Ich war mit den mit mir versetzten Offizieren übereingekommen, daß wir diesmal mit ein paar Vetturini die Reise so weit es tunlich, zurücklegen wollten. Mein Pferd, eines hatte ich verloren, ließ ich durch meinen Burschen nachbringen. Wir fuhren ein paar Stunden vor Sonnenaufgang zu dem nach Aversa führenden Tor hinaus, und kamen schon am Abend des folgenden Tages in Rom an. Hier weilten wir vierundzwanzig Stunden, und ich suchte außer der Prinzessin Cesarini, die über mein unverhofftes Kommen erfreut und erstaunt war, und mit einem triumphierenden Blick mir den zur Welt gebrachten Knaben zeigte, aber trostlos schien, als ich ihr meine so nahe bevorstehende Abreise verkündete, niemand auf. Ich schied von ihr, die Hoffnung aussprechend, daß wir uns in ganz kurzer Zeit und dann gewiß auf länger wiedersehen würden. Sie erzählte mir viel von den Unannehmlichkeiten, denen sie fortwährend hauptsächlich durch die Verwandten ihres Mannes ausgesetzt sei, die ihr das Leben schrecklich verbitterten.
Wir setzten unseren Weg über Florenz, wo wir einen Tag blieben, fort, und fuhren dann rastlos über Pistoja, Lucca, Massa, Spezia, Chiavari und so weiter, später Extrapost nehmend, bis Genua, wo wir in der zweiten Hälfte des Dezembers eintrafen, und wo uns Herr von Brüge bei den neu errichteten Kompagnien einteilte. Nach und nach wurden zu jener Zeit die Regimenter bis auf sechs Bataillone, ohne das Depot, gebracht und erhielten dann noch einen Colonel en second. Mir wurde die Karabinier-Kompagnie des neuen Bataillons zuteil. Zugleich wurde uns angekündigt, daß sich dasselbe spätestens in drei Tagen einschiffen müsse, um mit dem ersten günstigen Wind nach Marseille abzufahren, wo wir vermutlich weitere Order erhalten würden. Die wenigen Tage unseres Aufenthaltes in Genua brachte ich meistens in den Kasernen und bei Brüges zu, ohne meine früheren Bekanntschaften aufsuchen zu wollen. Namentlich vermied ich es sorgfältig, mit der tollen Giulietta zusammenzutreffen. Erst den Tag vor unserem Einschiffen machte ich meinem alten Gitarrenlehrer einen Besuch, und erfuhr von diesem daß die Marchesa P... noch immer kränkle, die Spinola melancholisch sei und die Palatini sich oft nach mir erkundige. Letztere wünschte ich noch zu sehen, und die alte Guercino veranstaltete, daß ich am Abend vor unserer Einschiffung noch eine Zusammenkunft mit ihr hatte, die wegen der schnellen Trennung, mein Dasein war fast nur eine Erscheinung, recht zärtlich-traurig ausfiel. Guercinos schenkte ich eine Quadrupel. Das Geld, das ich der Kompagnie in Kalabrien vorgeschossen, hatte ich mir einstweilen in Neapel von Moritz geben lassen, und diesen deshalb auf die Regimentskasse angewiesen, sobald bezahlt würde, was auch einige Wochen nach unserer Abreise geschah. Erst den fünften Tag verließen wir mit günstigem Wind den Hafen von Genua, in mehreren Felukken und anderen Küstenfahrern eingeschifft. Es war zehn Uhr morgens, als wir die Anker lichteten. Der uns gut zu statten kommende Nordost blies tüchtig in die Segel, war aber auch Schuld, daß die kleine Flottille bald getrennt war. Einige Fahrzeuge derselben entfernten sich von der Küste und steuerten gegen Süden. Die Unglücklichen! Sie wurden noch denselben Tag von einer englischen Fregatte genommen, ohne den geringsten Widerstand leisten zu können. Die Felukke, auf der ich mich befand, hielt mit noch einigen anderen, die bei uns geblieben waren, in Albenga, Monaco und auf meine Veranlassung an der Insel Porquerolles an, um uns dort zu restaurieren. Den dritten Tag nach unserer Abfahrt von Genua liefen wir glücklich in den Hafen von Marseille ein, wo wir ein paar Tage in der Quarantäne zubringen mußten. Noch fehlte das Schiff, auf welchem sich unser Bataillonschef, Herr von St. Agneau, befand, und wir glaubten es auch von den Engländern gekapert, aber vierundzwanzig Stunden später traf es ein. Aus der Quarantäne entlassen, marschierten wir sogleich, ohne uns in Marseille aufzuhalten, nach Aix ab. Unsere Bestimmung lautete vorerst nach Perpignan. Wir kamen nun über Lambeß, Orgon, Saint Remis, Tarascon, Lünelle, lauter mir schon bekannte Orte, nach Montpellier, wo wir einen Rasttag hatten. Hier besuchte ich die Herren Michel und Gayral und fand Madame Gayral ziemlich verändert, ebenso die Verteuil, die noch bei dem Theater daselbst war. Von hier kamen wir über Gignac, Mèze, einem Städtchen von viertausend Einwohnern, nach Pezenas, das ein Schloß mit einer sehr schönen Aussicht hat und schon zur Zeit der Römer wegen seiner feinen Wolle berühmt war. In Beziers, wohin wir den folgenden Tag marschierten, hatten wir wieder Rasttag. Diese alte Stadt hatte noch Mauern und antike Türme und liegt an der Orbe und dem Kanal Du Midi. Auch ihre Lage ist entzückend und die Einwohner sind davon so eingenommen, daß sie ein Sprichwort haben, welches sagt: „Wollte Gott die Erde bewohnen, so würde er keinen anderen Ort als Beziers zum Aufenthalt wählen.“ Dagegen ist die Stadt selbst um so weniger einladend und hat meist enge, finstere, krumme und schmutzige Straßen. In einer engen Gasse liegt der gotische Palast der Montmorency. Ein Narr aus dieser Familie hatte hier jenes Gemälde, die Sündflut darstellend, verfertigen lassen, unter welchem man die Worte las: „Ah mon Dieu, sauvez la maison des Montmorency!“ Indessen gab es solche Stammbaumsnarren in allen Ländern, wo Ahnen spukten, und auf die gar oft ein stämmiger Kutscher oder tüchtiger Jäger ein Reis pfropfen mußte, sollte er nicht völlig eindorren. Als wir in Perpignan, unserem geglaubten Bestimmungsort, ankamen, nahm ich wieder mein altes Hilfsmittel, einen gewandten Haarkünstler und Bartkratzer zur Hand, hauptsächlich, um mir ein angenehmes Quartier ausfindig zu machen, da die Einquartierungsbillette nur auf drei Tage lauteten. Mit seiner Hilfe fand ich auch schon den zweiten Tag ein solches bei der artigen Frau eines Officier payeur namens Delongé, der bei der Armee in Deutschland stand und seine trauernde Gattin nur selten mit Nachrichten von sich erfreute. Ich mietete sogleich auf einen ganzen Monat für achtzehn Franken, ohne zu handeln, ein paar Zimmer. Die junge Dame war aus Bordeaux gebürtig, wo ihr Vater, früher ein reicher Kaufmann, falliert hatte, und der nun eine untergeordnete Stelle in Perpignan bekleidete. Die französischen Sitten und selbst die Sprache, das languedoquer Patois, die von den italienischen so sehr abwichen, kamen mir jetzt fast sonderbar vor. Der zweijährige Aufenthalt in Italien hatte mich denselben ganz entfremdet. Der Abstand ist so groß, als läge das Weltmeer zwischen beiden Ländern. Doch fand ich mich schnell wieder in das französische Wesen.
Meine artige Hauswirtin bat ich, mir den Mittagstisch bei ihr, versteht sich gegen gehörige Vergütung, zu geben, wozu sie sich aber nicht verstehen wollte und überhaupt gegen die Gewohnheit der militärischen und auch anderer Strohwitwen sehr spröde tat, kaum daß sie mir die Hand zum Kuß erlaubte, und wenn ich ihr dieselbe drücken wollte, gleich mit einem: „Fi donc, vous me faites mal“ bei der Hand war. Drei Tage wohnte ich schon bei ihr, hatte es aber noch nicht weiter als bis zum Handkuß beim Willkomm und beim Abschied bringen können. Den vierten wurde plötzlich bei der Parade der Befehl bekannt gemacht, daß wir in zweimal vierundzwanzig Stunden nach Bayonne abmarschieren würden. Ich teilte diese Nachricht sogleich der Madame Delongé bei meiner Nachhausekunft mit, worüber sie ganz erstaunt zusammenfuhr und zu erschrecken schien und endlich mit einem „Vous plaisantez“ herausfuhr. „Point du tout, c’est très serieux,“ erwiderte ich, und mich stellend, als setze ich dies Erschrecken auf Rechnung der Miete, fügte ich hinzu: „Aber seien Sie ganz ruhig, die Miete werde ich doch für den ganzen Monat berichtigen.“ Errötend ließ sie nochmals ein: „Fi donc, halten Sie mich für so interessiert?“ fallen. – „Also ist es wirklich an dem, daß Ihr Bataillon schon übermorgen Perpignan verläßt?“ – „Leider nur zu wahr,“ seufzte ich, ihr die Hand wieder küssend und drückend, und diesmal erfolgte kein ‚Fi donc‘, sondern man ließ das niedliche Pätschchen in der meinigen ruhen. Ich zog es nun näher an mich, drückte es, ohne Widerstand zu finden, an mein Herz und bald darauf einen Kuß auf die sich rötenden Wangen der Dame. – „Sehen Sie,“ sagte ich ihr jetzt, „was wir für eine kostbare Zeit vertändelt haben; daran ist allein Ihre unzeitige Sprödigkeit schuld.“ – „Ja, wer hätte auch denken können, daß ...“ Hier blieb sie, sich besinnend, plötzlich stecken. – „Fahren Sie doch fort, meine Schöne: daß wir uns so schnell trennen müssen? Ist es nicht das, was Sie sagen wollten?“ – „Das nicht, aber –“ „Aber es ist doch so,“ ergänzte ich nochmals, zog die immer röter werdende Madame Delongé an mich, und bald lag sie umschlungen in meinen Armen, Brust an Brust. – „Sehen Sie, so geht es, wenn man die Grausame zur Unzeit spielen will.“ Es kam nun zu einem allerliebsten Schäferstündchen, nach dem mir die Dame offen gestand, daß, da die Herren vom Militär in der Regel so sehr volage seien, sie geglaubt habe, mich besser zu fesseln, wenn sie mich lüsterner nach der verbotenen Frucht mache; „denn,“ setzte sie hinzu, „gar bald wird man vernachlässigt, wenn man sich so schnell ergibt.“ – „So, also haben Sie schon die Erfahrung gemacht,“ versetzte ich lachend. – „Das eben nicht, aber so habe ich immer gehört.“ – „Ah, das ist etwas anderes; aber lassen Sie uns die kurze Zeit, die uns noch übrig bleibt, wohl nutzen.“ Dies taten wir denn auch, und so wohl, daß ich die zwei Nächte, die wir noch in Perpignan blieben, fast kein Auge zu schließen vermochte. Auch hatte ich nun die Ehre, ihr Tischgenosse mittags und abends zu sein, wofür ich Antoinetten, so durfte ich sie jetzt nur noch nennen, ein schönes goldenes Armband mit drei Pensées und dem eingegrabenen Datum, aber ohne Namenszug, vor der Abreise zum ewigen Andenken verehrte. Auch das sie bedienende Mädchen, das in einem Kämmerchen neben der Herrin schlief und nur durch eine dünne Bretterwand von derselben geschieden war, bedachte ich großmütig, damit sie reinen Mund halte und die Blinde, Taube und Stumme spielen möchte, wenn sie mich allenfalls in den bloßen Strümpfen in das gastfreundliche Seitengemach schlüpfen sah oder hörte; doch glaube ich nicht mit Unrecht, daß sie die sehr Vertraute ihrer Dame war. Eben schlummerte ich ein wenig, als am Morgen nach der zweiten Nacht die Tambours das unerbittliche Rappellieren hören ließen. Ich nahm noch einmal Abschied, warf mich in die Uniform, schnallte den Degen um und riß mich nach einem letzten Kuß aus Liebchens heißen Armen. Eine Stunde darauf befand ich mich mit dem Bataillon auf dem Marsch nach Salces, von wo es über Narbonne nach Carcasonne, der Hauptstadt des Departements Aude, die am Fluß dieses Namens und an dem Kanal Du Midi liegt, ging.
Von hier führte uns der Weg über Villepinte nach Villefranche, einem kleinen Städtchen im Departement Haute-Garonne, und von da nach Toulouse, wo mir ein Sejour gestattete, diese alte berühmte Stadt wenigstens oberflächlich kennen zu lernen.
Toulouse liegt an der Garonne, die sie in zwei Teile teilt, von denen der kleinere St. Cyprien heißt; beide sind durch eine sehr schöne Brücke verbunden, zu der ein Triumphbogen führt, der im siebzehnten Jahrhundert erbaut wurde. Wälle und alte Mauern befestigen die Stadt, die breite, gutgepflasterte Straßen, zum Teil schöne Häuser, einige große Plätze und sehr schöne Promenaden hat, wozu man die herrliche Esplanade zählen muß. Auch ist hier eine gute Kanonengießerei. Die Zahl der Einwohner mag an achtzigtausend betragen. Die Lage und die Umgebungen der Stadt sind himmlisch. In dieser Stadt wurde 1762 der unglückliche und unschuldige Calas als ein Opfer des scheußlichen Ungeheuers, religiöser Fanatismus genannt, hingerichtet.
Von Tarbes kamen wir nach dem Geburtsort Heinrich IV., Pau, der ehemaligen Hauptstadt von Bearn, jetzt die der Basses-Pyrenées. Bernadotte, der nachmalige König von Schweden (Karl XIV.), wurde hier geboren. Sie liegt am rechten Ufer der Gave de Pau, hat ziemlich breite und gut gebaute Straßen und an neuntausend Einwohner. In den Mauern des alten, einer großen Burg ähnlichen Schlosses, das dereinst die Residenz der Könige von Navarra war, hat Heinrich IV. das Licht der Welt erblickt. Zur Zeit der französischen Revolution wurde es sehr mitgenommen und dann zum Staatsgefängnis gemacht; aber der Park, in welchem Heinrich so oft der Jagdlust pflegte, ist noch vorhanden, ebenso der Cours Bayard, der eine der besuchtesten Promenaden ist, deren es hier sehr schöne gibt. Von der Brücke, die über den Gave de Pau führt, hat man eine großartige Aussicht auf die sich riesenmäßig amphitheatralisch erhebenden Pyrenäen. Der Aufenthalt in Pau ist wegen seiner reinen und gesunden Luft sehr gesucht, und das ganze Jahr hindurch halten sich viele Fremde hier auf; auch ist das Leben angenehm und wohlfeil, die Einwohner sind leutselig und gefällig. Die Umgegend ist entzückend und sehr malerisch.
In Pau sollten wir bis auf weitere Order liegen bleiben; die ganze Umgegend, besonders nach Bayonne zu, wimmelte von Truppen jeder Waffengattung, die zum Teil auf Wagen herbeigefahren waren, was uns nicht so gut geworden. Niemand konnte noch mit einiger Gewißheit sagen, was diese abermalige Versammlung eines Heeres in dieser Gegend bezwecke, obgleich jedermann der Meinung war, daß es auf Spanien abgesehen sein müsse und wir dem Marschall Jünot folgen würden, da schon Truppen vom zweiten sogenannten Observationskorps in Spanien eingerückt waren.
Die Weihnachten und das Neujahr 1808 hatten wir diesmal auf dem Marsch zugebracht, ohne an irgendeine Feier zu denken. Jetzt erhielt das Bataillon Befehl, gegen Bayonne aufzubrechen, in dessen Nähe es verlegt werden sollte. Zu der nach Spanien bestimmten Armee hatte man besonders neu formierte Korps gebildet, welche die Benennung Legions de reserve für die Infanterie und Regiments provisoirs für die Kavallerie, Dragoner, Kürassiere, Chasseurs à cheval und so weiter erhielten. Die Mannschaft dazu hatte man teils aus den Depots anderer Regimenter, teils aus der antizipierten Konskription von dem Jahre 1808 genommen. Schon längst hatte ich eine Versetzung in ein französisches Regiment und das Regiment Y. zu verlassen gewünscht, aber bis jetzt vergeblich darnach getrachtet, und am liebsten wäre ich zur leichten Kavallerie, namentlich den Husaren oder Chasseurs à cheval gegangen. Jetzt schien mir die Formierung des nach Spanien bestimmten Heeres eine passende Gelegenheit, dieses Projekt auszuführen und die Versetzung zu einem anderen Regiment durchsetzen zu können, obgleich ich aller Protektion dazu entbehrte. Meine Dienstzertifikate hatte ich mir vor unserer Abreise nach Neapel ausfertigen lassen. Ich lag mit meiner Kompagnie in einem ungefähr anderthalb Stunden von Bayonne entfernten Weiler, besuchte aber oft diese Stadt, in welcher sich jetzt ein sehr glänzender und zahlreicher Generalstab befand. Hier war das große Depot für alle nach Spanien bestimmten Truppen, wo es beständig von Offizieren und Soldaten aller Waffengattungen wimmelte. So machte ich in einem Kaffeehause die Bekanntschaft eines Stabsoffiziers vom zweiten Regiment garde de Paris, das dem zweiten Observationskorps der Gironde zugeteilt war, welches der General Düpont en Chef kommandierte. Durch diesen Offizier, einen Bataillonschef namens Bardin, erfuhr ich, daß unser ehemaliger Oberst, Fürst Y..., ganz kürzlich als Brigadegeneral bei der ersten Division des vom Marschall Moncey befehligten Observationskorps stand. Bardin hatte den Fürsten öfters in Paris gesehen und fragte mich nach dessen Verhältnissen in Deutschland; wir waren beide bald darin einverstanden, daß sich derselbe niemals als ein großer Kriegsheld im Feld hervortun würde, auch riet mir Bardin, alles anzuwenden, um in ein anderes Regiment zu kommen, da das Regiment Y... sowie Latour d’Auvergne in einem schlimmen Ruf in der Armee stünde wegen der Desertionen und Exzesse, welcher sich Soldaten und Offiziere desselben schuldig machten. Ich erwiderte ihm, daß der Rat wohl gut und dies schon längst mein Wunsch sei, aber es mir durchaus an Bekanntschaften fehle, um ihn in Erfüllung zu bringen, und dies um so schwerer sei, weil ich kein geborener Franzose, sondern jetzt ein Untertan des Großherzogs von Frankfurt sei. Bardin erkundigte sich nach meinen bisherigen Dienstverhältnissen, nach den Kampagnen, die ich bereits gemacht, und ersuchte mich, ihm meine Etats de services den nächsten Tag mitzubringen, er könne vielleicht Mittel und Wege finden, mir in dieser Angelegenheit behilflich zu sein. Mit Freuden tat ich, was er verlangte, und brachte ihm schon den nächsten Morgen die gewünschten Papiere in sein Quartier. Nachdem er sie durchgesehen, versprach er mir, sich bei dem General Legendre, den er persönlich kenne und der Chef vom Etat-Major bei dem vom General Düpont befehligten Armeekorps von fünfundzwanzigtausend Mann sei, für mich zu verwenden und mich ihm bestens zu empfehlen. Bald versicherte er mir, daß meine Angelegenheit recht gut stünde und ich nächstens Neues erfahren werde; in der Tat wurde ich schon zehn Tage später auf Befehl des Marschall Moncey provisorisch der dritten Legion der Reserve zugeteilt und bald darauf vom Kriegsminister definitiv bei derselben angestellt.
Von Bayonne wurde ich nach Bordeaux beordert, wo noch eine Abteilung der Legion, bei der ich jetzt stand, lag. Ich fuhr mit der Post dahin und ließ meine beiden Pferde – ein zweites sehr gutes hatte ich in Pau gekauft – durch meinen Reitknecht nachbringen. Ohne mich irgendwo aufzuhalten, erreichte ich diese berühmte Handelsstadt Frankreichs und meldete mich bei dem das zweite Bataillon kommandierenden Bataillonschef, der mir die dritte Kompagnie seines Bataillons übergab. Diese Legionen hatten weder Grenadier-, Karabinier- noch Voltigeurkompagnien. Herr Marlot, so hieß mein Chef, nahm mich recht freundlich auf und teilte mir mit, daß er jeden Tag den Befehl zum Abmarsch nach Bayonne erwarte, da die vier letzten Kompagnien schon völlig organisiert und marschfertig seien. Ich ließ mir schnell die bei meiner Legion notwendige neue Uniform machen und gab meinen neuen Kameraden, die sämtlich aus verschiedenen französischen Regimentern zu derselben versetzt worden waren, ein kleines Fest, nämlich ein Dejeuner, bei dem die Bayonner Schinken und die besten Bordeauxweine die Hauptbestandteile ausmachten und in Überfluß serviert wurden. Denselben Abend besuchten wir das große schöne Theater, unstreitig das schönste in Frankreich, das 1781 erbaut wurde und ein Meisterstück des Architekten Louis sowie der Baukunst überhaupt ist. Seine prächtige Fassade ist mit zwölf korinthischen Säulen verziert, und zwölf mit den Säulen korrespondierende Statuen schmücken die Balustrade. Das Vestibül und die Prachttreppe sind majestätisch. Außer der großen Bühne, die zum Teil außerordentlich schöne Dekorationen, wirkliche Meisterstücke der Dekorationsmalerei aufzuweisen hat, sind noch viele Säle, wie der für Konzerte, der prächtige Foyer, der Malersaal und so weiter, alle der Pracht des Gebäudes entsprechend, in demselben.
