Als wir in dem Kirchenstaat angekommen waren (gegen Ende April 1809), wurden viele Kompagnien in verschiedene Städte detachiert, wie nach Piperno, Porto d’Asturo, Ardea und so weiter, deren Hauptleute Platzkommandanten daselbst wurden. Ich erhielt mit der meinigen das Kommando zu Velettri, während der Rest des Bataillons nach Albano, Corneta und so weiter verlegt wurde. Daß hier wieder etwas Ungewöhnliches ausgeführt werden sollte, ging aus allen Anstalten, die gemacht wurden, hervor. Rom selbst war schon seit länger als einem Jahre durch den General Miollis besetzt worden, ungefähr zur Zeit, als wir in Spanien einrückten. Der Vorwand dazu war mit den Haaren herbeigezogen. Nämlich, weil Pius VII. nicht den Code Napoléon in seinen Staaten einführen, und England nicht förmlich den Krieg erklären wollte. Der Papst hatte auf diese Zumutungen erklärt, daß das französische Gesetzbuch Ehescheidungen gestatte, was gegen die Dogmen der katholischen Religion, und daß er ein Mann des Friedens sei, dem die Engländer nichts zuleide getan hätten. Ende Januar 1808 war eine starke Truppenabteilung jeder Waffengattung aus dem Toskanischen in Eilmärschen in den Kirchenstaat eingerückt, die in der Ebene von Baccano vierundzwanzig Stunden biwakiert hatte und um Mitternacht weiter aufbrach, den 2. Februar im Sturmschritt, die trabende Artillerie mit brennenden Lunten an der Spitze, in Rom einzog und mit gefälltem Bajonett auf Monte Cavallo stürmte, dort die Wachen besetzte, während Pius VII. in der Kapelle des Quirinalpalastes mit den Kardinälen Messe las. Die päpstlichen Truppen waren bei der Ankunft der Franzosen in aller Stille, nachdem sie sich hatten friedfertig ablösen lassen, abgezogen. Drei geschlossene Kolonnen waren in Rom eingerückt und hatten allmählich alle Posten in Besitz genommen, die ihnen, wie es schien, die Soldaten Seiner Heiligkeit nicht schnell genug übergeben konnten. Der Papst selbst, der sich als Märtyrer betrachtete, beschloß, alles auf das äußerste ankommen zu lassen, sich in sein Schicksal zu ergeben, aber doch nur der Gewalt weichen zu wollen. Er hatte zwar einen Aufruf an die modernen Römer im Stil und nach dem Muster der alten Weltbeherrscher erlassen, denselben gedruckt verteilen und an die Straßenecken anschlagen lassen, aber auf Befehl des französischen Gesandten mußte das Haupt der Sbirren denselben eigenhändig wieder abreißen, und von dem zitierten altrömischen Geiste hatte sich keine Spur vorgefunden. Auch Wunder, die hier und da ein Madonnenbild verrichtete, das Blut geschwitzt oder Tränen vergossen haben sollte, wie die Pfaffen versicherten, halfen nichts, und die Römer lachten wohl selbst darüber. Ein einziger Mönch war kühn genug gewesen, in einer Predigt eine Anspielung auf die Makkabäer zu machen, die alle ihre Feinde erschlugen, und dabei zu sagen: „Anche noi siamo in tempo de Maccabei!“ Wurde aber dafür sogleich in die von den Franzosen schon besetzte Engelsburg gesperrt. Die Römer trösteten sich damit, daß alles eine Schickung Gottes sei, der den Napoleon zu seiner Zuchtrute für die sündhafte Menschheit erwählt habe, und Pius selbst nannte es: die unerforschlichen Gerichte des Allmächtigen. Er hatte sich nun in seinen Palast eingeschlossen und seine täglichen Spazierfahrten eingestellt, auch die Erlaubnis zur Feier des bevorstehenden Karnevals verweigert, mit dem Bemerken, daß es jetzt nicht an der Zeit sei, an irdische Vergnügungen zu denken. Der Gouverneur, General Miollis, gab jedoch Bälle in dem Palast Doria, denen manche der vornehmsten Römer beiwohnten. Das Volk aber war mit der Unterlassung seines Hauptvergnügens nicht zufrieden, murrte, und ließ sich einstweilen die Gallinacci (gemästete Puter, die in Herden zu Tausenden um diese Zeit in die Stadt getrieben und von ihren Hütern mit langen Schilfrohren zusammengehalten werden), seine Favoritspeise, trefflich schmecken. Miollis erließ eine Order nach der anderen, Ruhe und polizeiliche Ordnung in der Stadt einzuführen. Niemand durfte sich mehr zur Nachtzeit ohne Laterne in den Straßen blicken lassen. Alle Kutschen mußten mit solchen versehen sein, was besonders die Eminenzen und die höhere Geistlichkeit vexierte, die jetzt ihre Mätressen nicht mehr unerkannt abholen konnten. Die Stadttore wurden von Mitternacht bis zum anbrechenden Tag geschlossen, und nachdem noch mehrere Messerstiche ausgeteilt und Mordtaten begangen waren, wurde bei Strafe des sofortigen Erschießens das Tragen jeder Art von Waffe, Dolche, Stilette oder auch nur Messer verboten. Alle bisherigen Freistätten für Mörder, wozu außer den Kirchen ganze Distrikte, wie das Quartier, wo das Inquisitionsgericht seinen Sitz hatte, der spanische Platz und so weiter gehörten, wurden für aufgehoben und als nicht mehr schützend erklärt. Nachdem mehrere Individuen, die trotz dem Verbot noch ein Messer bei sich getragen, in den nächsten vierundzwanzig Stunden kriegsrechtlich öffentlich erschossen worden waren, fand man für tausend Zechinen kein Messer mehr bei den Leuten und das Morden hörte auf. Früher erhielt man für einen halben Scudi die Erlaubnis, jede beliebige Waffe zu tragen, und fast jede Woche fiel ein Dutzend Mordtaten vor, nach denen sich die Täter in eine Kirche oder in ein sogenanntes Freiquartier flüchteten, wo sie so lange in Sicherheit waren, bis ihnen Verwandte oder gute Freunde durchhalfen oder hohe Protektoren Gnade auswirkten. Indessen hatte man doch bald eine Verschwörung entdeckt, an deren Spitze der Principe Altieri und der Duca Bracchi, beide Anführer der päpstlichen Nobelgarde, standen. Miollis ließ diese Garde sogleich entwaffnen, und kaum hatten die Rädelsführer noch Zeit gehabt, sich durch die Flucht der Verhaftung zu entziehen. Miollis erließ auch einen Befehl an die Kardinäle, Rom binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu verlassen, aber der Papst verbot ihnen, diesem Befehl zu gehorchen und befahl, nur der Gewalt nachzugeben, damit die Welt wisse, daß sie nur rohe Übermacht von dem päpstlichen Busen losgerissen habe. Dennoch mußten die Kardinäle fort. Die beiden Doria begaben sich nach Genua, in ihre Vaterstadt, und von Paris kam ein Befehl, daß sich alle Eminenzen in diejenigen Staaten zu begeben hätten, deren geborene Untertanen sie seien. Pius VII. rief nun auch seinen Gesandten zu Paris, den Kardinal Caprara, zurück, was Napoleon als eine Kriegserklärung auslegte, die ohnehin schon dadurch geschehen, weil sich Rom nicht, gleich den übrigen italienischen Staaten, gegen den allgemeinen Feind, England, habe verbünden wollen. Die Provinzen Urbino, Ancona, Macerato und Camerino wurden unwiderruflich auf ewige Zeiten (diese Ewigkeit währte fünf Jahre) durch ein Dekret dem Königreich Italien einverleibt. Auch wurde allen Kardinälen und römischen Beamten aus diesen Provinzen bei Strafe der Konfiskation ihres Vermögens geboten, sich in ihre Heimat zu verfügen, so daß dem Papst außer dem Gebiet der Stadt Rom wenig mehr blieb. Trotz all dem beschäftigte sich jetzt Pius noch mit der Heiligsprechung der Königin Klothilde von Frankreich. Was die Römer am meisten schmerzte, war das Ausbleiben der Fremden, besonders der Engländer, wodurch ihnen ein bedeutender Verdienst entging.
Napoleon hatte indessen beschlossen, der weltlichen Herrschaft des Papstes ein Ende zu machen und Rom selbst seinem großen Reich einzuverleiben. Daher die abermaligen Truppenmärsche im April und Mai 1809 in den Kirchenstaat. Ein großer Staatsstreich sollte ausgeführt werden, während er sich in dem von ihm eroberten Wien befand. Er dekretierte vier Tage vor der Schlacht von Aspern, den 17. Mai 1809, das Ende der päpstlichen Herrschaft, und daß, da sein großer Vorfahr, Karl der Große, den römischen Bischöfen verschiedene Distrikte nur als Lehen überlassen habe, er, um der päpstlichen Halsstarrigkeit den Hals zu brechen, dieselben wieder einziehe, den Kirchenstaat mit seinem Reich vereinige und Rom zu einer freien (?!) kaiserlichen Stadt erkläre und so weiter. Miollis nahm den 1. Juni feierlich Besitz von Rom, und die neu errichtete Consulta, deren Präsident er war, erließ eine Proklamation, die mit folgenden hochtrabenden Worten begann:
„Römer! Der Wille des größten der Helden (risum teneatis amici) vereinigt Euch mit dem größten der Reiche“ und so weiter. In derselben wurde auch gesagt, daß das Elend und die Ungesundheit der römischen Städte nun der Glückseligkeit Platz machen müsse, die ihnen zuteil würde, und daß Rom fortdauernd der Sitz des sichtbaren Oberhauptes der Kirche bleiben solle, wo dasselbe nun über alle irdischen Interessen und Betrachtungen erhaben, der Welt das Schauspiel der reinsten Religion im höchsten Glanz geben würde und so weiter.
Von dieser Proklamation wurden mir einige tausend Exemplare nach Velettri geschickt, um sie daselbst und in der Umgegend zu verbreiten, was ich pflichtschuldigst, damals ein ebenso verblendeter Narr wie die anderen, tat, und den Rest auf der Jagd in den Pontinischen Sümpfen verpuffte. Es wurden nun allenthalben die päpstlichen Wappen abgerissen und durch die napoleonischen Adler ersetzt, alle Urkunden im Namen des Kaisers ausgestellt und so weiter.
Ich hatte einstweilen in Velettri ein sehr friedliches und behagliches Leben geführt und außer einigen Intrigen mit ein paar hübschen Vilanellen, die hier wie in Albano ein sehr malerisches Kostüm haben, auch einem kleinen Renkontre mit einem Prälaten keine Fata von einiger Erheblichkeit gehabt. Die Einwohner, bei denen Caguenecs tolle Streiche noch in frischem Angedenken, waren mit mir zufrieden. Jener hatte sich unter anderem von seinen Soldaten, nachdem er mit denselben in der Stadt herumgezogen, um guten Wein zu requirieren, und sie betrunken gemacht, auf russische Weise auf dem Marktplatz der Stadt prellen lassen. Das heißt, die Russen in seiner Kompagnie wollten ihrem Kapitän eine Ehre in russischer Manier antun, legten ihn auf große wollene Decken und schleuderten ihn dann in die Luft, fingen ihn wieder auf, was sie ein halbes hundertmal wiederholten, dabei ein großes Feuer auf dem Platz anzündeten, so daß den Einwohnern angst und bange wurde. Dabei tanzten die Soldaten um die Flammen und schrieen aus vollem Halse: „Hurra unser braver Kapitän!“ Zuletzt hatte er gar eine Kontribution von mehreren tausend Scudi auf seine Faust ausgeschrieben, meinend, was Marschälle und Napoleon im Großen tun, dürfe er ihnen wohl im Kleinen nachmachen, nicht bedenkend, daß man große Diebe laufen läßt und die kleinen hängt. Ablösung, scharfer Festungsarrest, noch bevor die Kontribution erhoben war, gegen die man in Rom Beschwerde führte, waren die Folgen davon. Meine Affäre mit dem Prälaten, einem Bischof, war indessen nicht so ganz unbedeutend, und hätte leicht eine ähnliche Geschichte wie die in Albano werden können, wenn mich jetzt die Erfahrung nicht besonnener gemacht hätte. Dem Fournisseur, der die Lebensmittel für uns lieferte, einem jungen und rechtlichen Mann, eine Seltenheit bei einem Lieferanten, wollte der Prälat ein junges Mädchen, das von dem heiligen Mann so fruchtbar überschattet worden war, daß sich die Spuren davon auf das unwiderlegbarste zeigten und sie die beste Hoffnung hatte, einen kleinen Bischof zu bekommen, als eheliches Gespons aufhängen. Bianconi, so hieß der Fournisseur, anfänglich die wahren Umstände nicht kennend, war in die Falle gegangen, die man ihm schlau gelegt. Aber hinter den Zusammenhang der sauberen Geschichte kommend und einsehend, daß er einen bischöflichen Deckmantel abgeben sollte, zog er sich zurück, verweigerte dem Mädchen, das übrigens recht hübsch war, seine Hand, und wurde nun auf deren Anklage vorerst ins Gefängnis gesteckt, um ihn so zu zwingen, sich in Hymens Fesseln schmieden zu lassen. Ich erfuhr die Sache durch meinen Furier, ließ das Mädchen zu mir kommen und brachte bald durch Drohungen die Wahrheit und das Geständnis von ihr heraus, daß der hochwürdige Herr der Papa des zu hoffenden Kindes sei. Ich behielt das Mädchen in meiner Wohnung, begab mich zuerst in das Gefängnis, um auch den jungen Mann zu vernehmen, und von diesem zum Prälaten, der mich sehr artig empfing, mich fragte, in was er mir dienen könne, worauf ich mir die augenblickliche Freilassung des Gefangenen, ebenfalls sehr artig erbat. Der fromme Mann wollte mich anfangs gar nicht verstehen, sich auf nichts einlassen, beteuerte seine Unschuld, schrie über abscheuliche Verleumdung, bis ich ihm nun in sehr ernstem Tone andeutete, daß, da die Sache unseren Lieferanten betreffe, ich genötigt sein würde, sie an das Generalkommando nach Rom zu berichten. Jetzt spannte der hochwürdige Herr andere Saiten auf, versicherte mir, daß er ganz allein aus Achtung für meine Person den Mann freigeben und die Sache näher untersuchen wolle. Ich aber klopfte ihm vertraulich auf die Schulter, und sagte ihm mit lächelnder Miene: „Lassen wir unter uns alles Komödienspiel beiseite, wir sind ja beide Männer und arme Sünder, geben Sie der Dirne eine kleine Aussteuer, und sie wird dann schnell einen gutmütigen Deckmantel finden, wodurch aller Skandal verhütet wird.“ Der geistliche Herr endigte damit, meinen Rat vortrefflich zu finden, bat mich um Bewahrung des Geheimnisses und ein gutes Glas Wein mit ihm zu leeren. Ich gestand beides zu, und wir schieden als die besten Freunde. Mit dem Befehl zur Freilassung des armen Teufels in der Tasche ließ ich den Bianconi sogleich aus seinem Kerker holen.
