Fast bis zur einbrechenden Nacht mußten die Truppen in den Straßen und auf den Plätzen Madrids biwakieren, bevor ihnen Quartiere in verschiedenen großen Gebäuden und Kasernen angewiesen wurden, ein Teil derselben aber lag mit den noch ankommenden Bataillonen in der Umgegend der Stadt. – Für Napoleons Leutnant, Mürat, hatte man den alten Palast von Buon Retiro eingeräumt, den er aber nicht bezog, sondern sich in das Hotel des Friedensfürsten einquartierte. Den Tag nach unserem Einrücken hielt Ferdinand als König seinen Einzug; unzähliges Volk aus allen Ständen, von jedem Alter und Geschlecht, empfing ihn mit einem ungeheuren Jubelgeschrei, alle drängten und drückten sich, den geliebten jungen König zu sehen, den sie gleich einem heiligen Märtyrer verehrten. Mehr als hunderttausend Landleute waren aus der Umgegend herbeigekommen, um das Glück zu haben, den neuen Herrscher bewillkommnen zu können, und drei langer Stunden bedurfte es, bis der angebetete Fürst durch die dichten Haufen zu seinem Palast gelangen konnte. Ein großer Teil dieser Freudenergüsse mochte wohl auf Rechnung des Hasses und der Verachtung kommen, die man dem Friedensfürsten zollte, den man dadurch demütigen wollte; denn Ferdinands Persönlichkeit und seine Taten – man wußte wenig mehr von ihm, als daß er eine sehr schlechte Erziehung gehabt, die eher dazu gemacht war, seine allenfallsigen geistigen Anlagen zu unterdrücken, als zu entwickeln – konnten einen solchen Empfang nicht rechtfertigen. Durch diese vernachlässigte Erziehung und eine sklavische Etikette hatte der argwöhnische Godoï beabsichtigt, ein willenloses Werkzeug seiner Absichten aus diesem Prinzen zu machen. Man erwartete jetzt von dem jungen Monarchen, daß er die Schändlichkeiten der bisherigen Favoritenregierung gut machen, die Nation rächen würde und glaubte deshalb einen Erlöser in ihm zu finden, aber man betrog sich.
Daß Mürat den Palast des so verhaßten Godoï bezogen hatte, war den Spaniern eine schlimme Vorbedeutung; sie schlossen daraus, daß er den Günstling der alten Königin in Schutz nehmen wolle, und von diesem Augenblick nahm das Volk eine fast drohende Stellung an. Mürat, dem dies nicht entging, ließ nun eine bedeutende Truppenmasse nebst zahlreicher Artillerie auf die Höhen von Casa del Campo, dem königlichen Palast gegenüber, Posto fassen, alle Divisionen, die bereits die Gebirge überschritten hatten, in Madrid einrücken und dieselben öfters und mit großer Ostentation die Musterung auf dem Prado passieren, um dem Volk zu imponieren. Die noch in der Stadt befindlichen spanischen Truppen mußten gemeinschaftlich mit uns den Dienst versehen, um Ruhe und Ordnung zu erhalten. General Grouchy wurde zum Kommandanten der Truppen ernannt. Bald bemerkte man, daß Mürat und die ganze französische Generalität wenig Notiz von dem jungen König nahmen, ja ihm nicht einmal einen Besuch machten, offenbar ein Beweis, daß man ihn von französischer Seite nicht als Souverän anerkannte. Um den Gang der Ereignisse besser zu verstehen, muß ich mit wenigen Worten hier anführen, was unserem Einmarsch in Madrid sowie zu Aranjuez vorangegangen war.
Die ebenso unerhörten als unverdienten Gunstbezeugungen, deren sich Godoï von dem königlichen Paar zu erfreuen gehabt und die er auf das empörendste mißbrauchte, hatten ihm schon längst den tödlichsten Haß des Volkes zugezogen. Dieser Emporkömmling, nachdem sein eigener Bruder, der vor ihm die Gunst der Königin genossen, in Ungnade gefallen und nach Badajoz verwiesen worden, hatte schnell alle Grade überstiegen, war hierauf zuerst Finanzminister geworden, hatte seine Schwester als Kammerdame bei der Königin placiert, verheiratete sie sodann an den Vizekönig von Mexiko, den Marchese Branciforte und wurde nun selbst Grande von Spanien mit dem Titel eines Herzogs von Alcadia und Ritter des goldenen Fließes, das der schwache König dem Geliebten seines Weibes selbst umhing. Dieser ernannte ihn auf der Königin Verlangen auch zu ihrem besonderen Hof- und Ehrenkavalier sowie zum Chef aller spanischen Garden, dann zum allmächtigen Premierminister und Generalkapitän aller spanischen Truppen, und nach dem Baseler Frieden erteilte er ihm noch den Titel eines Principe de la Paz. Aber auch mit zeitlichen Gütern wurde dieser unerhörte Glückspilz von seinen hohen Gönnern reichlich versorgt, und man schenkte ihm Herrschaften, die Hunderttausende von Piastern eintrugen, wozu noch die großen Gehälter aller seiner Stellen kamen. Nachdem er durch die Heirat mit der Tochter des Infanten Anton ein Mitglied der königlichen Familie geworden war, wurde er auch noch Großadmiral aller Flotten Spaniens, ja man schuf noch eine eigene Stelle für ihn, nämlich die eines Generalissimus der ganzen spanischen Land- und Seemacht und eines Reichskonsulators. Jedoch schien es, als habe das Schicksal oder vielmehr die Königin noch nicht das ganze Füllhorn ihrer Gunst an diesen Menschen verschwendet. Denn es befahl nun eine Verordnung, daß man dem Friedensfürsten ganz gleiche Ehrenbezeugungen wie dem König selbst zu erweisen habe; sein Hochmut hatte jetzt keine Grenzen und wurde unerträglich. Dabei übte er einen solchen Nepotismus zugunsten seiner Verwandten aus, daß diese bis in den zehnten Verwandtschaftsgrad die einträglichsten Stellen des Reichs, ohne alle Rücksicht auf Fähigkeiten und Verdienst, erhielten. Daß ein solches Verfahren den Adel sowie das Volk aufs höchste empören mußte und viele Versuche gemacht wurden, des unwürdigen Günstlings Gewalt zu beschränken und seiner Allmacht ein Ende zu machen, war sehr natürlich, aber die Urheber solcher Versuche mußten sie durch Verbannung, Kerker und Galeere büßen. Es kam endlich so weit, daß der ebenfalls von dem hochmütigen Favoriten mißhandelte Prinz von Asturien, Ferdinand selbst, nicht nur einer Verschwörung gegen denselben beitrat, sondern sich sogar an die Spitze der Verschworenen stellte. Godoï entdeckte aber die Sache, noch ehe sie zum Ausbruch kam, und hatte die Frechheit, den Thronerben bei dessen Eltern des Hochverrats anzuklagen und auf dessen strenge Bestrafung zu dringen. Der Kronprinz wurde verhaftet und mußte seine Eltern und deren Favoriten um Verzeihung und Gnade bitten. Es wurde ihm zwar verziehen, aber diese Verzeihung öffentlich und zwar auf eine schonungslose Weise und in harten Ausdrücken bekannt