Die kleine Seereise war mir trotz mancher Unbequemlichkeiten und schlechter Lagerstätte doch ziemlich gut bekommen. Von Agde, einem kleinen Seehafen im Departement Herault, durch ein Konzilium, das hier gehalten wurde, bekannt, fuhr ich sogleich über Frontignan, wegen seines trefflichen Muskatweins berühmt, nach Montpellier ab, wo ich in einem guten Gasthof abstieg, dann den Herren Michel und Gayral meine Ankunft meldete, die mich mit allem, dessen ich bedürftig war, bestens versahen. Nachdem ich mich bei dem jetzt hier kommandierenden General Sissé gemeldet, teilte mich derselbe einstweilen dem hier liegenden Depot eines Infanterieregiments bis zu meiner völligen Genesung zu, und das gesunde Klima von Montpellier stellte mich bald wieder her. Ich schrieb an den Kriegsminister und bat den General, bei dem ich öfters zu Tische war, um dessen Verwendung, damit ich möglichst bald wieder in Aktivität kommen möge. Die Legion, bei der ich gestanden, war so gut wie vernichtet und aufgelöst. Ich wünschte sehr, wieder in Italien verwendet zu werden; Spanien hatte mich, trotz seiner wunderbaren Schönheiten und seiner romantisch-heroischen Berühmtheit, nicht besonders angesprochen; wir standen den Einwohnern viel zu schroff gegenüber, als daß man an ein nur leidliches Verhältnis mit denselben denken konnte. Mein Begehren wurde mir gewährt und ich zum 29. Infanterieregiment versetzt, das im Königreich Neapel stand. Die Marschroute dahin erhielt ich ausgefertigt, fand Gelegenheit, mich in Cette auf einer nach Civita-Vecchia bestimmten Kanonierschaluppe einzuschiffen und kam ohne Unfall nach sieben Tagen, immer längs den Küsten fahrend, glücklich in diesem Hafen an, von wo ich sogleich nach Rom abging. Nachdem ich Torlonia und Gertrude besucht, die auf einer nahen Villa wohnte, setzte ich mit einem Vetturino die Reise nach Neapel fort, wo ich gegen Ende September, denselben Tag, an welchem auch die neue Königin von Neapel, Murats Gattin und Napoleons Schwester, die schöne Karoline, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, ankam. Murat hatte Spanien schon früher verlassen, da ihn sein Schwager zum König von Neapel dekretiert, um ihn für das Nichtbesteigen des spanischen Thrones zu entschädigen. In den ersten Tagen des September hatte er mit ungeheurem Pomp, unter dem Zulauf des staunenden Volks Besitz von seiner Hauptstadt genommen.
Das Regiment, dem ich jetzt angehörte, lag zum Teil in Neapel, zum Teil in Cosenza und der Umgegend und war eines von denen, welche die meiste Erbitterung gegen die Neapolitaner und besonders gegen die Kalabresen hegten, denn man hatte vor einiger Zeit eine Voltigeurkompagnie desselben auf das hinterlistigste gemordet. Dieselbe hatte durch den Silawald marschieren müssen, um sich von Catanzaro nach Cosenza zu begeben, sich aber auf dem Marsch verirrt und kam in die Nähe eines Dorfes, Gli Parenti genannt, das ein Hauptschlupfwinkel der Briganten und namentlich derer, die zu der Bande des Francatrippa gehörten, war. Die Einwohner, die im besten Einverständnis mit den Räubern standen, steckten ihnen sogleich das Verirren dieser Truppen und beschlossen, denselben eine Falle zu legen, in welcher sich der die Kompagnie kommandierende Kapitän auch nur zu leicht fangen ließ. Als sich die Truppen dem Dorf näherten, kam ihnen Francatrippa, der sich nicht getraute, im offenen Kampf sich mit dem Feind einzulassen, entgegen, gab sich für den Kommandanten der Guardia Civica oder Nationalgarde aus und lud den Kapitän, seine Offiziere und sämtliche Mannschaften ein, einige Erfrischungen in dem Ort zu nehmen. Ohne alles Mißtrauen wurde das Anerbieten dankbar angenommen, und die Offiziere ließen sich, durch die anscheinende Gastfreundlichkeit der Kalabresen verführt, unvorsichtig in ein ansehnliches Haus nötigen, um die vorgestellten Speisen einzunehmen. Der Kapitän ließ seine Leute die Gewehre in Pyramiden vor das Haus stellen, und man brachte nun den Soldaten reichlich Wein, Brot und Käse, sie freundschaftlichst ermunternd, zuzusprechen. Als es sich nun alle recht sorglos wohlschmecken ließen und die gastfreien Bewohner des Ortes rühmten, da fällt plötzlich ein Schuß aus einem Fenster, und in demselben Augenblick werden auch die drei Offiziere in dem Zimmer, in dem sie sich befinden, ermordet; zu gleicher Zeit wird aus allen Fenstern und Türen der umliegenden Häuser auf die entwaffneten Truppen geschossen, und es regnet eine solche Masse von trefflich gezielten Kugeln, daß die meisten Soldaten tödlich getroffen niederstürzen, noch ehe sie nur Zeit gehabt, zu ihren Gewehren zu greifen. Alle bis auf sieben wurden niedergemacht; diese entkamen glücklich nach Cosenza, wo sie Bericht über die Greueltat abstatteten. – Die Sorglosigkeit des Kapitäns in einem so feindlich gesinnten Land, das von Insurgenten wimmelte, war unverzeihlich; mir wäre dies wenigstens nicht passiert, denn ich hätte jedenfalls Vorsichtsmaßregeln genommen, die eine solche Überrumpelung unmöglich gemacht hätten. – Sobald diese Tat in Cosenza bekannt war, wurden sogleich vierhundert Mann nach Gli-Parenti abgeschickt, mit dem Befehl, das Dorf niederzubrennen und alle Einwohner über die Klinge springen zu lassen; aber man fand auch keine lebende Seele in dem Ort, die Einwohner hatten sich vor Annäherung der Truppen in die unzugänglichsten Wildnisse geflüchtet; ihre Wohnungen wurden in Asche gelegt. Wären die sieben Soldaten nicht entkommen, so wäre diese Kompagnie spurlos verschwunden, ohne daß man je erfahren, was aus ihr geworden.
Mir war bei dem Regiment das Kommando der Karabinierkompagnie des zweiten Bataillons geworden, deren Kapitän vor kurzem an den in Kalabrien erhaltenen Wunden gestorben war, bald darauf wurde ich aber zum ersten Bataillon versetzt, weil auch die Musik des Regiments wieder unter meinen Befehl gestellt wurde. Von dem Regiment Y., bei dem ich früher stand, war das erste Bataillon nebst dem Stab noch immer in Castellamare, das zweite aber, bei dem Herr von Gasqui, Caguenec und so weiter standen, nach Tarent abmarschiert und daselbst eingeschifft worden, um nach der Insel Korfu gebracht zu werden, wo es auch mit Armes et bagages und seinen Frauen glücklich ankam. Auch ich sollte später die Insel kennen lernen. – Helene Cramer war noch mit ihren Eltern in Castellamare, aber die Braut eines neapolitanischen Bataillonschefs. Das Liebhabertheater in Giesù nuovo war durch das Abgehen der Madame Gasqui, die nach Korfu, der hübschen Oberstin, die nach Paris gereist, und anderer gesprengt, auch hätte es durch die Veränderung des Regenten und des Hofes für den Augenblick das frühere Interesse nicht mehr gehabt.
