V.
Aufenthalt des Königs von Preußen und seiner Garde in Frankfurt. – Spielwut der Offiziere. – Ein Jude muß einen Wechsel fressen. – Eine Entführung. – Errichtung einer stehenden Bühne in Frankfurt. – Die erste Vorstellung der Zauberflöte erregt ungeheures Aufsehen. – Abermalige Belagerung Frankfurts (1796). – Die Stadt wird mit glühenden Kugeln beschossen. – Niederbrennen der Hälfte des Judenquartiers. – Frankfurter Zustände jener Zeit. – Meine schöne Cousine. – Eine Scheidung. – Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in Stuttgart.

Die fortdauernde Gegenwart des Königs von Preußen, der den ganzen Winter in Frankfurt zubrachte, und seiner Garde machte doch, daß die Furcht der ängstlichen Gemüter der guten Reichsstädter vor den Franzosen und ihren Drohungen sich allmählich verlor, wozu das joviale Leben und galante Benehmen der Preußen nicht wenig beitrug, und bald machten die Besorgnisse dem Vergnügen Platz. Den gefallenen Hessen wurde auf Befehl Friedrich Wilhelms II. ein Denkmal vor dem Friedberger Tor errichtet, zu dem sein Hofbaumeister Langhans das Modell lieferte, und welches trotz der, als alles zerstörende Vandalen verrufenen, Franzosen, die es im Laufe der Revolutionskriege unversehrt ließen und achteten, noch jetzt steht.

Seine preußische Majestät gefiel sich sehr in Frankfurt und war den Einwohnern ein überaus liebreicher Herr, besonders den Damen, von denen ihn manche nur „unsern lieben, dicken Wilhelm“ nannte, denn der König verschwendete viel, sehr viel Geld, war äußerst freigebig und machte allen denen, die sich seiner Aufmerksamkeit und seiner Huld zu erfreuen hatten, reiche Geschenke. Diesem Beispiel folgten auch seine Untergebenen, namentlich zeichnete sich das Offizierkorps der Garden, das seinem Herrn keine Schande machen wollte, durch Großmut, Freigebigkeit und galantes Benehmen aus. So kamen abermals große Summen zur Bereicherung der Einwohner Frankfurts in Umlauf. Besonders aber waren die Herren gewaltige Spielratzen, und in den größeren Gasthöfen wurden die Hazardspiele, namentlich Pharao, welches die Offiziere, meistens vermögende Edelleute, leidenschaftlich liebten, auf eine furchtbare Höhe getrieben. Diese Leidenschaft der preußischen Marssöhne wußten mehrere Spieler von Profession trefflich auszubeuten, unter ihnen waren namentlich ein verabschiedeter hessischer Oberst von Willich, der in Bockenheim wohnte, ein gewisser Kohl, ein Frankfurter Bäckerssohn, der eine sehr hübsche Frau hatte, die bei verschiedenen Spielen pointierte, ein anderer Gauner namens Gimpel und so weiter, die sich alle in kurzer Zeit ein großes Vermögen erspielten, von denen jedoch die meisten später wieder in bittere Armut gerieten, ja wohl in Spitälern Unterkunft suchen mußten. Diese Spielsucht der preußischen Offiziere kam nebst den sauberen Bankhaltern keinem mehr zu statten als den Frankfurter Juden, welche den Herren oft und gerne aus augenblicklichen Geldverlegenheiten halfen und dafür so generös belohnt wurden, daß sie nicht selten Hundert vom Hundert in wenig Wochen erhielten. Ein komischer Vorfall, der sich damals mit einem der berüchtigtsten Gurgelschneider in Frankfurt zutrug, durch ein solches Darlehen hervorgerufen wurde und die ganze Stadt außerordentlich belustigte, verdient, daß ich ihn hier mitteile, um so mehr, da die Sache in dem Hause meines Großvaters vorging. Derselbe hatte nämlich einen Major und einen Leutnant von der Garde im Quartier. Beide waren sehr artige, feine Leute, die man im Hause gerne sah; der Leutnant aber, ein Herr Baron von D..., war ein Wüstling, der selten zu Tische kam, oft ganze Nächte wegblieb, die er größtenteils am Pharaotisch des Herrn von Willich zubrachte. So bedeutende Summen und Wechsel der junge Mann auch jeden Monat von Haus erhielt, er war der Sohn eines sehr reichen pommerschen Edelmannes, so waren seine Taschen doch in der Regel leer, und mit größerer Sehnsucht als er selbst warteten die Frankfurter Juden auf seine Berliner Wechsel, die selten ausreichten, die gemachten Darlehen zu decken; da er auch nicht sehr pünktlich im Bezahlen war, so wurden die Kinder Israels hinsichtlich seiner etwas schwieriger, und er mußte ihnen noch höhere Zinsen bezahlen. Ein gewisser Samuel Rapp war damals als einer der Hauptnothelfer des königlich preußischen Offizierkorps bekannt, an diesen wandte sich nun unser Leutnant, als er einmal wieder ganz im Trockenen saß, und ließ den Juden durch seinen Burschen rufen. Rapp kam, stellte sich jedoch äußerst schwierig, willigte aber endlich ein, fünfzig Friedrichsdor auf vier Wochen vorzuschießen, jedoch unter der Bedingung, daß ihm der Offizier hundert verschreibe und einen Wechsel ausstelle, in welchem Herr von D... sich durch sein Ehrenwort verpflichtete, die hundert dargeliehenen Friedrichsdor an dem bestimmten Tage zurückzuzahlen, da, wie bekannt, gegen das Militär kein Wechselrecht gültig und ebensowenig eine Zivilklage angebracht werden konnte. D... ging die Bedingung ein und erhielt die fünfzig Friedrichsdor bar; der Jude hatte ihm zwar für einen Teil des Geldes mancherlei Ware, unter anderm auch eine Partie Katzenfelle zu einem hohen Preis aufschmusen wollen, worauf sich der Offizier aber nicht einließ, indem er sagte: „Die hält mir kein Bankier.“ Die Verfallzeit des ausgestellten Wechsels rückte heran, und der Leutnant hatte kein Geld; er hatte zwar während der Zeit wieder einen Wechsel von Haus erhalten, aber die Coeur-, Treff- und andere Damen sowie Buben und so weiter hatten es längst verschlungen, auch hatte er ein paar andere Juden, die ihm früher geliehen und ihn gequält, bezahlt. Als nun der unglückliche Zahlungstermin herangekommen war, erschien Samuel schon in aller Frühe und präsentierte seinen Wechsel zum Einkassieren auf des Leutnants Stube, der jedoch zur Antwort gab:

„Schmul, ich kann Euch nicht helfen, Ihr müßt mir Frist geben, meine Wechsel sind ausgeblieben.“

„Gottswunder, Herr Barohn, was tu ich domit, ich brach mei Geld, ich kann net warte, ich hab’ druf gerächent, ich muß doch ach heind zahle.“

„Seid vernünftig, ich habe viel Unglück gehabt und gestern nach Haus geschrieben, in spätestens acht Tagen erhalte ich neue Wechsel.“

„Ich kann net, Herr Barohn, ich kann net warte, ich muß mei Geld hawe, ich muß es heind hawe, ich muß es gleich hawe, ich muß ach bezahle.“

„Wenn ich nun aber keines habe, ich kann doch keines aus der Erde stampfen oder Dukaten aus dem Aermel schütteln, gedulde dich nur acht Tage.“

„Nah, ich kann net, kah acht Stunne, kah acht Minute, ich muß mei Geld hawe, ’s is heind der Zahltag, un ich muß ach zahle.“

„Höre, Jude, wie viel muß ich dir zahlen, wenn du noch acht Tage Frist gibst?“

„Nix, gar nix, denn ich kann kahn Frist gewe, und ich kann ach net warte.“

„So scher dich zum Teufel, denn ich habe nun einmal kein Geld.“

„So, Herr Barohn, deß sin mer saubere Massematte, ich hab doch Ihrn Wechsel mit Ihrm Ehrewort drinn; wenn Se mich net bezahle, so mach ich’s bekannt.“

„Jude!“

„Nu, Herr Barohn, ich kann mer doch net anners helfe, und wann Se mich net zahle, so weis’ ich de Wechsel vor uff der Parad, und dann sin Se de Katze, weil Se kah Ehrewort hawe gehalte, deß wäß ich recht gut.“

„Jude, dich soll ja der Teufel, warte ...“

Der Leutnant ging an die Stubentür und schloß dieselbe ab.

„Nau, Gottswunder, Herr Barohn, was soll mer deß? Mache Se kahn Stuß, was wolln Se mache?“

„Das wirst du sogleich sehen.“

Der Leutnant nahm nun eine ungeladene Pistole, auf der ein hölzerner Stein war, von der Wand herab, stellte sich vor den zitternden Juden hin, spannte den Hahn und sagte mit donnernder Stimme:

„Jude, jetzt friß den Wechsel, oder du bist des Todes.“

„Auweih geschrie, Herr Barohn, was soll mer deß, was mache Se vor än dumme Stuß.“

„Friß, sage ich, oder ...“

Der Leutnant hält ihm die Mündung gegen den Mund.

„Aweih, aweih, wie kann ich fresse, ä Wechsel is doch ka Matzes. Aweih geschrie, Herr Barohn, ich kreisch.“

„Wenn du noch einen Laut von dir gibst, Jude, so drücke ich ab. Friß, sag ich, oder ich schieß.“

Der Jude, todesbleich und schlotternd, würgte nun den Wechsel nicht ohne große Mühe hinab, während der Offizier mit der drohenden Waffe vor ihm stand.

„So,“ sagte er, nachdem der Jude zum letztenmal geschlungen hatte, „jetzt sperre das Maul auf, damit ich auch sehe, ob dir nichts in den Zähnen stecken geblieben ist.“

„Herr Barohn, Se wern mer doch net enei schieße wolle, ich haw en warrlich gefresse.“

„Sei ohne Furcht und sperre das Maul auf, sag ich.“

Der Jude sperrte nun das Maul weit auf.

„Gut, nun kannst du gehen, aber das laß dir gesagt sein, wenn du nur eine Silbe von der ganzen Begebenheit gegen jemand erwähnst, so bist du des Todes, denn ich schieße dich nieder, wo ich dich finde. Übrigens kannst du, wenn du schweigst, in acht Tagen dein Geld bei mir abholen, es ist jetzt eine Ehrensache für mich, dich zu bezahlen.“

„Herr Barohn, is deß wahr, dann will ich so stumm sein aß ä Fisch.“

„Du kannst darauf zählen.“

Der Offizier legte nun die Pistole hin, schloß die Tür auf, und der Jude huschte, einen schweren Seufzer lassend, zur Stube hinaus.

Acht Tage darauf ließ der Leutnant den Rapp wieder holen und zahlte ihm hundert Friedrichsdor in Gold hin und noch obendrein einen doppelten mehr, indem er sagte:

„Hier, das nimm für die ausgestandene Angst und weil du reinen Mund gehalten, gestern erhielt ich meine Wechsel.“

„Gottswunder, Herr Barohn, Se sin doch ä wohrer Ehrenmann, wie’s kahn mehr in ganz Frankfort, in der ganze Welt mehr gibt, wann Se widder was brauche, Se därfe nor befehle, ich mach mer ä Vergnüge draus, Ihne zu diene ...“

„Schon gut, wir werden sehen.“

„Aber ahns mach ich zur Bedingung.“

„Und das wäre?“

„Wann Se mer widder ä Verschreibung mache, schreiwe Se’s uff än Nernberger Lebkuche oder uff än Matzen, wann ich’s dann widder fresse muß, so haw ich doch net so schwer daran zu verdaue. Der anner Wechsel is noch net recht verdaut un hat mer vierunzwanzig Stund schrecklich zu schaffe gemacht.“

Die Anwesenheit der Preußen und ihres Königs hatte auch viel zum Glanz des wenige Monate früher auf Aktien gegründeten Frankfurter Theaters, welches sich, Gott weiß mit welchem Recht, den hochtrabenden Titel ‚Nationaltheater‘ beigelegt hatte, beigetragen. Was an demselben national war, konnte niemand ausfindig machen. Sechzig wohlhabende Bürger, fast lauter Kaufleute, hatten jeder fünfhundertfünfzig Gulden, also eine Totalsumme von dreiunddreißigtausend Gulden zusammengeschossen, um das Unternehmen zustande zu bringen; sie erhielten Aktien für ihren Einschuß. Ein Advokat nannte dies ‚eine wahrhaft nationale Handlung‘, und so meinten die anderen Herren, diesem Institut den Titel eines Nationaltheaters erteilen zu müssen, was manchen Stoff zum Lachen und zur Satire gab. Erst im Jahre siebzehnhundertzweiundachtzig hatte man ein Schauspielhaus in Frankfurt erbaut, das zwei Jahre nach seiner Erbauung beinahe ein Raub der Flammen geworden wäre, da das im Kontor des Direktors mitten in der Nacht ausgekommene Feuer anfänglich niemand löschen wollte und das auf dem Komödienplatz versammelte Volk schrie: „Laßt nur das Teufelshaus brennen, wir brauchen kein Komödienhaus, das nur Unglück über die Stadt bringt. Baut die Barfüßerkirche aus.“ Nur die dringendsten Vorstellungen einiger vernünftiger Personen, daß die ganze Stadt Gefahr laufe niederzubrennen, wenn man nicht lösche und den Flammen Einhalt tue, vermochten endlich die Leute, Hand an die Spritzen zu legen, und in kurzer Zeit war man Meister des Feuers geworden, das noch wenig Schaden angerichtet hatte.

Als der Aktienverein dieser Nationalbühne gegründet war, verschrieb man aus allen Ecken und Enden Deutschlands und den angrenzenden Ländern Künstler, unter denen manche sich durch Talent und nicht gewöhnliche Darstellungsgaben auszeichneten oder doch zu großen Hoffnungen berechtigten. Ein Schauspieler, Büchner, der jedoch seinen Namen umgedreht und sich Rennschüb nannte, ward als Regisseur bei dieser Truppe angestellt, aber unter der Bedingung, daß weder er noch seine Gattin Rollen bei diesem Theater übernehmen dürften, und zwar aus dem hochwichtigen Grunde, weil er ein Frankfurter Bürgersohn und ein Bruder des Senators Büchner, Vaters des später wegen seines großen Scharfsinns und glänzenden Verstands in ganz Frankfurt und eine Meile im Umkreis so berühmt gewordenen Stadtamtmanns Büchner war; denn ein solcher Skandal, daß der Verwandte einer Frankfurter Magistratsperson ein Komödiant geworden, war bis jetzt in der guten Reichsstadt noch nicht erhört worden.

Die neue stehende Bühne wurde mit Ifflands ‚Alte und neue Zeit‘ eröffnet, letztere ist seitdem ebenfalls längst alt geworden. Noch in demselben Theaterjahr kam Mozarts unsterbliches Meisterwerk ‚Die Zauberflöte‘ (den sechzehnten August 1793) zur Aufführung und machte sowohl in Frankfurt als in der ganzen Umgegend, aus der man bis auf zwanzig Stunden Entfernung hinzuströmte, diese Oper zu sehen, ein ungeheures Aufsehen, was jedoch mehr der Szenerie des Stückes, als der herrlichen Musik des großen Meisters zuzuschreiben war. Von der Schlange, dem Erscheinen der Königin der Nacht und ihren Nymphen, dem Vogelmensch Papageno, den Affen, Bären, Elefanten, Sarastros Löwen und Triumphwagen, dem Wasser und Feuer und so weiter erzählte man sich Wunderdinge, während man der trefflichsten Tonstücke kaum erwähnte. Diejenigen, die so glücklich gewesen, Plätze oder eine Loge zu erhalten, konnten nicht genug von den Wundern erzählen, die sie gesehen, wohl auch von den Papagenoliedchen, die sie gehört und die man bald allenthalben nachtrillerte und sang, während die wahrhaft himmlischen Melodien und Harmonien, wie der Chor ‚Isis und Osiris‘, die herrlichen Stellen der Finale, die dem Ohr fast als überirdische Klänge aus andern Sphären ertönen, nur von wenigen Kennern beachtet wurden. Dagegen sah man bald alle Knaben der Reichen in Papagenokleidern und die Mädchen in Sternenkleidchen à la Königin der Nacht auf den Promenaden erscheinen. Nie hat seitdem wieder eine Oper eine ähnliche Sensation hervorgebracht.

Der König von Preußen hatte schon 1795 mit der französischen Republik Frieden geschlossen, gegen das Ende desselben Jahres waren die Österreicher in vollem Rückzug, die Franzosen rückten mit Macht heran, und im Juli 1796 erschien eine französische Heeresabteilung, von dem General Kleber befehligt, vor Frankfurt und forderte den österreichischen Kommandanten der Stadt, einen General Wartensleben, auf, dieselbe zu übergeben, was dieser jedoch verweigerte. Hierauf fingen die Franzosen an, Frankfurt in der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten Juli bis drei Uhr nach Mitternacht zu beschießen, ohne jedoch einen sonderlichen Schaden anzurichten, indem sie nur gewöhnliche Kugeln warfen. Da indessen die Österreicher mit großer Ostentation alle möglichen Anstalten zu einer hartnäckigen Verteidigung trafen, auch verlauten ließen, sie würden sich bis auf den letzten Mann halten, und man von der anderen Seite erfuhr, daß die Franzosen sich zu einer nachdrücklichen Belagerung vorbereiteten, ja sogar mit Sturm drohten, so trafen die geängstigten Einwohner alle möglichen Vorkehrungen zu ihrem Schutz. Die meisten Dächer wurden mit feuchtem Stroh oder Mist belegt und beständig mit Wasser begossen, um die Wirkung der Kugeln und Bomben zu schwächen, die Feuerspritzen wurden in allen Quartieren aufgeführt; wer konnte, versah sich noch besonders mit großen Hausspritzen, alle Kostbarkeiten und Dinge von Wert wurden in feuerfeste Gewölbe gebracht und so weiter. Ähnliche Vorkehrungen wurden im Hause meiner Eltern getroffen, und die ganze Familie und viele Bekannte flüchteten ihre kostbarsten Habseligkeiten in ein unterirdisches, bombenfestes Gewölbe, das sich in einem zweiten Hof in dem Hause meines Großvaters Weller befand. Mehr denn hundert Kisten, Kasten und Koffer wurden in dasselbe hinabgelassen. In der Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten Juli erneuerten die Franzosen gegen elf Uhr das Bombardement, und zwar mit gefüllten Haubitzgranaten und glühenden Kugeln. Mehrere Einwohner hatten sich noch beizeiten mit Weib und Kindern aus der Stadt geflüchtet, die meisten aber verkrochen sich in die Keller und Gewölbe. Bald ertönte nun das schreckliche Feuerjo durch die finstern Gassen der Stadt, und ehe eine halbe Stunde verging, brannte es schon an mehreren Orten zugleich.

Im Hause meiner Eltern hatten sich sämtliche Hausbewohner auf das zu ebener Erde befindliche Kontor meines Vaters geflüchtet. Man hatte uns Kinder aus den Betten geholt, in Decken gewickelt, und die Mägde und meine Mutter hielten uns auf ihren zitternden Knieen. Schrecken und Angst malten sich auf jedem Gesicht und mehrten sich bei jedem Kanonen- oder Bombenknall, die jetzt Schlag auf Schlag folgten; der alte Buchhalter kniete neben der zitternden Mutter meines Vaters, beide beteten unaufhörlich. Meine Mutter war noch die beherzteste und schien auf alles gefaßt. Plötzlich wurde es unserer Wohnung gegenüber ganz ungewöhnlich helle, der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen, und bald erfuhren wir, daß der ganze vordere Teil der Judengasse, der nur durch eine Häuserreihe und den kleinen Platz von unserm Haus getrennt war, in vollem Brand stehe. Hinter den uns gegenüberstehenden Häusern sahen wir die Flammensäulen hoch emporwirbeln und sich bald zu einem schrecklichen Feuermeer, einer wahren Flammenwand vereinigen. Das Prasseln dieses Feuers, der ewige Kanonendonner, das Läuten der Glocken, das Blasen der Türmer, das Anrufen der Patrouillen, der Feuerruf durch die hohlschallenden Sprachrohre, welche Feuer an zehn Orten verkündeten, das Rasseln der vorüberfahrenden Spritzen und Wasserwagen, dies alles machte um Mitternacht einen so schrecklich chaotischen Tumult, daß den Bürgern Hören und Sehen verging, und gar manche von ihnen unter Heulen und Zähneklappern der Welt Untergang und das jüngste Gericht erwarteten. Gegen ein Uhr ließ das Schießen jedoch nach; Kleber hatte Mitleid mit der unglücklichen Stadt und schickte sogar drei Feuerspritzen aus den nahen Dörfern und eine Kompagnie Franzosen ohne Waffen, denen jedoch der Eingang verweigert wurde, um löschen zu helfen.

Nicht weniger als hundertundvierzig Häuser waren bereits in der Judengasse niedergebrannt, und sonderbar genug hatte sich das Feuer gerade an dem Haus des alten Rothschild, das unversehrt blieb, und an der Judenschule gebrochen und sich in dieser Gegend nicht aus dem Judenquartier verbreitet, was man hauptsächlich den hohen Mauern und Brandmauern, welche die Wohnungen der Kinder Israels umgaben, zu verdanken hatte, und wir und unsere Nachbarn kamen mit dem bloßen Schrecken davon. Unser ganzes Haus war mit geflüchteten Habseligkeiten der Juden angefüllt, unter denen auch viele von der Familie Rothschild.

Am frühen Morgen begab sich eine Deputation der Bürgerschaft zum kommandierenden General der Österreicher, diesen zu bitten, doch den völligen Ruin der Stadt durch eine Kapitulation zu verhüten. Wartensleben, dem nichts erwünschter als ein Vorwand zur Übergabe der Stadt war, in der er sich noch Monate lang recht gut hätte halten können, ließ sich schnell erweichen, erhörte das Flehen der guten Leute, kapitulierte noch denselben Morgen, und in zweimal vierundzwanzig Stunden mußte die Festung den Franzosen übergeben werden, welche der Stadt nun eine Kontribution von acht Millionen Franken auferlegten, wovon sechs Millionen bar und zwei Millionen in Lieferungen von Tuch und anderen Gegenständen binnen drei Wochen entrichtet werden mußten.

Diese Züchtigung hatte man hauptsächlich den Unbesonnenheiten, die sich ein Teil der Einwohner Frankfurts früher, und namentlich bei der Belagerung von 1792 hatte zuschulden kommen lassen, zu verdanken, denn so viel war erwiesen, daß man den belagernden Hessen und Preußen, mit denen man im Einverständnis gewesen, versprochen hatte, die Stadttore zu öffnen. Man mußte zufrieden sein, noch so gelinde davonzukommen, und die Einwohner konnten um so eher diesen Verlust verschmerzen, als sie trotz aller Kriegsunruhen und oft gerade durch den Krieg große Summen gewannen, und alles dankte Gott, eine so furchtbar drohende Belagerung glücklich überstanden zu haben.

Die Juden waren bei diesem Ereignis am schlimmsten weggekommen, aber was sie und mit ihnen die ganze Stadt augenblicklich für ein hartes Mißgeschick der Kinder Israel hielten, fiel bald zu ihrem großen Heil aus und war der Wendepunkt zu ihrer erträglicheren und besseren Zukunft. Man mußte ihnen nun gestatten, wenigstens den Abgebrannten, ihre stinkende, schmutzige Gasse zu verlassen, da das Niederbrennen eines großen Teils derselben es unmöglich machte, daß alle Juden in dem ihnen bestimmten Quartier wohnen konnten, und man war gezwungen, ihnen zu erlauben, sich einstweilen in anderen Stadtteilen ein Unterkommen zu suchen, was ihnen jedoch nicht so leicht wurde, da sich viele Christen weigerten, dies ‚unreine Geschmeiß‘, wie man sich ausdrückte, aufzunehmen. Auch waren mehrere Mitglieder des Senats und manche Bürger, welche durchaus wollten, daß die Unglücklichen in den unversehrt gebliebenen Häusern ihrer Glaubensgenossen einquartiert werden sollten, bis ihre eigenen Häuser wieder aufgebaut seien, und sie hätten diese Abscheulichkeit vielleicht durchgesetzt, wenn nicht der französische General erklärt hätte, daß er eine solche Unmenschlichkeit nimmermehr zugeben würde. Von dieser Zeit an wohnten die Juden in verschiedenen Quartieren der Stadt, und man mußte ihnen auch nach der Wiederaufbauung ihrer Gasse, womit man sich eben nicht übereilte, durch die Finger sehen.

Das damalige Frankfurt war ohnehin mit Ausnahme einer einzigen Straße, der Zeil, und einiger Plätze, wie Roßmarkt, Römerberg und Komödienplatz, eine finstere und sehr kotige Stadt, in welcher man mit jedem Schritt an die Ungereimtheiten des Mittelalters erinnert wurde. Fast alle Häuser hatten stockweise Überhänge, wodurch die ohnehin schon sehr engen Straßen in eine ewige Dämmerung gehüllt wurden, und Sonnenschein und reine Luft waren fast unbekannte Dinge. Die hohen bastionierten Wälle und Stadtmauern und die mit faulem und übelriechendem Wasser angefüllten Gräben, die sie umgaben, verhinderten das Eindringen der frischen Luft. Über Brücken und Zugbrücken, durch lange, düstere, von Feuchtigkeit triefende Torgewölbe gelangte man in die alte Festung, in die nie ein wohltätig reinigender Wind dringen konnte und in der Fieberkrankheiten das ganze Jahr heimisch waren; auch hatten die meisten Einwohner ein kränkliches Aussehen. Die meisten Häuser waren übrigens von außen mit den buntesten Freskogemälden verziert, die Begebenheiten und Wunder aus dem alten Testament oder auch Ansichten von Landschaften, Burgen, Städten und so weiter darstellten, so daß die ganze Stadt einer burlesken, mitunter auch recht unterhaltenden Gemäldegalerie glich.

Mit Sonnenuntergang wurden jeden Abend die Stadttore geschlossen und die Schlüssel zu einem der wohlregierenden Bürgermeister in Verwahrung gebracht, ohne deren großgünstige Bewilligung niemand mehr aus- und einpassieren durfte. Aber nicht allein die leblosen Gegenstände waren es, die an barbarische Zeiten erinnerten, sondern die Menschheit entehrende Züchtigungen, an Lebenden verübt, taten dies noch weit mehr. Das Halseisenstehen am Römer, dem Versammlungshaus des Magistrats, besonders von liederlichen Dirnen, war etwas Alltägliches, wobei die liebe Jugend ihr wahres Gaudium hatte; die aus aller Welt zusammengeworbenen Stadtsoldaten wurden vor der Hauptwache täglich geprügelt oder liefen Spießruten, mußten einen vor derselben stehenden hohen Esel besteigen und mehrere Stunden unter dem Hohn der Vorübergehenden und des Pöbels auf dessen scharfem Rücken reiten, und zwar wegen des geringsten Vergehens, wenn sie zum Beispiel vor einem Senator, den sie nicht erkannt, das Gewehr nicht präsentiert hatten! Das Ärgste war indessen, daß, wenn in dem Zuchthaus Verbrecher in den sogenannten spanischen Bock gespannt wurden, eine Art Zwangsstuhl, wodurch den Sträflingen Hals, Arme, Hände und Füße so eingezwängt wurden, daß jede Bewegung unmöglich war, und sie dann in dieser Lage eine schwere Tracht Prügel auf den Podex erhielten, jedesmal die armen Waisenkinder herbeigeholt wurden, um diese Exekution mit anzusehen!!!

Noch einige Zeit nach dem Bombardement blieben wir Kinder in dem großväterlichen Hause in der Buchgasse, wo wir uns wohl befanden, recht artige Nachbarskinder zu Gespielen hatten, und bald hatte ich ein kleines Liebhabertheater organisiert, wobei ein niedliches Mädchen, Evchen, die Tochter eines Faktors, die Hauptrolle spielte. Die Aufführungen selbst fanden auf dem Boden des gegenüberwohnenden Bankiers Wanzel statt, während ich die Privatproben zwischen Eva und mir in der stillen Puderkammer meiner Großmutter hielt. Stundenlang probierten wir die heimliche Zusammenkunft Ludwig des Springers mit Adelheide von Stade. Endlich mußten wir zu meinem großen Bedauern wieder in das elterliche Haus, in das Goldene Schiff zurückkehren, das indessen doch auch nicht ganz freudenleer war und mir bald der Freuden mancherlei bringen sollte. Einstweilen wurde ich der kleine Geliebte eines hübschen Nähmädchens, das mich in besondere Affektion und statt zu nähen gar zu gerne auf seinen Schoß nahm, mich herzte und drückte und dabei meine Hände unter seinem Busentuch wärmte, auch sonst allerlei mit mir vornahm. Die Abende brachte ich meistens allein und ohne alle Furcht in der Gespensterstube, die sehr abgelegen im zweiten Stock unseres Hauses war, mit ihr zu und war ein gelehriger Schüler unter Amors Fahne.

Indessen hieß es nun bald: genug gespielt, man nahm mich aus der Mädchenschule und gab mir einen Kandidaten Jung zum Hauslehrer. Lesen und etwas Schreiben hatte ich schon gelernt, nun aber wurde ich mit den Anfangsgründen der lateinischen Grammatik, der Arithmetik und andern sehr trockenen Studien geplagt, die mir wenig zusagten, dagegen sprachen mich Erdbeschreibung und Geschichte, die mir Jung erzählend beibrachte, weit mehr an, auch das Französische, das mich eine Dame lehrte, fiel mir nicht schwer. Vor allem aber war es die Musik, in der ich die meisten, für mein Alter selbst auffallenden Fortschritte machte und bald spielte ich alle beliebten Opernmelodien, Tänze und Märsche auf dem Klavier nach dem Gehör.

Eines Nachmittags, als ich mich gerade bei meinen Großeltern väterlicherseits, die dasselbe Haus mit uns bewohnten, befand, sagte mir meine Großmutter Fröhlich, einen Brief in der Hand haltend: „Freue dich, lieber Ferdinand, morgen kommen deine Cousinen von Kreuznach,“ und schilderte mir diese beiden älteren Töchter Scholzens, die ich nur als ganz kleines Kind gesehen und deren ich mich durchaus nicht mehr erinnerte, auf eine Art und Weise, die meine Neugierde und Erwartung aufs höchste steigerte. Namentlich war es Henriette, das ältere Mädchen, deren Liebenswürdigkeit und Schönheit sie mir nicht genug preisen konnte. „Sie werden die Messe über bei uns bleiben,“ setzte sie hinzu, „und vielleicht für immer, denn ich werde ihrem Vater raten, sie zu den englischen Fräulein in Pension zu schicken.“ Der von mir so sehnsüchtig erwartete andere Tag kam heran, mit ihm Oheim und Tante Scholze von Homburg, bald darauf fuhr ein zweiter Wagen vor, dem zwei junge Mädchen mit einer schon ältlichen Dame entstiegen, die gleich darauf in das Wohnzimmer traten, wo ein herzliches Bewillkommnen gar kein Ende nehmen wollte. Ich aber konnte mich nicht satt an der schönen schlanken Gestalt des elfjährigen Mädchens sehen, auf die ich meine Augen starr und unverwandt geheftet hatte. Henriette war für ihr Alter sehr groß und ausgebildet, verband mit einem zierlichen Nymphenwuchs eine im hohen Grad einnehmende Gesichtsbildung und hatte eine unaussprechliche Lieblichkeit in ihrem Blick, wodurch jedermann hingerissen und bezaubert wurde; und so war es auch mir, dem kaum achtjährigen Knaben, ergangen. Endlich rief die alte Frau Fröhlich, mein Staunen bemerkend, aus:

„Seht nur den Jungen an, der ist ja ganz wie versteinert in seine Cousine vergafft.“ Ich war in der Tat zur Statue geworden.

Henriette sprang nun auf mich zu, schloß mich in ihre Arme und küßte und drückte mich, daß mir beinahe schwindelte. Ich hatte mich fest an das reizende Mädchen geklammert und wollte sie gar nicht lassen, bis meine Mutter endlich sagte: „Aber nun ist’s genug, du verdirbst Jettchens ganzen Anzug.“

Vorerst wurde zu meiner großen Freude beschlossen, daß die Mädchen bei den Großeltern zum Besuch bleiben sollten, bis das weitere über sie bestimmt sein würde. Während der drei Wochen langen Messe wollten diesmal meine Studien überhaupt nicht viel bedeuten, denn ich flanierte mit den beiden Mädchen und meinem jüngeren Bruder fast täglich unter Jungs Aufsicht in der Budenstadt herum. So eine fröhliche Messe hatte ich noch nie erlebt, sie ist mir in ewigem Angedenken. Gleich darauf, es war die Septembermesse, kamen die Herbstfeierlichkeiten, wo es nicht minder lustig in den verschiedenen Gärten unserer Bekannten zuging, und so kam der Dezember und mit ihm der Nikolaustag, auch das uns Kindern über alles gehende Weihnachtsfest heran, das diesmal ungewöhnlich reich und überraschend ausfiel, da Scholzens eine überaus verschwenderische Bescherung veranstalteten. Meine Mutter erhielt unter anderm einen Zobelpelz von mehreren Tausend Gulden im Wert von ihrem reichen Schwager. Auch diese Zeit gab Veranlassung zu mancherlei extemporierten Freuden, und ich besuchte mit Jettchen an der Hand fast jeden Abend den erleuchteten und aufgeputzten Christmarkt mit seinen vielen kleinen Gärtchen. Doch sollten gleich nach Neujahr diese vergnügten Tage ein nicht sehr glänzendes Ende nehmen. Scholze hatte Gründe, nicht sehr zufrieden mit dem Benehmen seiner schönen Frau zu sein, und die ganze Familie fuhr eines Morgens ohne weiteres nach Homburg ab, das mir so teure Cousinchen mitnehmend. Die Kinder erhielten nun eine französische Gouvernante und andere Lehrer im elterlichen Hause. Diese Abreise ging mir ein paar Tage sehr nahe, um so mehr, da ich für den Umgang mit Henriette keinen Ersatz hatte.

Da wir indessen öfters nach Homburg zum Besuch fuhren, auch während des Sommers uns häufig auf dem Gut in Berkersheim sahen und daselbst recht romantisch ländliche Promenaden machten, uns auf dem Heuboden und den Wiesen herumtummelten, so dauerte das Einverständnis zwischen Henrietten und mir noch ungetrübt fort.

Eines Morgens, als wir noch behaglich beim Frühstück zusammensaßen, rollte plötzlich ein Wagen vor, und einen Augenblick darauf stürzte Tante Scholze mit verstörtem Antlitz und sehr nachlässiger Toilette, von einem Kammermädchen gefolgt, mit den Worten in die Stube: „Ich bin von meinem Mann, dem Wüterich, dem Tyrannen, fortgelaufen.“ Das ganze Haus geriet in Alarm, die Großeltern kamen herab, und Frau Scholze erzählte unter Tränen, daß sie ihr Mann mißhandelt habe, weil er sie mit einem französischen General in einem Gartenhaus gefunden, wo sie ganz zufällig und in aller Unschuld mit diesem zusammengetroffen und wo durchaus nichts Böses, sondern nur Gutes und Liebes vorgefallen sei, wie Annette, das mitgebrachte Kammermädchen, bezeugen könne. Ihre Mutter nahm sogleich ihre Partei gegen den Wüterich von Mann, der so etwas rügen könne, die übrigen waren jedoch stumm oder meinten, man müsse auch den Mann hören. Dieser kam eine Stunde später an, stieg in einem Gasthof ab und ließ seinen Schwiegervater bitten, sich zu ihm bemühen zu wollen; er teilte demselben mit, daß er seine schöne Frau en flagrant délit mit dem General de Rade ertappt habe, daß sie schon länger ein geheimes Verständnis mit diesem gehabt, der sogar zur Nachtzeit durch die Fenster ihres in den Garten gehenden Schlafzimmers gestiegen sei, wie es der Nachtwächter und mehrere Nachbarn gesehen und ihm berichtet hätten. Das Ende von der Geschichte war eine förmliche Scheidung. Madame Scholze gestand selbst ihre Zuneigung zu dem de Rade, und ihr großmütiger Mann bewilligte ihr ein Jahresgehalt von zwölfhundert Talern, so lange sie sich nicht wieder verheiraten würde.

Hier fällt mir eine Episode aus der Hochzeitsreise des Ehepaars Scholze ein, die, da sie den Geist jener Zeiten trefflich charakterisiert, erwähnt zu werden verdient.

Im Herzogtum Württemberg war wie in noch anderen Ländern des seligen deutschen Reichs die Verordnung, daß man vor jeder Schildwache ehrerbietigst den Hut abzuziehen habe, da sie den Souverän selbst repräsentiere, obgleich dieser Stellvertreter der allerhöchsten Person nicht selten, vom Posten abgelöst, wegen eines fehlenden Gamaschenknopfs Fünfundzwanzig oder gar Fünfzig, von zwei Gefreiten oder Korporalen aufgezählt, öffentlich erhielt. Einige Stunden nach ihrer Ankunft in der herzoglichen Residenz wollten sie die Merkwürdigkeiten derselben besehen und gingen an der Schloßwache vorüber, ohne der Schildwache daselbst den gehörigen Respekt zu erweisen. Kaum hatten sie ein paar Schritte weiter getan, als ihnen ein zornentglühtes, kupferrotes Fähnrichsgesicht nacheilte und mit einer fast heiseren Fuselstimme zurief: „Wollt ihr gleich still stehen, ihr Flegel! Wer seid ihr, wo seid ihr her, wißt ihr nicht, daß ihr die Schildwache salutieren sollt? Ich will euch lehren, die Deckel von den Dickköpfen herunterzunehmen, ich werd’ euch arretieren, die Schildwache, die statt dem Herzog hier steht, hätte euch die Kolben in die Rippen stoßen sollen. – Gefreiter, löst gleich den Esel ab und stellt einen andern für den Herzog hin, der Kerl muß fünfzig auf den A... haben.“ Und so ging das Gebrüll des Fähnrichs noch eine halbe Stunde fort, während sein langer Zopf den Takt dazu an seinem breiten Rücken schlug, was sich recht possierlich ausnahm. Bald hatte sich eine Menge Leute um die Wache versammelt, und Scholze und seine arme Frau befanden sich in der peinlichsten Lage, ja letztere war einer Ohnmacht nahe. Vergeblich bemühte sich mein Vater, der das Paar begleitete, dem furchtbaren Stock- und Zopfhelden begreiflich zu machen, daß sie als Fremde und Reichsstädter, wo man dergleichen nicht kenne, von dieser Verordnung nicht unterrichtet sein könnten und folglich in aller Unschuld gesündigt hätten. Der Fähnrich aber schrie und tobte nur um so ärger, er wollte von der Gelegenheit profitieren, seine Autorität einmal zeigen zu können, und als sich einige Umstehende der Fremden annahmen und sie entschuldigten, befahl er dem Korporal, ‚das Gesindel‘ mit Kolbenstößen auseinander zu treiben, was dieser auch sogleich vollzog.

Scholze eilte nun mit seiner zitternden Gattin und seinem Schwager nach dem Gasthof zurück und teilte dem Wirt den Vorfall und zugleich die Erklärung mit, daß er noch heute, sobald sich seine Frau etwas erholt haben würde, weiterreisen und von den Stuttgarter Herrlichkeiten nichts mehr sehen wolle, womit dem ehrlichen Gastgeber jedoch nicht gedient war. Die Reisenden, die mit Extrapost vierspännig angekommen waren und erklärt hatten, einige Tage in der herzoglichen Residenz verweilen zu wollen, hatten ihm eine gute Zeche versprochen, und er bot alle seine Beredtsamkeit auf, sie anderen Sinnes zu machen. Mein Vater hatte sich indessen nach dem Namen des wachthabenden Fähnrichs erkundigt und erfahren, daß sich derselbe Kreischhuhn nenne und ein durch seine Rohheit, aufgeblasene Plumpheit und krasse Unwissenheit berüchtigtes Subjekt sei, das er sich nun zu züchtigen vornahm.