gemacht, zugleich wurden auch die Umgebungen des Prinzen und sogar dessen Erzieher, der Kanonikus Escoiquitz und der Herzog von Infantado, auf fünfzig Meilen von Madrid verbannt. Als nun durch den Einmarsch der Franzosen in Spanien die Gemüter aufs neue angeregt wurden, glaubte Ferdinand, der die erlittenen Kränkungen nicht vergessen hatte, und sein Anhang den rechten Zeitpunkt gekommen, den verhaßten Günstling samt seinen Beschützern zu stürzen und wurde bei diesem Versuch vom gesamten Volk unterstützt. Nur mit unsäglicher Mühe war es den Garden gelungen, der königlichen Familie nach Aranjuez folgen zu können, da sich die Volkshaufen diesem Vorhaben mutig widersetzt hatten. Auch wurden sie auf ihrem nächtlichen Marsch dahin mehrmals angegriffen, ohne daß man herausbringen konnte, von wem diese kühnen Angriffe eigentlich geleitet wurden, und kaum konnten sich die Königin und ihr Günstling über ein solches Attentat beruhigen, als einige Tage darauf, den 19. März, eine Masse Volk und Bauern nach Aranjuez strömte, um da ein Seitenstück zu der Geschichte vom 5. und 6. Oktober 1789 in Versailles zu liefern. Sie begrüßten die Königin laut mit dem Titel: „Hure eines infamen Nickels“ und forderten Godoïs Kopf. Die Garden, die sie schützen sollten, traten nun auf einmal und ganz unerwartet auf die Seite des Volks über und prügelten sogar ihren Obersten, einen Bruder Godoïs. Jetzt flüchtete der sich in Todesängsten befindende Friedensfürst, so feige als niederträchtig seine königlichen Beschützer im Stich lassend, nur noch darauf bedacht, das eigene kostbare Leben zu retten, in seinen Palast und verkroch sich in den verborgensten und geheimsten Winkel desselben.
Der König erließ, nachdem er eine projektierte Flucht über das Meer und nach Amerika hatte aufgeben müssen, eine Proklamation an seine vielgeliebten und getreuen Untertanen, in der er sie zu trösten suchte und versicherte, daß es durchaus nicht seine Absicht gewesen sei, Madrid oder Aranjuez zu verlassen, sondern daß er in der Mitte seines teuren Volkes verweilen wolle, und versprach in kurzem mit Hilfe seiner getreuen Alliierten dem Land den Frieden wiederzugeben. Diese Worte mußten um so weniger Glauben finden, als die gemachten Anstalten einer Abreise der königlichen Familie durchaus noch nicht kontremandiert worden waren, auch ging das Gerücht, daß schon ganze Wagen voll Silbergeräte nach Andalusien abgegangen seien. Godoïs Mätresse, eine gewisse Donna Pepe Tudo, die Tochter eines spanischen Offiziers, die erst kürzlich zu einer Gräfin von Castillo Fiel gestempelt worden war und von der er zwei Kinder hatte, war mit Diamanten beladen entwischt. Das Volk brach nun in des verhaßten Favoriten Wohnung ein, schlug alle Türen, Fenster und Mobilien entzwei und wurde wütend, als es den Gegenstand seines Hasses nicht finden konnte; doch respektierte es dessen Gattin als eine Prinzessin von königlichem Geblüt und führte sie auf das Schloß des Königs. Um die aufgebrachte Menge einigermaßen zufrieden zu stellen, entsetzte der Monarch den Friedensfürsten seiner Stelle als Großadmiral und Generalissimus und erklärte, selbst den Oberbefehl über die Land- und Seemacht nehmen zu wollen; auch hatte er versichert, daß sich die Truppen seines teuren Verbündeten, des Kaisers Napoleon, nur in freundlichen Absichten näherten, um das beabsichtigte Ausschiffen des gemeinschaftlichen Feindes zu hintertreiben. Als man in Madrid die Vorgänge von Aranjuez erfahren, erscholl auch hier der Ruf: „Meur e Godoï.“ Die Szenen von Aranjuez wiederholten sich, das Volk drang auch dort in den Palast des Favoriten sowie in die Wohnungen seiner Mutter, seiner Geschwister und seiner bekanntesten Anhänger, zertrümmerte daselbst ebenfalls Fenster und Möbel und zündete mit den letzteren ein Freudenfeuer in den Straßen an, plünderte mehrere Hotels, auch das des Finanzministers, und bei diesem Tumult und all diesen Unordnungen blieben die Schweizerregimenter in spanischem Sold ruhige Zuschauer, allerdings das beste, was sie tun konnten; denn das Übel wäre sonst nur ärger geworden, und es hätte ihnen leicht ergehen können wie ihren Landsleuten am 10. August 1792 in Paris.
Ferdinand hatte sich unterdessen zu Aranjuez an die Spitze des Aufstandes gestellt, sein Vater, Karl IV., hatte zu seinen Gunsten der Krone entsagt und sich dabei feierlich und auf das dringende Ersuchen der Königin als einzige Bedingung die Lebensrettung des teuren Friedensfürsten vorbehalten, der noch immer im Palast Villa Vicciosa zu Aranjuez schon seit sechsunddreißig Stunden in Todesangst und ohne irgend Speise noch Trank zu sich nehmen zu können, unter Matten versteckt lag. Nur ein einziger ihm treu gebliebener Diener wußte sein Versteck, wurde aber, als er für seinen halbverhungerten Herrn einige Lebensmittel holen wollte, vom Volk erkannt und angehalten, dem er, um sein Leben zu retten, den Aufenthalt Godoïs entdecken mußte. Man fand diesen auf einem Boden unter den Matten, zerrte ihn hervor, überhäufte ihn mit Schimpfworten und Schlägen, und nur durch die größten Anstrengungen gelang es den herbeieilenden Garden, ihn der Wut des erbitterten Volkes zu entreißen und ihm das Leben zu retten, während man fortfuhr, Steine gegen ihn zu schleudern. Um ihn in Sicherheit zu bringen, mußte man ihn schnell in einen Stall werfen und in demselben mit Stroh zudecken. Das Volk drang indessen ungestüm auf seine Auslieferung, und man war im Begriff, diesem Begehren zu willfahren, als zum Glück Godoïs der Prinz von Asturien, Ferdinand, hinzukam, jetzt wohl der einzige Mensch, der ihn zu retten imstande war. Schon bluttriefend, stürzte sich der Elende zu den Füßen desjenigen, dem er Krone und Leben hatte rauben wollen, redete ihn mit „Eure Majestät“ an und bat in den jämmerlichsten Tönen flehend um Gnade. Ferdinand hatte seinem Vater dessen Erhaltung versprochen; er beruhigte das Volk, indem er demselben versprach, es solle die strengste Gerechtigkeit gegen Godoï geübt werden, den er sodann mit einer starken Bedeckung gefangen abführen ließ. Er wurde auch sofort in ein Gefängnis gebracht, vor welchem sich große Volkshaufen sammelten und unaufhörlich Schmähungen und Verwünschungen ausstießen. Als jetzt des alten Königs Abdankung zugunsten seines Sohnes bekannt wurde, besänftigte sich das Volk endlich, und die Ruhe kehrte zurück.
