denen jedoch viele geflüchtet waren.
Die Garnison der Festung bestand aus zirka siebentausend Mann, sie wurde von der See aus durch die englischen, von dem tapfern Admiral Sidney Schmidt befehligten Schiffe mit allem, was ihr Not tat, reichlich versehen und ihr Verstärkungen zugesichert, auch schlug Philippsthal jeden Antrag einer Kapitulation auf das entschiedenste aus. Es war keine kleine Aufgabe für eine Macht, die nicht Herr zur See war, unter diesen Umständen Gaëta zu bemeistern. Ein großer Fehler, den der dort kommandierende Prinz begangen, war, daß er die Vorstädte nicht hatte abbrennen lassen, die uns einen bedeutenden Schutz und die Mittel, manches Bedürfnis zu befriedigen, gewährten, überhaupt von großem Nutzen waren. Das Feuer aus der Festung war manchmal so heftig und anhaltend, daß es einem unaufhörlich rollenden Donner glich, aber die Munition wurde meistens vergeblich verschossen, nachdem die Belagerungsarbeiten weit vorgerückt waren; doch die Belagerten wurden ja damit auf das freigebigste von den Engländern versorgt, es kam ihnen also nicht darauf an, ein paar tausend Pfund Pulver und Kugeln in den Wind zu jagen.
Unser Bataillon blieb nicht länger als siebzehn Tage vor der Festung, während welcher es siebzehn Mann verlor. Diese ganze Zeit hatte ich mich nur dreimal entkleiden und auf einer Matratze in Mola schlafen können, so anstrengend war der Dienst; die übrige Zeit schliefen wir auf harter Erde, in Mäntel gehüllt, Tornister als Kopfkissen benutzend. Auch mit den Nahrungsmitteln war es schlecht bestellt, oft bestand mein ganzes Mittagsmahl in etwas Reis und Mais, in Wasser abgekocht und mit Öl geschmolzen; nur Wein war immer im Überfluß vorhanden, an Fleisch mangelte es. Man wird mir zugestehen, daß mein Debüt auf dem Kriegsschauplatz nicht das angenehmste war. Unsere Damen, die in Mola blieben, verließen uns schon in den ersten Tagen, um es in Neapel bequemer zu haben.
Die Gegend um Mola di Gaëta selbst ist sehr einladend, mit Lorbeeren, Myrten, Orangen und so weiter bedeckt und sieht einem großen Garten ähnlich. Die Frauen und Mädchen sind hier zierlich gewachsen, verstehen sich vorteilhaft zu kleiden, waren aber gewaltig franzosenscheu und verbargen sich so viel als möglich unsern Blicken. Der Wein ist von so guter Qualität, daß die meisten Soldaten und viele Offiziere sich denselben weit mehr schmecken ließen, als es der Gesundheit zuträglich war, wie die Folgen bewiesen; ich trank ihn immer nur mit Wasser vermischt, wie es die Einwohner machen, und blieb gesund dabei. Nichts ist dem Körper zuträglicher, als Mäßigkeit im Essen und Trinken, er verträgt dann auch weit leichter alle Strapazen und Entbehrungen, und selbst Exzesse anderer Art schaden ihm weniger, dabei ist es gut, sich in jedem Lande möglichst bald die Gewohnheiten der Bewohner hinsichtlich der Nahrung anzueignen; denn diese wissen längst aus Erfahrung, was am besten taugt.
Da ein paar Wochen nach unserer Ankunft wieder mehrere Bataillone aus Oberitalien zu dem Belagerungskorps gestoßen waren, so wurden andere, unter denen auch das unsrige, zum Abmarsch nach Neapel beordert, was uns sehr willkommen war; denn nichts ist unleidlicher als das lange Biwakieren vor einer Festung, es ist ein wahrer Tantaluszustand, man hat fortwährend das Ziel vor Augen und kann es nicht erreichen.
Wir brachen nach Sessa auf, unser erstes Quartier, nachdem wir das Lager, oder besser Biwak, denn Zelte hatte niemand gehabt, vor Gaëta verlassen hatten. Hinter Mola kommt man bald über den Fluß Garigliano, den alten Liris, der Latium von Campanien trennt. Das Städtchen ist ein elendes Nest von kaum dreitausend Einwohnern, in dem nichts zu haben war und wir sehr schlechte Quartiere hatten, die uns jedoch köstlich dünkten im Vergleich mit unsern Lagerstätten vor Gaëta. Die Soldaten lagen auf Welschkornstroh, wieder in einem Kloster, deren es nicht weniger als sechzehn hier gab. Die Einwohner entschuldigten sich mit den fortwährenden Durchmärschen und dem Belagerungskorps, das alles in der Umgegend aufzehre, so daß sie uns selbst für Geld nichts geben könnten. Ein Ei bezahlte ich mit zehn Grani (acht Kreuzer).
In einem großen Stalle spielte diesen Abend eine wandernde Truppe eine neapolitanische Farce, der ich bis zehn Uhr zuzusehen die Geduld hatte. Als ich dieses prächtige Theater verließ, begegnete mir ein Sergeant, der mir sagte, daß mich der Bataillonschef schon allenthalben habe suchen lassen. Ich eilte sogleich zu Herrn Düret, der mich mit den Worten: „Aber zum Henker, wo stecken Sie denn immer?“ empfing.
„Ich komme aus dem Theater.“
„Das weiß der Teufel, ich glaube, wenn man nur den blanken Hintern zeigte, so müßten Sie auch noch ins Theater laufen. Das mag mir eine saubere Komödie gewesen sein.“
„Mon Commandant da können Sie recht haben. Aber was steht zu Ihrem Befehl?“
„Jetzt ist es für heute zu spät: zwei junge Korporäle, Deutschböhmen, haben eine Szene mit einem Dominikanermönch des Klosters, in dem sie einquartiert sind, gehabt, und wurden von einem Sergeanten, les culottes bas, hinter dem Chor mit dem Pfaffen erwischt. Die ganze Schweinerei wurde mir hierher gebracht, und da ich das Gewälsche des Pfaffen nicht verstehe, so ließ ich Sie suchen, um den Dolmetscher zu machen; Sie sind aber nie zu finden, wenn man Sie braucht und somit für heute abend entlassen.“
Der Pfaffe und die beiden Korporäle waren arretiert und in verschiedenen Behältern festgesetzt. Den andern Morgen, wir blieben diese Nacht in Sessa, wurde der Dominikaner seinem Prior zur Bestrafung übergeben, die beiden Korporäle aber zu Gemeinen degradiert, mit einer Zugabe von fünfzig Prügeln für einen jeden. Mehrmals kam es vor, daß die Mönche in den Klöstern sich junge Soldaten aussuchten, diese mit gutem Essen und Trinken reichlich traktierten, auch wohl berauschten, und dann zu ihren unnatürlichen Lüsten zu verführen suchten. Ich entledigte mich des mir gewordenen Auftrags, dem Prior tüchtig die Meinung zu sagen, mit so großer Energie, daß es diesem ganz schwül dabei wurde, indem ich ihm versicherte, es könne leicht dazu kommen, daß man sein ganzes Kloster rasieren und die Mönche auf die Galeeren nach Frankreich schicken würde. – Nachdem diese schmutzige Geschichte beendigt war, schickten wir uns zum Abmarsch nach Capua an.
