VII.
Ankunft in Neapel. – Das Liebhabertheater in Giesù nuovo. – Besteigung des Vesuvs. – Der Hof des Königs Joseph. – Eine deutsche Vorstellung. – Helenchen Cramer. – Caserta. – Nocera de pagani. – Die Ruinen von Pestum. – Zweiter Feldzug in Kalabrien. – Niederlage des Prinzen von Hessen-Philippsthal. – Die Brigantenhäupter Francatrippa und Benincasa. – Monteleone. – Ermordung eines Kuriers. – Fondaco del Fico. – Mehrtägiges hartnäckiges Gefecht mit den Briganten. – Die hübsche Kalabreserin. – Mileto. – Belagerung der Festungen Scilla und Reggio. – Schrecklicher Zustand des Belagerungskorps. – Rückmarsch nach Neapel. – Abreise nach Genua.

Der Oberst Omeara hielt mir, als ich mich bei ihm gemeldet, einen kleinen Sermon wegen der Geschichte in Albano und gab mir das Kommando der noch vakanten Voltigeurkompagnie, die sich freute, ihren alten kreuzfidelen Kommandeur, wie die Leute sagten, wiederzuerhalten, und der ich fünfzig Dukati (etwa hundert Gulden) zum besten gab, damit sie sich einen guten Tag mache. Zugleich übergab mir der Oberst auch das Musikchor wieder, das, wie er behauptete, seit meiner Abwesenheit sehr vernachlässigt worden, und bat mich, doch einige neue Märsche zu komponieren; ich schrieb ein halbes Dutzend pas redoublés nieder, welche zum Geschwindschritt recht animierten, und dedizierte sie dem Herrn Oberst, der mich dafür manchmal zur Tafel lud.

Diesmal wurde auch mir mein Quartier in Giesù nuovo angewiesen, wo ich noch die mir wohlbekannten Damen Gasqui, Alphonse, Grenet und so weiter antraf, die, wie es schien, ihr permanentes Hauptquartier in dem alten Palazzo der ehrwürdigen Väter Jesu aufgeschlagen hatten, während ihre Männer alle möglichen Kreuz- und Querzüge machen mußten. Das französische Liebhabertheater bestand immer noch, und man veranstaltete von Zeit zu Zeit Aufführungen, allein es fehlte ihm gerade ein erster Liebhaber. Ich wurde daher von den Damen freudig als ein solcher empfangen. Die Freude sollte aber nicht von sehr langer Dauer sein; daß ich indessen die mir gemachten Offerten nicht abschlug, kann man sich denken. Ich erhielt sogleich ein ganzes Dutzend Rollen, aus Lustspielen von Molière, Mercier, Beaumarchais und so weiter, aber auch der hohe Cothurn wurde angeschuht, und man wagte sich an Crébillon, Corneille, Racine und so weiter. Ich studierte meine Rollen meistens mit Madame Gasqui tête-à-tête ein, und da dieser in den meisten Stücken die Rolle meiner Geliebten zugeteilt war, so wurden unsere Proben mit vielem Feuer gehalten, dem natürlich zuletzt Ermüdung und Erschlaffung folgen mußte. In Molières Tartüffe hatte ich mich sogar an die Titelrolle gewagt, und in seinem Cocu imaginaire spielte ich den Lelie, beides mit Beifall.

Auch meine Signora Speziale suchte ich wieder auf und fand freundliche Aufnahme, vor allem aber war mir jetzt daran gelegen, endlich einmal den Vesuv zu besteigen, was ich bei meiner früheren zweimaligen Anwesenheit in Neapel versäumt hatte, und da ich fürchtete, es möchte abermals ein Deus ex machina oder die Marschorder dazwischen kommen, so drang ich auf die Ausführung dieses Projekts, das auch von den Damen in Giesù nuovo unterstützt wurde, da sie es bis jetzt bei ihren Männern nicht hatten dahin bringen können, dem alten Feuerspeier einen Besuch abzustatten. Außer den Damen Gasqui, Grenet, Cramer, Mutter und Tochter, und deren Männern, war auch noch der junge Stock, der Neffe des Herrn Moritz, und dessen Arzt mit seiner Gattin von der Partie, so daß wir im ganzen fünfzehn Personen zählten. Wir fuhren bis Resina, wo man die Wagen verließ, um Maultiere und Esel zu besteigen, mit deren Führern der bei uns befindliche neapolitanische Doktor einen förmlichen Vertrag, jedoch nur mündlich abschloß; er mußte dabei gewaltig debattieren, und es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bevor er ihn zustande brachte. Das Hin- und Herhandeln wollte kein Ende nehmen, es war ein wahres Gezänk, alle Augenblicke glaubte ich, daß man sich bei den Köpfen nehmen würde, und wollte mich einigemal ins Mittel legen, was sich aber der zu sehr knickernde Medico verbat, indem er meinte, dann wäre gar kein Ende abzusehen. – Nachdem endlich der Eselshandel abgeschlossen war, setzte sich die nun berittene Karawane in Marsch. Die Patrone der Langohren hörten nicht auf, diese durch ihr gellendes Geschrei zum Voranschreiten aufzumuntern, und wenn sie ihre Schritte ralentando nehmen wollten, zogen sie sie bei den Schwänzen an, was dann einen kurzen Trab bewirkte. Gleich anfangs passierten allerlei kleine Malheurs; der Esel, welcher das Glück hatte, Madame Grenet zu tragen, gebärdete sich sehr ungezogen und warf sich endlich gar nieder. Kaum hatte die Dame noch Zeit gehabt, sich loszumachen, als sich das unflätige Tier auf den Rücken legte und, mit greulichem Geschrei alle Viere in die Höhe streckend, sich wälzte. Das unvernünftige Tier nahm gar keine Räson mehr an, da half weder Zureden noch Stoßen, auch wollte Madame Grenet um keinen Preis mehr dasselbe besteigen, und seinem Führer blieb nichts anderes übrig, als zurückzulaufen und ein anderes, gehorsameres Tier herbeizuschaffen, was ziemlich schnell abgemacht war, da der die ganze Gesellschaft belustigende Auftritt noch ganz nahe bei Resina vorgefallen war. Ich hatte der Dame mein Maultier angeboten, das ihr aber zu hoch war. Sie bestieg jetzt nach vielem Zureden den neuen Esel, aber zwei Kavaliere mußten ihr beständig zur Seite reiten und der Patron das Tier am Zaum führen; wir setzten uns wieder in Bewegung, der ergötzliche Vorfall hatte uns einen Aufenthalt von beinahe einer halben Stunde verursacht. Gleich hinter Resina kamen wir auf die schwärzliche Lava, und bald schien die Natur öde und ein düsteres Trauergewand angelegt zu haben; es war, als habe hier eine verheerende, alles verdorrende Hand gewütet. Bäume und Sträucher wurden immer seltener, bald sah man nur hier und da noch ein Stückchen angebautes Land, gleich einer Oase in der Wüste. Der Anblick des Ganzen stimmt sentimentale Gemüter leicht zur Schwermut und Melancholie; aber hier wachsen auch die berühmten Christustränen (Lacrimae Christi), denen nicht mehr wie billig die neapolitanische Geistlichkeit und die Mönche so zugetan sind, wie dereinst die Pfaffen am Rhein der Liebfrauenmilch. – Bald waren wir ganz von Lava umgeben, aber eben diese Lava ist es, welche den Boden um den Vesuv herum zum fruchtbarsten und ergiebigsten der Welt macht, der nie des Düngers bedarf und bei wenig Zoll Tiefe das Vortrefflichste und Köstlichste, was Landwirtschaft hervorbringen kann, gibt. Kein Fleck der Erde ernährt im Verhältnis seines Umfanges eine solche Seelenzahl, wie dieser, und nicht mit Unrecht sagt der Neapolitaner: „Der Berg speit Gold aus.“ Auf der hundertjährigen Lava bildet sich zuerst eine Art Moos, das sich dann in Staub und Erde verwandelt, aus welcher bei geringer Pflege erst Pflanzen, dann Sträucher und endlich Bäume hervorsprießen, und aus dem ödesten Ort wird der fruchtbarste, wenn ihn nicht neue Lavaströme verwüsten. Von den hohen Ulmen hängen die Purpurtrauben in nie gesehener Fülle und Schönheit herab. Wir kamen nun an Schluchten und Abhängen vorbei, über Lavabrücken zu dem Piano delle Ginestre, einer kleinen Fläche, von der aus man ein unabsehbares düsteres, schwarzgraues Schlackenmeer erblickt, wo weder das Hälmchen einer Pflanze noch der Flug eines Vogels zu sehen noch das Summen eines Insekts zu hören ist und nicht die mindeste Abwechslung das ewige Einerlei unterbricht, eine gräßliche Öde, wie sie die Edda am Ende der Eiswelt beschreibt. Jetzt gelangten wir zur Einsiedelei San Salvatore auf der Somma, wo uns der schon sechzigjährige aber noch sehr rüstige Eremit recht freundlich empfing, und hier eröffnete sich dem ermüdeten Auge eine entzückende, unbeschreiblich schöne Aussicht. Diese Eremitage besteht aus einigen Kammern und einer kleinen Kapelle. Wir stärkten uns in derselben durch einen guten Imbiß für die noch zu bestehenden Strapazen. Die mitgenommenen Provisionen wurden ausgepackt und unter einigen Bäumen vor der Einsiedelei verzehrt. Der Eremit lieferte uns außerdem noch Salami, Brot, Käse, Eier und Lacrymä Christi, und zwar echten, reinen und unverfälschten, wofür wir ihn unsererseits mit ein paar Zechinen beschenkten, wodurch seine Freundlichkeit noch erhöht wurde. Der gute Greis führte gar kein übles Leben in seiner Einsamkeit, und während der langen Zeit, die er daselbst zugebracht, haben ihn gar manche hübsche Bauernmädchen und junge Bauernweiber besucht, ihn immer reichlich mit nahrhaften Lebensmitteln versehend; in der guten Jahreszeit kommen jeden Tag Fremde, die ihn beschenken, auch hatte er schon ein artiges Kapitälchen bei einem Bankier in Neapel stehen. Sein Vorgänger hätte über zwölftausend Ducati hinterlassen. Dieser letztere war ein Franzose und ehemaliger Kammerdiener der Pompadour gewesen, der in dem hohen Alter von einundneunzig Jahren hier starb. Bevor wir uns zur Weiterreise anschickten, brachte uns der Eremit sein Fremdenbuch, in das wir alle unsere Namen einschrieben und in dem sich Namen aus allen Weltgegenden und von allen Nationen, mitunter manche berühmte und berüchtigte, befanden. Wir ritten jetzt längs der Somma auf schmalen Höhen, Lavaschluchten zu beiden Seiten, bergan, bis wir an das Atrio del Cavallo kamen, einen zwischen der Somma und dem Vesuv liegenden Talgrund, den Ort, an dem man bis zum Jahre 1630 Halt machte, weil er zu jener Zeit mit üppigen Bäumen und Pflanzen bewachsen war, ja sogar eine fette Fütterung für Maultiere und Pferde bot; seitdem wurde er aber von der Lava überströmt und ist jetzt nur noch ein versteinertes Lavameer. Hier stiegen wir alle ab, da der noch übrige Teil des Weges, der jetzt sehr beschwerlich wurde, zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Unsere von Resina mitgenommenen Führer banden uns besondere Gurten, auch den Damen, um den Leib und befestigten Stricke daran, an die sie sich selbst festbanden. So zogen sie uns durch das mit jedem Schritt vorwärts immer tiefer werdende Aschenmeer; der Boden schien unter unseren Tritten zu weichen, die Luft wurde, je mehr wir voran kamen, schwefelgeschwängerter, so daß sie bei denen, die keine sehr guten Lungen haben, zuletzt Bangigkeit und Beängstigung der Brust hervorbringt. Die Asche wurde so tief, daß die Damen genötigt waren, ihre Kleider bis beinahe über die Knie hinaufzuheben; sie hatten sich aber alle mit grauen Unterbeinkleidern versehen. Unsere zweibeinigen Zugtiere trieften von Schweiß, auch uns, die sie zogen, standen dicke Tropfen auf der Stirne. Alle Augenblicke mußte Halt gemacht werden, damit die Damen Atem schöpfen konnten. Sie hatten sämtlich ihre sonst so süßen Gesichter in saure Falten gezogen, nur die junge Cramer, meine halbe Landsmännin, ein Offenbacher Kind, machte noch immer ein freundlich lächelndes Gesicht. Je höher wir stiegen, desto schwieriger wurde das Vorankommen und desto gewaltiger pochten die Herzen der Damen, aber diesmal nicht vom Feuer der Liebe, sondern von der Hitze und Asche des Vulkans getrieben.