Ferdinand erließ nun ein Dekret an den Rat von Kastilien, wodurch alle Güter, Mobilien und Effekten des sogenannten Friedensfürsten konfisziert werden sollten, wo sie sich auch immer vorfinden würden, kündigte dem Volk an, daß er sich nach Madrid begebe, um Ruhe und Ordnung herzustellen, und daß es seinen Verordnungen gegen Godoï volles Vertrauen schenken möge. Den Herzog von Infantado ernannte er zum Obersten der Garden und rief alle seine verbannten Anhänger zurück.
Unglaublich ist es, welche Freude die Nachricht von dem Sturz Godoïs in ganz Spanien hervorbrachte; wir sahen die Leute wie toll umherspringen, ausgelassen auf den Straßen jubeln und laut aufschreien. In mehreren Städten wurde sogar ein Tedeum deshalb angestimmt, und man veranstaltete öffentliche Feste. Die Büste oder das Bild des Verhaßten wurden beinahe an alle Galgen genagelt oder auf die Schindanger geworfen, Freudenfeuer loderten auf allen öffentlichen Plätzen, und man sprang und tanzte um dieselben. Unter den tausend Gerüchten, die jetzt zu seinem Nachteil in Umlauf gesetzt wurden, verbreitete man auch eines, welches besagte, er habe die Franzosen ins Land gerufen, um sich mit deren Hilfe selbst zum König von Spanien zu machen. Ferdinand hatte sich noch am Tage der Abdankung seines Vaters als König proklamieren lassen und hoffte und erwartete jetzt, von Mürat beschützt zu werden, wiegte sich deshalb in einer gefährlichen Sicherheit, welche die meisten seiner Räte teilten, da sie glaubten, Napoleons Politik heische es sogar, den jungen König anzuerkennen und in Schutz zu nehmen, der jetzt wiederholt um eine Gemahlin aus Napoleons Händen und von dessen Verwandtschaft bat. So hinsichtlich der Absichten des französischen Herrschers vollkommen ruhig, nahm Ferdinand auch nicht die mindesten Vorsichtsmaßregeln, ja die spanischen Truppen wurden zum Teil noch zur Disposition Jünots gestellt, und drei spanische Granden, die Herzoge von Medina Cöli, von Frias und der Graf Fernandes Nunez, wurden Napoleon, den man in Spanien erwartete, entgegengesandt, ihn zu bewillkommnen und ihm zugleich Ferdinands Thronbesteigung anzukündigen.
So standen ungefähr die Sachen, als wir in Madrid ankamen und den Tag darauf der junge König in der Hauptstadt einrückte. Jetzt aber nahm schnell alles eine andere und fast jedermann unerwartete Wendung.
Mürat, der Augenzeuge der Anhänglichkeit des Volkes an Ferdinand gewesen war und eine neue Gärung befürchtete, ließ immer mehr Truppen nach Madrid und in die Umgegend kommen. Die Begebenheiten zu Aranjuez und ihre Folgen hatten Napoleon einen großen Strich durch die Rechnung und alle seine Kombinationen zu nichte gemacht, so daß er genötigt war, seine Pläne zu ändern und ganz andere Anordnungen zu treffen. Am erwünschtesten wäre ihm eine Flucht der königlichen Familie nach Amerika gewesen, zu der er gerne die Hände geboten hätte, weil ihm alsdann, so glaubte er wenigstens, das verwaiste Spanien, das er zuerst seinem Bruder Lucian zugedacht hatte, von selbst zugefallen wäre. Als er die Begebenheiten erfuhr, die seine Projekte so durchkreuzten, ging all sein Trachten dahin, den durch die Anhänglichkeit des Volkes und der Truppen auf den spanischen Thron erhobenen Prinzen möglichst bald wieder herabzustürzen; daher auch das zweideutige Benehmen Mürats und der französischen Generale zu Madrid. Um das beabsichtigte Bubenstück vollbringen zu können, suchte Napoleon Karl IV. und dessen Sohn vor seinen Richterstuhl zu ziehen, indem er sich selbst zum obersten Schiedsrichter der Vorfälle in Aranjuez aufwarf, was bei der großen französischen Heeresmacht, die bereits auf spanischem Boden stand, wohl zu bewerkstelligen war. Wir sowohl als die Spanier erwarteten den Kaiser jeden Tag in Madrid, aber vergeblich; er hielt es für ratsamer, und es war allerdings seinen Zwecken weit dienlicher, die ganze königliche Familie nach Bayonne zu locken, wo er sein Urteil zu fällen beschlossen hatte. Hätte Ferdinand damals die französischen Journale gelesen, die ihn als einen ungehorsamen und verbrecherischen Sohn schilderten und nur Karl IV. als König von Spanien anerkannten, so würde er schwerlich so leicht in die gestellte Falle gegangen sein, doch ist es kaum zu begreifen, wie ihm Mürats Benehmen zu Madrid nicht die Augen geöffnet, denn er hatte ja Karl IV. und seine Gattin durch einen hohen Offizier zu Aranjuez noch als Souverän Spaniens bekomplimentieren lassen, worauf sie sich nach San Lorenzo begaben. Zugleich hatte sich ein Briefwechsel zwischen Mürat und den alten Majestäten entsponnen, dessen Zweck war, Godoï dem Wohlwollen Napoleons und dessen Leutnant zu empfehlen. Man begehrte sogar französische Garden zu dessen Schutz, die sofort bewilligt wurden, auch verhinderte Mürat die Abführung des alten Königs nach Badajoz, wohin ihn die neue Regierung samt seiner Gemahlin verwiesen hatte. Mürat benahm sich indessen so, daß niemand das Schicksal, das dem jungen König zugedacht war, vermuten konnte, sondern jedermann deshalb in Zweifel war. Die Königin von Hetrurien, die damals auch in Madrid war, wollte dieser Ungewißheit à tout prix ein Ende machen und veranstaltete zu dem Zweck, daß sich Ferdinand und Mürat bei ihr persönlich trafen, eine Assemblee. Beide hatten die Einladung angenommen. Der Großherzog von Berg mochte etwa schon eine Viertelstunde anwesend sein, als man mit einem Male den jungen König von Spanien meldete. Mürat, der sich damals noch mit der Hoffnung trug, daß sein kaiserlicher Schwager den Thron von Spanien ihm bestimmt habe – ein Thron war ihm jedenfalls versprochen –, nahm fast gar keine Notiz von dem eintretenden Fürsten, der es nun auch nicht wagte, ihn anzureden, oder vielleicht glaubte, sich dadurch etwas zu vergeben. Ihre ganze Begleitung hatte sich in Seitengemächer verloren, und beide fanden sich plötzlich in einem Salon allein mit der Königin von Hetrurien, die, um sie zu nötigen, miteinander zu sprechen, ebenfalls in ein Nebenzimmer trat und daselbst an einem Klavier phantasierte; aber Ferdinand, in der größten Verlegenheit, eilte, seiner Schwester zu folgen, und Mürat, dem das Geklimper wenig Vergnügen zu machen schien, entfernte sich bald darauf, ohne daß beide ein Wort miteinander gewechselt hatten. So erzählte man sich diese sonderbare Zusammenkunft damals in Madrid, und so hörte ich sie von dem Adjutant-Kommandanten Monthiou bestätigen.