Das moderne Capua liegt wie das alte in der üppigsten Gegend der heutigen Terra di lavoro, die man deshalb auch il Paradiso del Paradiso nennt, denn die Neapolitaner heißen bekanntlich ihr Land il Paradiso, das doch in mehr als einer Hinsicht auch ein Inferno ist. Die Stadt, welche etwa sechstausend Einwohner zählen mag, ist eine Festung, im ganzen schlecht und aus den Trümmern des alten Capua gebaut, hat aber einige schöne Kirchen, von denen eine, ich glaube die Hauptkirche, eine große, von goldgelb lackierten Ziegeln bedeckte Kuppel hat, so daß, wenn sie von der Sonne beleuchtet wird, sie ein goldenes Dach zu haben scheint. Die Granitsäulen, welche diese Kirche in großer Zahl stützen, sind verschiedenen heidnischen Tempeln entnommen und daher sehr ungleich an Form und Dicke.
Die Festungswerke dieser Stadt sind von dem berühmten Vauban angelegt, aber nichtsdestoweniger fiel sie den Franzosen fast ohne Widerstand in die Hände. Am Tage unserer Ankunft wurde in einem großen geschlossenen Raume, einer Art Hof, ein Stiergefecht nach spanischer Manier, aber sehr en miniature, aufgeführt, das aber doch die Schönen Capuas außerordentlich anzusprechen schien. Ein einziger Stier, der gerade nicht zu den unbändigsten gehörte, wurde von einem halben Dutzend wohlbewaffneter Kämpen gereizt, gehetzt, leicht verwundet und dann, ohne getötet zu werden, nachdem er viele, mehr possierliche als zu fürchtende Sprünge gemacht, wieder abgeführt, und zwar unter dem Jauchzen und Beifall des Volks!
Von Capua brachen wir nach Aversa auf, das auf der Hälfte des Wegs nach Neapel liegt. Was dieser Stadt einige Berühmtheit gibt, ist ihr vortrefflich eingerichtetes Narrenhaus, in welches die angesehensten Narren Neapels, freilich bei weitem nicht alle, eingesperrt werden. In dem hiesigen Schloß hielten die alten Könige von Neapel öfter ihren Hof, und Johanna I. ließ 1345 den König Andreas von Ungarn, ihren Gatten, hier erwürgen.
Von hier marschierten wir endlich in die Hauptstadt des uns so gelobten Landes, wo wir ein recht angenehmes Leben in Hülle und Fülle, in Saus und Braus führen zu können hofften, denn von dem Ausmarsch aus Genua an war fast nur die Rede von den Annehmlichkeiten, die uns zu Neapel erwarteten. Ich hatte außerdem noch einen ganz besonderen Magnet, der mich dahin zog, nämlich einen nahen Anverwandten namens Moritz aus Frankfurt, der schon seit einer Reihe von Jahren hier etabliert war, als Bankier ein großes und glänzendes Haus führte, und von dem ich die Überzeugung hatte, daß er nichts weniger als eine jener gewöhnlichen Geldsackseelen war, wie man sie leider in der körperlichen Hülle der großen Mehrzahl dieser Mammonsknechte findet, die keinen andern Sinn als für Batzenklang haben, und die deshalb in der Regel die unwissendsten und langweiligsten Personnagen sind. Herr Moritz machte eine ehrenvolle Ausnahme, er lebte den Künsten und Wissenschaften, ohne deshalb seine Geschäfte zu vernachlässigen, sein Haus war der Sammelplatz der ausgezeichnetsten Männer, mitunter auch der lustigsten Brüder und geistreicher Frauen, die aber nicht zu den angesehensten gehörten, aus Ursachen, die wir sogleich anführen werden, vielleicht eben darum um so angenehmer waren, und folglich das unterhaltendste Haus von der Welt, in dem keine Langeweile aufkommen konnte. Auch wußte ich, daß ich daselbst einen freundlichen Jugendgespielen, einen Neffen meines Vetters, den jungen Fritz Stock, der mit mir die Mädchenschule in Frankfurt besucht hatte, treffen würde, Aussichten, die machten, daß ich mich Neapel freudig näherte.
Seit mehr als einem Vierteljahr waren die Franzosen im Besitz dieser Stadt, als wir daselbst ankamen; den 31. März 1806 war Joseph zum Herrscher des Königreichs proklamiert worden. – Die alte Königin Karoline, Gattin Ferdinands IV., ein bitterböses Stück von einem Weib, hatte zwar, nachdem alle Versuche, den Marsch der Franzosen aufzuhalten, vergeblich gewesen, dem Heerführer derselben wissen lassen: sie würde ihm, dem Reich den Rücken kehrend, nur dampfende Ruinen und Leichname hinterlassen; da aber diese verruchte Äußerung sehr bald in Neapel bekannt wurde, so hatten die bessern Bürger schnell zu den Waffen gegriffen, sich in hundert Kompagnien organisiert, um das von ihrer wohlwollenden Königin gedungene, besoldete Raubgesindel und die Banditen im Zaum zu halten. Ihre Majestät überfiel nun selbst eine so gewaltige Furcht, daß sie alle Zugänge zum Palast eiligst vermauern ließ und zugleich bekanntmachte, es sei auch ihr Wille, daß Neapels brave Bürger für die Sicherheit der guten Stadt wachten. Sie ließ aber zugleich in aller Eile so viel Schätze wie möglich, und wo sie solche erwischen konnte (sogar aus der Bank hatte sie zehn Millionen, die Privaten gehörten, genommen), zusammenraffen, und entfloh samt ihrem Hofgesinde damit nach Sizilien, von wo aus sie den Aufstand in Kalabrien schürte und das glimmende Feuer zu hellen und blutigen Flammen anblies. Dieses Weib war auch mit die Hauptanstifterin des Gesandtenmords zu Rastatt gewesen.
Unser Bataillon wurde samt den Offizieren in die Fortezza nuova kaserniert. Den Tag nach meiner Ankunft suchte ich sogleich meinen Herrn Vetter auf, der in der Straße San Giacomo di Spagna wohnte, von dem ich auf das herzlichste, ebenso von seinem Schwestersohn, dem jungen Stock, mit offenen Armen aufgenommen wurde; man hatte mich schon seit einiger Zeit nach Briefen von meinem Vater erwartet, von dem ich auch zwei Schreiben an mich vorfand. Ich mußte gleich zu Tische bleiben und wurde gebeten, so lange unser Aufenthalt in Neapel währte, mit demselben vorlieb zu nehmen, was ich aber, den Dienst vorschützend, ablehnte, weil es mich jedenfalls geniert haben würde; auch Maultiere und Pferde wurden mir zu Exkursionen, sowie Plätze in Logen in San Carlo und der Fiorentini, die beiden ersten Theater der Stadt, zur Disposition gestellt. In Italien ist es nämlich der Brauch, nur noch ein kleines Entreegeld an der Kasse zu bezahlen, wenn man Eintritt in die Privatloge eines Freundes oder Bekannten hat, aus der man aber dann auf keinen andern Platz gehen kann.