Anfangs Juli bekam ich in aller Frühe Befehl, sogleich mit meiner Kompagnie nach Albano abzumarschieren, wo sich eine bedeutende Truppenmasse versammelte. Nachdem wir zwei Tage daselbst zugebracht, ohne zu erfahren, auf was es eigentlich abgesehen sei, erhielten alle hier und in der Umgegend liegenden Truppen den 5. Juli gegen Abend Order, sich marschfertig zu halten, und wurden vor dem nach Rom führenden Tor versammelt. Die leichte Infanterie bildete die Avantgarde, dann kam die Linie und Reiterei, und Artillerie machte den Beschluß. In dieser Ordnung marschierten wir nach Rom ab. Vor dem Tor San Giovanni angekommen, wurde Halt gemacht und scharf geladen. Es mochte ungefähr eine gute Stunde vor Mitternacht sein, als wir in der größten Stille in Rom einmarschierten. Selbst die Hufe der Pferde und die Räder der Kanonen hatte man mit Stroh umwickelt, daß sie keinen Lärm machten. So marschierten wir gegen Monte Cavallo, in den Straßen auf starke Patrouillen der französischen Garnison stoßend. Daselbst angekommen, wurde ein Teil der Infanterie und die Kavallerie in die zum Quirinal führenden Straßen verteilt, und die Kanonen, welche die entgegengesetzte Richtung vom päpstlichen Palast erhielten, mit brennenden Lunten zur Seite aufgepflanzt. Die Patrouillen bedeuteten den Einwohnern, die hier und da die Fenster öffneten oder sich an der Tür blicken ließen, sich sofort zurückzuziehen, widrigenfalls man Feuer auf sie geben würde. Es herrschte nun eine feierliche Stille, und wir waren alle in einer seltsamen Spannung, was wohl geschehen würde. Ich stand mit meiner Kompagnie noch auf dem Campo Vaccino, als mir eine Ordonnanz die Order überbrachte, mich mit zwanzig auserwählten Grenadieren sogleich zum General Miollis zu verfügen. Bei diesem, der sich zu Fuß mit mehreren Generalen und Chefs, unter denen auch der Gendarmeriegeneral Radet, am Piedestal der Kolosse auf dem Monte Cavallo befand, angekommen, nahm mich Radet, dem ich von meinem Oberst besonders empfohlen worden war, beiseite, und eröffnete mir, daß diese Anstalten getroffen seien, um im Fall sich der Papst weigern würde, die Entsagungsakte über alle weltliche Herrschaft, Macht und Ansprüche auf den Kirchenstaat zu unterzeichnen, seine Gefangennehmung zu bewerkstelligen, die in diesem Falle vom Kaiser dekretiert und auch von Murat befohlen sei. Er habe mich auf Empfehlung meines Obersten erwählt, tätigen Anteil an dieser Expedition zu nehmen, die er sogleich anführen werde und wozu er noch einige Offiziere und erlesene Mannschaft erwarte. Ich gestehe, daß mir diese Eröffnung nicht gerade die angenehmste war, da ich Pius VII. als einen würdigen und achtungswerten Mann und Souverän kennen gelernt und durch meine frühere Audienz ihn persönlich lieb gewonnen hatte. Aber hier befahl der Dienst und war keine Einwendung zu machen. Es währte nur noch wenige Minuten, bis die zu dieser Expedition erlesene Mannschaft beisammen war; etwa acht bis zehn Offiziere, hundertzwanzig Mann aus Elitekompagnien und ein halbes Dutzend Sappeurs. Radet führte das Kommando an. Wir mußten mit Leitern über die hohen Gartenmauern steigen, da der Papst schon früher die Eingänge des Palastes hatte vermauern lassen, und derselbe sozusagen zu einer kleinen Festung umgeschaffen war. Aber auch die inneren, in den Garten gehenden Türen mußten die Sappeurs erbrechen. Wir stießen zuerst auf die einige vierzig Mann starke Schweizergarde, die sich nicht zur Wehr setzte, sondern auf die an sie ergangene Aufforderung die Hellebarden streckte. Wir durcheilten mehrere Gänge und Säle, Radet erwischte einen Kammerdiener des heiligen Vaters, den er zwang, uns in die Gemächer des Papstes zu führen und uns das Zimmer zu öffnen, in welchem sich Pius VII. befand. Wir traten ein. Der wirklich ehrwürdige Oberpriester saß noch völlig angekleidet, die Stola umhabend, an einem Tisch und war mit Schreiben beschäftigt. Radet näherte sich ihm, redete ihn französisch an, das Pius geläufig sprach, und machte ihn mit seinem Auftrag bekannt, wobei er ihm die zu unterschreibenden Akte mit der Erklärung überreichte, daß er im Weigerungsfall strenge Order habe, Seine Heiligkeit gefangen abzuführen. Des Papstes Antwort war: „Mi taglierete piu tosto in mille pezzi!“ Da Radet sah, daß alles Zureden vergeblich war, ließ er die Sappeurs eintreten, ein auf die Straße gehendes Fenster einschlagen, hieß sodann den Papst und den Kardinal Pacca auf zwei Armstühle setzen, sie fest auf denselben anbinden und beide durch das Fenster auf die Straße hinablassen. Der General selbst aber eilte schnell auf dem Weg, den er gekommen war, mit uns hinab, empfing den Papst und den Kardinal unten und nötigte beide, sich in einen mit vier Pferden bespannten Wagen zu setzen, auf dessen Bock er stieg, und jagte so mit einer starken Reitereskorte umgeben, im gestreckten Galopp davon, durch die nächsten Straßen, zur Porta Salara hinaus, um die Stadtmauern herum bis an die Porta Popolo und von da auf der Straße nach Florenz weiter. Die Truppenabteilungen, welche zu der Garnison Roms gehörten, verfügten sich in ihre Quartiere, die aber von Neapel gekommen waren, marschierten gegen Morgen nach Albano zurück und erfuhren erst nach einigen Tagen, was eigentlich vorgegangen war. Roms Bewohner waren nicht wenig bestürzt, als sie am anderen Tag erfuhren, daß ihr Souverän abgereist sei. Aber es blieb alles ruhig, und man redete sich nur mit einem: „Il Papa è via!“ an. Es wurden einige Proklamationen erlassen, während Pius den Weg nach Frankreich gezwungen machen mußte. Noch denselben Morgen wurde ich zu dem General Miollis beordert, wo mir dieser mitteilte, daß auf Empfehlung meiner Oberen und Radets er mich dazu bestimmt habe, dem Kaiser die Depeschen, welche die Berichte über das Vorgefallene enthielten, nach Wien in der Eigenschaft eines Kuriers zu überbringen, eine Mission, die ich mit großer Freude annahm. Was den General noch mehr dazu bewogen hatte, mich mit diesem Auftrag zu beehren, war, daß ich der deutschen Sprache mächtig, worauf man besonders deshalb Gewicht legte, weil das Gerücht ging, daß die österreichischen deutschen Länder und namentlich Tirol in vollem Aufstand seien, und ich wohl im Falle der Not als reisender Privatmann noch ungehindert durchkommen könne, weshalb man mich auch mit dem Paß eines deutschen Barons, der von Rom nach Wien reise, versah. In einem ziemlich bequemen Wagen fuhr ich in wenigen Stunden nach der Abreise des Papstes mit unaufhaltsamer Eile, meistens vier Postpferde vorgespannt, über Florenz, Bologna, Rovigo, wo ich die Nachricht von dem zu Wien abgeschlossenen Waffenstillstand zuerst erfuhr, Padua, Mestre (Flecken ganz nahe bei Venedig, von wo man auf einer Barke dahin fährt), Treviso, Udina, Villach, Klagenfurt, Friesach, Judenburg, Leoben, Wiener-Neustadt, Gumpendorf und nach Wien, wo ich trotzdem, daß ich mir kaum ein paar Stunden zum Essen gegönnt, erst den siebenten Tag nach meiner Abreise von Rom, des Morgens um vier Uhr, eintraf. Im Flug hatte ich die ganze Strecke, wohl über zweihundert Meilen, zurückgelegt und den Wagen nur zur höchsten Notdurft verlassen, fast alle Mahlzeiten in demselben zu mir genommen, und da, wo die Wege schwierig waren, oft sechs Pferde vorspannen lassen. Ich hatte zwar die Reise in Zivilkleidern zurückgelegt, aber durchaus keine Unannehmlichkeiten gehabt, und war nirgends angehalten worden, wobei mir allerdings das Deutsche gut zu statten kam. So ermüdet ich auch war, so erlaubte ich mir doch keine Stunde Ruhe, sondern machte sogleich nach meiner Ankunft Toilette, rasierte mich, steckte mich in meine große Uniform, und eilte, mich bei dem General Andreossy, damals französischer Kommandant zu Wien, zu melden, dem ich den Zweck meiner Reise mitteilte und der mich sofort, von einem Adjutanten begleitet, nach Schönbrunn zur Übergabe meiner Depeschen absandte. Es war noch nicht acht Uhr, als wir daselbst ankamen und bei dem Kaiser gemeldet wurden. Nach einer kleinen Viertelstunde wurden wir vorgelassen, und als wir in das kaiserliche Gemach traten, stand Napoleon von seinem Arbeitstisch auf, auf dem mehrere Papiere und Karten lagen, tat ein paar Schritte vorwärts und redete mich mit den Worten an: „Vous m’apportez des nouvelles de Rome?“ – „Oui Sire.“ – Ich hatte die Depeschen in der Hand und wollte sie ihm überreichen, als er hastig selbst darnach griff, sie öffnete, und öfters, das Gesicht verfinsternd, las, während ich alle Zeit hatte, ihn genau zu beobachten. Endlich legte er sie wieder zusammen, warf sie auf den Tisch und befragte mich nach verschiedenen näheren Umständen und dem Hergang der Verhaftung. Ich mußte in die kleinsten Details eingehen, wurde mehrmals von ihm durch Fragen unterbrochen, wobei sich seine Stirne umwölkte, wenn ihm die Antwort nicht sehr angenehm schien. Namentlich erkundigte er sich angelegentlich, wie sich das Volk in Rom verhalten habe und wie dessen Stimmung sei. Ich gab ihm, soweit ich es imstande war, die gewünschte Auskunft, mit dem Bemerken, daß ich wenige Stunden nach der Begebenheit Rom verlassen habe. Nachdem ich dies alles abgemacht und der Kaiser sich herabgelassen hatte, sich nach meiner werten Person und nach meinen Dienstverhältnissen zu erkundigen, und nachdem ich ihm auch hierauf mit wenig Worten geantwortet hatte, fragte er mich noch, ob ich als Deutscher mit meinem Dienst zufrieden sei, was ich bejahte, und zugleich dachte: Jetzt stehst du vor der Schmiede, du mußt es benutzen. Mein innigster Wunsch war nämlich damals, zu der Garde Napoleons versetzt zu werden, und ich ließ ihn Sr. Majestät blicken, wurde aber sofort mit einem: „C’est bon, nous verrons“ allergnädigst entlassen.
Ich ging nun in dem Park von Schönbrunn spazieren, die Parade, die um zehn Uhr sein sollte, abwartend. Den Platz vor dem Schlosse hatte man so eingerichtet, daß die Truppen daselbst kampieren konnten. Der Garten war noch auf holländische oder französische Art angelegt. Schönbrunn, das nur eine halbe Stunde von Wien entfernt ist, war früher ein Jagdhaus, bei dem sich ein Tiergarten befand, aber 1685 bei der Belagerung durch die Türken ganz zerstört worden. Leopold I. ließ 1696 wieder ein Schloß daselbst erbauen und einen Lustgarten anlegen, der 1700 fertig wurde. Maria Theresia wählte diesen Ort zu ihrem Sommeraufenthalt. Aus dem vorhandenen Schlößchen machte sie ein schönes Lustschloß, sie erweiterte die Gärten, legte den holländischen Garten und eine Menagerie an, und traf Vorkehrungen, daß das hier vorbeiströmende Flüßchen Wien keinen so großen Schaden mehr durch Überschwemmungen anrichten konnte. Später wurden noch viele Statuen, die sogenannte Gloriette, die Neptunsgrotte und so weiter angebracht, und Joseph II. verwendete besonders viel Aufmerksamkeit auf den botanischen Garten. In dem großen Hof, in dem sich zwei Springbrunnen mit Gruppen von allegorischen Figuren befinden, können über siebentausend Mann paradieren. Das Innere des Schlosses hat einige schöne Säle, namentlich ist der Audienzsaal prächtig, auch sind in einigen Gemächern hübsche Malereien angebracht. Es hat eine Kirche, ein Theater, eine Apotheke und eine Manege. Was mich bei meinem Umherstreifen im Garten am meisten wunderte, war, die Statue eines Scävola und selbst die eines Brutus daselbst zu finden. Doch diese alten Herren sind bei den gutmütigen Wienern nicht gefährlich. An Teichen, Springbrunnen, Alleen und so weiter fehlte es auch nicht. Besonders sprach mich eine alte hochgewölbte Lindenallee an. Von der Platte der Gloriette, einer runden, auf Säulen ruhenden Glasgalerie, mit Trophäen und so weiter geschmückt, hat man eine schöne Aussicht über Wien hin bis zu dem Kahlenberg, und auf der entgegengesetzten Seite nach Baden zu. Die Königin Karoline von Neapel ließ im Jahre 1806 hier ein Denkmal, aus einer Granitsäule bestehend, setzen, dessen Inschrift besagt: daß es aus Liebe für Maria Theresia geschehen sei. Napoleon soll geäußert haben, man könne es mit geringer Abänderung zu einer Schandsäule jenes bösen Weibes, Karoline, machen. Dies ließe sich wohl noch auf gar manches andere Denkmal und namentlich auf die Napoleons selbst sehr gut anwenden. In der geräumigen Orangerie gab Joseph 1784 glänzende Feste und Bälle zu Ehren des Großfürsten Paul. Von den vierfüßigen Bewohnern der Menagerie, die ein Rondell bildet, in dessen Mitte sich ein Saal befindet, dessen Fenster auf die Behälter der Tiere gehen, und über welchen wilde Tiere abgemalt sind, hatten viele die Reise nach Paris machen müssen.
Punkt neun Uhr kam Napoleon mit seinen Marschällen, Generalen und einem glänzenden Gefolge die Stufen der Schloßtreppe herab, die Musterung zu passieren. Sich hier und da bei einem der Soldaten aufhaltend, dessen Gewehr und Tornister nachsehend, ließ er dann die Truppen nach einigen Handgriffen defilieren, und sprach mehrmals mit dem General Rapp. Als die Parade vorüber war, ging ich nach Wien zurück, wo ich bei der Kommandantur Erlaubnis eines längeren Aufenthaltes auswirkte, um mich von den gehabten Strapazen gehörig ausruhen zu können. Man hatte mir ein Quartier bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger in einer entlegenen Gasse der Vorstadt Gumpendorf gegeben, das ich aber schon den zweiten Tag mit einem anderen in der Josephsstadt bei einer hochadeligen älteren Dame, einer geborenen ungarischen Gräfin, deren Mann, ein Graf C..., mit dem österreichischen Hof, bei dem er eine Stelle bekleidete, geflüchtet war, vertauschte. Hier befand ich mich nicht nur sehr wohl, sondern fand auch bald die angenehmste Unterhaltung und Zerstreuung. Die Dame hatte zwei schöne Töchter, von denen die eine neunzehn Jahre zählte und an einen Rittmeister, Grafen D..., der mit seinem Regiment bei der österreichischen Armee stand, verheiratet, die andere, noch ledig, kaum siebzehn Jahre zählend, aber die Braut eines österreichischen Stabsoffiziers war, der sich auch auf flüchtigem Fuß befand. Besser konnte ich es unmöglich treffen. Die beiden jungen Komtessen waren musikalisch, sangen recht artig, und die alte Gräfin war vergnügt, wenigstens einen Deutschen im Quartier zu haben. Zuerst hatte man mir das Essen auf die Stube geschickt, nach zwei Tagen aber hatte ich schon die Ehre, der Tischgenosse der Damen zu sein. Diese hatten außerdem noch zwei der artigsten Exemplare der berühmten Wiener Stubenmädchen, die diesem Korps in jeder Hinsicht alle Ehre machten, zu ihrer Bedienung.
Die ersten Tage brachte ich damit zu, die sich damals durch die feindliche Besitznahme in sehr peinlichen Umständen befindende Hauptstadt Österreichs zu besichtigen. Namentlich die Burg, Sankt Stephan, die Borromäuskirche, den Prater, den Augarten und so weiter. Die innere eigentliche Stadt ist winkelig gebaut und hat enge und krumme Gassen, deren Häuser sie düster machen. Schön sind der Burgplatz und der Graben mit der eben nicht sonderlichen Dreifaltigkeitssäule. Der Platz, „Am Hof“ genannt, einer der größten, hat eine Säule zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Marias! Die neue Reiterstatue Joseph II. auf dem Platz, der den Namen dieses Kaisers führt, ist ein desselben würdiges Denkmal, das erst zwei Jahre früher in Erz hier aufgerichtet wurde, und dem Künstler, der es verfertigte, Zeuner, alle Ehre macht.
Wiens Vorstädte sind bei weitem freundlicher als die Stadt selbst. Es sind deren, wenn ich nicht irre, an oder gar über dreißig, von denen die Leopoldstadt die größte und durch einen Arm der Donau von der inneren Stadt getrennt ist. Rechts von ihr liegt der Prater, in dem besonders an Sonn- und Feiertagen das Getümmel sehr groß ist. Die große Mittelallee ist der Haupttummelplatz. Für die Befriedigung des Gaumens und Magens ist hier, sowie überhaupt an allen Vergnügungsorten Wiens hinlänglich und oft derb genug gesorgt. In Friedenszeiten, und wenn der Hof in Wien ist, soll der Zug der Equipagen und Reiter, die sich hier zeigen, oft sehr glänzend und prächtig sein. Dabei sollen sich die kaiserlichen Equipagen durch große Einfachheit auszeichnen, während die des reichen Adels an Pracht wetteifern und sich überbieten. Auf der linken Seite der Leopoldstadt liegt der Augarten, der manche hübsche Partien hat und für nobler als der Prater gilt. An diesen stößt die Brigittenau, mit hübschen Promenaden und der Aussicht auf die Donau. Wien liegt am südlichen Ufer der Donau, in einer trefflich angebauten Gegend. Das Flüßchen Wien, welches anderthalb Stunden von der Stadt in dem Wienerwald entspringt, ergießt sich in derselben in die Donau. – Die Theater der österreichischen Hauptstadt, selbst das durch seine abenteuerlichen Spektakelstücke so berühmte ‚an der Wien‘ können, wenn man die Prachtbauten dieser Art in Italien gesehen hat, keinen besonderen Eindruck mehr machen. Dagegen sieht man ungeheure Kasernen. Auch die fast noch rauchenden Schlachtfelder von Aspern, Eßlingen und Wagram besuchte ich zu Pferde.
Die Franzosen, die kein Deutsch verstanden, hielten während ihres damaligen Aufenthalts das Wiener Volk für sehr aufgebracht gegen sich und fürchteten ähnliche Auftritte wie in Madrid. Ich mußte über diese Befürchtungen lächeln. Die guten Wiener dachten an nichts weniger als an Aufstände, sondern gingen, besonders seitdem der Waffenstillstand geschlossen war, wieder in aller Harmlosigkeit ihren gewöhnlichen Vergnügungen nach. Die Stimmung vieler Einwohner war im Gegenteil der damaligen Regierung Österreichs eher feindlich gesinnt. Sie beschuldigten dieselbe laut der drückendsten Willkür, sowie sie ihr durch ihre Mißgriffe und Dummheiten das jetzige Unglück Wiens und des Staates zuschrieben, und die Bürger sagten laut: wir zweifeln, daß selbst diese derbe Lektion unsere Regierung bessern wird, unser guter Kaiser ist blind gegen die Urheber seines Unglücks, und wenn die Franzosen wieder fort sind, ist’s halt wieder die alte Leier. Dabei ließ man sich aber nichts abgehen, und ich hatte allenthalben Gelegenheit, die berühmte Eß- und Trinklust der Wiener zu bewundern. Als nach dem 18. Juli der Zugang in die Gärten zu Schönbrunn, den Prater, den Augarten und so weiter wieder erlaubt war, eilte halb Wien in den Prater, und nach Verlauf von einer Stunde war in den Garküchen und Buden daselbst auch für Gold kein Stückchen Brot mehr zu haben.
Der Waffenstillstand sollte anfänglich nur einen Monat, mit vierzehntägiger Aufkündigung dauern. Durch die hinausgezogenen Friedensunterhandlungen verlängerte er sich aber über drei Monate. Den 31. Juli hatte Erzherzog Karl, der einzige österreichische Feldherr von Bedeutung, mit dem Benehmen der Regierung und des Hofes höchst unzufrieden, das Kommando der Armee, als deren Generalissimus, niedergelegt, das nun Kaiser Franz selbst, eigentlich Fürst Lichtenstein, übernahm.
Wien mußte unterdessen ungeheure Lieferungen in Naturalien an die Franzosen machen, worunter über zweihunderttausend Ellen Tuch, noch mehr Leinwand, an vierhundert Zentner Leder, ungeheure Quantitäten Fourage, Stroh, Holz und so weiter, sowie zehn Millionen bares Geld Kriegssteuer bezahlen. Dabei waren die sonst so barschen und durch ihre gemeinen Grobheiten berühmten österreichischen Unterbeamten, die sie sich gegen jeden nicht in höherem Amt und Würden Stehenden erlauben, so geschmeidig und niederträchtig kriechend gegen das französische Militär und die Employés, daß es wahrhaft ekelerregend war. Was die Wiener am meisten freute, war, daß jetzt in den Theatern auf Veranlassung mehrerer Offiziere alle die Stücke aufgeführt wurden, die unter dem österreichischen Gouvernement verboten waren, sowie mehrmals in den Zeitungen bekannt gemacht wurde, daß alle durch eine engherzige und beschränkte Zensur verbotenen Bücher zu haben seien, indem die Zeit erschienen, in welcher man den Geist nicht mehr in Fesseln schlagen dürfe! – Und doch war Napoleon derjenige, der ihn, wie nie ein Tyrann vor ihm, in Fesseln zu schlagen versuchte. Eines der verboten gewesenen Stücke, das am meisten Beifall fand, waren Kotzebues ‚Kreuzfahrer‘, die man ‚an der Wien‘ aufführte. Die ganze Stadt wollte das Einmauern einer Nonne, Kloster, Kirche und Nonnen auf dem Theater sehen, und das Haus hatte nicht Raum genug für die drängenden Massen. Auch Stücke, die bisher, durch eine erbärmliche Zensur auf das unsinnigste beschnitten, gräßlich verstümmelt gegeben worden waren, wurden nun unbeschnitten und wie sie der Autor geschrieben, wie zum Beispiel ‚Wilhelm Tell‘, unter großem Jubel aufgeführt, und man lachte über die literarischen Henkersknechte, die sie ihrer besten Stellen beraubt hatten. Aber aus den Archiven, Bibliotheken, Kunstsammlungen wurde das Beste und Seltenste nach Paris geschafft.
In dem eigentlichen Hof- oder Burgtheater, das man auch Nationaltheater, eine wahre Satire, nannte, wurden während meiner Anwesenheit französische Stücke aufgeführt, und ich sah ‚Adolphe et Clara‘, ‚Le Secret‘, ‚La banqueroute du Savetier‘ und so weiter daselbst geben. Am Kärtnertor wurden manchmal italienische Opern ‚Il Matrimonio segreto‘, ‚Sargino‘, ‚La molinara‘ und so weiter gegeben. Im Theater zu Schönbrunn wurden meistens italienische Opern und Ballette aufgeführt. An deutschen Stücken sah ich zum erstenmal: ‚Die Schweizerfamilie‘, ‚Ostade‘, den ‚Wald bei Hermannsstadt‘ und so weiter. Einer Vorstellung des ‚Don Carlos‘ wohnte ich bei, die eben nicht zu den ausgezeichnetsten gehörte.
Den 15. August wurde das Napoleonsfest in Österreichs Hauptstadt mit großem Pomp gefeiert, alle Schiffe auf der Donau waren bunt beflaggt und bewimpelt, der Donner der Kanonen kündigte nach allen Weltgegenden hin das hohe Fest des Diktators des europäischen Festlandes an. In Schönbrunn war große Parade, das Schießen und Glockengeläute schien gar kein Ende nehmen zu wollen. In Sankt Stephan, wohin sich die ganze Generalität, den Vizekönig Eugen an ihrer Spitze, begab, wurde ein feierliches Hochamt gehalten und das Tedeum gesungen. Die Bürger mußten Spaliere mit den Truppen bilden, bei dem Gouverneur war großes Diner. Mit einbrechender Nacht wurde ganz Wien mit allen seinen Vorstädten beleuchtet, und ein prächtiges Feuerwerk prasselte in die Lüfte. Unter den vielen, selbst von Wiener Bürgern illuminierten und passend angebrachten Transparenten las man auf einem derselben: ‚Zur Weihe An Napoleons Geburtstag!‘ War man aber nicht ganz in der Nähe, so las man: ‚ZWANG!‘, weil die anderen Buchstaben so klein waren, daß sie schon in einer geringen Entfernung verschwanden. Ohne sich eine starke Blöße zu geben und sich zu blamieren, konnte man nicht wohl dem Mann, der so illuminierte, etwas anhaben.