Ferdinand fuhr indessen fort, sich dem Volk täglich mehrmals zu zeigen, und ritt oder fuhr fast ohne Begleitung durch die Straßen von Madrid, wo er immer mit Vivatgeschrei empfangen wurde. Er tat alles, um sich Napoleon und den Franzosen angenehm zu machen; wir wurden fast im Überfluß mit Lebensmitteln versehen, den französischen Offizieren wies man in der Oper und anderen Theatern besonders ausgezeichnete Plätze an, und da Mürat geäußert hatte, daß der Kaiser den Degen Franz I., der seit der Schlacht von Pavia in der Armeria real aufbewahrt wurde, gerne hätte, ließ ihn Ferdinand sogleich durch den Grafen Altemira an Mürat mit den Worten übergeben, daß er sich in keinen Händen besser als in denen des Helden des Jahrhunderts befinden könne. Der Großherzog von Berg, der unterdessen von seinem Schwager weitere Instruktionen bekommen hatte, gab nun dem jungen König zu verstehen, daß es der Kaiser gerne sehen würde, wenn ihm der Infant Don Carlos, Ferdinands Bruder, bis an die Grenzen des Reichs entgegenkäme. Als er dazu seine Einwilligung gab, ließ ihn Mürat bald darauf durch den französischen Gesandten Beauharnais wissen, daß, wenn sich der König Ferdinand entschlösse, Napoleon in eigener Person entgegen zu kommen, dies derselbe sehr hoch aufnehmen und es von dem größten Nutzen für Ferdinands Sache sein würde. Mürat bestätigte selbst die Versicherungen des Gesandten, und der junge König, noch ohne Antwort auf das Schreiben, durch welches er Napoleon seine Thronbesteigung angezeigt hatte, was ihn doch etwas beunruhigen mochte, schwankte noch zwischen Tun und Lassen, als der General Savary, Napoleons Adjutant, mit dem geheimen Auftrag zu Madrid ankam, Ferdinand zu der Reise nach Bayonne zu bewegen. Savary spielte den Fuchs und verbarg unter einer scheinbaren militärischen Offenherzigkeit den eigentlichen Zweck seiner Sendung, indem er sich stellte, als sei er nur gekommen, um den neuen König zu beglückwünschen, und machte diesen glauben, daß seine Gesinnungen gegen seine Eltern ganz mit denen des Kaisers übereinstimmten, daß derselbe die Vorfälle in Aranjuez insgeheim genehmige und ihn sicher als König von Spanien anerkennen werde. Dies alles ließ Savary nur so wie von ungefähr fallen. Er hatte nicht einmal ein Beglaubigungsschreiben aufzuweisen, dabei versicherte er, daß sein Herr bald zu Bayonne eintreffen würde, um sich von da nach Madrid zu begeben. Mürat und Beauharnais stimmten in Savarys Ton ein, ohne noch zu wissen, was Napoleon eigentlich beabsichtige. Um diesen Aussagen noch mehr Wahrscheinlichkeit zu geben, ließ man schon Wagen mit Effekten des Kaisers über die Grenze gehen, auf allen Poststationen Relais bestellen und reitende Garden zu seiner Bedeckung auf denselben verteilen. Es war sogar schon ein kaiserlicher Furier zu Madrid angekommen, der die Wohnung, die in dem königlichen Palast für seinen Herrn bestimmt wurde, besah, sogar die Badeanstalten in demselben anordnete, so daß nun niemand mehr die demnächstige Ankunft Napoleons bezweifelte. Savary fand, daß es jetzt Zeit sei, dem König die Zumutung, seinem Kaiser entgegenzureisen, zu wiederholen, da derselbe bereits von Paris abgegangen sei, was auch wirklich der Fall war, und wenn sich Ferdinand eile, so müsse er in Burgos mit ihm zusammentreffen. Nachdem dieser noch eine Unterredung deshalb mit Beauharnais gehabt, der natürlich mit Savary in ein Horn blies, entschloß er sich zur Abreise, obgleich er wußte, daß Mürat noch fortwährend mit seinen Eltern im Briefwechsel stand. Wir alle wunderten uns nicht wenig über diesen Entschluß, da selbst mehrere französische Generäle sich geäußert hatten: „Der wird schwerlich zurückkehren.“ Aber Ferdinands Räte schienen blind, wie ihr Herr, und fürchteten die Rückkehr des alten Königs und Godoïs, weshalb sie sich nur unter Napoleons Schutz sicher glaubten, und äußerten, es sei eine Beleidigung, einen so großen Helden eines heimtückischen Schurkenstreichs fähig zu halten.
In Begleitung Savarys und seiner vertrautesten Ratgeber reiste Ferdinand den 10. April von Madrid ab. Auf der ganzen Route erwiesen ihm die französischen Truppen die militärischen Ehrenbezeugungen. In Burgos angelangt, wußte man noch nichts von Napoleons baldigem Ankommen; man ging nun nach Vittoria ab, wo es ebenso war. Hier aber übergab Savary, der unterdessen vorausgeeilt und wieder zurückgekommen war, dem hohen Reisenden ein Schreiben seines Herrn, in welchem ihm jedoch der Titel Majestät nicht gegeben wurde. Es enthielt sogar Verweise wegen der Vorfälle in Aranjuez, und Napoleon sprach sich bestimmt als Schiedsrichter über die Angelegenheiten der königlichen Familie aus. Trotz aller Versuche, die man zu Vittoria machte, dem Prinzen endlich die Augen zu öffnen und ihn zu bewegen, nicht weiter zu gehen, und trotz aller Warnungen, die ihm jetzt von mehr als zwanzig Seiten zukamen, indem man ihm sogar das Anerbieten machte, ihn durch einige tausend spanische Zollwachen mit Gewalt aus den Händen der Franzosen zu befreien, im Fall dies nötig sein würde, oder ihn als Maultiertreiber verkleidet in Sicherheit zu bringen, erklärte er dennoch weiter reisen zu wollen, und zwar bis auf französisches Gebiet. Das Volk, besser beraten, wollte ihn nicht fortlassen, schnitt die Stränge an seinem Wagen ab, und es fehlte wenig, so wäre es zum Handgemenge mit den französischen Truppen gekommen, die unter dem Gewehr standen. Trotz alledem ging Ferdinand über die Bidassoa und nach Bayonne, wo sein Bruder schon angekommen war, seine Eltern bald eintrafen, und wo man ihm anfänglich das Königreich Hetrurien für die Krone von Spanien bot.