Den sechsten Tag nach meiner Ankunft zu Bordeaux erhielten wir Befehl zum schleunigen Abmarsch, den wir den folgenden in aller Frühe antraten. Durch verschiedene unbedeutende Orte kamen wir nach Bayonne, wurden aber vorerst nach Hasparren, einem Kantonsstädtchen in der Nähe von Bayonne, verlegt, wo wir jedoch nur zwei Tage blieben. Es war jetzt die ganze Gegend so sehr mit Truppen aller Art angefüllt, daß nicht selten Stabsoffiziere in den elendesten Baracken einquartiert waren. Ich selbst hatte noch ein ziemlich leidliches Quartier mit noch einigen Offizieren bei einem Viehhändler.
Die Vereinigung einer solchen Truppenmasse auf diesem Punkt und der Zweck derselben war, wie gesagt, noch immer ein halbes Rätsel. Daß es Spanien gelten solle und wir den schon daselbst befindlichen Truppen folgen würden, war ein großes Geheimnis, das noch niemand zu enthüllen vermochte. Aber was dort tun, da ja Frankreich im tiefsten Frieden mit diesem Lande lebte und sein Herrscher der beste Freund Karls IV. schien. Daß das kleine Portugal eine solche Heeresmasse notwendig mache, wollte niemand einleuchten; aber niemand fiel es auch nur im Traum ein, daß es auf Spanien abgesehen sei, und keiner von uns hielt damals den Kaiser Napoleon solcher heillosen Intrigen fähig, wie er sie bald darauf anspann. Diese große Beutelschneiderei, denn wie soll man es anders nennen, durch welche er Spanien an sein Haus bringen wollte, war eine ebenso dumme wie unpolitische Büberei, ein Schurkenstreich, der bittere Früchte tragen mußte und der, als er bekannt wurde und offenbar am Tag lag, auch die eifrigsten Verehrer und Anbeter seines Urhebers tief betrübte und verletzte; dabei wurde alles so linkisch angesponnen und angegriffen, daß es kaum zu begreifen war, wo Napoleon seinen Kopf hatte; denn hätte er sich nur öffentlich gegen den mit Recht verhaßten und verachteten Friedensfürsten Godoy erklärt und dann dem spanischen Volk einige Monate Zeit gelassen, seinen angebeteten Götzen Ferdinand VII. näher kennen zu lernen, so hätte er das leichteste Spiel von der Welt und die ganze spanische Nation für sich gehabt, so wie seine erbärmliche Hinterlist und dummtückischen Streiche ihm dieselbe notwendig zum erbittertsten Feind machen mußten. – Diese verblendete Einsichtslosigkeit und Schlechtigkeit mußte Napoleon schwer büßen.
Der geheime Vertrag, der im Oktober 1807 zwischen beiden Kronen abgeschlossen war, besagte, daß ein Korps von vierundzwanzigtausend Mann französischer Truppen sich im November bei Bayonne versammeln und bereit halten sollte, in Spanien einzurücken, um nach Portugal zu marschieren und den Engländern, welche dieses Land unaufhörlich bedrohten, zuvorzukommen. Diesen Heerhaufen hatte man das erste Observationskorps der Gironde genannt, und es rückte schnell in Spanien vor. Hierauf wurde sogleich ein zweites, ebenso starkes formiert und nach Bayonne und die Umgegend verlegt, zu dem wir gehörten; auch dieses sollte nun schnell in Spanien einrücken, aber immer als Verbündete des Herrschers dieses Landes. Schon anfangs Dezember war ein Teil desselben dem ersten Korps nach Spanien gefolgt, und unsere Legion erhielt noch in der ersten Hälfte des Monats Januar denselben Befehl. – St. Jean de Lüz, ein großer Hafen im Golf der Gascogne, eine Grenzfestung gegen Spanien mit ungefähr viertausend Einwohnern, war das letzte französische Nachtquartier vor unserem Einmarsch in Spanien. Hier war es, wo Ludwig XIV. nach dem mit diesem Land geschlossenen Frieden 1660 seine Vermählung mit der Infantin Maria Theresia, der Tochter Philipps IV., feierte. 1793 hatte daselbst ein Gefecht zwischen den Spaniern und den Franzosen stattgefunden. – Es war den 13. Januar 1808, als wir über die Bidassoa gingen, die Spanien von Frankreich trennt, und so die Grenze überschritten. Auch dieser Fluß war ein verhängnisvoller Rubikon für Napoleon.