I.
Zweiter Aufenthalt zu Neapel. – Ende der Frankfurter freireichsstädtischen Herrlichkeit. – Ich werde von der Terzana befallen. – Das Einstürzen der Häuser in Neapel. – Madame Gasqui. – Ein Vexiermarsch nach Capua. – Großes Avancement im Regiment. – Die Vicaria und ihre Höllenkerker. – Marietta und Teresina. – Neapolitanisches Volksleben unter freiem Himmel. – Hazardspiele und Liebhabertheater. – Die hübsche Apothekersfrau. – Das Aqua Tofana.

Den Tag nach unserer Ankunft suchte ich Vetter Moritz auf, der mehrere Briefe von meinen Eltern und Verwandten an mich hatte, die schon längere Zeit angekommen waren, welche er mir aber nicht hatte nachschicken können, da man nie genau wußte, in welcher Gegend Kalabriens wir uns befanden. In einem derselben schrieb mir mein Vater aus Frankfurt:

‚Mit unserer republikanischen und freireichsstädtischen Herrlichkeit hat es ein trauriges Ende genommen, Napoleon hat ein Großherzogtum Frankfurt geschaffen, von dem unsere Stadt die Hauptstadt ward, und Karl von Dalberg ist unter der Benennung: Fürst Primas, unser Großherzog. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß alle bedeutenden Ämter und Stellen jetzt von Ausländern besetzt werden und man die Frankfurter, namentlich auch die Senatoren, ihre Familien und Verwandten, fast unberücksichtigt hintenansetzt und so weiter.‘

Was mein guter Vater als das Schlimmste bezeichnete, war eigentlich das Beste an der Sache und gereichte Frankfurt zum Vorteil; denn bisher hatte man, wie später wieder, alle Stellen durchaus nur nach Gunst und Protektion an Söhne und Verwandte der einflußreichsten Familien vergeben, ohne nur im geringsten darnach zu fragen, ob das Subjekt einige Fähigkeiten zur Verrichtung der ihm obliegenden Funktionen besitze; so konnte zum Beispiel ein Talent, ein Genie wie Klinger, nicht eine Torschreiberstelle erhalten, sondern wurde schnöde an allen Senatorstüren mit Impertinenzen und Grobheiten abgewiesen. Er hatte freilich nicht einmal die Protektion einer Senators- oder Bürgermeisters-Köchin oder Base (oft die beste). Daß er den wohlfürsichtigen, hochgelehrten und so weiter Herren in seinem Faust und später als kaiserlich russischer Generalleutnant ein wenig arg mitgespielt, kann ihm niemand verargen. Die Wohlregierenden und Konsorten wurden da oft nach mehrstündigem Antichambrieren abgewiesen und wieder beschieden und mußten vor dem in der demütigsten Stellung supplizieren, den sie unter ihrer Würde gefunden hatten, nur anzuhören! – Hier herrschte von jeher und herrscht noch die vortreffliche Ämterverteilung, die Schiller so meisterhaft in seinem Fiesko schildert, wo Wölfe die Justiz, Füchse die Finanzen, Esel die Polizeigerichte und so weiter verwalten, in Summa, wo die wichtigsten Ämter durch Dummköpfe, Ignoranten oder Schurken bekleidet werden, wenn diese nur Ratsverwandte sind.

Außer den Briefen empfing ich auch etwas Geld von meinen guten Eltern, das mir jetzt sehr zu statten kam, denn ich war so wie meine Kameraden fast ganz abgerissen aus Kalabrien zurückgekommen, und das Gouvernement schuldete uns obendrein schon vier Monate Gage. Indessen hatte ich in den nächsten vierundzwanzig Stunden alles überstandene Ungemach und Elend rein vergessen; in den ersten Tagen konnte von Diensttun noch keine Sprache sein, das Bataillon wurde durch dreihundert vom Depot angekommene Rekruten verstärkt, die nun einexerziert werden mußten.

Die noch immer in Giesù nuovo wohnenden Damen besuchte ich in den ersten Tagen nach meiner Zurückkunft. Die liebenswürdige Madame Gasqui klagte über Langeweile und Migräne, ich tröstete sie, ihr versprechend, beides zu vertreiben; aber auch mich befiel kurz darauf eine Unpäßlichkeit, so daß ich mehrere Tage das Bett hüten mußte, die Krankheit löste sich endlich in eine Terzana (dreitägiges Fieber) auf, das ich sehr lange und immer wiederkehrend behielt, was mich aber, außer den wenigen Stunden, die der Anfall dauerte, von nichts abhielt; dies waren die Folgen des allerdings sehr anstrengenden Feldzugs in Kalabrien. Nach vielen vergeblichen Versuchen, mich von dem Fieber zu befreien, und nachdem ich sowohl die mir vom Regimentsarzt, als die von dem berühmten Arzt meines Vetters Moritz verschriebenen Droguen vergeblich verschluckt hatte, gab mir endlich der Kommandant der Fortezza del Carmine ein Mittel an, durch welches ich wenigstens nach jedem Anfall auf vier bis sechs Wochen von dieser Plage befreit wurde. Ich mußte nämlich gleich nachdem der Paroxismus vorüber war, eine halbe Unze zu Pulver gestoßene Chinarinde in gutem Wein nehmen, setzte mich dann zu Pferd und ritt ein paar Stunden so starken Trab, daß ich recht gerüttelt wurde; das Fieber verließ mich dann auf längere Zeit, stellte sich aber immer nach einem, auch zwei Monaten wieder ein, und zwar während fünf Jahren.

Im Kastell Carmine bewohnte ich ein Zimmer, dessen Terrasse die Aussicht auf das Meer und auf einen kleinen Platz vor demselben hatte, hier brachte ich manche Morgenstunde mit dem Lesen der italienischen Dichter zu, besonders war es Ariost’s rasender Roland, der mich, nebst Tasso’s befreitem Jerusalem und Dante’s göttlicher Komödie, am meisten ansprach. Den famösen achtundzwanzigsten Gesang des Orlando furioso lernte ich ganz auswendig. Auch die Gitarre nahm ich wieder zur Hand und studierte neapolitanische Lieder und Weisen, unter denen die sizilianische Romanze: „Un giorno Giove in collera“ eine sehr witzige Kanzonette war, die damals ganz Neapel exaltierte.

Eines Tages, als ich gerade in der Lektüre des Orlando vertieft war, hörte ich plötzlich ein entsetzliches ajuto, ajuto! (zu Hilfe, zu Hilfe!) von Frauenstimmen aus einem der meiner Terrasse gegenüberliegenden Häuser erschallen, und gleich darauf sah ich mehrere Damen händeringend an den Balkonen jenes Hauses erscheinen, die „ajuto per l’amor di dio schrieen. Ich begriff nicht, was den Frauen sei und glaubte zuerst, es befänden sich Mörder in dem Hause, eilte deshalb die Terrasse hinab, stürzte zum Fort hinaus und fand schon eine Menge Menschen, aber in einiger Entfernung vor dem Hause versammelt, in das sich niemand wagen wollte. Auf mein Befragen, was da vorgegangen sei, erfuhr ich, daß das Haus dem Einsturz nahe wäre und in dessen Innern schon mehrere Wände und ein Teil der Treppe wirklich eingestürzt seien. Die Einwohner desselben standen jetzt alle an den Balkonen des zweiten und dritten Stockwerks, um Hilfe rufend. Ich ließ eilig mehrere im Fort befindliche Leitern durch unsere Soldaten herbeiholen, mit deren Hilfe die geängstigten Bewohner sämtlich in die Straße hinabstiegen und gerettet wurden. Die Leute atmeten erst wieder auf, als sie auf ebener Erde waren und konnten mir nicht genug danken, denn ihr Leben hing an einer Nadelspitze. Ich hörte nun, daß in Neapel das Einstürzen der Häuser gar nichts Seltenes sei und weit öfter vorkomme als Feuersbrünste an andern Orten. Die Ursache davon ist, daß die ganz aus Steinen erbauten und sehr hohen Häuser durch die häufigen Erdbeben so sehr erschüttert werden, daß sie sämtlich große Risse und Sprünge haben und mehr oder weniger baufällig sind. Das Zusammenstürzen eines solchen Hauses ist oft so schnell geschehen, daß an Rettung gar nicht zu denken, in wenig Sekunden liegt es als ein Steinhaufen da, unter dem alles, was sich in dem Augenblick darin befand, begraben ist. Ein paar Tage nach diesem Vorfall stürzte auf dem Markt mitten in der Nacht ein solches Haus ein, wobei dreiundzwanzig Menschen das Leben verloren.

Ich bot den armen Leuten fürs erste ein Asyl in unserem Fort an, sie suchten und fanden indessen noch denselben Tag Unterkunft in einem anderen Teil der Stadt.