Murat beschäftigte sich in der ersten Zeit seiner Regierung fast ausschließlich mit den inneren Angelegenheiten seines Königreichs. Unter dem Namen Joachim I. hatte er den Thron von Neapel bestiegen. Als die Nachricht von seiner Ernennung zum König dieses Reichs bekannt wurde, erfüllte dies die Gemüter der Bewohner mit Furcht und Schrecken, denn es ging ihm von Spanien, besonders wegen den Vorfällen zu Madrid vom 2. und 3. Mai, ein entsetzlicher Ruf voraus, so daß man sich ein blutdürstiges Ungeheuer unter ihm vorstellte, was er nicht war. Übrigens war man mit Josephs Regierung, den man spottweise Don Pepe nannte, so allgemein unzufrieden gewesen, daß man sich damit tröstete, daß es nicht leicht schlimmer werden könne. Napoleons älterer Bruder hatte sich nur seinem Hang zum Vergnügen hingegeben, ließ in seinem Namen die Minister und andere schalten und walten und unseren Herrgott einen guten Mann sein. Daß man sich den Freuden der Liebe hingibt und in den Armen schöner und liebenswürdiger Frauen den Hochgenuß des Lebens sucht, dies zu tadeln wäre ich wohl der letzte, denn ohne dies wäre das Leben doch gar zu schal, aber nie darf diese Leidenschaft in eine solche Schwäche ausarten, daß man darüber seine höheren Pflichten vernachlässigt, selbst zum Weibe wird oder sich gar von Mätressen beherrschen läßt. Dies ist eines Mannes und besonders eines Regenten unwürdig, jämmerlich klein und zeugt von schwachem Verstand und Charakterlosigkeit. – Sind die Schäferstunden vorüber, muß der Mann wieder ganz Mann und Herr über das Weib sein, von dem er dann nur um so mehr geliebt, geachtet und vergöttert wird. Dies spreche ich aus vielfacher Erfahrung – freilich war ich nie ein schmachtender Seladon, Siegwart oder Werther. –
Ein Dutzend Damen und deren Anhang, diejenigen Personen ausgenommen, die unter Josephs Deckmantel rauben und sich bereichern durften, wurde dessen Abgang aus Neapel von niemand, weder vom Zivil noch vom Militär bedauert. – Auf die törichtste Weise hatte er, gleich seinem Bruder Hieronymus in Kassel, die Staatsgelder vergeudet, während das Heer ein ganzes Jahr im Rückstand mit seinem Sold war. Murat dagegen war wenigstens von den Franzosen, die ihn als einen tapferen General schätzten, geachtet und geliebt, und gerne verziehen sie ihm seine Liebe zu Prunk und auffallender Kleidung. – Die ersten Handlungen seines Regierungsantritts waren geeignet, ihm auch die Herzen der Neapolitaner zuzuwenden. Er zeigte sich überaus leutselig und liebenswürdig, auf den Rat Salicettis, der zugleich Kriegs- und Polizeiminister war, hob er die sehr verhaßten Militärgerichte, die die Leute so schnell in die andere Welt expedierten, auf, allen Deserteurs wurde ein Generalpardon verkündet, wodurch mancher Neapolitaner seiner Familie wiedergegeben ward, und es wurden Maßregeln ergriffen, den verwirrten und höchst traurigen Zustand der Finanzen zu verbessern. Einigen hundert Individuen, die bloß als verdächtig oder gefährlich in die Kerker geworfen worden waren, gab er die Freiheit wieder und rief Verbannte zurück. Dies machte, daß, als die liebenswürdige Karoline, Napoleons Schwester, ihren Einzug in die Hauptstadt hielt, sie von den Neapolitanern mit großen Freudensbezeigungen empfangen wurde. Murat zeigte sich täglich dem Volk, und selbst seine phantastische Pracht und Kleidung schien diesem zu gefallen.
Der neue König glaubte nun auch seinen Regierungsantritt mit einer glänzenden Waffentat bezeichnen zu müssen und wählte dazu die am Eingang des Golfs von Neapel liegende Insel Capri, welche die Engländer schon seit drei Jahren im Besitz und so befestigt hatten, daß sie sie Klein-Malta nannten. – Diese Insel ist ringsum von sehr hohen und steilen Felsen umgeben und hat nur einen einzigen Zugang. Zwischen zwei großen Felsen liegt ein sehr fruchtbares, malerisch schönes Tal, welches vortrefflichen Wein liefert und ein sehr gesunder Aufenthalt ist. Augustus ließ dieses zu einem Erholungsort für sich einrichten, und Tiberius brachte hier die letzten Jahre seines lasterhaften Lebens zu; noch zeigt man die Ruinen seines Palastes. Capri, das ungefähr fünftausend Einwohner zählt, ist gewissermaßen der Schlüssel Neapels zur Seeseite, und so lange es in feindlichen Händen ist, ist die Einfahrt in den Hafen unsicher und gefährlich. – Die Insel diente schon seit dem Einmarsch der Franzosen allen Unzufriedenen, Übeltätern, Unruhestiftern zum Zufluchtsort, von wo aus sie neue Komplotte unter englischem Schutz schmiedeten und ausführten. – Hudson Lowe war Kommandant derselben. –
Es war den 3. Oktober (1808) gegen Abend, als man die Karabiniers und Voltigeurs der Garnison von Neapel in den verschiedenen Forts unter das Gewehr treten ließ, wobei auch meine Kompagnie war. Nach sieben Uhr marschierten wir an den Hafen, wo sämtliche zu dieser Expedition bestimmte Truppen sich versammelten. Hier fanden wir etwa fünfzig kleine Transportschiffe vor, deren Vorderteile mit Brustwehren von zwei Schuh dicken Matratzen versehen waren und zwölf bis zwanzig Ruderer hatten. Wir schifften uns ein, und eine Fregatte, ein paar Korvetten und eine ziemliche Zahl Kanonierschaluppen, auf denen ebenfalls ein Teil der Truppen sich befand, machten die Bedeckung aus. Der Divisionsgeneral Lamarque kommandierte die Expedition, und unter ihm die Brigadegeneräle Prinz Pignatelli, Montferras und Detrées; wir mochten etwa zweitausend Mann in allem stark sein.
Murat, der bei dem Einschiffen zugegen war, sah mich scharf an, als ich mit meiner Kompagnie ein Boot besteigen wollte, und sagte: „Kapitän, mich däucht, ich habe Sie schon irgendwo gesehen?“
„Sire, es sind noch nicht fünf Monate, daß ich die Ehre hatte, von Eurer Majestät in der Straße zu Madrid angeredet zu werden; ich war damals verwundet.“
„Ah ja, ich entsinne mich, Sie waren der Offizier, der einem Insurgenten das Leben rettete.“
Er fragte mich nun, wie ich nach Neapel gekommen, was ich ihm in wenigen Worten mitteilte, worauf er mir sagte: „Wohlan, Sie haben hier eine treffliche Gelegenheit, sich auszuzeichnen.“
„Sire, was an mir liegt, wird geschehen.“ –
Es war neun Uhr vorüber, als wir so geräuschlos wie möglich abfuhren; in Capri konnte man keine Ahnung von dieser Expedition haben. Auf der See stießen noch sechshundert Mann, die von Salerno kamen, zu uns, bei denen die als treffliche Schützen bekannten korsischen Jäger waren. Die Überfahrt ging schnell und glücklich vonstatten, gegen drei Uhr nach Mitternacht waren sämtliche Schiffe unter den Felsen und Batterien der Insel angekommen; der Angriff sollte auf der südöstlichen Seite stattfinden, gerade wo er wegen der steilen Ufer am gefährlichsten war, aber deshalb auch vom Feinde am wenigsten erwartet wurde. Die Landung mußte mit Sturmleitern, von denen mehrere aneinander gebunden wurden, weil sie nicht hoch genug waren, unter dem fortwährenden Feuern einer Batterie bewerkstelligt werden, auch waren schnell einige Kompagnien Engländer und Sizilianer auf den Felsenhöhen, die wir erklimmen mußten, versammelt und stießen die zuerst Ankommenden wieder hinab, so daß sie an den Klippen zerschmetterten und dann in die Boote oder in die See fielen. Der Bataillonschef Livron, später General in Diensten des Vizekönigs von Ägypten, war der erste, der festen Fuß faßte. Jetzt wurden Leitern von allen Seiten angestellt, die zum Teil auf dem Rand der Schiffe ruhten und mithin einem immerwährenden Schwanken unterworfen waren. Die Karabiniers von der Garde, mehrere andere Kompagnien Grenadiere und Voltigeurs, wobei auch die meinige nebst den korsischen Jägern, stürmten jetzt unter dem Pas de Charge der Trommeln und Hörner und dem Kugel- und Steinregen der Feinde. Einige Leitern brachen oder stürzten um und mit ihnen die Mannschaft, die sich auf denselben befand, wobei die meisten ertranken oder an den Klippen zerschmetterten; ein solches Schicksal hatte die Leiter, die der, auf welcher ich mich befand, zunächst stand, doch fielen die meisten in eine Kanonierschaluppe und kamen mit leichteren oder schwereren Verletzungen davon. Ich war ungefähr der sechste Mann auf unserer Leiter und der dritte, der die Höhe erreichte. Mit dem linken Arm hielt ich mich an den Sprossen fest, meinen Säbel hatte ich zwischen den Zähnen, und mit dem rechten parierte ich die von oben herabstürzenden Soldaten, da ich bemerkt hatte, daß, sobald einer fiel, er gewöhnlich auch zwei bis drei andere mit sich herabriß. Als ich eben auf die Krone des Felsens springen wollte, legte ein englischer Soldat auf mich an, ich ergriff jedoch hastig das Bajonett, das ich mir dabei ziemlich tief in den Daumen stieß, aber ich hatte so die Richtung des Gewehrs, das auf meine Brust zielte, verrückt, und der Schuß ging mir unter dem rechten Arm durch, ohne mich zu verwunden. Nun packte ich aber das Gewehr, welches der Soldat nicht losließ, fest, schwang mich mit dessen Hilfe auf den Felsen, auf dem ich Fuß faßte, der nach mir folgende Karabinier schoß meinen Gegner nieder, und ich machte mir nun mit meinem Säbel Platz und Luft. Jetzt kamen immer mehr der Unsrigen oben an, und bald war der Feind in die Flucht gejagt; wir hatten sehr viel Leute verloren. Kaum hatten wir uns gesammelt, so wurde Befehl erteilt, auf Anacapri loszurücken, dessen Anhöhen wir ebenfalls unter dem hartnäckigsten Widerstand und dem unausgesetzten feindlichen Musketen- und Kartätschenfeuer ersteigen mußten. Aber auch diese die ganze Insel beherrschende Anhöhe wurde endlich gestürmt, und die Engländer zogen sich in die befestigten Posten Sankt Michel, Sankt Constanz und die anderen Forts zurück, um daselbst Sukkurs abzuwarten, der ihnen von der See kommen sollte. Jetzt aber wurden alle anderen Teile der Insel, durch die der Feind hätte Hilfe erhalten können, besetzt, bei welcher Gelegenheit wir in dunkler Nacht eine in Felsen gehauene, aus mehr denn sechshundert schmalen Stufen bestehende Treppe Mann für Mann, ebenfalls unter fürchterlichem Kartätschenfeuer und Werfen von Leuchtkugeln hinabsteigen mußten. Noch nicht lange hatten wir diesen Posten und die anderen Teile der Insel eingenommen, als der feindliche, sehr bedeutende Sukkurs, aus vier Fregatten, einigen Briggs, Bombardiergallioten, Kanonierschaluppen, Kuttern und so weiter bestehend, sich zeigte. Bald wurde die ganze Insel von diesen Schiffen umringt. Murat, der vom Vorgebirge Campanella aus, in geringer Entfernung Capri gerade gegenüber, nebst vielen tausend Zuschauern alles beobachtet hatte, gab sogleich den Befehl, daß alle noch im Hafen von Neapel sich befindlichen Kriegsfahrzeuge und Kanonierschaluppen unter Segel gehen und den Feind angreifen sollten. – Da ein außerordentlich starker Landwind wehte, so mußten die großen englischen Schiffe bald die hohe See suchen, und die kleineren ergriffen die Flucht, als sie die Flottille von Neapel kommen sahen, der sie nicht gewachsen waren. Einige zwanzig Transportschiffe brachten uns im Angesicht des Feindes zu rechter Zeit frischen Proviant. – Unterdessen hatten wir auf der Insel selbst die Breschbatterien zustande gebracht, und den 16. Oktober kapitulierte der englische Kommandant Hudson Lowe. – Wer hätte wohl damals vermutet, daß sieben Jahre später Napoleon dessen Gefangener auf der Insel Sankt Helena sein würde? – Einen Narren würde man den genannt haben, der so etwas nur im Traum hätte sehen wollen.
Die Kapitulation enthielt die Bedingung, daß die Garnison zwar nach England gehen, aber weder gegen Napoleon noch gegen dessen Alliierte bis zum Frieden dienen dürfe. Höchst wichtig war die Eroberung Capris für Neapel, sowohl wegen der Ruhe des Staates, als für den Handel. Die Insel war bis jetzt eine lästige Fliege auf unserer Nase gewesen. –
Murat bedachte bei dieser Gelegenheit den heiligen Januarius sehr reichlich und verehrte ihm unter anderen Kostbarkeiten einen brillantenen Heiligenschein.
Nach unserer Rückkehr wurden vorerst einige dreißig Kreuze des Ordens beider Sizilien an diejenigen Offiziere und Soldaten verteilt, welche sich am meisten ausgezeichnet hatten, wobei auch mir eines zuteil ward, worüber ich eine große Freude hatte. Damals hielt ich solche Spielereien noch für was Rechtes! – Die Dekoration bestand aus einem goldenen Stern von fünf Spitzen mit rubinrotem Email, über welchem ein goldener Adler an einem himmelblauen Bändchen hing. Auf der Vorderseite war das Wappen mit der Inschrift: Renovata patria, auf der anderen Seite: Joseph Siciliarum rex instituit. Er brachte jährlich fünfzig Ducati ein. Der Eid, den man als Ritter desselben ablegen mußte, besagte, daß man sein Leben der Verteidigung des Staates und der Krone weihe. – Nach Murats Sturz wurde auch dieser Orden wieder aufgehoben.
Einige Tage nach unserer Rückkehr von Capri sollte die Hochzeit Helenens mit ihrem neapolitanischen Bräutigam, dem Bataillonschef Ritucci, gefeiert werden. Ich besuchte Cramers zu Castellamare und fand Helene eben nicht sehr erfreut darüber. – Das Mädchen hatte keine Neigung zu dem Mann, der schon ein Vierziger war und auch durchaus nichts besaß, was ein junges hübsches Mädchen zu fesseln vermag; die Mutter, die das Mädchen gerne à tout prix unter die Haube bringen wollte, hatte diese Heirat betrieben, und als die Tochter äußerte, daß sie keine Neigung zu dem Mann habe, erwiderte sie ihr: „Dumme Gans, wenn er dir nicht gefällt und du bist einmal verheiratet, so hast du ja die Wahl unter Dutzenden.“ Echte Grundsätze verheirateter Militärfrauen. – Auch ich suchte das hübsche Mädchen bestens zu trösten, ihr Mut einsprechend; wir erinnerten uns mit Vergnügen an die Partie nach Pestum und gaben uns dem süßen Andenken an dieselbe hin. – Schon als Knabe hatte ich Helene in Offenbach gekannt und fast täglich gesehen, da ihre Eltern der Pension des Hofrats Scherer gegenüber wohnten und sie oft herüber kam, ihre jungen Freundinnen zu besuchen. Ich stand nun auf dem vertrautesten Fuß mit der schönen Braut, mit der ich mich manche Stunde auf das angenehmste unter vier Augen unterhielt, da die Mutter die Gefälligkeit hatte, uns öfter allein zu lassen und der Bräutigam nur wöchentlich ein- oder zweimal von Neapel kam. – Der Hochzeitstag war bereits festgesetzt, und ich hatte von dem lieben Mädchen das Versprechen erhalten, daß sie mich an diesem Tag ganz glücklich machen wolle und ich das droit du seigneur haben solle, wenn es irgend möglich zu machen sei, aber auch nicht früher, denn kein Mensch könne für noch nicht geschehene Dinge einstehen. Das Wohlwollen der Mama hatte ich mir durch das Versprechen eines schönen Hochzeitsgeschenkes erworben. Am bestimmten Tage fand ich mich schon vor Sonnenaufgang, während der Bräutigam noch fest in Neapel schlief, ein. Die Braut empfing mich, wie wir verabredet hatten, in dem an ihrer Wohnung sich befindenden Gärtchen, in einem reizenden schneeweißen Morgenanzug. Hier brachten wir eine Stunde zu, welche ihr den reinsten Vorgeschmack von dem, was ihrer in der Hochzeitsnacht bevorstand, geben mußte. Wir schwammen diese Stunde im seligsten Entzücken, worauf sie wieder so unbemerkt, als sie es verlassen, in ihr Kämmerchen schlüpfte. – Ich hatte es nicht gemacht wie jener Gimpel in Lafontaines Fabel; wahr ist’s, daß die Braut auch noch nicht in ihrem Hochzeitsschmuck prangte, aber auch dies würde mich nicht abgehalten haben. Die Trauung, zu der ich als Zeuge geladen war, ging mit aller Formalität um die Mittagsstunde vor sich und nach derselben das Hochzeitsmahl, nach welchem das junge Ehepaar gegen Abend nach Neapel fuhr, wohin ich es nebst noch einigen anderen Offizieren reitend eskortierte. Ich war mit Helene übereingekommem daß wir uns öfters bei ihren Eltern in Castellamare sehen würden, wo sie dieselben bisweilen besuchen wollte, und nahm Urlaub, so oft ich sie daselbst wußte und es der Dienst zuließ. Hier hatten wir dann die beste Gelegenheit, uns so recht con amore der beseligendsten Liebe und ihren Wonnegenüssen in der Einsamkeit dortiger Villen hinzugeben.
Castellamare ist eine kleine Seestadt, die eine reizende Lage und die herrlichsten Umgebungen hat; sie ist zugleich auch ein Kurort mit mehreren Mineralquellen und zählt an zehntausend Einwohner. Die königliche Villa ist so schön, daß die Einwohner sagen: „Qui si sana per forza.“ Herrliche Kastanienalleen führen durch dieselbe und romantische einsame Fußpfade in die nahen Gehölze, die wir heimsuchten. Der Ort und seine Umgegend ist so reizend, daß Murat, als er ihn zum erstenmal sah, ausrief: „Et tout cela m’appartiendra!“ – Der Wein, der hier wächst, hat einen sehr lieblichen Geschmack. Ein altes in Trümmern liegendes Kastell, das noch aus den Zeiten der Normänner herrührt, erhöht das Pittoreske der Umgegend nicht wenig. Oft machte ich den Weg hierher zu Wasser, man legt ihn dann in einer gutrudernden Barke in weniger als drei Stunden, ja wohl in zwei zurück; fährt man mit mehreren Personen, so bezahlt man nur eine Carlini. Der Weg zu Lande ist weit länger und umständlicher, auch benützte ich ihn selten.
