XV.
Venedig. – Sankt Markus-Kirche und Turm. – Der Dogenpalast. – Die Pozzi und Piombi. – Die Rialtobrücke. – Das Arsenal. – Die Vermählungszeremonie mit dem Adriatischen Meer. – Venedigs Flor und Verfall. – Der St. Markusplatz. – Die Venezianerinnen. – General Menou. – Dessen religiöse Ansichten. – Ein Mordanfall. – Abreise von Venedig. – Padua. – Ferrara. – Ravenna. – Der Domgeist daselbst. – Eine schöne Reisegefährtin. – Velettri. – Jagd in den Pontinischen Sümpfen. – Abreise nach Paris.

Es war gegen Abend, als ich durch die Lagunen wogte, die feurigen Strahlen der untergehenden Sonne beleuchteten die aus den Fluten majestätisch hervorragende Beherrscherin der Meere, die alte Dogenstadt und den Sankt Markusturm. Je mehr ich mich näherte, desto wundersamer wurde ich von ihrem Anblick ergriffen. Erst kürzlich hatte ich ihre seltsame und außerordentliche Geschichte wieder gelesen, und all diese grausen und abenteuerlichen Begebenheiten schwebten mir während der kurzen Überfahrt vor Augen. Einst so mächtig, frei und reich, machte sie mehr als einmal den von aller Welt gefürchteten Halbmond zittern, und jetzt beugte sie sklavisch ihr Haupt unter dem Joch des eisernen Szepters des Korsen. – Was ist aus ihren Schätzen, ihrer Macht, ihren Siegen geworden? – Die Namen Byzanz, Candia, Morea sind nur noch ein hohlklingender Schall. Jenes Venedig, vor dem sich ein Kaiser gedemütigt, in dem selbst die Macht der gefürchtetsten Päpste nur ein Schatten war, das, der Blitze des Vatikans spottend, die Jesuiten in vierundzwanzig Stunden zum Tempel hinausjagte, das Monarchen zu seinen Prunkfesten einlud, ihnen nach Gutdünken die Ehre, in seinem goldenen Buche zu stehen, erzeigte oder verweigerte, jenes Venedig war längst nicht mehr, und die jetzige Meerstadt schien nur noch das prächtige Grabmonument der verblichenen. Wer weiß, wie lange es dauert, so ist auch dieses ungeheure Prachtmonument der Marmorpaläste in den Fluten versunken, aus denen es emporstieg. Denn verödet waren seine Gebäude, in noch halbvergoldeten Marmorsälen hockte jetzt in einem Winkel oft ein halbverhungerter Schuhflicker, mühsam einige Gazette (ein paar Pfennige) zu verdienen. Nicht mehr öffneten sich die Fluten des Adriatischen Meeres, den bräutlichen Ring des herzoglichen Gatten zu empfangen. Hier und da sah man noch einen halb verstümmelten geflügelten Löwen, der gleichsam wie ein Warnungszeichen das Buch des unerbittlichen Schicksals in der Tatze hielt, und die Trümmer des Bucentaurus gingen ihrer völligen Auflösung entgegen. Die vielen schwarzen Gondeln erschienen mir beinahe wie ebensoviel schwimmende Särge.

Ich fuhr bei der Dogana vor, und nachdem ich mich gehörig legitimiert hatte, in die Stadt, wo ich in einem Albergo abstieg. Für diesen Abend war es zu spät, mich noch bei der Kommandantur zu melden und so ein Quartier zu erhalten. Aber kaum installiert, begab ich mich auf den nicht sehr entfernt liegenden Markusplatz, wo ich den ersten Abend promenierend oder an einem Kaffeehaus sitzend zubrachte und mir Sortis Beschreibung samt dem Plan von Venedig kaufte, um mich gehörig und baldigst zu orientieren.

So war ich denn endlich in der Stadt, so berühmt und gefürchtet durch ihre furchtbare Staatsinquisition, durch das mysteriöse und geheimnisvolle Verschwinden ihrer Individuen, wie durch ihre Banditen, ihre Folterkammern, Bleidächer, Pozzi, Verbrechen und durch die galanten Abenteuer ihrer schönen Frauen. Schon als Kind hatte ich mir immer gewünscht, einmal die Stadt zu sehen, in der Zschokkes Abällino und Flodoardo ihr abenteuerliches Unternehmen getrieben, und hielt diese für historische Personen, was ich nun zu ergründen mir fest vornahm.

Den andern Morgen meldete ich mich in aller Frühe und machte auch dem Gouverneur, General Menou, meine Aufwartung, der mich nicht nur äußerst freundlich aufnahm, sondern mir selbst, zuredete, meinen Aufenthalt auf vierzehn Tage auszudehnen, da ich ja nichts zu versäumen habe und mir die Kommandantur von Velettri nicht entgehe. Von diesem ging ich zu den Gebrüdern Heinzelmann, deutschen Bankiers, an die ich Empfehlungsschreiben von Haus hatte und für eine kleine Summe akkreditiert war. Die ersten Tage meines Aufenthaltes brachte ich fast nur damit zu, die seltsame Stadt kennen zu lernen. Seltsam ist der richtige Ausdruck, denn alles ist sonderbar, ja einzig in ihr. Ihre Lage, ihre Geschichte, ihre Bewohner, ihre Sitten und so weiter, alles hat einen ganz eigenartigen Charakter. Man trifft dies nicht zum zweiten Male in der Welt an. Hundertfünfzig Inseln, die durch Kanäle getrennt und durch dreihundert Brücken wieder miteinander verbunden sind, scheint die große Stadt ein auf dem Meer schwimmendes Labyrinth, mit vielen krummen Gäßchen, in denen man sich ohne Führer gar leicht verirrt. Der große Kanal in Form eines schlecht geschriebenen Zweiers, teilt sie in zwei ungleiche Hauptteile. Die vielen schwarzen Gondeln, die man unaufhörlich in allen Richtungen fahren und kreuzen sieht, geben der Stadt ein düster bewegtes Leben, und die verödeten Marmorpaläste, welche eine längst vergangene Herrlichkeit andeuten, machen einen schwermütigen Eindruck auf das an diese Gegenstände nicht gewöhnte Auge. Anders jedoch gestaltete sich Venedig in früheren Zeiten, wo es beständig von Larven wimmelte, und namentlich im Karneval, wo die buntesten und barocksten Masken mit den schwarzen und scharlachnen Mantelträgern wechselten, wo die schwarze Nationaltracht der reizendsten fein- und weißhäutigsten Frauen entzückte. Ich habe nirgends geistreichere und ausdrucksvollere Frauenphisiognomien gesehen als in Venedig, deren feine Züge und etwas blasses Aussehen sie zu wahrhaft transparenten Schönheiten machen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Gerade diese Blässe bei einer fast durchsichtigen Haut, welche den Damen der höheren Stände eigen ist, und ihr schwarzes Feuerauge macht sie zu fast ganz geistigen, ätherischen Schönheiten, denen zwar das Majestätische der Römerinnen, das Frische der Toskanerinnen, der durchbohrende Blick der Genueserinnen abgeht, was aber ihr nymphenartiges Wesen hinreichend ersetzt, wenn es auch die Sinne vielleicht weniger aufregt. Zu diesem bunten Gewühl der Vorzeit denke man sich noch die unzähligen Pfaffen und Mönche aller Farben und Kutten, die hier, sowie die Nonnen, ein sehr freies, ja ausschweifendes Leben ganz ungestört führen konnten, so lange sie sich nicht in politische Intrigen einließen. Soldaten und Sbirren der Republik, aus allen Nationen geworben und in den wunderlichsten Trachten, Griechen, Armenier, Muselmänner, Bravi und Buli, Banditen eigener Art, dazu der Doge, die Signoria, der furchtbare Rat der Zehn, aus dem die noch schrecklicheren Drei hervorgingen, dies alles gestaltet ein so phantastisches Bild, wie es auch die ausschweifendste Einbildungskraft nicht bunter schaffen kann. Den ersten Tag fuhr ich in einer Gondel den Canal grande, der auf beiden Seiten mit den schönsten Palästen, oft Meisterstücken der Architektur, geschmückt ist, von einem Ende zum anderen, hin und zurück. Dann längs der Riva degli Schiavoni der Piazetta, wo die ehemals so verhängnisvollen Säulen stehen, an dem Palazzo Ducale, an den Schauergefängnissen und so weiter vorüber in den Kanal San Marco, dann durch den der Giudecca, durch einige kleinere Kanäle und endlich wieder in die Nähe des Sankt Markusplatzes, wo ich ans Ufer stieg. Dieser Platz, der einzige in Venedig, dem man diesen Namen beilegen kann, ist ringsum von Arkaden umgeben, unter denen sich Kaffeehäuser, Kasinos und so weiter befinden. Der kleinere Teil desselben, der an dem Meer liegt, wird die Piazetta genannt. Seine schönste Zierde ist die Sankt Markuskirche, ein Gebäude, das seiner sonderbaren Bauart halber mit den übrigen Sonderbarkeiten dieser Stadt harmoniert. Der seltenste und ausgesuchteste orientalische Marmor ist bei der Konstruktion dieses Tempels, der die kostbarsten Mosaikarbeiten aufzuweisen hat, verschwendet worden. Zwei Bürger Venedigs, die den Leichnam des heiligen Markus von Alexandrien zu Anfang des neunten Jahrhunderts hierherbrachten, den jedoch auch das Kloster Reichenau als einzig echt zu besitzen behauptete, waren die Veranlassung zum Bau dieser Kirche, zu welcher der Doge Partecipazio, dem toten Heiligen oder heiligen Toten zu Ehren, den Grundstein legte. Sein Bruder Giovanni, zugleich sein Nachfolger, vollendete das fromme Werk, ließ den Leichnam in einen kostbaren metallenen Sarg legen und in einem verborgenen Winkel der Kirche begraben. Als aber 976 das gute Volk gegen den bösen Dogen Candian aufstand und dessen Palast in Brand steckte, da ergriffen die nicht mehr zu bändigenden Flammen auch diese Kirche und verzehrten noch ein halbes Tausend anderer Gebäude. Der Nachfolger Candians war der fromme Orseolo, der den Markustempel größtenteils auf seine Kosten wieder prächtiger aufbauen ließ. Sein Nachfolger setzte das begonnene Werk fort, und nach einem Jahrhundert stand die Kirche in der Form da, wie man sie jetzt noch sieht. Die Mosaikarbeiten ließ größtenteils der Doge Selvo verfertigen und sie sind zum Teil so schön, daß man sie für vorzügliche Gemälde hält. Die Markuskirche ist sehr massiv und dauerhaft gebaut. Ihre Vorhallen bestehen aus fünf Bogen, über denen sich noch fünf andere Bogen, die durch eine Galerie von den ersten getrennt und sehr reich verziert sind, befinden. Diese mit unzähligen Säulen von Porphyr, afrikanischen, paphischen und anderen kostbaren Marmorarten versehenen Bogen bilden das Portal der Kirche mit fünf Eingängen, deren Türen von Bronze sind. Über dem mittleren, weit höheren Bogen standen die vier berühmten vergoldeten Sonnenpferde, die aber jetzt in Paris gastierten, und unter der Spitze desselben der große geflügelte Löwe, ebenfalls von vergoldeter Bronze, mit einer Tatze das goldene Buch festhaltend. Darüber befindet sich noch eine zweibeinige Statue des heiligen Markus, welche die vierbeinige in ihren Schutz zu nehmen scheint. Die vielen runden Kuppeln, welche über der Fassade der Kirche hervorragen, geben derselben ein sehr orientalisches Ansehen. Es sind deren fünf, in Kreuzform geordnet, alle sowie das ganze Dach mit Blei gedeckt und haben vergoldete Kreuze. Zwischen den oberen Bögen und auf beiden Seiten der Kirche sind viele gotische Spitztürmchen angebracht, die allerlei heiligem Gesindel von Stein zum Schutz dienen. Das Innere dieser Kirche entspricht dem Äußeren und soll der Sophienkirche ähnlich sein. Es ist aber mit Zieraten außerordentlich überladen. Der Hochaltar steht unter einem Baldachin von Serpentinstein, den vier weiße Marmorsäulen tragen. Das Tabernakel ist reich mit Diamanten, Rubinen, Smaragden, Perlen geschmückt. Hinter dem Hochaltar steht ein zweiter, der des Sakraments, der zwei Säulen von orientalischem Alabaster hat. Das Chor ist durch eine Säulenreihe von Porphyr von der übrigen Kirche getrennt, auf deren Gesimse steht Maria in Gesellschaft des heiligen Markus und der zwölf Apostel, alle in Lebensgröße aus Marmor gehauen. Auch der übrige Teil hat keinen Mangel an Statuen, Basreliefs, Monumenten und so weiter. Das ganze ist eine seltsame Mischung arabischer, griechischer, gotischer und orientalischer Architektur.

Der zu dieser Kirche gehörige, aber von ihr getrennt stehende Markusturm ist höher als der Münster zu Straßburg und also wohl der höchste Turm in Europa; auf ihm stellte Galilei seine astronomischen Betrachtungen an. Ich bestieg ihn, um das zu seinen Füßen liegende Venedig mit einem Male überschauen zu können, und wurde für die kleine Mühe reichlich belohnt. Man denke sich eine Ansicht von einer schwindelnden Höhe herab auf unzählige kleine, mit Häusern, Kirchen und Palästen bedeckte Inselchen, die mitten in der grünen Meeresflut eine große Stadt bilden, in deren Wasserstraßen Tausende von kleinen Schiffchen sich bewegen, und dann die Aussicht auf die weiter liegenden grünen Inseln, Klostergärten, bis auf das feste Land und in die endlose See, ein Panorama einzig in seiner Art. Der Bau dieses Turms ist ebenso wunderbar; er steht schon bald tausend Jahre auf seichtem und schlammigem Boden, ohne sich im mindesten gesenkt zu haben. Von dem Boden bis zum Glockengehäuse hat er eine doppelte Mauer, zwischen beiden führt eine ziemlich breite Wendeltreppe, die sich an allen vier Seiten allmählich hinaufwindet. Der Türmer dieses Gebäudes hat ein Gehalt von hundertundfünfzig venetianischen Zechinen, ohne die Akzidenzien, die in manchem Jahr das Fünffache betragen, da auch jedes Geläut für Privatpersonen besonders bezahlt wurde. Dieser Turm hat sechs Glocken, von denen eine nur bei Vollziehung einer öffentlichen Hinrichtung geläutet wurde; die anderen hatten ebenfalls ihre besonderen Bestimmungen: eine lud die Senatoren zur Versammlung ein, diese hieß die Drionona, eine andere kündigte die vierundzwanzigste Stunde oder den Sonnenuntergang an; um ein Uhr des Nachts (eine Stunde nach Sonnenuntergang) gab die sogenannte Nona den Wachen das Zeichen, sich auf ihre Posten zu begeben, und um Mitternacht avertierte sie die Patrouillen, ihre Streifereien zu beginnen. Die Trottiera gab schon am Abend das Zeichen zur Versammlung der Signoria für den folgenden Tag. Auch den Gerichten ward das Zeichen mit einer dieser Glocken gegeben, um im Palazzo zusammen zu kommen, ebenso den Kaufleuten für die Börse. Schon mehrmals hat der Blitz in diesen Turm geschlagen, 1401 kam sein oberer Teil durch ein Feuerwerk, das man bei Gelegenheit der Krönung eines Dogen veranstaltete, in Brand, wobei alles Holzwerk von den Flammen verzehrt wurde. Den 23. April 1745, als man gerade mit den Glocken das Sankt Markusfest für den folgenden Tag einläutete, schlug der Blitz zum zwanzigstenmal in den Turm, bis in die Fundamente desselben, und tötete drei Menschen.

Der Markus- oder Dogenpalast ist ein ebenso wunderliches Gebäude in seiner Art, wie die Markuskirche, von sehr gemischter Architektur; ich möchte ihn ein Phantasiestück, eine Veste, wie man sie in Märchen beschreibt, nennen. Sein Umfang ist an zweitausend Fuß. Hier zeigt man die Säle, in welchen die Zehnmänner, die furchtbare Staatsinquisition, und die geheimen Gerichte der Republik ihren Sitz hatten und ihre nächtlichen Verdammungsurteile sprachen, von denen nur die Leichen zeugten, welche den anderen Morgen verkehrt an Pfählen hingen oder die Lagunen manchmal zu Hunderten bedeckten, wie zum Beispiel bei der Verschwörung von 1618, über die man nie ganz ins reine gekommen ist. Hier ist auch die schauerliche Seufzerbrücke, die hoch in der Luft aus dem Palast über einen Kanal zu den fürchterlichsten Gefängnissen, den berüchtigten Bleikammern führte, in welchen man, wie die Venetianer sagten, aus den Gefangenen im Sommer Braten und im Winter Gefrorenes machte. Diese Brücke wurde die dei sospiri genannt, weil man über sie oder vielmehr durch sie, denn es ist ein über dem Wasser zwischen hohen Mauern geführter, bedeckter Gang, von dem man fast nie den Rückweg aus diesen fürchterlichen Gefängnissen fand, ging. In den zum Teil prachtvollen Sälen dieses Palastes sieht man viele sich auf die wichtigsten Begebenheiten der venetianischen Geschichte beziehende Gemälde. An diesem unheimlichen Palast waren auch die Löwen, die ihre schrecklichen Rachen aufsperrten, nicht um Menschen zu zerreißen, sondern geheime Anklagen aufzufangen, wodurch die Staatsinquisitoren von wahren und falschen, durch Verleumdung und Rache eingegebenen Anklagen, von den Absichten unterrichtet wurden, welche Individuen gegen die Ruhe des Staates im Schilde führen sollten, die oft die unschuldigsten Schlachtopfer der abscheulichsten Bosheit und zu Tode gefoltert und gemartert wurden, so daß sie unendlich glücklicher zu preisen gewesen, wenn sie eine Beute der Löwen in der Wildnis geworden wären. Acht Tore führen zu diesem Palast, von denen vier auf den Kanal gehen, eines auf den großen Platz, zwei in die Kirche und das letzte auf die Piazetta. Durch das Tor am großen Platz kommt man in den großen Hof, in dem sich zwei große eherne Brunnen befinden und der mit antiken Marmorstatuen, unter denen ein Marc Aurel und Cicero ist, und anderen Verzierungen geschmückt ist. An der sogenannten Riesentreppe halten unten Adam und Eva und oben – Mars und Neptun Wache! Hier wurden die Dogen gekrönt, und von dieser Treppe rollte das greise Haupt des mehr als achtzigjährigen Dogen Marino Falieri, durch das Schwert vom Rumpf getrennt, blutig hinab. In den Galerien dieses Schreckenspalastes findet man Meisterwerke eines Titian, Tintoretto, Paul Veronese und anderer. Im Untergeschoß sind die abscheulichen unterirdischen Kerker, Pozzi (Brunnen) geheißen, noch schrecklicher als die Piombi (Bleikammern). Es sind tiefe Löcher, die in den dicken Mauern der Fundamente angebracht sind und die dazu dienten, die Unglücklichen, die eines Staatsverbrechens angeklagt waren, einstweilen hinter doppelten Eisentüren hier zu verwahren, in einer verpesteten Luft, kaum durch einen matten Schimmer des Tages beleuchtet, der durch eine enge, viele Schuh lange Öffnung in der Mauer drang. Von hier wurden sie in die Folterkammern und dann gewöhnlich zum nächtlichen Tod geführt. In den Gemächern der Staatsinquisition sah ich noch die Winden, mit welchen man den Elenden die Arme rückwärts in die Höhe wand, um sie mit aller Bequemlichkeit foltern zu können. Die Bleikammern fand ich weniger schrecklich als ihren Ruf, und ich habe andere Gefängnisse gesehen, in denen Hitze und Frost dieselbe Wirkung und noch größere haben mußten.

Ein freundlicherer Anblick ist die Rialtobrücke, die aus weißem Marmor und einem einzigen, siebzig Fuß langen und über vierzig Fuß breiten Bogen besteht, auf beiden Seiten mit Buden besetzt ist und so ziemlich in der Mitte der Stadt über den großen Kanal führt. Sie ist immer sehr frequentiert, und da in ihrer Nähe die Schiffe anfahren, welche Lebensmittel herbeiführen, so ist der Verkehr hier sehr groß. Von hier aus kann man auch fast nach allen Teilen der Stadt vermittelst schmaler Gäßchen und vieler kleiner Brücken zu Fuß kommen.

Das außerordentliche, große und sehr merkwürdige Arsenal (es hat beinahe drei Miglien im Umfang) ist ganz von Wasser und starken Mauern mit zwölf Türmen umgeben; es liegt am äußersten Ende der Stadt; vier Löwen bewachen den Haupteingang, Morosini genannt. Der Peloponnesier brachte sie aus Griechenland hierher; zwei davon sind Meisterwerke der Bildhauerkunst, einer ist ein geheiligter Löwe aus Athen, wie eine Inschrift an demselben besagt, den man dem Denkmal der Schlacht bei Marathon entnommen glaubt und der also ein Alter von mehr als zweitausenddreihundert Jahren hatte; ein zweiter hat aber einen modernen Kopf. Canova erkannte sie für altgriechische Arbeit. Über denselben ist noch der geflügelte Löwe des Sankt Markus. Durch dieses Tor kommt man zuerst auf das Campo del Arsenale, ein anderes großes, durch welches die Schiffe aus- und einfahren, geht auf das Meer. In diesem Arsenal arbeiteten unter den Venezianern ganze Regimenter, die man Arsenaloten nannte. Seine Unterhaltung kostete der Regierung jährlich eine halbe Million Markustaler (anderthalb Millionen Gulden). Es enthielt wie das zu Toulon alle möglichen Werkstätten und Magazine für die Schiffsbaukunst und Ausrüstung der Flotten, und mit seinen Waffenvorräten konnte man an hunderttausend Mann bewaffnen. Alles, was hier verfertigt wurde, war mit dem Stempel des Sankt Markus bezeichnet, sogar die Nägel trugen ihn, und wehe dem, der etwas davon entwendete. Die venetianischen Schiffe waren zu ihrer Zeit wegen ihrer Dauer und ihrer Leichtigkeit berühmt. Das dazu verwendete Holz lieferten die Wälder Istriens und Dalmatiens, man ließ es aber zehn bis zwölf Jahre im Wasser liegen und dann an der Luft trocknen, bevor man es verarbeitete, wodurch es eine erstaunliche Härte erlangte. Die Arbeiter waren meist sehr geschickte Leute, die man gut bezahlte und die vom Vater auf den Sohn immer dieselbe Beschäftigung trieben. Dieses merkwürdige Arsenal war gewissermaßen eine Stadt in der Stadt, ja ein Staat im Staat, der von drei Nobili besonders regiert wurde, die alle drei Jahre Rechenschaft ablegen mußten. Das Oberhaupt der Arbeiter führte den Titel eines Admirals und war zugleich der Pilot des Bucentauren bei der seltsamen Zeremonie der Dogenvermählung mit dem Meer. Diese hatte folgenden Ursprung: Papst Alexander III. hatte sich vor dem deutschen Kaiser Friedrich I., der, gegen die Guelphen wütend, in Italien eingefallen war, inkognito und unter einem fremden Namen nach Venedig geflüchtet; der Kaiser hatte ihn für einen Antichrist und Feind des Reichs erklärt, dennoch wurden ihm, als man ihn zu Venedig erkannte, von dem Dogen Zioni und der ganzen Signoria alle seinem Rang gebührenden Ehrenbezeigungen erwiesen. Als dies Friedrich I. erfuhr, verlangte er dessen gewaltsame Entfernung oder Auslieferung von der Republik, die dies verweigerte, in einem Seegefecht die Gibellinen schlug und sogar den Sohn des Kaisers, Otto, gefangen nahm. Als der Doge so siegreich nach Venedig zurückkehrte, umarmte ihn der Papst vor allem Volk und schenkte ihm einen geweihten Ring, zu ihm sprechend: „Bedienet Euch desselben, um das Meer für immer an Venedigs Herrschaft zu ketten, und daß sie sich jedes Jahr aufs neue mit demselben vermähle.“ Dies geschah sogleich, indem der Doge den geweihten Ring ins Meer warf, und Alexander III. sprach den Segen über diese Vermählung. Von jetzt an wurde diese Zeremonie jedes Jahr mit großem Pomp und Feierlichkeit wiederholt, und ein Prachtschiff, der Bucentauro, das nur allein an diesem Tag gebraucht wurde, eigens dazu erbaut. Ehe aber diese Trauung vor sich ging, mußte der Admiral des Arsenals, der selbst das Schiff dirigierte, jedesmal einen Eid schwören, daß sich die große Wasserbraut, das Meer, während der Zeremonie ruhig verhalten würde. Drei Reihen vergoldeter Statuen, die eine doppelte Galerie bildeten, trugen das Verdeck, unter dem die Ruderer sich befanden. Der Doge saß auf einer Art Thron, der auf dem Hinterteil des Schiffes angebracht war, neben ihm der päpstliche Nuntius und der französische Gesandte auf der einen und seine Räte auf der anderen Seite; über ihm wehte die Standarte des geflügelten Sankt Markus in Löwengestalt. Das ganze Schiff war überaus reich mit genuesischem purpurrotem Thronsammet und goldenen Stickereien und Fransen drapiert. Die Senatoren durften dieser Zeremonie nicht beiwohnen, aus Furcht, daß durch eine Verschwörung hier auf einmal die ganze Aristokratie Venedigs vernichtet werden könnte. Feierlich langsam fuhr das Schiff majestätisch unter dem Donner der Kanonen und in Begleitung unzähliger Barken und Gondeln, welche die Lagunen bedeckten, von der Piazetta ab. Sobald es im adriatischen offenen Meer war, erhob sich der Doge und empfing den geweihten Ring aus den Händen des Patriarchen, der die Worte Alexander III. wiederholte, worauf er den Ring in das Meer warf, und die Vermählung war vollzogen, der Bräutigam hütete sich aber wohl, das nasse Brautbett zu besteigen. Blumen und Kränze wurden in großer Menge in den Schoß der Braut geworfen, die aber dem Gatten nicht treu und hold blieb, sondern bald mit Spanien und Portugal, mit Holland und Frankreich und in der neueren Zeit besonders mit Albion buhlte, dem sie auch nicht ewig treu bleiben wird, denn schon beginnt sie mit Nordamerika zu schmunzeln.

Die Rüst- und Waffensäle des Arsenals enthalten sehr merkwürdige und seltene Waffensammlungen, Rüstungen, Schilder und so weiter aus allen Zeiten und besonders viele osmanische Trophäen; auch Attilas Helm wird hier aufbewahrt.

Unter den vielen Kirchen Venedigs, von denen ich nur die merkwürdigsten sah, ist Maria della Salute eine der prächtigsten. Sie verdankt ihre Entstehung der schrecklichen Pest, die 1630 Venedig heimsuchte, bei welcher Gelegenheit der geängstigte Senat das Gelübde tat, der die Gesundheit beschützenden Maria eine schöne Kirche zu bauen. Dies ging in Erfüllung, und der schöne Tempel mit seinen drei herrlichen Fassaden, zu denen viele Marmorstufen führen, wurde erbaut. Die Johannes- und Paulskirche ist wegen ihrer vielen Monumente von Dogen und Dogaressen, ihrem kostbaren Hochaltar und ihren großen Reichtümern berühmt; sie enthält auch mehrere Statuen ausgezeichneter Feldherren, die sich um die Republik verdient gemacht haben. Der Raum, auf dem diese Kirche steht, war eine sumpfige Insel, die der Doge Tripolo dreizehn Jahre nach dem Tode des heiligen Dominikus dessen geistlichen Kindern schenkte, die zuerst ein sehr einfaches Bethaus hier errichteten; als aber diese Dominikaner durch große Erbschaften und Almosen selbst sehr reich wurden, bauten sie nebst einem großen bequemen Kloster auch diese Kirche, mit die prächtigste Venedigs.

Allem Anschein nach verdankt Venedig seine Entstehung armen Fischern; seinen Namen soll es von dem Volk der Veneter, das im nördlichen Italien wohnte, haben, von dem sich ein Teil, als die Goten das Land überschwemmten, auf die Inseln flüchtete, auf denen jetzt Venedig steht, und daselbst anbaute. Als im Jahre 452 Attila Aquileja zerstört hatte, flüchteten dessen Einwohner ebenfalls hierher, sowie 595 viele Bewohner Oberitaliens, um der Verfolgung des Lombardenkönigs Alboin zu entgehen. Die zuerst bewohnte Insel hieß Rialto, und diesen Namen führte die Inselstadt längere Zeit, bis sie später den Namen Venezia annahm. Jetzt wurde nach und nach eine Insel nach der anderen angebaut, bewohnt und bevölkert, die Stadt endlich einer der bedeutendsten Handelsplätze Europas, und je größer sie sich aus den Fluten emporhob, desto mehr stieg auch ihr Reichtum, ihre Pracht und ihre Macht, und bald wurde sie die mächtige Meerbeherrscherin. Zwölfhundert Jahre bestand sie als selbständige Republik, ihre höchste Glanzperiode war im dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Erst im siebten hatte sie, um den immerwährenden inneren Unruhen zu steuern, einen Dogen (Duca) erwählt, sich aber dabei ihren Anteil an der Regierung vorbehalten; als jedoch im zwölften Jahrhundert mehrere Dogen, und namentlich Vitali Michieli, Versuche zu einer Willkürherrschaft machten, da ermordete das Volk den letzteren und übergab die höchste Gewalt einer Versammlung von Adeligen. Noch schlimmer erging es dem Dogen Marino Falieri, der von einem jungen Nobile an seiner Ehre schwer gekränkt, keine hinlängliche Genugtuung erhalten konnte, die Aristokratie mit Hilfe des Volkes hatte stürzen wollen und dafür von ersterer, schon über achtzig Jahre alt, enthauptet wurde. Die Republik hatte allmählich immer mehr Fuß auf dem festen Land, namentlich in Istrien, Dalmatien, der Lombardei gefaßt und dehnte ihre Macht besonders während der Kreuzzüge auch sogar in Syrien aus. Im dreizehnten Jahrhundert eroberte sie Candia und fast alle Inseln im Archipelagus, wodurch sie den ostindischen Handel ganz in ihre Gewalt bekam. Auch gegen Ungarn war sie siegreich, riß Friaul an sich, nahm den Neapolitanern viel Land und Städte weg, wurde Herr von Cypern und den Ionischen Inseln und hatte mit ihrer mächtigen Nebenbuhlerin, der Republik Genua, einen gefährlichen und blutigen Krieg endlich glücklich beendigt. Aber von dem Augenblick an, als Vasco da Gama den Weg um das Kap nach Ostindien ausfindig gemacht hatte, sank auch Venedigs Handel und Flor. Sehr unglücklich für die Republik war die Ligue von Cambray (1508), durch welche sie ihre Besitzungen im Kirchenstaat und dem Neapolitanischen einbüßte und die sie nicht weniger als fünf Millionen Zechinen (an dreißig Millionen Gulden), zu jener Zeit eine ungeheure Summe, kostete. Die Osmanen nahmen ihr sodann Cypern und später nach einem vierundzwanzigjährigen Krieg auch Candia wieder ab. Venezia dominante, wie es sich damals nannte, verlor immer mehr an seiner Herrschaft, 1715 büßte es auch noch Dalmatien ein. Venedigs Bürger, die unter der eisernen Rute der despotischsten und grausamsten Regierung von der Welt lebten, hielten sich dennoch für freie Leute, weil sie Dinge, welche die Regierung nicht direkt berührten, Ausschweifungen und Liederlichkeiten aller Art straflos begehen durften, und bedauerten die Knechtschaft, in welcher nach ihrer Meinung die Untertanen in Monarchien schmachteten, während ihnen selbst kein freies Wort aus dem Mund entwischen durfte, ohne Gefahr, alle persönliche Freiheit, ja wohl Gut und Leben einzubüßen, an einem Schandpfahl zu hängen oder den Fischen der Lagunen zur Speise zu dienen. Sie waren darin den Bürgern mancher deutschen Republik nicht unähnlich, die es wagen dürfen, den oft heilsamen und zweckmäßigen polizeilichen Verordnungen ungestraft zu widerstehen und die mit der Ausführung derselben beauftragten Diener mit Grobheiten heimzuschicken, während man sie hinsichtlich ihrer wichtigsten und heiligsten Interessen, Verwaltung und Justiz, bei der Nase herumführt. Nie hat ein Monarch, auch nicht der ausgeartetste Tyrann, eine ähnliche willkürliche Macht und Tyrannei ausgeübt, als Venedigs Staatsinquisition, die ohne alle Verantwortlichkeit mit dem Leben, Gut und Blut der Bürger nach Lust und Gefallen schaltete. Mißtrauen und Furcht waren die gewaltigen Triebfedern der Herrscher Venedigs und das Spionenwesen und die Angeberei in einem Grad der Vollkommenheit organisiert, der zu keinen Zeiten in einem anderen Land erreicht wurde. Beispiellos ist es in der Weltgeschichte, daß ein Volk oder ein Staat dreien seiner Bürger über Tod und Leben, Habe, Gut und Blut all ihrer Mitbürger eine so unumschränkte, rechenschaftslose Gewalt erteilt hätte, wie dieses schreckliche Tribunal unter dem Aushängeschild Staatsinquisition übte. Napoleon machte 1797 diesem freilich damals schon in den letzten Zügen liegenden Ungeheuer ein schnelles Ende, vernichtete das geflügelte Untier, Sankt Markus genannt, und mit ihm die scheußlichste Tyrannei, die je eine Aristokratie oder Oligarchie ausgeübt; dennoch waren, und vielleicht gerade deshalb, die furchtbarsten Verschwörungen gegen dieselbe in Venedig an der Tagesordnung. Der Hochmut, die Arroganz und die Unverschämtheit der Nobili überstieg allen Glauben, sie zahlten den Bürgern für erkaufte Waren was und wenn sie wollten, oft nur mit Grobheiten und Mißhandlungen, und wehe dem, der sich dagegen verteidigte, ja nur zu schützen suchte; Stockschläge, Degen- und Dolchstiche waren ihm gewiß und kein Recht dagegen zu erlangen. Je mehr die Armut des venetianischen Adels während des Verfalls der Republik zunahm, desto größer wurde die Arroganz und Beutelschneiderei desselben. Ihre Schurkenstreiche hatten keine Grenzen, und die meisten lebten nur noch von Prellereien und dem Verkauf ihrer Wahlstimmen, ihrem hauptsächlichsten Privilegium. In der letzten Zeit der Republik waren all diese Illustrissimen und Exzellenzen – so mußte sie der Bürger titulieren – so bettelarm, daß die meisten in Dachkammern wohnten, für sich selbst kochten, wenn sie etwas zu kochen hatten, und in ihrer Kleidung schmutzigen Bettlern vollkommen glichen. Um sich gegen ihre Zudringlichkeit jeder Art zu sichern, suchten die Bürger und Kaufleute, wenn sie ein Fest feierten oder einen Schmaus hatten, den Livreebedienten irgendeines Gesandten zu gewinnen, der sich an ihre Haustür stellen mußte, die hochadeligen Hungerleider abzuhalten, indem nach einem streng beobachteten Gesetz sich kein Senator da treffen lassen durfte, wo ein fremder Gesandter nur zu vermuten war, und sie dann an einem solchen Haus wie der vom Hund verscheuchte Marder scheu vorüberzogen. Desselben Mittels bedienten sich auch alle Kaffee- und andere Wirte, um diese viel verzehrenden und nichts bezahlenden Nobili und Senatoren vom Besuch ihrer Häuser abzuhalten. Für die Pfaffen und Mönche war aber Venedig ein wahres Paradies, nirgends bekümmerte sich die Geistlichkeit weniger um den Papst; die Herren maskierten sich, lagerten in allen liederlichen Häusern, deren beste Kunden sie waren, hielten sich Mätressen, trieben allen möglichen Unfug, und an eine Kirchendisziplin war nicht zu denken; beim Volk war ihr Ansehen daher auch sehr gering, was aber gerade Wasser auf das Mühlrad der Regierung war, die deshalb den Kuttenträgern auch gerne durch die Finger sah. Gott und der Papst galten in Venedig wenig oder nichts, nur der geflügelte Heilige in der Löwenhaut war der angebetete Götze. Die allgemeine Tracht in den Straßen war für jeden, der es nur möglich machen konnte, ein roter Mantel, in den man sich tief hüllte; die meiste Zeit ging man maskiert, nur was zur Signoria gehörte, trug eine Art schwarzen Chorrock, wenn man sich auszeichnen wollte, sonst aber auch den beliebten Mantel, was nebst der Maske sehr bequem war, wenn man unerkannt sein und auf Abenteuer ausgehen wollte. Die Banditen und Bravi fanden hier mehr als in irgendeiner anderen Stadt Italiens zu tun und standen zum Teil in lebenslänglichem Sold reicher Nobili, denen sie blutige Dienste und zugleich Schutz leisten mußten. Ihr gräßliches Handwerk war auch hier weit leichter als irgendwo zu treiben, denn dem tötenden Dolchstoß folgte ein zweiter mit der Faust, der den Unglücklichen und die Tat in einem Kanal begrub.

Nachdem ich mit meinem Storti in der Hand durch die bedeutendsten Kanäle gefahren war, ging ich auch zu Fuß durch einen Teil der Stadt und kam durch so enge und finstere Gäßchen, daß sich zwei Personen oft nur mit großer Mühe ausweichen konnten und die himmelhohen Häuser kaum ein Dämmerlicht durchdringen ließen. Das Ende meiner Streifereien war immer der Sankt Markusplatz, der einzige Ort in Venedig, wo man längere Zeit weilen kann. Es ist aber auch einer der schönsten Plätze Europas und immer voll Leben. Die vielen Kaffeehäuser und Botteghen sind beständig mit Leuten angefüllt. Das Treiben beginnt mit Tagesanbruch und endigt erst lange nach Mitternacht. Noch wehten hier die Trophäen der vergangenen Herrlichkeit auf drei hohen Mastbäumen, nämlich die Siegesstandarten von Morea, Candia und Cypern. Was den Platz so schön macht, sind seine herrlichen Gebäude mit den ihn umgebenden Säulengängen. An der Seite des Turms schließen ihn neun Paläste, die aber nur einen einzigen zu bilden scheinen und eine marmorne Fassade und drei Säulenreihen, eine dorische, jonische und korinthische übereinander haben. Diese Paläste werden die Procuratie nuove genannt, zur Zeit der Republik waren sie von den Prokuratoren derselben bewohnt. Ihnen gegenüber liegen die Procuratie vecchie, von fünfundfünfzig Pilastern und Säulen toskanischer Ordnung getragen. Den Hintergrund dieser prächtigen Schaubühne bildet die pittoreske Fassade des Markustempels, den hohen Glockenturm zur Rechten. Was diesen Platz äußerst unterhaltend macht, ist, daß er beinahe der einzige Spaziergang der Bewohner Venedigs und aller Fremden ist, auf dem sich das ganze öffentliche Leben dieser Stadt konzentriert. Hier sieht man alle möglichen Trachten und hört die Sprachen aller Nationen. Advokaten und Charlatane, Staatsbeamte und Schiffsknechte, Marionettenspieler und Soldaten, Improvisatoren und Saltimbanchi, Stiefelwichser und Obsthöker, Pfaffen, Histrionen und Taschenspieler, alles treibt sich hier im buntesten Gewühl durcheinander herum, besonders ist dies am Abend und in der Nacht der Fall, wo er durch Tausende von Lichtern der Kaffeehäuser, Botteghen und Kasinos erleuchtet ist, was das Gewirre und Getümmel um so abenteuerlicher erscheinen läßt. Vor den Kaffeehäusern sind Zelttücher oder Baldachins aufgespannt, unter denen man sitzt, um den Turm herum haben Notare und Advokaten ihre Sitze aufgeschlagen, die jede Art Schriften, Bittschriften, Klagen und so weiter um wenige Gazette oder Soldi abfassen, andere Schreiber befassen sich mit Bettel- oder Liebesbriefen und so weiter. Nur Frauen und Mädchen aus den höheren Ständen sucht man, den Karneval ausgenommen, vergeblich hier, da es nicht Sitte in Venedig ist, daß Damen die Kaffeehäuser besuchen; man kann sie nur in den Kirchen, den Theatern und den Abendgesellschaften sehen; der Zutritt zu den letzteren ist aber für Fremde, wenn sie nicht ganz besonders einer Familie empfohlen sind, nicht so leicht wie an anderen Orten Italiens. In den Kasinos findet man leichter Eingang, wenn man nur ein Mitglied derselben kennt. Eine der angenehmsten Zeitvertreibe ist eine Spazierfahrt längs der Riva de Schiavoni bis an die Punta di Sankt Antonio, bei Sonnenuntergang in einer Gondel, die man hier gewöhnlich nur Barche nennt; man steigt rückwärts in dieselbe, weil man sich in dem niedrigen Hüttchen nicht gut umdrehen kann. Diese Schiffchen sind alle ganz schwarz und von einer Form; ihr düsteres Aussehen macht sie Leichenschiffchen ähnlich, und sie gleichen in der Tat unseren alten Leichenwagen. Ehedem waren sie bunt, schön verziert, von beliebiger Farbe, oft prächtig und kostbar ausgeschmückt, so daß sie große Summen kosteten, denn die Reichen suchten sich dabei im Aufwand zu überbieten, wie anderswo im Luxus der Equipagen, und bedeckten sie mit Scharlach und Gold, weshalb die Regierung, um diese Verschwendung zu zügeln, ein Gesetz erließ, welches sie alle uniform verordnete, und jede Gondel, die nicht ganz so, wie es vorgeschrieben, eingerichtet war, sogleich zertrümmern und den Wellen übergeben ließ. Im Innern haben sie gepolsterte bequeme Sitze. Angenehmer als in den Kanälen fährt man in den Lagunen, besonders nach dem Lido hin.

Die venetianischen Damen, die, wenn sie einmal donne maritate sind, sich einer fast zügellosen Freiheit erfreuen, sind in ganz Italien wegen ihres höchst einnehmenden und verführerischen Wesens berühmt und haben die Kunst einer fast unwiderstehlichen Koketterie bis zur höchsten Vollendung gebracht. Obgleich den meisten, selbst in den höchsten Ständen, gründliche wissenschaftliche Bildung abgeht, so ist doch ihre Unterhaltung nicht nur äußerst angenehm, sondern in der Regel auch sehr geistreich, lebhaft und ungezwungen, und der venetianische Dialekt verleiht ihrer Sprache etwas überaus Liebliches. An verliebten Intrigen fehlt es hier weniger als in irgendeiner anderen Stadt, und das Cicisbeat war hier noch in vollem Gang.

Von den Theatern besuchte ich hauptsächlich Fenice, das erst 1791 durch eine Assoziation von Aktionären erbaut wurde. Es hat besonders gute Löschanstalten; im Fall ein Feuer entsteht, kann augenblicklich von zwei Türmen hinlänglich Wasser in dicken Strömen auf dasselbe geleitet werden. Hier treten die berühmtesten Sänger und Sängerinnen Italiens auf, und ich habe die vollendetste Vokalmusik in demselben gehört. San Benedetto, hauptsächlich der Opera Seria gewidmet, war geschlossen, sowie mehrere der kleineren Bühnen. Ein sehr schönes Marionettentheater, wo man nur im venezianischen Dialekt spricht, besuchte ich einigemal. In das Parterre geht hier niemand als Leute aus den untersten Volksklassen, Fischer, Gondoliere und so weiter. Die Freudenmädchen haben in Venedig wenig Raum zu ihren Umtrieben und suchen daher die Männer und Fremden meistens in den Kirchen an sich zu locken, ihre Adressen austeilend; man zählte damals nahe an hundert Bordelle.

Zwei Tage nach meiner Ankunft bezog ich eine Privatwohnung, die ich mir durch die Vermittelung eines dienstwilligen barbiere-parrucchiere verschafft hatte. „Illustrissimo eccellenza finden daselbst Donne giovine belle e oneste,“ sagte mein Figaro, „eine honnette Bürgersfamilie, durch Unglück herabgekommene Kaufleute, deren Haupt jetzt den Makler macht. Es sind zwei junge Frauen in dem Haus, die eine ist die Gattin des Signor Ludolli und die andere die Frau eines Signor Odellino, der sich aber schon seit Monaten in Geschäften abwesend in Triest befindet; auch ein paar blutjunge Ragazze von dreizehn und vierzehn Jahren, Anverwandte des Odellino, wohnen bei diesen. Illustrissimo werden sehr gut daselbst aufgehoben sein!“ – „Und auch geprellt?“ sagte ich, das Faktotum forschend ansehend. – „Behüte der Himmel, gente onestissime.“ – „Gut, bringe mich hin.“ – Wir bestiegen eine Gondel und waren in wenigen Minuten an dem Palazzo, das war das Haus wirklich, allein einer von jenen verlassenen, öden, mit verwischten Vergoldungen. Die Damen empfingen mich als einen Signor Uffiziale francese mit zuvorkommender Freundlichkeit; es waren echt venezianische Gesichtchen, und man wies mir eine freilich nicht sehr elegant, dagegen sehr ökonomisch möblierte Wohnung, aus fünf Zimmern und einem großen Salon bestehend, an, deren Fußböden alle von rotem Terrazzo waren, wie es hier Gebrauch, für den Spottpreis von vier venezianischen Talern, etwas über zehn Gulden, den Monat. Ohne zu handeln, erlegte ich das Geld antizipando, und da mir die Frauen gefielen, fragte ich auch, ob sie mir den Tisch geben könnten. – „Oh, wir leben gar zu einfach,“ wurde mir bescheiden erwidert, „Illustrissimo würden sich nicht mit unserer Kost begnügen; die meiste Zeit essen wir nur Fische, Muscheln, Austern oder Frittole“ (in Öl gebackene Polenta). – „Signore mie, ich bin die Genügsamkeit selbst, und freundliche Gesichter bei der Tafel sind mir lieber als die größten Leckerbissen.“ – Auch darüber waren wir bald einig, indem die Damen sagten, ich möchte das Essen erst versuchen, und dann könne ich selbst den Preis machen. Ich war es zufrieden, mein Figaro hatte ja den Damen versichert, ich sei un uomo generosissimo.

Den dritten Tag nach meiner Ankunft erhielt ich eine Einladung zu Tisch von dem Gouverneur, General Menou, dem ich von den Begebenheiten zu Rom und Wien viel erzählen mußte. Er schien mit meiner Unterhaltung so zufrieden, daß mir die Ehre, an seiner Tafel zu speisen, sehr oft zuteil ward. Menou war ein Mann, der schon hoch in den Sechzigern stand und eine eigene seltsame Karriere gemacht hatte. Aus einer alten Familie der Touraine, hatte er es bei dem Ausbruch der Revolution schon zu dem Grad eines Maréchal de Camp gebracht. 1789 wurde er von dem Adel der Touraine zum Deputierten bei den Generalstaaten erwählt; hier vereinigte er sich mit dem dritten Stand, trug viel zu energischen Maßregeln zur Verteidigung des Vaterlandes bei und bewirkte hauptsächlich die Vereinigung Avignons mit Frankreich. Nach dem Schluß der Sitzungen befehligte er en second in dem Lager, das man bei Paris gebildet hatte, und wurde dann in die Vendée gesandt, wo er sich sehr gemäßigt benahm. Den 2. Prairial 1793 war er es, der gegen die aufgestandene Vorstadt Sankt Antoine marschierte und so den Konvent rettete. Er war bei der Expedition von Ägypten und wurde nach Klebers Tod Obergeneral des französischen Heeres daselbst. Aus Politik wurde er jetzt ein Muselmann, nahm den Turban, nannte sich nun Abdallah und heiratete ein hübsches türkisches Mädchen aus Rosette; dies hinderte nicht, daß er bei Alexandrien von dem englischen General Abercromby den 2. Mai 1801 geschlagen wurde. Napoleon hatte ihn später zum Statthalter von Piemont und dann zum Gouverneur von Venedig ernannt.

Nachdem wir gut getafelt und ziemlich viel Cypernwein zum Dessert getrunken, brachte einer der Gäste, ein Bataillonschef, die Sprache auf den Islamismus und äußerte dabei, es sei doch eine recht einfältige Religion, man müsse von Sinnen sein, so tolles Zeug zu glauben, wie sie lehre, und ihr Prophet Mohammed sei ein recht pfiffiger Gaudieb gewesen, der den Leuten die Köpfe zu berücken gut verstanden habe. Menou, der nicht zu viel getrunken hatte, sondern nüchtern war, erwiderte demselben: „Nicht so sehr, als Sie glauben, mein Herr!“ Seine Stimme etwas erhebend, fuhr er sodann fort: „Ich weiß recht gut, daß in der Armee und in Frankreich gar viel über meinen Übertritt zum Islamismus räsonniert, geklatscht und gespöttelt worden ist, ich mache nicht das geringste Hehl, daß diese Handlung durchaus nur die Politik zum Grunde hatte, indem ich hoffte, dadurch Ägypten Frankreich zu erhalten, eine fehlgeschlagene Hoffnung, wie so manche andere; aber aufrichtig, meine Herren, was müssen andere Völker und auch die Osmanen, über deren Religion wir uns so oft lustig machen, weil sie an Mohammeds wunderbare Himmelsreisen und ähnliche Dinge glauben, von uns denken, daß wir einen Gott verehren, den die Juden kreuzigten, eine Mutter Gottes, die ein Kind bekam und dennoch Jungfrau blieb, eine Dreieinigkeit, Gott Vater und Sohn in einer Person, eine Legion von Heiligen, die alle mehr oder weniger komische, unglaubliche und lächerliche Wunder verrichteten, daß wir Reliquien verehren, für deren ganzen Plunder ein Trödeljude kaum ein paar Taler geben würde, wahre Fetische. Was müssen sie von einem Gott halten, der kein anderes Mittel weiß und kennt, die sündigen Menschen zu bessern und zu erlösen, als seinen Sohn Mensch werden und ihn kreuzigen zu lassen, was von dem Gott der Bibel, der ein rach- und zornsüchtiges, leidenschaftliches Wesen ist, das bis ins vierte Glied an Unschuldigen die Sünden der Väter heimsucht, bestraft, der den Juden zehnmal verzeiht und dann, kurzsichtiger als ein mit gesunder Vernunft begabtes Menschenkind, nicht einmal soviel Voraussicht besitzt, um einzusehen, daß die Juden wieder zehnmal in denselben Fehler verfallen werden; was von Gott und seinen Heiligen denken, welche die Hilfe ohnmächtiger Menschen bedürfen, ihre Anbetung und Erkennung in der Welt zu verbreiten! Das erste, was gewöhnlich die zu einer anderen Religion sich bekennenden Individuen, die wir die Sucht bekehren zu wollen haben, antworten, wenn wir sie mit den Grundlagen der unsrigen bekannt machen, ist: aber wie konnte man einen Gott kreuzigen? Wie kann ein Mädchen Mutter werden und doch eine Jungfrau bleiben? Wie sind drei Dinge eines und doch drei? – Und was erwidern wir ihnen? – Ja, das sind unerforschliche Geheimnisse der Gottheit, die großen Mysterien der christlichen Religion, über die man weder denken noch viel weniger sie einer Kritik unterwerfen darf. Dies allein wäre schon eine Sünde! – Wir sind von der zartesten Kindheit auf gewöhnt, solche Dinge zu hören, wachsen dann mit dem Glauben an dieselben auf, und selbst den Vernünftigeren unter uns fallen sie wenigstens nicht mehr so sehr auf; aber Sie werden mir zugeben, meine Herren, daß wer zum erstenmal dergleichen erzählen und behaupten hört, sie allerdings für absurd, für eine Blasphemie, eine Satire auf die Gottheit selbst halten muß; sie erscheinen ihm ebenso toll als uns das Tier Al-borak mit seinen hundertvierzig Flügeln, das, ein Mittelding zwischen einem Esel und einem Maulesel, das Angesicht eines Menschen mit den Backen eines Pferdes gehabt hat und auf göttlichen Befehl den Propheten Mohammed mit Blitzesschnelle allenthalben hinbrachte, oder der Hahn, dessen Kopf durch alle sieben Himmel bis zum Thron Gottes reichte. Sie lächeln, und mit Recht, dennoch findet sich im ganzen Alkoran keine einzige Stelle, die aus dem Weltenschöpfer ein so leidenschaftliches, zorniges, rachsüchtiges, selbst inkonsequentes und wankelmütiges Wesen macht, als unsere sogenannte heilige Schrift, der widerlichen Obszönitäten, welche dieselbe enthält, gar nicht zu gedenken, wie die saubere Geschichte von Loths Töchtern und so weiter. Und dies ist das Grundbuch der christlichen Religion! – Und unser Gott fand kein anderes Mittel, als einen Sohn zu zeugen, durch eines alten Zimmermanns Frau gebären zu lassen, die doch Jungfrau blieb, um seine Welt zu erlösen und glücklich zu machen!! Und dabei ist doch der ganze Zweck, nämlich des Glücklichmachens, verfehlt. Ich habe in meiner Jugend einen alten Mann, einen fleißigen Bibelleser gekannt, der, als einmal die Rede von der schlechten Welt war, erwiderte: ‚Ja, ist denn das ein Wunder? Gott hat sie in sechs Tagen gemacht, was kann man in sechs Tagen Großes machen; hätte er sich wenigstens sechs Jahre oder sechs Jahrhunderte Zeit dazu genommen, so wäre sie vielleicht leidlich geworden, so hat er sich offenbar übereilt.‘“

Wir alle lachten.

„Ja sehen Sie, meine Herren,“ fuhr der General fort, „zu solchen Bemerkungen veranlaßt die Bibel. Von der Hölle, dem Fegfeuer und anderen Alfansereien der Art will ich gar keine Erwähnung machen, sie sind zu abgeschmackt; indessen wäre das Neue Testament doch ein gutes Buch ohne seine Wunder und Taschenspielerkünste, wie die Umwandlung des Wassers in Wein und so weiter. Von den drei Religionen, der christlichen, der mohammedanischen und der jüdischen, ist die letzte noch die vernünftigste, trotz all ihrer lächerlichen Gebräuche. Viele Fürsten und Regierungen und auch unser Kaiser Napoleon haben den Köhlerglauben, die Völker seien nur durch eine, die Sinne aufregende Religion in Zucht und Ordnung zu erhalten und zu beherrschen, und in diesem Glauben suchen sie die Pfaffen, des eigenen Interesses willen, zu erhalten und zu bestärken. Ich bin nicht der Meinung und glaube, daß dies nur eine gute und weise Gesetzgebung, mit einer humanen Behandlung vereint, imstande ist. Ein reiner Deismus, der da mit wenigen Worten lehrt: Es gibt und muß ein allmächtiges Wesen geben, das alles, was da ist, erschaffen hat, welches das Gute belohnt und das Böse unfehlbar bestraft, wie wir schon hienieden täglich wahrzunehmen Gelegenheit haben, das wir also lieben, verehren und fürchten sollen; diese Lehre, mit guten Gesetzen und reine Moral lehrenden Schulen und Erziehungsanstalten verbunden, würde vollkommen ausreichen, und man bedürfte dann all der Schnurrpfeifereien und Nebendinge nicht und hätte noch weniger von Atheismus zu fürchten, der überhaupt gar nicht vorhanden ist und sein kann, denn ein wirklicher Gottes- oder Schöpferleugner kann nur ein Narr oder ein ausgemachter Dummkopf sein; fragt man solche, wer denn alles Vorhandene erschaffen, so erwidern sie: die Natur oder ähnliches; was ist und kann diese Natur denn anders sein als ein allmächtiger Schöpfer, gebt ihm einen Namen, welchen ihr wollt, es ist und bleibt immer ein und dieselbe Sache, und wenn wir selbst annehmen wollten, wie es schon mehrere Narren gab, daß außer unserem werten Ich alles andere nur ein Blendwerk, ein Nebelgebilde sei, so müßte auch selbst dieses noch einen Urheber haben. Das Vernünftigste, was der tolle Robespierre getan, war, die Verehrung eines allmächtigen Wesens anzuordnen, nur fehlte er in der Art und Weise, wollte auch dadurch nur und durch Charlatanismus seine Tyrannei befestigen und wurde deshalb gestürzt.“

„Gut, mein General,“ sagte ich nun, als Menou seine Rede, der alle mit Erstaunen und Verwunderung zugehört, beendigt hatte, „aber wie steht es mit der Unsterblichkeit unserer armen Seele, was ist der Zweck unseres Daseins?“

„Ach, Kapitän,“ versetzte er, „das ist eine andere Frage, die genügend aufzulösen kein Sterblicher je imstande sein wird. Nur über die Substanz unseres Körpers, über alles Materielle bin ich vollkommen im reinen. Alles, was wir genießen, Speise und Trank, die Leckerbissen, die Sie sich heute an meiner Tafel so wohl schmecken lassen, dies alles ist schon durch Milliarden menschlicher und tierischer Leiber gewandert und wird es, solange die Welt steht. Von unseren Zähnen, so lange wir deren haben,“ – hier warf der General einen etwas malitiösen Seitenblick auf einige ältere Damen, die gegenwärtig waren – „zermalmt, von unseren Mägen verdaut, wird es wieder zur Erde gebracht, um sich über kurz oder lang aufs neue in Gras, Kraut, Gemüse, Früchte, Futter für Tiere und Menschen zu verwandeln und dann als Nahrungs- und Zeugungsstoff abermals in Blut und Milch überzugehen. Zu Staub werden die größten und reichsten Städte der Erde, die massivsten Marmor- und Goldpaläste, die prächtigsten Denkmäler und Monumente, gleich den schlechtesten Lehmhütten und hölzernen Gräberkreuzen der Armen. Ob tausend Jahre früher oder später, was zählt dies in der Ewigkeit? Und alle menschliche Philosophie läßt sich füglich in den zwei Worten ‚verwandelter Staub‘ zusammenfassen, wenigstens ist der Inbegriff alles Körperlichen und Irdischen in ihnen enthalten. Was aber das Geistige, das Seelenleben des Jenseits, die Gottheit betrifft, so wird uns dies hienieden ein ewiges Rätsel bleiben, das der hoch- und tiefgelehrteste Philosoph, der unterrichtetste und klügste Mensch ebensowenig wie der roheste und unwissendste Wilde zu lösen vermag, und die Quintessenz aller sublimen Gedanken eines Plato, Descartes, Bacon, Leibniz und so weiter bringt uns um kein Haarbreit weiter, als die Untersuchungen der Narren, die mit Hilfe eines Mikroskops den Sitz der Seele im Gehirn oder Gott weiß sonst wo entdecken wollen. Überhaupt halte ich alle spekulative Philosophie, alle metaphysischen Forschungen für unnütze Zeitverschwendung, für verlorene Mühe, in Summa für Narrheit. Nur auf die eigentliche Lebensphilosophie gebe ich etwas, wenigstens kann sie uns das oft so kümmerliche Dasein und dessen Beschwerden leichter ertragen helfen und leidlicher machen. Und dann, – wer kann wissen, ob nicht jene unsichtbare, fruchtbare, alles leitende Allmacht, deren erbärmliche Drahtpuppen und Hanswurste wir am Ende doch alle nur sind, der Mann im Kaisermantel wie der Lumpensammler, ob sie nicht den einen und sein Bewußtsein wieder hervorzurufen für gut findet, während sie es nicht der Mühe wert hält, den Anderen nochmals aufleben zu lassen, sondern auch dessen ewige geistige Vernichtung beschlossen hat. Wenigstens wird mir niemand bestreiten können, daß dies in ihrer Macht liegt. Es ist eine Idee wie jede andere. Doch genug davon, ich glaube in dem, was ich gesagt, alles, was spekulative Philosophie vermag, erschöpft zu haben, lassen Sie uns nun auf die Gesundheit unseres heiligen Napoleon trinken.“

Bei diesen Worten hob der General ein Glas Champagner hoch und rief ein „Vive l’Empereur!“, in das die ganze Tischgesellschaft mit einstimmte. Man gab nun der Unterhaltung eine andere Wendung. Es war vom entführten Papst, vom Krieg und Frieden mit Österreich, von den schönen Venetianerinnen, die man auch hochleben ließ, und so weiter die Rede. Mit zum Teil schweren Köpfen trennte man sich bei schon ziemlich vorgerückter Nacht, verlor sich in die Theater, Kasinos und so weiter. Ich ließ mich in meine Wohnung gondolieren, wo ich die Damen musizierend und venetianische Lieder singend antraf und ihnen bis Mitternacht noch Gesellschaft leistete. Auch Signor Ludolli war gegenwärtig und benahm sich sehr freundlich, nur damit war er nicht ganz einverstanden, daß mir die Damen auch die Kost zugesagt hatten. Ich suchte ihn deshalb zu beruhigen, indem ich ihm versicherte, daß ich nur äußerst selten Gebrauch von diesem Zugeständnis machen würde.

Bald hatte ich herausgebracht, daß die Signora Odellino, deren Mann wirklich als Buchhalter in einem Triesterhaus konditionierte, eine Donna mantenuta war, die ein noch ziemlich wohlhabender Nobile, ein gewisser Contarino, unterhielt, der sich rühmte, Dogen unter seinen Vorfahren gehabt zu haben. Ich kam selten oder nie nach Haus, ohne den Damen einige Geschenke, meist in dolce und Konfetti bestehend, mitzubringen, was mir dieselben hoch anrechneten; zum Mittagessen fand ich mich nur selten ein, desto mehr zur Cena, wo es dann immer munter herging. Eines Tages, es war der vierte oder fünfte, daß ich in dem Haus wohnte, kam der Patron della Casa zu einer ungewöhnlichen Stunde in großer Unruhe heim und rief seiner Frau beim Eintreten zu: „Nun, da haben wir die Bescherung, ich hab’ es voraussgesehen, soeben hat mich Contarino auf dem San Marco angepackt und mir den Handel mit der Gatte (der Odellino Taufname) gekündigt, wenn der maledetto francese nicht schnell ausziehe.“ Ich zahlte gut, hatte erst diesen Morgen einen Korb mit Cyprier der Dame in die Küche geschickt, war freigebig und stand also in hoher Gnade bei derselben; sie nahm auch sogleich meine Partei und antwortete ihrem Mann: „Es ist der Mühe wert, daß der filzige Contarino einen solchen Lärm um nichts macht, er gibt uns kaum fünf Zechinen monatlich, davon kann die Gatte nicht leben, hol ihn der Henker, und überdies denkt der Franzose gar nicht an sie, die Mädchen stecken ihm eher im Kopf, wenn er ja auf eine von uns reflektiert; der Offizier bezahlt uns allein für ein altes Cembalo, das wir ihm gestern verschafft haben und uns drei Lire kostet, zwanzig; vom Ausquartieren kann gar keine Rede sein, denn er hat einen Monat antizipando bezahlt.“ Der Mann versetzte nun: „Das wird eine saubere Geschichte werden; der Franzos kann sich in Obacht nehmen, der Contarino ist wütend und läßt gar nicht vernünftig mit sich reden.“ Die Signora antwortete mit einem „Cosa fa, man wird ihm was vormachen, du weißt dir auch gar nicht zu helfen, lieber Mann.“ Eine halbe Stunde darauf erfuhr ich die ganze Unterredung von dem ältesten hübschen Mädchen, Karoline, einer Cugina der Odellino, und als ich diese fragte, woher es käme, daß sich Contarino nie im Hause sehen lasse, erzählte mir das Mädchen naiv: „Fanno l’amore nel suo casino, doch kommt er auch manchmal des Nachts zu meiner Muhme, aber nur verstohlen, denn er ist un uomo maritato, ho paura di lui.“ Das ho paura wiederholte mir das Mädchen wohl zehnmal; ich suchte ihr diese Paura zu benehmen, sie auf die Stirn küssend, und es schien mir zu gelingen, als die Signora Ludolli ins Zimmer trat, mir ebenfalls ihre Verlegenheit wegen dem Contarino mitteilte und meinte, es könne sogar gefährlich werden. Scherzend suchte ich ihr dies auszureden und lud sie, ihre Schwester und die Mädchen zu einer Spazierfahrt auf den Lagunen ein, wozu sie aber nicht zu bewegen war, denn dann würde es erst ein rechtes Donnerwetter geben, meinte sie. Ich ging nun auf den Markusplatz, wo ich meinen Wirt in einem sehr heftigen Wortwechsel mit einem anderen Venetianer sah, aber nicht von ihm bemerkt wurde; bald erfuhr ich, daß es der gefürchtete Contarino war, mit dem er so gewaltig haderte. Ich ließ sie nun nicht mehr aus den Augen, bis sie auf die Piazetta gingen und sich daselbst einschifften. Erst in der Dämmerung begab ich mich wieder heim, um mich für das Theater umzukleiden, das ich in Uniform besuchen wollte. Ich traf niemand als Signora Ludolli, die meine Frage ängstlich zu beantworten schien, was ich auf Rechnung ihrer Furcht vor Contarino schrieb. Ich ging längs den Fundamenti (so werden hier die sehr schmalen, längs den Häusern hinlaufenden Gänge genannt) hin, das Haus verlassend. Es war schon völlig Nacht. Jetzt wollte ich die erste sich vorfindende Gondel besteigen, als ich bemerkte, daß mich zwei in Mäntel gehüllte Gestalten verfolgten, die ihren Gang mit jeder Sekunde mehr beflügelten. Als sie nur noch wenige Schritte von mir entfernt waren, machte ich ein rasches rechtsum Kehrt, ging ihnen festen Tritts entgegen, und da ich an sie herankam, drückten sie sich an die Mauern eines Hauses und ließen mich ganz friedlich vorüber; ich wandte mich nochmals um und ging wieder an ihnen vorbei. Es kam mir vor, als sei einer von ihnen mein Hauswirt, und ich bemerkte, daß sie leise aber eifrig miteinander sprachen. Bald sah ich, daß sie mich von neuem verfolgten, ich ließ sie abermals herankommen, wandte mich wieder gegen sie um, und als ich im Begriff war, sie zu fragen, was sie von mir wollten, streckte der eine schnell seine Hand gegen mich aus, um mich bei der Brust zu packen, indem er zugleich ein Stilett blinken ließ. Ich wich einen Schritt zurück, zog schnell den Degen und rief ihm zu: „Ah birbante, adesso tocca a me!“ Klirrend schlug ich ihm das Stilett aus der Hand, sprang auf beide zu; einer stand hinter dem anderen, denn der Gang am Kanal war keine drei Schuh breit, und den ersten packend, den anderen aber für meinen Wirt erkennend, sagte ich zu demselben: „Wie, Sie sind so ein Patron?“ Beide waren aber nicht vom Mestiero, sondern so verblüfft, daß sie regungslos dastanden. Der hintere stieß endlich ein „Ajuto!“ aus, ich sagte ihm aber, er möge sich um Himmelswillen ganz ruhig verhalten und keinen Lärm machen, weil ich sonst genötigt sein würde, sie beide zum Platzkommandanten bringen zu lassen; meinem Hauspatron versicherte ich zugleich, daß ihm nichts geschehen sollte, wenn er ruhig bleibe. Ich fragte sie nochmals, was sie eigentlich von mir wollten und weshalb sie mir auf eine so unerhörte Weise nachstellten, und da sie noch immer stumm blieben, sagte ich: „Den ich hier festhalte, ist wahrscheinlich der saubere Contarino,“ und als mein Wirt dies bejahte, fuhr ich fort: „Ich bedauere nur, daß Sie sich wegen Hirngespinsten zu solchen Schurkenstreichen verleiten lassen und in Gefahr begeben; längst glaubte ich, daß mit der Republik auch solche Banditenstreiche aus Venedig verbannt seien. Ihre Eifersucht ist ebenso lächerlich als grundlos; ich habe noch keine zwei Worte mit Ihrer Geliebten gewechselt und werde sie Ihnen sicher nicht abspenstig machen; denn Venedig hat schöne Frauen genug, daß nicht ein jeder sein Liebchen finden sollte. – Wenn Sie der Treue Ihrer Geliebten nicht versichert sind, so tun Sie dieselbe an einen anderen Ort, solange ich mich in Venedig befinde, statt sich in meuchelmörderische Wagnisse einzulassen, die Ihnen leicht den Hals kosten können, denn es hängt jetzt doch nur von mir ab, Sie in die andere Welt oder auf die Galeere zu befördern; ich will indessen weder das eine noch das andere, ich verzeihe Ihrer blinden Leidenschaft. Folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie Ihre Geliebte einstweilen aus dem Haus, das ich nicht verlassen werde, solange ich noch hier verweile.“ – Contarino bat mich nun recht demütig wegen seines unbegründeten Argwohns um Vergebung, nannte mich ein Mal über das andere einen generosissimo Signore wobei Ludolli einfiel: „Ich habe es Ihnen ja immer gesagt, allein Sie wollten meinen Worten keinen Glauben schenken.“

Contarino äußerte, Eifersucht habe ihn verblendet, beteuerte, daß er alles Vertrauen in mich und seine Gatte setze, die nirgends besser als bei Ludollis aufgehoben sein könne, und bat mich auf das inständigste, ihm zu erlauben, daß er die Ehre haben dürfe, mich in sein Haus einzuführen. Ich willigte ein, und er bestand darauf, mich schon den nächsten Tag selbst abzuholen, indem er mir zugleich seine Aufwartung machen werde. Wir schieden nun als gute Freunde. Ich begab mich nach Fenice, und als ich nach beendigtem Theater nach Haus ging, kamen mir die Damen mit einem Benvenuto entgegen. Sie waren schon von allem unterrichtet, gaben mir indessen doch zu verstehen, daß ich nur durch ein halbes Wunder dem Bad im Kanal entgangen sei. Wir soupierten und blieben bis nach Mitternacht bei einem Glas Punsch beisammen; die Frauen dankten Gott, daß alles so abgegangen sei; Ludolli versicherte mir wohl zehnmal, daß sonst der Contarino doch ein galantissimo uomo sei. Wir trennten uns endlich vergnügt mit einer felicissima notte, wobei mir vergönnt war, die sämtlichen Damen zu küssen, die mir Glück gewünscht hatten, Zutritt in Contarinos Haus zu erhalten, wo man sich sehr gut unterhalte, dessen junge Frau eine der liebenswürdigsten und hübschesten Damen Venedigs sei, und mich warnten, ihr nicht zu tief in die Augen zu sehen.

Den kommenden Morgen hatte ich noch nicht lange das Bett verlassen, als mir Contarino angemeldet wurde, den Ludolli sofort bei mir einführte; es war ein Mann von einigen dreißig Jahren und ziemlich untersetzter Statur. Nochmals entschuldigte er sich tausendmal wegen des Vorgefallenen; ich suchte ihn völlig zu beruhigen, worauf er mich bat, mich noch diesen Vormittag seiner Frau vorstellen und in das Kasino einführen zu dürfen, von dem er Mitglied sei. Ich nahm beides an, wir verließen meine Wohnung gegen Mittag, nahmen Schokolade in einem Café des San Marko und fuhren dann nach dem Palazzo des Signor Conte, wo ich seine Gattin, eine Dame, welche meine Erwartungen noch übertraf, kennen lernte. Sie war noch nicht volle neunzehn Jahre alt, hatte ein wunderliebliches Gesicht, die feinsten und geistreichsten Züge, einen blendend weißen Teint, eine fast transparente Haut, unter welcher die blauen Äderchen hervorschimmerten, den zierlichsten Wuchs und die schlankeste Taille, genug, es war eine ganz venetianische Schönheit, die von Geburt der Familie Mocenigo angehörte. – Der Graf bat sie, mich als seinen besten Freund zu betrachten und zu jeder Zeit, wenn ich ihr die Ehre meines Besuchs schenken wolle, freundlich anzunehmen. Die Signora sagte aufs Verbindlichste, daß sie sich eine Pflicht daraus mache, ihrem Mann zu gehorchen, und so stand mir eines der ersten Häuser Venedigs offen, in dem ich bald Gelegenheit hatte, den reichen venetianischen Adel, wie die Mocenigo, Dandolo, Falieri und so weiter kennen zu lernen. Ich wunderte mich, daß der Graf bei einer so hübschen Gattin eine Odelino vorziehen mochte, aber bekanntlich ist ja die Ehe das Grab der Liebe, und es kann nicht anders sein. In dem Kasino, in dem er mich einführte, langweilte ich mich; außer dem Spiel war wenig oder gar keine Unterhaltung daselbst anzutreffen. Contarino veranstaltete nun selbst öfters Wasserpartien mit den Frauen und Mädchen, wo ich wohnte; wir besuchten entferntere Kirchen und Klöster auf den Giudecca-Inseln le Grazie, San Giorgio, San Helena, San Clemente, fuhren nach Murano und so weiter, wobei ich absichtlich der jungen Karolina recht eifrig den Hof machte, damit die Eifersucht des Nobile nicht wieder erwachen möge; das Mädchen war auch hübsch genug, daß ich das in allem Ernste tun konnte. Contarino zeigte sich außerordentlich gefällig und dienstwillig, und als ich ihm einst von Zschokkes Abällino erzählte, in dem sogar ein Namensvetter von ihm eine Rolle spiele, und den Wunsch äußerte, ich möchte doch gerne wissen, ob der Verfasser aus einer historischen Quelle geschöpft oder das Sujet bloß ein Produkt seiner Phantasie sei, suchte er mehrmals halbe Tage lang mit mir in den Archiven, die uns auf Menous Gebot geöffnet wurden, alle Aktenstücke und Dokumente, die sich auf die Regierung des Dogen Andreas Gritti bezogen, durch, aber unsere Bemühungen waren vergeblich, wir konnten nichts auf diesen Gegenstand Bezügliches entdecken.

Indessen hatte ich in der Tat doch der Signora Lucietta, so hieß Contarinos Gattin mit ihrem Taufnamen, zu tief in das Auge gesehen und fühlte etwas mehr als bloßes Wohlwollen für die Schöne. Diese hatte aber einen alten Abbate zu ihrem Cavaliere servente, der den ihm anvertrauten Schatz wie ein Argus bewachte und dem mein Erscheinen in der Familie eben keine sonderliche Freude zu machen schien; schwerlich wäre ich mit der Dame je in eine nähere Berührung gekommen, hätte mich nicht der Zufall, dieser mächtige Gehilfe des Schicksals, begünstigt und den Herrn Abbate auf das Krankenlager geworfen. Jetzt traf ich Signora Lucietta fast immer allein, koste, musizierte und küßte bald mit ihr. Der Signor Marito bekümmerte sich weit weniger um seine reizende Gemahlin als um die Mätresse, und ich suchte erstere deshalb nach besten Kräften zu trösten, was mir um so eher gelang, als sie bereits Wind von dem Verhältnis mit der Donna mantenuta hatte. Ich teilte ihr nun unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mit, was wegen derselben zwischen ihrem Gatten und mir vorgefallen war, worauf sie weiter nichts als ein unwilliges: „È una gran bestia, il mio marito!“ ausstieß, dann lachte und sagte: „Nun, ich will’s ihm vergelten.“ – Jetzt waren wir bald nur eine Seele, und ich bedauerte nichts, als Venedig, wo ich mir immer mehr gefiel, sobald wieder verlassen zu müssen. En passant machte ich auch noch einer hübschen Seconda Donna vom Theater Fenice den Hof und brachte ein paar joviale Abende mit ihr zu, scherzte dabei recht artig mit Karolinchen und hielt hinsichtlich der Odelino streng mein Wort bis – zur Nacht vor meiner Abreise, wo ich mich gegen Morgen in ihr Schlafgemach stahl und sie zur Untreue gegen ihren Protektor verführte. – Ich entwand mich dann mit einem langen Abschiedskuß aus ihren Armen, und sie entließ mich mit einem matten Addio und „Ach, warum nicht früher?“ ... Bei Lucietta hatte ich schon den Tag und von Karolina den Abend vorher Abschied genommen.

Der Tag meiner festgesetzten Abreise war angebrochen, ich hatte über drei Wochen in der Dogenstadt verweilt, und mit dem frühen Morgen fuhr ich noch einmal durch einen Teil des Canal grande, zum letztenmal die öden Marmorpaläste bewundernd, deren Fenster manchmal sogar mit Dielen verwahrt sind und die unfehlbar in Ruinen zerfallen werden, da ihre Eigentümer nicht die Mittel haben, sie zu unterhalten, und dieselben eine Last für sie sind.

Auf Contarinos Rat fuhr ich in einer Barke nach Fusine, wohin ich meinen Wagen kommen ließ, um von da weiter nach Padua zu fahren. Diese Überfahrt ist angenehmer als die von Mestre. Durch die Lagunen wogend, entfernte ich mich allmählich von dem prächtig-traurigen, dem Meer entwachsenen Venedig; seine Kuppeln und Türme, die sich in einiger Entfernung auf der See majestätisch und zauberhaft ausnehmen, schwanden mehr und mehr, dabei hatte ich das nahe Ufer des festen Landes im Auge, dessen schöne Landhäuser, Gärten und gut angebaute Felder eine nicht minder reizende Fernsicht gewähren. Ehe ich die Küste erreichte, warf ich noch einen letzten scheidenden Blick auf die alte entthronte Meereskönigin, ihr ein ewiges Lebewohl sagend. Auch auf dieser Überfahrt hatte ich wieder jene wehmütige Empfindung, die mich allemal befällt, wenn ich einen Ort verlassen muß, an dem mir es wohl ging und wo ich der Freuden viele genoß. Zu Fusine nahm ich Postpferde und fuhr längs der herrlichen, wegen ihrer Fruchtbarkeit, Schönheit und Mannigfaltigkeit – Klöster, Dörfer, Villen, Gärten und Lustwäldchen – berühmten unabsehbaren Ebene hin. Überall herrscht reges Leben, und die Fluten sind noch mit Barken, Gondeln und anderen Schiffen bedeckt. Ich kam über Dolo, wo ich einige Prachtgebäude bemerkte, und sah bei dem ganz nahen Stra die Schiffe aus der Brenta in den Kanal Piovego, der gerade nach Padua führt, fahren. Man kann den Weg von Venedig bis dahin auch zu Wasser machen, der noch angenehmer sein mag, aber auch länger ist. Obgleich von ganz anderer Art als die Ufer des Rheins, des Ebro und der Donau, sind die der Brenta doch nicht minder unterhaltend und abwechselnd. Verlassene und oft schon halb verfallene Villen ersetzen hier die Ritterburgen des Rheins und sind die trauernden Überbleibsel und Denkmäler der gesunkenen Größe der Inselstadt, deren Bewohnern die meisten gehörten, andere aber den Einwohnern von Padua. Noch vor Mittag kam ich in dieser Stadt an, wo ich ein paar Stunden verweilte. Sie liegt unfern der Brenta, an der Bachiglione, und ist von so freundlichen, lachenden angebauten Hügeln umgeben, daß sie manche Reisende ein irdisches Paradies genannt haben.

Mit einbrechender Nacht setzte ich meine Reise fort, kam in der Nähe von Arqua vorüber, wo Petrarchs irdische Reste ruhen und man sein Haus, seinen Stuhl und das Skelett seiner Katze zeigt, dann durch das durch seinen Vipernfang berühmte Monselice, passierte die Adige (Etsch) bei dem Flecken Boara, fuhr durch Rovigo und, ohne mich weiter aufzuhalten, bis Ferrara. Eine leichte Unpäßlichkeit war die Veranlassung, daß ich hier ein paar Tage verweilen mußte. Die Stadt, die in der Nähe eines Armes des Po liegt, war sehr öde und zählte kaum achtzehntausend Einwohner mehr, die sich in ihren großen weitläufigen Straßen, in denen das Gras hoch und das Unkraut dicht stand, verlieren. Sie hat eine gute, regelmäßige und feste Zitadelle. Das Schloß der alten Herzoge von Ferrara liegt mitten in der Stadt und ist ringsum mit Wasser umgeben und von vier dicken Türmen flankiert, sein Anblick ist nichts weniger als erfreulich. In seiner Nähe befindet sich der sogenannte adelige Palazzo, vor dem zwei hohe Säulen mit den ehernen Statuen alter Herzoge stehen. Unter den Plätzen war der Napoleonsplatz der bedeutendste. Die Kathedrale ist ein schönes Gebäude, in der Benediktinerkirche befindet sich das Grab eines der phantasiereichsten Dichter, die je gelebt, des Autors des rasenden Roland, Ariosts, zu dessen Zeiten die Stadt noch eine der reichsten, blühendsten und bevölkertsten Italiens war. Die ungesunde Luft, welche die naheliegenden Moräste verursachen, und die häufigen Überschwemmungen, denen die Umgegend ausgesetzt ist, mögen viel zu ihrer Entvölkerung beigetragen haben. Das hiesige Theater ist groß und schön, die Paläste Este, Bevilacqua und andere sind prächtig. Das Hospital der heiligen Anna ist berühmt, weil der arme Tasso von dem undankbaren Herzog Alphons hier so lange in einem engen Gemach unter dem Vorwand einer Gemütskrankheit eingesperrt wurde. Krank war er allerdings, denn er war wirklich verliebt, und zu bedauern sind die mit dieser Krankheit Befallenen, für die man ebensowenig kann, wie für jede andere. Wer wüßte etwas von diesem Herzog, wenn ihn nicht der unsterbliche Dichter in seinem herrlichsten Werk den großmütigen Alphons genannt hätte! In der großen Bibliothek Ferraras sind Handschriften von Ariost, Tasso, Guarini und so weiter vorhanden, von ersterem auch noch das Tintenfaß und ein Stuhl.

Von hier reiste ich, wieder hergestellt, nach Ravenna ab, denn ich wünschte die alte berühmte Hauptstadt der Ostgoten kennen zu lernen. Der Weg dahin, den ich meistenteils in der Nacht zurücklegte, war unangenehm, und bei Argenta, in der Nähe der Sümpfe oder Valli von Comachio, warf mich der Postillon um, wodurch mir das Degengefäß so heftig in die linke Seite gestoßen wurde, daß ich eine bedeutende Quetschung davontrug, die mich nun gegen meinen Willen in Ravenna zurückhielt. Da es noch finstere Nacht war, so kostete es viele Mühe, bis der Postillon, mein Bedienter und ich, der arge Schmerzen hatte, den Wagen wieder aufrichteten, und es verging fast eine Stunde, bevor ich weiterfahren konnte. In Ravenna angekommen, schickte ich sogleich nach einem Militärarzt, der mir etwas zum Einreiben verordnete und auflegte. Sechsunddreißig Stunden mußte ich nun im Bette zubringen, was mir sehr ungelegen war. Von Venedig hatte ich ein paar Empfehlungen von Contarino für hier, die ich durch meinen Bedienten abgeben ließ und hierauf mehrere Besuche erhielt.

Das uralte Ravenna lag einst an den Ufern des Adriatischen Meeres und war einer der besten Häfen desselben, jetzt ist es an zwei Stunden von der Küste entfernt. Nach Strabo haben Thessalonier diese Stadt gegründet, Sabiner aber waren ihre ältesten bekannten Einwohner, später bemächtigten sich ihrer die Gallier, welche sich an den Ufern des Po niederließen. Paulus Aemilius verjagte sie, und die Römer verschönerten die Stadt außerordentlich, namentlich unter den Kaisern, und ließen ihre Flotten in ihrem Hafen überwintern. Unter den gotischen Königen und Exarchen im siebten Jahrhundert war sie eine der bedeutendsten und blühendsten Städte Europas. Dadurch, daß sie durch das Zurücktreten des Meeres ihren Hafen verlor, kam auch sie zurück. Im Mittelalter, wie alle Städte Italiens, durch Unruhen und Parteikämpfe zerrissen, mußte sie außerordentlich leiden, und zur Zeit, als sie die Venezianer, in deren Hände sie gefallen war, an die Päpste abtraten, war sie schon sehr herabgekommen; unter der Herrschaft des heiligen Stuhls sank sie noch vollends, so daß sie kaum fünfzehntausend Einwohner mehr zählte und noch weit verlassener als Ferrara war. Die alte Hauptstadt von Theodorichs Reich bot jetzt nur noch Überreste und trauernde Denkmäler ihrer früheren Größe den Blicken des Reisenden dar, ihre öden und menschenleeren Straßen waren mit falbem, dürrem Gras bewachsen, ihre zum Teil halbverfallenen Häuser und Paläste, meistens mit Moos und Gesträuch bedeckt, schienen ohne Besitzer, die mehr schleichenden als gehenden Einwohner hatten ein düsteres, schwermütiges und mutloses Aussehen, das eher Mitleid erregend als abschreckend war, im ganzen hatte sie das Ansehen einer verwünschten Stadt, in der nur lebensmüde Schatten einsam und tiefsinnig herumwandelten.

Nach vier Tagen des Bett- und Zimmerhütens war mir das Ausgehen wieder gestattet. Mein erster Gang war nach der im neueren Geschmack restaurierten Hauptkirche, in der ich eine Zeitlang umherwandelte und endlich vor den herrlichen Freskomalereien Guidos in einer Kapelle stehen blieb, die auch das schöne Gemälde enthält, welches Moses darstellt, wie er Manna vom Himmel regnen läßt. Noch war ich im Anschauen desselben vertieft, als ich hinter mir ein Damengewand rauschen hörte; ich sah mich rasch um und erblickte einen in schwarze Seide und Flor gehüllten blendend weißen Engel, der eben einen seine unwiderstehlichen Reize verhüllenden Schleier zurückschlug, sich zum Beten niederkniete und zwei Feueraugen zeigte. Dies bezaubernd lebendige Gemälde hatte das tote sogleich aus meinen Augen und Sinnen verdrängt, ich trat einige Schritte zurück, kniete ebenfalls nieder, und zwar so, daß ich die schöne Betende immer im Auge hatte. Auch sie hatte mir einen Blick geschenkt, der mich in eine erschütternde Vibration versetzte. Nach einer halben Stunde, die mir, obgleich kniend, kaum eine Minute dünkte, erhob sich die schöne Gestalt, verneigte sich tief und entfernte sich, mich im Vorübergehen noch eines Blickes würdigend. Ich hatte die Absicht, ihr zuvorzukommen, um ihr das Weihwasser zu bieten, erreichte aber meinen Zweck nicht. Ein sie begleitendes Mädchen, das hinter ihr gekniet, tat dies vor mir. Durch wenige aber lange und einsame Straßen führte ihr Weg, nur einmal sah sie sich um und schlüpfte dann durch die Pforten eines alten, nicht sehr ansehnlichen Hauses, dessen untere Fenster alle vergittert waren. Schon lange hatte sich die Tür hinter der wunderbaren Schönen geschlossen, und noch stand ich, die toten bemoosten Mauern und das rußig-braune Tor anstarrend, hinter dem sie verschwunden war. Ein vorübergehender Kapuziner weckte mich endlich aus meinen Träumereien, ich merkte mir Straße und Haus und kehrte vorerst heim. Als die Nacht herankam, durchstreifte ich mehrmals jene Straße, in welcher das mir merkwürdig gewordene Haus lag, aber an keinem Fenster desselben war auch nur ein Schimmer von Licht zu erblicken und alles so einsam und still, als wäre die Welt ausgestorben. Nachdem ich lange vergeblich auf irgendeine Entdeckung des mir so werten Gegenstandes gehofft hatte, entfernte ich mich, fest entschlossen, die näheren Verhältnisse meiner schönen Unbekannten à tout prix kennen zu lernen. Den anderen Tag erfuhr ich durch einen dienstbaren Geist, dem ich Straße und Haus bezeichnet hatte, daß die Dame die durch ihre Schönheit berühmte Signora Lucilla Manichetto aus Pesaro sei, die erst kürzlich, durch ihre Verwandten gezwungen, einem schon ziemlich bejahrten Richter ihre Hand gereicht, der sie strenge überwache, keinen Cicisbeo dulde und ihr nur das Kirchengehen morgens und abends in Begleitung eines Dienstmädchens gestatte. Also auch eine Lucilla, mir um so teurer, da sie mich an die kaum verlassene venezianische erinnerte. Daß ich nun immer in der Stunde, in welcher die Dame die Kirche besuchte, auch in derselben anzutreffen war, wird man mir ohne Beteuerung glauben. Ich richtete es jetzt so ein, ihr das Aqua benita zu reichen, und es gelang mir bald, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Durch dieses öftere Besuchen der Kirche wurde ich auch mit dem Sakristan derselben bekannt. Eines Abends, als ich längere Zeit auf meine Schöne wartete, begab ich mich in die Sakristei, wo ein dunkelgrüner Vorhang ein Gemälde in einem abgelegenen Winkel verhüllte. Ich befragte meinen neuen Bekannten, was es damit für eine Bewandtnis habe. Er erwiderte mir, daß es eigentlich streng verboten sei, dasselbe jemandem zu zeigen, indessen wollte er bei mir eine Ausnahme machen, wofür ich mich erkenntlich zeigte. Er zog nun an einer Schnur den Vorhang weg, und ich erblickte die Abbildung des Innern einer Kirche, in der ein Wüterich den Leichnam einer wunderschönen Frauengestalt mit einer Streitaxt in Stücke hieb und zerfleischte. Diese Darstellung erschütterte mich unangenehm, ich verließ die Sakristei wieder, und der Sakristan zeigte mir nun ein anderes Bild, das in der Kirche an einem Pfeiler hing und dem Anschein nach eine Geisterbeschwörung vorstellte. Mein Begleiter erzählte mir jetzt, sich bekreuzigend, daß dies Gemälde mit jenem in der Sakristei in engster Berührung stehe und der nämlichen Ursache seine Entstehung zu verdanken habe, obgleich es über zwölfhundert Jahre später gemalt worden sei. Ich bat ihn, mir den Zusammenhang und die Geschichte der beiden Bilder mitzuteilen, worauf er mir erwiderte, daß dies lange Zeit fordere und er außerdem die Geschichte des verhüllten Bildes nicht kenne, von dem anderen aber habe ihm sein Vorgänger, ein Greis von neunzig Jahren, erzählt, daß es die Verbannung eines bösen Geistes, der über tausend Jahre sein Unwesen jede Nacht in der Domkirche getrieben habe, vorstelle, und der nie ein Licht oder irgendeine Beleuchtung nach Mitternacht in dem Gottestempel mehr geduldet habe, sondern daß, sobald diese Stunde schlug, ein Windschauer alle Lichter, sogar in den wohlverwahrtesten Laternen, gelöscht habe, die dann niemand mehr anzuzünden imstande gewesen sei. Man habe alsdann ein schreckliches Getöse und Gepolter in den Gewölben und Hallen der Kirche vernommen und sich um diese Zeit kein Mensch mehr in dieselbe gewagt; seit undenklichen Zeiten hatte man die berühmtesten Geister- und Hexenbanner verschrieben sowie alle erdenkliche heilige Mittel angewendet, den Geist zur Ruhe zu verweisen, aber alles sei vergeblich gewesen, bis endlich einmal ein sehr sonderbar gekleideter, langbärtiger Mann aus einem unbekannten Land gekommen sei, dessen sich der Greis, der damals kaum zwanzig Jahre alt gewesen, noch gut zu entsinnen gewußt. Jener habe sich erboten, dem Spuk ein Ende zu machen, und eine ganze Nacht allein in der Kirche einschließen lassen. Mit Tagesanbruch habe er die Kirche von innen geöffnet, dem Priester, der die erste Messe lesen sollte, eine versiegelte Rolle übergeben und ihm geboten, dieselbe unter Schloß und Riegel wohl zu verwahren und niemandem als dem Bischof zu gestatten, die Siegel zu lösen. Sodann solle man das grause Bild aus der Kirche wegnehmen und verhüllt in einem Winkel der Sakristei aufbewahren und ein anderes, das man an einem gewissen Tag überbringen werde, dafür in die Kirche hängen. Hierauf verschwand der seltsame Mensch, von dem man nie wieder etwas gehört. Viele waren der Meinung, es sei der ewige Jude gewesen. Der Priester befolgte genau, was ihm befohlen war, der Spuk in der Kirche hörte von dieser Stunde an auf, der Bischof entsiegelte und las die ihm übergebenen Papiere, die hierauf in einer wohlverschlossenen Kassette in der Sakristei aufbewahrt wurden, wo sie sich noch befinden. Meine Neugierde hinsichtlich des Inhalts dieser Papiere war durch diesen Bericht rege gemacht. Der Sakristan gestand mir, daß er den Schlüssel zu dem Wandschrank habe, in dem sich die Kassette befinde, die sie enthalte, sowie daß er selbst schon einigemal in Versuchung gekommen, sie zu öffnen, aber eine Art Schauer habe ihn jedesmal überfallen, wenn er die Versuchung gehabt, und so sei er bis jetzt derselben widerstanden. Ich, der ich von diesem Schauer nichts empfand, bewog ihn durch Geschenke und Versprechungen, mir die Kassette auf eine Nacht anzuvertrauen, und wir öffneten dieselbe in meiner Wohnung mit Hilfe einiger krummer Nägel und starker Eisendrähte, aber auch der Deckel hielt so fest, wie wenn er angekittet wäre. Wir rissen ihn endlich auf, indem der eine an der Kassette, der andere am Deckel zog; nebst der Papierrolle fielen uns drei silberne und eine goldene Spange und ein Ring von demselben Metall in die Hände. Die Rolle enthielt ein in lateinischer Sprache mit gotischen Lettern geschriebenes Manuskript, das wir nicht ohne Mühe ins Italienische übertrugen und wir lasen eine gräßliche, von dem König Theobald in der Domkirche an seiner Gemahlin Rosaura verübte Mordgeschichte.[8] Noch eine zweite Rolle befand sich in der Kassette, die Spuk- und Erlösungsgeschichte des armen Geistes, ein von Mönchen mit lächerlichen Wundern ausgeschmücktes Machwerk.