Moritz’ gastfreies, splendides Haus wurde von der hohen Noblesse Neapels sowie von der französischen Generalität und den Stabsoffizieren frequentiert, und in demselben lernte ich den Seeminister Pignatelli, den Polizeiminister Salicetti, den Oberst Franceschi, den Duca del Campo chiaro und eine Menge Ducas, Principi, Marchesen und so weiter kennen, von denen freilich gar manche nicht viel mehr sagen wollten als unsere armen deutschen Edelleute, die sich aber die köstlichen Ortolanen, Trüffelpasteten, den Lacrimä Christi und Champagner meines freigebigen Vetters trefflich schmecken ließen, und nicht selten noch obendrein dessen Kasse in Anspruch nahmen. Dafür ließen sie sich aber auch vieles gefallen, einige waren die Souffre-Douleurs und die Zielscheiben des Witzes der Offiziere; der junge Stock, der dieser neapolitanischen Schmarotzer-Clique, die seinen guten Oheim auszog, nicht sehr hold war, ging oft auf das unbarmherzigste mit ihr um, was jedoch die Herren nicht vom Wiederkommen abhielt und sie das Essen und Trinken nicht minder wohlschmecken ließ, ja sie fanden sich nicht selten ungeladen ein; als eines Tages Herr Moritz ein Diner fin auf seinem Kasino gab, aus den ausgesuchtesten Leckerbissen bestehend und nur für einen kleinen, auserwählten Kreis berechnet, sich aber dennoch drei dieser ungeladenen neapolitanischen Schmeißfliegen, deren vortreffliche Schnüffelnasen den Braten gerochen hatten, einfanden, sagte ihnen der junge Stock geradeheraus, daß für sie kein Kuvert gedeckt sei, worauf sie mit dreistlächelnder Miene erwidertem „Oh vi piace di scherzare, Signore!“ Stock wollte nochmals replizieren, aber sein zu guter Oheim fiel ihm ins Wort und sagte: „Mein Neffe ist ein Spaßmacher, das wissen Sie, allerdings sind Sie geladen.“ Man kann sich keinen Begriff von der Unverschämtheit dieser armen neapolitanischen Schlucker machen, die mit der unverschämtesten Zudringlichkeit zugleich die größte Niederträchtigkeit verbinden; ich war Zeuge, wie einer dieser Herren, dem Stock soeben auf das empfindlichste mitgespielt hatte, demselben gleich darauf mit seinem Taschentuch den Staub von den Stiefeln wischte. Da Moritz nicht verheiratet war, sondern eine Opernsängerin, Signora Brunni, zur Geliebten hatte, die er jedoch von der Bühne weggenommen, und die also nicht mehr auftrat, so konnte man in seinem Haus auch keine neapolitanischen Damen vom ersten Rang kennen lernen, dagegen aber brachten viele der geladenen Herren auch die von ihnen unterhaltenen Geliebten mit, meistens Prinzessinnen der verschiedenen Bühnen Neapels, was dann die Gesellschaft und Unterhaltung außerordentlich heiter und belebt machte und alle Langeweile verbannte. – Unter den Gästen war auch in der Regel ein Maestro di Musika (Kapellmeister), ein wohlgenährter Dickwanst und Gutschmecker, der aber sein Essen durch das Dirigieren der Musik, welche bei solchen Gelegenheiten meistens den Schluß des Festes machte, wohl verdiente, aber den andern Gästen ganz ungeniert, im Bewußtsein seines hohen Verdienstes um die Gesellschaft, die besten Bissen vor dem Mund wegschnappte, wohl dreißig Ortolanen zu verschlucken und mit ein paar Flaschen Cyprier oder Lacrimä hinabzuspülen wußte. Unter den fast täglichen Tischgenossen befand sich auch ein gewisser Metzler aus Frankfurt, der Bruder eines der reichsten Bankiers daselbst, der den Titel Geheimerrat führte, er selbst aber war blutarm und lebte ganz von der Großmut des Herrn Moritz, da ihm seine reichen Verwandten auch nicht die mindeste Unterstützung zukommen ließen.
Noch war den Franzosen in Neapel alles neu, und kein Mensch wußte sich recht in die Neuheit dieser Dinge zu finden, am allerwenigsten der neugebackene König, der zwar ein ziemlich unterrichteter Mann, von gefälligen Sitten und Manieren war, aber wenig oder gar keine Regententugenden besaß, und dem die einem Herrscher durchaus nötigen Eigenschaften mangelten, die hier, wo es galt, ein soeben erobertes und sich noch in Gärung und großen Unruhen befindendes Königreich zu beruhigen, neu zu organisieren und sozusagen umzugestalten, hundertmal erforderlicher waren, als bei der Besteigung eines angeerbten Thrones. Dabei besaß Joseph, dieser ältere Bruder Napoleons, eine ziemliche Dosis Eitelkeit bei wenig Charakterfestigkeit, und suchte seine unbedeutende Herkunft durch einen übermäßigen Aufwand an Pracht und Pomp zu bemänteln. Seine Tafel ließ er mit lukullischer Schwelgerei servieren, er affektierte, Künste und Wissenschaften zu beschützen, war auch in der französischen, italienischen Literatur ziemlich bewandert und hatte eine oberflächliche Kenntnis von der englischen. Daß auch die Deutschen eine solche hätten, schien er gar nicht zu ahnen oder glaubte wenigstens, daß es eine ganz barbarische sein müsse, ein Vorurteil, das er mit der großen Mehrzahl der gebildetsten Franzosen jener Zeit teilte. Er hatte zwar zuerst seinem kaiserlichen Bruder gesagt, er möge ihn lieber im Schoß seiner Familie leben, als über Völker herrschen lassen; aber der Glanz einer Krone und eines Thrones machten ihn schnell andern Sinnes. Da er ohne seine Gemahlin, ein seltenes Muster der Tugend und Weiblichkeit, eine ganz vortreffliche Gattin und Mutter, die noch in Paris zurückgeblieben, nach Neapel gekommen war, so führte er daselbst ein ziemlich ausschweifendes, manches öffentliche Ärgernis gebendes Leben. Die Weiber mußten ihm sogar bis auf die Jagd folgen, und man nannte diese Damen nur seine Cacciatricen (Jägerinnen), wobei es weit mehr auf eine ganz andere Jagd als das gewöhnliche Wild abgesehen war.