Wir befanden uns beide recht wohl bei unserem Einverständnis und waren noch im Taumel der Flitterwochen der Liebe, als uns das Verhängnis, das auch kein noch so inniges Verhältnis berücksichtigt, plötzlich trennte. Das Bataillon, bei dem ich stand, erhielt unerwartet Marschorder nach Cosenza. Ich nahm in Neapel Abschied von Helene und ihrem Mann. Erstere konnte kaum ihre Betrübnis und der andere kaum seine Freude deshalb verbergen; denn obgleich weit entfernt zu ahnen, wie ich mit seiner Frau stand, war ihm deren Bekanntschaft mit mir doch nicht sehr angenehm, und es schien, als fürchtete er, was schon nicht mehr zu fürchten war.
Wir traten den mir schon bekannten Weg nach Kalabrien an und kamen ohne allen Unfall und bei noch ziemlich günstigem Wetter nach Cosenza.
Noch immer war der Brigantenkrieg mit all seinen Abscheulichkeiten in vollem Gang, und es war besonders darauf abgesehen, die Bewohner des Kantons Longo-Bucco, die in fast unzugänglichen Waldgebirgen hausten und Abgaben zu zahlen sich weigerten, den Steuererheber getötet und sich empört hatten, zu züchtigen, nachdem alle Versuche, sie in Güte zur Räson zu bringen, gescheitert waren. Unser Bataillon marschierte in aller Stille nach dem aufrührerischen Kanton ab, während ein anderes sich zu gleicher Zeit von Rosano aus dahin begab. Mit Hilfe sicherer und reichlich bezahlter Führer gelangten die Truppen durch große Umwege durch nur von Herden Hirschen und Rehen bewohnte Wildnisse und Wälder ziemlich unbemerkt in die Gegend, in der die widerspenstigen Dörfer lagen. Als aber endlich einem derselben unsere Annäherung bekannt ward, wurde dort sogleich die Sturmglocke gezogen, um den Alarm in der Umgegend zu verbreiten und Briganten und Bauern herbeizuläuten. Das Läuten wiederholte sich nun von Dorf zu Dorf, und schnell fand sich eine große Menge bewaffneter Insurgenten auf den höchsten Gipfeln des Waldgebirges versammelt. Unsere Kolonnen rückten nun Tambour battant im Sturmschritt und mit gefälltem Bajonett, lautem Hallo und en avant gegen die Briganten, die aber nicht für gut fanden, den Angriff abzuwarten, sondern die Flucht ergriffen. – Mit dem sinkenden Tag kamen wir bei dem Städtchen Longo-Bucco an, das in einem tiefen und schauerlichen Waldtal an dem zwischen gigantischen Felsenmassen dahinbrausenden Trionto liegt und der eigentliche Feuerherd der Insurgenten war. Der Ort, der etwa vier- bis fünftausend Einwohner zählt, hat eine Lage, die sich vortrefflich zu einer Raub- und Mordhöhle qualifiziert und ist von Felsenmassen und waldigen wildverwachsenen Anhöhen umgeben. Die Bewohner desselben sind meistens Kohlenbrenner, Nagelschmiede und dergleichen, die durch ihr rußiges Aussehen ohnehin schon Höllenbewohnern gleichen. Wir fanden für gut, nicht in diesen Ort hinabzusteigen, sondern schlugen auf den Höhen rings um denselben ein Biwak auf und zündeten während der Nacht ein paar hundert Wachtfeuer an. Dieses versetzte die Einwohner in große Angst, sie fürchteten, uns jeden Augenblick herabsteigen und ihre Stadt mit Feuer und Schwert vertilgen zu sehen. Wir hörten fortwährend ein Schreien, Tumultieren in des Tales Tiefen; die Leute suchten ihr Hab und Gut und ihre Person in Sicherheit zu bringen. Erst mit Tagesanbruch wurden zwei Kompagnien hinabgesendet, sie fanden aber den Ort bis auf wenige Greise, ein paar alte Weiber und einen Pfarrer gänzlich verlassen. Letzterer bat fußfällig um Gnade und Schonung, die ihm unter der Bedingung versprochen wurde, daß die Bewohner zurückkehren und ihre sämtlichen Waffen ausliefern, im entgegengesetzten Fall wir aber mit der gänzlichen Zerstörung der Stadt beginnen und fortfahren würden, bis kein Stein mehr auf dem andern wäre. Der Pfarrer beteuerte, sein Möglichstes tun zu wollen, unserem Begehren zu entsprechen; in der Tat kamen auch bald darauf viele Einwohner zurück und legten ihre Waffen nieder; die Rädelsführer aber hatten sich mit anderen Haufen tiefer in das Waldgebirge zurückgezogen, wollten von keiner Unterwerfung etwas wissen und hatten ein auf einem der steilsten Felsengipfel gelegenes, noch obendrein mit einer ziemlich hohen Mauer umgebenes Dorf besetzt, in dem sie anzugreifen wir nun Anstalt machten. Ein halbes Bataillon stark, bei dem auch meine Kompagnie, setzten wir uns gegen Abend in der Richtung von Bocchigliero in Marsch; nachdem wir den größten Teil des Wegs zurückgelegt und die Nacht völlig hereingebrochen war, machten wir mit einem Male eine Wendung und marschierten in aller Stille auf das Dorf zu, in dem sich die Insurgenten befanden, die glücklicherweise keine Kunde von unserer Annäherung erhalten hatten. Mit Tagesanbruch standen wir ganz unerwartet vor ihnen und forderten sie auf, sich zu ergeben, die Aufforderung wurde aber mit Gewehrschüssen beantwortet. – Der Ort schien uns anfänglich unangreifbar, denn er hing gleich einem Adlernest an dem Abhang der Felsenmasse; nach näherer Untersuchung entdeckte ich aber, daß er von der anderen Seite, wo er sich am Felsen anlehnte, zugänglicher war. Die Voltigeurs erkletterten nun diesen Felsen, und so gelang es ihnen bald, vorzudringen; als wir dieses inne waren, wurde sogleich ein Sturm angeordnet, und trotz des heftigen Gegenfeuers, das die Insurgenten von der Mauer herab unterhielten, wobei viele der Unsrigen stürzten, drangen wir bis an das Tor, das wir einschlugen, und sofort in das Dorf vor, wo alles niedergemacht wurde, was uns in den Weg kam. Beinahe alle männlichen Bewohner und Insurgenten verloren das Leben, der Ort wurde den Flammen übergeben und in demselben gehaust, wie es in durch Sturm eroberten Orten zu gehen pflegt und die Kriegsgesetze gestatten. Aber auch mehr als ein Soldat wurde während der Umarmung eines Mädchens oder einer Frau von deren Vater, Bruder oder Gatten noch niedergestochen, ja wohl gar von seinem Opfer selbst erdolcht. Viele Weiber hatten sich nebst Kindern und einigen Greisen in die Kirche geflüchtet, wo es den Offizieren nur mit Mühe gelang, sie vor der Wut der Soldaten zu schützen. Die Gassen des Orts lagen voll Leichen, mehrere der Insurgenten, die hier über dreihundert Mann verloren, hatten sich den Felsen hinab in die grauenvollsten Abgründe gestürzt, in denen ihre Körper zerschmettert wurden, einige der Anführer waren aber mit einem Teil ihrer Leute entkommen und hatten sich nach Bocchigliero geflüchtet, wo sie Schrecken und Bestürzung verbreiteten, da sich die Einwohner dieses ziemlich bedeutenden Fleckens nicht schuldlos wußten. Um das sie bedrohende Unwetter abzuwenden, sandten sie den anrückenden Truppen eine Deputation entgegen, die um Gnade und Barmherzigkeit flehte. Wir behielten diese, welche aus den angesehensten Einwohnern des Orts bestand, als Geiseln zurück und forderten vor allem die Auslieferung der Waffen und der Rädelsführer. Erstere lagen, ehe eine Stunde verging, in einem großen Haufen, aus Gewehren, Karabinern, Säbeln, Pistolen, Dolchen und so weiter bestehend, vor uns, die anderen aber waren schon wieder weiter entflohen. Die Steuern wurden nun nebst einer starken Brandschatzung erhoben, und bis dies geschehen, blieben in all den Ortschaften starke Militärabteilungen liegen. Wir marschierten jetzt nach Cosenza zurück, wo sich schon wieder ein Befehl des Kriegsministers vorfand, der unser erstes Bataillon nach Neapel zurückbeorderte. Daselbst angekommen, ward mir eine Überraschung zuteil, die mir zu jener Zeit viel Freude machte: Oberst Billiard übergab mir nämlich, als ich mich bei ihm meldete, das Kreuz der Ehrenlegion, das für mehrere der sich bei der Einnahme von Capri hervorragend beteiligten Militärs von Paris angekommen war.
