II.
Abmarsch nach Civita-Vecchia. – Die Pontinischen Sümpfe. – Civita-Vecchia. – Ich werde Platzkommandant zu Albano. – Meine Ausflüge nach Rom. – Bankier Torlonia. – Prinzessin Cesarini. – Angelika Kaufmann. – Rom. – Die schönen Römerinnen und die deutsche Männertreue. – Ein Rendezvous in der Kirche San Sebastian vor den Mauern.

Mich meinen Schönen bestens und auf hoffentlich baldiges Wiedersehen empfehlend – Madame Gasqui, deren Mann beim zweiten Bataillon stand, blieb zurück und bedauerte hauptsächlich, daß unser Liebhabertheater durch diese grausame Order zerrissen wurde, denn außer mir waren noch mehrere Mitglieder desselben beim ersten Bataillon –, verließ ich Neapel mit leichtem Herzen und ziemlich schwerem Beutel (Moritz hatte die Sorge, mich auf Kosten meiner Eltern mit dem nötigen nervus rerum gerendarum vor dem Abmarsch zu versehen, übernommen) und mit dem festen Vorsatz, daß das erste, wenn ich je wieder nach Neapel zurückkommen sollte, was sehr wahrscheinlich war, da wir immer noch zu dem dort stehenden französischen Armeekorps gehörten, sein solle, den Vesuv zu besteigen.

Wir marschierten auf demselben Weg Etappe für Etappe zurück, auf dem wir von Rom nach Neapel gekommen waren, nämlich über Capua, Sessa, Molla, Terracina, durch die Pontinischen Sümpfe über Velettri und Albano. Diesmal hielten wir aber, da der Marsch keine Eile hatte, Rasttage zu Fondi und Velettri. Unterwegs machten wir öfters Jagd auf wilde Enten, Schnepfen, Wasserhühner und anderes wildes Geflügel, das in der Gegend von Terracina und den Pontinischen Sümpfen in so ungeheurer Menge vorhanden ist, daß man eine fette wilde Ente oft mit zwei Bajocchi (kaum einen Groschen) bezahlt, so daß sich unsere Soldaten von Terracina bis Albano dieses Wild, das sie an ihren Ladestöcken brieten, trefflich schmecken ließen. Bei Treponti schoß ich einmal ein Voltigeurgewehr aufs Geratewohl in einen Rohrsumpf ab, aus dem sich sogleich eine schwarze Wolke von Wildgeflügel erhob und fast die Luft verfinsterte; auch die Soldaten feuerten ihre Gewehre ab, und es stürzten eine Menge verschiedener Vögel aus der Luft, die wir aber nicht bekommen konnten, da wir keine Hunde hatten, die sie aus den Sümpfen holten.

In Rom hatten wir diesmal keinen Ruhetag und mußten sogar die Stadt umgehen, was beinahe für eine Etappe hätte gelten können. Diesmal suchte ich aber mein Quartier auf, da ich zu Pferde und also nicht so marode war. Es wurde mir auf dem Korso bei – den Jesuiten angewiesen! – Aber die Zeit war so kurz zugemessen, daß ich diesmal außer dem Korso und der Piazza Popolo, die ich schon kannte, fast nichts von Rom zu sehen bekam. Von hier marschierten wir nach Pallo oder Palo ab, ein altes Kastell in einer sehr ungesunden und ganz öden Gegend am Gestade des Meeres, in dessen Nähe aber viele und große altrömische Ruinen liegen. Hier übernachteten wir, und der folgende Tag brachte uns bei sehr ungünstigem Wetter nach unserem neuen Bestimmungsort Civita-Vecchia.

Civita-Vecchia, das im Sommer ein sehr ungesunder Aufenthalt sein soll, ist befestigt, hat einen Hafen und ein Zeughaus, mehrere Klöster, war aber ein sehr öder und langweiliger Ort, der etwa sechstausend Einwohner zählen mochte. Nur daß es der Aufenthalt der päpstlichen Galeerensklaven, ein Toulon im kleinen ist, dessen Bagnos mit den in jeder Hinsicht höchst unglücklichen Sträflingen angefüllt sind, bringt einiges Leben in den Ort, aber welches!? – das, welches das Kettengerassel der Elenden verursacht.

Als ich die Kaserne besichtigte, in der unser Bataillon einquartiert wurde und die erst vor wenigen Tagen ein Bataillon Dalmatiner verlassen hatte, war ich in ein paar Sekunden mit Millionen Flöhen bedeckt, so daß meine Beinkleider auf einmal in couleur de puces verwandelt waren. So sehr ich auch schon in Italien und dem südlichen Frankreich an dieses Ungeziefer gewöhnt worden, so war es mir doch nie in solcher Masse vorgekommen, und nur durch eine Überschwemmung mit siedendem Wasser konnte man dasselbe in den Sälen etwas vermindern, vom Vertilgen war keine Rede; in den baumwollenen Bettdecken der Soldaten hatten sich diese quälenden Springer hauptsächlich eingenistet, und kein Klopfen noch Waschen konnte sie aus ihren bequemen Nestern vertreiben; tagelang waren die Leute auf der Flohjagd und knackten, und doch sahen diese weißen Decken immer wie Kümmel und Salz aus.

Kaum waren wir ein paar Tage in Civita-Vecchia, als ich mit vierzig Mann nach Palo beordert wurde, das daselbst befindliche Detachement der Dalmatiner abzulösen. Dieser Posten war so ungesund, daß man selbst im Winter die Leute alle zehn Tage, im Sommer aber alle vierundzwanzig Stunden ablösen mußte, und demungeachtet kam die Mehrzahl der Soldaten fieberkrank zurück und wanderte ins Lazarett; drei Tage Aufenthalt daselbst in der heißen Jahreszeit brachte unfehlbar den Tod. Der Posten mußte jedoch fortwährend stark besetzt werden, und eine Batterie von sechs Feuerschlünden war beständig mit Mitraille geladen, weil die Engländer und Korsaren hier öfters zu landen versucht und ganze Herden Büffel weggenommen hatten.

Einige Tage, nachdem ich in dieser ungesunden Einöde verweilt hatte, kamen mehrere Kompagnien der Dalmatiner auf ihrem Marsch nach Rom hier durch und übernachteten daselbst. Dieses Regiment bestand aus solchen, die in französischem Dienste waren, rote Uniform, Hüte à la Henri IV. trugen und wie die Raben stahlen. Es war meine Schuldigkeit, die Offiziere nach meinen Kräften bei ihrer Anwesenheit zu bewirten, aber wo etwas hernehmen? Brot, Wein, etwas Fleisch und Zugemüse brachten sie selbst mit, von Wein hatte ich zwar auch einigen Vorrat, aber was ihnen sonst vorsetzen? Als ich mich mit meinem Burschen deshalb beratschlagte, gab mir dieser zur Antwort: „Lassen Sie mich nur machen, Herr Leutnant, ich will schon für eine gute Schüssel sorgen.“ Und in der Tat trug er bei dem Mittagessen eine große Schüssel von ihm selbst gar nicht übel zubereitetes Ragout auf, das uns allen vortrefflich schmeckte; als ich ihn nachher vornahm und examinierte, was er uns denn eigentlich vorgesetzt habe, gestand er mir, es sei ein aus Eulen, Dohlen und Fröschen, die er in dem alten Gemäuer des Kastells gefangen, bestehendes Ragout gewesen. Ich lachte und dachte: ‚Nun, wenn es uns nur wohl bekommt!‘ Und das tat es.

Kaum war ich von meinem Eulennest abgelöst, als ich mit der Voltigeurkompagnie, die ihren Kapitän verloren und auch keinen Oberleutnant hatte, nach Albano beordert wurde, um daselbst den Posten als Platzkommandant zu versehen. Unser Bataillonschef Düret selbst wurde mit dem Stab und ein paar Kompagnien als Kommandant nach Corneto, die übrigen Kompagnien nach Porto d’Anzo, Piperno und Velettri beordert, deren Chefs in diesen Orten alle Platzkommandanten wurden, so daß das ganze Bataillon rings um Rom zerstreut lag. Den dritten Tag traf ich, abermals durch Rom marschierend, am Ort meiner Bestimmung ein, der nur drei kleine Stunden davon entfernt lag.

Auf dem Rathaus zu Albano, wo ich mich bei dem Sindico wegen meiner Order auswies, war über der Eingangstür des Saales der Kampf der Horazier und Curiatier in Fresko gemalt. Zu meiner Wohnung wies er mir einen ganzen, einem Kardinal zugehörigen Palazzo an, der eine Reihe von ziemlich schlecht möblierten Zimmern und Sälen hatte. Fast in jedem Gemach desselben aber hingen die in Kupfer gestochenen Bilder sämtlicher Päpste, die auf dem heiligen Stuhl gesessen. Eine alte Frau, eine Art von Hausverwalterin seiner Eminenz, war die einzige Mitbewohnerin in diesem geräumigen Gebäude. Es waren wenigstens einige zwanzig Zimmer, die sie mir zur Disposition stellte, und in mehreren derselben fanden sich große Himmelbetten, die ebenso breit wie lang waren, so daß ich jede Nacht nach Belieben mit meinem Schlafzimmer hätte wechseln können; fast ebenso geräumig war der Unterleutnant logiert, auch der Sergeant-Major sowie alle Sergeanten hatten verhältnismäßig große Quartiere; die Korporale mit ihren Eskadern wurden in verschiedenen Gebäuden einquartiert. Die Stadt mußte mir täglich drei römische Scudi (über sieben Gulden) Tafelgelder geben, außerdem erhielt ich dreifache Rationen an Lebensmitteln und hatte sonst noch allerlei kleine Vorteile, welche mir diese Kommandantur einbrachte: es ging ja alles auf Kosten Seiner Heiligkeit, dessen Gebiet Napoleon militärisch besetzen zu lassen für gut befunden hatte; nur Rom selbst war immer noch mit französischer Garnison verschont. Die Leute wurden sehr gut verpflegt, und ich sah strenge darauf, daß die ihnen verabreichten Lebensmittel von guter Qualität waren, wodurch ich sie mir sehr geneigt machte, auch ließen sie den Papst und unseren Herrgott einen guten Mann sein und hoch leben. Ich machte fast jeden Tag einen Spazierritt nach Rom, das genauer kennen zu lernen ich mir nun vornahm.

In den ersten Tagen meiner Kommandantur, die ich eigentlich dem Wohlwollen Dürets zu verdanken hatte, besuchte ich Rom nur wenig und immer nur auf ein paar Stunden, denn ich wagte es nicht, mich auf längere Zeit zu entfernen, obgleich dieser Posten von keiner großen Wichtigkeit war und hauptsächlich darin bestand, den durchkommenden Militärs die Marschrouten zu visieren, ihnen Quartiere anweisen zu lassen und dergleichen. Nachdem ich aber ein paar Wochen hier war, nahm ich es nicht so genau, sondern brachte längere Zeit, oft ganze Tage in Rom zu, dem Sergeant-Major meine Funktionen während meiner Abwesenheit überlassend.

Zu dieser Zeit erhielt ich Briefe von Haus, die mir das Ableben eines alten Großoheims anzeigten, sowie, daß mich derselbe mit einem Legat von einigen tausend Gulden besonders bedacht habe, die man zu meiner Verfügung stelle, indem ich, was ich bedürfe, bei dem Bankier Torlonia in Rom, an den ich außerdem noch einen Empfehlungsbrief erhielt, erheben könne. Auch Moritz, dem ich von Albano aus schrieb, sandte mir eine Empfehlung an denselben. Dies waren traurig-gute Nachrichten, denn das Ableben des guten alten Oheims, bei dem ich als Kind gar manche vergnügte Stunde gehabt – er hatte mich in besondere Affektion genommen –, tat mir leid, auf der anderen Seite kam mir das Geld und die Empfehlungen bei meinen Exkursionen nach Rom trefflich zu statten. Torlonia lud mich zu seinen Conversazioni ein, die wohl mit die glänzendsten in ganz Rom waren und bei denen ich die angesehensten Familien dieser Stadt persönlich kennen lernte, wie die Cerevetri, Doria, Chigi, Odeschalchi und so weiter. Das Schicksal dieses Bankiers, der sich vom Lohnbedienten oder armen Cicerone, was er zuerst war, bis zum reichsten Mann im ganzen Kirchenstaat und zum Herzog von Bracciano hinaufgeschwungen, ist merkwürdig. Er hatte sich ein geringes Kapital gespart, das er dem Kardinal Braschi in Verwahrung gab oder vielmehr lieh. Als dieser unter dem Namen Pius VI. Papst wurde, beauftragte er Torlonia mit seinen Geldgeschäften; dieser errichtete jetzt ein Bankhaus und wurde bald darauf der Staatsbankier des heiligen Vaters, wobei er sich ein unermeßliches Vermögen erwarb. – So ziemlich ein Pendant zum alten Rothschild. – Pius VII. machte ihn später zum Herzog von Bracciano. Der Mann mochte damals einige fünfzig Jahre zählen und hatte ein sehr gravitätisches Ansehen, in seinem Kontor sitzend: ein schwarzer Samtrock mit großen vergoldeten Knöpfen, eine goldgestickte Weste, ein paar kurze Samtbeinkleider von einer bläulichen Farbe, blaßgelbe seidene Strümpfe, Schuhe mit Steinschnallen und eine schneeweiß gepuderte Perücke war sein alltäglicher Anzug. In seinen Abendgesellschaften glänzten Roms erste Schönheiten, und er selbst hatte zwei hübsche Töchter, unter allen aber strahlte wie eine Sonne unter Sternen die junge Principessa Cesarini so gewaltig schimmernd hervor, daß aller Augen auf sie gerichtet waren, sobald sie eintrat, und auch die meinigen bis zum Verbrennen geblendet wurden. Diese Schönheit, die erst kürzlich an den Fürsten Cesarini verheiratet war, hatte ebenfalls ein originelles Schicksal gehabt. Ihr Vater hieß Conti, sie war von niederer Herkunft und armen Eltern, die so herabgekommen waren, daß sie ein Blumenmädchen werden mußte, das ihre hübsch gewundenen Sträußchen am Nachmittag auf dem Korso zum Verkauf ausbot; ihre Schönheit zog weit mehr als ihre Blumen, die man teuer bezahlte, die Käufer an, und so machte auch der reiche Fürst Cesarini ihre Bekanntschaft, den sie klug genug so hinzuhalten und in ihre Netze zu ziehen wußte, daß er ihre höchste Gunst nur durch das Band der heiligen Ehe und den Schritt ins Brautgemach erlangen konnte; sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als er sie heiratete. Hinsichtlich ihrer Schönheit war sie die Recamier Roms.

Den ersten Abend oder vielmehr die erste Nacht, denn erst spät in derselben begannen die Soireen, die ich bei Torlonia zubrachte, verhielt ich mich sehr still und ruhig und machte nur den Beobachter, um mit dem hier herrschenden Ton bekannt zu werden. Spiel und Musik waren auch hier die Haupthebel der Unterhaltung der Gesellschaft, wie zu jener Zeit in ganz Italien. Diese beiden so verschiedenen Dinge, das eine ein der Hölle entwischter Dämon, die andere eine entzückende Himmelstochter, müssen die Langeweile der Sterblichen unter Qualen und Lust töten. Dem Spiel habe ich manche, wenn auch nicht gerade bittere, doch unangenehme Stunde zu verdanken gehabt, denn das einmal verspielte Geld focht mich wenig mehr an, während mir die herrliche Tonkunst die seligsten und glücklichsten Momente meines Lebens schuf; ohne sie würde ich gewiß nicht den hundertsten Teil des genossenen Vergnügens gehabt haben, und noch jetzt macht sie mir manchen frohen Augenblick, namentlich waren es des unsterblichen Meisters der Töne, des großen Mozart Schöpfungen, die mich immer begeisterten.

Don Juan war in Rom noch ebenso unbekannt wie in Genua und dem übrigen Italien, auch von der Zauberflöte, der Entführung, selbst dem Titus wußte man nichts, nur vom Figaro und Cosi fan tutte kannte man einzelne Stücke. Mir war es vorbehalten, den durch Mozarts Musik so liebenswürdig gewordenen Wüstling Don Juan in dem liebeglühenden Italien einzuführen.

Am ersten Abend verhielt ich mich, wie gesagt, sehr passiv in Torlonias Soiree und verlor mit allem Anstand ein Dutzend Zechinen; wenn ich nicht in Uniform gewesen wäre, würde ich schwerlich nur bemerkt worden sein, obgleich mich Torlonia mehreren Gästen als einen ihm gut empfohlenen Tedesco vorstellte. Als ich mir aber nach einigen Tagen wieder fünfundzwanzig Louisdor geben ließ und mich der Bankier abermals zu einer Soiree einlud, fragte ich ihn, ob es wohl erlaubt sei, einige Musica tedesca mitzubringen und vorzutragen, was er mir mit einem: „Vi saremo molto grato!“ beantwortete.

Ich kam diesmal mit meinem Don Juan unter dem Arm und trug, von der Dame des Hauses aufgefordert, das brillante Prestissimo „fin ch’an del vino calda la testa“ mit italienischem Feuer vor, und zwar so rasch, daß mir der mich akkompagnierende Maestro kaum folgen konnte; es wurde mit einem allgemeinen Bravissimo und Dakapo belohnt, ebenso erging es mir mit Figaros „non piu andrai“ und dem Ständchen aus dem zweiten Akt Don Juans, das ich später sang. „Cosa stupenda, questa musica!“ rief selbst der Bankier aus, der auch noch Ohr für einen anderen Klang als den der Piaster und Zechinen hatte. Besser als durch diese Musik hätte ich mich in Rom nicht empfehlen können, und wenn ich als Obergeneral durch eine siegreiche Schlacht ein ganzes Reich erobert haben würde. Es gab nun bald in der ganzen Stadt keine Soiree von Bedeutung mehr, zu welcher der Leutnant, Platzkommandant von Albano, nicht durch einen Expressen eingeladen worden wäre. Es ging wie in Genua, ich studierte Duette und andere Ensemblestücke mit römischen Damen, die herrliche Stimmen hatten, ein und sang mit Donna Annen, Elviren und Zerlinen, deren Anblick allein schon in Ekstase versetzte. Auch Leporellos Aria buffa „Signorina, il Catalogo è questo“ sang ich mit großem Erfolg, wenn auch etwas höher transponiert; die Introduktion und die beiden Finale wurden bald von den musikalischen Individuen der Gesellschaften einstudiert und vorgetragen. Don Giovanni machte Furore, und ich, sein leibhaftiger Repräsentant, wenigstens Aufsehen, verliebte mich, so wie ich mich zu verlieben imstande war, in die wunderholde Principessa Cesarini, obgleich diese keine oder doch nur unbedeutende musikalische Talente hatte, aber desto mehr für die praktische Liebe geschaffen war. Übersättigung hatte, wie dies so oft der Fall ist, das eheliche Glück der jungen Fürstin bald gestört; die Ehe ist und muß notwendig das Grab der Liebe sein, da eine so fortwährend nahe Berührung, in der sich die Gatten unter allen Verhältnissen befinden und sehen, alle Illusion schnell schwinden macht. So ging es auch hier; nach wenigen Monaten wurde der Fürst gleichgültig, und die junge Frau sah sich nach anderen Zerstreuungen um, als mich gerade mein Glücksstern nach Rom führte und ich die schöne Signora kennen lernte, deren Rang hier, wo es so viele Bettelprinzen gibt, daß man, wie in Deutschland, mit Baronen die Schweine mästen könnte, kein Hindernis war, mich ihr zu nähern, ob sie schon auch hinsichtlich des Vermögens sich in sehr glänzenden Umständen befand.

Ich hatte unter anderen auch die Bekanntschaft eines jungen venetianischen Edelmannes gemacht, der sich damals in Rom aufhielt und sich Dandolo nannte. Durch diesen erfuhr ich, daß der Fürst Cesarini eine eben nicht mehr sehr junge und gerade nicht schöne Mätresse unterhalte, die in der Nähe des Spanischen Platzes wohne, deren Gunst er sich nicht einmal allein zu erfreuen habe, die aber eine äußerst verschmitzte und auch witzige Dirne sei und namentlich mit einem gewissen Abbate intrigiere.

Jeden Abend ritt ich nun auf den Korso, wo sich alle Notabilitäten und Schönheiten Roms in ausgesuchter Toilette, in glänzenden Equipagen auf- und niederfahrend, präsentieren und auf der Piazza Popolo stillhalten, um miteinander zu konversieren. Viele dieser Damen hatte ich schon in den Soireen kennen gelernt, grüßte sie, an ihnen vorüber kurbettierend, und hörte öfters zischeln: „Ecco l’Uffiziale francese chi canta cosi bene!“ Auch die berühmte Angelika Kaufmann sah ich hier einigemal und ließ mich bei ihr einführen; obgleich schon hoch in den Sechzigern und kränklich, war sie doch noch sehr liebenswürdig; da ich aber von ihrer Kunst, der Malerei, sehr wenig oder nichts verstand und dies wie natürlich das Steckenpferd ihrer Unterhaltung war, so wiederholte ich meine Besuche nicht oft. Die geniale Dame starb drei Vierteljahre darauf und wurde mit großem Pomp begraben. Ihr Sarg ward von den berühmtesten Professoren und Künstlern, die sich damals zu Rom aufhielten, abwechselnd getragen; unter ihnen war auch Canova. Zwei ihrer besten Gemälde wurden vor ihrer Leiche hergetragen. Das eheliche Schicksal dieser ausgezeichneten Künstlerin ist sonderbar genug, um hier erwähnt zu werden. Während ihres Aufenthaltes zu London, wo sie Mitglied der Königlichen Kunstakademie war, verliebte sich ein Engländer in sie, dem sie aber kein Gehör schenkte. Dieser brütete nun einen seltsamen und abscheulichen Racheplan aus; er suchte nämlich einen ganz gemeinen, aber körperlich sehr wohlgestalteten Menschen auf, den er gehörig instruierte, mit Geldmitteln versah und der, so ausgestattet, unter dem Aushängeschild eines Grafen die Bekanntschaft Angelikas machen sowie dann um ihre Hand anhalten mußte. Dieser listige Plan glückte vollkommen, und das arme Mädchen war bald die Gattin des rohen Gesellen; als sie sich aber über dessen Gemeinheiten und Rohheiten bitter beklagte, deckte der Urheber dieser Rache selbst den ihr gespielten Betrug auf. Eine baldige Scheidung erfolgte darauf, unter der Bedingung, daß sie ihrem getrennten Gatten eine ansehnliche Pension aussetze, welche dieser aber nicht lange genoß, da er glücklicherweise bald starb. Später heiratete sie in Rom wieder, einen Maler namens Zucchi, den sie ebenfalls überlebte. Im Jahre 1808 wurde ihre Büste im dortigen Pantheon aufgestellt.

Da ich mich jetzt so häufig in Rom, und zwar weit mehr als in Albano aufhielt, so hatte ich mir in der ersteren Stadt ein kleines Logis gemietet, das mir zum Absteigequartier diente und in welchem ich, wenn ich es für gut fand, meine Uniform mit einem schlichten bürgerlichen Kleid vertauschen konnte, was besonders bei meinen nächtlichen Streifereien in der alten Weltstadt ratsam war, wo ich oft auf gut Glück in den damals noch fast gar nicht erleuchteten Straßen herumschwärmte und die Kaffeehäuser, in denen die Damen Eis zu sich nahmen, besuchte. Gegen die Straßenbeleuchtung Roms hatten sich die hohen Geistlichen, namentlich auch die Eminenzen von jeher sehr energisch erklärt, damit man deren nächtliche Schliche und Gänge nicht beobachten oder die hübschen Nipotinnen, die sie abends an ihrer Seite in den Karossen sitzen hatten, nicht sehen sollte. Aber unbewaffnet ging ich nicht aus, da keine Woche verging, in der man nicht von ausgeteilten Dolch- oder Messerstichen hörte, und der Unsinn, daß die Mörder in jeder Kirche, an jedem Madonnenbild, ja in ganzen Quartieren, wie an dem Spanischen Platz und in dem Revier der Inquisition, eine Freistätte fanden, wo sie nicht verhaftet werden konnten, bestand noch in seiner ganzen Kraft. Die Angehörigen oder Freunde der Mörder wußten hier die Verbrecher gewöhnlich so lange zu versorgen, bis sie sie ohne alle Gefahr in Sicherheit bringen konnten.

In der Regel ritt ich erst gegen Morgen nach Albano zurück, wo ich dann wenige Stunden ruhte, den Rapport erhielt, dem Sergeant-Major Verhaltungsbefehle erteilte, die vorgefallenen Disziplinarsachen ordnete, frühstückte, und schon gegen Mittag war ich wieder in Rom. Jedoch gebrauchte ich die Vorsicht, meine Adresse zu hinterlassen, damit man mich von etwa außerordentlichen Vorfällen sogleich durch einen Expressen benachrichtigen konnte.

Von den Theatern war, als ich nach Rom kam, zuerst nur eines, das des Apollo geöffnet, bei dem die ausgezeichnete Festa als Primadonna figurierte; aber gleich nach Neujahr wurde Tordinone zuerst mit einer Opera buffa eröffnet, bald darauf auch Argentina und Aliberti, das größte von allen, mit sechs Galerien, von denen eine jede sechsunddreißig geräumige Logen hat, und das della Valle. Während des Karnevals sind alle täglich bis zum Ersticken angefüllt, ebenso mehrere Marionettentheater, mit deren Darstellungen man es hier sowie in Neapel zu einer staunenswürdigen Vollkommenheit gebracht hat. Maschinerie, Gelenkigkeit der Puppen, Dekorationen, alles harmoniert und ist vollendet schön. So sah ich unter anderem ein Ballett ‚La fierra di Sinigaglia‘ aufführen, wo das Gewühl der Messe auf das täuschendste nachgeahmt war. Mitten unter das Volk sprang ein wütender Stier, der sich von der Fleischerbank losgerissen, die natürlichsten und possierlichsten Sprünge machend, alles über den Haufen rannte, wobei sich das Volk ebenso natürlich in die Häuser flüchtete. Hierauf erschien ein marktschreierischer Zahnarzt, der seinen Sitz auf einer hohen Tribüne nahm und den Leuten vermittelst einer Beißzange die Zähne mit schuhlangen Wurzeln zur großen Freude des Publikums auszog; auch sehr kunstreiche Tänze führten diese vier bis fünf Schuh hohen Marionetten graziös aus. Gewöhnlich sind die Sujets zu diesen Marionettenstücken der Tausend und einer Nacht, während der Weihnachtszeit aber der Bibel und dem Neuen Testament entlehnt; namentlich wird dann die Geburt Christi dargestellt, wobei immer der arme Teufel eine klägliche Rolle spielen muß. Was mich anfänglich am meisten in den Theatern Roms wunderte, war, daß man Geistliche und Mönche in großer Menge in den ersten Reihen unter den Zuschauern sitzen sieht, die sich an all dem Hokuspokus recht zu ergötzen scheinen, ohne daß dies im geringsten auffiele. In den ersten Logenreihen erblickt man Eminenzen in Gesellschaft hübscher Mühmchen und Nipotessen; auch ist es dunkel in den Theatern, da fast nur die Bühnen erleuchtet werden.

Ich lebte nun in der Tat in Albano und Rom ein wahres Schlaraffenleben, an Geld fehlte es mir für den Augenblick nicht, das Legat und die Kommandantur, so unbedeutend sie an und für sich war, versorgte mich reichlich, und der immer vertraulicher werdende Umgang mit der schönen Prinzessin Cesarini, die in ihrem ganzen Tun und Sein und durch ihren glänzenden lebhaften Verstand so unwiderstehlich hinreißend und anziehend war, daß sie mich wie alles, was sie umgab, bezauberte, machte mir meinen Aufenthalt in Rom wirklich zu einem Paradies. Schon längst hatte sie bemerkt, daß ich ihr alle mögliche Aufmerksamkeit schenke, ich bot alle erdenkliche Galanterie auf, mich ihr angenehm zu machen, und brachte es auch endlich dahin, mich ihres besonderen Wohlwollens zu erfreuen. Wahrlich keine Kleinigkeit, da ich die halbe Männerwelt Roms, und unter dieser hohe Prälaten, nicht die am wenigsten Gefährlichen, zu Nebenbuhlern bei dieser berühmten Schönheit hatte, denn Geistlichkeit und Weltlichkeit betete diesen Stern erster Größe in dem Reich der Schönheit an, und nur der Musik, meinem dramatischen Talent, vielleicht auch dem Umstand, daß ich mein Roß auf dem Korso und dem Volksplatz gut zu tummeln verstand und prächtige Lançaden und Kapriolen machen ließ, verdankte ich den Sieg über meine großen und gefährlichen Nebenbuhler und daß die Schöne ihre strahlenden Augen auf mich zu werfen würdigte. Noch ein anderer Umstand, wie sie mir nachher selbst gestand, hatte dazu beigetragen, mich in ihre Gunst zu setzen. Eines Abends kam in einer brillanten Konversation bei Colonna die Sprache auf die Deutschen, von denen man unter mehreren guten Eigenschaften, die sie haben sollten, besonders auch die deutsche Treue (germana fede) in der Liebe hervorhob, und die Frauen versicherten in allem Ernste, ein untreuer deutscher Ehemann sei ein ebenso seltenes Phänomen, als ein treuer italienischer, und einen Deutschen zu verführen, der verheiratet sei oder eine Geliebte habe, dazu gehöre mehr als irdische Schönheit, ja die Allmacht einer Göttin. Wie mußte ich nicht innerlich ob diesen seltsamen Behauptungen lachen, welche wenigstens die Frauen für ganz zuverlässig ausgaben, was für Einwendungen die Männer auch machen mochten. Es grenzt wirklich an das Komisch-Romantische, welche Vorstellungen die Römerinnen, und überhaupt die Italienerinnen, von der deutschen Treue in diesem Punkt haben; sie halten es eher für möglich, einen Strom rückwärts fließen, als einer Gattin den deutschen Mann abspenstig machen zu können. Ich ließ sie natürlich bei diesem Glauben, und während ich ihnen vollkommen beipflichtete und diese fede germana als unerschütterlich bestätigte, versicherte ich ihnen, daß, wenn ich jemals das Glück hätte, eine Geliebte zu besitzen, ich mir sogar ein Gewissen daraus machen würde, eine andere Dame nur anzusehen. Dabei faßte ich die Cesarini, die keine zwei Schritte von mir stand, scharf ins Auge. Man verglich nun die französische Flatterhaftigkeit und den italienischen Leichtsinn mit dieser deutschen Beständigkeit, bedauerte nur, daß die Signori tedeschi nicht mit derselben auch die französische Liebenswürdigkeit verbänden und weniger Phlegma hätten.

„Alles läßt sich nicht vereinigen,“ sagte ich lachend.

„Und dann gibt es ja auch Ausnahmen,“ versetzte die Principessa Cesarini, mich ansehend, und ich verbeugte mich tief.

Es wurden nun andere Gegenstände auf das Tapet gebracht, und ein Teil der Gesellschaft setzte sich zum Spiel nieder; da auch die Principessa Cesarini an dem Spieltisch pointierte, so placierte ich mich ganz in ihre Nähe, besetzte dieselben Karten wie sie und gewann so in kurzem einige fünfzig Zechinen. Sie hatte es gleich anfangs bemerkt und sagte lächelnd zu mir: „Sehen Sie, so geht es, wenn Sie mir folgen, ich bin ein guter Führer,“ und fuhr hieran sotta voce fort: „Wollen Sie die Katakomben besuchen, so finden Sie sich morgen vormittag zu San Sebastian fuori le mura ein, wo Sie einen Führer zu dieser gefährlichen Partie finden werden, der Ihnen vielleicht nicht ganz unangenehm ist.“ – Wie mich diese Worte elektrisierten, vermag ich nicht zu sagen, mein Blut begann zu sieden, und für das Spiel hatte ich weder Augen noch Ohren mehr, ich war dadurch in den dritten Himmel versetzt worden und stand dennoch wie auf glühenden Kohlen. Obgleich Schüchternheit eben nicht mein Fehler war, so hatte ich bis jetzt doch noch nicht einen leisen Händedruck gewagt, nur meine Augen und Artigkeiten mit Worten konnten meine Wünsche verraten haben, und nun sah ich mich mit einem Male und ganz unerwartet an dem Ziel derselben. Gerne hätte ich gefragt: „A che ora, illustrissima?“ Aber es war nicht passend, und ich fand nur noch Gelegenheit, en passant ein „Certo non mancherò!“ ihr zuzuflüstern; ich mußte hier mit der größten Behutsamkeit zu Werke gehen, denn der Lauscher und Aufpasser waren zu viele, wenn es der Herzogin Cesarini galt, die Hunderte von Anbetern hatte, besonders seitdem man wußte, daß sie nicht mehr in sehr großer Einigkeit mit ihrem Gatten lebte. Nach Mitternacht ritt ich nach Albano zurück, um mit dem frühen Morgen schon wieder in Rom sein zu können, wo ich, nachdem ich in dem großen Kaffeehaus auf dem Korso mit Schokolade und pane tedesco[3] gefrühstückt, nach der mir bezeichneten Kirche San Sebastian in fuori le mura fuhr.