Ein anderer, sehr schlimmer Umstand war, daß kaum, nachdem sich die Franzosen im Besitz von Neapel befanden, ganze Schwärme der nichtsnutzigsten Subjekte von Paris kamen, gleich Heuschrecken sich über die Hauptstadt und das Land ergossen, alle um hier ihr Glück zu machen, oder wenigstens doch einträgliche Stellen zu erhalten, was auch den meisten gelang. Diese Individuen, die los zu sein Frankreich froh, und deren Moralität und Verdorbenheit grenzenlos war, saugten nun, jeder so viel es in seiner Gewalt stand, das neu eroberte Reich aus, und waren so die Ursache, daß die Franzosen, die anfänglich der bessere Teil der Neapolitaner, welcher die liederliche Wirtschaft und Verwaltung des frühern Hofs verwünscht hatte, schätzte, bald der Gegenstand des allgemeinsten und bittersten Hasses wurden. Ein tüchtiger und weiser Regent, Männer wie der Vizekönig oder Bernadotte, würden in Neapel viel Gutes ausgerichtet und ihre Regierung bald sehr beliebt gemacht haben, denn die Umstände konnten, wegen des Benehmens des entflohenen Hofes und seiner verachteten und gehaßten Königin, nicht leicht besser sein, als sie es bei Josephs Ankunft waren, dessen wenig einsichtsvolle Handlungen aber alles verdarben. Besonders war es auch die so ganz widersinnige Besetzung der höhern Zivilämter, die nur einzig mit Gunst und Protektion stattfand, ohne daß man die vorgeschlagenen oder sich meldenden Subjekte im geringsten hinsichtlich ihrer Fähigkeit und Moralität prüfte, welche den schädlichsten Einfluß hatte. Der neue Monarch sah und hörte nichts selbst, sondern verließ sich ganz auf seine Minister und nächsten Umgebungen, so daß der Intrige voller Spielraum gelassen war. Einen der gröbsten Fehler hat der sogenannte große Napoleon begangen, indem er seine, sämtlich zu Regenten ganz untauglichen, Brüder auf Throne setzte, wo es nicht fehlen konnte, daß es ihren eben nicht sehr starken Geistern auf solchen Höhen schwindeln mußte.
Das in Neapel vom Thron ausgehende böse Beispiel wirkte bis auf die unbedeutendsten Chargen und steckte sogar die gemeinen Soldaten an, alles wollte nur vollauf genießen und den günstigen Augenblick benutzen, als erwarte man das Ende der Herrlichkeit den kommenden Tag. An vielversprechenden Proklamationen ließ man es zwar nicht fehlen, in denselben wurde unter anderm gesagt, daß mit der notwendigen Verjagung der alten Königsfamilie Napoleons gerechte Rache vollkommen gesättigt sei, daß man alles Eigentum und die Kirche in besondern Schutz nehmen werde, daß alle wohlerworbenen Pensionen fortbezahlt würden und alle Spitäler und wohltätigen Anstalten für die Zukunft von allen Abgaben befreit bleiben sollten; auch gab man die Fischereien am Posilippo und sogar die Jagden im ganzen Reich dem Volk frei, etwas bis jetzt Unerhörtes. Aber zu gleicher Zeit errichtete man eine sehr zahlreiche Gendarmerie, die in Kompagnien eingeteilt, die öffentliche Sicherheit befördern sollte, jedoch sich oft unerträgliche Plackereien erlaubte, die nicht nur straflos blieben, sondern sogar von oben herab aufgemuntert und nach Umständen belohnt wurden. Starke und zahlreiche Patrouillen durchstreiften Tag und Nacht die Hauptstadt, zu deren Gouverneur der Marschall Jourdan ernannt worden war, nach allen Richtungen. Um das Volk zu beruhigen und dasselbe glauben zu machen, der Himmel selbst habe den neuen Herrscher begünstigt, suchte man es durch das Blendwerk einer großen Prozession, mit den Reliquien des heiligen Januarius veranstaltet, zu gewinnen. Diese Feierlichkeit wurde mit der größten Ostentation begangen. Mönche von allen Orden, eine unzählige Menge von Weltgeistlichen, das Kapitel mit dem Kardinal-Erzbischof an der Spitze, Jourdan mit der ganzen Generalität und dem Stab und große Abteilungen aller Regimenter der Garnison, die sämtlich unter dem Gewehr stand, folgten ihr. Es wurde dabei inbrünstig gebetet, alles fiel auf die Knie nieder, als man das Blut des heiligen Januarius zeigte, das jedoch erst nach einer guten Viertelstunde, als bereits die Knie zu schmerzen anfingen und das Volk ängstlich zu murmeln begann, flüssig wurde. Aber jetzt erscholl auch aus tausend und abermal tausend Kehlen der gleich dem Donner fortrollende Ruf: „Miracolo! Miracolo!“ und das ganze Volk schien jetzt überzeugt, daß der heilige Januarius ein Freund der Franzosen sei und sie beschütze. Indessen sagte man sich im Vertrauen, daß die hohe Geistlichkeit nur durch die ernstlichsten Maßregeln und Drohungen zu dem Gaukelspiel der Flüssigmacherei des heiligen – Ochsenblutes hatte bewogen werden können. Jourdan hatte nämlich dem Kardinal-Erzbischof nur die Wahl gelassen, ob das Blut des Heiligen oder sein eigenes fließen solle. Die Eminenz zog daher vor, das erstere fließend zu machen.
Joseph hatte auch eine flüchtige Reise bis nach Reggio gemacht, um sich dem Volk als sein neuer Herrscher zu präsentieren und es für sich zu gewinnen, die Reise blieb jedoch in dieser Hinsicht erfolglos, aber der König hatte doch wenigstens die lockenden Küsten Siziliens gesehen.
Unterdessen machte man fortwährend die größten Mißgriffe bei der neuen Organisation, kein Mensch stand am Ruder, der nur einige Ordnung in dieses verwirrte Chaos zu bringen imstande gewesen wäre, und Seine Majestät war ein Spielball talentloser Intriganten. – Miot von Melito, den man zum Minister des Innern ernannt hatte, war zwar nicht ohne Kenntnisse und einiges Verdiensts, aber diesem Posten durchaus nicht gewachsen. General Dümas hatte man zum Kriegsminister gemacht, dieser war zwar mehr an seinem Platz, wurde aber beständig in seinem Wirken durch Hofkabalen gehemmt. Die übrigen Minister, teils Franzosen, teils Neapolitaner, waren völlig bedeutungslos oder schlimmer. In die Provinzen, man hatte das Reich in dreizehn solche geteilt, wurden Militärkommandanten mit fast prokonsularischer Macht gesandt, die nach Gutdünken und mit tyrannischer Willkür in denselben hausten. Ein Staatsrat, aus zwanzig Gliedern bestehend, beschäftigte sich fast nur mit der Organisation des neuen Hofstaates, den man mit Zeremonienmeistern, einem Heer von Kammerherren, Hofdamen und all dem Trödel der alten Monarchien auf das überflüssigste versah. Man wollte zwar auch etwas für die Verbesserung der sich in einem gräßlichen Zustand befindlichen Schulen, für die Kultur des Landes und so weiter tun, aber griff die Sache so verkehrt an, daß man nur verschlimmerte und erbitterte, und auch die wohlmeinendsten Absichten unausführbar wurden. Am allerschlimmsten aber war es mit dem Finanzdepartement beschaffen, wo eine solche Verschleuderung der ohnehin geringen Mittel stattfand, daß alle Kassen ebensoviele Danaidenfässer wurden.
