Seit Ferdinands Abreise von Madrid schienen alle spanischen Gesichter ein ganz anderes Aussehen zu haben. Man blickte uns mit auffallend finsteren Augen an, um so mehr, da man wußte, daß wir jetzt ganz auf Spaniens Unkosten lebten und unterhalten wurden. Das Benehmen der Krieger der großen Nation war im Gefühl ihrer bisherigen Siege ziemlich arrogant, was zu öfteren Händeln Veranlassung gab, die zwischen den Einwohnern und Soldaten vorfielen, in die sich aber das spanische Militär durchaus nicht mischte, sondern ganz neutral verhielt. Auch verschwand hier und da mancher französische Soldat, ohne daß man herausbringen konnte, was aus ihm geworden war. Murat fuhr fort, Truppen nach Madrid zu ziehen. Dupont wurde mit seinem Stab und einem Teil seiner Division nach Aranjuez und die Umgegend verlegt. Der Rest hatte unter dem Befehl Vedets Besitz von Eskurial genommen. Die dritte Division lag noch bei Segovia und viele Bataillone biwakierten in geringerer oder größerer Entfernung von der Hauptstadt. Das Gerücht, daß Napoleon Ferdinand VII. nicht anerkenne, fand bald allgemeinen Glauben, man erfuhr, daß in Toledo schon ein Volksauflauf stattgefunden habe, bei dem sich die Anhänger des alten Königs und Godoïs flüchten mußten. Man hatte dabei Ferdinands Bild im Triumph herumgetragen. Wer ihm begegnete, mußte seine Knie vor demselben beugen und ihm ein Vivat bringen, wollte er nicht von dem mit Säbeln, Spießen und Gewehren bewaffneten Volk mißhandelt oder gar ermordet werden. Fünf Tage darauf marschierte Dupont schon nach Toledo ab, wohin er sein Hauptquartier verlegte. Er fand keinen Widerstand bei seinem Einzug, wie er gefürchtet und weshalb er in Schlachtordnung vorgerückt war, sondern der Erzbischof, ein Bruder der Gattin Godoïs, kam ihm mit dieser und einer Zahl Geistlichen entgegen. Aber das Volk maß die Ankömmlinge mit finsteren, vielsagenden Blicken.
Wir standen jetzt in Madrid wie auf einem Vulkan, von dem alle Anzeichen einen nahen Ausbruch verkündeten. Nur mit großer Mühe hatte man bei Godoïs Freilassung einen Aufstand unterdrückt. Als man aber die Gewißheit bekam, daß Ferdinand Spaniens Grenze überschritten und dessen Vater gegen seine erzwungene Abdankung protestiert habe, da wurde die Erbitterung allgemein und furchtbar. Die böse Stimmung der Gemüter war nicht mehr zu verkennen und stieg aufs höchste, als sich übertriebene Gerüchte hinsichtlich der Mißhandlung, die der vergötterte Ferdinand in Bayonne erlitten haben sollte, in Madrid verbreiteten. Den ganzen Tag standen Tausende um das Postgebäude, die von Frankreich kommenden Kuriere und Briefe erwartend. Man teilte sich auf der Puerta del Sol, dem Prado und an allen öffentlichen Orten und Plätzen Briefe mit, welche die Vorfälle zu Bayonne mit den schwärzesten Farben schilderten. Wut und Ingrimm machten sich auf den braunen spanischen Gesichtern bemerkbar, und nur noch mit Mühe unterdrückten die Leute den Ausbruch ihres Zornes.
Es wurden nun allerlei Maßregeln von unserer Seite ergriffen, den bevorstehenden Sturm zu beschwören und das Verbreiten schlimmer oder falscher Nachrichten zu verhindern, aber vergeblich. Auch fing man die Sache verkehrt an. Umsonst ritt Murat täglich zu verschiedenen Stunden mit großem Prunk und glänzendem Gefolge durch die Straßen der Hauptstadt, um sich dem Volke zu zeigen und es zu besänftigen. Diese Ostentation hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung. Das Volk hielt sie für Hohn und glaubte, man spotte seiner. Man murrte laut, und nicht selten ließ sich ein gellendes Pfeifen hören, wenn der Zug vorüberritt. Murat war durch die ertrotzte Befreiung und Abführung Godoïs jetzt ebenso verhaßt wie dieser geworden. In der peinlichsten Lage befand sich jedoch die hohe Junta, welcher Ferdinand die Zügel der Regierung bei seiner Abreise übergeben hatte, und die nicht mehr wußte, wer Koch oder Kellner war, daher in dieser Verwirrung keinen Leitfaden finden konnte, der ihr den rechten Weg gezeigt hätte. Auch wollte sie es mit keiner Partei verderben. Die wenigen spanischen Truppen, die noch in Madrid lagen, es waren kaum zweitausend Mann, wurden in den Kasernen konsigniert, als die Gärung auf das höchste gestiegen war. Es gab jetzt schon blutige Raufereien zwischen den Einwohnern und unseren Truppen. Unsere Artillerie war sehr zahlreich in Buen Retiro aufgestellt, um im Falle der Not jeden Augenblick bereit zu sein. In Madrid selbst stand die kaiserliche Garde zu Fuß und zu Pferd, eine Division von der Linie, eine Brigade Reiterei und so weiter. In Aranjuez und der Umgegend lagen noch an dreißigtausend Mann. Als das Unwetter drohte, erhielten wir Order, im Prado zu biwakieren. Das Kloster des heiligen Bernhard war mit Soldaten angefüllt, die nicht aus den Kleidern kamen und Tag und Nacht unter Gewehr standen, auf das geringste Alarmzeichen passend. – Als Murat nun dem noch in Madrid anwesenden Infanten Don Antonio mitteilte, daß er von Karl IV. den Auftrag erhalten habe, die Königin von Hetrurien mit ihrem dreizehnjährigen Sohne auch nach Bayonne zu schicken, da erklärte die Junta, daß sie den letzteren nicht ohne den ausdrücklichen Befehl des König Ferdinand abreisen lassen würde. Murat entgegnete, daß er alle Verantwortung deshalb auf sich nehme, und bestimmte den 2. Mai (1808) zum Tag der Abreise der Königin und ihres Kindes. Als dies in der Hauptstadt bekannt wurde, setzten deren Einwohner alle noch bis jetzt beobachteten Rücksichten beiseite und riefen laut in den Straßen die infamierendsten Schmähungen gegen den Kaiser der Franzosen, aus dem sie einen picaro, un cobarde ladron machten. Da auch seit einigen Tagen die Nachrichten aus Bayonne ausblieben, so vermutete man, daß daselbst das Ärgste vorgefallen sein müsse, und sprach von Ermordung und Vergiftung der beiden Prinzen, Don Ferdinand und Don Carlos, durch Godoïs Einfluß. Auch die Weiber wurden nun wütend, und wo man eine französische Uniform sah, murmelte man: perro francés. So war die Stimmung am 2. Mai, und die ungeheure pulverschwangere Mine erwartete nur den zündenden Funken, um alles zertrümmernd in die Luft zu sprengen. Dieser Funke war die Abreise der Königin von Hetrurien. Die vorhergehende Nacht stand die ganze Garnison unter dem Gewehr und starke Patrouillen kreuzten in allen Richtungen. Dies hinderte nicht, daß sich schon mit Tagesanbruch eine unermeßliche Menge Volk vor dem Palast versammelte, den die Königin bewohnte. Unter diesen Haufen war eine Menge Weiber aus den untersten Klassen und alle hatten drohende Gesichter. Die Vorbereitungen zur Abreise wurden auf das schleunigste betrieben, und es gelang, daß die Königin mit ihren Kindern noch vor neun Uhr abfuhr. Noch waren die Wagen ihres Gefolges zurück, welche das versammelte Volk für den Infanten Don Francisko bestimmt glaubte, der, wie man versicherte, sich weigere, abzureisen, und in Verzweiflung sei. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses Gerücht unter den Massen, worauf die Weiber laut zu heulen und zu schreien, die Männer aber zu fluchen und zu schimpfen begannen und alle Verwünschungen gegen die Franzosen ausstießen. Gerade in dem Augenblick, als die Erbitterung auf das höchste gestiegen war, kam Murats Adjutant Lagrange aus dem Palast, und eine Stimme rief laut: „Das ist der picaro, der den Infanten mit Gewalt fortschleppen will!“ Man umringt sogleich den Offizier, schimpft und stößt ihn, er zieht den Degen, war aber am Unterliegen, als sich eine Grenadierpatrouille bis zu ihm Platz macht und ihn dem unvermeidlichen Tod entreißt. Dies war das Zeichen zum allgemeinen Aufstand der ganzen Bevölkerung Madrids. In wenigen Augenblicken sind alle Straßen mit bewaffneten Bürgern und Bauern angefüllt, die Piken, Dolche, Gewehre, Hellebarden und so weiter handhaben. Die Trompeten schmettern, die Trommeln wirbeln den Generalmarsch und die Sturmglocken heulen durch die Lüfte. An den noch nicht abgegangenen Wagen zerhaut das Volk die Stränge, ohne daß es das herbeieilende Pikett-Bataillon, das bei Murat die Wache hat, verhindern kann. Wir alle glaubten, daß dies der Ausbruch einer tiefangelegten Verschwörung, alle Franzosen zu morden, sei. Aber es war nur die natürliche Folge des allgemeinen Unwillens, den der empörte Nationalstolz hervorbrachte. Die wütenden Bürger rennen jetzt mit Eisenstöcken, Knütteln, Spießen, alten Schwertern, Büchsen und so weiter durch alle Straßen und schlagen alle Franzosen, denen sie einzeln oder in geringer Zahl begegnen, gleich tollen Hunden tot. Nicht besser ergeht es jenen, die sich noch hier und da in den Häusern befinden, wie Kommissäre, Offiziersbediente und so weiter. Adjutanten und Offiziere, welche Orders an Korpskommandanten zu überbringen haben, werden von den Pferden herabgerissen, gesteinigt und tödlich verwundet. Aus vielen Fenstern wird auf alle vorbeieilenden Franzosen geschossen oder siedendes Wasser und Öl auf sie herabgegossen, und jetzt entspinnt sich an hundert Orten zugleich der wütendste, blutigste Kampf. Unser Bataillon, das noch in der Nähe des Tores von Segovia unter den Waffen stand, erhielt Order, sich auf die Höhen vor dem Tor Sankt Vinzenz zu begeben, wohin mehrere Truppen ihre Richtung nahmen, wo Murat seinen Standpunkt gewählt hatte und von wo aus er seine Befehle nach allen Richtungen sandte. Reitende Ordonnanzen gingen ventre à terre ab, den in der Umgebung kampierenden Truppen die Befehle zu überbringen, auf das schleunigste gegen die Hauptstadt zu marschieren. Hierauf wurden die Kolonnen gegen verschiedene Straßen und Plätze der Stadt in Marsch gesetzt. Die breite Straße Alcala wurde mit Kartätschen gesäubert, die Kavallerie der Garde und die Lanciers hieben und stachen auf die Massen ein. Unser Bataillon sowie ein großer Teil der Infanterie lief, in Peletons abgeteilt, durch die Straßen und drang in Häuser, aus denen man geschossen hatte. In einem Hause der Calle San Bernardo hatte ich die größte Mühe, drei Frauen und einen Knaben der Wut der erbitterten Soldaten zu entziehen, um ihnen das Leben zu retten, konnte aber nicht verhindern, daß zwei der ersteren dennoch geschändet wurden. Immer mehr Truppen kamen jetzt in die Stadt, aber von der anderen Seite auch Tausende von bewaffneten Landleuten aus der Umgegend, die den Bürgern zu Hilfe eilten, und Geistliche und Mönche, mit dem Kruzifix in der Hand, stellten sich an die Spitze der Volkshaufen und ermutigten sie zum verzweifelten Kampf. Um elf Uhr vormittags hatte das wütendste Gefecht schon auf allen Punkten begonnen und nahm mit jedem Moment zu. Das spanische Militär war noch immer in seinen Kasernen konsigniert und hatte Befehl, die strengste Neutralität zu beobachten. Ein Haufen Volk eilte hin, diese Truppen aufzufordern, sich mit ihm zu vereinigen; aber vergeblich. Die Kommandeurs hielten sie zurück, und nur einigen gelang es, sich unter das Volk zu mischen. Dieses war so wutentbrannt, daß es sich oft blindlings mit Dolchen oder Stöcken in unsere Reihen stürzte und sich sterbend glücklich pries, wenn es ihm gelungen war, einen der Unsrigen zu verwunden. Mitten unter diesen, gleich Löwen fechtenden Haufen standen Weiber mit fliegenden Haaren, flatternden Mantillen, welche die Männer zum Ausharren im Kampf aufmunterten, ja selbst vor der im Galopp heransprengenden Reiterei nicht zurückwichen. Als einige den Ruf: „Nach dem Park, holt Waffen!“ hören ließen, rannte das Volk dahin, um sich der daselbst vorhandenen Kanonen und vieler tausend Gewehre zu bemächtigen. Aber der dort die Wache habende Offizier, ein spanischer Artillerieleutnant, weigerte sich, dieselben auszuliefern. Als man noch deshalb hin und her stritt, kam ein anderer Offizier namens Ruez mit einer Abteilung von fünfzig Mann, die den Park schützen sollten. Aber statt dessen ließ er das Volk gewähren, öffnete ihm sogar die Türen, und es bemächtigte sich schnell der vorhandenen Gewehre, wohl über zehntausend, sowie der Munition. Auch die sich in dem Park befindenden Kanoniere nahmen Partei für das Volk, zogen Kanonen heraus und pflanzten sie in verschiedenen Straßen, wo sie glaubten, daß die Franzosen herkommen würden, auf. In diesem Augenblick rückten unsere Kolonnen in der Straße San Bernardo vor, denn wir hatten Befehl, uns des Parkes um jeden Preis zu bemächtigen. Als uns das Volk gewahr wurde und heranlaufen sah, feuerte es die Kanonen ab, und der Kommandant unserer Kolonne stürzte mit noch mehreren anderen Soldaten an der Spitze derselben tot nieder, während andere schwer verwundet wurden. Dies veranlaßte, daß die Kolonne zurückwich; hierdurch entstand Unordnung, und mehrere der Unsrigen fielen in die Hände des wütenden Volkes. Doch brachte der jetzt befehlende Bataillonschef Carlier die Truppen bald wieder zum Stehen, und ein spanischer Kapitän, den die Regierungs-Junta als Parlamentär abgesandt hatte, stellte sich, mit einem weißen Tuch winkend, an unsere Spitze, seinen Landsleuten zurufend, sie möchten mit dem Feuern einhalten, wir seien von der Junta abgeschickt, den Park nur zu schützen. Das Volk hörte zwar auf diesen Befehl, als wir aber weiter vorrücken wollten, rief man uns zu: um zu beweisen, daß wir als Freunde kämen, sollten wir die Waffen ablegen; und da wir, wie natürlich, dies nicht taten, feuerten sie aufs neue. Jetzt begann ein äußerst hartnäckiges Gefecht, das damit endigte, daß wir die Kanonen mit bedeutendem Verlust im Sturm nahmen und so Herren des Parkes wurden. Aber der größte Teil der Waffen und des Pulvers waren schon weggenommen.
Der Kampf hatte sich nun in fast alle Gegenden und Straßen Madrids verbreitet, obgleich sich mehrere Mitglieder der Junta die unsäglichste Mühe gaben, dem Blutvergießen Einhalt zu tun, und mit Lebensgefahr durch die Gassen ritten, weiße Tücher schwingend. Immer mehr gestaltete sich die Schlacht, denn das war sie, und zwar mitten in einer Stadt, zu unserem Vorteil. Aber jetzt waren auch die Unsrigen bis zur Wut entflammt, da sie allenthalben auf die entsetzlich verstümmelten Leichen ihrer Kameraden stießen; besonders waren viele Mameluken von der Garde, welche die Orders zu überbringen hatten, gefallen. Sie verübten deshalb barbarische Grausamkeit gegen die ihnen in die Hände geratenen Spanier und machten unter anderen ohne Unterschied alles nieder, was sich in eine Kirche geflüchtet hatte. Bis nach drei Uhr nachmittags währte dieses schreckliche Gemetzel und der Kampf. Ich habe nie ähnliche Blut- und Mordszenen, weder vor noch nach diesem Tage mehr gesehen, und lange verfolgte mich die Erinnerung an dieselben. Als das Volk endlich sah, daß es überall den kürzeren zog, suchten die in die Stadt gekommenen Landleute zu entfliehen. Sie wurden aber größtenteils von der Kavallerie eingeholt und niedergehauen. Einem solchen armen Teufel, einem schon ziemlich bejahrten Bauern, rettete ich das Leben, indem ich mit meinem Degen den fallenden Hieb des Kavalleristen parierte, der ihm den Kopf gespalten haben würde. Dagegen erhielt ich den etwas gelähmten Hieb in den rechten Arm, so daß er durch das Fleisch bis auf den Knochen ging, der jedoch nicht lädiert wurde. Dennoch brachte ich über vierzehn Tage an der Heilung dieser Wunde zu, die mich von allen, die ich erhalten, am meisten freute, wenn ich mich an den armen Teufel erinnerte, der die blanke Klinge, die ihm den Tod bringen sollte, schon über seinem Haupte blitzen sah, sich zusammenkauerte, und unerwartete Rettung fand. Der Dragoner, dem ich zuredete, doch menschlicher zu sein, dankte mir zuletzt noch, ihn an der Tötung des alten Mannes verhindert zu haben, und verband mir die Wunde vorläufig.
Wieviel Tote das Volk an diesem schrecklichen Tage hatte, konnte nicht genau ermittelt werden. Während einige mehr als tausend zählen wollten, behaupteten andere, es seien kaum hundert gewesen. Keines von beiden mag richtig sein; wir hatten jedoch an dreihundert Tote und über tausend Verwundete.
Noch denselben Abend wurde ein Teil der mit den Waffen in der Hand Gefangenen von einer Militärkommission zum Tode verurteilt und sogleich in der Nähe des Prado erschossen. Ebenso erging es allen, welche die Patrouillen unterwegs auffingen und bei denen man auch nur ein Messer oder sonst ein schneidendes Instrument fand. Es wurde ihnen weder zu beichten noch die Tröstungen eines Priesters gestattet. Sie mußten ohne Absolution aus dem Leben gehen, was ihnen ärger als der Tod selbst war. Diese Exekutionen dauerten auch noch den anderen Tag fort und machten Murats Namen, sowie alle Franzosen in ganz Spanien schrecklich verhaßt. Jetzt hatten Pfaffen und Mönche gutes Spiel, und jeder Spanier suchte bald einen Franzosenmord auf dem Gewissen zu haben, um direkt in den Himmel zu kommen.
Eine Proklamation, die Murat am 3. Mai erließ, verkündete, daß jeder Spanier, der mit irgendeiner Waffe gefunden, auf der Stelle erschossen, daß jeder Ort, in welchem ein Franzose getötet, niedergebrannt würde, und die Väter für ihre Söhne, die Meister für ihre Gesellen, die Äbte für ihre Mönche und so weiter haften müßten. Dies empörte die Gemüter nur noch mehr, während das fortdauernde Erschießen in den nächsten vierundzwanzig Stunden alle spanischen Herzen racheglühend machte. General Grouchy war der Präsident der Militärkommission, die diese blutigen Urteile sprach, und nicht weniger als dreihundert Unglückliche, sowie alle in der Infanteriekaserne gefangen sitzenden Insurgenten kommandomäßig erschießen ließ. Viele wurden auch des Nachts aus ihren Wohnungen und Betten geholt und zum Richtplatz geschleppt. Den 4. Mai löste Murat dieses gräßliche Blutgericht wieder auf, nachdem ihm auch die Junta die dringendsten Vorstellungen deshalb gemacht, und es wurde nun eine Amnestie verkündet, aber bei Todesstrafe geboten, alle Waffen abzuliefern. Dennoch töteten die Mameluken noch mehrere Spanier im Augenblick der Amnestie, und viele hundert Einwohner Madrids entflohen, derselben nicht trauend, in die Provinzen, wohin sie die schreckliche Neuigkeit des Blutbades in der Hauptstadt mit den schwärzesten Farben und mit Blitzesschnelle verbreiteten. Die Geistlichkeit vergrößerte diese, ohnehin schon entsetzlichen Vorfälle noch hundertmal durch ihre geheimen Kanäle, und bald war kein Winkel mehr in ganz Spanien, der nicht vor Rache glühte. Am 3. Mai mußte nun auch noch der zurückgebliebene Infant Don Francisko nach Frankreich abreisen, und den 4. Mai folgte ihm der Infant Don Antonio. Jetzt waren alle Mitglieder der königlichen Familie aus dem Land.
Grabesstille war plötzlich in Madrid eingetreten. Murat stellte sich als Präsident der Junta an die Spitze derselben und wurde kurz darauf von Karl IV. von Bayonne aus zum Generalleutnant des Reiches ernannt.
Meine Wunde verhinderte mich weder am Ausgehen noch an den Dienstverrichtungen. Ich trug nur den Arm in einer Binde. Fünf oder sechs Tage später, als ich du jour war und ausritt, Wachen zu inspizieren, begegnete ich in der Straße de Atocha Murat mit seiner ganzen Suite zu Pferde. Nachdem ich ihm salutiert, fragte er mich, wo ich die Wunde erhalten, und als ich getreuen Bericht erstattet, sagte er: „Das war wohl auch der Mühe wert, blessiert zu werden, um so einem Briganten das Leben zu retten; indessen zeigt es von Großmut, und die ist nie ohne Mut. Wie heißen Sie?“ – Ich sagte ihm meinen Namen, und als er weiter fragte: „Woher?“ und ich ihm: „Aus Frankfurt am Main“ erwiderte, versetzte er: „Also ein Deutscher, und aus Frankfurt. Dort ist auch ein böses Volk; das hat zu Custines Zeiten die Franzosen in den Straßen ermordet. Wie kamen Sie in unsere Dienste?“ – Mit wenig Worten teilte ich dies dem Großherzog mit, der davonsprengend mir noch zurief: „Es ist gut, ich werde mich Ihrer erinnern.“ Dies wäre wohl schwerlich geschehen, hätte mich der Zufall nicht später wieder in seine Nähe gebracht und ihm bemerkbar gemacht.
Nach den Vorfällen des 2. Mai hatte ich noch einmal eine Zusammenkunft mit meiner schönen Donna, deren Wohnung ich infolge dieser Ereignisse verlassen, veranstaltet, bei der sie mir ganz ohne Hehl erklärte, daß, so sehr sie mich auch liebe, sie wohl imstande wäre, mich zu vergiften oder zu erdolchen, und mir das Messer im Herzen umzudrehen, wenn es die Madonna so wolle, und ich, wie fast alle Franzosen, ein Ketzer, ein Feind Christi und des heiligen Vaters zu Rom sei, wie sie ihr Beichtvater versichert, auch ihre Landsleute habe morden helfen. Dabei sprühten ihre Augen Feuer, aber es war nicht das der Liebesglut, sondern es waren Funken des Zornes, und alle ihre schönen Adern schwollen auf. Als ich die hübsche Senora sich so gebärden und entstellen sah, fürchtete ich, daß sie eine Art Wahnsinn befallen habe und suchte mitleidsvoll sie zu beruhigen, was mir nicht ohne die größte Mühe gelang, nachdem ich sie versichert, daß, weit entfernt, ihre Landsleute zu töten, ich deren sogar gerettet habe, folglich der beste Christ sei, den die Sonne bescheine und ebenso gut an Gott glaube wie sie. – „Aber auch an die Madonna?“ – „Gewiß, da sie wohl so schön wie du selbst ist.“ Bei diesen Worten küßte ich den kleinen Satan auf die Stirne. Ich erfuhr noch von ihr, daß die Geistlichen versicherten, daß alle Frauen, die irgend einen Kommerz mit einem französischen Ketzer hätten, mit diesem zum ewigen Schmoren im Höllenpfuhl verdammt seien. Ich suchte ihr diese Possen bestmöglichst auszureden, und riet ihr, es so zu machen wie meine schöne Kalabreserin zu Monteleone, nämlich, wenn sie denn doch ihre Sünden beichten müsse, nicht zu sagen, mit wem sie gesündigt habe. Dann würde sie ja doch Absolution erhalten, die immer vollgültig wäre und ihr niemand bestreiten könne. Mehrere, anfänglich halb erzwungene Küsse machten, daß sie bald wieder von einem anderen Feuer als dem des Zornes glühte. Es gelang mir, sie zu überzeugen, daß ich wahr gesprochen; der Friede zwischen uns wurde aufs neue geschlossen und besiegelt. Als sie vertrauensvoll in meine Arme sank und sich an mich schmiegte, fühlte ich den Druck eines harten Gegenstandes an ihrer linken Seite. Ich griff mit den Händen darnach und faßte einen ziemlich langen Dolch in einer mit Silber beschlagenen Scheide. – „Aber, mein Engel, zu was diese mörderische Waffe?“ – „Sie war dir bestimmt, um meine Seele zu retten, wenn ich einen Ketzer in dir gefunden hätte.“ – „Aber weißt du denn nicht, daß Todesstrafe und augenblickliches Erschießen darauf steht, wer auch nur eine Schere bei sich trägt?“ sagte ich lachend zu ihr und entriß ihr das Mordinstrument. Sie sprang nun an mir herauf, um es mir zu entwinden. – „Mit nichten, mein holder Engel,“ sagte ich, den Dolch festhaltend, „den behalte ich zum ewigen Andenken an dich und diese Stunde.“ Ich wollte sie jetzt verlassen, allein sie warf sich zwischen mich und die Türe und fragte mich in allem Ernst, ob ich Lust habe, sie anzugeben, und auf den Knien rutschend bat sie mich um der Madonna und aller Heiligen willen, sie doch nicht zu verraten. Ich hob sie auf, küßte ihr die Tränen von den Wangen, und sie beruhigend, bat ich sie, mir mit dem Dolch ein Geschenk zu machen, wozu ich sie nur durch vieles Bitten bewegen konnte. Bevor ich mich entfernte, sagte ich ihr noch: „Wie, und wenn ich nun doch ein Ketzer wäre?“ – „Unmöglich,“ rief sie aus, mir um den Hals fallend, „unmöglich kannst du mich so unglücklich machen wollen.“ Wir trennten uns mit dem beiderseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen, und sie gab mir den letzten Feuerkuß. – Es war wirklich der letzte, denn ehe ich wieder ein Rendezvous mit ihr haben konnte, bekam das Bataillon Befehl, nach Toledo, wo Dupont noch stand, auszumarschieren, und ich sah Donna Calvanillas nicht und Madrid nur im Fluge wieder.
Zu dem Toledotor hinaus, über die schöne Toledobrücke, welche über den Manzanares führt und schon unter Philipp II. erbaut wurde, aber mit komischen Zieraten überladen ist, marschierten wir durch das Städtchen Getafe nach Illescas, wo wir eine Nacht blieben, und dann über Olias den dritten Tag in Toledo ankamen. Der Weg war kahl und öde und wurde erst von Olias aus etwas baum- und pflanzenreicher. Die Dörfer, durch die wir kamen, waren meist wie ausgestorben und auch in den Städten herrschte eine Grabessruhe, viele Häuser waren gänzlich geschlossen. Wir kamen noch ziemlich früh am Tage in Toledo an, wo wir durch das Tor Visagra einrückten, und zuerst in einem Kloster und seinen Kreuz- und Quergängen einquartiert, zwei Tage darauf aber in die Umgegend verlegt wurden.
Diese alte berühmte Stadt wurde im sechsten Jahrhundert der Sitz der Könige des gotischen Reiches, denen es im achten Jahrhundert die Mauren abnahmen, welche dem Kalifen von Bagdad gehorchten. Im Jahre 1027 wurde Toledo die Hauptstadt eines besonderen Maurenreiches, bis 1085 Alphons VI., mit dem Beinamen der Mutige, König von Castilien und Leon, diese Stadt eroberte. Beinahe vierhundert Jahre (711-1085) war sie im Besitz der Araber geblieben. Die Mauren konnten lange diesen Verlust nicht verschmerzen und belagerten 1109 die Stadt unter dem Befehl ihres Fürsten Hali, aber nachdem sie die ganze Umgegend sowie Madrid und Talavera mit Feuer und Schwert verheert hatten, mußten sie die Belagerung aufgeben. Vier Jahre darauf begannen sie eine zweite ebenso vergeblich, da der tapfere Nuñez die bedrängte Stadt rettete, die dreizehn Jahre darauf zum drittenmal, aber ebenso fruchtlos von ihnen bestürmt wurde. Später hatte sie gewaltig durch ihre innerlichen Kriege zu leiden, ihre Mauern wurden zerstört, ihre schönsten Gebäude in Asche gelegt, ihre Bürger ermordet. Und 1461 floß unter Heinrich dem Ohnmächtigen das Bürgerblut in allen Straßen in Strömen, sogar in den Kirchen. An fünfzig Orten loderten die Flammen zugleich empor. 1641 hatte sie ein ähnliches Schicksal. Ehedem war Toledo sehr blühend und bevölkert, an hunderttausend Arbeiter wurden in ihren Manufakturen beschäftigt, und die Zahl ihrer Einwohner war über zweihunderttausend. Jetzt zählte sie kaum einige zwanzigtausend. Die Cortes hatten sich hier öfters versammelt, zum erstenmal 589. Zwanzig Konzilien wurden dort gehalten, von denen das letzte 860 unter der Herrschaft der Mauren. Allenthalben stößt man auf Überreste ihrer ehemaligen Größe. Noch bezeichnen niedriges Mauerwerk, Stein- und Erdhaufen deren früheren Umfang. Ihre Straßen sind enge und oft sehr steil, schlecht gepflastert und ebenso unterhalten. Man muß fast immer bergauf und bergab steigen, in den meisten können sich keine zwei Wagen ausweichen. Sie enthält jedoch mit die merkwürdigsten Baumonumente ganz Spaniens, an deren Spitze füglich der Alcazar, das alte maurische Schloß, steht, der im höchsten Teil der Stadt liegt. Alphons X. hat ihn wieder ganz herstellen lassen und Karl I. abermals ausgebessert. Im Erbfolgekrieg begingen die Portugiesen den Vandalismus, bevor sie sich zurückzogen und nachdem der Friede schon geschlossen war, dieses Gebäude anzuzünden, wodurch es zum Teil sehr beschädigt wurde. An dem Eingangstor desselben sind zwei der berühmtesten Gotenkönige, die in Spanien regierten, Recesscinto und Recaredo, beide herrschten im siebenten Jahrhundert, in Stein abgebildet. Die Fassade des Alcazar ist über hundertfünfzig Fuß hoch, von majestätischem Ansehen und einfacher Erhabenheit. In seinen unermeßlichen unterirdischen Gewölben haben Tausende Raum. Auch seine Kirche oder Kapelle verdient gesehen zu werden.
Wir lagen indessen in recht elenden Dörfern oder in deren Nähe und biwakierten größtenteils. Die Hitze wurde mit jedem Tag größer und unerträglicher, und oft mangelte es uns an allem, sogar an frischem Wasser. Dabei wurden die aus ganz Spanien einlaufenden Nachrichten immer bedenklicher. Allenthalben hatte man die Standarte der Rebellion, wenn man die rechtmäßige Erhebung eines Volkes gegen einen fremden Räuber so nennen darf, aufgepflanzt. Die Flammen eines das ganze Reich umfassenden Brandes loderten an allen Orten zum Himmel empor, wozu die von Bayonne eingehenden Berichte, welche die Verzichtleistung Ferdinands und der Infanten Don Carlos und Don Antonios auf den spanischen Thron verkündeten – die ganze königlich spanische Familie war jetzt in den Klauen Napoleons –, am meisten beitrugen. Aber was den allgemeinen Zorn wie durch einen Blitz entzündete, war die Bekanntmachung, daß die Junta zu Madrid sich einen neuen König vom Kaiser der Franzosen erbat, wozu sie durch Murat veranlaßt oder besser gezwungen war.
Ungefähr drei Wochen mochten wir in der Umgegend von Toledo, aber nicht auf Rosen, kampiert haben, als wir Order erhielten, nach Madrid zurückzukehren, was wir auf demselben Weg, den wir gekommen, bewerkstelligten. Daselbst erfuhren wir, daß Napoleon auf den 15. Juni eine spanische Junta nach Bayonne berufen habe. Auch wurde Tag und Nacht an der Befestigung der Anhöhen von Retiro gearbeitet, wodurch man die Hauptstadt im Zaume zu halten hoffte. Das Seltsamste aber war, daß das sonst so gefürchtete allerhöchste Inquisitionsgericht in seinem Unterwerfungseifer gegen Murat und Napoleon noch viel weiter als die gehorsame Junta und andere Behörden, die jetzt völlig unter französischem Einfluß standen, ging, und die Priester und Pfaffen aufforderte, den Unwillen des Volkes auf die Urheber der Exzesse und des Aufstandes vom 2. Mai zu lenken, woran sich aber die Geistlichkeit wenig kehrte. Freilich war die Sache so doppelsinnig wie ein delphischer Orakelspruch, denn wer waren die eigentlichen Urheber? – Am unterwürfigsten aber hatte sich doch der Erzbischof von Toledo, der Primat von Spanien, gezeigt.
Nur ein Ruhetag wurde uns in Madrid gestattet, worauf wir den Marsch nach Aragonien antreten mußten. Die verschiedenen französischen Armeekorps in Spanien waren jetzt in Navarra, Katalonien, Leon, Alt- und Neukastilien verteilt und mochten wohl über achtzigtausend Mann stark sein. Aber es waren nur wenig gediente Soldaten dabei, die Mehrzahl bestand aus jungen Konskribierten. Wir verließen Madrid durch das Tor Alcala, auf dem Wege nach Aragonien zu marschierend, kamen über verschiedene unbedeutende Dörfer und biwakierten die erste Nacht in der Umgegend von Torrejon de Ardos, einem ziemlich großen Flecken, der links von der Straße lag. Den folgenden Tag kamen wir nach Alcala de Henarez, wo wir aber nur wenige Stunden kampierten und daselbst die Nachricht von den Aufständen in Cartagena und Valencia erhielten, die mit den grellsten Farben ausgemalt wurden. Unsere Soldaten durften nicht in die Stadt; dies wurde ausnahmsweise nur einigen Offizieren, unter denen auch ich, erlaubt. Der Ort ist mit Mauern umgeben und hat eine im sechzehnten Jahrhundert von dem berühmten Kardinal Ximenes gestiftete Universität. Was aber Alcala de Henarez vor allem berühmt macht, ist, daß der unsterbliche Cervantes hier geboren wurde. Ganz nahe bei der Stadt lag das Complutum der Römer, von dem man auf einem ziemlich steilen Hügel jenseits des Flusses Henarez noch die Ruinen eines Kastells sieht. Im achten Jahrhundert fiel auch diese Stadt in die Hände der Mauren und wurde ihnen erst 1118 durch den Mönch Bernhard, später Erzbischof von Toledo, wieder entrissen, aber bei dieser Gelegenheit schrecklich verheert.
Wir brachen nach kaum vier Stunden Rast wieder auf und passierten fast trockenen Fußes den Henarez – die über denselben führende Brücke war schon seit fünfzig Jahren verfallen –, in der Nähe von Guadalaxara. Der Weg von Alcala ging meistens durch große und schöne Ebenen, war auf der einen Seite von Bergen begrenzt, während wir auf der anderen fast immer den Henarez im Angesicht hatten. In einem Kloster von Guadalaxara übernachteten wir. Diese Stadt hatte ziemlich ein gleiches Schicksal mit der vorhergehenden. Alvar Fanez, ein Vetter des berühmten Cid, entriß sie 1081 den Mauren. Sie liegt in einer Ebene nahe am Henarez und mag an zwölftausend Einwohner haben. Der Palast der Herzöge de l’Infantado und die große Franziskanerkirche mit der Familiengruft dieses Hauses sind ihre sehenswürdigsten Gebäude. Hier bestätigten sich nicht nur die erhaltenen Nachrichten von den Aufständen, sondern man erhielt neue, die verkündeten, daß bereits der größte Teil von Spanien in vollem Aufruhr und französisches Blut schon in Strömen geflossen sei, sowie daß jeder dem Volk verdächtige Spanier, namentlich alle Anhänger Godoïs oder der Franzosen, ermordet würden. Auch wir begegneten überall nur finsteren, nichts Gutes prophezeienden Gesichtern. Wir setzten indessen unseren Marsch nach Aragonien noch unangefochten fort und schlugen den dritten Tag unser Biwak bei dem Dorf Grajanejos, nachdem wir durch die verfallene Stadt Torrijo marschiert waren, auf, und den vierten kampierten wir bei den Dörfern Torremocha und Algora. In der Kirche des letzteren befindet sich ein ganz vergoldeter Hochaltar, dessen Vergoldung über fünfzigtausend Realen kostete und erst 1788 gemacht wurde. Unser nächstes Biwak war bei dem Weiler Torre. Auf dem Marsch dahin kamen wir durch eine so enge Schlucht, daß man die Felsen auf beiden Seiten manchmal zugleich mit den Händen ergreifen konnte. Wir wurden nun in der Umgegend von Siguenza und zum Teil in die Stadt selbst verlegt, die auf einem Hügel am Henarez liegt. Hier weilten wir mehrere Tage und erhielten die uns alle in Erstaunen setzende Nachricht, daß Napoleons Bruder Joseph, der bisherige König von Neapel, zum Herrscher von Spanien ernannt sei, aber zugleich auch die, daß ihn ganz Spanien zurückstoße und sich zu Sevilla schon eine Regierungsjunta gebildet habe, welche das Reich in Abwesenheit der rechtmäßigen Monarchen regieren wolle, die gegen die Franzosen äußerst feindselig gesinnt sei, und man überall: „Es lebe Ferdinand, Tod den Franzosen!“ rufe. Bald darauf kam die Nachricht, daß diese Junta Frankreich förmlich den Krieg erklärt habe. Auch in Altkastilien hatten die Einwohner schon zu den Waffen gegriffen, Ferdinand VII. zum König ausgerufen und Murats Proklamationen dem Feuer übergeben. In Navarra, Biscaya, Aragonien, Valencia, Tortosa, Andalusien, Murcia, zu Lerida, Badajoz und so weiter loderten die Flammen des Aufstandes, und die spanischen Garden, welche Ferdinand bis an die Grenzen des Reiches eskortiert hatten und nun zu Tolosa und Hernani standen, forderten laut ihren König zurück, allen Franzosen mit dem Tode drohend. Das gesamte Volk, von den Pfaffen gehetzt, atmete nur noch Blut und Rache. In allen Städten, wo wir nicht die Oberhand hatten, bildeten sich schnell Provinzial-Junten, welche das unter die Waffen gerufene Volk in Korps organisierten. Vom siebzehnten bis zum vierzigsten Jahre traten alle männlichen Einwohner unter das Gewehr, und die Franzosen, welche schon längere Zeit Spanien als Privatleute oder ein Gewerbe treibend bewohnten, konnten oft dem Tod nur dadurch entgehen, daß die Behörden sie ins Gefängnis setzten. Eine der wütendsten Proklamationen war die der Junta von Valladolid, die auch ihren Zweck, die Ermordung der Franzosen anempfehlend, nur zu sehr erreichte. Dabei fehlte es nicht an Wundern, die allenthalben, den Untergang der Franzosen vorhersagend, geschahen. Madonnenbilder ließen dicke Schweißtropfen fallen oder schwitzten sogar Blut. Auf Heiligengräbern hörte man unterirdisches Waffengetöse, der Blitz schlug in französische Kirchen und verschonte nur Madonnen- und Heiligenbilder und so weiter. Das Niedermetzeln der Spanier vom höchsten Rang, die man den Franzosen günstig glaubte, sowie die Vorgänge zu Cadix bewiesen, welchen Grad die Wut der Geistlichkeit und des Volkes erreicht hatte. Die Junta zu Sevilla erklärte nun auf das feierlichste, daß Spanien nicht eher die Waffen niederlegen würde, als bis Ferdinand wieder auf dem Thron säße und die Franzosen alle getötet oder zum Lande hinausgejagt seien, und sie hielt Wort. Dies waren die Folgen der so arglistigen als dumm gesponnenen Intrigen Napoleons und seiner kurzsichtigen Politik. In ganz Spanien erhob sich ein Freudengeschrei, als die Nachricht, daß die französische Flotte zu Cadix, bei der fünf Linienschiffe waren, habe kapitulieren müssen, und daß die Bemannung, ganz gegen den Vertrag der Kapitulation, in abscheuliche Gefängnisse gesteckt und mißhandelt wurde. Denn, „wer braucht einem so niederträchtigen Schurken, wie der Kaiser der Franzosen ist, der Treu’ und Glauben nicht kennt, Wort zu halten?“ sagten die Spanier.
Noch standen wir in der Gegend von Siguenza, häufig die Biwaks wechselnd, aber nur des Nachts marschierend, während wir am Tage in der Sonnenhitze brieten, und es immer unheimlicher um uns herum zu werden begann. Eine Zeit lang wußten wir gar nicht, woran wir waren, da wir weder weitere Orders noch irgendeine bestimmte Nachricht erhielten. Bald hieß es, Napoleon sei selbst in Madrid eingerückt, dann wieder, alle Franzosen seien daselbst ermordet worden, man habe die Stadt an vierundzwanzig Stellen zumal angezündet und so weiter. So trieben wir uns unstät in der Provinz Guadalaxara herum, wo alles ebenfalls einen nahen Aufstand zu verkünden schien, und unsere Patrouillen schon mehrmals von Bauernhaufen, die von einem Mönch oder Geistlichen angeführt waren, angegriffen wurden. Wir erfuhren zwar, daß Napoleon den 15. Juni die Junta in Bayonne eröffnet habe, daß Dupont in Andalusien Cordua erstürmt habe und Moncey vor Valencia stünde, im Begriff, diese Stadt einzunehmen, aber bald darauf, daß sich beide wieder hätten zurückziehen müssen. Endlich kam uns die Order, zu dem Korps zu stoßen, das bereits unter Verdier auf dem Marsch nach Aragonien begriffen sei, um das Belagerungsheer von Saragossa zu verstärken. Wir machten nun nächtliche Eilmärsche, am Tage biwakierend, zum Teil durch ziemlich waldreiche Gebirge. An der Grenze, die Kastilien von Aragonien scheidet, stand ein alter Turm, den wir besetzten, aber beim Aufbruch des Biwaks den Posten wieder an uns zogen. Nachdem wir das Dorf Sisamon passiert hatten, wurden die Gebirgswege immer waldiger, und gar leicht hätten wir überfallen werden und es uns gehen können wie den Römern in den kaudinischen Engpässen, denn wir marschierten ziemlich unvorsichtig voran, konnten auch keine Seitenpatrouillen absenden, und mußten Vor- und Nachhut fast immer im Gesichte behalten. So gelangten wir nach Techa, einem großen Dorf, durch welches der Xalon fließt, über den eine steinerne Brücke führt. Hier befand sich ein Turm, der auf der einen Seite so eingesunken war, daß man jeden Augenblick dessen Einsturz hätte vermuten sollen, und doch war er schon Jahrhunderte in diesem Zustande. Von hier kamen wir wieder über Gebirge, durch bald engere, bald weitere Täler, vom Xalon bewässert. Durch mehrere elende Ortschaften marschierten wir nach Calatayud, einer Stadt, die im achten Jahrhundert ein maurischer Feldherr namens Ajub nächst den Trümmern des alten Bibilis gründete. Hier hatte noch kurz vor unserer Ankunft Palafox einige Tage verweilt, die durch den General Lefebvre-Denouette versprengten Flüchtlinge sammelnd, um sie bei der Verteidigung von Saragossa zu verwenden. Die hier befindlichen Spanier verließen die Stadt, ohne unsere Ankunft abzuwarten. Wir fanden aber nicht für gut, in dieselbe einzurücken, sondern requirierten nur Lebensmittel und Wein gegen Bezahlung, erhielten aber dennoch schlechte Ware. Alphons I. hatte 1118 die Stadt den Mauren im Sturm abgenommen und alle Araber in derselben niedersäbeln lassen. Sie hat eine angenehme Lage auf dem rechten Ufer des Xalon, am Einfluß des Xiloca, in einem fruchtbaren Tal und soll über zehntausend Einwohner haben. Nachdem wir gehörig rekognosziert hatten, brachen wir mit der Nacht, aber jetzt sehr vorsichtig marschierend, durch erbärmliche Nester, aber an Wein und Oliven reiche Gegenden, gegen die enge Passage Puerto del Fresno auf, die wir zu unserem größten Erstaunen unbesetzt fanden. Hierauf mußten wir über das Gebirge Murato del Conde, durch eine enge Schlucht, deren gänzliche Freilassung uns wieder ein Rätsel war, da wir wußten, daß sich ganz Aragonien im Aufstand befand, und kamen endlich in das Städtchen Almunia, das in einer lachenden Gegend, mitten zwischen fruchtbaren Feldern, Weingärten und Obstbäumen liegt. Hier requirierten wir abermals Lebensmittel, marschierten weiter, biwakierten dann bis gegen Mitternacht, erreichten gegen Morgen das elende Dorf La Muela und kamen um zehn Uhr, nochmals über Berge, durch Ebenen und Schluchten marschierend, bei dem Belagerungsheer von Saragossa an, wo Verdier schon seit mehreren Tagen mit seiner Division stand und den Oberbefehl über dasselbe hatte.