Zu Madrid hatte unterdessen Mürat die Freilassung Godoïs von der daselbst seit Ferdinands Abreise eingesetzten Junta durch Drohungen ertrotzt, und er wurde den Franzosen übergeben, die auch ihn nach Bayonne sandten. Nun protestierte der alte König gegen seine Abdankung, als durch Aufruhr erzwungen, und Mürat schickte ihn vier Tage später mit der Königin Marie Louise ebenfalls nach Bayonne.
Wir waren indessen in Madrid nicht auf Rosen gebettet, wenigstens waren diese dornig und stachlich genug. Ich hatte mir jedoch, nachdem ich zweimal gewechselt, eine ziemlich angenehme Wohnung zu verschaffen gewußt, in der sich nicht weniger als fünf junge und hübsche Frauenzimmer befanden, von denen noch drei ledig und zwei ausgezeichnete spanische Schönheiten waren. Leider blieb mir gar zu wenig Zeit übrig, denselben gehörig zu huldigen; aber dennoch und trotz des sich schon allenthalben äußernden Franzosenhasses gelang es mir, in nähere Berührung mit zwei Schwestern zu kommen, von denen die eine, Donna Calvanillas, verheiratet, die andere aber, Señora Rosa Maria, noch ledig war. Beide besuchten jeden Tag die ehemalige Jesuitenkirche St. Isidor, die sich in der Nähe ihrer Wohnung befand. Wenn es mir möglich war, begab ich mich zur selben Stunde in diesen Tempel, wo ich weit mehr als im Haus selbst Gelegenheit hatte, mit den Damen bekannter zu werden. Meine Aufmerksamkeit wurde bemerkt und, wie es mir schien, nicht mit ungünstigen Augen. Ich schrieb nun mit Hilfe eines spanisch-französischen Wörterbuchs und einer solchen Sprachlehre ein Billettchen in spanischer Sprache, in welchem ich es versuchte, so lebhaft als möglich den Eindruck zu schildern, den diese kastilischen Schönheiten auf mein Gemüt gemacht. Während sie knieten und ihre Gebete herplapperten, stellte ich mich seitwärts und vor die frommen Schwestern, so daß ich sie im Auge hatte, und als ich sah, daß sie mich bemerkten und manchmal zu mir herüberschielten, hielt ich das Briefchen zwischen den Fingern der rechten Hand, so daß sie es gut sehen konnten, beobachtete auch, wie die eine die andere anstieß und beide dann leise miteinander sprachen. Ich suchte ihnen jetzt durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß das Briefchen für sie bestimmt sei; an ihrem Erröten erkannte ich, daß sie mich wohl verstanden haben mußten, und beide hüllten sich tiefer in ihre Mantillas, was ihre Reize noch erhöhte. Als sie die Kirche verließen, kam ich ihnen schnell zuvor und stellte mich an den Eingang derselben, ihnen beim Heraustreten das Billettchen hinhaltend, beide glitten jedoch an mir vorüber, ohne Notiz davon zu nehmen, aber meinen Gruß erwidernd; sie schritten langsam voran, eifrig miteinander sprechend. Ich folgte ihnen in geringer Entfernung, hustete mehrmals, plötzlich drehte sich die eine der Damen um, ging mir ein paar Schritte entgegen, nahm mir mit zur Erde gesenkten Blicken das Billett schnell ab und eilte zu ihrer Schwester zurück. Im Hause sah ich sie diesen Tag nicht wieder, obgleich ich mir alle Mühe deshalb gab, aber den anderen Morgen traf ich sie in der Kirche und kniete hinter ihnen an einem Seitenaltar, sie bittend, mich mit einer Antwort zu beglücken. Ohne mich anzusehen, wurde mir erwidert, ich möge ihnen bei dem Ausgang folgen. In Spanien und namentlich in Madrid dienen die Kirchen noch weit mehr als in Italien zu verliebten Rendezvous, ja die Heiligkeit des Ortes hindert nicht, daß man sich nicht selten, an den Altarstufen kniend, küßt.
Als die Donnas nach kurzem Gebet aufstanden und sich entfernten, gab mir die, welche mir das Billett abgenommen, nochmals ein Zeichen, ihnen zu folgen. Sie gingen nun durch verschiedene Kreuz- und Querwege, durch enge und abgelegene Straßen in eine Calle (Gasse) unweit des Plazuela de la Costanillas, wo sie in ein kleines Haus traten, an dessen Tür sie ein wenig warteten, bis auch ich um die Ecke der Gasse gekommen war und sehen konnte, wo sie eintraten. Man gab mir nochmals einen Wink mit der Hand und verschwand. Ich folgte; eine alte Sybille empfing mich an der Haustür und führte mich durch ein kleines Vorzimmer in ein zweites, wo ich meine beiden Schönen traf. Ich war etwas verlegen, welcher von beiden ich ewige Liebe und Treue schwören sollte, denn das Billett, in dem ich am Schluß auf das dringendste um eine baldige Zusammenkunft gebeten hatte, da ich nicht wissen könne, wieviel Stunden ich noch in Madrid zubringen würde, hatte keine Aufschrift gehabt, Donna Calvanillas aber war es, die es mir abgenommen hatte. Ich war wirklich in einer seltsamen Lage, nicht wissend, welcher ich jetzt eine Liebeserklärung machen sollte. Rosa Maria wäre mir als Mädchen allerdings die liebste gewesen, aber mit der Verheirateten war schneller zum Ziel zu kommen, wenigstens war dies meine Meinung, und es war die richtige. Die Damen schienen meine Unentschlossenheit zu bemerken, und nachdem ich einige spanische Artigkeiten, so gut ich es vermochte, mit italienischen vermischt, gesagt, ging Rosa Maria an ein Fenster des Vorzimmers, die Straße oder den Himmel beschauend und mich mit der Schwester ungestört allein, aber doch die Tür offen lassend. Die Unterhaltung mit der Zurückgebliebenen war an Worten karg und einsilbig, denn wir hatten zu große Mühe, uns zu verständigen, dagegen war sie desto beredter durch Blicke und Mienen, und bald lag die Donna in meinen Armen. Ich bemerkte indessen, daß sich das schwarze Köpfchen der Schwester einigemal an der offen gebliebenen Tür des Vorzimmers zeigte, wohin die Senora auf den Zehen geschlichen war, und neugierige Blicke auf uns warf. Dies hielt mich jedoch nicht ab, an die in den Armen habende Donna die zärtlichsten Liebkosungen zu verschwenden und sie endlich einzuladen, sich mit mir auf die nicht sehr schwellenden Polster einer Art Sofa niederzulassen, wo wir eine halbe Stunde, im Entzücken schwelgend, hinbrachten. Jetzt rief meine Donna auch Rosa Maria wieder ins Zimmer. Nun hatte ich bald eine Schwester in jedem Arm, und der Schäfereien und Tändeleien wurden mancherlei getrieben. Nachdem man sich endlich satt und matt geküßt und die liebenswürdigen Schönen wohl hundertmal „Corazon! Corazon!