Berthier, Massena und Davoust erhielten an diesem Tag die fürstliche Würde, mehrere tausend Kreuze der Ehrenlegion wurden ausgeteilt, und die Errichtung eines neuen Ordens, des der drei goldenen Vließe, verkündet.
Napoleon kam indessen nur wenig, meistens im strengsten Inkognito und bei Nacht, in Zivil gekleidet, gewöhnlich von Duroc und Berthier begleitet, nach Wien, und so besah er auch die ihm zu Ehren gemachte Illumination. Zeigte er sich am Tage zu Pferde oder wurde man ihn gewahr, so war er schnell von einer ungeheuren Volksmasse umringt. Auch der Wiener Adel suchte in seine Nähe zu kommen und gab sich unsägliche Mühe, ihm vorgestellt zu werden oder wenigstens den theatralischen Vorstellungen zu Schönbrunn beiwohnen zu dürfen, zu denen der Zutritt nicht jedermann gestattet war.
Trotz den Friedensunterhandlungen benutzte Napoleon die Zeit des Waffenstillstandes auf das beste und ließ Wien und seine nächsten Umgebungen in einen furchtbaren Verteidigungszustand setzen. Namentlich waren es die Werke am Spitz, welche ihn beschäftigten, und zu deren Gunsten man die schönsten Häuser demoliert hatte. Vor dem Brückenkopf wurden sechs große Redouten angelegt, die gewissermaßen ein verschanztes Lager bildeten. Am Spitz und am Tabor wurden Magazine für Pulver und Lebensmittel gebaut, sowie ein Artilleriepark mit achtundvierzig Geschützen versehen. Auch Minen, Lünetten, Tambours, Blockhäuser und so weiter fehlten nicht, wo man sie für nötig erachtete, und in dem Lager an dem Spitz hatte man Baracken aus den Balken, Brettern, Türen und Fenstern niedergerissener Häuser, Ställe und Scheunen erbaut.
Unterdessen war ich in meinem angenehmen Quartier recht heimisch geworden und fand meine Wiener Damen für den Sinnengenuß sehr empfänglich. Zu der Mama der beiden Komtessen war ich, des Sprichwortes eingedenk: ‚Wer die Töchter haben will, muß der Mutter den Hof machen‘, recht artig und gefällig, lebte jetzt in dem Haus wie der Vogel im Hanfsamen, war der Hahn im Korb bei fünf Hühnern, die alte Henne und die zwei hübschen Kammerkätzchen inbegriffen, die alle vergnügt waren, daß ich deutsch sprach, da die Mädchen gar nicht und die Komtessen nur ein sehr schlechtes gebrochenes Französisch sprachen, obgleich sie mehrere Jahre die französische Sprache studiert hatten. Allerdings mit Hilfe der durch ihren geistreichen Inhalt berühmten Meidingerschen Grammatik, die damals noch weit fehlerhafter und abgeschmackter war als später, nachdem Debonal den großen Meidinger wegen seiner Fehler und Absurditäten gegeißelt hatte. Die Mama hatte den Kindern und dem Gesinde empfohlen, ja recht artig gegen mich zu sein, damit es keine Unannehmlichkeiten mit der Einquartierung absetze, und dieser weise Rat ward von den gehorsamen Töchtern und Mädchen bestens befolgt. Während die jüngere Tochter, Komtessa Elisa, mit der Mama morgens die Kirche besuchte, musizierte ich mit der älteren, Gräfin Eleonora, studierte italienische Duettini mit ihr ein, und sang den zweiten oder dritten Morgen das Duett aus Winters ‚Unterbrochenem Opferfest‘: ‚Wenn mir dein Auge strahlet‘ mit ihr, wobei ich aber den Text meiner Partie aus dem Stegreif veränderte, so daß aus dem phlegmatischen kalten englischen Eisblock Murney ein feuriger, sich Myrrhas Wünschen hingebender Liebhaber wurde. Eleonore fragte nun errötend: „Aber was machen Sie denn da, Sie singen ja ganz andere Worte, als da stehen.“ – „Um Vergebung, meine Gnädige, ich sang gerade, wie es mir meine Gefühle eingaben, die mich unwiderstehlich hinrissen.“ – „Aber nein, Sie müssen halt so singen, wie es da g’schrieben steht.“ – Diese Worte waren, wenn auch im österreichischen Dialekt, der in dem Mund hübscher Frauen ebenso angenehm, als in dem der Männer unausstehlich widerlich klingt, in einem solchen Ton und mit so lieblich lächelnder Miene gesprochen, daß ich wohl sah, wie wenig es ihr Ernst damit war. Ich erwiderte nun, daß ich mein möglichstes tun wolle, so wie sie es verlange, zu singen, affektierte aber, als koste es mich unsägliche Mühe, den richtigen Text herauszubringen, und sang dabei ohne allen Ausdruck. – „Aber nehmen Sie es mir nicht übel,“ fiel mir die Komtesse jetzt wieder ein, „Sie sangen soeben weit besser.“ – „Ja, meine Gnädige, so geht es, wenn man etwas contre coeur tut. Wenn ich singen möchte: ‚Ach wahre dieses Feuer, die Liebe ist mir Pflicht!‘ statt ‚Ach dämpfe dieses Feuer, uns trennet meine Pflicht!‘, so kann ich, da dies ganz gegen meine Gefühle ist, auch nur kalt und gefühllos singen.“ Ich veränderte nun dennoch manchmal den Text, indem ich trotz dem Verbot alle Augenblicke etwas improvisierte, und die Gräfin lächelte. Als das oft unterbrochene Duett zu Ende war, sagte sie: „Gott sei Dank, lassen Sie uns jetzt etwas anderes singen.“ – „Mit Vergnügen, meine Gnädigste, etwa das kleine Duett aus dem ‚Don Juan‘?“ – „Welches?“ – „Reich mir die Hand, mein Leben.“ – „Ich will wohl, aber ich habe den ‚Don Juan‘ nicht.“ – „Aber ich.“ – „Sie erlauben einen Augenblick,“ und husch war ich zur Türe hinaus und in wenig Sekunden mit meinem Klavierauszug zurück. – „Wollen’s nit auch den Text verändern, Herr von Fröhlich?“ (in Wien nennen sie alles ‚von‘) wurde ich nun schalkhaft gefragt. – „Behüte der Himmel, meine Gnädige, der ist vortrefflich.“ – „Nun so werd’ ich’s halt tun.“ – „Bitte, ja nicht.“ – Wir sangen, und Eleonore versuchte wirklich, zu improvisieren. Aber es wollte ihr durchaus nicht gelingen, denn sie konnte das zur Musik passende Silbenmaß nicht treffen. – „Sehen Sie, meine Gnädige, es will nicht gehen, Mozarts Musik verträgt keine Worte, die nicht zu ihr passen. Singen wir das Duett, wie es da steht.“ – „Aber nicht bis an das Ende, wo sich Zerline ergibt.“ – „O doch, meine Gnädige, dies ist ja gerade der schönste Moment. Wenn nur das Unglück keine störende Elvira herbeiführt.“ – Ich schlug ihr nun vor, mit Aktion zu singen. – „Wie meinen Sie das?“ – „Je nun, meine Gnädige, die Handlung, welche der Text besagt, durch Mienen und Bewegungen auszudrücken.“ – „Ah so, Komödie spielen! Bewahre der Himmel, in allem Ernst.“ – „Seien Sie ruhig, wir wollen singen.“ – Ich sang nun: „Reich mir die Hand, mein Leben,“ und wagte es, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu schlingen, erst ganz leise und dann crescendo bis zum fortissimo. – „Aber, mein Gott, was machen’s?“ – „Ich singe mit Aktion, da geht es besser.“ – „Aber wie kann ich so spielen?“ (sie akkompagnierte). Sie fuhr indessen zu spielen fort, und als wir an das Allegro kamen und die Worte: ‚So laß uns ohne Weilen der Lust entgegen eilen‘ sangen, drückte ich sie innig an mich und küßte ihre schöne Stirne. – Jetzt sprang sie vom Klavier auf, aber ich faßte sie, küßte sie auf den Rosenmund und wollte trotz Sträuben und Ach mit ihr ins Seitengemach. Da ging plötzlich die Stubentüre auf und herein trat ihr allerliebstes Kammerkätzchen Therese. Als ich jedoch den Druck der Klinke hörte, hatte ich mich schnell aus den Armen der Gräfin gerissen und stand kerzengerade wie ein Grenadier in ehrerbietiger Stellung vor der Dame, da das Mädchen die Türe geöffnet hatte, das um ein Kommodeschlüsselchen bat. Ihre Herrin fuhr sie aber mit den Worten an: „Dummes Ding, weißt nit, daß es auf meiner Toilette liegt?“ – „Verzeihen’s, Ihr Gnaden, ih hab’s do halt nit finden können.“ – „So suche wo anders, hab’s nit.“ – Und so war die Zofe abgefertigt; kaum zur Türe hinaus, sagte die Dame: „Was wird das Mädel denken?“ – „Nichts, meine Gnädige,“ erwiderte ich, die Hand küssend, „als sie hereinkam, stand ich schon drei Schritte von Ihnen entfernt.“ – Ich drückte nun die niedliche Hand an meine Brust, schloß die Besitzerin derselben halb mit Gewalt in meine Arme und bedeckte ihren Mund mit Küssen. Röter und röter färbte sich die Glut ihrer Wangen, da rollte ein Wagen vor, und die gnädige Mama, mit der jüngeren Tochter aus der Kirche kommend, trat bald darauf ins Zimmer, wo sie uns beide so emsig am Klavier musizierend fand, daß sie ihre Freude daran hatte. Komtesse Elise stellte sich neben uns, zuhörend. Wir spielten und sangen nun noch eine Weile und kamen dann überein, daß ich die Damen diesen Abend in das Theater in Zivilkleidern begleiten dürfe, wo die ‚Kreuzfahrer‘ wiederholt wurden. Ich ging auf mein Zimmer, schrieb ein Billettchen an die Gräfin Leonore, in welchem ich ihr die Glut meiner unendlichen, ewigen Liebe mit den feurigsten Worten schilderte, und sie am Schluß um Erhörung und eine ungestörte Zusammenkunft bat. Das Billett ließ ich ihr beim Dessert – ich saß immer zwischen ihr und der gnädigen Mama – unvermerkt auf den Schoß fallen, sie dabei mit den Knien anstoßend. Sie deckte es mit der Serviette zu, und wußte es dann ebenso unvermerkt in den Busen zu bringen. Bald nach Tisch entfernte ich mich unter einem Vorwand, um ihr Zeit und Gelegenheit zu geben, es zu lesen, und kam in einer Stunde zurück, die Damen zu einer Spazierfahrt einladend. Als wir heimkamen und ich mich auf mein Zimmer begab, begegnete ich Theresen auf dem Gang vor demselben, die mich lächelnd grüßte. Ich fragte, warum sie lache. – „O das werden Euer Gnaden halt schon g’merkt haben.“ – Ich nahm sie bei der Hand, und ihr diese drückend, sagte ich: „Du bist ein Schelm, aber sei hübsch verschwiegen, dann soll es dein Schaden nicht sein,“ und küßte sie dabei. – „Ihr Gnaden sind’s halt doch än loser Vogel,“ meinte sie. – Ich drückte ihr nun ein paar Gulden in die Hand, sie nochmals küssend, ihr Stillschweigen empfehlend, und sie bittend, mir bei ihrer Herrschaft das Wort ein wenig reden zu wollen. – „O das ist gar nit notwendig,“ platzte sie jetzt heraus, „Ihr Gnaden haben meiner Herrschaft gleich g’fallen, und wie Sie den ersten Tag z’uns ins Quartier kommen sind, hat d’gnädig Frau g’sagt: ‚’s doch ein ganz ander Ding, so a französ’scher Offizier, als uns’re steifen Holzblöcke, mit denen gar nix anz’fangen is, so aner draht sich halt zehnmal rum, bis unser einer den Fuß nur lupft, ’s is halt ka Wunder, wenn’s so von ihnen klopft werd’n‘; und dann fragt’s mi in am weg, was Sie schaffen tun, ob’s z’Haus sind un so mehr.“ –
Ich küßte nun das liebe Mädchen noch ein paarmal, ging dann auf mein Zimmer und nach Verlauf von ein paar Stunden wieder zu meinen gastfreundlichen Wirtinnen hinab, bei denen ich noch einige andere Wiener Damen vom hohen Adel traf, die sich, als sie hörten, daß ich ein Deutscher, und zwar aus dem Reiche wäre, wie sie alle deutschen, nicht zu Österreich gehörenden Länder nannten, bitter beschwerten, daß die deutschen Truppen, namentlich die Bayern, weit ärger als die Franzosen selbst in den kaiserlichen Erblanden hausten; an den letzteren aber hatten sie hauptsächlich auszusetzen, daß sie sogar keinen Unterschied zwischen dem hohen Adel und dem Bürgerpack machten, es ihnen gleich sei, ob sie eine hübsche Bürgersfrau oder eine Gräfin aus uraltem Haus vor sich hätten, und das Schlimmste sei, daß, wenn sie lange in Österreich blieben, das Volk am Ende auch von solchen verruchten Grundsätzen angesteckt würde. Schon merke man, daß die Wiener nicht mehr wie früher mit derselben ehrfurchtsvollen Untertänigkeit den hohen Herrschaften begegnen. Dies sei ein abscheulicher Jakobinismus und so weiter. – „Halten zu Gnaden, meine Gnädigen,“ sagte ich endlich, „wir sind aber doch am Ende alle aus demselben Teig geknetet.“ – „Das sind sehr schlimme Grundsätze,“ meinte eine der Damen, „die noch allen Respekt über den Haufen werfen werden.“ – Gräfin Leonore suchte nun der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, lenkte die Sprache auf die Musik, und wir sangen den Damen etwas vor. Unter dem Gesang fragte ich sie, ob sie mir keine Antwort auf mein Briefchen zu geben habe, konnte aber nur ein „Stille!“ von ihr herausbringen. Die Zeit zu dem Theater war herangekommen, die fremden Damen entfernten sich und wir fuhren in die ‚Kreuzfahrer‘. Das Haus war zum Erdrücken voll, meine Wirtinnen fanden großen Gefallen an der Vorstellung, doch meinte die Mama, es sei sündhaft, Kirche, Klöster und Nonnen in der Komödie nachzumachen. Bei der Heimfahrt saß ich Leonoren en face und machte gehörigen Gebrauch vom Kutschenrecht, ihr die Knie zusammendrückend, während ich meiner Nachbarin zur Linken, der Komtesse Elise, das zarte Händchen drückte. Beim Souper war fast von nichts anderem als der schönen Emma von Falkenstein, ihrem Kreuzritter Balduin und den beide rettenden Ungläubigen die Rede. Mama meinte: „Ich ließe mir das Stück noch gefallen, wenn es nur keine Türken wären, welche die Nonne vom Einmauern befreien und eine christliche Kirche so entweihen. Hätte sie denn der Kotzebue nicht lieber durch deutsche Ordensherren befreien lassen können? Aber das ist doch auch so ein halber Jakobiner, dem Gott seine Sünden verzeihen möge, solche Skandalstücke, wie: ‚Das Kind der Liebe‘ und ‚Don Ranudo de Colibrados‘ gemacht zu haben, wo er den hohen Adel dem Spott und Gelächter des gemeinen Pöbels preisgibt.“ – Als ich um zehn Uhr den Damen eine gute Nacht gewünscht, um mich auf mein Zimmer zu begeben, begegnete ich Theresen abermals auf dem Gange. Ich küßte sie wieder, zog sie trotz ihres scheinbaren Widerstrebens durch meine Stubentüre und ließ die hübsche Soubrette kaum zu Worte kommen. Endlich aber sagte sie: „Ihr Gnaden, nur jetzt nit, lassen’s mi aus, die gnäd’ge Gräfin kann ja jeden Augenblick rufen oder gar selbst kommen, dann gäb’s än schönen Spektakel, und Sie haben nix davon.“ – „Gut, ich will dich jetzt lassen, aber ich besuche dich heute nacht, wo ist deine Kammer?“ – „Aber i schlaf ja nit allein, die Toni (das Kammermädchen der alten Gräfin) schlaft ja mit mir in der nämlichen Stube.“ – „So komme du zu mir.“ – „Wenn’s aber die Toni merkt?“ – „Sie wird nichts merken, wenn du es klug anfängst.“ – „Na, so lassen’s mi nur jetzt aus, wann ich’s halt machen kann, so komm i, die Hand drauf.“ – Sie gab mir die Hand, ich küßte sie nochmals, und husch war sie zur Türe hinaus. Noch zwei gute Stunden blieb ich, den dienstbaren Geist, in meinem Zimmer vergeblich wartend, auf, als aber die Geisterstunde geschlagen hatte und er dennoch nicht erschien, da warf ich mich, über die getäuschte Erwartung mißmutig, in mein Bett.
Den andern Morgen begab ich mich zur Parade abermals nach Schönbrunn. Zurückgekehrt, fand ich Eleonore wieder allein, und begann damit, ihr den guten Morgen durch eine Umarmung wünschend, ihr ihre Grausamkeit, die mich zur Verzweiflung bringen müsse, vorzuhalten, woran ich sie bat, doch Mitleid mit meinem Zustand zu haben, wenn sie nicht wolle, daß ich vor Gram und Kummer vergehen solle. Nach noch einigem Zieren drückte sie mir endlich ihr Mitleid durch Erwiderung meiner Küsse aus, und ich bat nun um Erhörung meiner heißesten Wünsche, womit ich jedoch noch ganze vierundzwanzig Stunden hingehalten wurde. Mutter und Schwester kehrten zurück, ehe wir uns noch an das Instrument gesetzt hatten, auch musizierten wir diesen Morgen nicht. Als ich vor Tisch auf mein Zimmer ging, fand ich Therese wieder am Ende des Korridors, die mir mit der Hand winkte, ich aber stellte mich, als wollte ich es nicht merken. Sie näherte sich nun und nickte dabei so freundlich mit dem Köpfchen, daß ich unmöglich widerstehen konnte und mich ihr mit den Worten näherte: „Daß du mich gestern abend so lange vergeblich warten ließest, verzeihe ich dir nimmermehr, du bist eine Erzschelmin.“ – „Schauen’s, Ihr Gnaden,“ flüsterte sie mir zu, „es tut’s halt nit, daß ich auf Ihre Stuben komme, dann die gnäd’ge Mama und die jüngste Komtesse schlafen ganz in der Nähe, und hören, wenn sich ein Mäusel rührt; ’s wird halt doch besser sein, Sie kommen zu mir.“ – „Aber Toni?“ – „Tut nix, die schläft wie än Ratz, wenn ich’s Licht ausblase, sie verrät nix, sie waß schon warum; aber kommen’s nit vor Mitternacht.“ – Ein Kuß bekräftigte den Vertrag und husch war das lose Mädchen verschwunden. Nach Tisch fuhr ich mit der Komtesse allein im Prater spazieren, und hier gelang es mir, die Erlaubnis, in der kommenden Nacht einen Besuch abstatten zu dürfen, auszuwirken. Denselben Abend verließ ich unter dem Vorwand von Kopfweh die Damen bald nach Tisch, und auf meinem Zimmer ungeduldig die übereingekommene Stunde abwartend, war ich unschlüssig, ob ich erst die Komtesse oder Therese besuchen solle. Doch entschied ich mich bald für die Dame. Die Zofe, dachte ich, bleibt dir immer, und dann hat sie dich ja in der vergangenen Nacht auch vergeblich warten lassen. – Kurz vor Mitternacht, als im ganzen Haus alles still geworden war, schlich ich mich an der Gräfin Stubentüre, fand sie offen, und die Dame bei einer Nachtlampe in dem verführerischsten Nachtgewande, wie es schien, schlafend, und zwar sehr fest, denn ich hatte Mühe, sie wach zu machen, was erst der Fall war, nachdem ich schon ziemlich handgreiflich wurde. Es war gegen Morgen, als ich das hochgräfliche Zimmer verließ. Den anderen Tag sahen wir uns fast nur bei Tische, denn wir waren beide ziemlich müde. Ich machte es ärger als es war, und klagte über starkes Kopfweh, denn ich wollte die kommende Nacht mit der niedlichen Zofe zubringen. Diese traf ich nach Tische wieder auf dem Korridor vor meinem Zimmer, wo sie mich boshaft lächelnd fragte: „Nun, wie haben denn Euer Gnaden die Nacht zugebracht?“ – „Sehr ruhig, denn ich war sehr unwohl.“ – „So,“ versetzte sie keck, „glauben’s, Sie können mich so anplauschen? Was denken’s? Ih weiß recht schön, wo Sie g’weß’t sind. Schauen’s, mir können’s nix vormachen. Ih merk’ alles, bei der Herrschaft sind’s gewesen, und wann ih’s nit schon so g’wußt hätt, so hätt’ ih’s doch bei’m Bettmachen gemerkt. Ih bin nit von heut.“ – Und dabei lachte die Spitzbübin recht schelmisch, und fuhr fort: „Aber Sie brauchen’s si halt gar nit vor mir zu schenieren, wir können deshalb doch gute Freunde bleiben. Ih werd’ niemand was davon sagen, nit ämol der Toni.“ – Ich drückte nun dem schnippigen Mädchen einen Dukaten in die Hand, küßte das vorlaute Mäulchen, und sagte: „Aber heut Abend darf ich doch kommen, nicht wahr?“ – „Ja, wenn’s wollen, aber was wird meine Herrschaft sagen?“ – „Ich habe Kopfweh.“ – „Aber wenn’s mi wieder anführen!“ – „Gewiß nicht, du bist selbst schuld daran gewesen, wärst du das erstemal gekommen, so ...“ – „O gehen’s aus, S’ wären doch zur Komtesse gegangen. Aber Sie haben recht, Sie brauchen sich nit zu schenieren.“ – Sie wollte noch weiter ihr Mäulchen spazieren lassen. Ich stopfte es ihr aber mit Küssen, ihr versichernd, daß ich heute nacht unfehlbar kommen würde und sie sich darauf so sicher als auf ihren dereinstigen Tod verlassen könne. – „Sein’s still vom Tod, davon will nix hören.“ –
Diesen Abend machte ich mich unter dem Vorwand der Kopfschmerzen wieder bei Zeit vom Tische auf und schlich um Mitternacht auf den Zehen zur Kammer der Zofen, die ich leise öffnete und in der es stockfinster war. Nachdem ich mich einige Augenblicke mäuschenstill verhalten hatte, aber nicht einmal atmen hörte, hüstelte ich eins, zwei- und dreimal, und hörte endlich ein Gekicher auf der linken Seite, dem ich nachging und so im Dunkeln tappend an ein Bett kam, wo ich flüsterte: „Therese, bist du’s?“ – Da ertönte ein Lachen von der entgegengesetzten Seite, wohin ich nun so schnell, als es mir die Finsternis gestattete, eilte. Hier erwischte ich einen Kopf, an dessen Hals ich hinabglitt und sagte: „Jetzt sollst du mir nicht mehr entgehen.“ – „Ach, ich bin ja nicht die Therese, ich bin Toni,“ und hinter der Rednerin kicherte es wieder – „Was, zum Henker, ihr liegt in einem Bett?“ – „Freilich, wir fürchten uns beide, allein zu sein.“ – „Doch nicht vor mir?“ – „Vor wem denn sonst?“ – „Wartet, das soll euch schlecht bekommen.“ – Husch war ich bei den Mädchen im Bett, bald rechts, bald links schäkernd. – Den andern Morgen kam ich, was ich noch nie getan, erst zum Mittagessen zu den Damen hinab, noch immer über Kopfweh klagend, was auch mein Aussehen nicht Lügen strafte. – ‚Bei Weibern, Lieb’ und Wein und Kuß lebt’ ich nun recht in Floribus‘ in der sich in ewigem Sinnentaumel befindenden Kaiserstadt, und knüpfte zuletzt auch noch ein zärtliches Verhältnis mit der schönen Braut, der Komtesse Elise, an, wohinter die nicht minder wie ihre Kameradin schelmische Toni kam, die mir dann, so oft sie mich sah, ein österreichisches Volksliedchen, das mit den Worten: