IX.
Einmarsch in Spanien. – Die baskischen Provinzen. – Miranda de Ebro. – Der Engpaß Garganta Pancorbo. – Briviesca. – Burgos. – Quintana de la Puente. – Valladolid. – Ein Autodafé. – Eine schöne Andalusierin. – Ungewißheit und Gerüchte über Napoleons Absichten hinsichtlich Spaniens. – Marsch nach Segovia. – Biwak bei Segovia. – San Lorenzo. – El Pardo. – Glänzender Einmarsch in Madrid.

Unser erstes Nachtquartier auf spanischem Boden war Irun, ein sehr altes Nest, das schon zur Zeit der Römer stand und jetzt kaum zweitausend Einwohner zählen mochte, die größtenteils von den Passanten leben, die sich von Frankreich nach Spanien und umgekehrt begeben. Diese Stadt mit ihren schmutzigen, schlecht gebauten Straßen gab uns eben keinen guten Vorgeschmack von dem, was uns in Spanien erwartete. Hier begann in einer Hinsicht so ziemlich wieder das italienische Leben, das heißt, die Leute wurden nicht einquartiert, sondern in Kasernen oder andere große Gebäude gelegt und später auch wieder in Kirchen und Klöster; sie bekamen ihre Rationen Fleisch, Brot, Wein, Zugemüse und so weiter und mußten sich alles selbst kochen und zubereiten; dies ist zwar auch der Fall in Frankreich, aber außer dem, daß der Soldat bei dem Bürger einquartiert ist, der ihm auch Holz und Licht geben muß, geschieht es nicht selten, daß letzterer noch einen Extrabraten und allerlei Zutaten in die Küche seiner Einquartierung liefert, wenn er nicht zu den Schmutzfilzen gehört. Die gelieferten Rationen waren in Spanien im Durchschnitt noch weit schlechter als in Italien, besonders das Ziegenfleisch von keiner guten Qualität. – Wenn man die auf gemeinschaftliche Kosten Spaniens und Frankreichs erbaute und unterhaltene Brücke der Bidassoa passiert hat, befindet man sich in der Guipuzcoa, die nebst Biscaya und Alava die baskischen Provinzen bildet. Hier erinnert auch nichts mehr an das eben verlassene Frankreich; Charakter, Sitten, Gebräuche und selbst die Bauart und die Wohnungen sind so himmelweit verschieden, daß man glauben sollte, beide Länder wären durch viele hundert Meilen getrennt, und man sei durch einen Zauberflug von dem einen in das andere versetzt worden. Das Hauptquartier unseres Armeekorps war in Valladolid, und die Legionen und Regimenter kantonnierten längs dem Duero. Die vier ersten Kompagnien unserer Legion wurden in die Gegend von Burgos verlegt, wohin vorerst unsere Bestimmung lautete. Von Irun marschierten wir über Hernani nach Tolosa. Der Weg ging durch ein fruchtbares und gut angebautes, lachendes Tal, in dem Hernani, ein großer von Bergen umgebener Flecken, der blendend weiße Häuser und schöne Baumgruppen hat, liegt. Tolosa ist kein unfreundliches Städtchen am Oria und Araxes, über den letzteren führt eine hübsche Brücke mit einem Turm. Die Stadt konnte ungefähr fünftausend Einwohner haben. Jeder Einwohner, jeder Bauer dieser Provinz behauptet, er sei von Adel, und wer kann ihm diese Behauptung streitig machen, als etwa ein hirnverrückter Stammbaumfabrikant?

Noch zeigten sich die Bewohner der baskischen Provinzen nicht feindselig gegen uns, obgleich manche dieser verbrannten Gesichter allerdings schon Mißtrauen ausdrückten und uns mit zweideutigen Blicken ansahen. Die Frauen und Mädchen dieser Gegend sind niedliche Geschöpfe, und die Landmädchen, welche ihre Haare in langen, mit Bändern geschmückten Flechten, die ihnen über die Schultern herabfallen, tragen, sind äußerst lebhaft und munter; auf dem Kopf haben sie dünne Musselinschleier, die um die Achseln fliegen, geheftet. Die es nur irgend aufbringen können, tragen goldene Ohrringe, mitunter auch Perlen und Halsketten von Korallen. Ihr Anzug ist sehr nett, und da sie in der Regel gut gewachsen sind, so stehen ihnen ihre Leibchen und Jäckchen allerliebst. Was mich hier am meisten ärgerte, war, daß ich mich mit den Einwohnern und also auch mit den Frauen weder verständigen noch unterhalten und deshalb an keine galanten Abenteuer denken konnte. Ich hatte geglaubt, mir mit dem Italienischen helfen zu können, wenn ich an das Ende der Wörter nur ein s oder os hinge; aber dies ging nicht, namentlich in den baskischen Provinzen, wo die Sprache eine ganz verschiedene ist; aber auch in einem großen Teil des übrigen Spaniens konnte ich mir nicht wohl damit forthelfen, da, wenn auch die Worte oft ganz ähnlich, ja sogar ganz dieselben, Aussprache und Akzent jedoch himmelweit verschieden sind und man sich erst an diese gewöhnen muß, namentlich in den Provinzen, wo das Spanische schlecht oder verdorben gesprochen wird. Ich nahm mir zwar vor, jetzt die spanische Sprache zu studieren, aber hierzu ließen mir die Kriegsbegebenheiten und Unruhen wenig Zeit, und ich konnte es nicht weiter bringen, als mich notdürftig im Spanischen auszudrücken, auch kamen wir, einige Fälle ausgenommen, zu wenig in nähere Berührung mit den Einwohnern; doch konnte ich bald den Cervantes, Calderon, Lope de Vega und andere spanische Autoren im Original lesen, namentlich amüsierte und erheiterte mich Don Quixote nicht wenig.

Von Tolosa war unser nächster Marsch nach Villa Real, einem Flecken, der eben nichts Königliches aufzuweisen hatte; ein paar Kompagnien mußten in dem nahen Dorf Zummaraya übernachten; von hier kamen wir über das Städtchen Bergara an der Deva nach Mondragon, einem Ort, der nicht unbedeutende Waffenfabriken hat. Der Weg von Bergara bis Vittoria ist fortwährend mit freundlichen Dörfern und vielen Landhäusern besät, die fast ununterbrochen zusammenhängen; überhaupt sind die baskischen Provinzen sehr bevölkert und trefflich angebaut, was sie von dem übrigen Spanien sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet und was sie ihrer viel freieren Verfassung zu danken haben, welche die Betriebsamkeit und den Handel ihrer Bewohner anspornte. Auf diesem Wege hatten wir fast beständig den im Tale wogenden Fluß Zadorra vor Augen, der dessen reizendste Partien in Krümmungen durchschneidet. Alles kündigte hier einen gewissen Wohlstand an, die Landleute, Männer wie Frauen, waren reinlich und gut gekleidet. Von Mondragon stiegen wir auf den Berg, auf dem der Flecken Salinas liegt, von dem man noch eine Strecke über diesen Teil der Pyrenäen kommt, dann aber geht es fast beständig bergab bis Vittoria, das man nun bald vor sich liegen sieht.

Über Puebla marschierend, kamen wir durch eine sehr enge Passage in das Tal des Ebro und an eine Marmorsäule, deren Inschrift besagte, daß hier die Grenze zwischen Alava und Altkastilien sei. Diesen Weg, den zu ebnen und über die Gebirge praktikabel zu machen große Anstrengungen erforderte, da sich ungewöhnliche Schwierigkeiten zeigten, haben die baskischen Provinzen in Gemeinschaft angelegt. Besonders muß es außerordentliche Mühe gekostet haben, die jähen Abhänge wegsam zu machen, Abgründe zu umgehen und Felsenriffe wegzuräumen. Nach sechs Stunden eines mühsamen Marsches kamen wir bei Miranda de Ebro an, welches an diesem Fluß liegt, über den hier eine acht Bogen lange Brücke führt. Noch bevor wir Alava verließen, begegneten wir einem seltsamen Leichenbegängnis; man begrub nämlich in einem Dorfe ein kleines, weißgekleidetes Kind, dessen Köpfchen mit einem weißen Rosenkranz geschmückt war und das offen in der Bahre lag; das Sonderbarste aber war, daß dieser kleinen Leiche eine Musikbande voranzog, welche lustige und muntere Melodien spielte und hinter der ein Kind, ein Kreuz tragend, fröhlich einherhüpfte. Man sagte mir, daß die Kinder in den baskischen Provinzen alle auf ähnliche Weise begraben würden, weil man sie glücklich preist, zu sterben, bevor sie noch des Lebens Mühen, Beschwerden und Drangsale kennen lernten, und die Eltern trösten sich mit einem: „Es war Gottes Wille.“

Miranda ist ein kleines, nahe an den Bergen liegendes Städtchen; auf einer Höhe sieht man noch die Trümmer eines Schlosses und mehrere Türme desselben. Aus dem Felsen, auf dem diese Ruinen liegen, entspringt eine sehr reichhaltige Quelle, die mehrere Mühlen in Bewegung setzt. Das Städtchen mochte etwa zweitausend Einwohner zählen. Von hier marschierten wir über Pancorbo nach Briviesca. Miranda verlassend, hat man über eine Stunde fortwährend eine hohe Felsenwand vor Augen, von der man keinen Ausweg erblickt und die, gleich einer ungeheueren Mauer an der Welt Ende, alle Passage zu versperren scheint. Erst wenn man dicht vor dem Felsen angekommen ist, eröffnet sich eine enge Schlucht, durch welche man nach Pancorbo gelangt; dieser Engpaß führt durch zwei ungeheuer hohe Felsenmassen, deren Spitzen sich gegeneinander zu neigen scheinen und die kaum durch einen zehn Schuh weiten Raum getrennt sind. Dieser Hohlweg ist beinahe eine Viertelstunde lang. Die Felsen wölben sich so über dem Haupte des Durchgehenden, daß man fürchtet, sie jeden Augenblick herabstürzen zu sehen und von ihnen zermalmt zu werden. Dieser Engpaß heißt Garganta de Pancorbo und ist, gehörig verteidigt, uneinnehmbar; es ist eine wahre Höllenschlucht, eine Kompagnie kann hier das größte Heer aufhalten. Hat man ihn passiert, so erblickt man das Städtchen Pancorbo, das am Eingange eines Tals liegt; durch einige elende Dörfer kommt man dann nach Briviesca, welches merkwürdig ist durch die Versammlung der Cortes, die Johann I. im Jahre 1388 hierher berief und die dem Kronprinzen von Kastilien für ewige Zeiten den Titel eines Prinzen von Asturien beilegte, bis – es weder Kronprinzen noch Könige von Kastilien mehr gab, wie es mit allen menschlichen Ewigkeiten zu gehen pflegt. Die Stadt liegt an der Oca, ist mit Mauern umgeben und hat vier Tore, in ihrer Nähe sind zwei tiefe mineralische Teiche, der Pozzo negro und Pozzo blanco genannt.

Von Briviesca führte uns der Weg über Monasterio, Quintanapalla durch ein noch ziemlich gut angebautes, mit vielen Pappeln und Weiden bepflanztes Tal, immer bergauf bis Monasterio, nach Burgos.

Die nächsten Umgebungen von Burgos besuchte ich zu Pferd und ritt nach dem anderthalb Stunden entfernten Monasterium von Cardena, um das Grab des Cid und seiner Gattin Ximene zu sehen, auf dem sein Wappenschild, von einer Kette umgeben, das zwei sich kreuzende Schwerter hat, über denen sich wieder ein Kreuz erhebt, sowie das Ximenens, einen dicken, von einer Kette umgebenen Turm darstellend, befindlich ist. Später, als in diesem Krieg das Kloster von Cardena zerstört und verwüstet wurde, ließ der französische Gouverneur von Burgos die Reste des Helden und seiner Gattin in die Stadt bringen, um sie vor gänzlicher Vernichtung zu bewahren, und beiden ein Monument auf einer kleinen Insel setzen.

Der Tag unseres Abmarsches war herangekommen, und wir verließen Burgos in dem Augenblick, als ich im Begriff war, eine Intrige mit einer seiner schönen Bewohnerinnen anzuspinnen; dies machte, daß ich den Marsch über Caleda Villazopegue, wo zwei Kompagnien übernachteten – die zwei anderen blieben in Villadriga (zwei unbedeutenden Dörfern) –, nach Torrequemada etwas übelgelaunt antrat. Von Burgos bis zum Dorf Villadriga verliert man den Fluß Arlanzon fast nicht aus den Augen, auch sieht man noch viel gut angebautes Feld und ziemlich viel Ortschaften. Ehe man Torrequemada erreicht, kommt man durch das kleine Städtchen Quintana de la Puente, das an der Pizuerga liegt, über die eine schöne steinerne, achtzehn Bogen lange Brücke führt. Torrequemada selbst liegt an dem nämlichen Fluß, den man hier über eine sechsundzwanzig Bogen lange Brücke passiert. Dieses Städtchen hat eine hübsche gotische Kirche. Der Weg hierher ging über eine ziemlich kahle Ebene, in der man fast gar keine Bäume und nur selten einiges niedrige Gesträuch sah. Hier lagen nur zwei Kompagnien unseres Bataillons, die anderen in Palencia. Wir erfuhren nun, daß wir nach einem Ruhetage nach Valladolid abmarschieren sollten, wozu der Befehl soeben von dem Hauptquartier eingetroffen sei und wo die Legion zusammentreffen würde. Torrequemada ist ein trauriger Aufenthalt, ebenso die Umgegend, und der Holzmangel so groß, daß die Einwohner meistens gedörrten Mist brennen und dabei kochen. Ist es kalt, so wärmt man sich an den Glorias, eine Art Trockenöfen in den spanischen Küchen, um welche herum Bänke zum Sitzen angebracht sind. Von hier marschierten wir noch einige Zeit durch die langweilige Ebene und das Dorf Magaz; zu unserer Linken sahen wir bald das große Benediktinerkloster San Isidoro in einiger Entfernung liegen, und in dem an einem Rebenhügel liegenden Dorfe Duenas kam das ganze Bataillon wieder zusammen und setzte den Marsch in Gemeinschaft fort. Man behauptet, daß das elende Dorf Duenas das Eldana des Ptolomäus sei, wenigstens auf derselben Stelle liege. Hier bewahren die Einwohner den Wein in Gruben auf, die sie zu diesem Zweck in die Erde graben und in denen er sich sehr gut und frisch erhält. Von hier aus marschierten wir noch immer abwärts über ein sandiges und steiniges Terrain durch den Flecken Cablezon, in dessen Umgebung ein angenehmer, lieblicher, roter Wein wächst und von wo man nur noch zwei gute Stunden nach Valladolid hat. Alle unsere Märsche waren ungewöhnlich stark, fast keiner unter acht bis neun, manche wohl zehn Stunden lang. Erst wenn man ganz in der Nähe von Valladolid ist, nimmt der langweilige Weg ein Ende, auf welchem das Feld schlecht und oft gar nicht angebaut war; dies war schon oft der Fall, seitdem wir die baskischen Provinzen verlassen hatten, aber im Königreich Leon weit häufiger.

Es war anfangs März, als wir zu Valladolid ankamen, wo sowie in der Umgegend zahlreiche französische Truppenkorps von allen Waffengattungen lagen. Die verschiedenen Armeekorps, die in Portugal und Spanien einmarschiert waren, hatten jedes seinen besonderen Chef und seinen Generalstab; Mürat, damals Großherzog von Berg, hatte den Oberbefehl über das Ganze und den Titel eines Leutnants des Kaisers Napoleon. Wir erfuhren, daß derselbe bereits in Burgos angekommen sei und mit ihm ein Heer von Employés, Kriegskommissäre, Ordonnateure und Offiziere aller Grade, wohl über ein halbes Tausend Individuen, von denen viele schon in Ruhestand versetzt gewesen und fast gegen ihren Willen wieder in Aktivität gesetzt worden waren, andere aber hofften jetzt in Spanien schnell Fortüne zu machen. Nichts war den Ländern und den Heeren selbst verderblicher, als dieses Kommissarien- und Lieferanten-Geschmeiß und was daran hing, wahre Blutsauger der Völker wie der Truppen, von denen der wackere Kaiser Joseph II., der diese Kanaillen durch und durch kannte, schon mit vollem Recht sagte: „Man kann einen jeden dieser Burschen“ (wenn ich mich nicht irre, so meinte er die Proviant-Kommissäre damit) „hängen lassen, ohne sich zu fürchten, eine Sünde oder einen Fehlgriff begangen zu haben.“ Auch Napoleon wußte aus seinen italienischen Feldzügen, welch ein Diebsgesindel dies Geschmeiß ist, und dennoch hat es zu keiner Zeit und bei keinen Heeren ärger gehaust und gestohlen, als in den napoleonischen, wo von den General-Kommissären bis zu den Furieren in den Kompagnien herab alles, was mit Proviant, Verköstigung oder Lieferungen in Berührung kam, den Soldaten sowohl wie den Bürger bestahl und beraubte. Aber in Spanien bekam es den Herren doch oft schlecht, und ein wohlverdienter Lohn, den ihnen die Vorsehung bereitete, blieb selten aus.

Noch immer wußten wir nicht, was eigentlich bezweckt wurde, wir erschöpften uns in tausend Mutmaßungen, von denen keine den rechten Fleck traf, indem die meisten darauf hinausgingen, daß es, wenn auch indirekt, auf England abgesehen sei. Die Instruktionen, die uns fortwährend erteilt wurden, waren von der Art, daß man auf einen bevorstehenden Krieg schließen und sich auf alle Ereignisse gefaßt machen mußte; aber wo war der Feind? – Napoleon selbst wurde erwartet, und das Gerücht war unter sämtlichen Truppen verbreitet, daß er sich an deren Spitze stellen würde; ein großer Teil der Einwohner Spaniens aber betrachtete uns mit immer größer werdendem Mißtrauen, während andere hofften, daß wir sie von dem unerträglichen Joch des ihnen so verhaßten Friedensfürsten Godoï befreien würden, den sie sämtlich als den alleinigen Urheber aller dieser Übel betrachteten und verfluchten. Von seiten der Kommandierenden wurden sie auch in dieser Richtung bestärkt. Es ist unmöglich, sich einen Begriff von der Verachtung und dem Haß zu machen, den die ganze Nation gegen den freilich ganz verdienstlosen Günstling bei der spanischen Majestät und der Königin insbesondere nährte. Ohne alle Scheu sprach man davon, daß man diesen schändlichen Bösewicht hängen, köpfen, spießen, rädern, vierteilen und Gott weiß was alles müsse; man wollte ihn samt der Königin lebendig verbrennen und den König, die gehörnte Schlafhaube, dazu, meinten noch andere; die Gemäßigtsten aber forderten, daß man ihn einer strengen Justiz übergebe. Der Unglückliche selbst schlief schon lange nicht mehr auf Rosen und träumte nur von Galgen und Schafott, zitterte unaufhörlich für sein kostbares Leben und war nicht imstande, irgendeinen festen Entschluß zu fassen, sich zu helfen oder in Sicherheit zu bringen. Nicht leicht hat ein Sterblicher so sonderbare Schicksale gehabt; vom gemeinen Gardisten zum Günstling der Königin von Spanien und den höchsten Würden den Reiches wie in einem Zaubermärchen erhoben, dabei durch die Heirat mit einer nahen Verwandten des königlichen Hauses, wozu er seine königliche Geliebte zu bereden gewußt hatte, die, trotzdem er sich noch Mätressen hielt, was sie wußte, ihm dennoch unwandelbar ergeben blieb; so war der König selbst nur noch der gehorsame Vollstrecker der Gebote des Geliebten seiner Frau. Wer über dieses seltsame Verhältnis nähere Auskunft wünscht, muß Llorents Memorial para la historia de la revolucion espanola recogydas y compiladas por don Juan Nellerto lesen.

Valladolid, das Pintia der Alten, war die zweite Stadt Altkastiliens, aber jetzt der Hauptort der Intendanz gleichen Namens in dem Königreich Leon. Der Fluß Esgueva durchströmt sie, und der Pizuerga fließt an ihren Mauern vorbei; sie liegt in einer großen, von Hügeln mit Plattformen umgebenen Ebene. Die Stadt ist nicht so übel gebaut, aber ihre Straßen sind schlecht gepflastert und unreinlich, auch lagen manche ihrer Gebäude in Ruinen. Unter ihren sehr großen Plätzen sind der Campo-Grande und Plaza-Mayor die ansehnlichsten. Ersterer hat einen ungeheuren Umfang, und unter den ihn umgebenden Gebäuden sind nicht weniger als dreizehn Kirchen. Die von Philipp II. erbaute Kathedrale ist kaum zur Hälfte fertig, hat aber einen schönen Turm. In der Paulskirche sind unter vielen Monumenten von sehr verschiedenem Kunstwert zwei schöne Bildsäulen des Herzogs und der Herzogin von Lerma; in dieser Kirche, die den Dominikanern gehört, sieht man auch eine Erscheinung Christi bei einer Nonne dieses Ordens abgebildet; dieser Christus war wahrscheinlich ein verschmitzter Mönch. Auch noch andere, zum Teil sehr komische Heiligenbilder findet man hier. Das Colleg, welches sich zunächst dieser Kirche befindet, ebenfalls den Dominikanern gehört und von Don Alonzo von Burgos, Bischof von Palencia, im fünfzehnten Jahrhundert gestiftet wurde, ist wegen seiner sonderbaren Bauart merkwürdig; seine Fassade stellt nämlich ein Gehölz vor, dessen Zweige die Wölbung des Portals bilden, auf beiden Seiten sieht man zwei Wilde, die mit wolligen Fellen bedeckt sind und Gürtel von Laub haben; jeder hat ein Wappenschild. Über der Eingangstür ist ein Granatbaum, dessen Äste sich weithin ausbreiten; dieser soll eine Anspielung auf die Eroberung von Granada durch die katholischen Majestäten Ferdinand und Isabella, Beschützer der Kirche, sein. In diesem Colleg befindet sich auch das sehr schöne Monument des Gründers desselben, Alonzo von Burgos, Bischof von Palencia, der selbst in weißem Marmor und, wie behauptet wird, sehr ähnlich auf demselben abgebildet ist. Das Gebäude wurde im fünfzehnten Jahrhundert erbaut.

Valladolid, das noch zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts weit über hunderttausend Einwohner hatte – 1516 stellte die Stadt dreißigtausend Mann unter die Waffen, um sich den Absichten der Regierung zu widersetzen –, zählte jetzt keine vierundzwanzigtausend, die noch einen nicht unbedeutenden Handel treiben, zu dem der Ort auf das vorteilhafteste gelegen ist; auch wächst in ihrer Umgegend ein vortrefflicher Wein. In der Stadt selbst befinden sich schöne Promenaden, wie der Prado de la Magdalena, der an dem Esgueva liegt, mit schönen Bäumen bepflanzt ist und bequeme Ruhebänke hat, die Spaziergänge Espolejo Viejo und Espolejo Nuevo, die nahe an dem Ufer des Pizuerga liegen, werden mehr von Reitern und Equipagen besucht.

In historischer Hinsicht ist Valladolid außerordentlich merkwürdig und in Spaniens Annalen berühmt. Es soll nach mehreren Geschichtsschreibern auf den Ruinen des alten Pintia erbaut sein und war später die Seele des Handels zwischen Kastilien, den Königreichen Leon und Portugal. Hier kam Philipp II. traurigen Andenkens zur Welt und hielt öfters seinen Hof daselbst, und der Entdecker Amerikas, Christoph Kolumbus, starb hier. Wegen des sehr fühlbaren Holzmangels, der dadurch entstand, daß man die Dummheit beging, die Waldungen auf den umliegenden Hügeln völlig auszurotten, verlegte Philipp III. für immer seinen Hof von hier nach Madrid. Als Residenz des Herrn zweier Welten war der Hof und das Leben in Valladolid sehr prächtig, üppig und glänzend. Unter Philipp II. fand ein äußerst tragisch-merkwürdiges Autodafé im Oktober des Jahres 1559 hier statt. Es begann mit einer Prozession der Dominikanermönche, denen eine weiße Fahne vorangetragen wurde, ihnen folgten die Familiares, Kommissarien und andere Diener der heiligen Inquisition, hinter diesen wurde wieder eine achtzehn Schuh hohe Fahne von buntem Damast getragen; auf der einen Seite derselben sah man das Bild des heiligen Dominikus gestickt und auf der anderen das des heiligen Petrus Märtyrer. Hieran kam die heilige (?) Hermandad und andere bei dem heiligen (?) Officium angestellte Personen, von denen eine das Kreuz der Inquisition trug, das mit einem schwarzen Schleier bedeckt war. Bewaffnete schlossen den Zug, der sich auf die Plaza-Mayor begab. Hier angekommen, wurde das Inquisitionskreuz auf einen in dessen Mitte errichteten Altar gestellt, und man zündete grüngestrichene Kerzen um dasselbe herum an; Bewaffnete, einige Mönche und Familiares blieben zu dessen Bewachung zurück. Um Mitternacht begann man Messen für die Bekehrung der Seelen derjenigen zu lesen, die verbrannt werden sollten, was bis zu Sonnenaufgang dauerte. Mit Tagesanbruch versammelte sich eine unzählige Menge Volks auf diesem Platz, weit über dreißigtausend Menschen. Hieran erschienen in gehöriger Rangordnung die Granden Spaniens, die hohe Geistlichkeit, Bischöfe und Kardinäle, die höchsten Zivil- und Militärbehörden sowie die Gesandten der verschiedenen Mächte und nahmen Platz auf den für sie bestimmten Sitzen. Gegen acht Uhr brachte man aus dem Inquisitionsgebäude das gleichfalls in schwarzen Trauerflor gehüllte Kreuz des Kirchsprengels, dem alle Kaplane in Chorhemden folgten, dann kamen wieder Familiares und Bewaffnete und endlich die unglücklichen Verurteilten in folgender Ordnung: zuerst die Bereuenden oder Büßenden mit entblößten Häuptern, eine geweihte Kerze in der Hand, unter ihnen war eine Franziskanernonne, die zum Auspeitschen an dem folgenden Tage zur Ehre Christi verurteilt war; dann folgten die Versöhnten mit dem San Benito (das Sterbekleid der Glaubensgerichte) bekleidet, das aus einem gelben Sack mit einem darauf gehefteten Andreaskreuz besteht; auf dem Kopf trugen sie Mützen von Pappe, die mit bunten Kreuzen bemalt waren und Corosa genannt werden. Unter diesen befanden sich Isabella und Catharina von Kastilien, beide zu ewigem Gefängnis, der Konfiskation ihrer Güter und dem Tragen des San Benito verurteilt. Hinter ihnen trug man ein Reliquienkästchen mit Knochen und zwei Figuren, die ebenfalls mit dem San Benito und der Corosa bekleidet waren, auf der jedoch statt der Kreuze Teufel, Schlangen, Blindschleichen, Kröten, Unken und so weiter, in Flammen zischend, abgemalt waren. Jetzt kamen dreizehn sogenannte rückfällige Ketzer, die sämtlich zum Feuertod verurteilt waren. Auch sie trugen das San Benito und die Corosa, mit Teufeln, Flammen und so weiter bemalt. Drei von ihnen waren Geistliche und noch mit dem geistlichen Leibrock bekleidet. Zuletzt kam endlich Don Carlos von Sesa, dem man sogar den Mund verknebelt hatte, um ihn am Sprechen zu hindern, weil er nicht aufhörte, die christliche Religion zu lästern und als ein Werk des Teufels und der Verrücktheit zu bezeichnen. – Hatte er etwa unrecht, wenn er die Religion, wie sie von diesen Pfaffen zugeschnitzt wurde, damit meinte? – Auf der Mitte des Platzes angekommen, wurden sämtliche armen Sünder um die Stufen des Altars postiert, wo man ihnen nochmals ihre Verbrechen vorhielt, welche meistens darin bestanden, daß sie sich den neuen Lehren und dem abscheulichen Luthertum geneigt gezeigt oder dasselbe wohl gar gerühmt und empfohlen hatten, weshalb man es für hohe Zeit hielt, ein recht abschreckendes Beispiel zu geben, um die weitere Verbreitung dieses Ketzertums zu verhindern.[6] Die Mitglieder und Richter der Inquisition nahmen ihre Plätze auf erhöhten Sitzen, über allen aber thronte der Großinquisitor hoch erhaben. Nun erschien Philipp II., von seinem ganzen Hof gefolgt. Sobald derselbe Platz genommen hatte, hielt der Bischof von Cuenca eine erbauliche Predigt über die Unfehlbarkeit, Reinheit und Göttlichkeit der katholischen Religion, eine wahre Satyre auf Gott selbst; dieser folgte eine zweite Predigt, welche der Großinquisitor, Erzbischof von Sevilla, ganz im Sinne seines Vorgängers herbrüllte, nur daß die Satire unwillkürlich noch beißender war. Hierauf mußte der König in dessen Hand einen schweren Eid ablegen, daß er die Inquisition beschützen und ihr alles entdecken wolle, was zu seiner Kenntnis komme und gegen diese und den Glauben sei, es möge auch herkommen von wem immer, ohne irgendeine Rücksicht auf Verwandtschaft oder Stand zu nehmen. Nachdem Philipp II. diesen Eid abgelegt, mußte er ihn noch durch seine Unterschrift bekräftigen, und er wurde nochmals vor der ganzen Versammlung laut abgelesen. Hierauf wurden die drei rückfälligen Priester durch zwei Bischöfe, den von Zamora und den von Palencia, förmlich degradiert und ihnen die geistliche Kleidung vom Körper herabgerissen. Einer war ein Pfarrer in Pedrosa, der zweite ein Priester aus Villa-Onediana und der dritte ein Dominikanermönch gewesen. Sie hatten eigentlich nur gegen den Verkauf des Ablasses für schnödes Geld, also gegen einen der schändlichsten Mißbräuche der katholischen Religion, als einen der Kirche unwürdigen Schacher gesprochen. Auch sie wurden nun mit dem San Benito und der Corosa bekleidet, ihnen das Urteil nochmals verkündet und hierauf alle zum Tode Verurteilten vor die Stadt auf einen freien Platz geführt, wo man einen ungeheuren Scheiterhaufen auf einem vier Schuh hohen Fußgestell errichtet hatte; eine Prozession mit einem weißen Kreuz und das Volk folgte ihnen. Ein Henker und ein Beichtvater führten sie zum Scheiterhaufen, wo sie nochmals ermahnt wurden, zu bereuen; in diesem Fall versprach man ihnen, bevor sie dem Feuer übergeben würden, sie durch den Henker erwürgen zu lassen. Elf von ihnen, durch dieses Versprechen verführt, willigten ein, zu beichten, aber Johann Sanchese und Don Carlos von Selo ließen sich lieber lebendig verbrennen, als daß sie bereuten.

In meiner Wohnung zu Valladolid befand sich die junge Frau eines spanischen Stabsoffiziers, der bei der Leibgarde zu Madrid stand und dessen Gattin hier bei Verwandten ihres Mannes zu Besuch war. Die Senora war eine geborene Andalusierin, und zwar aus Sevilla, von guter Familie. Ihre schwarzen Feueraugen harmonierten mit dem etwas bräunlichen Teint und den glutroten Wangen trefflich; dabei trug sie das andalusische Nationalkostüm, das reizendste, das man sich denken kann, besonders für eine Spanierin. Die ersten Tage nach meiner Ankunft hatte ich nur Gelegenheit gehabt, sie ein paarmal zu sehen und im Vorübergehen mit einem Sennorita zu begrüßen; ich kannte kaum erst die gebräuchlichsten spanischen Begrüßungsformeln und Phrasen, aber glücklicherweise sprach die Senora etwas italienisch, und dies war vollkommen hinreichend, uns zu verständigen, was auch schnell der Fall war, denn in Liebesangelegenheiten rückt man in Spanien rasch voran, noch weit schneller als in Italien, nur muß man die Gelegenheit haben, mit diesen Senoras in Berührung zu kommen, was uns später, als das ganze Land gegen uns aufgestanden war und wir den Spanierinnen von den Pfaffen, ihren Beichtvätern, Vätern, Ehemännern und Brüdern als wahre Ungeheuer geschildert wurden, deren Berührung allein die ewige Verdammnis nach sich ziehe, sehr schwer, ja fast unmöglich wurde. – Ich war mit meiner schönen Isabella Andeya, ohne daß es mir viel Mühe und Beteuerungen gekostet hätte, bald so weit, daß ich sie ganz mein nennen durfte und die wenigen Tage, die wir noch in Valladolid zubrachten, keine Nacht mehr allein schlief, da mir die Mitternachtsstunde jedesmal einen holden feurigen Geist zuführte, der nicht einmal verfehlte, um diese Zeit in meinem Gemach zu spuken und dann das Bett mit mir zu teilen.

Ungefähr vierzehn Tage mochten wir in Valladolid und der Umgegend liegen, als der größte Teil der Truppen und mit ihnen unsere Legion Order zum Aufbruch erhielten. Mürat war bereits von Burgos abgegangen und hatte seine Richtung mit einem Teil der napoleonischen Garden und dem vom Marschall Moncey befehligten Korps nebst einer zahlreichen Artillerie gegen den Somasierra, der einen Teil des Gebirges Guadarrama ausmacht, genommen; die zweite Infanteriedivision nahm ihren Weg nach Segovia, während General Düpont mit der Reiterei und der ersten Division, zu der unsere Legion gehörte, die Direktion gen Guadarrama nahm. Die dritte Division blieb vorerst noch in Valladolid und der Umgegend zurück. Wir waren alle der Meinung, und man hatte sie absichtlich verbreitet, daß wir direkt nach Gibraltar marschieren würden, um diese Stadt zu belagern und womöglich den Engländern abzunehmen; diese Meinung teilten auch die Einwohner aller Orte, wo wir durchkamen, und während sich die verschiedenen Armeekorps Madrid von allen Seiten näherten, war das Gerücht von einer bevorstehenden Belagerung Gibraltars so allgemein verbreitet, daß der Herzog von Kent, Statthalter dieser Festung, seinen Vater bat, er möge ihm gestatten, sich schnell, bevor noch die Belagerung beginne, auf seinen Posten zu begeben. Alle Verbindung dieser Stadt mit Spanien war in der Tat schon abgebrochen, und man hatte sogar in Cadix eine große Anzahl Zelte für die französischen Truppen, die bei dieser Belagerung verwendet werden sollten, zu verfertigen geboten, so weit trieb man die Intrige, um die spanische Nation über die wahren Absichten Napoleons zu täuschen. Auch meine Isabella hatte zwei Tage vor unserem Abmarsch ein Schreiben von ihrem Mann erhalten, worin ihr dieser meldete, daß die königlich spanischen Garden, bei denen er stand, vor Gibraltar marschieren würden. – Die letzte Nacht vor unserem Ausmarsch erschien mir mein andalusischer Geist vom Kopf bis zu den Füßen in einen schwarzen Schleier gehüllt – in den vorhergehenden Nächten kam er jedesmal weiß verschleiert – und war in der Tat eine majestätische, verführerische spanische Schönheit. Mit einem langen Feuerkuß und einem a rivedersi nahm ich mit dem Grauen des Tages, als die Tambours schon wirbelten, Abschied von ihr und schwang mich auf mein Pferd.

Die Vorfälle, die unterdessen zu Madrid und Aranjuez stattgefunden, wurden jetzt allgemein bekannt; namentlich machte die Entsagung Karl IV. zugunsten des Prinzen von Asturien, der noch kurz vorher auf Anstiften Godoïs verhaftet und in Escurial wohlbewacht in den düsteren Gemächern, in denen auch der unglückliche Don Carlos vor seinem Tod geschmachtet hatte, gefangen gehalten wurde, weil er ohne Wissen seiner Eltern eine Gemahlin von Napoleon begehrt hatte, wodurch aber der Friedensfürst samt seinem königlichen Beschützer in große Gefahr geraten und ersterer beinahe ein Opfer der Volkswut geworden wäre, außerordentliches Aufsehen. Unser Marsch gegen Madrid wurde deshalb beschleunigt und war nun kein Geheimnis mehr; da sich aber die Franzosen unter der Zeit der Zitadelle von Pampeluna und Barcelona teils mit List, teils mit Gewalt bemächtigt hatten, so erfüllte diese Art Gaunerei die Spanier jetzt mit gerechtem Unwillen und Argwohn und steigerte das Mißtrauen gegen Napoleon auf das höchste. – Von Valladolid aus marschierten wir auch schon mit all der Vorsicht und den Maßregeln, die man in Feindesland für nötig erachtet. Wir führten Lebensmittel auf Wochen lang mit uns, biwakierten des Nachts, Vorposten und Vedetten ausstellend, und sandten auf dem Marsch beständig starke Seitenpatrouillen ab, wo es das Terrain nötig machte und gestattete. Dabei hatten die kommandierenden Generale geheime Instruktionen erhalten, die ihnen geboten, die spanischen Kuriere zu verhindern, ihre Wege fortzusetzen, wobei man oft zu den nichtigsten und einfältigsten Vorwänden seine Zuflucht nahm, und jede weitere Bewegung der spanischen Truppen, der sie begegnen würden, zu hindern.

Mürat befand sich noch zu Buytrago, als er Bericht über das, was sich in Aranjuez zugetragen hatte, erhielt, und beeilte sich, nun nach Madrid zu kommen. Wir marschierten fast unaufhaltsam von Valladolid über Olmedo, das auf einer Anhöhe in einer unermeßlichen Ebene liegt und bei kaum zweitausend Einwohnern sieben Kirchen und eine gleiche Zahl Klöster hat, kamen dann durch verschiedene unbedeutende Orte, durch steinige, oft ganz brachliegende Gegenden und Fichtenwälder, selten sah man ein Gersten- oder Kornfeld. Nur als wir den Fluß Almarza erreichten, dessen Ufer mit Bäumen, meist Ulmen und Pappeln, bewachsen waren, sahen wir wieder mehr Getreide- und Ackerfeld. Wir passierten den Strom auf einer schönen steinernen Brücke und gelangten dann in eine ziemlich große Hochebene, in der wir einige freundliche Dörfer trafen, dann aber wurde die Gegend, je mehr wir uns dem Gebirge Guadarrama näherten, welches Alt- von Neukastilien scheidet, wieder außerordentlich öde und verlassen. Ein sehr steiler und oft gefährlicher Weg führte uns zu dem Dorf Espinar, das auf einem Gipfel dieses Gebirges liegt. Von dieser Höhe aus kann man auf eine große Strecke weit die beiden Kastilien übersehen und hat eine herrliche Aussicht, die sich in das Unendliche zu verlieren scheint. Wir biwakierten hier in der Umgegend von Espinar, Villacassin, einem Städtchen, und Venta Guadarrama, wo man Ferdinand VI. wegen der Straße, die er über dieses Gebirge machen ließ, das früher gar nicht zu passieren war, ein Monument, einen marmornen Löwen auf einer Säule darstellend, mit der Jahreszahl 1749, errichtet hat, und einigen anderen Dörfern. Nach einem mehr als vierzigstündigen Biwak erhielten wir Order, nach Segovia aufzubrechen. Der Marsch dahin führte uns über San Ildefonso und La Granja, einem schönen königlichen Lustschloß mit einer Villa, dem Lieblingsaufenthalt Philipp V., der auch dieses Schloß erbaut hat und in dessen Kapelle begraben liegt; es hat einen prächtigen Park mit vielen Wasserkünsten.

Von hier hatten wir nur noch zwei Stunden bis Segovia; der Weg führte über eine Brücke des Flüßchens Valsin an mehreren Dörfern und Gebäuden vorüber; letztere waren ausschließlich zur Schafschur bestimmt. Endlich kamen wir durch zwei tiefliegende Täler, worauf wir bald Segovia erreichten, in dessen Nähe wir abermals ein Biwak schlagen mußten und dann inspiziert wurden, besonders, um zu sehen, ob wir auch hinlänglich mit Munition versehen seien; es sollte jeder Mann mindestens fünfzig scharfe Patronen besitzen. Fünf Tage lang währte dieses Biwak, während welchem ich Zeit hatte, die Stadt mehrmals zu besuchen. Das Merkwürdigste in Segovia ist seine zweitausend Jahre alte Wasserleitung, die also schon seit über zweihundert Jahre vor Christi Geburt die Stadt unaufhörlich mit Wasser versieht und hoch über einem Teil der Häuser hinläuft. Vier Stunden von Segovia, an der Quelle Rio Frio in dem Gebirge Fonfria, beginnt dieser merkwürdige Bau, welcher die Stadt so reichlich mit diesem unentbehrlichen Element versorgt, daß es von dem Platz vor der Sebastianskirche durch unterirdische Kanäle weitergeleitet werden muß. Über neunhundert Bogen zählt dieser ehrwürdige Aquadukt und ist an manchen Stellen über zweihundert Fuß hoch, dann aber sind die Bogen doppelt, das heißt, zwei stehen übereinander. Unbekümmert, wer dessen Herren waren, ob Heiden, Mauren, Osmanen, Araber oder orthodoxe Katholiken, spendete dieses Kunstwerk mit gleicher Freigebigkeit seinen Überfluß allen. Die Mönche des Klosters del Paral mußten unter der Regierung Isabellas über dreißig Bogen, die zu verfallen begannen, neu aufführen lassen. Der ganze Bau ist von grauem Granit, ohne Speis noch Mörtel, aber die Steine sind mit großem Kunstaufwand ineinander gepaßt und ebenso die Fundamente. Was mögen die Knochen derjenigen, die sie legten, jetzt sein? – Früher war dieser ganze Bau mit Bildsäulen geschmückt, und noch sieht man die Stellen, wo sie gestanden. Verschiedene spanische Geschichtschreiber behaupten, daß dieses Riesenwerk ein gleiches Alter mit den Pyramiden Ägyptens und mit dem Serapistempel habe, aber aller Wahrscheinlichkeit nach stammt es aus den Zeiten der Römer.

Ehedem waren der Handel Segovias sowie seine Wollenmanufakturen und Tuchfabriken von großer Bedeutung, die zur Zeit ihrer Blüte mehr als fünfzigtausend Zentner Wolle jährlich verarbeiteten und über vierzigtausend Arbeiter beschäftigten. Im Jahre 1570 gab diese Stadt der Königin Anna von Österreich ein so prächtiges Fest, daß ganz Europa davon widerhallte und das einen ungeheuren, in die Millionen laufenden Kostenaufwand verursachte, ein Beweis, wie Künste und Handel hier floriert haben müssen. Die Einwohner formierten dabei die prächtigsten Quadrillen nach ihren Gewerben, unter denen sich vorzüglich die Juweliere und Goldarbeiter, die Tuchmacher, die Gold- und Silbersticker, die Bildhauer, die Bordenmacher und so weiter durch den Reichtum und die Pracht ihrer Kostüme auszeichneten. Mit dem Beginn des siebzehnten Jahrhunderts kam die Stadt, ihr Handel und ihre Fabriken aus verschiedenen Ursachen, unter denen auch religiöse Dummheit und Intoleranz, in Verfall und nahmen so schnell ab, daß sie über dreißig Jahre lang fast jedes Jahr für ein paar Millionen Dukaten weniger Tuch fabrizierte und absetzte; zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts waren kaum noch zweihundert Webstühle im Gang.

Den sechsten Tag brach unsere Legion auf, um ein Biwak in der Gegend von Los Molinos zu beziehen. Hier, so nahe bei Escurial, konnte ich unmöglich der Versuchung widerstehen, dieses weltberühmte Monument von Philipp II. Furcht und Hochmut zu besuchen. Es liegt in einer wilden, unangebauten, felsigen Gegend, auf dem Rücken einer Gebirgskette der Guadarrama. Der finstere König hatte es infolge eines Gelübdes, das er am Tage der Schlacht bei St. Quentin, in welcher 1557 die Franzosen von den Spaniern besiegt wurden, getan, erbauen lassen. Es imponiert durch seine Größe und heißt eigentlich San Lorenzo (Escurial ist der Name des dabeiliegenden Dörfchens), weil es Philipp diesem Heiligen, an dessen Fest gerade die Schlacht geliefert wurde, weihte, auch ist es in der Form eines großen Rostes angelegt, da bekanntlich dieser Heilige seinen Tod auf einem solchen fand. An Türen und Fenstern fehlt es nicht, es hat deren viele Tausende, auch über zwanzig zum Teil sehr geräumige Höfe. Ich war mit mehreren Kameraden vom Bataillon hierher geritten, dieses achte Wunderwerk der Welt, wie es die Spanier zu nennen belieben, zu sehen; unsere Pferde hatten wir in dem Dorf Escurial gelassen und gingen dann, nachdem wir eine gute Olla Potrida bei der Rückkehr für uns in Bereitschaft zu halten befohlen, zu Fuß nach diesem Hieronymiterkloster, denn dies ist es eigentlich, in welchem ein paar hundert Mönche ganz bequem wohnen können und auch gemästet werden; außerdem ist aber noch Raum genug, um den König von Spanien samt seinem ganzen Hof in den hierzu bestimmten Prunkgemächern aufzunehmen, der auch früher gewöhnlich einen Teil des Herbstes dort zubrachte.

Nachdem wir alle die Herrlichkeiten gehörig bewundert und ziemlich oberflächlich gesehen hatten, denn die Zeit war uns karg zugemessen, kehrten wir nach Escurial zurück, wohin auch aus dem Kloster ein unterirdischer Gang, la mina genannt, führt. Hier nahmen wir unsere bestellte Olla Potrida, die uns trefflich schmeckte, denn wir hatten aus Palast, Kirche und Kloster einen tüchtigen Hunger mitgebracht. Dieses Gericht wird aus Hammelfleisch, Öl, spanischem Pfeffer, Tomaten, Knoblauch, Garbanzos (eine besondere Gattung Erbsen), kleinen Zwiebeln und so weiter zubereitet und ist so übel nicht, wiegt auf jeden Fall die italienische Polenta und Makkaroni sowie das deutsche Sauerkraut auf. Ich aß es besonders gern, wenn es reichlich mit Zitronensaft gesäuert war, den ich selbst hinzutat.

Nach eingenommenem Mahl, wobei mehrere den Wunsch äußerten, es möge doch dem Himmel gefallen, uns die reichen, in San Lorenzo tot liegenden Schätze in die Hände zu liefern, traten wir den Rückweg zu unserem Biwak an, wo wir bereits eine Order zum Aufbruch für den kommenden Tag vorfanden. Mit der anbrechenden Dämmerung machten wir uns marschfertig und kamen noch an diesem Tag bis in die Gegend von El Pardo, einem alten königlichen Jagdschloß, das ungefähr noch dritthalb Stunden von Madrid entfernt liegt und bei dem sich ein großer Wald befindet; es ist ein viereckiges, von vier Türmen flankiertes Gebäude. Hier schlugen wir abermals ein Biwak auf, indessen erwartete man jeden Augenblick den Befehl, nach Madrid aufzubrechen, wohin wir uns alle wie nach einem Eldorado sehnten; viele aber glaubten noch immer, daß wir diese Stadt gar nicht berühren, sondern um dieselbe herum nach Gibraltar marschieren würden, andere aber, und zu denen gehörte ich, waren nicht der Meinung, denn unser jetzt so langsames Vorrücken und die Stellungen, die wir einnahmen, schienen auf etwas ganz anderes als einen Marsch nach Gibraltar zu deuten; daß wir recht hatten, zeigte sich bald.

Den 23. März in aller Frühe wurden wir noch einmal inspiziert und setzten uns dann sofort auf dem Wege, der gerade nach Madrid führt, in Marsch. Vor den Toren dieser Hauptstadt trafen wir einen Teil von Napoleons Garden, die noch ihre Toilette machten. Unsere Division folgte diesem Beispiel, ebenso die reitende Artillerie und zwei Kürassierregimenter, die auch eingetroffen waren. Bald darauf erschien der Großherzog von Berg, Mürat, in einer prächtigen Generalsuniform und von einem zahlreichen glänzenden Generalstab umgeben, musterte noch einmal die Truppen, und unter dem Zusammenlauf unzähligen Volks, das uns mit neugierigen Blicken, aber lautlos anstarrte, marschierten wir in der schönsten Ordnung mit klingendem Spiel in Madrid ein, das trotz seiner vielen Kuppeln und Glockentürme doch kein sehr imponierendes Ansehen hat. Nur wenn man durch das Tor Alcala kommt, das einem Triumphbogen ähnlich sieht, zur Linken prächtige Gärten, zur Rechten eine lange, fast gleichgebaute Häuserreihe, dann den Prado erblickt und sich bald darauf das Auge in der endlosen Straße Alcala verliert, erhält man eine günstigere Meinung von der Stadt, zu der jedoch die meisten Zugänge die Residenz eines großen Monarchen ahnen lassen.