Mein erster Besuch in Neapel war bei Helene, wo ich es so gut traf, daß sich ihr Mann gerade im Dienst abwesend, zu Gaëta befand. In ihrer Begleitung besuchte ich ihre Eltern in Castellamare, wohin wir eine angenehme Wasserfahrt machten, obgleich das Meer etwas stürmisch war und wir tüchtig geschaukelt wurden. – Ritucci kam erst nach zehn Tagen zurück, die wir gut zu benützen wußten. – Ich wurde gleich darauf mit achtzig Mann in das nahe Städtchen Nola detachiert, wo sich die Einwohner gleichfalls weigerten, die ihnen auferlegte Kriegssteuer zu bezahlen, und ich so lange weilen sollte, bis dies geschehen. Jeder Mann sollte, so lange dieser Aufenthalt währte, zwei, die Sergeanten vier Carlini, der Offizier, der noch bei mir war, zwei und ich vier Ducati täglich erhalten, außerdem mußten die Soldaten bei den widerspenstigen Einwohnern einquartiert werden.
Nola ist ein kleines, ungefähr fünf Stunden von Neapel entferntes, am Fuß einer bis zum Vesuv reichenden Hügelreihe liegendes Städtchen, das an siebentausend Einwohner zählen mag, schon in der hetrurischen und römischen Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle spielte und von den Hetruskern achthundert Jahre vor Christi Geburt gegründet wurde. Hannibal belagerte sie, als eine bedeutende Stadt, im zweiten punischen Kriege, wurde aber zweimal von Marcellus vor ihren Mauern geschlagen. Augustus starb daselbst im fünfzehnten Jahre nach unserer Zeitrechnung. – Hier wurden auch die Glocken erfunden.
Ich kam gegen Abend zu Nola an. Die Leute wurden einquartiert, ich ließ eine Wache von einem Korporal und sechs Mann aufziehen und begab mich, nachdem ich alles gehörig angeordnet hatte, in das mir in einem entlegenen Teil der Stadt und ziemlich weit von der Wache angewiesene Quartier, einem kleinen Häuschen, das nur eine dürftig möblierte Parterrewohnung hatte und in dem ich mich ganz allein mit meinem Burschen befand. Nachdem ich etwas zu Nacht gegessen, setzte ich mich in eine Ecke auf einen hölzernen Stuhl und las in Dantes ‚Comedia divina‘, die ich mitgebracht hatte, während mein Bursche noch in demselben Zimmer mit der Reinigung einiger Effekten beschäftigt war. Es mochte ungefähr fünf Uhr in der Nacht (etwas nach zehn) sein, als plötzlich ein Schuß fiel, der ganz in der Nähe losgegangen sein mußte. Mein Bursche sprang schnell auf, riß Fenster und Laden auf und schrie: „Qu’est ce que cela veut dire?“ Aber in demselben Augenblick fielen noch drei bis vier Schüsse, beinahe zu gleicher Zeit, deren Kugeln durch das geöffnete Fenster in die Stubenwände drangen, ohne daß weder Louis noch ich verwundet wurden. Ich hatte aber durch das Blitzen des Feuers ziemlich deutlich bemerken können, daß sie aus dem Fenster eines gegenüberliegenden Hauses gekommen waren. Der Bursche schlug nun krachend Laden und Fenster zu, und ich sprang nach meinen Pistolen und meinem auf dem Tische liegenden Säbel und beschloß, wenn es, wie ich befürchtete, auf eine allgemeine Metzelei des Detachements abgesehen wäre, mein Leben teuer zu verkaufen. Ich dachte an das Schicksal des Kapitäns zu Gli Parenti und seiner Leute, hatte aber in einer so nahe bei Neapel liegenden, sonst ziemlich friedlichen Stadt so etwas am wenigsten vermutet. – Mich vor das Haus bei dunkler Nacht ohne die mindeste Lokalkenntnis zu wagen, war nicht rätlich, denn ich konnte, die Tür verlassend, niedergemetzelt werden, ohne im mindesten dem Detachement nützlich zu sein. Ich setzte mich unter diesen Umständen mit dem Rücken gegen den Pfeiler, der die beiden Fenster meiner Stube trennte, und legte meine scharf geladenen Pistolen und den blanken Säbel auf den vor mir stehenden Tisch, während Louis sich mit seinem geladenen Gewehr in die Ecke setzte, die der Tür und den Fenstern gegenüber sich befand, damit er bei etwaigem Einbrechen gleich losschießen könne; die Haustür verbarrikadierten wir außerdem mit Stühlen und was wir vorfanden. So brachten wir wachend die ganze Nacht bis zum Grauen des Tages zu, ohne daß sich weiter das mindeste regte. Die Nacht schien uns gar kein Ende nehmen zu wollen. Glücklicherweise hatte Louis sich mit ein paar Pokalen Wein versehen, den wir allmählich tranken; bei jedem Zug, den wir taten, schien uns unsere Lage minder gefährlich, und als der letzte Tropfen geleert war, schien das erste Tageslicht durch die Fenster. Ich öffnete das eine, sah mich auf dem Platz vor dem Haus um und erblickte keine Seele. Jetzt verließ ich meine Wohnung und suchte die von derselben sehr entfernt liegende Wache auf, die ich im besten Zustand antraf und deren Kommandant mir rapportierte, daß sie zwar in ziemlicher Entfernung hätten mehrere Schüsse fallen hören, worauf sie aber, da nachher alles wieder ruhig und still geblieben, nicht weiter geachtet hätten. Ich ließ nun einen Tambour holen und sogleich Generalmarsch schlagen. Eine halbe Stunde darauf war das ganze Detachement mit Sack und Pack versammelt, auch nicht ein Mann fehlte bei dem Appell, zu meiner großen Beruhigung, denn ich hatte mich des Gedankens, daß es auf eine kleine sizilianische Vesper abgesehen gewesen, die ganze Nacht nicht erwehren können; es war aber, wie es schien, nur auf mich, als den Kommandanten der zur Exekution bestimmten Truppen, und also auf eine dumme, zu nichts führende Rache abgesehen. – Ich machte meinen Bericht, requirierte einen Wagen und sandte einen Sergeanten mit demselben an die Kommandantur nach Neapel ab, ließ sodann den Sindico holen, dem ich das Vorgefallene mitteilte, sowie daß ich einstweilen, bis ich neue Verhaltungsbefehle aus der Hauptstadt habe, mit meinen Leuten das Rathaus in Besitz nehme, was ich auch sofort vollzog. Der Mann zog die Achseln, mit einem „Non so niente,“ und als ich ihm das Haus bezeichnete, aus dem, wie ich glaubte, die Schüsse gefallen seien, meinte er: „Impossibile, son bravissimi gente.“ – Noch denselben Tag kam ein Offizier mit sechzig Mann Verstärkung von Neapel an und brachte mir eine Instruktion, nach welcher ich so ziemlich carte blanche hatte und die auferlegten Tagegelder für die Offiziere und Truppen nun verdoppelt wurden, mir auch an die Hand gegeben wurde, daß es mir frei stehe, bei den Zivilbehörden fünfzig bis hundert Mann mehr anzugeben, als ich wirklich habe. Ich ließ nun den alten gräflichen Palazzo sogleich zu einer Kaserne einrichten, requirierte Betten und Gerät für die Mannschaft und zeigte dem Sindico an, daß jeden Tag, so lange wir hier seien, für zweihundert Mann Brot, Fleisch, Wein, Gemüse und so weiter durch einen Fournisseur zu liefern seien, sowie die durch das Generalkommando bestimmten Tagegelder. Ich hatte nur einhundertvierzig Mann und ließ mir die Lebensmittel für die nicht vorhandenen sechzig vom Fournisseur bar zu einen Franken per Mann bezahlen; ich hätte hundert mehr rechnen dürfen, so daß ich mit dem Geld nun eine bare Einnahme von mehr als zweihundert Franken täglich hatte, von denen ich jedoch die Hälfte meinen beiden Offizieren überließ. – Die Täter, welche geschossen hatten, waren nicht zu ermitteln, mit völliger Bestimmtheit konnte ich auch das Haus nicht angeben, denn es war Nacht gewesen, und ich konnte mich irren. Die von der Stadt zu zahlende Kontribution wurde jetzt verdoppelt. Aber nicht bloß mit guten Lebensmitteln mußte uns der Fournisseur versehen, sondern auch mit anderen Dingen, und namentlich hübsche Landmädchen mußte er den Offizieren zuführen, was er auch zu unserer vollkommensten Zufriedenheit besorgte, damit uns die Langeweile nicht plagte. Mich hatte er mit einem recht artigen Bürgermädchen, das sich Chiaretta nannte, versehen, die während unseres Aufenthalts Wohnung und Tisch mit mir teilte. –
Nach vierzehn Tagen hatte die Stadt den größten Teil der Kontribution und auferlegten Strafgelder entrichtet und brachte es dahin, daß sie die ungebetenen und teuren Gäste los ward. Wir beschenkten bei unserem Abmarsch reichlich unsere bisherigen Gesellschafterinnen und entließen sie in Gnaden; sie fanden uns weit liebenswürdiger als ihre neapolitanischen Galans und wären gerne mit uns gegangen. Ich brachte für meinen Teil über tausend Ducati von dem Kontributionsgelde mit nach Neapel, wo wir kurz vor Weihnachten eintrafen. Ich machte nun in fast allen Kirchen die Runde, um die Vorbereitungen zu diesem hier sehr hehren Fest zu sehen, wo man in jedem Tempel die Geburt Christi auf verschiedene Weise darstellt; die meiste Zeit hielt ich mich aber in der großen Karmeliterkirche auf, um die Schönen Neapels auf der Treppe zu dem wunderbaren Kruzifix mit den immer wiederwachsenden Haaren vor mir defilieren zu lassen. In der Nachmittagsstunde des ersten Feiertags kamen zwei reizende Gestalten in der schwarzseidenen Nationaltracht, ich möchte fast sagen auf den Stufen herangeschwebt, denn nie sah ich niedlichere Füßchen mit Zephirtritten über die Erde gleiten, die zu dem Wunderbild führten. Ich hatte mich oben in einiger Entfernung von dem Kruzifix postiert, von welchem mir ein ehrbarer Priester versichert hatte, daß die Stadt einmal – der Mann wußte selbst nicht recht, wann, vielleicht schon vor Christi Geburt[7] – von den Türken beschossen worden wäre, wobei eine Kanonenkugel gerade auf das Haupt des Kruzifixes gefallen sei, welches aber dieselbe dem Feinde auf der Stelle zurücksandte und ihm mit dieser einzigen Kugel über fünftausend Mann tötete, wodurch er zum Rückzug und eiliger Flucht genötigt und die Stadt befreit ward. (Von diesem wichtigen Ereignis weiß aber kein Geschichtschreiber etwas.) Seitdem wachsen diesem Kruzifix die vier Schuh langen Haare alljährlich wieder. Auf meine freilich etwas naseweise Frage, warum denn der Heiland, wenn er doch einmal Wunder tun wolle, es nicht vor jedermanns Augen tue und die Haare sogleich wieder wachsen lasse, antwortete mir der Pfaffe mit schlauem Gesicht: „Chi puo approfondare le raggione di Dio.“ Und damit war ich, wie sich’s gebührt, abgefertigt. Bei dieser Ausstellung wurde dem Volk mit vielsagender Bedeutsamkeit verkündet, daß das Kruzifix unfehlbar recht bald wieder ein neues Wunder vollbringen würde. Die Erbitterung des Volkes war trotz Murats Reformen und dank den sizilianischen Umtrieben auf das höchste gestiegen, auch war man in den letzten sechs Monaten nicht weniger als einem halben Dutzend mehr oder minder ausgedehnten Verschwörungen auf die Spur gekommen.
Meine beiden ätherischen Schönen waren indessen herangekommen, und das Gesicht der einen entsprach ganz ihrem graziösen Wuchs; es war eine Beltà rarissima, auch die andere war so übel nicht. Ich ließ die beiden Signorinnen nicht mehr aus den Augen. Als sie ihr Gebet verrichtet und ihr Opfer gebracht hatten, eilte ich ihnen voran die Stufen hinab, um ihnen das Weihwasser zu reichen, das sie freundlichst von mir annahmen. Ich folgte beiden durch viele Kreuz- und Querstraßen; sie hatten es bemerkt, und an einem nicht sehr ansehnlichen Haus in der Vorstadt, die nach Capua zu liegt, angekommen, sahen sie sich noch einmal um und verschwanden in der Haustür. Ich ging nun noch einigemal vor demselben auf und nieder, bemerkte bald die Schönen hinter einem Fenster und machte den kommenden Tag Fensterparade zu Pferde, Kapriolen und Lançaden vor deren Wohnung und wurde ebenfalls bemerkt. Bald hatte ich durch eine alte dienstfertige Ruffiana, der ich einen Piaster spendete, herausgebracht, daß die beiden Damen zwei Schwägerinnen seien und die eine die Gattin eines nobile caduto, der ein kleines Amt bekleide und Carfori heiße, die andere aber die schöne Isaura Carabelli sei, deren Mann, als der Regierung verdächtig, sich schon seit einiger Zeit geflüchtet und sich wahrscheinlich in Sizilien aufhalte. Mit Hilfe der Alten erhielt ich schnell Zutritt bei den Damen, denen ich anfangs beiden den Hof machte, ohne mich bestimmter für die eine oder die andere zu erklären, aber damit endete, mich an die schöne Isaura zu halten, ohne jedoch ihre geistreichere Schwägerin ganz aufzugeben, deren Gatte gegen meine Bekanntschaft nichts einwendete, da er glaubte, meine Besuche gelten einzig der anderen Dame. Ich führte sie nun auf die Promenade, in die Theater, wir klimperten des Abends Gitarre zusammen, sangen Canzonetti, und der herannahende Karneval versprach der Vergnügungen gar mancherlei, doch vernachlässigte ich auch Helene nicht und besuchte sie von Zeit zu Zeit. – Murat begann nun auch seinen Hof zu organisieren und zog die ersten Schönheiten des Adels an denselben, der bald äußerst glänzend wurde und an dem die neue Königin Karoline wohl nebst der Herzogin von Atri und der Marchesa Cravagante die ersten Schönheitssterne waren.
Ich führte, den noch immer beschwerlichen Dienst abgerechnet, ein ziemlich angenehmes Schlaraffenleben, besuchte mit meinen Schönen die prächtigen Festini der großen Theater und traf bei dieser Gelegenheit auch einmal auf meine hübsche Apothekersfrau, was ein maskiertes Rendezvous zwischen uns veranlaßte, dem noch mehrere folgten. Ich war zu dieser Zeit wieder in dem Torrione del Carmine kaserniert, wo auch vier Kompagnien vom ersten Bataillon des Regiments Y... lagen. Vor wenigen Tagen war ein Neapolitaner von einer angesehenen Familie, die ihr Familienbegräbnis in der kleinen Kapelle in dem Hof der Karmeliterburg hatte, daselbst begraben worden, und wie es hier Sitte, war der mit einigen Kleinodien geschmückte Leichnam eine kurze Zeit im offenen Sarg zur Schau ausgestellt worden. Einige Tage darauf verbreitete sich das Gerücht unter den Soldaten im Fort, es spuke in der Kapelle und man höre gegen Mitternacht ein Getöse, welches einem entfernten Klopfen auf Steine gleiche. Niemand achtete anfänglich darauf, man hielt die Sache für ein gewöhnliches Soldatenmärchen, bis sich ein paar Offiziere durch die wiederholte Beteuerung der Schildwachen von der Wahrheit dieses Getöses überzeugten; so auch ich, der über die Sache gelacht hatte. Wir berichteten dem Kommandanten des Forts darüber, dem zugleich rapportiert worden war, daß der Kirchendiener eines Morgens einen großen Grabstein aus seinen Fugen gehoben und mehrere Fensterscheiben eingeschlagen gefunden habe. Man hielt die Sache vorerst möglichst geheim, und in der kommenden Nacht begab sich der Kommandant mit mehreren Offizieren in die Kapelle. Wir vernahmen, das Ohr gegen den Boden haltend, bald ein entferntes dumpfes Getöse und glaubten sogar ein verworrenes Gemurmel von Männerstimmen zu hören. Erst geraume Zeit nach Mitternacht wurde es wieder stille. Der Kommandant ließ nun ohne Ausnahme sämtliche Truppen in dem Fort konsignieren.
Nach der Wachtparade wurden Sappeurs beordert, das Gewölbe in der Kapelle zu öffnen, worauf der Kommandant mit mehreren Offizieren und mit Laternen tragenden Unteroffizieren hinabstieg. Ein widriger Moder- und Leichengeruch kam uns entgegen, und beim weiteren Vordringen erlöschten bald die Lichter in den Laternen, so daß wir zum Rückzug genötigt waren. Es wurden nun Kohlenpfannen, Weinessig und Pechfackeln herbeigeholt, mit Essigdampf gehörig geräuchert, und wir stiegen dann zum zweitenmal unter hellem Fackelschein in die Gruft hinab, aber dennoch nasse Tücher vor den Mund haltend, um uns gegen den noch immer starken pestartigen Geruch zu verwahren. Unten angekommen, schritten wir über verweste Körper und Haufen von Menschenknochen. Die Fackeln voran, sahen wir nur ein durch Mauern beschränktes, nicht sehr großes Gewölbe; schon machten wir Anstalt, uns wieder zu entfernen, als einer der Sappeurs hinter einem dicken Mauerpfeiler eine über zwei Schuh breite Öffnung entdeckte, die erst ganz frisch in die Mauer gebrochen zu sein schien. Dicht an dieser Öffnung fanden wir ein kleines Fäßchen, das wir bei näherer Untersuchung zu unserem großen Erstaunen mit Pulver gefüllt fanden. Jetzt traten wir einer nach dem anderen durch die Öffnung und befanden uns in einem sehr geräumigen, von vielen Pfeilern gestützten Souterrain, das sich in allen Richtungen hin unter dem Karmeliterfort ausdehnte, und fast bei jedem Pfeiler stand ein solches Fäßchen. Nachdem wir uns in diesem Gewölbe umgesehen, entdeckten wir abermals eine größere bogenförmige Durchbrechung in der Mauer, die in der Richtung des Karmeliterklosters lag, und durch diese gehend, befanden wir uns in den Grüften und Gewölben der großen Klosterkirche, wo wir sehr viele Leichen verstorbener Mönche fanden. Daß hier ein gräßliches Vorhaben ausgeführt werden sollte, war klar. Der Kommandant stellte sogleich in diesem unterirdischen Labyrinth Wachen aus, mit dem Befehl, sobald sich jemand sehen ließe, ihn festzuhalten. Da, wo wir eine Treppe und an deren Höhe eine eiserne Falltür wahrnahmen, die ohne Zweifel von dem Kloster aus in diese Gruft führte, wurden rechts und links zwanzig Mann mit scharfgeladenen Gewehren postiert. Ein Offizier erhielt die Aufsicht über das Ganze. Wir kehrten nun zur Oberwelt zurück, auf den Ausgang dieser mysteriösen Sache höchst begierig. Der Kommandant meldete die gemachte Entdeckung sogleich höheren Orts, es wurde augenblicklich ein Ministerkonzil zusammenberufen, in dem man übereinkam, die Eingänge des Karmeliterklosters und der Kirche durch verkleidete französische Militärs und ergebene Polizeiagenten gehörig bewachen zu lassen, ohne vorerst Lärm zu machen, und noch eine halbe Kompagnie in die Souterrains zu beordern, welche der kommandierende General nebst dem Kriegs- und Polizeiminister selbst ganz insgeheim untersuchten; sie ließen die Pulverfässer sogleich wegschaffen. Gegen Abend wurden alle Posten in der Stadt verdoppelt und die Truppen in den Kasernen zum Ausrücken bereit gehalten. Man hoffte einige der Rädelsführer oder doch in das Geheimnis eingeweihte Individuen, die, wie es schien, ihre Arbeiten nur in der Nacht verrichteten, in den Gewölben zu fangen, um so der Sache auf die rechte Spur zu kommen und die nötigen Vorkehrungen treffen zu können. Hätte man sogleich mit der Besitznahme des Klosters und der Verhaftnehmung der Mönche begonnen, so hätten leicht die Hauptanführer der Verschwörung, deren Verzweigung man nicht kannte, entwischen oder gar einen allgemeinen Aufstand veranlassen können, was man um jeden Preis verhüten mußte.
Es mochte etwa eine Stunde vor Mitternacht sein, als die an der Treppe postierte Mannschaft die äußeren Riegel der Falltür zurückschieben und den Schlüssel in einem Schlosse umdrehen hörte. Sogleich wurden die Blendlaternen, welche die Wachtmannschaften bei sich hatten, geschlossen, und die Leute versteckten sich unter den Bogen der gewölbten Treppe und hinter den Pfeilern. Jetzt drehte sich knarrend die eiserne Pforte in ihren Angeln, und mehrere Mönche, denen eine Anzahl Arbeiter folgte, mit ein paar verkleideten Männern an der Spitze, stiegen vorsichtig die Treppe herab. Sobald der letzte unten war, traten die hinter der Treppe versteckten Grenadiere sowie die übrigen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und umzingelten den ganzen Haufen. Man kann sich die Bestürzung und das Erschrecken der Verschworenen denken, von denen sich sogleich einer einen Dolch in die Brust stieß und tot niederfiel; die übrigen wurden festgehalten und gebunden in die Kasernengefängnisse gebracht. Unter ihnen befand sich ein Duca und ein Marchese. Das Kloster wurde nun auch mit Wachen umgeben, niemand weder hinein- noch herausgelassen und mehrere verdächtige Personen, die sich am anderen Morgen in dasselbe begeben wollten, sofort verhaftet. Alle Gefangenen wurden den kommenden Tag nach der Vicaria unter starker Bedeckung in verschlossenen Wagen abgeführt. Viele Personen, die in dieser sehr ausgedehnten Verschwörung verwickelt waren, flüchteten, als sie dieselbe durch die Maßregeln, die man bei den Karmelitern genommen, für entdeckt hielten.
In der kommenden Nacht, wenn ich nicht irre vom 30. auf den 31. Januar, wurde plötzlich Generalmarsch geschlagen, alles eilte zu den Waffen, und ganz Neapel kam in gewaltigen Alarm, alle Einwohner zeigten sich an den Fenstern und auf den Terrassen, durch alle Straßen ritten Kavallerieabteilungen, und reitende Artillerie kreuzte jagend nach allen Richtungen; es war ein Lärm, als sollte das jüngste Gericht beginnen. Eine ungeheuer donnernde, die halbe Stadt erschütternde Explosion hatte die Veranlassung gegeben, der Palazzo des Kriegsministers Salicetti war in die Luft gesprengt worden, des Ministers hochschwangere Tochter wurde samt ihrem Gatten nebst dem Minister selbst wie durch ein Wunder unversehrt unter den Trümmern hervorgezogen, während fast alle anderen Hausgenossen durch die Steinmassen erschlagen worden waren. Die Hälfte des Zimmers, in dem des Ministers Tochter schlief, war mit deren Bett stehen geblieben. Bald hatte man herausgebracht, daß der Sohn des Apothekers Viscardi, Onoffrio, dessen Haus an das des Kriegsministers Salicetti grenzte, dasselbe in die Luft gesprengt, der von Palermo eine eigens zu diesem Zweck verfertigte Maschine mitgebracht. Alle Viscardi wurden bis auf einen, der Mittel gefunden hatte, sich nach Sizilien zu flüchten, eingezogen und hingerichtet. Der Minister selbst starb noch in demselben Jahre an Gift.
Höchst sonderbar war es aber, daß das Ministerium die Untersuchung gegen die in den Souterrains des Karmeliterklosters Gefangenen, von denen man nie erfuhr, was aus ihnen geworden, sehr geheim betrieb und bald ganz niederschlug. Ein Gerücht war damals im Umlauf, welches besagte, die Salicetti hätten selbst um die beabsichtigte Sprengung des Torrione del Carmine gewußt, wären aber von den Verschworenen nur als Werkzeuge gebraucht worden, damit diese um so sicherer ihre Pläne hätten durchsetzen können, und würden dennoch beim Ausbruch den Minister, der wegen seiner Gewaltstreiche und Erpressungen allgemein verhaßt war, mit seinen Anhängern in die Luft gesprengt haben. Nun bleibt mir noch mitzuteilen übrig, durch welche sonderbaren Umstände man zuerst auf die Spur der beabsichtigten Sprengung des Forts gekommen war.
In einer Kompagnie des Regiments Y..., die im Carmine lag, befanden sich zwei Ungarn, die dem Versenken der obenerwähnten Leiche in der kleinen Kirche mit beigewohnt und bemerkt hatten, daß der Verstorbene mehrere Ringe von Wert und ein mit Steinen besetztes Kreuz mit in die Gruft nahm. Nach ihrer Meinung waren diese Dinge den Lebenden weit nützlicher als den Toten, sie beschlossen demnach, sich dieselben zuzueignen, und ließen sich deshalb eines Abends, in der Kapelle hinter einem Beichtstuhl versteckt, von dem halbblinden Kirchendiener einschließen. Als alles ganz ruhig war, begannen sie gegen Mitternacht einen Gruftstein, durch den man die Leiche hinabgesenkt, mit eisernen Stangen, die sie mitgebracht, zu lüften, bald aber vernahmen sie das unterirdische Getöse, und in dem Glauben, die Toten stünden auf, ihre Kostbarkeiten zu verteidigen, ließen sie schnell den Stein wieder fallen und machten sich durch die Kirchenfenster, von denen sie einige Scheiben eingedrückt, davon. Durch sie wurde zuerst das Gerücht von dem unterirdischen Spuk in der Kaserne verbreitet, und man erfuhr durch sorgfältige Nachforschungen dessen Ursprung. Für diesmal sah man den beiden Soldaten in bezug auf das vorgehabte und nicht vollführte Verbrechen, wegen der daraus entstandenen Rettung der ganzen Garnison und vielleicht des Königreichs selbst, durch die Finger.