Ein Dekret, welches den Klöstern untersagte, künftig Einkleidungen von Novizen vorzunehmen, ohne vorher die Einwilligung der Regierung dazu erhalten zu haben, wurde mit Strenge vollzogen, ebenso wurden alle fremden Jesuiten, die sich im Königreich befanden, des Landes verwiesen und über die Grenze gebracht. Die Gendarmerie wurde bis zur Unzahl vermehrt und in alle Provinzen verteilt. Das Beste bei der ganzen Sache war, daß man in der Hauptstadt eine Art Nationalgarde errichtete, die in vier Regimenter eingeteilt wurde und das meiste zur Ruhe und Handhabung der Ordnung sowie viel zur Erleichterung des außerordentlich beschwerlichen Dienstes der Garnison beitrug. In allen Forts und Kasernen standen Tag und Nacht starke Piketts unter dem Gewehr, um auf den ersten Wink zum Ausmarsch bereit zu sein, außerdem waren alle Truppen beständig konsigniert, und die Soldaten und Unteroffiziere durften dieselben nur in geringer Zahl und mit Erlaubnis der Kommandanten verlassen. – Mehr als einmal passierte es mir und anderen Offizieren, daß bei der Nachhausekunft aus dem Theater oder von sonstwo die Kompagnie oder das Bataillon schon seit Stunden ausmarschiert war, und zwar in die nächste Umgegend, wie nach Nola, Aversa, Avelino und so weiter, wo sich bewaffnete Insurgentenhaufen und Banditen gezeigt hatten; die zurückgebliebenen Offiziere mußten einzeln nachlaufen, trafen nicht selten auch die Leute schon wieder auf dem Rückmarsch, da die Sache nur ein blinder Lärm gewesen oder die Briganten, wie wir diese Leute nannten, schon bei der Annäherung der Truppen, von der sie durch ihre Spione, die sie trefflich bedienten, unterrichtet wurden, die Flucht ergriffen hatten. Durch einen Tagesbefehl wurde nun verordnet, daß jeder Offizier hinterlassen müsse, wo er zu finden sei, damit er durch einen Unteroffizier benachrichtigt werden könne, wenn seine Kompagnie plötzlich Marschorder erhielte. Mit den eingefangenen Briganten wurde kurzer Prozeß gemacht, sie wurden gewöhnlich gleich oder doch in den nächsten vierundzwanzig Stunden erschossen oder gehängt. In der Regel waren jede Woche ein oder zwei Exekutionstage, an denen wenigstens ein halbes Dutzend Briganten oder andere Verbrecher durch den Strang hingerichtet wurden, und zwar auf eine höchst ekelhafte und das Gefühl empörende Weise. Diese Exekutionen fanden nämlich auf einem großen Platz (Largo del Mercato), zu dem alle Zugänge mit Kanonen, bei denen brennende Lunten, besetzt waren, in der Nähe des Castello del Carmine (Karmeliterfort) statt. Die Galgen waren von einem großen Karree, drei Teile aus Infanterie und ein Teil aus Kavallerie bestehend, umgeben. Die zu hängenden armen Sünder wurden auf Karren, von Pfaffen begleitet und Gendarmen eskortiert, herbeigefahren; man hing ihnen, an den Leitern angekommen, die Stricke um den Hals, ließ sie die Sprossen zu dem ihrer harrenden Henker hinansteigen, der sie, sobald sie hoch genug waren, mit einem kräftigen Stoß hinabschleuderte, aber sich in demselben Augenblick auch auf ihren Nacken schwang, so daß sich seine beiden Beine auf der Brust des Delinquenten kreuzten; er ritt nun so lange auf dessen Schultern, sich beständig auf- und niederschwingend, bis dem Gehängten die Zunge handlang aus dem Halse hing und er blau und schwarz war, ein scheußliches Schauspiel! Hierauf schnitt er ihn, der sogleich auf einen Schinderkarren geworfen wurde, ab, und ein anderer kam an die Reihe, mit dem er dasselbe Manöver wiederholte, und so fort, bis alle auf diese Weise stranguliert waren, was manchmal mehrere Stunden, ja bis zur Abenddämmerung währte, worauf sich die Bataillone in starke Patrouillen auflösten oder sämtliche Waffen mit einbrechender Nacht dreifach verstärkten.
Um sich das Volk geneigt zu machen, erließ der König plötzlich ein Dekret, durch welches mit einem Male das ganze Feudalsystem über den Haufen geworfen und aufgehoben wurde; aller Gerichtsbarkeit der großen Gutsbesitzer und Vasallen war somit ein Ende gemacht, ebenso wurde auf den königlichen Domänen auch das Heimfallrecht zugunsten des Fiskus abgeschafft. Aber alle diese Maßregeln, die zugunsten des Volkes ergriffen wurden, waren weit entfernt, die gewünschte Wirkung zu haben, sie brachten vielmehr das Gegenteil von dem, was damit beabsichtigt wurde, hervor; das Volk, noch in der krassesten Unwissenheit, begriff gar nicht, was man damit wollte, und es war dem dabei sehr interessierten Adel und den Pfaffen, deren Privatinteressen dadurch gewaltig litten, ein Leichtes, es glauben zu machen, dies alles geschehe nur, um es völlig zu Sklaven des fremden Herrschers zu machen. Die Aufhebung der Patrimonial-Justiz, die bis jetzt nur eine feile, sich dem Meistbietenden preisgebende Hure und den sauberen Baronen eine gutmelkende Kuh war, denen sie bedeutende Renten verschaffte, machte die Einkünfte dieser Herren plötzlich viel schmäler und sie selbst zu großen und gefährlichen Feinden der neuen Regierung. Sonderbar, daß das Wort barone im Neapolitanischen auch einen Schurken oder Schuft bedeutet, was viele veranlaßt, dessen Etymologie von der Nichtswürdigkeit dieser Herren Barone abzuleiten.
Auch was die jetzige Regierung für das Vergnügen und die Annehmlichkeit der Bewohner Neapels tat, wurde von diesen, statt anerkannt zu werden, oft bitter getadelt; so fand man es unpassend, daß man den Spaziergang vor der Villa Reale bis zu dem Posilippo verlängerte, auch war ihnen das Ausbessern und Anlegen bequemerer Landstraßen ein Greuel, ebenso die mit den Schulen vorgenommenen Verbesserungen, und als man aus einem Mönchskloster zu Nola eine Kunstschule machte, kam es daselbst beinahe zu einem Aufstand. Nach und nach hob man auch die reichsten Klöster auf, deren Bewohner ziemlich karg pensioniert wurden, so ging es den sehr reichen Bernhardinern, Kamaldulensern und so weiter. Dies und ein erzwungenes Darlehen von 1200000 Ducati sowie der Verkauf der eingezogenen Klostergüter an den Meistbietenden steigerten die schon bestehende große Unzufriedenheit in einem hohen Grade, und die Ankunft einer Deputation des Pariser Senats, die Napoleon an seinen Bruder abgesandt hatte, um ihn zu seiner Thronbesteigung zu bekomplimentieren, die feierlich empfangen und der zu Ehren große Festlichkeiten veranstaltet wurden, bei denen besonders die Frauen und Töchter der Neuangestellten sich in großem Glanz einfinden mußten, da man auf die neapolitanischen Edeldamen nicht zählen durfte, war eben nicht geeignet, die vorhandene Stimmung zu bessern.
Bis jetzt hatte ich noch wenig oder gar keine Zeit gehabt, mich auch nur oberflächlich mit Neapels Sehenswürdigkeiten zu beschäftigen und konnte nur sehr selten von den Einladungen meines Vetters Moritz Gebrauch machen; das einzige, was ich frequentierte, waren die Theater. Aber unser guter Stern wollte, daß wir während unseres diesmaligen Aufenthaltes in Neapel ein ganz anderes, sehr seltenes und großartiges Schauspiel, wie sie nur die Natur gibt und keine menschliche Kunst nachzuahmen imstande ist, sehen sollten: der Vesuv hatte nämlich schon seit längerer Zeit alle Vorzeichen gegeben, daß es demnächst zu einem Ausbruche kommen würde, und in der Tat konnten wir auch bald dieses außerordentliche Naturschauspiel in seiner ganzen furchtbar-schönen Pracht bewundern. Zuerst waren die Rauchsäulen, die unaufhörlich dem Krater dieses Berges entsteigen, mit jedem Tag dichter, stärker und dunkler geworden, und an einem Abend, ich glaube, es war anfangs Juni, fing der Berg an, das erste Feuer auszuwerfen, das mit jedem Augenblick zunahm, und mit der eingebrochenen Nacht sah man die Feuersäulen in ihrer ganzen Größe und Majestät; der Horizont über dem Vesuv sowie die spiegelnde See schienen glühend und ein Feuermeer zu bilden. Das Feuerspeien währte die ganze Nacht fort, und ich sah in derselben, einer Juninacht in Neapel, dem prachtvollen Schauspiel von einem Balkon der Fortezza nuova zu, die wir nicht verlassen durften, weil auch der Volkshorizont mit Feuer schwanger zu gehen schien. Bald sah man die Feuerströme der glühenden Lava sich nach verschiedenen Richtungen hin eine Bahn brechen, und einer derselben hatte diese so gut oder so schlimm gewählt, daß er an hundert Landhäuser und viele hundert Acker bebautes Feld gänzlich verwüstete und verbrannte; dabei war im Innern des Berges ein so schreckliches Getöse, ein so gewaltig fort und fort rollender Donner, daß viele Leute den Einsturz desselben erwarteten, andere gar glaubten, das jüngste Gericht sei im Anzug. Auf unsere Soldaten, die nie von so etwas gehört, machte dieses Phänomen einen ganz besonderen Eindruck; sie hielten es für eine sehr schlimme Vorbedeutung, und es kostete große Mühe, sie eines Besseren zu belehren. Das Wüten und Toben im Innern des Berges dauerte noch vierzehn Tage fort.
Das zweite Bataillon unseres Regiments war unterdessen auch angekommen, während das dritte noch in Genua verblieb, und wurde zum Teil nach Castellamare detachiert. Viele Offiziere, namentlich die verheirateten, für die zu wenig Raum in den Forts war, wurden aus denselben in das schöne, geräumige Kloster Giesu nuovo, aus dem die Jesuiten vertrieben worden waren und aus dem man eine Offizierskaserne gemacht, einquartiert und lebten daselbst recht gesellig zusammen. Madame Grenet, Madame Alphonse, Madame Gasqui hatten nebst noch anderen Damen samt ihren Männern ziemlich geräumige Wohnungen, und aus dem ehemaligen Betsaal der guten Väter war ein Speise-, ein Spiel- und ein Tanzsaal geworden, in den ich bisweilen die Regimentsmusik kommen ließ, um ihre Proben daselbst zu halten. Außerdem stellte ich ein Piano, das ich mietete, in denselben, und fast alle Abende fanden oft bis nach den Theatern große Reunionen hier statt, man spielte ziemlich hohe Hazardspiele, musizierte, tanzte und so weiter. Madame Gasqui sang, wie gewöhnlich die Französinnen singen, das heißt, sie trug französische Romanzen mit viel Grazie und einem ausdrucksvollen Parlando vor, hatte aber eine etwas schneidende Stimme und distonierte bisweilen. Dies darf man bei einer jungen, hübschen Frau nicht so genau nehmen, sondern muß im Gegenteil alles ausgezeichnet finden. Ich war dann gewöhnlich ihr Akkompagnateur, wurde es aber auch bald auf Promenaden, in die Theater und an anderen Orten. Herr von Gasqui war ein äußerst gefälliger Ehemann, der nicht wußte, was Eifersucht heißt. – Als alles gerade im besten Zug und ich auch mit Madame Gasqui nahe am Ziel war – verstanden hatten wir uns schon seit der Säulenbesteigung in Rom –, mußten wir über Hals und Kopf nach Kalabrien abmarschieren, wo unsere Angelegenheiten eine sehr schlimme Wendung genommen hatten.
Nach Paris und London ist Neapel die größte Stadt Europas, hat über zwanzig Milgien im Umfang und zählt nahe an eine halbe Million Einwohner, unter denen über vierzigtausend Lazzaroni sind, das heißt Menschen, die fast keine Bedürfnisse haben und kennen; wenn sie hungern, sich mit der frugalsten Kost von der Welt sättigen; wenn sie dürften, den Durst mit reinem Wasser, manchmal mit ein paar Tropfen Wein vermischt, löschen, und wenn sie Schlaf haben, sich da auf einer Straße oder unter Säulenhallen auf das Pflaster oder die Platten niederfallen lassen, wo sie sich gerade befinden, und in ihren kurzen leinenen Beinkleidern und einem Hemd, das ihre ganze Garderobe und Habseligkeit ausmacht, zu der im Winter noch eine Art wollener Jacke kommt, so lange ganz sorgenlos schlafen, bis sie genug haben oder durch einen Zufall geweckt werden. Schuhe und Strümpfe sind dem Lazzarone unbekannte Dinge. Immer heiter, unbekümmert und lustig, lebt er in den Tag hinein, sich wegen der nächsten oder entfernten Zukunft nie die geringste Sorge machend. Mitten unter der zivilisierten Welt lebend, bleibt er dieser doch ewig fremd und sieht mit der größten Gleichgültigkeit besternte Herren und aufgedonnerte Damen in vergoldeten Staatskarossen an sich vorüberrollen, ohne daß er sich etwas mehr oder vielmehr weit weniger dabei denkt, als wenn er die Pulcinelli ihre Possen machen sieht. In der größten Sonnenhitze läßt er sich durch deren brennende Strahlen die Haut kupferig färben, und Wind, Wetter und Regen scheinen ihn ebensowenig zu berühren, veranlassen ihn höchstens, sich auf eine halbe Stunde einmal in eine der vielen hundert immer offen stehenden Kirchen zu begeben. Die Straße ist sein Speisesaal, sein Wohnzimmer und sein Schlafgemach, die Steine seine Matratzen und Kopfkissen, der Himmel seine Bettdecke. Von Sonnenaufgang an erfüllt er die Lüfte mit seinem oft melodiereichen Gesang und dünkt sich dabei Herr der Schöpfung, glücklicher als ein König.
Eine der größten Sehenswürdigkeiten Neapels ist das Theater San Carlo, nach dem zu Parma das größte der Welt und wohl auch das schönste, mit so vortrefflich gemalten Dekorationen, daß man kaum Täuschung von Wirklichkeit zu unterscheiden vermag. Der Reichtum und die Pracht der Kostüme grenzt an das Unglaubliche, sowie die Maschinerie an das Wunderbare; seinen höchsten Glanz erreichte es wohl unter Mürat, und ich werde später, wo ich gewissermaßen demselben vorstand, Gelegenheit haben, mehr davon zu sagen. Das Innere hatte sechs Galerien oder Logenreihen, ein sehr geräumiges Parterre, in dem alle Sitze ebensovielen Armstühlen glichen und sehr bequem waren. Jede Galerie enthielt dreißig geräumige Palchi oder Logen, in einer jeden derselben, die ein kleines abgesondertes Zimmer, meist mit einem Vorzimmer bildete, war bequem für zwölf Personen Raum; sie waren auf das geschmackvollste möbliert, nach dem Belieben des Inhabers mehr oder weniger reich ausgeschmückt und mit allem Komfort versehen, sogar Damentoiletten und Spieltische fehlten nicht. In dem Vorzimmer harrten Bediente, man wartete in den Zwischenakten mit allen erdenklichen Erfrischungen den geladenen Gästen auf und soupierte nicht selten auch während der Vorstellungen. Jeder dieser Palchi hatte zwei, auch vier Spiegel mit Wandleuchtern, ebenso waren außerhalb und zwischen denselben Spiegel mit drei- oder fünfarmigen vergoldeten Armleuchtern angebracht, was bei einer vollständigen Illumination, wo so viel tausend Kerzen durch den Widerschein der vielen Spiegel millionenmal vervielfältigt wurden, eine unbeschreibliche, feenhafte Wirkung hervorrief. Die Draperien dieser Logen waren meistens von karmoisinfarbigem, genuesischen Thronsammet, mit reichen Goldstickereien und Fransen von demselben Metall versehen. Später ließ Mürat noch das Portal dieses Prachthauses durch ein aus fünf Bogen bestehendes, herrliches Peristil verschönern; 1816 brannte es jedoch ab, wurde aber ebenso prächtig wiederhergestellt. Hier wurden nur die ganz großen Opern (Opera seria), Meisterwerke der Tonkunst und Prachtballette gegeben.
In den übrigen Theatern sah man die Opera buffa und italienische Lustspiele in hoher Vollendung aufführen. Das vorzüglichste unter denselben war Fiorentino, dessen Direktion damals eine Deutsche, Madame Müller, hatte. Ich sah öfter Kotzebuesche Lustspiele, recht gut übersetzt, in demselben geben. Im Theater nuovo wurde später französisch gespielt.
Der Gebrauch, der in ganz Italien zu Hause ist, daß mehrere Monate hintereinander jeden Abend ein und dieselbe Oper und ein und dasselbe Ballett aufgeführt werden, scheint dem Ausländer anfangs unausstehlich, und er begreift nicht, wie ein und dasselbe Publikum (in den Logen sind fast immer dieselben Personen) das sich stets wiederholende Theater fast jeden Abend besuchen mag. Aber auch diese Gewohnheit hat, wie alles, ihre zwei Seiten; mir wollte ebenfalls dieser Gebrauch anfänglich nicht zusagen, ich fand ihn fast unerträglich, aber fügte mich dennoch bald darein, und zuletzt mußte ich eingestehen, daß er seine sehr angenehme Seite hat und sogar das Vergnügen der Unterhaltung vermehrt. Ist die Musik der Oper gut, gediegen und gehaltvoll, so entdeckt man bei jeder Wiederholung derselben neue Schönheiten, die man während den ersten Vorstellungen überhörte und nicht auffaßte, mit denen man nun immer vertrauter wird und sich im voraus darauf freut, diese lieblichen Melodien, diese herrlichen Harmonien wieder, wenn auch zum fünfzigstenmal zu hören; während der Rezitative oder wenig ansprechenden Morceaus aber plaudert man mit seinen Nachbarn und unterhält sich auf das angenehmste, sobald man einmal den Inhalt und die Intrige des Sujets kennt. So sah ich zum Beispiel Meyers vortreffliche Oper ‚Ginevra di Seozia‘ mehr als sechzigmal hintereinander und mit immer steigendem Interesse, und so erging es dem ganzen Publikum, ja als endlich eine neue Oper in Szene gesetzt wurde und diese nach mehreren Vorstellungen nicht sonderlich gefiel, mußte Ginevra wieder hervorgeholt und abwechselnd mit jener gegeben werden. Außerdem muß das Theater in Italien, wo die Gesellschaften und Soireen nicht in der Art wie in Deutschland oder Frankreich florieren, diese und die gemütlichere Geselligkeit ersetzen, und im Opern- oder Schauspielhaus wird geplaudert, gespielt, soupiert und so weiter. Man besucht sich gegenseitig in den Palchi, teilt sich daselbst die Neuigkeiten des Tages und die Stadtklatschereien mit, schwatzt sich aus, und dies alles, indem man von Zeit zu Zeit den herrlichsten Ohrenschmaus hat, wo alsdann eine Totenstille im ganzen Haus eintritt.
Eine ganz eigene Bewandtnis hat es auch mit den italienischen Benefizvorstellungen, und es ist wohl der Mühe wert, die bei demselben stattfindenden sehr sonderbaren Gebräuche näher kennen zu lernen.