Die Reisenden fuhren indessen noch denselben Abend nach Ulm ab zum großen Verdruß des Wirtes, der verdrießlich seinen Abendgästen diese Begebenheit mitteilte, so daß die Sache sogar zu den allerhöchsten Ohren des Herzogs kam und Kreischhuhn einen Verweis erhielt. Nicht so gelinde aber kam das Bürschchen von seiten der Beleidigten weg. Scholze wollte zwar die Geschichte auf sich beruhen lassen und meinte, mein Vater solle es dabei bewenden lassen; dieser jedoch, einundzwanzig Jahre alt, im vollen Jugendfeuer, war nicht so friedlich gesinnt und schrieb ohne Wissen seines Schwagers einen derben Brief an den Fähnrich Kreischhuhn, in dem er es an Beleidigungen nicht fehlen ließ und der mit einer förmlichen Herausforderung schloß. Die Antwort lautete ganz trocken: ‚Da Herr Fröhlich nicht von Adel sei, so könne man sich auch nicht mit ihm schlagen.‘ Diese dumme Feigheit brachte meinen Vater noch mehr auf, der den ganzen Hergang der Sache an einer öffentlichen Wirtstafel in Ulm erzählte und an den Herzog selbst schreiben wollte. Zufälligerweise befand sich ein französischer Rittmeister, ein geborner Elsässer, bei Tische, den die Sache so empörte und den vielleicht auch die schöne Frau, der man so arg mitgespielt hatte, interessierte, daß er nach beendigtem Mahl zu Scholze ging und zu diesem sagte, er wolle ihm, bevor zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen, eklatante Satisfaktion verschaffen. Scholze wollte durchaus nichts davon hören, sein Schwager und seine Frau unterstützten jedoch die Absichten des Rittmeisters, und nach einigem Hin- und Herreden kam man überein, daß mein Vater in Begleitung dieses Offiziers nach Stuttgart zurückfahren und Scholze deren Rückkehr in Ulm abwarten solle. In Stuttgart suchte der französische Rittmeister, ein Graf Caguenek, den Fähnrich auf der Wachtparade auf, nahm ihn auf die Seite, teilte ihm seinen Namen und Stand sowie die Absicht seines Hierseins mit und lud ihn ein, nach der Parade sogleich einen Gang mit ihm zu machen, um ein paar Kugeln zu wechseln. Held Kreischhuhn wurde bleich, stammelte etwas von Dienstpflicht, worauf der Rittmeister jedoch nicht hörte und ihm ziemlich laut und vernehmbar sagte: „In einer Viertelstunde erwarte ich Sie unfehlbar in dem Bopserwäldchen, verfehlen Sie nicht, sich mit einem Sekundanten einzufinden, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie öffentlich beschimpfen und also dienstunfähig machen soll.“ Kreischhuhn fand sich, jedoch ohne Sekundanten, mit etwas unsicheren Tritten und verstörter Miene wirklich auf dem bezeichneten Platz ein, nur mit seinem Degen bewaffnet, der jedoch noch kein Blut gesehen, sondern nur auf den Rücken armer Soldaten herumgetanzt hatte. Er traf den Rittmeister schon in Gesellschaft meines Vaters nebst einem Wundarzt an. „Wie, Herr Fähnrich, ohne Sekundant?“ rief ihm der erstere entgegen. – „Die Eile hat mich verhindert,“ stotterte der zitternde Held. – „Ohne Sekundant können Sie sich doch nicht schlagen – Sie dauern mich – ich merke wohl, daß Sie ebenso wenig ein Freund von Taten sind, als ich von viel Worten. Hier mein Ultimatum: Bereuen Sie Ihr Benehmen, so geben Sie mir deshalb eine schriftliche Erklärung, in welcher Sie die schwer beleidigten hochachtbaren Personen um Vergebung bitten, wo nicht, so müssen Sie sich mit mir schlagen.“ – Der Fähnrich stammelte nun, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen, die respektabeln Fremden im mindesten zu beleidigen, strenge Order und Mißverständnis hätten diese Unannehmlichkeit veranlaßt, und zeigte sich bereit, die geforderte Erklärung zu geben, die er auch sofort in den demütigsten Ausdrücken, wie sie ihm der Rittmeister diktierte, nieder- und unterschrieb und dabei die ihm eigene Orthographie beobachtete. Man trennte sich nun friedlich, mein Vater und der Rittmeister eilten nach Ulm zurück, wo Scholze und seine Frau ängstlich ihrer harrten und nach Berichterstattung dessen, was vorgefallen, sowie über die schriftliche Erklärung herzlich lachten.

Nachdem Frau Scholze geschieden, lebte sie mit dem General de Rade, der die Ursache der Scheidung war und jetzt einen Gesandtschaftsposten in Hessen-Kassel bekleidete. Unglücklicherweise war der Gesandte verheiratet, und seine rechtmäßige Gattin hielt sich zu Paris auf. Da sie eine kränkliche Frau war, so hatte er seiner Geliebten versprochen, da er nicht geschieden werden konnte, sie gleich nach dem Tode jener zu ehelichen. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt, der General starb nach ein paar Jahren, vor seiner Gemahlin, Frau Scholze kehrte nach Frankfurt zurück, wo sie bald darauf einen der berühmtesten Advokaten der Stadt, einen Doktor Feierlein, der ihren Scheidungsprozeß geführt hatte, heiratete.

Mein Hauslehrer Jung hatte durch die Verwendung meines Großvaters Weller eine Pfarrei im Hessischen erhalten, und man schickte mich nun in das damals in Frankfurt blühende Kemmetrische Institut zur weiteren Ausbildung meiner Kenntnisse, die eben noch nicht weit her waren. Aber bald fand man, daß dieses für meine Anlagen von gar mancherlei Art nicht genüge, und auf Anraten meines Oheims Scholze kam man überein, mich zu einem jungen Geistlichen namens Breidenstein, der soeben ein vielversprechendes Erziehungsinstitut in Homburg vor der Höhe errichtete und dem Scholze sehr wohl wollte, in Pension zu geben. – Als mir dies eröffnet wurde, war ich hoch erfreut, denn Cousinchen Henriette war ja zu Homburg, ich hoffte sie täglich zu sehen und sprang wie besessen herum, einmal über das anderemal ausrufend: „Ach, das ist schön, das ist charmant!“ –