Dennoch konnten manche der Herren ihre boshaften Späße nicht lassen, die Waden und etwas krummen Beine einiger Frauen bekrittelnd, doch erlaubten sich nur die Ehemänner dergleichen Unziemlichkeiten. Ich machte meine Betrachtungen nur im stillen, ohne sie durch Tadel oder Spott kundzugeben, auch meinten die sich getroffen fühlenden Schönen ärgerlich, es sei jetzt keine Zeit zu solchen Scherzen, und hatten recht, denn wir waren bereits auf einem Terrain angekommen, in welches unsere Führer mitgebrachte, mehrere Zoll lange Späne steckten, die sie rauchend und endlich glühend wieder hervorzogen, so nahe waren wir dem höllischen Feuermagazin.

„Bis hierher und nicht weiter,“ sagten unsere Ciceroni, nachdem sie das Experiment einigemal vorgenommen hatten. Ermüdet genug, machten wir einen allgemeinen Halt. Kaum ein paar hundert Schritte von uns wogte noch flüssige Lava. Mit einigen mitgebrachten Orangen erquickte ich die nach Labung lechzenden Gaumen unserer Schönen, wofür mir vielsagende dankende Blicke wurden, und die letzte teilte ich mit dem freundlichen Helenchen Cramer, die ich als giovine principiante auf dieser beschwerdevollen Reise in ganz besondere Affektion nahm. Wir standen nun nahe am Rand des flammenwirbelnden Höllenrachens, dem die glühenden Feuerregen und Fluten entströmen, die alles, was sie berühren, verheeren und vernichten; ihr Gang ist zwar langsam und schwerfällig, aber um so sicherer erreichen sie Verderben bringend das Ziel. Hat die flutende Glut einen Baum umschlungen, so sieht man alsbald dessen grüne Blätter sich zuerst gelb, dann braun und endlich schwarzgrau färben, Stamm und Zweige fangen bald zu glühen an, und in kurzer Zeit ist der Baum in Asche verwandelt. Majestätisch, ohne sich zu eilen, wälzt sich der Strom herab, ohne jedoch eine Minute zu versäumen; kommt die Lava an einen Gegenstand, der sie am Voranschreiten hindert, so steigt sie an demselben empor, bis sie ihn überreicht und umgeben hat, und setzt dann ihren Lauf wieder ungestört fort. Die brennenden Massen überwältigen alles, selbst Mauern und Felsen. Fliehend entgeht ihnen zwar der Mensch und das Tier, doch darf keines der anscheinenden Langsamkeit allzusehr trauen, sonst ist er verloren.

Hier, am Rand dieses Kraters, findet man es begreiflich, wie Dichter und Völker den Abgrund oder Eingang zur Hölle vermuten konnten, denn furchtbar schauerlich liegt es zu des Menschen Füßen, und er erkennt sein erbärmliches Nichts. Gräßlich gezackte, mit Schwefel und Asche bedeckte Lavarinde umgibt den höllischen Schlund, dem unzählige Rauchsäulen unaufhörlich entsteigen, ihn fast immer dem Auge entziehend. Man ist geneigt, an das Dasein eines infernalischen Spukes zu glauben. Hier ist man abgeschieden von allem, was atmet und lebt, es sei Tier, Insekt oder Pflanze, und nur ein donnerähnliches Getöse läßt sich von Zeit zu Zeit vernehmen. Wirft man einen Stein mit Kraft auf den Boden, so dröhnt es hohl, wie über einem Gewölbe. Ich stand, das seltsame Schauspiel anstaunend, dicht neben Helenchen, die sich vor demselben grausend, so fest an mich schmiegte, daß ich das kleine Herzchen pochen hörte, und nicht umhin konnte, das geängstigte Täubchen mit meinem schützenden Arm zu umfangen. Da der unaufhörlich aufsteigende Rauch manchmal so dicht wurde, daß er uns gleichsam in eine Wolke hüllte und vor den übrigen unsichtbar machte, so konnte ich selbst an den Pforten der Hölle der Versuchung nicht widerstehen, meinem kleinen Engel durch Küsse Mut einzuflößen. Man muß in allen Dingen die sich darbietende Gelegenheit schnell benützen, denn sie kommt oft nie wieder. Dies hatte ich aus Lafontaines Fabeln, aus der, wo der Geliebte, um das Brautkleid der Schönen zu schonen, die ihn vor ihrer Vermählung mit einem anderen noch glücklich machen will, einen Teppich holt und so um das ihm zugedachte Glück und eine Jungfernschaft kommt. – In einem hübschen Salon oder gewöhnlichen Wohnzimmer würde sich die junge Taube vielleicht gesträubt haben, aber hier, vor dem furchtbaren Naturschauspiel, wo sie kaum zu atmen wagte, ließ sie sich das Herzen und Küssen recht willig gefallen, dachte nicht an ein Widerstreben, und so war die Einleitung zu weiteren Bewilligungen schnell gemacht.

Nachdem wir wohl zwei Stunden hier zugebracht und uns dennoch kaum satt gesehen hatten, traten wir den uns leichter werdenden Rückzug an, der fast in ein Laufen durch die Asche ausartete. An dem Ort angekommen, wo die Langohren unserer harrten, bestiegen wir wieder das liebe Vieh, und ich ritt vergnügt und heiter an Helenens Seite bis Resina, wo wir eine bestellte Cena einnahmen und uns sodann in den Wagen setzten. Ich hatte zwar versucht, mich vis-à-vis dem Fräulein Cramer zu placieren, aber die Damen Gasqui und Grenet, welche meine Absicht merkten, wußten sie zu vereiteln, und ich mußte mit ihnen und Herrn Grenet einen Wagen besteigen. Eine Stunde vor Mitternacht waren wir in Giesù nuovo angekommen und unterhielten uns bei Madame Gasqui, die ihrem daheimgebliebenen Gatten die gesehenen Wunder rapportierte, noch lange bis nach Mitternacht von den gehabten Genüssen.

Den nächsten Morgen hatten wir Probe von der „Phädra“, die in einigen Tagen aufgeführt werden und deren Vorstellung der Hof beiwohnen sollte. Unser Liebhabertheater fing an, immer mehr Aufsehen zu erregen; die Gasqui und Grenet spielten sehr gut, erstere besonders in dem Lustspiel und in den Vaudevilles, in denen sie hübsche Romanzen, trefflich vorgetragen, einlegte. Auch noch zwei andere aktive Damen waren seit kurzem der Gesellschaft beigetreten, die beide nicht minder gefielen; eine machte wirklich Furore. Madame Damiette war die Gattin eines Kriegs-Kommissärs, die sich mehr für heroische Rollen und Anstandsdamen eignete, die andere, Madame Detrée, war die junge Frau eines Obersten von der Linie und als semimentale Liebhaberin unübertrefflich; daß sie aber auch außer der Szene dieses Fach vorzüglich bekleidete, sollte ich bald erfahren. Der Oberst war mit seinem Regiment in Kalabrien, und was war natürlicher, als daß sich die junge Frau, eine kaum zwanzigjährige Französin aus Orleans, zu entschädigen und zu trösten suchte? Zur „Phädra“ hatte ich die Rollen so verteilt, daß Madame Damiette die Titelrolle, Herr Damiette den Theseus, Madame Detrée Aricie, Madame Gasqui Ismene, Madame Grenet Oenone und ich den Hippolyte spielte. Die Gasqui wollte sich zuerst durchaus diese Rollenverteilung nicht gefallen lassen und die der Aricie übernehmen. Nur mit großer Mühe brachte ich es dahin, daß sie sich mit der Ismene begnügte, indem ich ihr vorstellte, daß sie ja doch die Königin des Lustspiels und des Vaudevilles sei und der Madame Detrée wohl die Freude lassen könne, eine traurige Liebhaberin zu machen. Dies half, – ich ging jetzt fleißig die Rollen bald mit der Phädra, bald mit der Aricie, mit letzterer etwas leidenschaftlicher, durch, und nach einem Dutzend Proben und ein paar Generalproben glaubten wir uns imstande, vor einem allerhöchsten Publikum produzieren zu können, denn die beiden Majestäten mit glänzendem Gefolge geruhten, derselben, wie gesagt, beizuwohnen. Namentlich war die Königin von jungen und schönen Damen umgeben, und dies machte, daß wir uns alle die größte Mühe gaben, etwas nicht ganz Gewöhnliches zu leisten. Die Vorstellung fiel auch wenigstens leidlich aus, ihre Majestäten hatten sich amüsiert, und mein Hippolyt hatte dem König Joseph so gefallen, daß ich bald nach dieser Vorstellung eine Einladung an den Hof bekam, wo es so ziemlich ungeniert, durchaus nicht steif herging und bei weitem kein so ängstliches und oft komisches Zeremoniell beobachtet wurde, wie an dem Hof seines kaiserlichen Bruders. Joseph war ein ziemlich natürliches Menschenkind, hatte sogar etwas Treuherziges in seinem Benehmen, er würde als Privatmann gewiß ausgezeichnet und ein guter Familienvater geworden sein, und man hätte dann seine Schwächen weniger oder gar nicht bemerkt. Seine Stellung auf dem Thron von Neapel war nicht die beneidenswerteste, ja fast peinlich zu nennen. Er sollte und durfte nur das gehorsame Werkzeug seines ihn tyrannisierenden Bruders sein, dessen Ab- und Ansichten selten mit den seinigen harmonierten, der auch in großer Entfernung von Neapel keineswegs den Zustand der Dinge daselbst so kannte, um ihn richtig beurteilen und leiten zu können. An Ort und Stelle fanden sich nicht zu überwindende Schwierigkeiten, die er in Paris oder seinen Hauptquartieren kaum ahnte. Er geriet aber in Wut und Zorn, wenn man sie in Neapel nicht wie er wollte, augenblicklich aus dem Wege räumte. Joseph hatte nicht verlangt, König zu sein, ja er war es fast gegen seinen Willen geworden. „Lasse mich in meiner Familie regieren,“ hatte er zu seinem Bruder gesagt, ehe er Frankreich verließ.

Die Königin Julie, Tochter des Kaufmanns Clairet zu Marseille, war in diesem Stück ganz mit ihrem Gatten einverstanden und eine vortreffliche, herzensgute Dame, die mit Engelsgeduld die Untreue und Schwächen ihres Gemahls nicht nur ertrug, sondern sogar entschuldigte und zu beschönigen suchte. Sie war erst kürzlich von Frankreich gekommen, und von allen Schwiegertöchtern der Kaiserin-Mutter, Madame Lätitia, diejenige, welche diese am meisten und aufrichtigsten liebte. Am Hof des Königs Joseph zu Neapel herrschte ein etwas militärischer Ton, wozu die fortwährenden Unruhen im Königreich und namentlich in Kalabrien, welche machten, daß man ewig auf dem qui vive sein mußte und ab- und zuging, das ihrige beitrugen. Die königliche Tafel verlassend, stiegen die Generale und Stabsoffiziere nicht selten in die Wagen oder zu Pferde, um sich nach Kalabrien und so weiter zu begeben, da von dort oder aus anderen Gegenden des Reiches während der Mahlzeit schlimme und bedenkliche Nachrichten eingelaufen waren. Von Josephs Hofhaltung in ihrem Innern wurde ich damals nicht genauer unterrichtet, da auch mich das Schicksal bald wieder aus Neapel rief, nachdem ich nur einigemale am Hofe erschienen und also noch ziemlich fremd war. Erst in ihrem Exil zu Frankfurt lernte ich die daselbst unter dem Namen einer Gräfin von Survillier mit ihren beiden Töchtern wohnende Exkönigin und ihren vortrefflichen Charakter näher kennen.

Auf Anstiften meines Vetters Moritz, der ebenfalls unseren Aufführungen in Giesù nuovo beiwohnte, arrangierte ich auch eine deutsche Vorstellung, und zwar „Kabale und Liebe“, bei der eine Frau von Gemmingen, die Gattin eines Kapitäns, die Lady Milford, Helene Cramer die Luise und eine Madame Reisinger die Mutter, der junge Stock den Vater spielten und ich mein altes Paradepferd, den Major Ferdinand, hervorsuchte. Die Vorstellung war, trotzdem sich die Liebe zwischen mir und Helenchen ins Spiel mischte, nicht sonderlich, obgleich die sehr nachsichtigen deutschen Zuschauer, die Franzosen und Italiener räumten den Saal alle gleich nach dem ersten Akt, sich trefflich unterhalten haben wollten. Damit hatte es aber sein Bewenden mit dem deutschen Theater, obgleich Moritz gerne noch andere ältere Stücke als angenehme Erinnerungen an seine Jugend aufgeführt haben wollte. Die Sache war zu schwierig, Akteurs und Aktricen zu schlecht, so daß ich selbst einen Degout an deutschen Vorstellungen bekam. Denn obgleich Helene Cramer mit großer Naivität und vielem Feuer spielte, so zog ich es doch vor, außerhalb der Bühne die Liebhaberrollen bei ihr zu übernehmen, und teilte jetzt mein Herz hauptsächlich zwischen Madame Detrée und ihr. Sie wohnte bei ihren Eltern in der Fortezza nuova, wo ich sie oft sah, und zwar unter der sehr strengen Aufsicht der Frau Mama, die das Goldtöchterchen auch keinen Schritt allein tun ließ und so unrecht nicht hatte. Wir besuchten zwar fast alle Theater miteinander, aber immer in Gesellschaft der Mama, die nicht von der Seite wich. Ich hatte also fast nur ein theoretisches, platonisches Verhältnis mit Demoiselle Cramer, während das mit Madame Detrée vollkommen materiell war. – Madame Cramer ließ mich nicht undeutlich merken, daß ihr Töchterchen eine vortreffliche Partie für mich wäre. Aber an das Heiraten und gar an das Heiraten als Offizier, deren Weiber, um den ewigen Gelegenheiten der Verführungen zu widerstehen, ganze Engel oder Mütter Gottes sein müßten, dachte ich so wenig, als ein Kapuziner zu werden. – Ohne die Mutter gerade vor den Kopf zu stoßen, wußte ich dennoch solchen Anspielungen gehörig auszuweichen und suchte noch einige Lustpartien zu veranstalten, in der Hoffnung, dabei Gelegenheit zu finden, der Mama Argus ein X für ein U vormachen zu können. Ich lud die Familie zu einer Fahrt nach dem schönen königlichen Schloß zu Caserta, einem der herrlichsten Schlösser der Welt, ein. Aber auch hier kam ich nicht viel weiter. Nur einmal gelang es mir in dem mit Statuen bevölkerten Park, Mutter und Tochter auf einige Augenblicke zu trennen, daß ich letzterer zu den Füßen einer marmornen Aphrodite, durch eine flüchtige, aber feurige Umarmung versichern konnte, wie liebenswürdig ich sie finde. Aber kaum hatte ich sie ein paarmal geküßt, als schon ein: „Helene, wo steckst du denn?“ sich ganz nahe vernehmen ließ, und mit einem „Hier, Mama,“ wand sich die Taube aus meinen Armen, der Mutter entgegenspringend.

Bei der Heimfahrt war es zwar schon düster und endlich dunkel, aber Madame Cramer hatte so scharfsehende Augen, daß ich kaum von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Händedruck wagen durfte. Mehr hoffte ich von einer zweiten Partie, die ich nach dem weiter entfernten Pestum veranstaltete, wozu mehrere Tage erforderlich waren. Nachdem Madame Cramer eingewilligt hatte, nahm ich viertägigen Urlaub, und wir fuhren ohne den Papa, der als Adjutant-Major nicht wohl abkommen konnte, den uns schon bekannten Weg über Portici und Resina, dann wie in einem Garten durch das Tal Scafati, über den Sarno, durch Nocera de Pagani, das alte, von Hannibal zerstörte Nuceria Alphaterna, wo ein Cybeletempel in den ersten Zeiten der Christenheit in eine Kirche, jetzt San Mariamaggiore, umgewandelt wurde, die noch von einer doppelten Reihe Säulen aus Giallo antico und Alabaster umgeben ist.

Von hier fuhren wir über Vietro nach Salerno, das an dem Ufer des Meeres in einer freundlichen, von heiteren Hügeln umgebenen Ebene liegt und das ich schon aus unserem ersten Feldzug in Kalabrien kannte, sowie Eboli, wo wir nächtigten, aber die Mutter ihren Schatz gleich einem Drachen bewachte. Am anderen Morgen machten wir uns in aller Frühe nach den Ruinen von Pestum auf, wohin ein ziemlich einsamer Weg führt. Nachdem wir durch eine ausgedehnte Heide gekommen waren, entdeckten wir verschiedene isoliert stehende Gebäude, die, wenn man ihnen nahe ist, kolossal und imponierend hervortreten. Erst im Jahre 1775 wurden diese schönen Ruinen einer grauen Vorzeit, vielleicht die herrlichsten der griechischen Baukunst, entdeckt. Diese unermeßlichen Säulenreihen der Tempel, die noch aus der heroischen Sagenzeit stammen und Jahrtausende, in einsamer Wüste trauernd, an sich vorübergehen, Roms Entstehung, Größe und Herrlichkeit, seinen Verfall und dessen christliche Erhebung bis auf unsere Zeiten sahen, geben manchen Stoff zu ernstem Nachdenken.

Hier endlich wurden wir durch die Gunst des Zufalls auf eine halbe Viertelstunde von der Mama getrennt, die sich auf kurze Zeit zu entfernen genötigt war. Ich benutzte diesen Umstand so gut als möglich, und dem aus Eboli mitgebrachten Führer befehlend, auf die Mutter zu warten, verirrte ich mich mit Helenchen hinter die dicken Neptunssäulen und versicherte sie bei dem Dreizack des mächtigen Weltbeherrschers meiner feurigsten Liebe, von der ich ihr, so viel es die Umstände erlaubten, die handgreiflichsten Beweise gab. Im Taumel der Wonne vergaßen wir Pestums und der Welt, bis uns endlich die kreischende Stimme der Mama aufschreckte, die, als wir unter den tausendjährigen Trümmern hervorkrochen, ausrief: „Aber Mädchen, was hast du denn, du bist ja so rot wie ein gesottener Hummer!“ –

„Nichts, Mama, das Steigen über die dicken Steine des Venustempels hat mich so erhitzt.“

Ob Mama Cramer glaubte oder nicht, ist mir ein Rätsel geblieben, jedenfalls war sie so klug, zu tun, als glaubte sie es. Wir hatten wohl an drei Stunden in Pestums Ruinen verweilt und eine mitgebrachte kalte Küche unter den Vorhallen des Neptuntempels eingenommen, als wir unsere Rückreise antraten und bis Salerno fuhren, wo wir übernachtetem. Den anderen Tag trafen wir wieder wohlbehalten in Neapel ein. In meinem Hauptquartier in Giesù nuovo angekommen, erfuhr ich von meinem Bedienten, den ich zurückgelassen hatte, daß Madame Gasqui wenigstens schon zehnmal nach mir geschickt habe. Als ich hierauf zu ihr eilte, empfing sie mich mit einem artigen Donnerwetterchen, weil ich, ohne ihr etwas zu sagen, nach Pestum, und zwar mit deutschen Damen, gefahren sei. Nach einem ziemlich langen Hadern kam es endlich wieder zu einem wohlbesiegelten Frieden, und nun eröffnete mir die Dame, daß wir Voltaires „Zaïre“ geben müßten, weil die Königin bei einer ihrer Hofdamen den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von uns aufführen zu sehen. Louise wollte aber diesmal durchaus die Titelrolle spielen. Der Himmel oder das Schicksal oder der Kriegsminister, gleichviel, hatte aber beschlossen, daß ich in einem anderen Trauer- und Schauspiel auftreten würde, dessen Bühne abermals Kalabrien sein sollte. Das Bataillon erhielt Order, in vierundzwanzig Stunden nach Cosenza abzumarschieren, und der Stab des Regimentes wurde samt dem Oberst Omeara nach Castelamare verlegt. Kaum hatte ich noch soviel Zeit, mir ein paar gute Pferde zu kaufen; während meines diesmaligen Aufenthaltes hatten mir wieder Vetter Moritz und Stock die ihrigen zur Verfügung gestellt. Den Abend vor dem Ausmarsch machte ich meine Abschiedsronde, da, wo es anging, küssend und umarmend, auch Helenchen mußte mir ein Küßchen geben, auf das ich freilich das der Mama drein nehmen mußte.