Der Künstler, Sänger, Schauspieler oder Tänzer, gleichviel, dem eine Benefizvorstellung, hier una serata genannt, zukommt, macht ebenso wie eine Sängerin, Tänzerin, die sich in diesem Fall befindet, schon vier bis sechs Wochen vor derselben in allen angesehenen Häusern seine Aufwartung und gibt dabei eine auf feinem, weißen oder bunten Papier, für die Autoritäten und vornehmsten Häuser wohl auch auf Atlas gedruckte Einladung ab, welche zu gleicher Zeit das Programm der Stücke enthält, die an jenem Abend aufgeführt werden. Ist nun der feierliche Tag dieser Aufführung herangekommen, so setzt sich der Benefiziant oder die Benefiziantin in ihrem brillantesten Kostüm hinter einen schön gedeckten, sich an dem Haupteingang des Theaters befindlichen Tisch, auf dem zwischen vier silbernen Armleuchtern und Blumenvasen eine große silberne Schüssel steht und der von zwei, manchmal auch vier Grenadieren, welche Wache dabei halten, umgeben ist. Jeder Eintretende wirft nun, je nachdem er mehr oder weniger großmütig oder wohlhabend ist, ganz nach Belieben ein oder mehrere Stücke Geld in das Becken, wofür ihm der Benefiziant oder die hübsche Benefiziantin mehr oder minder graziös und verbindlich, je nachdem das hingeworfene Geld bedeutend ist, dankt und dem Geber sehr freundliche Blicke zuwirft. Ist die Benefiziantin eine berühmte oder schöne Sängerin oder Tänzerin en vogue, so regnet es Goldstücke und sogar Goldrollen in das Bassin und wohl auch noch andere Geschenke, als Brillantnadeln, Ringe, Ohrgehänge und dergleichen. So habe ich einmal in Florenz gesehen, daß einer solchen Prinzessin von einem schon bejahrten, aber sehr reichen Lieferanten ein einfacher Blumenstrauß dargereicht wurde, bei näherer Untersuchung fand es sich aber, daß dessen Kern, das heißt Stengel, eine Rolle von zweihundert Rusponi (Goldstücke von vierzig Franken an Wert) enthielt. Aus anderen Buketts blitzen Sternblumen und Rosetten von Diamanten, Rubinen oder Smaragden hervor, bei kleinen Sträußchen waren die Blumen ganz von Edelsteinen, Stengel und Blätter aber von Gold und letztere grün emailliert. So waren gewöhnlich die Buketts beschaffen, welche Mürat den Theaterprinzessinnen verehrte. Man kann bei solchen Gelegenheiten zwar auch Billette an der Kasse lösen und das silberne Becken ignorieren, was jedoch nicht leicht jemand tut, da der Tisch immer von einer Menge kontrollierender Neugieriger umgeben ist. Die Benefize des untergeordneten Personals werden aber wenig besucht, und dieses ist zufrieden, wenn sich ein paar Hände voll Silber in dem Bassin befinden. Auch während der Vorstellung regnet es oft noch Gold, aber besonders viel Blumen und Gedichte, welche das Lob der Benefizianten in überschwenglichen Ausdrücken besingen, Kränze fallen von den Palchi und aus den Ventilatoren herab, manchmal läßt man auch weiße, mit Rosabändern geschmückte Tauben auf die Bühne fliegen, denen Billetts oder Reime an den Hals gehängt sind; daß eine solche Glückliche mit einem endlosen Hallo und donnernden Bravos empfangen, wenigstens ein halbes Hundert mal hervorgerufen und endlich harangiert und gekrönt wird, versteht sich von selbst.
Sobald das Kommen der Zuschauer aufgehört hat, verläßt der Benefiziant seinen Platz hinter dem Tisch, packt seine Einnahme zusammen, die bei gefeierten Schönen bisweilen fünfzigtausend Franken und mehr beträgt, und begibt sich auf die Bühne, wo für diesen Abend jedenfalls einige Extrastücke wenn nicht ganz neue Vorstellungen zum besten gegeben werden. Nicht selten ist es auch der Fall, daß sich bei solchen Gelegenheiten Dilettanten und Dilettantinnen aus den angesehensten Familien der Stadt zugunsten des Benefizianten, wenn dieser ein nicht gewöhnliches Talent hat, hören lassen und eine Partie in einer Oper singen; ich selbst habe dies später mehrmals, teils aus Liebhaberei für das Theater, teils der schönen Benefiziantin zuliebe in verschiedenen Städten Italiens getan, ohne daß man bei den militärischen Behörden irgendeinen Anstoß daran gefunden hätte, und ich war nicht der einzige Offizier, der dies tat, im Gegenteil fanden es die französischen Offiziere beneidenswert und genial, denn über alle Gamaschen- und Zopfpossen war man längst hinaus.
Aus Unteritalien und namentlich aus Kalabrien kamen jetzt mit jedem Tag schlimmere Nachrichten, fast stündlich trafen Kuriere und Stafetten von den Kommandanten der Provinzen ein, welche die Lage derselben als äußerst schwierig schilderten, und alle Anzeichen schienen den Ausbruch eines nahen und schweren Sturmes zu verkünden. Überall rotteten sich Banden unter waghalsigen und unternehmenden Häuptern, die nicht selten Geistliche waren, zusammen; unter den letzteren war besonders ein Pfarrer Petroli, der dem flüchtenden Hof nach Sizilien gefolgt und insgeheim wieder zurückgekehrt war, sehr wirksam, überhaupt spie Sizilien, was es vom Abschaum der Banditen, Räuber und Mörder besaß, unaufhörlich an den Küsten von Kalabrien und Apulien aus; die Geistlichkeit und Pfaffen schürten den Haß des Volkes und fachten ihn zur verzehrenden Flamme an. Die Bandenanführer, die schon 1799 unter dem Kardinal Ruffo die Unzufriedenen gegen die Franzosen geführt hatten und sich noch in Sizilien befanden, wohin sie der Königin Caroline, die sie beschieden hatte, gefolgt waren, schickten fortwährend ihre Emissäre ab, korrespondierten unausgesetzt mit ihren Anhängern im ganzen Reich und in der Hauptstadt selbst, und man wußte, daß man in Sizilien die Landung eines starken englisch-sizilianischen Heeres, durch alle Briganten und Banditen Kalabriens und Apuliens verstärkt, die seiner Ankunft harrten, vorbereitete. Die Franzosen hatten zwar einigen Anhang unter den Gutsbesitzern und den sogenannten Patrioten, welche die verjagte königliche Familie tödlich haßten und auf der anderen Seite den Ausbruch der Volkswut zu befürchten hatten, aber diese, welche in einem solchen Fall alles für ihr Leben und Eigentum zu fürchten hatten, waren um so weniger imstande, den durch die Pfaffen wütend gemachten Pöbel im Zaum zu halten, da man von französischer Seite den unverzeihlichen Fehler beging, diese der neuen Regierung günstigen Personen nicht zu einer Art Bürger- oder Nationalgarde zu organisieren und zu bewaffnen, und diejenigen Barone und Gutsbesitzer, von denen man wußte, daß sie dem entflohenen Hof feind waren und dessen Rückkehr zu fürchten hatten, an ihre Spitze zu stellen, wodurch man sich einen festen Anhaltspunkt und eine starke Stütze geschaffen haben würde. General Regnier befehligte jetzt in Kalabrien und hielt sich zu Reggio auf, um Sizilien daselbst besser zu überwachen, konnte aber nicht verhindern, daß fast jede Nacht Hunderte der ehemaligen Streiter des Kardinals Ruffa übergesetzt wurden. Es wurden nun beständig Verstärkungen von Neapel nach Kalabrien abgesandt, und so oft neue Truppen von Oberitalien in dieser Hauptstadt eintrafen, sandte man eine gleiche Zahl weiter; so kam auch bald die Reihe an unser Bataillon. Eines Tages erhielten wir bei der Wachtparade in der Fortezza nuova den Befehl, binnen vier Stunden marschfertig zu sein, um zu den Truppen zu stoßen, welche der General Verdier in Cosenza, der Hauptstadt Kalabriens, kommandierte, und die eingebrochene Nacht traf uns schon auf dem Marsch dahin.