Trotzdem Murat sehr den Pomp, Feste und Vergnügungen liebte, versäumte er doch nichts, was nach seiner Meinung dazu beitragen konnte, die Regierung seines Reiches zu befestigen und sich beliebt zu machen. Er führte den Code Napoléon ein, was nicht sehr politisch war, da dieses Gesetzbuch nicht wie das Zeug zu einem Kleid einem jeden Individuum, jedem Volk angepaßt werden kann und große Mängel bei manchem Guten hat, am allerwenigsten aber für Neapel oder Spanien paßte, Nationen, die noch so weit in der Kultur zurück waren. Er suchte auch das Unterrichtswesen zu verbessern, errichtete eine Nationalbank, tat manches für Kunst und Wissenschaften, ohne selbst viel davon zu verstehen, gab der Nationalgarde eine neue Organisation und so weiter. Die Küsten ließ er jetzt fast ausschließlich durch französische Truppen, von denen noch etwa zwanzigtausend Mann in seinem Reich lagen, besetzen. Die neapolitanischen Truppen, die er in einem erbärmlichen Zustand antraf, suchte er bestmöglichst zu disziplinieren, er vermehrte seine Garde mit zwei Regimentern und ließ viele französische Offiziere mit erhöhten Graden in neapolitanische Dienste übertreten, um einen besseren Geist in das eingeborene Militär zu bringen und dasselbe an bessere Ordnung zu gewöhnen. Ich verspürte indessen keine Lust, mich dazu zu melden, da das neapolitanische Militär zu wenig geachtet war, auch galt diese Erhöhung, die selbst eine Zurücksetzung für die Neapolitaner war, nur Subalternoffizieren bis zum Grad eines Kapitäns, diese wurden aber nicht zu Stabsoffizieren im Fall eines Übertritts ernannt, sondern mit gleichem Grad bei der Garde angestellt. Der höhere Grad, sehr glänzende Uniformen verlockten manchen zum Übertritt. Gioachimo, wie ihn die Neapolitaner nannten, errichtete auch eine besondere Ehrengarde, welche aus den Söhnen der vornehmsten und reichsten Familien vom Adel, der Gutsbesitzer, Angestellten und Kaufleute formiert wurde. Alle Wochen hielt er mit viel Prunk und Ostentation Musterungen der verschiedenen Truppenkorps, wobei ihn ein sehr reich gekleideter Stab und großes Gefolge umgaben. Aber die Franzosen in Neapel, die sich sehr viel von seinem Regierungsantritt versprochen hatten, waren keineswegs mit ihm zufrieden und fanden sich in ihren freilich sehr sanguinischen und nicht wohl zu erfüllenden Hoffnungen getäuscht.
Murat ließ jetzt eine Zählung der Bevölkerung seines Reiches vornehmen, und es fanden sich ungefähr fünf Millionen Seelen. Regnier, den er zum Kriegs- und Marineminister ernannte, führte eine Konskription ein, durch welche von tausend Einwohnern zwei militärdienstpflichtig waren. Es wurden neue Regimenter errichtet und die Fahnenweihe derselben mit großer Feierlichkeit in der Villa Reale vorgenommen. Zu diesem Zweck war ein Thron daselbst unter freiem Himmel aufgeschlagen worden, von welchem der König die Zeremonien mit ansah; der Erzbischof weihte die Fahnen. Die ganze Garnison, über zwanzigtausend Mann, stand bei dieser Gelegenheit unter den Waffen; unter dem Donner der von allen Forts abgefeuerten Kanonen wurde ein Tedeum gesungen, worauf die Truppen vor dem zufrieden lächelnden Herrscher defilierten. Hierauf setzten sich die aus französischen und neapolitanischen Regimentern erwählten Abgeordneten und Legionisten an eine mit dreitausend Gedecken belegte Tafel, an der sie bei diesem Fest gespeist wurden, nieder, wo man sie, während dreihundert kriegerische Instrumente spielten, trefflich auf Kosten der Munizipalität bewirtete. Das Ganze konnte einen Begriff von einer altrömischen Volksspeisung geben. Die Gäste ließen unter Sang und Klang und dem Akkompagnement von Artilleriesalven Napoleon und Murat und ihre splendiden Wirte hochleben. An tausend Legionisten traten noch denselben Tag in wirkliche Kriegsdienste.
Murat hatte außer der öffentlichen Huldigung, die er dem heiligen Januarius besonders wegen Capri dargebracht, auch noch die hohen Diener des Heiligen und die Prälaten der Schatzkapelle, welche schwere goldene Medaillen erhielten, bedacht. Sogar nach Loretto hatte der fromme Monarch einen goldenen, mit Brillanten und Rubinen besetzten Pokal der Madonna verehrt, nachdem derselbe vorher dem Volk von Neapel zur Schau ausgestellt worden war, damit es erkennen möge, welch gut katholischen Christen es zum gnädigen Herrscher habe! Dies war nicht schlecht kalkuliert.
Noch eine andere Gelegenheit benützte Gioachimo I., seine geliebten Untertanen durch Festivitäten zu erfreuen. Als nämlich die Brücke beendigt war, welche die Hauptstraße des Landes, die ein tiefes Tal zerschnitt, vereinigte, ließ er sie Napoleonsbrücke taufen und mit großer Pracht und viel Zeremonien einweihen, auch stattete er an seinem Geburtstag (25. März) hundert heiratslustige und -fähige Ragazze (junge Mädchen) aus, die er sodann auf großen vierspännigen Wagen, auf denen Napoleons mit Lorbeeren gekrönte Büste war, im Hochzeitsschmuck und mit Musik durch die Hauptstraßen Neapels unter dem großen Jubel des Volks fahren ließ. Bald darauf zog er aber viele der reichsten Klöster ein, verbot das fernere Begraben der Toten in den Kirchen der Stadt, bestimmte vermittelst eines Dekrets den öffentlichen Begräbnisplatz an der Grotte von Puzzuoli, wodurch er sich Pfaffen, Mönche und viele Fromme unter dem Volk, das jenen weit mehr anhing, als er glaubte, zu heimlichen Feinden machte.
Auf der anderen Seite machte er auch das französische Militär mißmutig, indem er Reklamationen und Klagen gegen dasselbe oft mit fast parteiischer Vorliebe anhörte, um sich, wie er vermeinte, dadurch um so beliebter bei den Einheimischen zu machen. Die ihn umgebenden Neapolitaner, seiner Eigenliebe schmeichelnd, machten ihn glauben, daß die Aufregung in den Provinzen hauptsächlich daher rühre, weil man französische Militärkommandanten in dieselben gesetzt, die mit großer Willkür und sehr despotisch handelten, was zum Teil auch an dem war. Er nahm nun denselben diese Kommandos ab und besetzte sie mit Einheimischen, sowie auch andere Stellen; dies brachte die Franzosen auf, welche jetzt ihren Dienst oft vernachlässigten, was Ursache war, daß die Insurgenten bald ihr Haupt neuerdings und drohender erhoben. Hierzu kam noch, daß das Desertieren der Unteroffiziere und Soldaten französischer Regimenter, um bei den neugebildeten neapolitanischen Truppen angestellt zu werden, von oben begünstigt wurde, so daß in kurzem mehr als viertausend Mann, über dreihundert von unserem Regiment, die französischen Adler verließen, um die weit schönere neapolitanische Uniform anzuziehen. Alle Beschwerden der Obersten deshalb blieben fruchtlos, und als Murat und seine Minister erfuhren, daß sich die Kolonels deshalb an den Kriegsminister nach Paris wandten, wurden sogar deren Depeschen auf der Post geöffnet und, wenn sie solche Beschwerden enthielten, zurückbehalten, weshalb die Obersten nun ihre Briefe auf Umwegen über die Grenze von Neapel auf römische Posten schickten. Napoleon selbst schien über dieses Treiben seines Schwagers sehr ungehalten zu werden, der aber jetzt, da er König war, auch die Idee hatte, als selbständiger Regent herrschen und sich der Obervormundschaft des Kaisers entziehen zu wollen. Gern hätte er alle französischen Truppen und Generäle aus dem Land geschickt, wenn er es hätte möglich machen können.
Ich hatte die Karnevalszeit diesmal recht froh und lustig in Neapel zugebracht und allerlei Intrigen angesponnen, die ich auch in der stillen Fastenzeit noch fortzusetzen für unterhaltend fand, als unser Bataillon plötzlich den Befehl erhielt, nach dem Kirchenstaat aufzubrechen, wohin wir den wohlbekannten Weg über Capua, Fondi, Terracina und so weiter bis Velettri zurücklegten.