Meine meisten Mußestunden brachte ich jetzt in Giesù nuovo zu, wo noch immer unsere verheirateten Offiziere und mehrere andere wohnten. Herr von Gasqui war meistens kränklich, und seine junge, lebenslustige Frau ennuyierte sich mitten in der Hauptstadt des neapolitanischen Paradieses. Ich musizierte jetzt recht fleißig mit ihr, diese tödliche Langeweile zu verscheuchen, öfters blieben wir so auf kurze Zeit allein und wechselten dann Küsse, um einige Veränderung in unsere Unterhaltung zu bringen. Ist man einmal so weit mit einer hübschen Frau gekommen, so ist das Übrige eine Kleinigkeit, man nähert sich mit Riesenschritten dem Ziel, und es fehlt dann nur noch die Gelegenheit, um dasselbe zu erreichen. Eine solche herbeizuführen war nun mein Bestreben, und da der gute Gasqui durch seine öftere Entfernung in Dienstangelegenheiten, wo freilich der Zufall wollte, daß ich mich meistens zu solchen Stunden einfand, an denen ich ihn im Dienst beschäftigt wußte, uns oft selbst überließ, indem er mir noch obendrein beim Weggehen empfahl, seine liebe Frau, die sich hier langweile, bestens zu unterhalten, so hätten wir gutes Spiel gehabt, wenn wir in Giesù nuovo nicht so häufig durch die Besuche anderer Offiziersdamen und ihrer Männer gestört worden wären. Besonders war es Madame Grenet, die es verstand, sich immer zu der Zeit einzufinden, wo sie mich anwesend wußte. Eines Vormittags jedoch war diese mit noch einigen anderen Damen und deren Männern von unserem Großmajor Omeara zu einem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, dem die gleichfalls gebetene Madame Gasqui unter dem Vorwand von Unpäßlichkeit entsagte; ihr Mann hatte aber die Einladung akzeptiert. – Wir hofften nun endlich ein paar Stunden ganz ungestört unter vier Augen zubringen zu können, aber diese Hoffnung wurde vereitelt, denn kaum hatten wir begonnen, uns im zweiten Zimmer, dem Schlafgemach der liebenswürdigen Louise, die unzweideutigsten Beweise unserer gegenseitigen Zuneigung zu geben, als wir die Türe des ersten Zimmers öffnen hörten. Madame Gasqui sprang, ein großes Tuch überwerfend, aber in einem sehr erhitzten Zustand, schnell hinaus, die Türe hinter sich abschließend, und ließ mich als Arrestanten im hintern Gemach. – Ich erkannte bald die Stimme des Kapitäns Linange, wie man ihn im Regiment nannte, eines Grafen Leiningen, den Fürst Y. erst vor wenig Monaten als Hauptmann angestellt und zum Regiment nachgeschickt hatte. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der früher, ich weiß nicht mehr in welchen deutschen Diensten gestanden und nun unserem zweiten Bataillon zugeteilt war, das bis jetzt Neapel noch nicht verlassen hatte. – Gleich nach seiner Ankunft schloß er mit Herrn Gasqui eine dicke Freundschaft und machte nebenher seiner jungen Frau den Hof. – Auch er war zu dem Frühstück in der Villa Reale eingeladen, hatte sich aber losgemacht. Madame Gasqui allein in Giesù nuovo vermutend, war er hierher geeilt. Ich mußte nun in meinem Versteck alle Süßigkeiten anhören, die der halbhundertjährige Liebhaber meiner Schönen vorleierte, welche ihn verlegen anhörte, da sie wußte, daß ich kein Wort von dieser Unterhaltung verlieren würde. Es kam zu einer förmlichen Liebeserklärung und sogar zu einem Kniefall, aber meine Louise spielte nicht nur die Unerbittliche und Grausame, sondern schien im Ernste böse und aufgebracht zu sein, und drohte mit ihrem Mann; ob sie ebenso gehandelt haben würde, wenn ich nicht im Schlafzimmer gewesen wäre, oder dann vielleicht den guten Linange derb ausgelacht hätte, muß ich dahingestellt sein lassen; denn wer vermag Weiberherzen zu ergründen? – ebensowenig wie deren oft so bizarren Geschmack; aber jetzt mußte ihr alles daran gelegen sein, den Herrn Grafen baldmöglichst zu entfernen. Wie leicht konnte nicht ihr Mann, Madame Grenet oder sonst jemand noch dazu kommen, und dann steckte ich in einem Cul de sac, aus dem kein anderer Ausweg war, als durch das vordere Zimmer. Es war nicht so leicht, den Herrn von Linange los zu werden, und Louise konnte dies endlich nur dadurch bewirken, daß sie ihm, wenn er gehorsam sei, in weiter Ferne einen Hoffnungsschimmer blicken ließ. Nachdem sie ihm noch eine Romanze vorgesungen, denn er bestand darauf, wenigstens ihre Engelsstimme hören zu wollen – sie war boshaft genug, ihm ein Spottlied auf einen alten Gecken vorzutragen –, entfernte er sich mit einem ehrerbietigen Handkuß, ich wurde endlich aus meinem Gefängnis erlöst; aber auch ich mußte fort, wenn wir nicht zum zweitenmal überrascht werden sollten. Linange war über eine gute Stunde geblieben, und es war hohe Zeit, daß ich ging. Ich verließ die Dame mit einer heißen Umarmung, mir vornehmend, jetzt auf passendere Gelegenheit zu unseren Zusammenkünften zu sinnen. –

Zwei Tage darauf lud ich Herrn und Madame Gasqui zu einem kleinen Souper in die Villa Reale ein[1], und da sich Linange gerade bei ihnen befand, so konnte ich nicht umhin, auch diesen zu invitieren, der die Einladung mit Dank annahm. – Bei diesem Souper ließ ich zum Dessert die köstlichsten Weine, Cyprier und Christuszähren auftragen, und munterte die beiden alten Herrn auf, wacker zuzusprechen, wozu es des Nötigens eben nicht bedurfte. Als man recht im Train und allegro allegrissimo war, machte ich den Vorschlag, das Theater zu besuchen. – Gasqui aber meinte, es gefiele ihm weit besser hier, wenn aber seine Frau Lust habe, so könne sie dies Vergnügen mit mir genießen, er wolle noch eine Weile mit seinem guten Freund Linange recht behaglich der Ruhe pflegen und sich dann direkt nach Giesù nuovo begeben, wohin ich ihm seine Frau nach beendigtem Schauspiel bringen solle. Dies war Wasser auf meine Mühle. Linange machte zwar ein griesgrämiges Gesicht dazu, konnte aber seinem Kameraden nicht gut abschlagen, ihm Gesellschaft zu leisten, und mußte nolens volens bleiben. Auch mochte wohl der gute Wein, dem er eben nicht Feind war, ein Übriges dazu beigetragen haben, genug, er blieb zu meiner großen Freude, und wir machten uns davon. Wir waren so eilig, daß ich sogar vergaß, die Zeche zu bezahlen, und die beiden alten Krieger gewissermaßen im Pfand zurückließ. Vor der Villa angekommen, bemerkte mir Madame Gasqui, daß sie ihre Lorgnette nicht bei sich, und da sie kein sehr gutes Gesicht habe, sie das Vergnügen des Theaters ohne diese nur halb genießen würde.

„Ei, dann wollen wir vorher schnell nach Giesù nuovo, sie zu holen.“

„Wo denken Sie hin, es ist über eine halbe Stunde Wegs.“

„Die wir in einem Kalesso[2] in zehn Minuten zurücklegen.“

Ich nahm nun das erste vor der Villa haltende Fuhrwerk, versprach dessen Führer noch ein Trinkgeld, wenn er uns recht rasch befördern würde, und in acht Minuten stiegen wir vor Giesù nuovo aus, wo ich dem braven Wagenlenker das doppelte der Taxe einhändigte, der uns vergnügt mit einem felicissima notte dankte.

Madame Gasqui eilte in ihr Schlafzimmer, das sie aber hinter sich zuriegelte, mich im vorderen Zimmer stehen lassend, angeblich ihre Lorgnette zu holen. Des Harrens müde, bat ich sie, mich einzulassen, aber siehe da, der Eintritt wurde mir gegen alles Erwarten verweigert, und nur erst nach einigem Hin- und Herkapitulieren an der verschlossenen Türe, wobei ich hatte versprechen müssen, mich recht fein und artig zu benehmen, wurde sie mir geöffnet; was dieses kleine Zwischenspiel zu bedeuten hatte, war mir kein Rätsel, auch stürzte ich, sobald die Türe offen war, der liebenswürdigen Dame in die Arme, erstickte ihren Mund mit Küssen, trug sie auf das schwellende Bett und – eine halbe Stunde darauf half ich der verschämten Frau die Lorgnette suchen, fuhr mit ihr nach dem kleinen Theater San Karlino, wo wir in einer geschlossenen Loge, einem chiaroscuro, denn das Haus war schlecht beleuchtet, das tolle Zeug, das man aufführte, unter Lachen und Schäkern mit ansahen. – Nach Mitternacht verließen wir das Theater, ich brachte meine Dame wieder in einem Kalesso nach Giesù nuovo zurück, wo uns Gasquis Bursche empfing, und mitteilte, daß sein Herr noch nicht zurück sei und er ihn schon seit zwei Stunden, da er ihn um zehn Uhr bestellt habe, erwarte.

„Alle Wetter,“ rief ich aus, „ich habe ja die Zeche in der Restauration nicht bezahlt, am Ende hatten die Herren nicht soviel Geld bei sich und sind dort im Versatz geblieben!“

Madame Gasqui lachte und lispelte: „Wohl möglich, wenigstens hat mein Mann keine zehn Lire bei sich.“

„Und Linanges Kasse ist auch nicht zum besten bestellt,“ versetzte ich, „er verspielt alles. Da muß ich gleich wieder in die Villa Reale zurück.“

Ich wollte mich nun der Madame Gasqui empfehlen, aber diese sagte: „Wollen Sie mich denn nicht mitnehmen? – Ich glaube, es ist besser, wenn wir zusammen hinfahren, ein allenfallsiges kleines Donnerwetter abzuwenden. Sie wissen ja, wie mir der unausstehliche Linange zusetzt, er könnte leicht meinem Mann allerlei Dinge in den Kopf setzen.“

Ich gab ihr recht und dem Burschen ein gutes Trinkgeld, ihm verbietend, seinem Herrn zu sagen, daß wir zuerst hier waren, bevor wir nach der Villa zurückkehrten; von unserer ersten Zusammenkunft aber wußte er nichts, denn man hatte ihn weislich weggeschickt. Als wir in der Villa Reale ankamen, trafen wir die Herren noch beim Zechen und mit glühenden Gesichtern. Gasqui empfing uns freundlich und wohlwollend, Linange aber mit einem mürrischen Gesicht, und sagte mir mit zornigem Blick: „Wenn man die Leute einladet, so sorgt man auch für die Zahlung, wir sitzen vier Stunden hier wie angenagelt, und können nicht vom Fleck, da wir nicht darauf vorbereitet waren, die Zeche bezahlen zu sollen.“

Ich entschuldigte mich tausendmal, indem ich sagte, daß es meine Absicht gewesen, wieder hierher zu kommen; Gasqui fiel mir auch mit einem: „c’est bon, c’est bon“ ins Wort, Linange aber brummte in den Bart; Madame Gasqui fing vom Theater zu erzählen an und konnte ihrem Mann nicht genug versichern, wie viel Vergnügen ihr die Späße des Arlechino und Pulcinello gemacht hätten.

„Das glaub’ der Teufel,“ murmelte Linange auf deutsch, „ich wollt’ dich bespaßen, wenn ich dein Mann wäre.“

„Und wie artig war nicht Kolumbine,“ fiel ich ein, tuend, als hätte ich Linanges Worte nicht gehört, der noch ein Himmelsakrament brummte.

Ich rief nun schnell dem Aufwärter, befahl einen Ananas-Punsch, und dies erheiterte selbst des Herrn Grafen Gesicht wieder, die Unterhaltung wurde fröhlicher, Pulcinello und Arlechino mußten das ihrige redlich beitragen, und erst um zwei Uhr nach Mitternacht dachten wir an das Heimkehren. – Beim Abschied sagte Linange, mit dem Finger drohend, zu mir: „Sie sind mir ein loser Vogel, nehmen Sie sich aber vor der Leimrute in Obacht!“

„Das tue ich auch, Herr Graf.“

Ich hatte der Madame Gasqui versprochen, sie nun, wenn es der Dienst erlaube, jeden Tag zu besuchen, um mit ihr zu musizieren, auch wollten wir noch gemeinschaftlich Gitarre-Unterricht bei einem neapolitanischen Lehrer nehmen, und dies alles war ihr guter Mann nicht nur zufrieden, sondern er war sogar seelenvergnügt darüber. Ich brachte jetzt die meiste Zeit, die ich ermüßigen konnte, in Giesù nuovo zu, führte Madame Gasqui oft allein, bisweilen aber in Begleitung ihres Mannes in das eine oder andere Theater und nach demselben in restaurierende Kaffees, wo wir uns besondere Kabinette geben ließen, in denen wir dann, wenn wir allein waren, dem frivolen Gott Cupido und seiner Frau Mutter Weihrauch streuten.

Eines Abends, als ich wieder von so einer Partie um ein Uhr nach Mitternacht im Kastell del Carmine ankam, fand es sich, daß meine Kompagnie mit noch drei anderen schon seit drei Stunden nach Kapua abmarschiert war. Ich hatte zwar dem Sergeanten von der Wache hinterlassen, daß ich immer in Giesù nuovo zu finden sei, aber da wußte man nicht, wo ich mit Madame Gasqui hingeraten war. Ich trieb schnell einen Fiaker auf, mit dem ich so rasch wie möglich den abmarschierten Truppen nachfuhr, deren Arrieregarde ich in Averso einholte, und mit der ich in Kapua ankam. Dennoch ging es nicht ohne Verweis ab, ich war aber nicht der einzige Offizier, dem es so gegangen war, noch ein halbes Dutzend waren in demselben Fall und kamen meist erst nach mir an. – Müde und erschöpft warf ich mich ganz angekleidet auf das Bett in dem mir angewiesenen Quartier und einem erquickenden aber festen Schlafe in die Arme, aus dem ich erst gegen Abend wieder erwachte. Ich sah eine Zeitlang durch das Fenster die Straße hinab, wobei es mir auffiel, daß ich nicht einen von unseren Soldaten erblickte, die doch sonst in allen Straßen herumschwärmten, sobald sie in einem Orte eingerückt waren. Es ward mir jetzt nicht wohl bei der Sache, ich verließ mein Quartier, und hörte bald, daß die Truppen seit ein paar Stunden schon wieder abmarschiert seien, und zwar nach Neapel zurück. – „Ei, da soll ja eine Bombe dreinschlagen,“ sagte ich zu einem Sergeant-Major, der, so wie noch mehrere Offiziere, die ich auf dem Marktplatz traf, auch den Abmarsch verschlafen hatte, keiner von uns hatte die Rappelle schlagen hören. Wir rotteten uns zusammen und bildeten noch eine Extra-Arrieregarde, die, zum Teil beritten, beinahe zu gleicher Zeit oder doch nur wenige Minuten nach dem Truppenkorps in Neapel eintraf. – Es war ein Marsch für die Affen, wie man zu sagen pflegte, den wir gemacht hatten, denn auf ein leeres Gerücht hin, daß die Galeerensklaven und Gefangenen in Gaëta revoltiert hätten, waren wir zum Marsch dahin beordert worden; aber bald nach unserem Abgang waren Berichte angekommen, welche dartaten, daß an der ganzen Sache nichts, und sie aus der Luft gegriffen war. Glücklicherweise war unser abermaliges Zurückbleiben weder bemerkt noch gemeldet worden, da so viele nachkamen und wir den größten Teil des Weges in der Nacht zurücklegten. Ich war froh, daß alles so gut ablief, denn ich fürchtete Arrest zu erhalten. Damit mir aber künftig nichts Ähnliches mehr passieren möge, befahl ich meinem Burschen, der mit verschlafen hatte, sich künftig, nachdem er mich bedient, immer in der Kaserne oder dem Ort aufzuhalten, wo das Gros des Bataillons einquartiert sei.

Ich lebte nun meinen lustigen Train in Neapel fort und erteilte der Madame Gasqui auch Unterricht im Italienischen, das ich jetzt schon gut sprach und durch das Lehren noch besser lernte; ich hatte in allen Dingen eine gelehrige Schülerin an der hübschen Frau, mit der ich fast jeden Abend ein anderes Theater, bald San Carlo, Fiorentino, Fondo, Nuovo und so weiter besuchte. Trotzdem Madame Grenet und Linange intrigierten, ließ sich ihr Mann doch nicht irre machen und uns alle Freiheit, bisweilen begleitete er uns in die Theater, verließ uns aber immer spätestens zur Hälfte der Vorstellung, denn es lag ihm gewaltig viel daran, vor elf Uhr in seinem Bett zu ruhen. – Nach den ausgestandenen schweren Strapazen führte ich ein Leben in dolce giubilo, aß bisweilen doch selten bei Moritz, den ich fast nur besuchte, wenn totale Ebbe in meinen Beutel eingetreten, was bei meiner Lebensart nicht selten war.

Nachdem unsere Rekruten einexerziert waren, wurde der Dienst wieder beschwerlicher, und namentlich die Wachen, die jetzt häufiger an mich kamen.

Wir mochten ungefähr vier Wochen aus Kalabrien zurück sein, als ein großes Avancement in dem Regiment stattfand, bei dem alle Offiziere, die wir verloren hatten, ersetzt wurden; viele Sergeanten, die tauglichsten Subjekte, wurden zu Unterleutnants befördert, und ich wurde bei dieser Gelegenheit Oberleutnant; ein gutes Avancement bei kaum anderthalb Jahren Dienst und für mein Alter. – Wenn dies so fortgeht, dachte ich, dann kannst du bald den Marschallstab erhalten. – Zu gleicher Zeit verkaufte mir der junge Stock ein sehr schönes Reitpferd um einen Spottpreis, den sein Onkel bestimmt hatte und für meine Rechnung bezahlte, mir dabei bemerkend: daß, da sich in meinem Fort keine Ställe befänden, er ihm einstweilen einen Platz in dem seinigen nebst der Kost geben wolle, die er mir gehörig in Anrechnung bringen würde, wozu ich ihn jedoch nie bewegen konnte.

Jetzt gefiel es mir unendlich besser in Neapel, als das erstemal. Kein Wunder, denn ich amüsierte mich königlich und suchte mich nebenbei auch noch möglichst in der Musik, namentlich im Gesang zu vervollkommnen, in welchem ich bei einem berühmten Kastraten, Matuccio, Unterricht nahm, um mir die italienische Schule völlig anzueignen. Einen Zechino mußte ich diesem Musico, wie man hier die Kastraten nennt, für jede Stunde bezahlen.

Bald darauf hatte ich zum erstenmal die Wache in der Vicaria, dem ehemaligen Kastell Capuano, das jetzt in einen Justizpalast umgewandelt war, in welchem die Tribunale und verschiedene Gerichte ihren Sitz aufgeschlagen hatten, auch die Zahlenlotterie wurde daselbst gezogen, und sie enthielt zugleich die furchtbarsten und scheußlichsten Kerker, in denen vielleicht über tausend Unglückliche, Verbrecher und wohl manche Unschuldige schmachteten. Diesen Wachtposten, der mir sehr unangenehm schien, da man die ganze Nacht hindurch unaufhörlich das Klirren der Eisenstäbe an den Gittern, welche die Aufseher anschlagen, um zu sehen, ob keine durchfeilt sind, und das Ächzen und Stöhnen der Gefangenen hört, hatte ich längere Zeit zu meiden gewußt, mit anderen Kameraden tauschend, was sich aber diesmal nicht hatte tun lassen. Die Vicaria ist eines der schrecklichsten Gefängnisse, die ich in meinem Leben gesehen, und der Palast bietet ein schaudererregendes Bild des menschlichen Elendes und aller Verworfenheit dar, er war der Schlupfwinkel der niedrigsten und teuflischsten Intrigen und Kabalen einer feilen Justiz und ihrer infamen Schleichwege. Schon das Äußere dieses Gebäudes, das auf einem kleinen, freien Platze steht, ist abschreckend genug. Diese ehemalige Residenz der Könige von Neapel, von Wilhelm I. bis Ferdinand I., war mit Mauern und mit von faulem Wasser angefüllten Gräben umgeben; ringsherum waren an den schwarzgrauen Mauern eiserne Käfige angebracht, in denen man die Köpfe hingerichteter Verbrecher aufbewahrte, die halb oder ganz entfleischt noch von Raben und andern Raubvögeln heimgesucht wurden, die daran hackten. Scharf geladene Kanonen mit brennenden Lunten daneben bewachten den Eingang zu dieser Hölle, auf welche Dantes berühmte Inschrift sehr gut gepaßt hätte; denn nur wenigen der Gefangenen, die zu jener Zeit diesen Schauerort betraten, blieb noch der Schimmer einer Hoffnung, ihn wieder lebendig zu verlassen.

In den obern Stöcken desselben befanden sich die Archive und Gerichtssäle, von denen einer, der sogenannte Audienzsaal, so groß ist, daß er an zweitausend Menschen fassen kann. Im Erdgeschoß saßen die weniger gefährlichen und nicht so schwer angeschuldigten Gefangenen, aber tief unter der Erde wurden diejenigen, denen man schwere Verbrechen, Rebellion und Verschwörung gegen die Regierung zur Last legte, oder die mächtige Feinde hatten, in feuchten Kerkern und Höhlen aufbewahrt, in welche nie ein Sonnenstrahl drang; in den untersten derselben, deren Boden ganz schlammartig war, hatten die Unglücklichen Schlangen, Kröten, Skorpione und Unken, die ihr Lager auf längst verfaultem Stroh mit ihnen teilten, zur Gesellschaft, und kein frischer Luftzug erneuerte je die verpestete faule Atmosphäre dieser Behälter.

Sobald die Sonne hinunter war, gingen die Gefängnisaufseher von Gitter zu Gitter, mit Stangen an den Stäben klopfend, um sie zu prüfen; dies Manöver erneuerte sich jede halbe Stunde und währte, bis der Tag wieder zu grauen begann. Eine wahrhaft höllische Nachtmusik. Oft übersteigt die Zahl der hier Eingekerkerten vier- bis fünftausend, und mancher schmachtete, von der ganzen Welt vergessen, schon über ein halbes Jahrhundert hier; andere saßen unter der früheren Regierung zwanzig und dreißig Jahre, ohne daß ihre Sache nur zum Spruch kam, und litten, in verfaulte Lumpen gehüllt, vom Ungeziefer bei lebendigem Leib aufgefressen, mit Geschwüren und Beulen bedeckt, tausendfachen Tod, bis sie der wirkliche endlich erlöste. Gott, wie ist man doch mit der Menschheit schon umgegangen! – Die Bastille in Paris war noch ein Lusthaus gegen diese Vicaria, wo sich auch noch die scheußlichsten Folterkammern mit all ihren Marterwerkzeugen befanden.

Da sich bei jedem Tumult und Aufruhr das Volk immer zuerst der Vicaria zu bemächtigen sucht, so zählte die Wache daselbst über achtzig Mann und wurde jeden Abend noch durch eine zum Patrouillieren bestimmte Abteilung, über hundert Mann, verstärkt. An den Hauptgerichtstagen finden sich hier ganze Heere von Richtern, Anwälten, Prokuratoren, Advokaten, Rechtsverdrehern und Rabulisten ein, ich sah Leiterwagen voll Akten in die Höfe fahren und zählte die an einem Morgen ankommenden, mit Litiganten besetzten Kutschen zu Hunderten. Alle Richter, Advokaten und so weiter waren in lange Mäntel und Perücken gehüllt und ließen ihre Akten in großen Körben die Treppen hinauftragen. An solchen Tagen, oder wenn die Zahlenlotterie gezogen wurde, war das Gedränge so groß, daß die Hälfte der Wache immer unter dem Gewehr stehen mußte. Nimmer hätte ich mir träumen lassen, daß ich an diesem Ort der Greuel noch so manche selige Stunde wonnetrunken zubringen würde.

Bei meiner ersten Wache daselbst vernahm ich ein paar Stunden nach Sonnenuntergang plötzlich aus einem Fenster der mittleren Gebäude, welche meiner Wachtstube gegenüberlagen, den Klang einer Mandoline und Gitarre, und bald darauf hörte ich zwei schöne klangreiche Sopranstimmen neapolitanische und sizilianische Volkslieder mit Begleitung dieser Instrumente singen. Ich horchte hoch auf und war recht verdrießlich, als die liebliche Musik, die gewiß auch manchem der Gefangenen auf einige Augenblicke seine Qualen erleichterte, durch das mißtönende Klirren der Eisenstäbe unterbrochen wurde. Indessen fuhr der Gesang fort, und um ihn besser zu hören, ging ich in den Hof hinab, wo ich hinter einem Balkon die Schatten zweier niedlicher Frauengestalten sah, welche diese sonoren Töne erschallen ließen. Auf meine Erkundigung, wer die Damen seien, welche diesen traurigen Ort durch ihre Musik so erheiterten, erfuhr ich, daß die eine die Tochter, die andere aber die Nichte des Oberverwalters oder Kastellans der Vicaria, und beide ein paar junge, muntere, recht artige Mädchen seien. Begierig, deren Bekanntschaft zu machen, ließ ich meine Gitarre durch meinen Burschen holen und stimmte, nachdem sie aufgehört, einige italienische Kavatinen, namentlich das schelmische „Una povera ragazza“ an. Die Mädchen horchten, wie ich wohl merkte, hoch auf und waren mäuschenstill, auch sangen sie diesen Abend nichts mehr, sondern spielten später, nachdem auch ich wieder still geworden, noch eine Tarantella und verschwanden. Ich aber spazierte noch lange beim Mondschein in dem Hof auf und nieder und ging endlich nach Mitternacht auf mein Wachtzimmer, wo ich mich auf das lederne Ruhebett warf und phantasierend mir die Gesichter und Figuren der beiden Sängerinnen ausmalte, mit Ungeduld den Tag erwartend, der, wie ich hoffte, mich die Mädchen von Angesicht zu Angesicht würde sehen lassen. Endlich brach die ersehnte Dämmerung heran; als der Tag kaum erschienen war, sah ich durch mein Fenster die jenseitige Haustüre öffnen, aus der zwei niedliche Gestalten in schwarzer, neapolitanischer Nationaltracht, mit Gebetbüchern in der Hand, traten, die über den Hof und durch das Tor zur Frühmesse in die nächste Kirche eilten. Dies sind ohne Zweifel meine charmanten Sängerinnen, dachte ich, und hatte recht. Es ärgerte mich nun, nicht im Hof gewesen zu sein, als sie durch denselben schritten; um sie aber bei der Rückkehr nicht zu verfehlen, die unmöglich lange dauern konnte, spazierte ich unter dem Tor auf und nieder, sie erwartend. Es dauerte auch kaum eine halbe Stunde, so kamen sie zurück; ich grüßte sehr freundlich, als sie an mir vorübergingen, und hatte das Vergnügen, meinen Gruß recht artig, wenn auch etwas verschämt und mit niedergeschlagenen Augen, erwidert zu sehen; eine derselben war allerliebst und die andere wenigstens sehr leidlich. Noch denselben Morgen machte ich die Bekanntschaft des Herrn Papas und Oheims, den ich unter dem Vorwand, ihn um etwas in Dienstangelegenheiten fragen zu wollen, zu mir herunterbitten ließ. Der Kastellan war so gefällig, sich einzufinden, und nachdem ich mich über mancherlei, die Sicherheit der Gefängnisse und so weiter betreffend, bei ihm erkundigt, bot ich ihm ein kleines Frühstück an, das er anzunehmen und sich schmecken zu lassen die Güte hatte. Er gab mir manche nicht uninteressante Notizen über die Vicaria und ihre Gefangenen und erzählte mir, daß er bereits seit sechsundzwanzig Jahren den Verwalterdienst hier versehe, ein geborener Palermitaner und Witwer sei, zwei Söhne, die sich in Sizilien bei Verwandten aufhielten, und eine Tochter habe, die mit seiner Nichte, auch einer Palermitanerin, bei ihm wohne. Noch teilte er mir einige gräßliche Geschichten mit, die unter der vorigen Regierung in der Vicaria vorgefallen und so empörend waren, daß sie mir das Blut in Wallung brachten.

Während dieser Unterhaltung schielte ich öfters nach den gegenüberliegenden Fenstern, aber von den Mädchen ließ sich keine blicken, doch glaubte ich zu bemerken, daß sich ein Vorhang manchmal ein wenig lüfte, woraus ich schloß, daß sich meine Schönen hinter demselben befänden, und zwar ganz richtig, wie ich später von ihnen selbst erfuhr. – Nach drei Viertelstunden verließ mich der Alte recht vergnügt, um seinen Amtsgeschäften nachzugehen, und sagte beim Abschied, er hoffe mich recht bald wieder in der Vicaria zu sehen, wo er mir dann noch gar manches Merkwürdige mitteilen wolle. Ich spazierte eine Zeitlang im Hof auf und nieder, aber meine grausamen Schönen ließen sich nicht mehr blicken, und schon hörte ich die Trommel der ankommenden Wache, ein Klang, der mir sonst immer erwünscht war, mich aber diesmal ärgerte. Als jedoch die Schildwache ‚aux armes‘ rief und die neue Wache im Paradeschritt anmarschierte, da zeigten sich auch die beiden Signoras wieder am Balkon, das Schauspiel der Ablösung mit anzusehen, was mich so sehr zerstreute, daß ich statt rechts, links in die Flanken zum Abmarsch kommandierte, doch lachend den Fehler reparierte und im Abmarsch die Damen mit dem Degen salutierte, was beide über und über erröten machte. – Ich nahm mir nun vor, von jetzt an, so oft unser Regiment diesen Posten zu besetzen hatte, mit dem Offizier, der diese Wache bezog, zu tauschen, und ging dies nicht an, die hier wachthabenden Offiziere fleißig zu besuchen.

Den kommenden Morgen fand ich mich in aller Frühe vor der Vicaria ein, aufzupassen, wenn die beiden Mädchen wieder in die Messe gehen würden, um ihnen daselbst das Weihwasser zu präsentieren. Zur nämlichen Stunde wie den Tag vorher traten sie aus dem Tor und gingen nach der Kirche San Pietro ad Arano, in welcher der heilige Petrus die nicht minder heilige Candida getauft haben soll. Ich eilte ihnen zuvor, da ich mich schon den Tag vorher bei dem Herrn Papa erkundigt hatte, in welcher Kirche sie die Messe hörten, placierte mich an den Weihkessel, ihnen das Weihwasser auf meinen Fingerspitzen reichend, das sie auch dankend und wieder errötend von mir annahmen und sich nun überzeugt hielten, daß ich ein gut katholischer Christ sein müsse. – Ich nahm ein paar Schritte von den Mädchen Platz, so daß ich imstande war, sie während der Dauer der Messe mit aller Bequemlichkeit zu beobachten, und bemerkte, daß bald die eine, bald die andere verstohlen nach mir herüberschielte. – Nach gehörig vollbrachter Andacht leistete ich beim Herausgehen den beiden Mädchen denselben Dienst wie beim Eintritt und wurde nicht minder dankbar belohnt, hütete mich aber wohl, sie heim zu geleiten, da eine Neapolitanerin im Nationalkostüm mit einer französischen Uniform gesehen, sich allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzte; den nächsten Tag aber war ich so klug, mich in Zivilkleidern in die Messe zu begeben, unterhielt mich nach beendigtem Gottesdienst recht angenehm mit ihnen, sie jetzt heimbegleitend, und teilte ihnen mit, daß ich in zwei Tagen wieder die Wache an der Vicaria beziehen, so das Vergnügen haben würde, sie daselbst zu sehen und hoffentlich auch singen zu hören. Etwas verlegen fragte mich die Nichte, wie es denn komme, daß ich so schnell wieder an diese Wache käme, worauf ich ihr gestand, daß ich deshalb mit einem Kameraden getauscht habe. – Statt den geraden Weg nach der Vicaria zu gehen, schlugen wir einen ziemlich krummen Umweg nach der Porta Capuana zu ein, und ich begleitete dann die Mädchen bis an das Ende der Straße Carbonara, wo ich mich ihnen in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehens bestens empfahl. – Ich hatte von ihnen herausgebracht, daß die hübscheste, die sich Teresina nannte, die Nichte, und die andere, die anmutigste, Marietta, die Tochter des Kastellans war. Den nächsten Morgen verhinderte mich der Dienst, die Messe zu besuchen, und den folgenden hielt ich es nicht der Mühe wert, da ich ein paar Stunden später die Wache an der Vicaria beziehen sollte. Als ich mit derselben anmarschiert kam, fand ich die beiden Mädchen schon auf ihrem Balkon sitzend und grüßte sie wieder mit dem Degen, ohne diesmal einen Fehler im Kommando zu machen. Nachdem sämtliche Posten abgelöst und die alte Wache abmarschiert war, kam der alte Kastellan recht freundlich auf mich zu, freute sich, mich wiederzusehen, da ich der einzige Offizier sei, der von den Franzosen diese Wache beziehe, mit dem man doch ein Wort sprechen könne, indem die anderen keine Silbe Italienisch verstünden, und wurde so gesprächig, daß es mir fast lästig war. Ich leitete die Unterhaltung auf den Gesang und die schönen Stimmen, die ich bei meiner letzten Wache hier gehört.

„Corpo di Bacco,“ fiel er ein, „das waren meine Mädchen! Nicht wahr, Signor Uffiziale, meine Ragazza singt schön; es hat mich aber auch Geld gekostet, denn ich ließ sie bei einer der ersten Choristinnen des Fiorentino lernen.“

Als ich ihm sagte, daß auch ich musikalisch sei und singe, rief er aus: „Ei, das ist ja scharmant, da können Sie mit meinen Mädchen musizieren,“ und bald hatte ich ihn so weit, daß er mich bei den artigen Kindern einführte, die unter der Aufsicht einer ehrbaren Tante standen, welche die Haushaltung besorgte. Ich brachte nun fast den ganzen Nachmittag bei diesen Mädchen zu, meine Wache immer im Auge habend, und spielte und sang bis nach Mitternacht mit ihnen. Marietta, die Tochter, war eine maronenfarbige Brünette, mit schalkhaften Feueraugen, munter und fast wild, Teresina, die Nichte, hatte ganz schwarzes Haar, einen feinen, sehr niedlichen Wuchs und eine äußerst liebliche Gesichtsbildung, war auch weit sanfter. Beide sprachen mich fast gleich an, und ich wußte anfänglich nicht, welcher ich den Vorzug geben sollte, bald entschied ich mich jedoch für die Nichte, ohne deshalb der Tochter gerade abhold zu sein. Noch denselben Abend brachte ich es bei beiden zum Händedruck und Handkuß, ohne merken zu lassen, welche mir am besten gefiel; als wir uns endlich um Mitternacht trennten, küßte ich beide auf die Stirn und der ehrbaren Tante die Hand, der Papa war fast immer in seinen Berufsgeschäften abwesend und freute sich, wenn er dann und wann auf einige Augenblicke eintrat, uns so vergnügt und einig zu sehen. – Noch längere Zeit, nachdem ich mich entfernt hatte, sah ich Licht in dem Zimmer der Mädchen und ihre Schatten an den Fenstern vorübergleiten. Den anderen Morgen sprach ich sie nochmals an dem Tor und bat um die Erlaubnis, sie am Nachmittag besuchen zu dürfen, die mir auch auf das verbindlichste erteilt ward. Ich versprach neue Musik mitzubringen und fuhr mit meinem Don Juan unter dem Arm in die Vicaria, wo wieder „la ci darem la mano“ seine Schuldigkeit tun mußte, das ich den beiden Mädchen um die Wette einstudierte. Jetzt war der Weg gebahnt, ich brachte nun meine meisten Nachmittage und Abendstunden in der furchtbaren Vicaria zu, Giesù nuovo fast ganz vernachlässigend und mich bei Madame Gasqui unter allerlei Vorwänden bestens entschuldigend, sie nicht mehr so häufig auf Promenaden und in die Theater führen zu können. – Beide Mädchen hatten noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht und waren wirklich zum Ersticken naiv, aber dahin konnte ich es sobald nicht bringen, sie mit mir in die Theater oder sonst wohin nehmen zu können, dies wollte der Vater und Oheim nicht zugeben, so großes Vertrauen er auch sonst in mich zu setzen vorgab, nicht einmal in Begleitung der Tante. Dagegen aber durften sie ganz allein allen Kirchenfesten beiwohnen, so spät es auch schon in der Nacht sein mochte. – Diese Abendandachten waren in Neapel äußerst anziehend und durch die trefflichste Musik verherrlicht, schade nur, daß diese schönen Töne aus den Kehlen der häßlichen und widerlichen Kastraten kamen.

Schon zehn Tage lang besuchte ich die Vicaria und hatte es immer noch nicht weiter als zu wechselseitig abwechselnden Küssen gebracht, denn ich hatte die Mädchen noch nicht dahin bringen können, die Kirche zu verlassen und irgendwo andershin einen Abstecher mit mir zu machen, obgleich sie schon mancherlei artige Geschenke von mir erhalten hatten. Auch wußte ich sie nicht zu trennen, da jede von ihnen überzeugt schien, meine Aufmerksamkeit gelte ihr allein. – Des Nachmittags war mir indessen doch gestattet, sie in Zivilkleidern auf der Promenade und durch die Straßen begleiten zu dürfen, wobei ich dann Gelegenheit hatte, das neapolitanische Volksleben genauer kennen zu lernen, indem die Mädchen meine Ciceroni machten, mir alle gewünschte Aufklärung gaben und mir alle Laster, Tugenden, Sitten und Gebräuche dieses Volkes erklärten. Wir besuchten vorzugsweise die Kirchen und Klöster, in welchen gerade religiöse Feste gefeiert wurden, wobei die Böller immer eine große Rolle spielten und so stark geladen waren, daß ihr Abfeuern einen Knall wie eine zwölfpfündige Kanone hervorbrachte. Anfänglich glaubten auch wir in den Kasernen jedesmal Kanonendonner zu hören, wenn in einer der näheren Kirchen ein Fest gefeiert wurde, wo oft fünfzig und mehr Böller vor derselben aufgepflanzt waren und Schlag auf Schlag gelöst wurden. Am höllischsten war der Lärm, wenn eine Nonne ihr Gelübde ablegte und eingekleidet wurde.

Am häufigsten besuchten wir Toledo, wo ich meine Signoras mit Eis regalierte und sie dann in die Villa Reale, an den Hafen, auf den Molo und so weiter führte. Von dem Leben und Treiben in Neapel auf offener Straße kann sich niemand einen deutlichen Begriff machen, der es nicht selbst mit angesehen, es geht über alle Vorstellung; da wird fast alles unter freiem Himmel verrichtet, was sonst nur hinter den Mauern verborgen geschieht. Man kocht, siedet, bratet, ißt, trinkt, schläft, schreibt, liest, barbiert und frisiert, verrichtet seine Notdurft und zeugt sogar Kinder, – wenigstens bei Nacht, alles unter der Himmelsdecke und dem gestirnten Firmament; dies tun wenigstens fünfzigtausend Menschen, und unter den Hallen oder Portalen der Kirchen und Paläste oder auf den Stufen und Bänken derselben wird manches Wochenbett gehalten, weshalb man auch die hier zur Welt gekommenen Kinder sowie überhaupt diese beständig auf Bänken herumfahrenden Leute oft scherzweise banchieri nennt. Diese Bankiers laufen, flöhen und reinigen sich von Kot und Ungeziefer, ohne sich im mindesten zu genieren vor dem vorübergehenden Publikum, das, an solche Szenen längst gewöhnt, nicht den geringsten Anstand an denselben nimmt.

Wer sich in Neapel glücklich fühlen will, muß sich ganz dem Vergnügen des süßen Nichtstun überlassen, denn dies ist eine Huldigung, die man dem dortigen Klima zu bringen hat, das heißt, man muß sein Glück in dem fast immer heiteren Himmel, der majestätischen See und den balsamischen Lüften, die uns sanftsäuselnd umwehen, finden, aber alle ernsteren Gedanken und Gefühle möglichst zu entfernen suchen.

Endlich war ich, und zwar mit Marietta, so weit gekommen, daß sie mir versprach, ein Mittel ausfindig zu machen, sie einmal ganz ohne Zeugen sprechen zu können, und zwar in der Vicaria selbst, in der kleinen Kapelle, in welcher gewöhnlich die zum Tod Verurteilten die letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung zubringen. Schon den kommenden Tag sprach ich sie daselbst, jedoch ohne mehr als einen Händedruck zu erlangen, da die Türe des Gotteshäuschens immer offen stand und alle Augenblicke Leute vorübergingen; es gelang mir, sie zu überreden, mich auf meiner nächsten Wache an der Vicaria gegen Morgen zu besuchen, auch riet ich ihr, Teresina zu ihrer Vertrauten zu machen, weil sie sich nicht wohl ohne deren Wissen, da beide in einer Stube schliefen, entfernen konnte. Erst zwei Tage später konnte ich es veranstalten, daß ich diese Wache wieder bezog, nach der ich mich noch nie so sehr wie diesmal gesehnt hatte. Teresina war bereits in das Geheimnis eingeweiht, wie sie mich selbst hatte merken lassen, als ich den Nachmittag vorher bei meinen liebenswürdigen Schülerinnen zubrachte, und daher das weitere ganz offen mit beiden verabredete. Als endlich der ersehnte Tag und die noch ersehntere Nacht herankam, gab ich eine halbe Stunde nach Mitternacht, als eben wieder eine Visitation der Gefängnisse vorüber war, und ich alles ruhig fand, den beiden Mädchen das verabredete Zeichen zum Herabsteigen mit einem weißen Tuch. Ein paar Augenblicke darauf kamen sie auch, in dunkle Tücher gehüllt, und ich führte sie ganz unbemerkt auf meine Wachstube, die in einer Art Entresol lag und ein eigenes Treppchen hatte. Vorsichtig hatte ich die ohnehin düster brennende Lampe in einen Winkel hinter einen Tisch gestellt, und so ein herrliches Chiaroscuro hervorgebracht. Die erst vierzehn Jahre zählende Marietta zog ich neben mich auf mein ledernes Ruhebett, während Teresina gedankenvoll in den Hof hinabsah, um zu beobachten, was daselbst vorging oder vorgehen konnte. Die bald in meinen Armen ruhende Marietta sträubte sich indessen ganz gewaltig und ließ mich ihre Gunst nur bis zu einem gewissen Grad genießen, was mir indessen dennoch weit mehr Vergnügen gewährte, als die baldige gänzliche Ergebung verheirateter und routinierter Frauen, denn Marietta war völlig Anfängerin, die liebe Unschuld selbst, und seitdem war: „la mia passione predominante, sempre la giovin principiante.“

Mehrere Stunden hatten wir bereits vertändelt, und schon verkündete ein lichter Schein die herannahende Dämmerung, als die noch immer am Fenster sitzende und von Zeit zu Zeit seufzende Teresina uns ernstlich ermahnte, daß es hohe Zeit sei, sich zu trennen. Ich fand, daß sie vollkommen recht hatte, ging in den Hof hinab, um allenthalben zu rekognoszieren, ob sich die Mädchen ohne Gefahr und unbemerkt wieder hinüberschleichen könnten, begleitete sie alsdann bis an ihre Haustüre, wo ich beiden einen feurigen Abschiedskuß gab, meine letzte Ronde machte, worauf der Tambour die Diane schlug, und ich mich zur Ruhe auf mein Feldbett warf, das soeben noch der stumme Zeuge meines Glücks gewesen; allerlei phantasierend, schlief ich so gut, als hätte ich eben einen forcierten Marsch zurückgelegt.

Gegen zehn Uhr brachte mir der Bursche der Madame Gasqui ein Billet, in welchem mich die Dame dringend einlud, sie doch gleich nach abgelöster Wache zu besuchen, da sie mir etwas von großer Wichtigkeit mitzuteilen habe. – Was mag sie wollen? dachte ich bei mir selbst; denn was es mit so einer Damenwichtigkeit auf sich hat, war mir längst bekannt. Unterdessen frühstückte Papa Kastellan mit mir auf der Wache, und als ich mit der Mannschaft abmarschierte, salutierte ich die beiden, verschämt hinter der Fenstergardine hervorsehenden Mädchengesichter. Kaum hatte ich die Mannschaft dem Unteroffizier zum Heimführen übergeben und den Degen in die Scheide gesteckt, so war ich auch schon auf dem Weg nach Giesù nuovo, wohin mich die Neugierde trieb, wo ich aber für meinen pünktlichen Gehorsam mit Vorwürfen, daß ich mich gar nicht mehr sehen lasse, von Louise empfangen ward. Sie sagte, dies habe ihr Madame Grenet alles vorausbemerkt, sie aber nimmermehr glauben wollen; nun sehe sie wohl ein, daß jene recht gehabt und deren Warnung gut gemeint gewesen sei. Ich entschuldigte mich mit dem so anstrengenden Dienst, der mir Tag und Nacht keine Ruhe mehr lasse, und bat sie, daß wenn sie meinen Worten nicht glauben wolle, sie sich beim Adjutant-Major erkundigen könne, ob ich nicht dreimal in einer Woche die Wache an der Vicaria, die beschwerlichste und unruhigste in ganz Neapel, gehabt, und wenn dies nicht wahr, so wolle ich in meinem ganzen Leben keinen Kuß mehr von ihr erhalten; um sie noch besser von der Wahrheit meiner Aussage zu überzeugen, küßte ich die schmollende Dame auf der Stelle ein halbes Dutzendmal. Sie glaubte mir nun und endigte sogar damit, mich wegen meiner gehabten schweren Strapazen herzlich zu bedauern, fügte dann hinzu, dies sei nicht der Grund gewesen, warum sie mich eigentlich zu sich gebeten, sondern sie habe es nun soweit gebracht, daß ein französisches Liebhabertheater in Giesù nuovo gebildet werden solle, zu dem sich schon mehrere Damen und Offiziere als aktive Teilhaber gemeldet hätten, ich möchte jetzt nur die weiteren Schritte tun und die Leitung des Ganzen übernehmen. Mit Vergnügen vernahm ich diese Mitteilung und willigte freudig in das an mich gestellte Begehren, da ich schon lange eine gleiche Absicht gehabt, aber andere Dinge und auch der Dienst mich verhindert hatten, an die Ausführung derselben zu denken. Noch sagte mir Madame Gasqui, daß ihr Mann im Sinn habe, nächstens mit einigen guten Freunden den Vesuv zu besteigen, ich möge doch auch mit von der Partie sein. Auch dies war längst mein Wunsch und mir willkommen, nur aus den angeführten Gründen hatte ich bis jetzt diesen und noch andere Ausflüge in die Umgegend von Neapel, wie nach Herkulanum und Pompeji und so weiter, zu meinem Leidwesen unterlassen müssen.

Ich verließ nun die jetzt nicht mehr schmollende Dame, mit dem Versprechen, mich baldmöglichst wieder einzufinden und beschäftigte mich, so weit es die Umstände erlaubten, mit der Ausführung der projektierten Partie, wobei ich mir bei Vetter Moritz Rat holte, ohne jedoch meine Wachen an der Vicaria und die damit verknüpften Vergnügungen aufzugeben. Indessen fing ich bald an, mehr Gefallen an der Nichte als an der Tochter des Kastellans zu finden; aber für meine Absichten auf Teresina war Marietta ein schwer zu überwindendes Hindernis, da ich niemals die eine ohne die andere sah.

In einer Nacht, als die beiden Mädchen kaum einige Minuten auf meiner Wachtstube waren, gab es plötzlich Lärm im Hof der Vicaria, und man schrie, daß mehrere Gefangene entsprungen seien, die Wache trat unter das Gewehr, alles wurde lebendig und die lieben Kinder wollten verzweifeln, da sie fürchteten, man möchte auch ihre Abwesenheit entdecken und sie gar bei mir finden. Über das letztere beruhigte ich sie und schloß, indem ich hinabeilte, die Türe hinter mir ab. Vor der Wache traf ich schon den Oberaufseher der Gefängnisse und den Kastellan, die mir meldeten, daß zwei Gefangene eines Kellergefängnisses fehlten, dessen auf das Pflaster des Hofs gehende Gitter durchsägt seien, aber die Kerls müßten sich noch im Palazzo befinden, da sie weder durch das geschlossene Tor, noch über Dächer, Mauern und Gräben hätten entwischen können. Ich tröstete die geängstigten Leute, indem ich ihnen sagte, daß, da die Gefangenen nicht aus dem Schloß sein könnten, wir sie wohl auffinden würden, und ersuchte sie, mit vier Mann Wache, die ich ihnen gab, alle Winkel zu durchsuchen und bei den entferntesten anzufangen, ich wolle einstweilen hier alle in den Hof gehende Türen mit Schildwachen besetzen lassen. Sie befolgten meinen Rat, und ich ließ unterdessen die Mädchen in den Hof entschlüpfen, die aber unglücklicherweise von ein paar Soldaten, welche die Entflohenen in ihnen zu wittern glaubten, angehalten wurden, ehe sie noch ihre ebenfalls besetzte Türe erreicht hatten; ich kam jedoch dazu und befreite sie von der momentanen Haft, brachte sie an ihre Türe, wo die Tante herausstürzte, um die Mädchen, deren Abwesenheit sie schon entdeckt, zu suchen. Ehe aber weder die Tante noch die Nichten zu Wort kommen konnten, sagte ich zu der ersten: „Hier, Signora, Ihre Kinder, welche in der Angst über den entstandenen Lärm die Unvorsichtigkeit begingen, ihre Wohnung zu verlassen, ich bringe sie Ihnen unversehrt zurück, sie können unter allen Umständen nicht besser aufgehoben sein als bei Ihnen.“ „Mille grazie, signor Uffiziale,“ erwiderte die Tante und sagte zu den Mädchen: „Aber wie geht es zu, daß ihr euch noch gar nicht schlafen gelegt hattet, es ist doch längst Mitternacht vorüber.“

Oh cara zia,“ versetzte Marietta schnell, „wir saßen noch am offenen Fenster, der Musik lauschend, die der Signor Tenente machte.“

„Sonderbar, ich habe doch gar nichts gehört.“

„Vermutlich schliefen Sie gut, Signora, auch spielte und sang ich nur pianissimo.“

„Ja, das ist etwas anderes, mit zunehmendem Alter werden auch alle Sinne schwächer. Ich lag zwar schon längst im Bett, war aber noch nicht eingeschlummert, als der Lärm anging.“

„Hier sind sie, ich habe sie,“ rief nun plötzlich eine Donnerstimme, es war die eines der wachthabenden Sergeanten, der die beiden Entwischten in der Kapelle hinter einem Beichtstuhl gefunden hatte, und zwar in geistlichem Gewande, welches sie daselbst aus einem Schrank, den sie aufgebrochen, genommen und mit dessen Hilfe sie ganz in der Frühe unangehalten zum Tore hinausgehen zu können hofften.

Eine Stunde nach diesem unangenehmen Intermezzo war alles wieder in der besten Ordnung, die Gefangenen in einem tieferen Kerker angeschmiedet, und der Kastellan kam zu mir, sich bei mir zu bedanken, daß ich seine naseweisen Dinger, welche die Dummheit begangen, wegen dem Lärm aus der väterlichen Wohnung zu laufen, so heil zurückgebracht habe.

Kurz nach dieser Begebenheit, als ich wieder einen Nachmittag bei den Kindern zubrachte, gab ich Teresinen verstohlen einen Kuß, was ich schon öfter praktiziert hatte; aber diesmal wollte es mein Unstern, daß es Marietta bemerkte, und diese wurde von dem Augenblick an so zänkisch und mürrisch, eigensinnig und bissig, daß es gar nicht mehr mit ihr auszuhalten war und ich sie bald nichts weniger als liebenswürdig fand.

Eines anderen Tages brachte ich den Mädchen zwei sehr schön fassonierte Körbchen von Schokolade, wie ich mich überhaupt nie ohne etwas Naschwerk bei ihnen einstellte; diese Schokoladearbeiten wurden schon damals zu Neapel in der höchsten Vollkommenheit fabriziert. In jedes Körbchen hatte ich etwas Bonbon gelegt, aber in das der Teresina noch obendrein einen kleinen goldenen Ring, eine Allianz, wie ich Marietten schon längst eine verehrt hatte, die neben den anderen Bonbons in Papier gewickelt war. Die beiden Mädchen untersuchten ihre Geschenke und die schon längst argwöhnische Marietta auch die ihrer Cousine und fühlte unglücklicherweise sogleich das Papier, in welchem die Allianz eingewickelt war, ohne daß ich es hindern konnte, denn Teresina hatte die Zeichen, die ich ihr machte, nicht bemerkt oder nicht verstanden, nahm es weg, öffnete es, fand den Ring und las auf dem Papierchen die Worte: alla piu amabile, die ich mit Bleifeder darauf geschrieben hatte. Nun geriet das Mädchen in einen solchen Zorn, daß sie die beiden Körbchen mit ihrem Inhalt zur Erde warf, mit ihren kleinen Füßen zerstampfte und zertrümmerte und den Ring mit den Zähnen zerbiß. Vergeblich gab ich mir alle Mühe, sie zu besänftigen, indem ich sie versicherte, daß das Ganze auf einem Irrtum beruhe und ich die Körbchen verwechselt habe, sie hörte gar nicht darauf, fuhr so zu wüten und zu toben fort, daß ihr zuletzt der Schaum vor dem Munde stand und sie nach mir und ihrer Cousine biß, bis sie die heftigsten Krämpfe bekam und sich in denselben auf dem Boden wälzte, so daß mir bange wurde, sie möchte in dem Anfall bleiben. Ganz erschöpft fiel sie endlich in eine starke Ohnmacht und blieb beinahe eine halbe Stunde bewußtlos; wir brachten sie in diesem Zustand auf ihr Bett. – Nun aber fing auch Teresina heftig zu weinen an, machte mir Vorwürfe, daß ich den Frieden und die Eintracht zwischen ihnen beiden gestört habe, ich hätte mich an die eine oder die andere allein halten und nicht beiden zugleich die Kur machen sollen und so weiter. Ich hatte jetzt alle Mühe, dieses sonst so sanfte Mädchen zu besänftigen und zu trösten, die mir noch mitteilte, daß sie schon seit einiger Zeit wegen mir viel von ihrer Cousine zu leiden habe, die sie gleich einem Schatten verfolge, ihr das Leben verbittere, ja wohl imstande wäre, ihr Arges anzutun; denn ich kenne diese Sizilianerinnen und Neapolitanerinnen noch nicht, die zu allem fähig seien, wenn sie sich hintergangen und betrogen und wegen einer anderen zurückgesetzt fänden, sie werde nun wohl Neapel verlassen müssen oder gar fortgeschickt werden.