“, den Lieblingsruf der entzückten Spanierinnen, hatten hören lassen, den ich immer mit einem: „Carissima, bellissima!“ beantwortete, denn an eine zusammenhängende Unterhaltung war nicht zu denken, da ich nicht den zehnten Teil von dem verstand, was mir die lieben Kinder vorschwatzten, so machten wir endlich Anstalt, uns zu entfernen. Nur soviel hatte ich herausgebracht, daß das Haus, in dem wir waren, einer alten Amme der beiden Senoras gehörte, und daß ich mich hüten müsse, sie ferner in unserer Wohnung, auf der Straße oder auch in der Kirche anzusprechen, indem der Cortejo (ungefähr das, was ein Cecisbeo in Italien ist) der Donna Calvanillas, ein ältlicher geistlicher Herr, sie sorgsam bewache. Dagegen könnten wir uns jede Woche einigemal ohne alle Gefahr in der Wohnung der alten Amme sprechen, vielleicht auch bei einer Refrescos oder Tartulia (ersteres sind Nachmittagsgesellschaften, bei denen farbiges Eiswasser, Schokolade, Sorbetti, Gefrorenes, Konfitüren und allerlei Zuckerwerk in großer Profusion gereicht und geplaudert wird, die Tartulia aber sind Abendgesellschaften, die recht munter und unterhaltend sind, zu denen man gerne Fremde einladet und mit zuvorkommender Artigkeit behandelt), die ihre Verwandten bisweilen in ihrer Wohnung veranstalten, sie manchmal sehen, indem sie zu veranlassen hofften, daß ich eingeladen würde. Nach einem zärtlichen Abschied trennten wir uns in der Hoffnung, uns bald wieder hier zu treffen, was aber nur noch einigemal der Fall und zuletzt mit Gefahr verbunden war.
Wenig Zeit blieb mir auch übrig, die Merkwürdigkeiten Madrids kennen zu lernen, denn es verging jetzt beinahe kein Tag mehr, an dem es nicht Alarm gegeben hätte.
Auch die Theater besuchte ich nur wenig, kaum ein halbes dutzendmal, da mir der Dienst dies nicht öfter gestattete und ich mich auch langweilte, indem ich die Sprache zu wenig verstand und meist nur Tonadillas und Sayanetes gegeben wurden, in denen es sehr frei und ungeniert auf der Bühne zuging und wollüstige Stellungen und sehr unanständiges Küssen häufig vorkamen, was nicht hinderte, daß sich Geistliche und Kutten jeder Farbe in Parterre und Logen blicken ließen und sichtbar ergötzten. Auch die italienische Oper besuchte ich, fand mich aber wenig befriedigt, da sie kaum mit den mittelmäßigsten Italiens konkurrieren konnte. Die Theater waren nicht sehr besetzt; bei einem Stiergefecht drängen sich die Spanier ganz anders hinzu.
Der Prado ist so ziemlich der einzige Spaziergang innerhalb der Stadt, wozu man noch die Straße Alcala und Puerta del Sol rechnen kann, da auch diese zum Spazierengehen benützt werden. Er ist aber der unterhaltendste, den man sich denken kann, vielleicht der angenehmste der Welt, und historisch merkwürdig. Er war von jeher auch ein Rendezvous für verliebte Intrigen und Abenteuer, und die Romanschreiber und Dichter Spaniens haben ihn weltberühmt gemacht. Bald waren es die greulichsten Mordszenen, bald politische Komplotte, Verschwörung und Verrat, die zu seiner Berühmtheit beitrugen. Er hat wenigstens siebentausend Fuß im Umfang, eine breite Allee mit vielen Seitengängen durchzieht seine ganze Länge, die Wagen fahren in der Mitte, die Seiten sind für die Fußgänger bestimmt. Diese Promenade beginnt am Tor Ricoletos, geht über die Straße Alcala, bis an das Tor Atocha, ein Weg von beinahe einer Stunde. Der Zulauf ist hier außerordentlich. Die Damen der höheren Stände besuchen ihn nur in Wagen, die zu Fuß Gehenden sind meistens aus dem niederen Bürgerstande, schwarz gekleidet und mit der beliebten Mantilla versehen, die nur eine Spanierin zu tragen versteht.
Kaffeehäuser gibt es zwar in großer Zahl zu Madrid, aber sie sind mit denen in Frankreich und Italien nicht zu vergleichen, oft wahre Spelunken, in denen man sehr schlecht bedient wird. Nicht viel besser sind die Gasthöfe. – Nirgends sind wohl die Nymphen der Freude so verführerisch wie in Madrid. Man teilt sie in Cortesanos, Majos und Muchachas, von denen die ersten die vornehmsten, meist unterhaltene Mädchen sind, die aber noch ihre Extraliebhaber nebenher haben. Die Majos, wie die Loretten in Paris, wählen noch, die letzten aber sind völliges Gemeingut. Sobald die Göttin der Nacht ihren Schleier auszubreiten und die Dämmerung beginnt, schwärmen sie gleich Bienen und Fledermäusen aus allen Gassen hervor, wobei sie Rosenknospen ähnliche Mäulchen machen und ihr meist rabenschwarzes Seidenhaar zum Teil sehen lassen. Öffnen sie den Mund, so zeigen sie zwei Reihen der schönsten Perlenzähne. Ihr Wuchs ist in der Regel ätherisch schlank. Sie haben immer ein recht frisches Aussehen und meist die verführerischesten kleinen Füße, dabei eine wohltönende, melodisch-lockende Sirenenstimme. Dennoch ließ ich mich nicht verlocken, obgleich ich mir die Ohren nicht mit Baumwolle verstopft und scharfsehende Augen hatte. Die Geistlichkeit und Mönche sind ihre besten Kunden, zahlen aber oft nur mit Absolution, büßen aber nicht selten dafür durch abscheuliche Krankheiten.
Die Einwohner Madrids sind ein sehr lebenslustiges Volk. Besonders heiter ist man des Abends und bis tief in die Nacht hinein, wo alle Spaziergänge und öffentliche Orte mit Menschen angefüllt sind und man sich auch im Freien zu Tartulias versammelt, sehr munter ist, und wo es oft toll genug zugeht. Die Frauen sieht man selten ohne ihre Mantilla, unter welcher sie die Basquina, ein langes schwarzseidenes Kleid tragen. Namentlich sind in den Kirchen alle so gekleidet, und diese Tracht steht denen, die schön gewachsen, was die meisten sind, bezaubernd. Auch haben sie die schönsten Augen von der Welt, mit denen sie wahrhaft durchbohrende Blicke zu schleudern verstehen. Der Cortejo (Cicisbeo oder Courmacher) der Damen ist meistens ein Kanonikus oder Geistlicher, bisweilen auch ein Offizier, ein Verwandter des Mannes. Die ersteren sind in der Regel schon bei Jahren, betrügen dennoch aber die Ehemänner, die sie anstellen, nicht selten. Die machen gar oft den Bock zum Gärtner, und je älter der Bock, desto steifer das Horn, heißt es bei diesen gezwungenen Hagestolzen der Kutte. Die spanischen Damen haben auch eine ganz besondere Liebhaberei an Papageien, Kakadus, Affen und ähnlichen Tieren, die man an den Fenstern fast eines jeden nur mittelmäßigen Hauses sieht. In den Nächten hört man, bis die Mitternachtsstunde vorüber, Gitarren und Mandolinen auf allen Straßen vor den Balkonen der Schönen erklingen, ein Gebrauch, den, wie diese Instrumente selbst, die Mauren nach Spanien brachten. Der Fandango ertönt allerorten und ist, von den reizenden üppigen Spanierinnen aufgeführt, ein Tanz, der den Zuschauern alles Blut in Wallung treibt und selbst in Wollust getaucht scheint. Der heilige Antonius selbst würde, und wenn er auch zehn Jahre lang nichts als Wurzeln und Kräuter gegessen und nur noch Haut und Knochen gewesen, diesem Versucher schwerlich widerstanden sein. Ja der frömmste Büßer muß seine Buße zu allen Teufeln wünschen, wenn eine junge, vollbusige, schlanke Andalusierin diesen, alle Sinne verwirrenden Tanz mit ihrer unwiderstehlichen, fast überirdischen Anmut aufführt.
Man erzählt sich, daß, als man einst von Rom, wo ein gichtbrüchiger Papst auf Petri Stuhl saß, den Fandango bei Strafe des Kirchenbannes verbieten wollte, ein vernünftiger Kardinal dem heiligen Vater die richtige Bemerkung machte, man solle niemand, ohne gehört oder gesehen, verdammen. Man ließ nun den verführerischen Tanz vor einer zu Richtern über denselben bestimmten Versammlung von Kardinälen durch reizende Spanierinnen aufführen. Aber kaum entfalteten die schönen Tänzerinnen die Anmut ihrer Bewegungen, so verschwanden auch schon alle Falten der gerunzelten Stirnen der alten Eminenzen, sie fingen mit Händen und Füßen zu zappeln an, schlugen den Takt dazu, und die heilige Jury sprach den Fandango einstimmig frei.
Aber das Vergnügen, welches der Fremde bei diesem Tanz empfindet, wird zur Abscheu, wenn er einer Hauptergötzlichkeit der Spanier, einem Stiergefecht beiwohnt, auf welches, horribile dictu, die Damen am ärgsten versessen sind. Sie würden kein Opfer scheuen, selbst nicht das ihrer höchsten Gunst, um einem solchen beiwohnen zu können. Das letzte Hemd wird verkauft oder versetzt, um dieses Gelüst zu befriedigen, und dann fährt man mit Grandezza auf den Plaza mayor.
In der Regel lebt man in Madrid ziemlich billig; aber teurer als gewöhnlich war es während unseres Aufenthalts daselbst. Das Fleisch, mit Ausnahme der Schweine, war nicht sonderlich, nur die Toledaner Hammel sind nicht schlecht. Das Geflügel aber ist sehr gut und in großem Überfluß. Früchte und Gemüse sind ebenfalls gut, werden aber abscheulich, für Fremde oft ungenießbar zubereitet. Das Brot, pan candial, ist ein wahres Kuchenbrot; aber die Feuerweine, wie Alikant, Xeres, Canaries, Vinos generos, Val de pennos, la Mancha, müssen einen Eisklumpen noch beleben, haben aber auch schon manchem ungenügsamen Fremden das Grab geöffnet.
Die Spanierinnen haben fast alle sehr melodische Stimmen, so daß schon ihre Rede fast wie lieblicher Gesang tönt. Ihre Sprache ist ein glühender Liebeshauch, ihre Augen und Blicke unter den nie fehlenden Schleiern erschüttern Mark und Bein und sind herzdurchbohrend. Dabei sind sie galant und verliebt bis über die Ohren. Sie sehen die Fremden sehr gerne, und wären die Franzosen als Freunde geblieben, so hätten sie Spanien durch die Frauen und Mädchen erobert und gefesselt. Aber die unglücklichen Ereignisse machten, daß später das französische Militär fast in gar keine freundliche Berührung mehr mit den Einwohnern kam. Freilich besitzt der Spanier wenig Liebenswürdigkeit, ist hochmütig, gebieterisch und herrisch gegen das schöne Geschlecht, verrichtet dabei aber alle Frauendienste, ein ungeheurer Abstand gegen den galanten Franzosen, und dabei selten ein schöner Mann; in der Regel eher häßlich zu nennen. Selbst sein Organ ist rauh und unangenehm und seine Aussprache hart. Von der Mäßigkeit der Spanier im Essen und Trinken kann man sich kaum einen Begriff machen: eine Familie von zehn Personen hat oft genug an dem, was mancher Süddeutsche oder Schweizer allein zu sich nimmt. Eine gesalzene Sardelle, ein Stückchen Knoblauch und trockenes Brot, oder ein Ei und etwas Obst ist oft das ganze Mittagmahl. Eine Wassersuppe mit Öl, ein Dutzend Schnecken, Schwämme und so weiter sind schon Leckerbissen in den Dörfern.
Eine sehr große Rolle spielte zu jener Zeit noch der Aberglaube in ganz Spanien und unter allen Ständen. Wahrsager, Schwarz- und Weißkünstler, Hexenmeister gab es in jedem Dorf, und ganze Banden solchen Gesindels streiften in dem Land umher, sich von der Dummheit der Einwohner mästend. Die Barbiere sind ein entsetzlich geschwätziges Volk, höchst zudringlich und auch bei galanten Abenteuern nützlich, aber ein Figaro ist mir doch nicht unter ihnen begegnet, dagegen Gil-Blas und Sancho Pansas genug.
In der Regel sind die Wohnungen der Spanier im Innern sehr kahl, haben meistens eine schlechte Einrichtung. Große düstere Zimmer mit alten Heiligenbildern verziert, zerlumpte Vorhänge, ebensolche Tapeten, einige alte Sessel, einige Tische und Stühle, altmodische Spiegel, das war das ganze Mobiliar eines selbst bemittelten Mannes. – Der spanische Adel ist auf sein Herkommen und seinen Stammbaum ebenso eingebildet und dummstolz, als mancher hannoversche oder sächsische Kraut- und Landjunker. Ein jeder Hidalgos, wenn er auch in Lumpen gehüllt ist und kein ganzes Hemd mehr auf dem Leibe hat, besitzt doch gewiß seinen wurmstichigen Stammbaum in seiner Dachkammer, oft der einzige Zierat, oder besser der Unrat seiner hohen Wohnung. Dabei sind sie gegenseitig so komisch komplimentenreich, daß man in Versuchung kommt, sie für Policinellos zu halten. Die Don Ranudo de Colibrados sind noch lange nicht ausgestorben und blühen in Spanien noch wie in Deutschland und Italien. Seltener ist diese Schmarotzerpflanze in Frankreich, wo sie die Lächerlichkeit nicht aufkommen läßt. Fast die Mehrzahl der Spanier liebt das Zölibat, dagegen haben sie Mätressen zu halben Dutzenden, wenn es ihre Umstände erlauben.
Der Ursprung Madrids ist gänzlich unbekannt. Aber ein großer Teil seiner Bewohner behauptet in allem Ernst, daß die alten Griechen die Stadt gegründet hätten, andere sagen, es sei das alte Mantua Carpetanorum. Die ersten, einigermaßen zuverlässigen geschichtlichen Nachrichten hat man aus den Zeiten, wo die Könige von Kastilien hier ein Schloß hatten, das schon erwähnte, welches an der Stelle des heutigen neuen königlichen Palastes stand. Philipp II. verlegte zuerst seine Residenz und seinen Hof für immer hierher, nachdem sein Vater Karl I. (V.) schon einen großen Teil seiner Zeit daselbst zugebracht hatte. Jetzt wurde die Stadt immer bedeutender, kam schnell empor, wozu religiöse Feste, Autodafés und Stiergefechte nicht wenig beitrugen. Die Autodafés waren eine bittere und blutige Satire auf die christliche Religion und ihren Stifter, und wurden oft nur gehalten, um dem Volk eine Unterhaltung zu gewähren, die es zugleich mit Furcht und Schrecken erfüllen sollte. Da wurden, um Fruchtbarkeit und gutes Wetter vom Himmel zu erlangen, Ketzer, Zauberer und Hexen unter dem Jubel des unzähligen Pöbels aus allen Ständen verbrannt. Den armen Sündern wurde vorher das Urteil in den Kirchen verkündigt und ihnen noch eine recht erbauliche Bußpredigt gehalten. Dann wurden sie auf den Plaza mayor geführt, wo man noch eine Messe an einem Altar las, und sie hierauf in die hellodernden Flammen des neben dem Altar errichteten Scheiterhaufens warf. Nun wurden noch allerhand heilige Schnurrpfeifereien vorgenommen, das Volk mit schmutzigem Weihwasser bespritzt, man kniete, betete, bekreuzigte sich und streute zu guter Letzt die Asche der Verbrannten in alle Winde. Die heilige Hermandad, ihre Henkersknechte – die Inquisitionsrichter – und tausende von Pfaffen entfernten sich dann heulend und brüllend in Prozession, und das erbaute Volk verlief sich nach allen Seiten. In fast allen Kirchen Spaniens sieht man Abbildungen solcher, zur Ehre der Dreieinigkeit und zur Schande der Menschen und ihrer Religion gehaltenen Autodafés. Gewöhnlich sind sie am Hochaltar angebracht und recht gräßlich gemalt. Da werfen die Schindersknechte einen zitternden Greis, dort ein altes Weib, hier ein schönes Mädchen in die Flammen. Ihre Namen liest man unter dem Gemälde. Noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde eine hübsche junge Frau aus Sevilla verbrannt, weil sie ein Verhältnis mit dem Teufel unterhalten, der ihr die Gabe der Weissagung verliehen hatte. Trotzdem aber konnte sie ihr eigenes Schicksal keinen Tag voraussehen. Noch später wurde ein Schneider, der sich der Magie ergeben hatte, aus ganz besonderer Gnade zwar nur im Bilde verbrannt, aber während dieser Operation in Natura blutig ausgepeitscht, bis er selbst fast seinen Geist aufgab.
Bis zu den Zeiten Philipp V. hielt man noch Turniere, Ringelreiten und dergleichen in Madrid und feierte namentlich ein Fest, ‚Die Belagerung von Amors Schloß‘ genannt, im Wonnemonat jeden Jahres mit großem Pomp. Der Plaza mayor war ebenfalls die Schaubühne desselben. Man erbaute auf demselben eine große hölzerne, mit Festons geschmückte Burg, auf deren Mauern allerlei Allegorien gemalt waren. Die schönsten Frauen und Mädchen bildeten als Ritter und Knappen die Besatzung dieser Burg und zeigten sich mit Kränzen und Blumen bewaffnet auf den Mauern, während vor derselben von den Belagerern Quadrillen zu Pferd und zu Fuß aufgeführt wurden. Hierauf gab eine sanfte Musik das Zeichen zur Erstürmung der Feste, deren Verteidiger dieselbe nur durch das Herabwerfen ganzer Körbe voll Blumen zu schützen versuchten. Die Stürmenden aber ließen sich dadurch nicht abhalten, mutig hinanzuklimmen, und wurden als Sieger mit Küssen und Kokarden von den Schönen empfangen. Jetzt wurde ein Triumphzug zu Roß und zu Wagen durch alle Hauptstraßen der Stadt, in denen Triumphbogen von Blumen errichtet waren, gehalten, und von allen Balkonen bewarf man die Vorüberziehenden ebenfalls mit Blumen. Musik, Gesang und Tanz währten die ganze Nacht hindurch, in welcher die Stadt durchaus bis zum Anbruche des Tages erleuchtet war.
Daß an einem Amorfest die Frauen den größten Anteil nehmen, ist sehr natürlich. Aber daß sie es auch sind, die mit der größten Gier den Stiergefechten nachlaufen, sich an dem Verbluten der gemarterten Tiere ergötzen, mit Vergnügen die Wunden des gehetzten Tieres zählen, und bedauern, daß es durch zu frühes Hinscheiden seine Leiden endet, und dessen Mörder und Hetzhunde mit Beifall überschütten, ihnen, mit Händen und Füßen tobend, zujauchzen, während der arme edle Stier mit dem Wutschaum vor dem Maul niederstürzt und ein letztes, durch Mark und Bein dringendes Schmerzgebrüll ausstößt, sich qualvoll in seinem Blute wälzt, ist höchst unnatürlich. Die schönsten Opfer dieser Grausamkeit liefern die andalusischen Wildnisse, in denen man die Stiere mit Hilfe abgerichteter Kühe fängt und dann zu diesem Marterspiel aufbewahrt. Selbst die sonst in Spanien so hoch, ja göttlich verehrten Päpste waren so wenig wie die Könige des Landes imstande, diesem Greuel ein Ende zu machen. Sobald von Abschaffung der Stierkämpfe die Rede war, drohte jedesmal die ganze Nation sich zu empören, und man war genötigt, dem guten Volk schnell wieder einige Hundert dieser Tiere zu opfern, um es zu beruhigen und zu überzeugen, daß man ihm dieses Vergnügen nicht rauben wolle.