XII.
Erste Belagerung von Saragossa. – Palafox. – Außerordentliche Verteidigungsanstalten der Aragonier. – Vorgänge bis zur Belagerung. – Überblick der Geschichte Saragossas. – Heldenmütige Verteidigung dieser Stadt durch ihre Einwohner. – Eine Heroine. – Ein seltsames Stiergefecht. – Furchtbarer Straßen- und Häuserkampf. – Die gefangenen Nonnen. – Aufhebung der Belagerung. – Marsch nach Barcelona. – Ich werde stark verwundet und krank. – Aufenthalt zu Barcelona. – Spanische Sitten, Tänze, Theater usw. – Abreise zur See nach Frankreich.

Als die Vorfälle vom 2. Mai zu Madrid in Aragonien bekannt wurden, erregten sie daselbst wie in dem übrigen Spanien den höchsten Unwillen und erfüllten das Volk mit tödlichen Haß gegen die Franzosen. Die Folge war, daß man auch hier die allgemeine Bewaffnung der Einwohner organisieren wollte, was aber der Generalkapitän Don Jorge de Guillelmi aus Furcht vor den Franzosen, und um abzuwarten, welche Wendung die Dinge nehmen würden, zu verhindern suchte, sogar dem Palafox, dessen ungestümen Mut und feurigen Patriotismus er fürchtete, den Befehl gab, Saragossa zu verlassen. Dieser zögerte jedoch unter allerlei Vorwänden, zu gehorchen. Dies mag wohl mit die Ursache gewesen sein, daß wir die so leicht zu verteidigenden Zugänge bis hierher unbesetzt gefunden hatten. Als aber die Nachricht von den Begebenheiten zu Bayonne und von Ferdinands erzwungener Abdankung in Saragossa bekannt wurde, da vermochte nichts mehr das unter der Asche glimmende Feuer zu dämpfen, und die Bürger zwangen den Generalkapitän, ihnen das Arsenal zu überliefern. Als dies geschehen, zogen sie durch die Straßen, alle männlichen Einwohner auffordernd, sich zur Verteidigung des gemeinsamen Vaterlandes in der Aljaferia (dem Arsenal) mit Waffen zu versehen, was sie mit dem Rufe: „Viva Espana!“ taten. Jedermann versah sich mit Gewehren, Pistolen, Schwertern und so weiter und die vorhandenen Kanonen und Mörser wurden in möglichst besten Zustand versetzt. Palafox, der Brigadier und Offizier der Leibwache war, achtundzwanzig Jahre zählte und sich in einem Landhaus bei der Stadt aufhielt, wurde von bewaffneten Haufen abgeholt, die ihm auf sein Begehren strengen Gehorsam zusagten. Das Volk empfing ihn bei seinem Eintritt in die Stadt mit großem Jubelgeschrei, als den Retter des Vaterlandes, erwählte ihn zu seinem unumschränkten Anführer, zwang die Behörden, ihn als Generalkapitän von Aragonien anzuerkennen, und führte ihn im Triumph in der Stadt herum. Er erließ nun sofort einen Aufruf an alle Aragonier, sich für die Sache des Vaterlandes zu bewaffnen, machte der heiligen Jungfrau del Pilar öffentlich einen Besuch, küßte ihr vor allem Volk demütig die Hand, sie als seine Souveränin anerkennend, und schwur mit lauter Stimme, Gut und Blut dem Vaterlande zu weihen. Den in Saragossa ansässigen Franzosen rettete er nicht ohne Gefahr das Leben, indem er sie in das Kastell und von da nach Amporta in Sicherheit bringen ließ. Durch ein anderes Dekret machte er Napoleon, dessen ganze Familie, sowie jeden französischen Offizier und Soldaten, für jedes Haar verantwortlich, welches dem König Ferdinand oder den Infanten, die man auf eine so heimtückisch hinterlistige Weise nach Frankreich gelockt habe, gekrümmt würde, und erklärte ferner alles, was in Madrid und Bayonne unter fremdem Einfluß verhandelt werde, für null und nichtig, sowie, daß im Falle des Todes der Infanten von Spanien, er den Erzherzog Karl, als den Enkel Karl III., zu seinem König erwähle, auch keinem Franzosen Pardon geben würde, wenn sich dieselben fernere Exzesse in Spanien erlaubten. Hieran veranstaltete er eine große Prozession, ließ feierliche Messen lesen, die Kirchen außerordentlich illuminieren, die Geistlichkeit auf das freigebigste Absolution erteilen, sowie direkten Einlaß in den Himmel für diejenigen, die im Kampf für die gerechte Sache fallen würden. Er berief jetzt alle schon verabschiedeten Soldaten und Offiziere, die sich in Aragonien befanden, zu den Fahnen, bildete aus ihnen und der jungen Mannschaft Tercios, das heißt Regimenter, die in zehn Kompagnien eingeteilt wurden, wie dies früher in Spanien der Fall war, und noch ehe die Belagerung begann, hatten sich so viele Streiter eingefunden, daß man nicht Waffen genug für sie herbeischaffen konnte. Einige Ortschaften hatten ganze Kompagnien und einige Bezirke ganze Tercios gesandt, so daß Palafox die Familienväter wieder beurlaubte und doch noch über zehntausend Streiter behielt. Um auch die von Napoleon und der Junta zu Bayonne einlaufenden Berichte zu paralysieren, berief Palafox altspanische Cortes nach Saragossa, die am 9. Juni daselbst zusammenkamen, Ferdinand VII. nochmals feierlich als König von Spanien proklamierten, das ganze Volk zu den Waffen riefen, Palafox als Generalkapitän bestätigten und dann eine Junta de Gobierno ernannten. Die Nachrichten, welche von der Schilderhebung Spaniens aus allen Provinzen einliefen, trugen dazu bei, das Volk von Saragossa und Aragon in Aufregung und Enthusiasmus zu erhalten. Eine Aufforderung der Bayonner Junta, durch welche dem spanischen Volk die Waffen niederzulegen und ihr zu gehorchen befohlen wurde, ließ Palafox sogar drucken und in Masse verteilen. Er wußte wohl, daß dies das Volk noch mehr begeistern und die entgegengesetzte der beabsichtigten Wirkung hervorbringen würde. Nach der Niederlage der Spanier bei Mallen war Palafox den anrückenden Franzosen bis nach dem drei Stunden von Saragossa liegenden Alayon entgegengegangen, mußte sich aber, um nicht abgeschnitten zu werden, zurückziehen. Viele Aragonier wurden nun in Alayon von den Franzosen niedergemacht. Den 16. Juni stand Lefebvre-Denouette mit seinem neuntausend Mann starken Korps, unter dem auch das erste und zweite Weichselregiment und die polnischen Ulanen waren, vor den Toren von Saragossa, wo sich ein Gefecht unter den Olivenbäumen entspann, bei dem die Spanier in Unordnung in die Stadt zurückgetrieben wurden. Was die Aragonier am meisten fürchteten, waren die Ulanen, da sie sich gegen die Lanzen derselben, eine furchtbare Waffe, die ihren Mann schon auf zehn bis fünfzehn Schritte erreicht, nicht zu verteidigen verstanden. Die Spanier wurden, wie gesagt, in Unordnung in die Stadt zurückgedrängt, aber ein französisches Bataillon, das ihnen auf den Fersen folgte und fast mit ihnen zugleich eindrang, mußte sich schnell wieder zurückziehen, als es die Verteidigungsanstalten in den Straßen sah und einen Hinterhalt fürchtete. Unerklärlich war es, warum an diesem Morgen Lefebvre den Fliehenden nicht mit dem Gros seines Heeres in die Stadt folgte, die er in der ersten Bestürzung mit geringem Verlust erobert haben würde. Der Rückzug des kaum eingedrungenen Bataillons gab den Einwohnern und Landleuten neuen Mut, und sie setzten die Stadt nun mit unermüdlichem Eifer in den besten Verteidigungszustand. In den folgenden vierundzwanzig Stunden hatte außer den Kindern niemand ein Auge geschlossen, und Greise, Weiber und Mädchen aus allen Ständen machten die Handlanger bei den Arbeiten.

Saragossa liegt in einer großen, ziemlich fruchtbaren und gut angebauten Ebene, auf der rechten Seite des Ebro, auf dessen linker sich eine Vorstadt befindet, welche durch eine steinerne Brücke mit der Stadt verbunden ist. In ihren nächsten Umgebungen sind viel Oliven- und andere Obstbäume, Gärten und Landhäuser. Das Flüßchen Huerba, eigentlich nur ein Bach, ergießt sich ganz in der Nähe in den Ebro, zwei Brücken führen über dasselbe. Saragossa beherrscht gewissermaßen die ganze Ebene, welche vom Huerba, dem Xalon, dem Gatego und dem Kanal von Aragonien bewässert wird. Die Stadt steht auf der Stelle, wo das alte, von den Karthagern gegründete Salduba lag, aus dem Augustus bei seiner Anwesenheit in Spanien eine römische Kolonie machte, der er den Namen Cäsarea Augusta beilegte. Erst unter den Sueven wurde sie der römischen Herrschaft entrissen. Als aber deren König Riciar durch Theodorich besiegt wurde, fiel sie den Goten anheim, die sie bis zum Jahre 712 behaupteten, denen sie die ganz Spanien überströmenden Sarazenen unter einem ihrer Anführer namens Tarce, der schon Murcia und Sevilla erobert hatte, wieder abnahmen. Sie blieb nun unter der Herrschaft dieser Ungläubigen, bis einer ihrer Statthalter, Ben-Alarabe, der sich der Oberherrschaft des Kalifen entziehen wollte, Karl dem Großen dieselbe unter der Bedingung antrug, daß er Gouverneur daselbst bleibe. Der Kaiser nahm den Vorschlag an und Besitz von Saragossa, nachdem er schon Pampeluna genommen. Nichtsdestoweniger fuhr sie fort, den Arabern zu gehören und hatte ihre eigenen, sich von Statthaltern zu Königen aufgeschwungenen Herrscher. Im Jahre 1118 eroberte Alphons der Streiter nach heftigem Widerstand Saragossa, machte es zur Hauptstadt des Königreiches Aragonien und sich zum König. Im sechzehnten Jahrhundert wurde es durch die Vermählung Ferdinand des Katholischen mit Isabella, Erbin der Reiche Leon und Kastilien, mit der spanischen Monarchie vereinigt. Der Umfang der Stadt mochte etwa drei Viertelstunden betragen. Sie hatte zum Teil ziemlich hohe Gartenmauern, namentlich an dem Augustiner- und anderen Klöstern, welche die Stadt umgaben. In früheren Zeiten war sie regelmäßig befestigt, aber aus ihren Werken waren längst Straßen geworden, und nur hier und da sah man noch einen alten Turm aus jenen Zeiten. Die Mauern, welche jetzt die Stadt umgaben und mit den Garten- und Klostermauern zusammenhingen, hatten nirgends über dreizehn Fuß Höhe bei drei bis Vier Fuß Dicke und waren von Backsteinen, die Vorstadt hatte gar keine Einfriedigung. Die Zahl ihrer beständigen Einwohner war ungefähr fünfzigtausend, und die ihrer Kirchen und Klöster ein halbes Hundert. Von den letzteren waren einige, wie zum Beispiel das von San Joseph, das auf der rechten Seite des Huerba lag, kleine Festen oder Burgen. Die Anhöhe Monte Torrero, welche ungefähr viertausend Schritte von diesem Kloster entfernt liegt und an der der Kanal von Aragonien vorbeifließt, beherrscht die nächste Umgebung. Die Aljaferia, ein viereckiges Schloß mit bombenfesten Gewölben und kleinen Türmen, liegt nahe an der Westseite der Stadt, vor dem Sortillo-Tor, ist mit einem tiefen Graben versehen und hat einige Bastionen. Dieses Schloß war früher ein Palast der maurischen Könige und später der der Könige von Aragonien, bis ihn die Regenten Spaniens der Inquisition überließen, die ihren Sitz in demselben aufschlug und ihre Schlachtopfer in den fürchterlichen unterirdischen Gefängnissen desselben verwahrte. Erst Philipp V. machte im achtzehnten Jahrhundert auch eine Festung aus demselben.

Unter den vielen Kirchen dieser Stadt sind sehr prächtige, die, sowie die Klöster, besonders das der Dominikaner und der Inquisitionspalast in der Stadt, große Schätze und Sehenswürdigkeiten besitzen. Diese Stadt hat auch einen sehr schief gebauten überhängenden Turm, gleich denen zu Bologna und Pisa, der sehr hoch ist und mitten auf einem freien Platz steht. Die berühmteste Kirche ist die Unserer lieben Frauen del Pilar, ein sehr prachtvolles, reiches Gebäude, das wir aber nur, sowie die meisten anderen, aus gehöriger Ferne bewundern konnten. Die Spaziergänge an den schönen Ufern des Ebro und des Huerba sind reizend und zum Teil mit Torres (Landhäusern) und Alleen versehen. Die um die Stadt herumliegenden Gärten, Huertas, sind meistens groß, hübsch und mit Geschmack angelegt. Die vielen Klöster, welche zum Teil in der Nähe der Tore liegen und aus Backsteinen erbaut sind, kann man gewissermaßen als diese verteidigende Bastionen betrachten. Die mit gelblackierten glitzernden Steinen bedeckte Kuppel der Kirche der Madonna del Pilar und andere, sehen von ferne goldenen Dächern gleich.

In der Nähe von Saragossa fand am 20. August 1710 die berühmte Schlacht statt, in welcher die Truppen Philipp V. von denen Karls von Österreich, die sich um das Erbe Karl II. stritten, auf das Haupt geschlagen wurden.

Die Einwohner Saragossas, namentlich der niederen Klassen, sind ein sehr kräftiger, starker Menschenschlag, und gegen Witterung und Entbehrungen aller Art abgehärtet. Viele derselben kennen ein Bett nur dem Namen nach oder besteigen ein solches zum erstenmal, wenn sie sich verheiraten.

Es war ein Kartätschenschuß, der zuerst unter die Reihen der in Saragossa wie zu einer Parade einmarschierenden französischen Kolonne fuhr, die vordersten Glieder derselben blutig niederwarf und die Truppen zum schleunigen Rückzug aus der Stadt bewog. Lefebvre-Denouette hatte statt eines feindlichen Angriffes und der Kanonenschüsse eine bewillkommende Deputation erwartet. Er ließ zwar kurze Zeit darauf Angriffskolonnen formieren, um die Westseite der Stadt zu stürmen, auch war das Karmelitertor bald eingeschossen und genommen worden, aber dem weiteren Vorrücken standen die todbringenden Feuerschlünde entgegen, die des zu engen Raumes wegen nicht zu nehmen waren. Dabei wurde auch unausgesetzt aus den Häusern auf die Truppen gefeuert. Eine Abteilung von mehreren hundert Mann war zwar bis auf den Platz de la Misericordia über einen Teil der Stadtmauern vorgedrungen und wollte dem Feind in den Rücken fallen. Aber dieser Versuch fiel schlecht aus. Von der Übermacht umringt, fielen die meisten unter den Streichen der Spanier, nur wenigen gelang es, dem Tode für den Augenblick zu entrinnen, indem sie sich in eine Kaserne retirierten, aus der sie jedoch ebenfalls bald wieder flüchten mußten, da diese von den durch das Dach eindringenden Landleuten in Brand gesteckt wurde. Jetzt führte man einen allgemeinen Angriff, die Fahnen und Adler an der Spitze der Regimenter, gegen die Stadt aus und stürmte unter dem Ruf: „Vive l’Empereur!“ gegen die Tore. Die Kavallerie sprengte voran, wurde aber durch das Kanonenfeuer niedergeschmettert und zurückgetrieben. Nicht besser erging es der nachrückenden Infanterie, welche dem Kartätschenhagel in den Straßen und dem Kugelregen aus den Häusern ebenfalls weichen mußte. Als es den Spaniern an Kugeln und Blei zu mangeln begann, holten Weiber und Kinder solches aus den Magazinen herbei und brachten sie ihren Gatten, Vätern und Brüdern, sogar alte Knöpfe, Nägel, Eisenblech und altes Eisen schleppten sie hinzu, damit das Kartätschenfeuer unterhalten werden konnte; ebenso Wein, Brot, Käse und Wasser zur Erfrischung der Kämpfenden, denen sie oft die Bissen in den Mund steckten, während diese luden und abfeuerten, und dabei schrieen sie unaufhörlich: „Es lebe Maria del Pilar!“ In die meist dreistöckigen, von Backsteinen erbauten Häuser trugen sie schwere Steine, Balken, Eisen und so weiter, um es den andringenden Truppen auf die Köpfe zu werfen. Eine Fahne, die ein tödlich getroffener Unteroffizier vom zweiten Weichselregiment hatte fallen lassen, holte ein zehnjähriger Knabe, unter den Kämpfenden hinkriechend, und lief mit seiner Beute jubelnd davon. Schon lagen ganze Haufen von Toten an den Toren und noch hatten die Franzosen wenig oder gar kein Terrain gewonnen. Ein abermaliger allgemeiner, im Sturmschritt stattfindender Angriff hatte keinen besseren Erfolg und wurde mit großem Verlust zurückgeschlagen. Über dreitausend Mann, sechs Kanonen und mehrere Fahnen hatte man schon vor Saragossa, einer nicht befestigten Stadt, verloren, und die Aragonier schmückten sich mit den Waffen und Kleidern der in der Stadt gefallenen Feinde. Nach der letzten Waffentat wurde die folgende Nacht ganz Saragossa, gleichsam zum Hohn des Feindes, illuminiert, und man brachte sie betend in den Kirchen zu. Während die Franzosen den anderen Tag Streifzüge in die umliegenden Dörfer machten, diese plünderten und Subsistenzmittel requirierten, warfen die Einwohner neue Verschanzungen auf und setzten ihre Stadt in den besten Verteidigungszustand, Batterien errichtend und alle Mauern und Gebäude an derselben mit Schießscharten versehend. Sie hieben zugleich alle in der Nähe befindlichen Bäume um und machten Verhaue an allen Eingängen der Stadt, um der Reiterei das Vordringen unmöglich zu machen. Angetragene Kapitulationen wurden stolz zurückgewiesen und durch racheatmende Manifeste beantwortet, in denen es hieß: daß man alle französischen Gefangenen niedermachen würde und so weiter. Die Mönche, Geistlichen und Gerichtsspersonen machten Sicherheitsronden und Patrouillen, man tat sogar Ausfälle auf die Belagerer und nahm ihnen einige Kanonen weg. Indessen war Palafox, der einen nächtlichen Marsch nach Epila mit siebentausend Mann, bei denen auch das neuorganisierte Regiment Ferdinand VII. war, unternommen, zurückgeworfen worden und hatte dabei mehrere Kanonen verloren. Wenige Tage darauf kam Verdier mit seiner Division, nebst Belagerungsgeschütz von Pampeluna und auch unser Bataillon vor Saragossa an. Verdier übernahm nun den Oberbefehl sämtlicher Belagerungstruppen, die Belagerten erhielten aber auch von Zeit zu Zeit Sukkurs. Kurz nach unserer Ankunft fand eine furchtbare, die Erde erschütternde Explosion in der Stadt selbst statt. Das zu einem Pulvermagazin umgeschaffene Seminarium, in welches man das Pulver von Monte Torrero gebracht hatte, wurde durch Unvorsichtigkeit in die Luft gesprengt. Die Wirkung war schrecklich. Es schien, als wanke der ganze Erdboden, alle Häuser zitterten, und außer dem Seminarium lagen noch einige zwanzig Gebäude in Trümmern und ihre Bewohner unter denselben begraben. Nachdem die erschrockenen Einwohner aus den Häusern gestürzt, und erfahren hatten, was die Ursache dieser entsetzlichen Erschütterung gewesen, war ihre erste Sorge, neues Pulver anzuschaffen. Gewiß ist es, daß, wenn wir die erste Bestürzung, in die dieses Ereignis die ganze Stadt versetzt, benutzt und einen allgemeinen Sturm unternommen hätten, wir leicht Herr derselben geworden wären. So aber ließ man beinahe vierundzwanzig Stunden verstreichen, ehe man einen solchen Angriff begann. Die Einwohner hatten Zeit gehabt, sich zu sammeln und zu beruhigen, da sich noch hinlänglich Munition vorfand, und die Attacke wurde auf allen Seiten abgeschlagen. Doch nahmen wir bald darauf den von Bürgern und Bauern besetzten Monte Torrero, der die Stadt von der Südseite dominiert, nach kurzem Widerstand, da er nicht besonders gut verschanzt war. Der spanische Offizier, der daselbst kommandiert hatte, Oberst Falio, wurde auf Befehl der Junta vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und erschossen. Auf dieser Höhe wurden nun Batterien gegen die Stadt errichtet und dieselbe von hier aus heftig bombardiert. Die meisten Bomben fielen in die Mitte der Stadt und richteten manchen Schaden an, ebenso die Batterien von San Bernardo, und das Sturmläuten von den Türmen währte nun Tag und Nacht ununterbrochen fort. Bei der Nacht bildeten die Bomben und glühenden Kugeln feurige Bogen in der Luft, ein furchtbar-schönes Schauspiel! Einige fielen in die Kirche Madonna del Pilar, viele auch zischend in die Fluten des Ebro, und der Schaden war nicht so groß als wir glaubten, obgleich schon weit über tausend Bomben geworfen waren. Die in die Kirchen gefallenen Kugeln hatten fast gar kein Unheil gestiftet, und die Priester machten das Volk glauben, daß man es der Madonna zu danken habe, daß so viele feurige Kugeln in den Fluß fielen. Unser Bataillon wurde zu einem Angriff gegen das Portillo-Tor verwendet, und als wir nahe daran waren, die daselbst errichteten Batterien, deren Kommandant schon gefallen war, zu nehmen, stürzten sich ganze Haufen bewaffneter Bürger auf dieselben, machten sie uns von neuem streitig und die Wegnahme unmöglich. Bei dieser Gelegenheit zeichnete sich ein kaum neunzehnjähriges hübsches Mädchen, das Augusta geheißen haben soll, durch einen selbst bei Männern seltenen Heroismus aus. Sie hatte nämlich ihrem Geliebten, der daselbst kämpfte, das Essen gebracht. Aber in dem Augenblick, als sie ankam, stürzte dieser tödlich getroffen nieder. Das Mädchen warf das Essen zu Boden und sich auf den geliebten Gegenstand, den sie fest umklammerte. Dann rafft sie sich aber wieder schnell und gefaßt auf, ihre Blicke verraten Schmerz, Zorn und Wut zugleich. Noch hält der Sterbende die brennende Lunte, mit welcher er die geladene Kanone auf uns abfeuern wollte, krampfhaft zuckend in der Hand. Sie entreißt ihm dieselbe, entzündet das Geschütz, auf das wir im Begriff waren, einzudringen, und mehr als ein halbes Dutzend der Unsrigen sinken tödlich getroffen nieder. Das Mädchen war schön, hatte besonders einen herrlichen Wuchs, ihre zornglühenden Wangen, ihre feuersprühenden Augen gaben ihr das Ansehen einer Pallas. Durch das Beispiel dieser Heroine angefeuert, eilen die erst vor Staunen starren Spanier ihr zu Hilfe. Es erhebt sich ein mörderischer Kampf um die Kanonen, und wir müssen zuletzt mit bedeutendem Verlust vor den sich immer mehrenden Haufen, in deren Mitte die neue Johanna d’Arc anfeuernd kämpft, zurückweichen, die Kanone im Stiche lassend, die nun aufs neue den Tod in unsere Reihen sendet. Das Mädchen war in der Tat sehr schön und erschien uns hier als ein höheres, wunderbares Wesen. Alles hätte ich darum gegeben, sie lebendig fangen zu können, und lange schwebte mir dieses Bild vor Augen. Auch ich hatte einen Streifschuß am linken Oberarm erhalten und zwei Kugeln waren mir durch den Hut gegangen. Hiebe und Stiche hatte ich unzählige pariert. Die Spanier erlangten nun verschiedene Vorteile und entrissen uns mehrere schon besetzte Punkte, namentlich auch ein Kloster, das wir schon genommen hatten. Erst als wir wieder unter den Oliven angekommen waren, ließ ich meine leichte Wunde verbinden. Nachdem wir uns wieder mit frischer Munition versehen hatten, die zum Teil von Calatayud geholt werden mußte, machten wir uns zu neuen Angriffen bereit. Palafox schien ein wahrer Überall und Nirgends zu sein. Bald war er in der belagerten Stadt, bald hieß es: er sei hinter unserem Rücken mit einem bedeutenden Hilfskorps im Anzuge. Bald spukte er auf dem rechten, bald auf dem linken Ufer des Ebro und so weiter, und wohin er kam, belebte er alles mit neuem Mut. Eine der größten Schwierigkeiten war, die nötigen Lebensmittel für unser Armeekorps herbeizuschaffen. Bei diesem Geschäft wurden die zunächst liegenden Städte und Orte beständig in Requisition gesetzt, die aber alle, besonders die cinco Villas (fünf verbundene Städte in der Umgegend), sehr patriotisch und sehr feindlich gegen uns gesinnt waren, und kleine Detachements bisweilen zu Gefangenen machten. Ein seltsames Verteidigungsmittel hatte eine derselben, die Stadt Exea, ersonnen, als sie mit Gewalt Lebensmittel und andere Dinge liefern sollte. Zwei Kompagnien waren dahin abgeschickt worden, um die Requisition beizutreiben. Sie marschierten auch ohne den mindesten Widerstand bis in die Mitte der Stadt. Kaum aber hatten sie auf einem Platz derselben das Gewehr bei Fuß genommen, als sich plötzlich die großen Tore eines langen Gebäudes öffneten und einige zwanzig wütender Stiere heraus und auf sie lossprangen. Zu gleicher Zeit wurde aus allen Fenstern der umstehenden Häuser auf die Mannschaft gefeuert, die genug zu tun hatte, den unbändigen gehörnten Feind abzuwehren. Der größte Teil dieses aus hundertsechzig Mann bestehenden Detachements wurde getötet oder gefangen, und nur einer kleinen Zahl gelang es, das Belagerungsheer zu erreichen und den seltsamen Überfall und Kampf zu berichten. Dies war gewiß ein ganz eigenes Stiergefecht. Diese Stadt, deren Namen Exea-de-Los-Caballeros ist, und die zwölftausend Einwohner hat, liefert die vorzüglichsten Stiere zu den gewöhnlichen Stiergefechten.

Der Kampf in und um Saragossa währte ununterbrochen fort. Ein Bataillon aragonischer Freiwilliger, das kürzlich unter dem Schall der Musik einmarschiert war, machte einige glückliche Ausfälle, wobei es sogar einige unserer Batterien demolierte. Außerdem wurden wir auf unseren Flanken und im Rücken fast unaufhörlich von Guerillas beunruhigt, die sich jetzt zu zeigen begannen und die wir nur mit Mühe abwehren konnten. Bomben und Granaten wurden nur noch spärlich in die Stadt geworfen, der wir durch die Arbeiten der Ingenieure immer näher zu kommen suchten. Endlich gelang es, eine Brücke über den Ebro unterhalb Saragossa zu schlagen, und so auch auf dem linken Ufer dieses Flusses Posto zu fassen, durch welchen die Kavallerie, da er sehr seicht war, ritt. Wir suchten nun auch die Vorstadt einzuschließen und so der Stadt alle Kommunikation mit der Umgegend abzuschneiden, verbrannten die Mühlen, wodurch die Belagerten gezwungen waren, Pferdemühlen in der Stadt einzurichten, um Mehl zu haben, ebenso die Fabrikation des Pulvers innerhalb ihrer Mauern vorzunehmen, dessen sie täglich einige Zentner verfertigten. Die Mönche füllten die Bomben und machten die Patronen. Bei all dem konnten wir sie doch nicht so gänzlich einschließen, daß es ihnen unmöglich gewesen wäre, von Zeit zu Zeit Zufuhren und Verstärkungen einzulassen. Unterdessen machten unsere polnischen Truppen einen Angriff auf das Kloster Sankt Joseph, das mit vielen Schießscharten versehen war, wurden aber bei der ersten Attacke zurückgeworfen. Bei einer zweiten gelang es ihnen, dasselbe mit bedeutendem Verlust zu nehmen, wobei sie alles niedermachten, was ihnen in die Hände fiel. Noch hartnäckiger war der Kampf um das Kapuzinerkloster, wo man sich mit der größten Erbitterung von Zelle zu Zelle, bis in die Kreuzgänge, die Kirche und an den Chor um den Hochaltar herumschlug, und endlich wurde das Kloster von seinen Verteidigern, als sie sahen, daß sie es nicht behaupten konnten, in Brand gesteckt. Wir waren nun der Stadt von allen Seiten bis auf Büchsenschußweite näher gerückt. Das Schloß Aljaferia zu nehmen war uns jedoch trotz der größten Anstrengungen nicht geglückt, obgleich die Batterien bald Bresche gemacht hatten. Aber es fehlte uns hauptsächlich an den nötigen Sturmleitern. Noch mehrmals wurden Stürme auf verschiedene Tore vergeblich versucht, und bei dem Kloster der Barfüßer verloren wir viele Leute, ohne es nehmen zu können. Von dem Josephskloster aus, das jetzt in unseren Händen war, hatten wir indessen die Stadt so eingeschlossen, daß von dieser Seite alle Verbindung nach außen unmöglich war. Wütende Ausfälle, welche die Belagerten machten, um diese Kommunikation wiederherzustellen, sowie stürmische Angriffe auf die über den Ebro geschlagene Brücke wurden siegreich und mit großem Verlust von seiten der Spanier, denen die Reiterei viele Leute tötete, zurückgeschlagen.

Napoleon, der beinahe vor Ungeduld vergehen wollte, weil das unbefestigte Saragossa so lange nicht bezwungen werden konnte, hatte seinen Adjutanten, den Ingenieuroberst Lacoste, abgesandt, die Belagerung zu leiten, der nun alle Angriffe anordnete. In der belagerten Stadt sah es indessen auch nicht zum besten aus, die Munition fing an zu fehlen, die Toten lagen in vielen Gassen unbegraben, die Lebensmittel wurden immer teurer, seltener und schlechter; dennoch verloren die Einwohner den Mut nicht, die Frauen teilten sich sogar in Kompagnien ein, um den Dienst oder die Pflege der Verwundeten zu besorgen; eine Gräfin Burista war Kommandeur dieses seltsamen Regiments. Einen Ausfall, den die Spanier aus der Vorstadt auf dem linken Ufer des Ebro unternahmen, glückte ihnen so, daß sie sich, trotz der heftigsten Gegenwehr, eines Postens bemächtigten, ihn behaupteten, auch mehrere Gefangene machten, die sie im Triumph unter dem Jubelgeschrei des Volkes durch die Straßen führten. Hierbei hatte sich das von Palafox neuformierte Ulanenregiment besonders ausgezeichnet. Lacoste ließ nun Wurfbatterien errichten und von denselben unaufhörlich Bomben in die Stadt schleudern, ebenso Breschbatterien, von denen eine mit zehn Haubitzen vom größten Kaliber besetzt war; nichtsdestoweniger wütete der Kampf unter Mauern und Toren fort. Wir hatten die Nachricht erhalten, daß König Joseph, der Spanien mit einer neuen Konstitution beschenkte, in Madrid eingezogen sei, und Verdier hoffte, daß sich auf diese Nachricht Saragossa ergeben würde; aber Palafox beantwortete diese mit der Neuigkeit der Schlacht von Baylen und der, daß Dupont mit seinem fünfzehntausend Mann starken Korps kapituliert und das Gewehr gestreckt habe, was Napoleon wütend machte. Palafox wollte weniger als je von einer Übergabe reden hören. Man sprach auch viel von dem schönen Empfang, der Joseph bei seinem Einzug in Madrid geworden, erzählte sich sogar, daß er mit Steinwürfen begrüßt sei. Jetzt wurde von unserer Seite alles getan, die Stadt bald zu erobern, alle Mörser und Kanonen versah man sofort mit einem Bedarf für vierhundert Schüsse, und den 4. August spielten mit dem Grauen des Tages die Geschütze aller Batterien, welche meistens auf Kirchen und Klöster gerichtet waren, auf die jetzt ein Bomben- und Kugelregen fiel. Mönche und Nonnen verließen ihre Zellen, sich in Privathäuser flüchtend, Kranke und Wahnsinnige aus dem großen Hospital Nuestra Senora de gracia, in deren Gemächer Bomben gefallen waren, hatten sich von ihren Ketten befreit, und durch den Schrecken noch wütender gemacht, rannten sie mit tollen Geschrei durch die Straßen. Alle Reliquien, Monstranzen und andere heilige Kostbarkeiten wurden eiligst in feuerfeste Gewölbe geschafft. Aus den nahen Laufgräben unterhielten wir zu gleicher Zeit ein rollendes Gewehrfeuer auf alle, die sich blicken ließen. Als endlich mehrere Breschen durch das Kanonenfeuer praktikabel gemacht waren, rückten wir im Sturmschritt von zwei Seiten auf die Stadt los, und nun kam es auf den Trümmern der Mauern und Gebäude zum wütendsten Handgemenge. Die Kolonne, zu der wir gehörten, nahm gegen elf Uhr das Kloster Santa Ingracia, bald darauf wurde auch die Puerta del Carmen genommen, und über die Leichen ihrer Verteidiger schreitend, breiteten wir uns in den nächsten Straßen aus. Den eindringenden Truppen hatte man den Coso, die größte mitten in der Stadt gelegene Straße als Vereinigungspunkt angegeben. Wir marschierten jetzt durch die Ingracia-Straße im Sturmschritt nach diesem Punkt, wo wir Befehl erhielten, uns nach verschiedenen Richtungen zu verbreiten, um den stärksten Posten in der Stadt in den Rücken zu fallen; aber es war unmöglich, sich Bahn durch die alten, sehr engen Gassen zu brechen, welche Haufen verzweifelter Wütender, die meistens von einem Priester im Ornat, ein Kruzifix schwingend und eine geweihte Hostie in der Hand, angefeuert, sich gleich gereizten Löwen verteidigten, und dabei regnete es Steine, siedendes Wasser und Öl auf uns herab. Unser Bataillon erreichte dennoch den Magdalenenplatz, wurde aber daselbst mit Kartätschenfeuer empfangen, und wir mußten uns, wollten, wir nicht abgeschnitten werden, da aus allen Straßen bewaffnetes Volk herbeiströmte, wieder gegen die Mitte des Coso zurückziehen. Hier griff uns ein wütender Haufen, von einem Priester, der eine Kirchenfahne schwang, angeführt, ganz unvermutet an, und der Anführer unserer Kolonne wurde von einem rasenden Mönch niedergestochen. Ich übernahm jetzt das Kommando derselben und zog mich fechtend auf das Kloster Santa Fé zurück, von wo aus ich die Feinde mit Vorteil angriff und mich dann in der Kaserne Minones, die neben dem Kloster lag, festsetzte. – Wir glaubten nun endlich die Stadt genommen und daß die Einwohner zu Kreuz kriechen würden. Dies würde sicher auch der Fall gewesen sein, wenn sich unsere Leute nicht so früh der Plünderungswut überlassen hätten und in die Häuser gedrungen wären, ohne daß es möglich gewesen, sie davon abzuhalten; die wenigsten kamen wieder lebendig heraus, sondern fanden den Tod in denselben. Ich hatte zuletzt kaum mehr zweihundert von der an tausend Mann starken Kolonne beisammen; so wie die Offiziere den Rücken drehten, liefen zehn und zwanzig in ein Haus. In einer Kirche, durch die wir bei dieser Gelegenheit zogen, erinnere ich mich ein Gemälde im Vorübergehen gesehen zu haben, das einen Heiligen darstellt, der in einer vierspännigen Galakutsche in den Himmel einfährt!

Den Moment für günstig haltend, bot Verdier, der sein Hauptquartier in dem Kloster Santa Ingracia aufgeschlagen hatte, nochmals eine Kapitulation an, auf die mit den Worten: „Krieg bis in den Tod!“ durch Palafox geantwortet wurde. Zugleich ließ er auf den schiefen Turm der Stadt zwei Fahnen pflanzen, die eine blutrot und die andere weiß mit einem roten Kreuz, um den Spaniern in der Vorstadt und der Umgegend zu beweisen, daß er noch Herr der Stadt sei. Bald rückten auch neue Verstärkungen ihren Landsleuten zu Hilfe an und über die Brücke in die Stadt, aus deren Häusern man jetzt die getöteten oder noch halb lebenden Soldaten von den höchsten Stockwerken hinabwarf, wobei die Weiber, auch Kinder hilfreiche Hand leisteten, und mehr als einer dieser Unglücklichen war durch den Dolchstich einer schönen Saragosserin gefallen, mit der er den Tod umarmt und so den Moment der Ausschweifung mit dem Leben bezahlt hatte. Der Kampf in den Straßen wurde noch heftiger, und aufgetürmte Leichen bildeten nicht selten eine Brustwehr. Die Kompagnie eines Weichselregiments hatte sich hinter lauter getöteten Kapuzinern und Karmelitern verschanzt, andere machten sich Bollwerke aus in Häusern weggenommenen Matratzen. Bald sah ich ein, daß ich mich nicht lange mehr in Santa Fé würde halten können, suchte mich daher kämpfend dem Coso zu nähern und mußte dabei über ganze Haufen von Toten steigen. Hier hatten wir noch das Franziskanerkloster und dessen Kirche inne und verschanzt. – Das Bombardement währte beständig fort sowie das Sengen, Brennen und Morden, und die klaffenden Wunden der Leichen gingen bei der großen Hitze schnell in Fäulnis über und verpesteten die Luft. – Nach diesem furchtbaren Tag brachten wir auch noch die von den Flammen der brennenden Gebäude hellgelichtete Nacht unter den Waffen und zum Teil fechtend zu. Mit Tagesanbruch erhielten die Spanier abermals bedeutende Verstärkungen, welche durch die Vorstadt, die wir nie ganz hatten einschließen können, gedrungen waren, und die reichliche Munition für die Belagerten brachten. Dies machte, daß wir uns außerstande befanden, die Stadtteile länger zu behaupten, in deren Besitz wir waren, besonders da die Feinde die hinteren Mauern der Häuser, in denen sich unsere Leute befanden, einschlugen, in dieselben drangen und so ein Haus nach dem anderen kämpfend und mit großem Verlust geräumt werden mußte. Zugleich wurde ein furchtbares Feuer von allen Dächern und aus allen Fenstern auf die aus den Häusern flüchtenden sowie überhaupt auf alle in den Straßen sich befindenden Truppen unterhalten. Mehrere Stunden währte dieser mörderische Häuserkampf fort. Noch waren wir im Besitz des Franziskaner- und des San Diegoklosters sowie von Santa Ingracia. Jetzt erhielt Verdier die Nachricht, daß Palafox, der während der Nacht die Stadt verlassen, mit sechstausend wohlbewaffneten Aragoniern im Anzug sei. Wir mußten eiligst alle unsere auf dem linken Ufer stehenden Truppen zurückziehen und stellten eine starke Reserve auf dem Monte Torrero auf. Dies gab Veranlassung zu einer komischen und galanten Episode dieses Wettkampfes. Um unsere Kommunikation mit den noch von uns besetzten Teilen der Stadt zu unterhalten, mußten wir ein Nonnenkloster wegnehmen, dessen wir zu diesem Zweck bedurften; hier fanden wir ungefähr dreißig Schwestern nebst einer Äbtissin, die gefangen abgeführt wurden und unter denen sich zwei sehr artige Novizen und ein halbes Dutzend noch ganz junger und hübscher Nönnchen befanden. Mir wurde der Auftrag zuteil, die frommen Kinder in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich die verzweiflungsvollen Schönen so gut als möglich zu beruhigen gesucht, eskortierte ich sie selbst, und zwar nicht ohne Gefahr, daß eine oder die andere verwundet oder gar getötet würde, denn die Kugeln hörten nicht auf zu sausen, nach dem Monte Torrero; aber trotz meiner kräftigsten Versicherungen, daß ihnen nichts zuleide geschehen solle, weinten sie dennoch unaufhörlich und schienen trostlos. Nichts half es anfänglich, daß alle Offiziere, die mit ihnen in nähere Berührung kamen, ihnen ein Gleiches versicherten. Als sie aber sahen, daß man fortfuhr, sich so artig und galant gegen sie zu benehmen und ihnen alle mögliche Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit erwies, fingen sie endlich an, sich in ihr Schicksal zu ergeben, ihre Tränen zu trocknen und nahmen etwas Speise und Trank zu sich. Man räumte ihnen die besten Erdhütten ein, welche die Soldaten noch besonders bequem für sie einrichteten und verwahrten, und nach zweimal vierundzwanzig Stunden waren sie schon ziemlich dieses Kampagneleben gewöhnt, besonders die Jüngeren. Sie fingen an, mit uns zu lächeln, wohl auch zu schäkern und ließen sich bald halb gezwungen, halb freiwillig ein Küßchen rauben; die meisten waren aus angesehenen spanischen Familien. Da sie sahen, daß wir keine Eisenfresser waren, und da die spanischen Nonnen überhaupt noch unendlich mehr Freiheit haben als die italienischen, auch Liebesintrigen derselben eben nicht zu den Seltenheiten gehören, so wurden sie immer vertrauter mit uns. Eine der Novizen, kaum fünfzehn Jahre alt, ein wahres Madonnengesicht, schön wie eine Verklärte, fand ich für gut, mit noch zwei jüngeren Schwestern unter meine besondere Protektion zu nehmen und ihnen ein eigenes Lokal einzuräumen; sie hatten alle getrennt und zu zwei und drei in unsere Baracken einquartiert werden müssen. Ich ließ auch Matratzen für sie herbeischaffen, die ich aus noch von uns besetzten Häusern nahm, sorgte dafür, daß ihnen immer mit den delikatesten Speisen, die zu haben waren, aufgewartet wurde, ließ sie durch meinen Burschen bedienen und übergab sie der Sorgfalt eines zurückbleibenden Unteroffiziers, wenn ich sie verlassen mußte, um an dem Kampf teilzunehmen; zum Abschied erlaubte ich mir, sie zu küssen. Den heiligen Mädchen standen die Tränen in den Augen, so oft ich sie verließ; sie baten mich, ja recht bald wiederzukommen. Da wir den dritten Tag nach der Wegnahme dieses Klosters alle Saragossa räumen mußten, um wieder Posto vor der Stadt zu nehmen, so konnte ich mich gegen zehn Uhr in der Nacht bei meinen Schützlingen wieder einfinden, die vergnügt waren, mich wiederzusehen. Die Nonnen schienen mit der Behandlung, die ihnen bis jetzt geworden, alle sehr zufrieden, und selbst die schon betagte Äbtissin schickte sich darein. Ich beredete meine drei liebenswürdigen Gäste noch zu einem Spaziergang unter die nahen Oliven, wo wir unter freiem Himmel in der schönsten spanischen Sommernacht das gestirnte Firmament bewunderten, ich aber, da alle drei hübsch und jung waren und um keinen Neid bei den anderen zu erregen, sie alle liebkoste und küßte, doch die Novize mit großer Vorliebe. So saßen oder lagen wir vielmehr alle vier recht traulich unter den Bäumen, als wir in einiger Entfernung mehrere schwarze Gestalten auf uns zuschreiten sahen, in denen wir, als sie näher kamen, noch drei Offiziere und zwei Nonnen erkannten, die ebenfalls im nächtlichen Promenieren begriffen waren; ich trat eine der meinigen einem Kameraden ab, und wir spazierten nun, ich mit der Novize und einer Schwester am Arm, unter den Oliven. Bald verloren sich die verschiedenen Paare aus dem Gesicht, und ich hatte mich mit meinen beiden Schönen wieder an einem etwas entfernteren Orte niedergelassen, wo wir uns ganz vortrefflich unterhielten, vergnügten und auf das freundschaftlichste miteinander fertig wurden. – Ob die guten Kinder wohl alles, was zwischen uns vorfiel, gebeichtet haben mögen? – Ich möchte es sehr bezweifeln. – Seit Madrid hatte ich, obgleich ich kein Keuschheitsgelübde getan, doch diese gewiß strenger beobachtet als Franziskaner und Kapuziner, und zwar aus dem triftigen Grund, weil sich keine Gelegenheit gefunden, sie zu brechen. Nachdem wir uns in einem Wonnemeer von Vergnügen satt geschwelgt hatten, führte ich die guten Schwestern wieder in ihr Gemach zurück, wo die dritte in Gesellschaft ihres Begleiters sie schon erwartete. Nur ein paar Tage dauerte noch der Umgang mit den liebenswürdigen Kindern, welche auf höheren Befehl alle, samt der Äbtissin, jetzt in das Kloster eines benachbarten Städtchens gebracht wurden. Dieser Befehl kam ein wenig spät, läßt sich aber durch die weit wichtigeren Dinge, mit denen sich die kommandierenden Generäle vor allem zu befassen hatten, wohl entschuldigen. Ich gab den lieben Kindern noch das Geleit, nahm zeitlichen Abschied von ihnen, selbst der Frau Äbtissin die alte Hand küssend.

Nachdem Palafox mit seiner Verstärkung in Saragossa eingerückt war, beschränkten wir uns fast nur noch darauf, die Stadt zu bombardieren. Verdier, der selbst verwundet worden und das Kommando deshalb wieder momentan an Lefebvre abgetreten, hatte nochmals, und zwar durch gefangene Mönche, eine Kapitulation angetragen, die gleich den früheren zurückgewiesen wurde, mit dem Bedeuten, man würde sich, wenn es nötig sei, von Haus zu Haus bis zum letzten schlagen und unter dessen Trümmern begraben. Dazu kam es nicht; man murmelte seit vierundzwanzig Stunden, und die Generäle wußten es gewiß und hatten geheime Instruktionen erhalten, daß Joseph Madrid bereits wieder verlassen habe, weshalb jetzt Vorbereitungen zur Aufhebung der Belagerung gemacht wurden. Den 12. August kam endlich in der Nacht vom Hauptquartier zu Burgos der bestimmte Befehl an, die Stadt zu räumen, wenn wir schon im Besitz derselben seien, und wenn dies nicht, die Belagerung sofort aufzuheben.

Um unsern bevorstehenden Rückzug zu decken und zu verbergen, wurden jetzt noch einmal mit großer Ostentation alle Anstalten zu einem allgemeinen Angriff gemacht und die Stadt heftig bombardiert. Die Magazine, Gebäude auf dem Monte Torrero und anderen Orten, die wir inne hatten, wurden sodann angezündet. Auch das Kloster Santa Ingracia wurde mit all den Leichen seiner heiligen Märtyrer vor unserem Abzug in die Luft gesprengt, und zwar ging in der Mitternachtsstunde die furchtbare Explosion vor sich. Das mit so großer Mühe herbeigeschaffte Belagerungsgeschütz wurde in die Wellen des Ebro und die Wasser des Kanals geworfen, da wir nur das Feldgeschütz mitnehmen konnten. Auch den gefangenen Nonnen und Mönchen gab man ihre völlige Freiheit, wobei es mit den ersteren etwas bunt hergegangen sein soll. Durch einen Offizier, der die zweite, noch furchtbarere und grausamere Belagerung von Saragossa mitgemacht hatte, erfuhr ich später, daß sich manche der frommen Christusbräute in der Hoffnung befunden, aber nicht bestraft wurden, da sie Gewalttätigkeit vorgeschützt, und unter französischem Schutz niedergekommen seien.

Unser Abzug wurde nicht im mindesten durch die Belagerten beunruhigt, die sich aber des ins Wasser geworfenen Geschützes, ein halbes Hundert Kanonen, Mörser, Haubitzen, Feldschlangen und so weiter bemächtigten, das ihnen bei der zweiten Belagerung gute Dienste tat.

Was unseren Abzug so sehr beschleunigt hatte, erfuhren wir erst auf dem Marsch; es war nämlich ein spanisches Armeekorps, vierzehntausend Mann stark, zur Entsetzung Saragossas im Anmarsch und schon bei Muela angekommen. – Wir hatten wenigstens achttausend Mann bei dieser vergeblichen Belagerung eingebüßt, die Spanier vielleicht noch mehr, denn durch das Einstürzen und Sprengen der Gebäude verloren unzählige Menschen, auch Frauen und Kinder das Leben. Unser Abmarsch wurde in der Stadt sogleich durch eine große Prozession und ein Dankfest gefeiert, wobei man besonders die Jungfrau del Pilar und Palafox hochleben ließ.

Die Belagerung von Saragossa hatte gezeigt, was die Bevölkerung einer Stadt vermag, wenn es ihr Ernst ist, dieselbe zu verteidigen; jetzt erst fing ich an, die fast fabelhafte Verteidigung mancher Städte des Altertums zu glauben. Hätte sich Magdeburg und andere preußische Festungen in dem unglücklichen Krieg von 1807 nur zum hundertsten Teil gleich der Hauptstadt Aragoniens, wie zum Beispiel Kolberg, verteidigt, so hätte Napoleon schwerlich Berlin und noch weniger Königsberg gesehen; doch die herbe und derbe Lektion mußte sein, sollte es in Preußen gut werden. Schon vierundzwanzig Stunden nach unserem Abmarsch kam das Entsatzungskorps in Saragossa an.

Der größte Teil des Belagerungsheeres schlug den Marsch über Alayon nach Tudela ein, um sich später mit der französischen Hauptarmee, die sich an den Ufern des Ebro zusammenzog, zu vereinigen. Ein kleiner Teil, bei dem auch unsere sehr zusammengeschmolzene Legion war, erhielt Befehl, den Weg nach Barcelona zu nehmen, um sich mit dem in Katalonien stehenden Armeekorps zu vereinigen, welches das Beobachtungskorps der östlichen Pyrenäen formierte und bei dem viel italienische Truppen standen. Bei der furchtbaren Stimmung und dem eingefleischten unversöhnlichen Haß der Katalonier gegen die Franzosen, der schon aus früheren Zeiten datierte, war es höchst notwendig, auch dieses Korps zu verstärken, das ebenfalls schon sehr vermindert war und namentlich bei der Belagerung von Gerona sehr gelitten hatte. Unser Marsch war wieder höchst beschwerlich und ermüdend. Wir vermieden sogar alle bedeutenden Orte, da die Bataillone meist keine dreihundert Mann mehr stark, um so mehr den Angriffen der Feinde ausgesetzt war und in ganz Katalonien nur noch Barcelona und das Fort von Figuieras in den Händen der Franzosen waren. Miquelets, in Bataillone zu zehn Kompagnien, jede hundert Mann stark, eingeteilte und wohlbewaffnete Katalonier, schwärmten zu Tausenden umher. Sie trugen runde Jacken und Federhüte, katalonische Nationaltracht. Katalonien hatte einige vierzig solcher Bataillone, Tercios de Miquelets genannt, gestellt und bewaffnet. Außerdem gab es noch eine Art Landsturm, Somatenes genannt, die sich augenblicklich, wo es not tat, zu vielen Tausenden bewaffnet erhoben, deren Einrichtung schon Jahrhunderte bestand und zu der alle Katalonier vom sechzehnten bis zum fünfzigsten Jahre gehören, sobald das Vaterland in Gefahr ist.

Alle größeren Städte, und namentlich Lerida, in welchem die Junta von Katalonien ihren Sitz aufgeschlagen hatte, vermeidend, machten wir sehr ermüdende und gefährliche Nachtmärsche. In kleineren Orten requirierten wir Lebensmittel, was, so lange wir in Aragonien waren, sich noch ziemlich gefahrlos tun ließ; als wir aber einmal über Fraga, eine Stadt, die am Cinca liegt und über viertausend Einwohner zählt, hinaus waren, wurde es immer schwieriger, sich Nahrungsmittel zu verschaffen. Das Dorf Alcaraz war der erste Ort, den wir in Katalonien betraten; es liegt nur in geringer Entfernung von Lerida. Unser nächstes Biwak hielten wir bei dem Dorf Molleruza, von wo wir noch unangefochten, aber oft auf abscheulichen Seitenwegen bis in die Gegend von Cervera marschierten, das auf einer ansehnlichen Höhe in einer großen fruchtbaren Ebene liegt, mit Mauern umgeben und durch seine Lage ziemlich fest ist. Im spanischen Erbfolgekrieg wurde diese Stadt vergeblich von den Deutschen und Kataloniern belagert, auch wagten wir uns nicht an dieselbe, da wir von den guten Gesinnungen der Einwohner gegen uns, sowie daß ein Bataillon Miquelets und viele Somatenes in derselben lagen, unterrichtet waren. Wir marschierten nach gehöriger Rekognoszierung in das Dorf Hostalfranes, wo wir alles mitgehen ließen, was wir als verdauungsfähig erkannten. Die Stadt Ignalada, die über zehntausend Einwohner zählte und nicht besser gesinnt war, umgingen wir gleichfalls, uns fortwährend mit dem Nötigsten in den Dörfern versehend. Oft bestand unsere Nahrung auf einen ganzen Tag in einer Zwiebel oder etwas Knoblauch mit einem Stück Brot, und dabei die strapaziösesten Märsche in kahlen Gegenden. Bayern oder Österreicher würden schlecht dabei gefahren sein. Im Grunde war es ein Unsinn, uns in so geringen Abteilungen nach Katalonien, das in vollem Aufstand war, zu senden, aber der General Duhesme, der daselbst kommandierte, hatte auf das dringendste Verstärkung verlangt, da was ihm von Perpignan zukam, nicht hinlänglich war. Nach mancherlei Strapazen, großen Entbehrungen und das Fußwerk im schlechten Zustand, kamen wir endlich bei dem Städtchen Martorell an, wo wir über die Noya gingen und dann den nur noch drei Stunden entfernten berühmten Berg Montserrat erblickten, den zu besteigen und seine merkwürdige Einsiedelei zu besuchen, jetzt niemand Lust verspürte. Von weitem sieht er aus wie eine ungeheure Burgruine. Schon so nahe bei Barcelona, hielten wir uns jetzt sicher genug, um uns nach Martorell wagen zu können, wo wir uns seit zehn Tagen zum erstenmal wieder satt essen konnten; aber kaum war dies geschehen, als wir Nachricht erhielten, daß sich ein großer Haufen Somatenes in geringer Entfernung zeige. Wir griffen eiligst zu den Waffen und verließen die Stadt. Hier sahen wir einen Haufen bewaffneter Bauern, etwa zwölf- bis fünfzehnhundert Mann stark, die sich jedoch nicht an uns zu wagen schienen und uns ruhig ziehen ließen. Bald hatten wir sie auch aus den Augen verloren. Als wir aber bei San Feliu, einem ziemlich bevölkerten Ort, der nur noch zwei Stunden von Barcelona liegt, ankamen, zeigten sich auf einmal die Somatenes wieder, mit einem halben Tercios Miquelets verstärkt, und machten Miene, uns den Weg zu sperren, indem sie sich vor dem Eingang von San Feliu aufstellten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihn zu erzwingen und zu versuchen, uns durchzuschlagen. Die Miquelets fochten wie Verzweifelte, und selbst nachdem wir ihre Reihen durchbrochen hatten, mußten wir fortwährend kämpfend weiterziehen, da sich immer neue Haufen entgegenwarfen, die kleine, uns bekannte Umwege im Lauf machten und sich dann wieder vor uns aufstellten. Endlich waren wir mit einem Verlust von einigen dreißig Mann jenseits des Ortes auf der nach Barcelona führenden Straße angekommen, als sich abermals ein großer Trupp Somatenes zeigte, Feuer auf uns gab und dann davoneilte. Ich ritt gerade an der Spitze des zweiten Bataillons, als ich einen Büchsenschuß in den rechten Schenkel erhielt, den ich im ersten Augenblick gar nicht spürte, der mir aber bald unter großem Blutverlust heftige Schmerzen verursachte, so daß ich vom Pferd steigen und mich bis Barcelona auf Stangen tragen lassen mußte, die im nächsten Dorf nebst acht Bauern dazu requiriert wurden, nachdem ein Aide-Major einen provisorischen Verband auf die Wunde gelegt hatte. An den Toren von Barcelona angekommen, wurde sogleich eine Sänfte herbeigeschafft, in der man mich ins Lazarett brachte, wo die Wunde untersucht und die Kugel herausgezogen wurde; sie lag nicht sehr tief und war schon ziemlich matt, als sie den Weg in mein Fleisch fand, denn die Bauern hatten aus großer Entfernung geschossen; dennoch bekam ich ein heftiges Wundfieber. Vom Lazarett, wo ich nicht bleiben wollte, wurde ich in ein Gemach in der Zitadelle gebracht. Da ich indessen sehr gute Säfte hatte, was bei Wunden eine Hauptsache ist, denn bei verdorbenen Säften oder wenn venerisches Gift im Körper ist, wird die geringste Wunde oft tödlich oder bringt jahrelanges Leiden, so ging meine Heilung schnell vor sich, und ich konnte nach wenigen Tagen schon wieder mit Hilfe einer Handkrücke herumhinken. Aber mein fatales dreitägiges Fieber stellte sich nun auch wieder recht hartnäckig ein und machte mir viel zu schaffen, da es in ein schleichendes und zehrendes auszuarten drohte. Während ich so mit Wunde und Krankheit zu tun hatte, war der Rest der Legion schon wieder mit anderen Truppen ausgerückt, um gegen die immer kühner werdenden Miquelets zu kämpfen, fiel aber in einen Hinterhalt und wurde größtenteils niedergemacht oder gefangen, so daß kaum fünfzig Mann und ein einziger Offizier zurückkamen. Wären wir nicht im Besitz der Zitadelle von Barcelona gewesen, der sich Duhesme gleich bei seinem Einmarsch in Spanien durch Arglist und Gewalt bemächtigt hatte, so wäre es uns sicher schlimm ergangen. Barcelona ist auch auf der Landseite wohl befestigt und auf beiden Flanken durch die Zitadelle und das Fort Montjuic gedeckt; auch von der Seeseite ist es fast unangreifbar. Die Engländer kreuzten aber im Verein mit den spanischen Schiffen unaufhörlich vor dem Hafen, fast alle Kommunikation zu Wasser abschneidend. Wäre der spanische Generalkapitän von Katalonien, Palacios, ein zweiter Palafox gewesen, so hätte er uns viel zu schaffen machen können, da Duhesme sehr oft mit der Elite der Garnison in den Gebirgen umherstreifte, um gegen die Miquelets, die Palacios mit noch anderen Truppen befehligte, zu streiten und während seiner Abwesenheit Stadt und Zitadelle nur schwach besetzt ließ. Auch waren die Einwohner sehr aufgebracht, da sich der italienische General Lecchi, der in Duhesmes Abwesenheit dann kommandierte, alle möglichen Vexationen gegen sie erlaubte und die Stadt außer den zu liefernden Lebensmitteln, Montierungsstücken in großen Massen, fünfzigtausend Zentner Holz, viele Schuhe und noch zwanzigtausend spanische Piaster (über einhundertzehntausend Franken) wöchentlich bezahlen mußte. Freilich waren die angesehensten Einwohner als Geiseln in der Zitadelle eingesperrt.

Strapazen, Wunde und Fieber hatten mich indessen tüchtig zusammengerüttelt, so daß ich bald nur noch einem Schatten glich, doch versuchte ich abends, wenn die größte Hitze vorüber war, kleine Promenaden in der Stadt zu machen, besuchte Kirchen und so weiter.

Diese Hauptstadt Kataloniens ist mit die beträchtlichste Spaniens und hat nahe an hundertfünfzigtausend Einwohner; sie wurde von den Karthaginiensern gegründet, die ihr den Namen eines ihrer Generäle, Hamilcar Barca, beilegten. Nachher kam sie unter römische, später unter gotische und maurische Herrschaft; endlich hatte sie ihre eigenen Souveräne, die den Titel Grafen von Barcelona führten und Katalonien mit der Krone von Aragonien vereinigten, bis beide im sechzehnten Jahrhundert der spanischen Monarchie einverleibt wurden. Die Stadt hat einen großen Umfang, ist aber schlecht gebaut und hat mit wenigen Ausnahmen sehr enge und krumme Straßen, namentlich die Altstadt, auch ihre Plätze sind klein. Die Häuser sind sehr hoch, meist fünf Stockwerke, und haben große Balkone. Paläste sind wenige hier; unter ihnen ist der des Herzogs von Medina Cöli der schönste. Sehr viele Häuser sind bunt bemalt, Kirchen und Klöster zählt man wohl anderthalb hundert. Noch sind einige Altertümer aus den Römerzeiten vorhanden. Die Kathedrale ist ein großes schönes Gebäude, dessen Fassade aber noch nicht ausgebaut ist, obgleich schon seit dreihundert Jahren von allen, die sich daselbst verheiraten, eine kleine Abgabe zu diesem Zweck erhoben wird und schon weit mehr Geld als erforderlich dazu vorhanden ist. Der alte Palast der Grafen von Barcelona diente zum Teil Klarissinnen zur Wohnung, während im anderen Teil das Inquisitionstribunal seinen Sitz und seine Kerker hatte; er hat ein ungeheures Mauerwerk, furchtbare Gewölbe und ist nur durch eine enge Straße von der Kathedrale getrennt. Das Schauspielhaus ist ein schönes und geräumiges Gebäude, das an einer Promenade liegt. Noch ist auch ein alter merkwürdiger Palast des Hauses Alba vorhanden. Von den Promenaden innerhalb der Stadt – die außerhalb liegenden konnte ich nicht besuchen – ist die Esplanade zwischen Zitadelle und Stadt die größte; sie hat drei Reihen Alleen, wird aber wenig besucht. Die Rambla ist ein auf ehemaligen Festungswerken angelegter Spaziergang mitten in der Stadt, die sie gewissermaßen in zwei Teile trennt.

Barcelonetta ist ein kleines Städtchen, das eigentlich eine Vorstadt von Barcelona bildet und zwischen dem Hafen und dem Molo liegt, wird aber fast nur von Schiffern und Matrosen bewohnt; seine Entstehung datiert erst aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Zitadelle an der Nordostseite der Stadt wurde ebenfalls erst im achtzehnten Jahrhundert und auf Befehl Philipp V. erbaut; sie ist groß, und ihre bedeutenden Werke waren noch im besten Zustand. Der Hafen, der unter ihr und zwischen der Stadt und Barcelonetta liegt, ist im Grunde nur ein großes Bassin, dessen Einfahrt ziemlich schwierig ist; er ist schön und sehr besucht. Der Montjuic ist ein Berg auf der Südwestseite der Stadt, mit einem Fort gekrönt, der weit besser Stadt, Hafen und Umgegend beherrscht als die Zitadelle und selbst diese noch dominiert.

Barcelona, das großen Handel treibt, hat sehr reiche Kaufleute, sein Adel aber gehört mit wenigen Ausnahmen meistens zur Familie der Don Ranudo de Colibrados. Die Frauen sind zum Teil reizende und pikante Schönheiten, die mich trotz meinem gespensterhaften Aussehen nicht wenig interessierten; ich konnte sie aber nur in Kirchen und auf Promenaden bewundern. Gewöhnlich ist diese Stadt voller Leben, und die Vergnügungen aller Art, wie Gesellschaften, Tänze, Schauspiele, Maskeraden, italienische Oper, Kirchenfeste, Prozessionen, Landpartien und so weiter drängen sich, jetzt aber war von dem allen wenig zu sehen, man hätte sich vielmehr in La Trappe glauben können, und sah nur finstere oder sorgenvolle Gesichter; nur in den Kirchen war einiges Leben, wenn auch ein sehr ernstes. In manchen derselben werden bei großen Festen oft dreitausend Kerzen zumal angezündet. Nächtliche Prozessionen mit Fackeln, bei denen es oft bunt genug zugeht, sind hier sehr beliebt; man hat berechnet, daß allein bei den Prozessionen, die während der heiligen Woche stattfinden, über dreißigtausend Wachsfackeln verbrannt werden, von denen eine jede fünf bis sechs Pfund wiegt; Riesen, Teufel, Ungeheuer und so weiter spielen dabei eine große Rolle. Durch die vielen bürgerlichen Kriege der letzten drei Jahrhunderte und nicht weniger als fünf Belagerungen, die es in einem Zeitraum von sechzig Jahren bestanden, war Barcelona so herabgekommen, daß es nach der Belagerung von 1714 keine vierzigtausend Einwohner mehr zählte, sich aber so unglaublich schnell erholte, daß es zu Ende desselben Jahrhunderts schon wieder hundertundvierzigtausend und über zehntausend Häuser hatte.

Kaum acht Monate hatte ich in Spanien zugebracht und unter Verhältnissen, die es nicht zuließen, in nähere Berührung mit dessen Einwohnern zu kommen und sie genauer kennen zu lernen, doch machte ich im allgemeinen auf unseren Märschen und in unseren Quartieren folgende Bemerkungen. Die Damen haben sich bei den Spaniern, trotz dem herrischen Wesen der Männer, noch immer einer Verehrung zu erfreuen, die fast an Abgötterei grenzt und die noch von jener in ihren ritterlichen Romanen und Romanzen so oft besungenen heroischen Liebe zeigt. Die Männer suchen beinahe eine Ehre darin und sind stolz darauf, sich der Frauen Knechte zu nennen, was sie auch sind, und reden sie oft mit den Worten an: „Señora, beso a vos los pies“, auch besorgen sie Frauen-, Stuben- und Küchendienste, machen die Betten, kaufen die Lebensmittel ein, kochen, kleiden sogar die Kinder an und so weiter. Dies macht, daß selbst die spanischen Frauen niederer Klassen halbe Prinzessinnen sind, deren Winke rasch auszuführenden Befehlen gleichen. Dagegen sind sie aber auch über alle Beschreibung schön und anmutig, namentlich die Andalusierinnen, deren ich mehrere in Madrid und Barcelona sah, heroisch-majestätische Schönheiten. Der Ausdruck ihrer Mienen, ihr Anstand, ihre Anmut, ihre Feuer blitzenden Augen sind unvergleichlich, selbst Bettelmädchen und Dirnen der Freude wissen unter ihrer Mantille noch zu imponieren, und die halbwilden Hirtentöchter der Gebirge kommt man in Versuchung, für Bergnymphen zu halten. Unter diesen Gebirgsbewohnern gibt es Menschen, die gar kein Geld kennen, und wenn man ihnen für einen Dienst, für eine Erfrischung ein Stück gemünztes Silber geben will, weisen sie es mit Verachtung zurück, sprechend: „Wir bedürfen solchen Plunders nicht, wer dessen bedarf, mag ihn behalten.“ Im Sommer ist das hohe Himmelsgewölbe ihr Dach und im Winter Erdhütten oder Höhlen ihre Schlafstätte, Schaffelle ihre Bedeckung, Milch, Kräuter und Baumfrüchte ihre Nahrung. Namentlich leben so die Gebirgsbewohner Kataloniens, die kein Feind in ihren Bergen erreichen kann und die ein wildes, kriegerisches Volk sind, das seine Engpässe gut zu verteidigen weiß und fast mit nichts lebt; diese genügsamen Menschen haben immer Überfluß.

Musik und Tanz ist selbst in den elendesten Dörfern Spaniens das Hauptvergnügen seiner Bewohner. Von diesen Tänzen hat, wer sie nicht gesehen, keinen Begriff. Den feurig wollüstigen Fandango, den anmutsvollen Bolero, den Zorongo, die waghalsige Jota von graziösen Spanierinnen aufgeführt zu sehen, läßt Eindrücke zurück, welche für die Lebenszeit dauern. Vor den Kirchplätzen der armseligsten Dörfer ertönt der Klang der Zither, und die Bauerndirnen bringen durch ihre graziös-wollüstigen Bewegungen auch das Blut der kältesten Zuschauer in Wallung und Glut. In Kastilien sah ich einst den Guaracha tanzen, den eine Person, die sich selbst mit der Gitarre begleitete, mit gravitätischem Ernst aufführte, und dennoch wurde ich von diesem Charaktertanz hingerissen. Fast jede Provinz hat ihre eigenen Tänze, so werden in einer Gegend Kataloniens, Ampurda genannt, zwei ganz eigentümliche Tänze aufgeführt, die man sonst nirgends kennt und die eine magische Wirkung haben. Dagegen sind der Fandango und Bolero überall die Haupttänze, für die jeder Spanier leidenschaftlich eingenommen ist. Der erste wird sehr passend eine harmonische Verzückung des Körpers genannt, der Bolero ist eigentlich nur ein gemäßigter Fandango. Schon die Musik dieser Tänze elektrisiert jeden Spanier und bringt alle seine Glieder in Aufregung, sein Blick folgt jeder Bewegung der Tanzenden, seine Hände, Füße, Mienen und Gebärden schlagen den Takt. Selbst ein phlegmatischer Sohn Albions sagte von dem Fandango: „Ich bin überzeugt, daß, wenn man diesen Tanz unerwartet und plötzlich in einer Kirche oder vor einem Gerichtshof ertönen ließ, Priester und Richter, Andächtige und Advokaten, Volk und Verbrecher ohne Unterschied, wie durch Oberons Chöre bezaubert, zu hüpfen und springen beginnen würden.“ Der Fandango wird in der Regel mit Gitarrenklang und Kastagnettenschlag begleitet, von zwei Personen, Mann und Frau, aufgeführt. – Bekannt ist die Geschichte der wunderschönen Tänzerin Dolores, oder Dolorita genannt, die zuerst als Nonne vor dem Hochaltar ihrer Klosterkirche zu Huelgas zu Ehren der Madonna und der Heiligen tanzte, aber bald den Nonnenschleier mit der Mantille vertauschte, ihre Zelle mit einem Boudoir, eine weltliche Tänzerin ward und statt in der Kirche auf den Brettern der Haupttheater Spaniens und Madrids auftrat, alle Welt bezauberte, von den Granden angebetet und selbst vom König, der ihr Gelübde durch einen Machtspruch gelöst, geküßt wurde. Einen Edelmann namens El-Curo, der in Salamanka studierte, behexte sie so, daß er seine Studien im Stich ließ, ihr gleich einer anderen Preziosa folgte und auch ein Tänzer wurde. Da er hoffte, sich als Toreador noch mehr auszeichnen zu können, vertauschte er die Kastagnetten mit den Banderolas und dem Scharlachmantel und wurde endlich von den Hörnern eines wütenden Stiers durchbohrt.

Die spanischen Theater, von denen ich nur wenige frequentieren konnte, geben oft Vorstellungen, wie man sie in keinem anderen Lande Europas mehr zu sehen bekommt, namentlich wenn sie ihre sogenannten heiligen Komödien aufführen, wo Profanes, Heiliges und Absurdes auf das seltsamste vermengt wird. Da sieht man Engel und Teufel, Priester und Heilige, alle Laster und Tugenden und nicht selten Gott selbst personifiziert. Die Handlungen der Frommen und die Abscheulichkeiten Satans durchkreuzen sich, und das Ganze ist oft ein wahrer Skandal für Religion und Sitten. Luzifer erscheint mit Hörnern und Schwanz und unterhält sich unbefangen mit Heiligen und mit Gott. Wunder aller Art geschehen, Märtyrer werden verbrannt, und was die tollste Phantasie erfinden kann, geht in buntem Gewirre vor den Augen der Zuschauer vorüber. Maschinerie und Dekorationen sind dabei oft in höchster Vollkommenheit. Man sieht bald das Innere des Himmels, bald die Hölle, bald beides zugleich, über- oder nebeneinander. Das himmlische Paradies, das Fegfeuer mit den brennenden Seelen, ein Konklave und so weiter, alles wird dem bewundernden Auditorium vorgeführt. Namentlich wurden diese Komödien am schönsten und tollsten in Barcelona gegeben, wo man den Teufel sogar zwingt, in einer Franziskanerkutte, aus der die Hörner hervorragen, auf einer Kanzel die christliche Moral zu predigen!!! Man sieht auch Stücke, deren Handlungen durch zwei Jahrhunderte in einem Abend spielen. –

Die Theater haben im Innern in der Regel ein Patio (Parterre) und mehrere Reihen Logen, palcos oder aposentos genannt. Das Parterre ist meistens in drei verschiedene Abteilungen geteilt, von denen die vorderste Lehnstühle, die mittlere, das eigentliche Patio, Bänke, die hinterste Gradas, das heißt amphitheatralisch geordnete Sitze hat, doch ist dies nur in den größeren Theatern der Fall. Die Logen sind fast wie in Italien beschaffen. Die meisten Theater haben, der Bühne gegenüber, in jedem Rang eine große Loge, die man Cazuela nennt. Diese ist nur allein für Frauen bestimmt, die sich daselbst, in die Mantillen gehüllt, aus allen Ständen und von jedem Alter einfinden; auch die vornehmsten Damen, die keine Toilette machen wollen oder sonst eine Ursache dazu haben, besuchen oft die Cazuela, durch ihre Schleier unkenntlich gemacht. Die Liebe ist bei den Spanierinnen die Hauptangelegenheit ihres Lebens, und schon manche Donna hat ihren Geliebten, als Frau verkleidet, mit in eine Cazuela genommen. Sie lieben höchst leidenschaftlich und sollen dabei sehr beständig sein, dagegen aber fordern sie die unbedingteste Ergebung und große Aufmerksamkeit von dem Geliebten und sind nicht selten dessen schrecklichster Tyrann, während sie oft die Sklavinnen ihrer Eheherren sind. Ihr Wille muß ihm das strengste Gesetz sein, gegen das keine Appellation stattfindet, dabei besitzen sie eine große Energie und trotzen jeder Gefahr, besonders die Kastilianerinnen, welche die zärtlichsten wie die Andalusierinnen die verführerischesten Frauen sind. Sitten, Gebräuche, Kleidung und sogar die Sprache sind in jeder Provinz verschieden, und in keinem Land ist eine so große Mischung von verschiedenen Nationen, wie in Spanien, wo neben dem Element der Urbewohner, das der Karthager, der Römer, der Celtiberier, der Germanen und namentlich der Goten und Mauren, das glühende Orientalische neben dem ernsten Nordischen sich kundgibt und in vielen Charakterzügen zeigt, sowie ihre wunderbaren Märchen von verbannten und verwünschten Jungfrauen und Rittern, verborgenen Schätzen, verwünschten Schlössern, verzauberten Gärten, Palästen, ritterlichen Kämpfen mit Riesen und Ungeheuern, unterirdischen Bewohnern und Geistern und so weiter, bald die glühende Phantasie der Orientalen, bald die romantische des Nordens atmen. Das ganze Land mit seinen römischen und maurischen Ruinen, seinen Bergen, Wäldern, Schlössern, Palästen, Kirchen, Klöstern, Kapellen, Einsiedeleien und Gärten erscheint fast wie eine verzauberte Gegend.

Gerne hätte ich den so naheliegenden Montserrat mit seinem berühmten Kloster und seinen merkwürdigen Einsiedeleien besucht, aber mein krankhafter Zustand machte es mir unmöglich, mein Fieber wollte gar nicht nachlassen und jetzt keinem Mittel weichen, obgleich die Wunde fast ganz zugeheilt war. Die Ärzte schrieben meinen Zustand der feuchten Luft Barcelonas zu, sie hielten für das beste, meinen Aufenthalt zu wechseln und mit dem südlichen Frankreich zu vertauschen, etwas, das aber nicht so leicht zu bewerkstelligen, da zu Land und zu Wasser die Kommunikation mit Frankreich sehr schwierig war. Unter den jetzigen Umständen allein oder selbst in Gesellschaft mehrerer über die Pyrenäen zu kommen, daran konnte man nicht denken, und vor dem Hafen kreuzten englische Fregatten und spanische Kriegsschiffe. Ich sprach deshalb mit dem kommandierenden General Lecchi, der mir mitteilte, daß er dieser Tage ein kleines Küstenfahrzeug nach Frankreich absenden müsse und, wenn ich es wagen wolle, ich mit diesem, dessen Kapitän ein Franzose aus Agde sei, gehen könne; das Schiff sei erst vor wenigen Tagen, den Engländern eine Nase drehend, in den Hafen eingelaufen. Ich suchte den Kapitän selbst auf, der mir zuredete, mich ihm anzuvertrauen, und sagte, er stehe dafür ein, mich glücklich an die französischen Küsten zu bringen. Ich fürchtete nichts mehr, als in englische Gefangenschaft zu geraten, aber auf sein Zureden entschloß ich mich, das Wagnis zu bestehen, ließ mir die nötigen Papiere und Zertifikate ausfertigen und schiffte mich in einer dunklen Nacht, den 12. September nach zehn Uhr abends, ein. Wir verließen den Hafen mit sehr günstigem Westwind, segelten, von den feindlichen Schiffen unbemerkt, längs der Küste hin und hatten, als der Tag anbrach, schon die Höhen von Rosas passiert. Die Fahrt wurde mit gleichem Glück bis zu den Küsten Frankreichs fortgesetzt, an Perpignan und Narbonne vorüber, und den dritten Tag erreichten wir glücklich den Hafen von Agde. –