Es sah neuerdings wieder sehr unruhig im südlichen Teil des Königreiches aus, obgleich man fast tagtäglich in der Hauptstadt darauf loshängte, verurteilte und hinrichtete. Als wir diesen Marsch nach Kalabrien antraten, ging es schon dem Winter zu, und die fatale Regenzeit war vor der Türe. Wir marschierten damals über Portici, Salerno und so weiter. Seit unserer ersten Expedition nach Kalabrien und nach der Schlacht bei Maida hatten sich die Engländer Reggios und des Schlosses von Scylla bemächtigt. Der Feind war abermals mit einem Armeekorps von ungefähr achttausend Mann, welches der tapfere Prinz von Hessen-Philippsthal befehligte, gelandet. General Regnier, der noch immer in Kalabrien kommandierte, hatte bei der ersten Nachricht, die er hiervon erhielt, in aller Eile so viel Truppen als möglich zusammengebracht, es waren kaum über viertausend Mann, damit das feindliche, freilich größtenteils aus Banditen und Raubgesindel bestehende Heer schon Ende Mai 1807 auf das Haupt geschlagen und so seinen Fehler bei Maida wieder gut gemacht. Selbst der Prinz von Hessen-Philippsthal hatte sich nur mit Hilfe seines schnellen Pferdes retten können und büßte beinahe seine ganze Artillerie ein, die er in Stich lassen mußte. Die ihn verfolgende französische Kavallerie verfehlte ihn nur um zwanzig Minuten. Sein Heer wurde gänzlich gesprengt und ein großer Teil desselben zu Gefangenen gemacht. Der Prinz landete mit kaum hundert Mann an den Küsten Siziliens. Dieser Sieg war sehr zur gelegenen Zeit gekommen, denn ohne ihn würde nicht nur Kalabrien, sondern sehr wahrscheinlich das ganze Königreich in Masse gegen die neue Regierung aufgestanden sein. Nun wurde gegen Reggio marschiert, dasselbe bald darauf belagert und das Schloß Scylla von der Landseite blockiert. Das letztere ist indessen außerordentlich fest, und da viel daran gelegen war, diesen, die Meerenge von Sizilien beherrschenden Punkt wieder zu besitzen, um Herr der Küste zu sein, so mußte man schweres Belagerungsgeschütz von Neapel kommen lassen, um das Fort gehörig beschießen zu können. Dies war aber zu Land ohne die außerordentlichsten Anstrengungen nicht wohl fortzubringen, weshalb man es einschiffte, wo ein Teil desselben auf der See von den Engländern weggenommen wurde.

In Cosenza angekommen, blieb das Bataillon zwei Tage daselbst, den dritten Tag marschierten wir gegen Abend nach Rogliano, wo wir den übrigen Teil der Nacht bis gegen Morgen verweilten, dann aber aufbrachen und durch ein schauerlich wildes, von steilen Felsen umgebenes Tal kamen, in dessen Umgegend jetzt der berüchtigte Banditenchef Francatrippa, der die Rolle des Fra Diavolo übernommen hatte, sein Wesen trieb. Hier mußten wir, Mann für Mann, einen ganz schmalen Felsensteig im Zickzack, wie von einem Theaterberg, zwischen steilen Felswänden hinabsteigen, wobei die bepackten Maulesel und Pferde von ihren Führern und abgestiegenen Reitern vorsichtig an der Hand geführt wurden, sodann einen Waldstrom passieren, über den nur ein sehr schmaler und geländerloser Fußsteig führte. Dann kamen wir nochmals an furchtbaren Abgründen vorüber. Diesen Tag führte ich wieder die Avantgarde des Bataillons, doch war an Seitenpatrouillen bei diesem Terrain nicht zu denken. Kaum waren ungefähr zwanzig Mann von meinen Leuten, an deren Spitze ich marschierte, auf dem schmalen Pfade an den Rand eines solchen Schlundes herangeschritten, als sich die Briganten oben auf dem Felsen zeigten und eine Decharge auf uns abfeuerten, dann gleich Gemsen wieder verschwanden, auf ihren Sandalen davonspringend. Großen Schaden hatten sie nicht angerichtet, nur ein paar Leute hatten leichte Streifschüsse erhalten. Ich ließ indessen sogleich Halt machen, und wir kletterten mit Hilfe des Gesträuchs den am Eingang der Schlucht weniger steilen Felsen hinan, hoffend, so den Briganten in den Rücken zu fallen. Aber als wir hinaufkamen, war keine Spur mehr von ihnen zu sehen. In die weg- und pfadlosen Wildnisse zwischen Klippen und Gesträuch konnten wir uns nicht wagen, ohne Gefahr zu laufen, in einen Hinterhalt des Francatrippa zu geraten. Das Terrain war hier den Briganten so günstig und uns, die wir es nicht kannten, so nachteilig, daß wir gewiß verloren gewesen wären, wenn die Bewohner desselben in Übereinstimmung gegen uns agiert haben würden, selbst wenn wir hätten bedeutendere Streitkräfte entwickeln können. Leicht war es, die Truppen in Abteilungen zu überfallen und zu vernichten. Glücklich kamen wir in Scigliano an, von wo wir nach Nicastro und von da in die Ebenen von Sanveria marschierten. Hier waren wir in der Nähe eines alten Gebäudes, das eine traurige Berühmtheit erlangt hatte, da in demselben gleich nach der verlorenen Schlacht bei Maida eine ganze Kompagnie Franzosen, die sich in dasselbe geflüchtet, von den Bewohnern der Umgegend und den sizilianischen Briganten bis auf den letzten Mann ermordet worden war. Jetzt lag wieder ein französisches Detachement in dem Gebäude; es war befestigt worden, verpallisadiert und auf mehrere Monate mit Proviant versehen. Nichtsdestoweniger trieben in der Nähe dieses Tales Francatrippa und seine Banditen ihr Wesen auf das frechste, und keine Patrouille unter zwanzig bis dreißig Mann durfte sich an Streifereien wagen, wollte sie nicht überwältigt werden. Die Aussicht von den dieses Tal umgebenden Höhen auf den Golf von St. Euphemia ist entzückend. Von hier aus sowie von Nicastro wurden fortwährend Abteilungen auf die Brigantenjagd abgeschickt, ohne daß sie sehr ergiebig gewesen wäre. An diesem geringen Erfolge war hauptsächlich das Einverständnis der Räuber mit den Einwohnern schuld, die ihnen allen Vorschub leisteten, während sie uns flohen und mit einem ewigen: „non capisco“ oder „non so niente“, das zum Verzweifeln war, abspeisten, während unsere fast unerreichbaren Feinde die vollkommene Kenntnis des Terrains besaßen. Nach mehreren Tagen des vergeblichen Hin- und Hermarschierens in den den Golf umgebenden Bergen und Wäldern, brachte ich mit meinen Voltigeurs zwei Tage in dem Städtchen Pizzo zu, am südlichen Ende des Golfs, in dessen Umgegend außerordentlich viel Mais und Reis, die Hauptnahrung der Einwohner, gepflanzt wird. Das Klima ist so warm, daß selbst das Zuckerrohr hier sehr gut fortkommt und gedeiht, wie mich der Augenschein überzeugte. Das Bataillon hatte sich einstweilen in die zahlreichen Landsitze, die von Pomeranzen- und Zitronenhainen umgeben, in der Nähe von Nicastro liegen, einquartiert. Die hier vorhandenen Wälder sind seit undenklichen Zeiten der Aufenthalt von Räuber- und Banditenhorden, mit denen sich die Gutsbesitzer, wenn sie einige Sicherheit genießen wollen, verständigen und abfinden müssen, indem sie ihnen von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Summen einhändigen. Namentlich ist der Wald von Sankt Euphemia, und zwar mit Recht, sehr berüchtigt. In dieser Wildnis hatten auch jetzt die Briganten und ihre Banden und Spießgesellen ihr Hauptquartier aufgeschlagen und wurden noch obendrein von den Engländern und Sizilianern unterstützt und besoldet, mit denen sie beständig kommunizierten und welche in der Nacht fast gefahrlos landeten und ausschifften, was wir nicht wohl verhindern konnten, da der so nahe an der Küste gelegene Wald ein geheimnisvolles Labyrinth war, und nur die Räuber und Banditen den in dasselbe leitenden Faden in Händen hatten, auch alle Zu- und Ausgänge kannten, die außerdem durch gut verborgene, mit Gesträuch und Dornen bedeckte Gruben fast unzugänglich gemacht waren. Und so bot dieser Wald die erwünschteste Leichtigkeit und Gelegenheit, uns aufzulauern. In diesem Walde, den zu reinigen jetzt unsere Aufgabe war, hauste damals ein alter berüchtigter Kalabrese, Benincasa genannt, welcher der oberste Chef aller Banden war, die, sowie Francatrippa selbst, mit ihm in genauer Verbindung standen und seine Befehle auf das pünktlichste befolgten. Es war ein wahrer Assassinen-Fürst, ein zweiter Alter vom Berge. Schon lange Zeit vor der französischen Okkupation hatte er sein blutiges Räuber- und Mörderhandwerk in diesem furchtbaren Walde getrieben, wo ihn die Arme der elenden neapolitanischen Justiz nicht hatten erreichen können, und von wo aus er die ganze Umgegend brandschatzte. Unser Bataillon erhielt nun Befehl, diesen gräßlichen Menschen und seine Banden zu zerstreuen, auf ihren Höhlen und Mordsitzen aufzuscheuchen und sie womöglich zu vernichten. Aber vergeblich blieben alle Versuche. Die List, die ich in den italienischen Alpen und den Gebirgen von Genua angewendet hatte, die Briganten zu fangen, würde bei diesem alten schlauen Fuchs nichts gefruchtet haben, und wenig fehlte, so wäre ich bei einem Versuch, in diese Wildnis zu dringen, samt meinen Voltigeurs ein Opfer der Fallstricke des listigen und blutdürstigen Benincasa geworden. Ich hatte mich bei dem Verfolgen einiger verdächtiger Individuen verleiten lassen, zu Pferde an der Spitze der Mehrzahl meiner Kompagnie in den Wald zu dringen, und zwar da, wo sich scheinbar ein ziemlich breiter Eingang zeigte. Der Mannschaft einige Schritte voransprengend, fühlte ich plötzlich den Boden unter mir wanken und stürzte samt meinem Pferde in eine über sechs Schuh tiefe Grube, die wohl fünfzig Fuß breit war und über hundert im Umfang haben mochte und wahrscheinlich darauf berechnet war, eine Abteilung verfolgender Reiterei stürzen zu machen, die man dann in der Grube leichter zusammenschießen konnte. Da ich allein in dieselbe gestürzt war, ohne daß jedoch ich noch mein Pferd bedeutend beschädigt worden wären und meine Leute gleich herbeirannten, so hatte es, da der Sturz so glücklich abgelaufen war, keine weitere Gefahr mehr für mich, nur kostete es viele Mühe, das Pferd wieder aus der Grube zu schaffen, da sie senkrechte Wände hatte, in welche die Soldaten sogleich eine so schiefe Abdachung gruben, daß das erschrockene Tier herausgeführt werden konnte. Dieser Vorfall war ein Warnungszeichen, besser auf der Hut zu sein. Noch mehrere Versuche, die Banden aus dem Walde zu jagen, scheiterten ebenfalls, und Düret hielt es für das beste, mit dem Banditenfürst zu unterhandeln, nachdem er seine Berichte gemacht und Vollmacht dazu begehrt und erhalten hatte. Aber die Unterhandlungen zerschlugen sich, obgleich man dem Benincasa und seinen Banden große Versprechungen gemacht und bedeutende Vorteile eingeräumt hatte. Wahrscheinlich traute der alte Fuchs, der selbst nie ein Versprechen gehalten, uns nicht. Sodann trat jetzt die Regenzeit in ihrer ganzen Kraft ein und machte, daß wir wenigstens auf ein paar Monate alle ferneren Versuche gegen diese aalartigen Feinde einstellen mußten, die aber gerade deshalb um so kühner aus ihren Schlupfwinkeln hervortraten, großen Schaden zufügten und mordeten und raubten, wo sie sich die Stärkeren wußten. Ohnedies ist ein friedliches und gemächliches Leben den rohen Naturkindern der kalabrischen Wildnisse verhaßt, Gefahren, Raub und Mord ihr Element. Dabei besitzen sie eine außerordentliche Gewandtheit und Behendigkeit und wissen ihre Gewehre trefflich zu gebrauchen, jedoch immer nur aus dem Hinterhalt. In offener Schlacht taugen diese Briganten nicht und halten nicht Stich gegen wohldisziplinierte Truppen, nur die neapolitanischen Krieger fürchten sie wenig, schätzen sie gering und werden von diesen gefürchtet. Wir verließen, hauptsächlich durch den sich unaufhörlich in Strömen ergießenden Regen gezwungen, die Gegend am Golf von Sankt Euphemia und marschierten zuerst nach Monteleone, wo wir mehrere Tage weilten und Kleider und Waffen in möglichst besten Stand zu setzen suchten, denn beide hatten sehr gelitten. Wieder waren es Schuhe oder doch Sohlen, die uns am meisten not taten, und viele der Leute gingen schon fast auf bloßen Füßen. Dies war bei dem ewigen Hin- und Hermarschieren auf solchem Boden und in solchem Wetter kein Wunder. Tag und Nacht wurde patrouilliert, und alle von Neapel kommenden oder zurückkehrenden Kuriere, Adjutanten, Stabsoffiziere und so weiter mußten von einer Stadt zur anderen eine Eskorte von wenigstens dreißig Mann haben. Dies alles machte den Felddienst außerordentlich beschwerlich. Auch kam es vor, daß manche Kompagnien acht bis vierzehn Tage bei diesem Regenwetter biwakieren mußten, wie es mir selbst einmal erging, so daß wir fast ganz im Wasser und Kot lagen und schliefen. Die Lebensmittel waren dabei ebenso schlecht wie in der ersten Kampagne und mangelten manche Tage gänzlich. Viele Ortschaften waren ganz menschenleer und bis auf wenige Hütten zerstört; auch hatten wir seit unserem Abmarsch aus Neapel keinen Sold mehr erhalten, und ich hatte schon fast meine ganze Barschaft der Kompagnie vorgeschossen, ein Vorteil, den keine andere Kompagnie hatte und worum die meinige beneidet wurde. Aber ich konnte auch mit meinen Leuten den Teufel austreiben, in die Hölle wären sie mir gefolgt, während die anderen Soldaten des Bataillons, besonders Böhmen und Österreicher, knurrten und murrten, denn an Knödel war da nicht zu denken. Polenta und Reis gab es nur, und auch dieses nicht immer. Fleisch war eine seltene Kost. Viele Soldaten hatten, aus der Not eine Tugend machend, das Beispiel der Kalabresen befolgt und statt der mangelnden und ganz zerrissenen Schuhe sich Sandalen aus Ziegenfellen, oder was sie sonst haben konnten, um die Füße gewunden. Die Offiziere waren oft noch weit schlimmer daran als der gemeine Mann, der raubte und wegnahm, wo er etwas fand, was jene nicht konnten und froh waren, wenn ihnen der Soldat etwas von dem Geraubten mitteilte. Meine Leute versorgten mich jedoch trefflich und ließen mir oft Eier, Käse, Brot, Speck und dergleichen zukommen, so daß ich an Lebensmitteln nur selten Mangel litt, da sie mir immer das Beste brachten. Der französische Soldat war bei all dem Mangel und Elend doch immer lustig und guter Dinge, machte Bonmots und war unerschöpflich in Scherzen. Eine solche Munterkeit unter allen Umständen ist in der Tat ein kostbares Geschenk des Himmels. Unsere Leute und namentlich die Russen und Polen vergaßen nur dann ihr Elend, wenn sie Aquavit genug haben konnten, wonach sie in einem Dorf oder einer Meierei immer zuerst forschten. Machten sie einen solchen Fund, dann war auf kurze Zeit wieder alles gut.

Da man in Sizilien glaubte, was auch die Engländer und wir selbst vermuteten, daß man diesseits des Kanales eine Landung auf jener Insel beabsichtige und vorbereite, wozu es allen Anschein hatte, so sandte die sizilianische Regierung unaufhörlich Briganten in großen Haufen herüber, die von den Engländern des Nachts an das Land gesetzt, sich dann sogleich in die Wälder und Gebirge verloren und die französischen Truppen auf alle Weise verfolgten, um ihnen die Gelüste nach der reichen und schönen Insel vergehen zu machen. Wir wurden nun wieder mehr denn je von den Insurgenten beunruhigt und in Atem erhalten. Während unseres Aufenthaltes in Monteleone, einer nicht unbedeutenden Stadt von etwa sechzehntausend Einwohnern, mit einem ehemals befestigten Schloß, das Friedrich II. erbaute, wurde bei Fondaco del Fico, einem in der Nähe jenseits Pizzo befindlichen, alten, halbverfallenen, sehr weitläufigen Gebäude, welches das Aushängeschild: „Osteria di Cicerone“ führte, ein von Neapel kommender Kurier mit sehnsüchtig erwarteten Depeschen und Briefen für das ganze Armeekorps angefallen, beraubt und samt seiner Eskorte, aus einer Abteilung von einem Sergeanten befehligter Infanterie bestehend, einigen zwanzig Mann, ermordet. Nur zwei, und davon der eine noch schwer verwundet, waren so glücklich, dem Tode durch eine schnelle Flucht zu entgehen und brachten die traurige Nachricht dieser Begebenheit nach Pizzo und Monteleone. Aus ihrem Bericht ergab sich, daß die Eskorte selbst mit schuld an ihrem Unglück sei, denn die Leute waren nicht beisammen geblieben und zum Teil durch eine bedeutende Strecke getrennt. In dem Augenblick, als sie überfallen wurden, waren keine zehn Mann beisammen. Ungefähr ein halbes Jahr darauf wiederholte sich derselbe Vorfall mit einem Detachement vom neunten Linienregiment in der Gegend von Nicastro. Ich erhielt jetzt Befehl, mit meiner Kompagnie ungesäumt nach Fondaco del Fico aufzubrechen und Jagd auf die Räuber zu machen. Etwa eine Miglie davon stießen wir auf die schrecklich verstümmelten Leichen der Ermordeten. Eine Menge zerrissener Papiere, die ich sammelte, lagen nebst dem Felleisen des Kuriers umhergestreut. Aber die Waffen der Unglücklichen, sowie deren Tornister hatten die Briganten mit fortgeschleppt, die Leichen auch zum Teil ihrer Kleider beraubt. Fondaco del Fico liegt an dem Eingang eines dichten Waldes und, wie die Altertumsforscher behaupten, genau auf der Stelle, wo das alte, vom Meer verschlungene Hipponicum gestanden haben soll, von dem noch Tempelruinen in der Nähe sind. Cicero hat sich hierher geflüchtet, um den Verfolgungen des Clodius zu entgehen, und schrieb aus dem nahen Fundus sicae mehrere Briefe an den Atticus. Ich stellte zuerst die nötigen Wachen um das Gebäude herum und gegen den Wald, ließ dann die Leichen der Ermordeten durch Bauern nach Monteleone bringen, untersuchte alle Zugänge und Schlupfwinkel des Eulennestes auf das sorgfältigste und drang dann mit einer Abteilung meiner Leute, jedoch mit großer Vorsicht, einige hundert Schritte in den Wald vor, ohne eine Spur von den Briganten entdecken zu können, worauf ich mich wieder auf Ciceros Osteria zurückzog. Mit einbrechender Nacht traf ich alle Vorkehrungen, um mich gegen einen Überfall sicher zu stellen, und die Folgen bewiesen bald, daß meine Vorsicht nicht unnötig war. Als es dämmerte, zündeten meine Leute Feuer an und brieten das von Monteleone mitgebrachte Ziegenfleisch an demselben. Wir waren mit Lebensmitteln auf drei Tage versehen. Ich ließ fortwährend starke Patrouillen in geringer Entfernung um unser Rattennest gehen, stellte mehrere Posten nach allen Richtungen, jedoch immer à portée einer vom anderen aus, und machte selbst einigemale die Runde an der Spitze einer Patrouille. Es blieb aber alles ruhig, bis kurz vor Mitternacht, wo plötzlich eine ungeregelte, aber starke Decharge von Flintenschüssen auf die Posten abgefeuert wurde, deren Kugeln um ihre Ohren pfiffen. Der Angriff geschah von der Seite des Waldes, und kaum waren wir aufgesprungen, die Leute lagerten noch um das Feuer, als ein Schuß ganz in unserer Nähe, keine fünfundzwanzig Schritte entfernt, fiel, dessen Kugel einen Sergeanten mitten auf die Brust, aber glücklicherweise da traf, wo sich dessen Büffetterie (Riemenzeug) kreuzte, und ihm so keinen Schaden verursachte. Ich brach nun mit etwa fünfzig Mann in der Richtung gegen den Wald auf, aber es war, als seien unsere Feinde wie durch einen Zauberschlag verschwunden. Man hörte und sah nichts mehr von ihnen. Den Wald selbst durfte ich nicht zu betreten wagen, wollte ich nicht abgeschnitten werden; denn ich kannte ja die Zahl der Gegner nicht und würde bei der herrschenden Finsternis auch ohne allen Erfolg das Wagnis unternommen haben. Ich zog mich wieder auf unsere Osteria zurück, besetzte gehörig alle Zugänge des Gebäudes, ließ die ganze Mannschaft, alle Posten einziehend, in dasselbe einrücken und verbarrikadierte dann die Hauptzugänge mit Holz, Erde und Steinen. Bald nach Mitternacht gab die an einer kleinen Pforte stehende Schildwache Alarm, und wir hörten nun deutlich das Annähern vieler Fußtritte, sowie ein Summen von verworrenen Stimmen. Da man auf ein dreimaliges Qui vive! der Schildwache keine Antwort hörte, so feuerte diese ab, worauf sogleich eine Salve von den sich nähernden Feinden erfolgte, deren Kugeln aber an den Mauern unserer extemporierten Feste abprallten. Daß die Bande sehr bedeutend sein mußte, war mir jetzt klar, denn es schienen mindestens ein paar hundert Schüsse zu sein, die zumal gefallen waren. Ich traf daher meine Anordnungen so, daß wir uns wenigstens bis zum Anbruch des Tages in der Defensive hielten, denn in dieser Dunkelheit einen unsichtbaren Feind angreifen zu wollen, dessen Stärke und Position man nicht kannte, wäre Unsinn gewesen. Ich machte mich aber auf einen Angriff und guten Empfang von meiner Seite gefaßt. Letzteres war nicht nötig, da der erstere unterblieb und sich die Briganten begnügten, von Zeit zu Zeit gegen das Gebäude zu feuern, aber jedesmal aus einer anderen, ganz verschiedenen Richtung. Die Nacht war sehr finster, stürmisch und regnerisch, und hätten die Briganten mehr Mut und Entschlossenheit gehabt, so konnten sie uns viel zu schaffen machen, besonders da die allenthalben verfallenen Mauern unserer Feste wenig Schutz gewährten und ich sie nicht an allen Orten zugleich stark besetzen konnte. Auch ließ ich alle Lichter löschen. Bald darauf sahen wir dagegen viele Feuer an und in dem Walde auflodern, die der alte Fuchs Benincasa, denn kein anderer als er war es, der diese Banden in Person befehligte, hatte anzünden lassen und durch welche er mich in die Falle und aus meiner Feste zu locken hoffte. Ich erkannte aber gleich, was die Feuer zu bedeuten hatten, übersah meines listigen Gegners Absicht und verließ Fondaco del Fico nicht. Nach anderthalb Stunden erloschen die Feuer allmählich wieder. Als aber der Tag zu grauen begann, erblickten wir zahlreiche Brigantenhaufen am Ausgange des Waldes postiert, die, wie es den Anschein hatte, sich anschickten, uns jetzt offen und am Tage anzugreifen. Ich hielt es für besser, einen solchen Angriff nicht hinter den Mauern abzuwarten, obgleich ihre Zahl wenigstens dreimal stärker war als die unsrige. Ich formierte meine Kompagnie in Sektionen und rückte dann in geschlossener Kolonne gegen die Haufen, die sich, als sie uns herankommen sahen, schlagfertig machten. Im Geschwindschritt vormarschierend, ließ ich, noch einige dreißig Schritte von dem Feinde entfernt, Halt machen, dreimal abfeuern, nachdem ich die Kompagnie schnell in ein Peleton formiert hatte, und dann kommandierte ich: „Fällt’s Bajonett, Sturmschritt, vorwärts, marsch!“ Die Briganten hatten unser Feuer heftig erwidert, mir zehn Mann mehr oder weniger schwer verwundet und einen getötet. Aber auch von ihrer Seite hatten wir mehrere fallen gesehen. Als wir ihnen aber schon dicht auf dem Leibe waren, zogen sie sich laufend in den Wald zurück, hinter den Bäumen hervorfeuernd. Hier konnte ich sie nicht verfolgen, da der Kampf in jeder Hinsicht zu ungleich geworden wäre, und zog mich, als ich auf meiner rechten Seite in einer ziemlichen Entfernung neue Haufen hervorbrechen sah, deren Absicht war, sich Fondacos, wo ich nur einen schwachen Posten zurückgelassen hatte, zu bemächtigen oder mich wenigstens davon abzuschneiden, schnell dahin zurück. Der übrige Teil des Tages verstrich nun, ohne daß wir weiter beunruhigt worden wären. Als aber die Nacht wieder angebrochen war, hörten wir deutlich ein großes Getümmel im Walde, was mir anzudeuten schien, daß die Feinde große Verstärkungen erhalten haben mußten. Etwa drei Stunden nach Sonnenuntergang sahen wir plötzlich mehr als hundert Fackeln ähnliche Lichter hellodernd aus dem Walde hervorkommen und sich gegen unsere Feste zu, deren Barrikaden ich während des Tages noch möglichst hatte verstärken lassen, in Bewegung setzen. Wir erkannten bald, daß die Feuerbrände, welche ein Teil der Briganten in der Hand trug, während sie in der anderen ihre Gewehre zum Abfeuern fertig hielten, große Stücke von fettem, dürrem Nadelholz waren. Als sie sich beinahe auf Schußweite unseren Mauern genähert hatten, ließ ich Feuer auf sie geben, das sogleich erwidert wurde, worauf sie, zum Teil ihre Feuerbrände von sich werfend, einen allgemeinen Angriff auf der Südseite von Fondaco begannen. Dieser war jedoch nur fingiert, wie ich auch gleich vermutet hatte, da ich andere Haufen ohne Fackeln, gleich Schatten, in einer geringen Entfernung von den ersteren gesehen und recht gut bemerkt hatte, daß sich diese, von der Dunkelheit begünstigt, aber doch durch den wenn auch entfernten Fackelschein verraten, von einer anderen Seite Fondaco näherten. Ich ließ sogleich auch die anderen, nach dem Meer zu gehenden Teile der Gebäude möglichst stark besetzen und bewachen. Während wir mit den bereits herangekommenen Briganten im Handgemenge waren, nachdem sie ihre Gewehre und Pistolen abgefeuert, hatten wir uns hauptsächlich ihrer Dolchstöße zu erwehren, denn der Kampf wurde an den Eingängen und Breschen geführt, vernahmen wir plötzlich das Alarmgeschrei auf der anderen Seite, wohin ich jetzt eilte, meinem Leutnant überlassend, die fingierten, aber doch ernstlichen Angriffe zurückzuschlagen. Bald war der Kampf ringsum allgemein, und meine Voltigeurs schlugen mit den Gewehrkolben auf die Feinde los, während ich von einem Posten zum anderen sprang, die Leute zur tapferen Verteidigung aufmunternd. Als ich so hin und her lief, vernahm ich plötzlich an einer etwas von mir entfernten Stelle, wo die Mauer sehr hoch, noch unversehrt und nicht bewacht war, ein Geräusch. Ich näherte mich leise auf den Zehen, blieb dann bewegungslos stehen und entdeckte bald, wie sich zwei Briganten schon an der inneren Mauer sachte herabließen, denen andere, die auch bereits die Köpfe über die Mauer streckten, folgen sollten. Jetzt sprang ich auf den ersten, als er beinahe den Boden erreicht hatte, zu und rannte ihm meinen Säbel durch den Leib, so daß er furchtbar brüllend zu Boden stürzte. Der ihm folgende aber kletterte eiligst wieder das Seil hinan, an dem er sich herabgelassen und das jenseits der Mauer festgehalten wurde. Mit dem Säbel konnte ich ihn nicht mehr erreichen, dagegen schoß ich eine Pistole auf ihn ab, traf ihn aber nicht so, daß er am Entkommen verhindert gewesen wäre. Doch war er, nach dem Blut, das er verlor, zu urteilen, stark verwundet. Der am Boden Liegende winselte und schrie: „Misericordia, misericordia!“ Ich rief nun nach Licht, entwaffnete den schwer verwundeten Gefangenen vollends, ließ ihn vorerst da liegen und beorderte einen Korporal, so lange das Gefecht dauere, die Runde mit drei Mann fortwährend innerhalb der Mauern zu machen, um jedem Versuch eines Übersteigens sogleich zu begegnen. Und wirklich wurde noch zweimal ein solcher gemacht, während der Kampf an den teilweise eingerissenen Barrikaden auf das wütendste fortwährte. Einer der Übersteigenden hatte sich in das Bajonett eines Voltigeurs gespießt, mit dem ihn derselbe aufgefangen hatte. Noch mehrere Stunden dauerte das verzweifelte Gefecht fort, da immer frische Brigantenhaufen in das Gebäude zu dringen versuchten. Schon waren meine Leute sehr ermüdet, sieben derselben außer Kampf gesetzt und zwei getötet, mehrere leicht verwundet. Aber auch die Briganten hatten schon ziemlich viel Tote und Verwundete. Nachdem die Feinde wenigstens zehn- bis zwölfmal ihre Attacke, meistens unter den stärksten Regengüssen, erneuert, auch schon einmal einen scheinbaren Rückzug gemacht und eine halbe Stunde darauf wiedergekommen waren, um mit erneuerter Wut ihre Angriffe zu beginnen, zogen sie sich endlich gegen Morgen, an einem günstigen Erfolg ihrer vergeblichen Anstrengungen zweifelnd, zurück. Was mich hauptsächlich gegen ihre große Übermacht schützte, denn es mochten wohl über tausend Mann sein, die uns gegenüberstanden, war die Regellosigkeit ihrer Angriffe, Mangel an Einheit und Zusammenwirken, da fast jeder nur auf seine Faust tat, was ihm eben das Beste deuchte, und wenig auf ein Kommando hörte. Nur darin stimmten sie überein, daß sie das Gebäude erstürmen und uns ermorden wollten. Hätten sie bei ihrer Übermacht und dem elenden Zustande unserer Befestigungen zumal und auf allen Seiten zugleich den Angriff begonnen, so würden wir einen schlimmen Stand gehabt haben. Durch die Aussagen der zurückgebliebenen Verwundeten, sie hatten deren einige zwanzig nebst elf Toten zurückgelassen, erfuhr ich, daß Benincasa wieder die Seele dieser Expedition war und allem Vermuten nach weitere Versuche der Art machen würde. Indessen waren die mitgebrachten Lebensmittel aufgezehrt, mein ferneres Hierbleiben also unmöglich, auch so ziemlich zwecklos. Meine Instruktion lautete ohnehin, daß, wenn ich binnen drei Tagen nicht durch andere Truppen abgelöst würde, ich zurückzumarschieren habe, weshalb ich beschloß, nach Pizzo und Monteleone aufzubrechen. Aber auch mein Abzug war gefährlich genug, denn die Banden im Walde wurden beständig durch neu hinzukommende Briganten verstärkt und würden uns sicher, unser kleines Häufchen erkennend, jetzt auch im freien Felde überfallen haben. Als ich so überlegte, wie unser Rückzug am besten zu bewerkstelligen sei und mich deshalb auch mit den Unteroffizieren beriet, hörten wir auf einmal Trommelschlag und sahen hinter einem nahen Gebüsch unsere Karabinier-Kompagnie, vom Kapitän Czerny angeführt, zu unserer großen Freude mit blinkenden Gewehren anmarschieren. Jetzt waren wir erlöst. Fast zu gleicher Zeit traf auch noch ein vierzig Mann starkes Detachement von Royal-Corse, das einen anderen, von Neapel kommenden und nach Reggio bestimmten Kurier geleitete, ein, und als ich im Begriff war, abzumarschieren, kamen noch vier Kompagnien vom neunten Linienregiment an, die zur Verstärkung des Belagerungskorps nach Scylla bestimmt waren. Letztere blieben jedoch bei Fondaco über Nacht, während ich mit meinen Voltigeurs und der Eskorte des Kuriers nach Monteleone abging, nachdem ich den Kapitän Czerny noch vorher von allem gehörig instruiert hatte. Die Wege hatten sich durch den vielen Regen seit drei Tagen so verschlimmert, daß ich, obgleich zu Pferde, Mühe hatte, durchzukommen. Ein kleiner Bach, den wir passieren mußten und der uns beim Hermarsch kaum bis an die Waden gegangen, war schon so angeschwollen, daß uns das Wasser bis an die Brust reichte, und so reißend, daß wir wieder, Mann an Mann dicht geschlossen, durch denselben waten mußten. In der Nähe von Pizzo stießen wir auf drei gräßlich verstümmelte Leichname französischer Soldaten, denen Nasen und Ohren abgeschnitten waren und welchen man zum Hohn die Zeugungsglieder in den Mund gesteckt hatte; sogar die Augenhöhlen waren ihnen ausgebohrt. Dieser Anblick versetzte uns in die größte Wut. Das Tschakoschild und die Platten der Patrontaschen, die wir in der Nähe fanden, denn die Leichname waren aller Kleider beraubt, verkündeten uns, daß es Chasseurs vom zwanzigsten Linienregiment waren, von dem eine kleine Abteilung in Pizzo lag. Hier machte ich einen kurzen Halt und ließ Erfrischungen aus dem Städtchen holen, worauf ich, immer unter dem heftigsten Regen, nach Monteleone aufbrach. Aber kaum mochten wir fünfhundert Schritte zurückgelegt haben, als sich eine starke Brigantenbande, wohl an vierhundert Mann, unseren Blicken zeigte und Miene machte, uns das Weitermarschieren ersparen zu wollen. Daß die Übermacht der Kalabresen im Freien eben nicht sehr zu fürchten ist, wußte ich nun schon aus Erfahrung, sowie, daß Entschlossenheit und ein herzhafter Angriff sie schnell zum Wanken bringt. Ich besann mich daher nicht lange und marschierte im Sturmschritt auf den Schwarm zu, der, als wir nahe genug waren, Gewehre und Pistolen auf uns abfeuerte. Auch ich ließ Feuer geben, aber die meisten Gewehre versagten von beiden Seiten wegen der durch das Regenwetter verursachten Nässe. Dennoch hielten die Briganten stand, auf die wir nun mit gefälltem Bajonett eindrangen. Nach geringem Widerstand, wobei sie ihre Dolche wenig gebrauchen und ihre Pistolen, die ohnehin meistens versagten, nicht wieder laden konnten, da wir ihnen keine Zeit dazu ließen, ergriffen sie die Flucht und zerstreuten sich, ihre Toten und Verwundeten im Stiche lassend, die uns in die Hände fielen. Ich verfolgte sie zwar eine kleine Strecke, ließ jedoch bald davon ab, da es unmöglich war, sie zu erreichen. Wir setzten nun unseren Marsch nach Monteleone fort, wo wir am Nachmittag eintrafen. Die gefangenen und verwundeten Briganten, die ich zu Fondaco und bei Pizzo gemacht, wurden noch denselben Tag auf Dürets Befehl erschossen, wie alle Bewohner Kalabriens, die mit den Waffen in der Hand gefangen wurden. Die Banden hörten nicht auf, alle Städte und Ortschaften, in denen sich französisches Militär befand, zu umschwärmen, und machten sich oft mit unglaublicher Frechheit bis vor die Tore der Städte, so daß es keinem einzelnen Soldaten zu raten war, sich nur auf hundert Schritte von denselben zu entfernen. Noch vierzehn Tage blieb das Bataillon, von dem aber beständig zwei Dritteile detachiert oder auf Streifzügen begriffen war, in Monteleone. Diese Stadt, welche eine sehr angenehme Lage in einer schönen Ebene, einer der fruchtbarsten und üppigsten von ganz Kalabrien, hat, ist ziemlich wohlhabend und war kein unangenehmer Aufenthalt für die Kompagnien, die sich nach ihren Strapazen in derselben erholen durften.

Trotz des wütenden Franzosenhasses der Kalabresen, den sie auch ihren Weibern und Kindern einprägten, gelang es mir dennoch, die junge Frau eines Krämers zu Monteleone auf meine Seite zu bringen, mit der mich der Zufall in nähere Berührung gesetzt hatte. Als ich eines Morgens aus meiner Wohnung trat, sprang gleich einem gescheuchten Reh ein junges weibliches Wesen mit feurig schwarzen Augen in dem zierlichen Kostüm dieser Gegend über die Straße hinüber zu einer Nachbarin und verlor dabei ihre große silberne, mit einem dicken Knopf versehene Haarnadel, mit welcher hier zu Lande die Frauen und Mädchen ihr dickes, seidenes Haar aufstecken und zusammenhalten, ohne daß sie ihren Verlust bemerkte. Als glücklicher Finder nahm ich mir vor, den Fund selbst wieder zu übergeben. Sie war aber schon in das Haus getreten, und als ich ihr folgen wollte, kam sie wieder mit aufgelösten Haaren zurück, das Kleinod ängstlich suchend, das ich ihr mit einem: „Ecco signorina quel che cercate!“ überreichte, worauf mir ein „Grazie molto!“ mit einem wohlgefälligen Blick wurde. – „E la buona mano?“ fragte ich nun. – „L’avrete!“ erwiderte sie, sich lächelnd entfernend, mir noch einen seelenvergnügten Blick zuwerfend, indem sie sagte, ihr Mann werde nicht ermangeln, für die buona mano zu sorgen. Was sie damit sagen wollte, begriff ich nicht. Aber eine Viertelstunde daran brachte mir der Mann ein kleines Körbchen mit allerlei Spezereien, womit er mich belohnen wollte, seiner Gattin die silberne Nadel wiedergegeben zu haben. Diese hatte es mit der buona mano ernstlich gemeint, und auch geglaubt, daß es mein Ernst gewesen, als ich eine solche begehrte, worüber ich herzlich lachen mußte. Dem Überbringer aber erklärte ich, daß, wenn ich die Sachen behalten solle, er ein Gegengeschenk dafür annehmen müsse, und ich gab ihm ein neapolitanisches Goldstück, das wenigstens den dreifachen Wert hatte. – „Alle Francesi sind doch keine Diavoli, wie unser Beichtvater versichert,“ meinte der gute Mann.

Die Feuerblicke der jungen Frau hatten indessen mein leicht entzündbares Herz in Flammen gesetzt, und ich spähte bald die Zeit aus, wann sie in die Kirche ging, wo ich aber das Weihwasser zur näheren Bekanntschaft nicht anwenden konnte, da die guten Kalabreserinnen diese Galanterie nicht kannten. Das Kirchengehen hätte mich nicht weiter gebracht, wenn mich nicht ein altes armes Weib beobachtet und bemerkt hätte, daß meine Augen immer mit Wohlgefallen auf der jungen Krämersfrau ruhten. Auch hielt sie mich für einen guten katholischen Christen, da ich, wie ich es schon seit meiner Ankunft in Italien getan, die hauptsächlichsten Zeremonien der katholischen Kirche mitmachte, was die wenigsten anderen Offiziere, wenn sie auch wirklich katholisch waren, taten. Ich gab dem alten Weib einige Male ein Almosen von ein paar Kupfermünzen; die zeigte sich dafür so erkenntlich, daß sie mir beim dritten Male ganz sotto voce sagte, wenn sie mir in irgend etwas dienen könne, ich es ihr nur anvertrauen möge, sie wolle es bestens besorgen, denn sie sähe wohl, daß ich ein buon christiano und kein diavolo francese sei. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß die hübsche Krämersfrau Bettina Bergella heiße und die Tochter eines Seidenwebers sei, die sie als Kind gewartet und oft auf ihren Armen getragen habe, sie erhalte auch immer noch kleine Geschenke von ihr. Ich gab der Alten einen Ducato, der sie noch weit gesprächiger machte, so daß sie mir ohne weitere Umstände erklärte, daß, wenn ich es wünsche, sie die Unterhändlerin zwischen der Signora Bergella und mir machen und die Sache schnell zu einem erwünschten Ziel bringen wolle. Ich nahm das Anerbieten dankbar an, und die alte Hexe hatte es schon in den nächsten vierundzwanzig Stunden so weit gebracht, daß ich eine Zusammenkunft in ihrer Kammer mit der jungen Frau hatte, welche sie zu bereden gewußt und versichert hatte, wie sie mir sagte, daß ich kein Diavolo francese sei, wie ihr Vater, ihr Mann und ihr Beichtvater vorgaben, auch würde sie durch den Umgang mit mir weder länger im Fegfeuer oder gar in der Hölle schmachten, da ich vom Papst selbst, den ich kenne, Absolution für alle Sünden für uns beide erhalten würde. Genug, sie hatte das Weibchen zu beschwatzen gewußt, die sich auch vielleicht gerne beschwatzen ließ und die Gründe der Alten mit Wohlgefallen anhörte. Ich schlich mich in der Dämmerung in die Wohnung der Unterhändlerin, und bald darauf fand sich auch die artige Kalabreserin, direkt von ihrem Vater kommend, daselbst ein. Sie sträubte sich zwar anfänglich ein wenig gegen meine Liebkosungen, aber es war mehr Ziererei als Verschämtheit, und während ich sie mit kalabresischem Feuer in die Arme schloß, machte die Alte die Aufpasserin, damit wir nicht überrascht werden konnten. Ich hatte auf diese Weise wohl ein halbes Dutzend Zusammenkünfte mit Bettina während meines Aufenthaltes in Monteleone. Die alte Hexe, die sich vortrefflich dabei stand und von beiden Seiten Geschenke erhielt, bot sich an, mir noch andere junge Weiber aus dem Orte zuzuführen, wenn es mir Vergnügen mache. Aber ich verbat es mir, auch währte mein Hiersein nur noch wenige Tage, denn ich wurde nochmals mit der Kompagnie, und zwar nach Mileto detachiert, wo wir indessen nur drei Tage blieben. Monteleone war, Cosenza ausgenommen, wohl mit der angenehmste Aufenthalt in ganz Kalabrien, und muß vor dem furchtbaren Erdbeben von 1783, welches die ganze Provinz schrecklich verwüstete und vielen tausend Einwohnern das Leben kostete, noch weit bedeutender gewesen sein. Noch waren hier sowie in Mileto die Spuren von diesem entsetzlichen Naturereignis sichtbar, und allenthalben stieß man auf in Ruinen verwandelte Gebäude. Auch zählten vor diesem Unglück diese Städte mehr als die doppelte, ja dreifache Einwohnerzahl, kaum daß der dritte Teil der zerstörten Häuser wieder aufgebaut war.

Mileto liegt auf einer Anhöhe unfern den Ruinen des alten Miletus. In dieser Gegend war es, wo vor wenigen Monaten der Prinz von Hessen-Philippsthal von Regnier geschlagen worden war. Ich besuchte das Schlachtfeld, auf welchem damals der Besitz des Königreiches entschieden wurde; denn wurde Regnier nochmals geschlagen, so war Neapel für den neuen Herrscher verloren. Von hier wurden wir sowie das ganze in Monteleone, Nicastro und so weiter stehende Bataillon nach Seminara beordert. Der Marsch dahin über Rosarno, Drosi und so weiter und die Wege waren abscheulich. Oft war kaum durchzukommen, und wir mußten ungeheure Umwege machen, um Stellen aufzufinden, wo wir die hoch angeschwollenen Wald- und Bergströme passieren konnten, was immer mit großer Gefahr verbunden war. In Rosarno, sodann in Gioja und Drosi wurde Nachtquartier gemacht, und zu Seminara angekommen, ein Teil des Bataillons nach Palma detachiert. Alle diese Orte waren bei dem schrecklichen Erdbeben von 1783 fast gänzlich zerstört worden und noch weit entfernt, sich nach einem Vierteljahrhundert wieder erholt zu haben. Überall stieß man auf Trümmer, und Seminara, das vor dem Erdbeben mehr als zwölftausend Einwohner zählte, hatte deren jetzt kaum dreitausend, war nur an einer Stelle wieder aufgebaut, und mehr als viertausend Menschen waren unter dem Schutt der eingestürzten Häuser begraben worden. Auch Palma, das an dem Ufer des Meeres liegt, hatte zwei Dritteile seiner Bewohner verloren, war aber wieder sehr regelmäßig hergestellt. Kaum hatten wir zweimal vierundzwanzig Stunden geruht, so wurden zwei Kompagnien, worunter die meinige, vor Sciglio oder Scilla, und zwei andere vor Reggio beordert. Diese beiden Festungen waren noch von den Engländern und Sizilianern besetzt und wurden von uns blockiert und belagert. Scilla, welches der Tyrann Anaxilas von Rhegium gegründet, und das ebenfalls durch jenes Erdbeben stark mitgenommen wurde, liegt in einer weiten Schlucht unfern dem Kap Scilla, zu der man nur von der See aus gelangen kann. Die Stadt selbst, die etwa fünf- bis sechstausend Einwohner zählte, lehnt sich an einen hohen Felsen dieser Schlucht, und auf einem zweiten, ihr gegenüber liegt das feste Schloß, welches von ungefähr fünfhundert Briganten und Sizilianern verteidigt wurde. Eine in den steilen Felsen gehauene schmale Treppe verbindet das Fort mit der Stadt, und vermittelst den in der Meerenge liegenden englischen Schiffen unterhielt die Besatzung ihre Kommunikation ununterbrochen mit Sizilien. Von hier, wo noch wenig Aussicht war, sich dieser Feste zu bemächtigen, wurde meine Kompagnie ebenfalls vor Reggio beordert. Die Wahrscheinlichkeit war aber ebenso gering, diese Stadt zu nehmen, da sie eine gute englisch-sizilianische Besatzung hatte. Es fehlte uns immer noch an hinlänglichem Belagerungsgeschütz, das die Engländer größtenteils gekapert, und die bloße Blockade zu Land, da die Garnison mit allem Notwendigen von der See aus versorgt wurde, brachte uns nicht weiter. Wir waren zehnmal übler daran als die Belagerten, denn wir litten Mangel an allem. Das unaufhörliche Regenwetter machte diese Belagerung oder vielmehr Blockade zu dem unangenehmsten Geschäft von der Welt. Das ganze Erdreich hatte sich sozusagen in Schlamm aufgelöst, alle Waldströme waren ausgetreten. Die Wälder selbst, an vielen Orten nur auf Schußweite von der Küste entfernt, wimmelten von Briganten und Insurgenten, die nicht aufhörten, uns zu beunruhigen, ohne daß wir etwas Nachdrückliches gegen sie zu unternehmen imstande gewesen wären. Sie stürzten sich wie reißende Tiere wütend auf jede Beute, die sich ihnen darbot, und von der sie mit Sicherheit voraussehen konnten, daß sie ihnen zuteil werden mußte. Wir, die Belagerer, waren gewissermaßen wieder belagert und blockiert, da uns von diesen Wald- und Höhlenbewohnern oft die besten Zufuhren weggenommen oder abgeschnitten wurden. Trotzdem mehrere bedeutende Orte, wie Calanna, San Agata und andere Dörfer in der Nähe von Reggio lagen, welche abwechselnd von den Truppen, um sich zu erholen, besetzt wurden, mußten wir doch manchmal eine ganze Woche unter freiem Himmel und im Regen, Schlamm und Wasser kampieren, ohne daran denken zu können, die Kleider am Leibe nur einmal zu trocknen. Denn indem man das Hemd wechselte, wenn man ja eines zu wechseln hatte, wurde dasselbe schon wieder durch und durch naß. Kein Feuer brannte mehr und die aufgeworfenen Erdhütten waren voll Wasser. Man stand oder saß im Morast, während das Wasser am Körper in Strömen herabrollte, und dabei oft kein Stück trockenes Brot, viel weniger etwas Warmes zu essen. Nur Wein und Branntwein war meistens in hinlänglicher Quantität vorhanden. Man sollte kaum glauben, daß Menschen nur vierundzwanzig Stunden solche Strapazen auszuhalten imstande seien. Aber wie vermag sich der Körper nicht abzuhärten! Daß ich in meiner Kindheit und bei Breidenstein so hart und rauh gehalten worden, kam mir jetzt sehr zu statten. Zwar blieb mein Fieber nicht aus, aber China und roter Wein verscheuchten es wieder. Unsere Kranken mehrten sich übrigens bald auf eine Weise, welche Schrecken und Besorgnis einflößen mußte.

Schön ist der Anblick der Meerenge von Messina, das man mit seinem Mastenwald und dem prächtigen Hafen von der diesseitigen Küste erblickt, ebenso im Hintergrunde die Rauchwolken des kolossalen majestätischen Ätna. Bei einer späteren Fahrt durch diese Meerenge mit einer französischen Flotte, 1814, von Korfu kommend, hatte ich Gelegenheit, die herrlichen Küsten Siziliens ganz in der Nähe in Augenschein zu nehmen. Der Gipfel des alten Ätna war jetzt mit Schnee bedeckt, aus dem der Rauch emporzuquellen schien.

Nach beinahe drei Wochen, als wir fast zwei Dritteile der Leute, die nur schlecht gepflegt werden konnten, eingebüßt hatten, wurden wir endlich durch neue, von Neapel ankommende Bataillone abgelöst. Wir marschierten, noch immer unter Regen, fast schuhlos und abgerissen, über Monteleone, Nicastro und so weiter bis nach Cosenza zurück. Es war wirklich ein Jammer, anzusehen, wie die Leute auf den grundlosen Wegen, mit den mit Stricken an den Füßen befestigten Stücken von Ziegenfellen, die immer wieder rissen, bei der schlechtesten Kost, vorwärts mußten. Auch die Gamaschen und Beinkleider hingen schon ziemlich zerlumpt um die Waden. Oft bedurfte es keiner geringen Anstrengung, die Füße aus dem Morast zu bringen, wo dann die Schuhlappen oder Felle noch stecken blieben und mit bloßen Füßen weiter marschiert werden mußte, bis man wieder etwas fand, sie zu bedecken. Erst in Cosenza wurde diesen beklagenswerten Übelständen teilweise abgeholfen, neue Schuhe ausgeteilt und ein vierwöchentlicher Sold ausgezahlt. Wir befanden uns wie in einem Paradies, und die Soldaten vergaßen in den Schenken jubilierend alles ausgestandene Ungemach bei dem starken roten Wein. Nach einer fünftägigen Rast und bestmöglichster Restauration brachen wir nach Neapel auf. Aber die Wege waren nicht besser, wohl noch schlimmer, die Bäche und Flüsse kaum mehr zu passieren, und ehe wir nach Tarsia kamen, ertranken vier Mann in dem Fluß Crati, durch den Strom von der Masse weggespült, hinter Castrovillari wieder zwei in einem Waldbach. Endlich rückten wir anfangs Dezember, nach unbeschreiblichen Strapazen und Entbehrungen, ganz zerlumpt und mit kaum einem Dritteil der ausmarschierten Mannschaft in Neapel ein, wo ich mein altes Quartier in Giesù nuovo wieder bezog und mehrere Briefe vorfand, unter denen einer, der mir Gertrudens glückliche Niederkunft meldete.

Schon in den ersten zwei Tagen übergab mir Madame Gasqui die Rolle des Britannikus, mit der Bitte, sie doch möglichst schnell einzustudieren, da die Königin den Wunsch geäußert habe, dieses Trauerspiel von Racine aufführen zu sehen. – „Aber, lassen Sie mich um Gotteswillen nur zu Atem kommen,“ bat ich die in mich dringende Schöne, und acht Tage später spielte ich wirklich den Britannikus ganz zur Zufriedenheit Ihrer Majestät, wie sie mir selbst zu versichern geruhte, und hoffte nun für die ausgestandenen Leiden ein recht vergnügtes Hofleben, ein angenehmes Weihnachtsfest, und einen noch fröhlicheren Karneval in der Hauptstadt des irdischen Paradieses, in welchem ich auch mein Helenchen wieder aufgesucht und einige sehr schöne Hofdamen in Perspektive hatte, in dolce giubilo zuzubringen. Aber ich machte die Rechnung ohne den Wirt, denn acht Tage nach der Vorstellung des Britannikus eröffnete mir der Oberst Omeara, daß ich nebst noch sieben anderen Offizieren, von den beiden ersten Bataillonen, wieder nach Genua abgehen müsse, wo ein viertes Bataillon aus der dort im Depot angekommenen Mannschaft schnell formiert werden solle und zu dem ausdrücklich die tüchtigsten Offiziere des Regiments versetzt werden müßten, da, wie es schien, dasselbe eine besondere Bestimmung erhalten würde. Schon den nächsten Tag erhielten wir unsere Marschrouten nebst der Ordre, in drei Tagen abzureisen. Ich ordnete meine Sachen, nahm von Moritz und den anderen Bekannten und Damen Abschied, und machte mich an dem festgesetzten Tage mit meinen Kameraden auf dem Wege nach Rom.