Endlich schlug Marietta die Augen wieder auf, war aber so matt und erschöpft, daß sie kaum leise zu sprechen vermochte. Ich gab mir nochmals alle Mühe, sie zu beruhigen, konnte es aber nicht dahin bringen, sie ganz zu besänftigen und ein wohlwollendes Wort von ihr zu hören. Nachdem sie sich wieder ziemlich erholt hatte, entfernte ich mich, ihr zum Abschied sagend, daß es unter solchen Umständen wohl das Beste sei, uns künftig zu meiden. Diese Worte ärgerten sie so, daß sie beinahe einen zweiten Anfall bekommen hätte. Um dies zu vermeiden, eilte ich schnell zur Tür hinaus. Von jetzt an mied ich die Wachen an der Vicaria ebenso sehr, wie ich sie früher gesucht hatte. Einige Zeit darauf erfuhr ich, daß ihr Vater beschlossen habe, einen Advokaten, der sich in das Mädchen verliebt, mit ihrer Hand zu beglücken, und dieser sie auch bald darauf als sein eheliches Gespons heimführte. Ich vermied nun zwar diese Wachen nicht mehr, drängte mich aber auch nicht dazu, obgleich ich wußte, daß jetzt Teresina allein in dem Hause ihres Oheims mit der Tante hauste.

Unterdessen hatte ich Madame Gasqui wieder viel öfter besucht und mir viel Mühe gegeben, das beabsichtigte Liebhabertheater instand zu bringen; es war endlich so weit gediehen, daß wir es mit Beaumarchais Figaro, in dem ich die Rolle des Figaro und Madame Gasqui die Gräfin spielte, eröffnen konnten. Die Einrichtung der Bühne und des Raumes für die Zuschauer war allerliebst, und es wurde uns sogar die Ehre zuteil, daß König Joseph unsere Vorstellungen einigemal zu besuchen würdigte. Ich bin überzeugt, die ehrwürdigen Väter Jesu hätten ebenfalls ihre Freude daran gehabt, wenn sie diesem Schauspiel in ihrem alten Betsaal hätten beiwohnen können; im Grunde hatte das Lokal seine ehemalige Bestimmung wieder erhalten, man spielte nur Komödie in anderer Manier.

Durch unseren Bataillonschirurgen hatte ich zufällig die Bekanntschaft einer hübschen jungen Apothekersfrau, einer geborenen Römerin, gemacht. Der Doktor nahm seine Medikamente für die Kunden, die er sich in der Stadt erworben, meistens sogenannte geheime Kranke, bei ihrem Eheherrn und hatte dadurch Zutritt im Haus erlangt. Diese Apotheke lag in der Nähe unseres Forts, und ihr Besitzer war ein gastfreundlicher Mann, der die Musik liebte. Eines Tages hatte ihm der Doktor gesagt, daß sich beim Regiment ein junger Offizier befände, der sehr musikalisch sei, Klavier und Gitarre spiele, gut singe und sogar komponiere, den er, wenn es dem Signor Speziale angenehm sei, einmal mitbringen wolle. Der Apotheker hatte ihm erwidert, er würde ihm dankbar dafür sein. Doktor Kullmann, so hieß der Bataillonschirurgus, lud mich daher ein, ihn doch einmal zu seinem guten neapolitanischen Freunde zu begleiten, und teilte mir dann ganz im Vertrauen mit, daß dieser eine sehr schöne Frau habe, der er den Hof mache; aber obgleich er manchmal eine ganze Stunde, während der Mann in der Apotheke beschäftigt, mit ihr allein gewesen, doch nicht viel weiter gekommen sei, da er mit der verteufelten Sprache nicht fort könne und er oft die größte Mühe habe, sich dem Manne mit seinem Rackerlatein verständlich zu machen; er meinte daher, ich könne ihm wohl behilflich sein, wenn ich den Dolmetscher (also den Kuppler) machen wolle. Ich lehnte es längere Zeit unter allerlei Vorwand ab, den Herrn Doktor zu begleiten; aber er hörte nicht auf, mich so lange darum anzusprechen und erzählte mir soviel von der Liebenswürdigkeit der Signora, die auch ganz vortrefflich singe, daß mich die Neugierde bewog, endlich nachzugeben und den Wunsch des Äskulap zu erfüllen.

Wir wurden von dem Signor Speziale recht artig aufgenommen, der uns sogleich in sein Wohnzimmer führte, wo seine Frau mit kleinen Handarbeiten beschäftigt war. Ich fand die Signora hübsch genug, um ihr Artigkeiten zu sagen, und daß der Doktor gar keinen so üblen Geschmack hatte, auch es wohl der Mühe wert sei, ihm und dem Mann zugleich eine Nase zu drehen; letzterer bat mich, da er von seinem Amico gehört, daß ich ein großer Virtuos sei, ihm und seiner Frau doch das Vergnügen zu machen, sie etwas von mir hören zu lassen; ich entschuldigte mich, indem ich erwiderte, man habe ihm viel zu viel von mir gesagt, so daß er zu große Erwartungen hege, denen ich niemals entsprechen würde, und es also nicht wagen könne, ihm etwas vorzutragen. Er ließ aber nicht ab, mich zu bestürmen, sowie der Doktor ebenfalls in mich drang, und da die Signora ihre Bitte mit denen der beiden Herren vereinigte, so konnte ich nicht umhin, sie zu erfüllen, um so mehr, da mir der Apotheker versprochen hatte, ich solle dann auch die Stimme seiner cara Moglie hören. Ich sang nun einige italienische Lieder, unter denen auch die Romanze des Pagen aus Mozarts Figaro, mit Gitarrebegleitung; die Leute hatten kein Klavier, da die Dame dies Instrument nicht spielte. Nun kam die Reihe an diese, welche dann nach einigem Zieren ebenfalls ihre Kunst zum besten gab, aber bei einer allerdings schönen und klangreichen Stimme doch nur ganz Naturkind im Gesang war, ja, wie ich bald erfuhr, nur nach dem Gehör sang und nicht einmal die Noten kannte, wie dies so häufig in Italien, selbst bei Sängerinnen vom Fach und bei dem Theater angestellt, der Fall war, denen ihre Partien mit der Violine eingegeigt werden mußten. Ich versprach der Signora Golia, der Name ihres Mannes, bei meinem nächsten Besuch einige recht hübsche neue Kanzonette mitbringen zu wollen und ihr diese einzustudieren, worüber sie und ihr Mann ganz vergnügt waren, wozu aber der Doktor ziemlich scheel sah. So hatte er es nicht gemeint, und er sah bald ein, daß er einen Eselsstreich gemacht und den Bock zum Gärtner gesetzt habe, mich in das Haus einzuführen, in dem ich bei meinem ersten Besuch schon weiter gekommen war, als der Pflastermann, ein ehrlicher, recht bedächtiger Schwabe, die jeden Tritt und Schritt hundertmal erwägen und überlegen, ehe sie ihn zu tun wagen, seit Monaten. Aber der Bock war nun einmal geschossen und ließ sich nicht wieder rückgängig machen. Der Signor Golia wurde häufig in die Apotheke abgerufen, und ich benutzte seine kurze Abwesenheit, der Signora Fleuretten mit Occhianten begleitet zu sagen, die mein ehrlicher Kullmann nicht einmal verstand. Endlich empfahlen wir uns, wobei ich der Dame die Hand küßte, etwas, das mein Äskulap noch nicht einmal gewagt hatte und mir jetzt zum erstenmal nachmachte; ich versprach baldiges Wiederkommen. Als wir das Haus verlassen hatten, machte mir der Doktor Vorwürfe, daß, statt sein Interesse zu wahren, ich mir alle Mühe gegeben, ihn aus dem Sattel zu heben.

„Freund, das ist unmöglich, Sie sitzen ja noch gar nicht darin.“

„Spotten Sie nur, aber das ist kein Freundschaftsstückchen, einem Freunde den Bissen vor dem Maul wegschnappen zu wollen.“

„Aber wer will denn das, seien Sie doch kein Kind, alles was ich tat, geschah nur einzig und allein in Ihrem Interesse, wenn Sie nur verstanden hätten, was ich der Signora gesagt, so würden Sie nicht so reden und sich dankbarer gegen mich bezeigen. Ich sprach nur zu Ihrem Lobe und zu Ihren Gunsten.“

„Den Teufel auch, ich müßte ja blind sein, wenn ich Ihr Augenspiel nicht bemerkt hätte.“

„Das war ja auch in Ihrem Interesse; hörten Sie denn nicht, wie sehr ich Ihre Geschicklichkeit pries und hervorhob.“

„Mag sein, aber ich verstand kein Wort davon, es kam mir aber so vor, als wollten Sie sich bei der Signora Golia beliebt machen.“

„Mein Gott, das muß ich ja, wenn ich für Sie wirken soll.“

„Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie mich hintergehen und Sie einmal krank werden, dann ...“

„Dann werden Sie mir doch kein Gift verschreiben?“

„Das nicht, aber ich lasse Sie im Stich.“

„Oh, darüber tröste ich mich, denn ich weiß, wie ich es mit euch Herren Medizinern zu halten habe: