III.
Die Katakomben. – San Sebastian fuori le mura. – Das Abenteuer in den Katakomben. – Die Karnevalsfreuden. – Noch ein Mordanfall. – Die junge Witwe. – Antiquar Vasi und seine Tochter. – Canova. – Beendigung des Karnevals. – Die Entführung einer Nonne. – Der Kardinal-Bischof und der Impressario. – Ich werde zum dritten Bataillon versetzt. – Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom.

Eine ziemliche Strecke vor den Mauern Roms, etwas rechts von der Via Appia, liegt die Kirche des heiligen Sebastian fuori le mura, bei der man zu dem größten Grab der Erde, den Katakomben Roms hinabsteigt, denn nur das Meer mag eine größere Menge von Leichen bergen; ein finsteres Labyrinth, dessen endlose Irrgänge noch kein Sterblicher genau ermessen konnte, die wenigstens sechs Miglien im Umfang haben müssen, sich nach allen Seiten hin unter Rom verlieren und mit noch anderen unterirdischen Gewölben und kleinen Katakomben in Verbindung stehen. Bald kommt man durch schmale, enge Gänge, in denen keine zwei Personen nebeneinander Raum haben, bald befindet man sich in schauerlichen, mit Schädeln und Knochen angefüllten Gewölben, in denen nicht selten unabsehbare Abgründe, Löcher und Gruben vorhanden sind, weshalb man ohne Fackeln oder Laternen und Führer nicht wagen darf, diese Souterrains zu betreten. Viele Tausende der ersten Christen fanden hier ihr Grab, und die Knochen von nicht weniger als 170000 Märtyrern sollen hier liegen, ohne die der gewöhnlichen Toten zu rechnen.

Es war kaum acht Uhr des Morgens, als ich mich schon unter der Tür der San Sebastianskirche harrend befand und mit unbeschreiblicher Sehnsucht meine Blicke dem Weg nach Rom zuwandte, von wo mir die höchste Glückseligkeit kommen sollte. Mit so großer Ungeduld und so heißem Verlangen hatte ich noch nicht auf die Erscheinung einer geliebten Dame gewartet, als diesen Morgen, der mich unnennbar glücklich machen sollte. Wäre mir in diesem Augenblick die heilige Jungfrau in ihrer ganzen Glorie selbst erschienen, so hätte dies schwerlich eine so entzückende Wirkung auf mich gemacht, als das Kommen der heißersehnten Prinzessin Cesarini, auch zitterte ich, daß es unterbleiben möchte.

Nach beinahe zwei Stunden Harrens sah ich endlich einen unansehnlichen altmodischen Fiaker ziemlich langsam von Rom aus antraben, so daß ich zweifelte, daß dieser den mir so teuren Schatz enthalten könne. Bald hielt er vor der Kirchentür still, und zwei verschleierte Frauengestalten, von denen die eine einen göttlichen Wuchs verriet, entstiegen dem alten Rumpelkasten und traten in die Kirche. Sie ist’s, flüsterte mir mein Genius zu, und sie war es. Schnell eilte ich, als mir kein Zweifel übrig war, an den Weihkessel, mich tief verneigend ihr das Wasser reichend, das sie, den Schleier zurückwerfend, mir auf das freundlichste abnahm, indem sie mir ein „Ben venuto“ mit einem vielsagenden Blick zuflüsterte. Sie kniete nun mit ihrer Begleiterin nieder, und nachdem sie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, stand sie auf, drehte sich zu mir um – ich hatte dicht hinter ihr Platz genommen – und sprach: „Nun kommen Sie, wir wollen in die Katakomben hinabsteigen.“ – Ich winkte dem Kustoden, der, schon von mir unterrichtet, eine Fackel brachte und auch mir eine angezündete Kerze reichte. Wir folgten unserem Führer und stiegen durch die sich in der Nähe der San Sebastian-Kapelle befindliche Tür in das unermeßliche Totenreich hinab. Auf der Treppe angekommen, reichte ich der schönen Fürstin die Hand, deren Berührung mich durch Mark und Bein elektrisierte; ihre Begleiterin, eine gefällige Freundin und vertraute Gesellschafterin, mußte auf ihr Geheiß mit einem Laternchen vor uns und dicht hinter unserem Führer gehen. Unten in dem ersten Gang angekommen, drückte ich die in der meinigen ruhende Hand beinahe zitternd an mein schon hochpochendes Herz und dann auf den Mund einen Feuerkuß, streifte aber dabei mit der Kerze an die Mauern, so daß ihr Licht schnell erlosch.

Unser Führer eilte indessen unaufhaltsam voran, und bald wurden die Gänge so eng, daß wir nicht mehr nebeneinander gehen konnten, ohne uns fest aneinander zu schmiegen, und nun schlang ich meinen Arm um die schönste und schlankste aller Taillen Roms, die ich mit jedem Schritt vorwärts fester und inniger an mich drückte, so daß bald ein glühendes Feuer alle meine Adern durchzuckte, meine Pulse beben machte, und als ich endlich den Führer mit der ihm folgenden Schönen, denn häßlich war der Prinzessin Begleiterin nicht, in ziemlicher Entfernung von uns sah – ich war absichtlich langsam gegangen –, da wagte ich einen langen Kuß auf den niedlichsten Rosenmund, den ich noch gesehen, und die reizende Nymphengestalt fester und fester an mich zu drücken; ich fühlte den Kuß mit brennenden Lippen erwidert und ein klopfendes Herz an meinem Busen pochen. Mehrere Sekunden blieben wir in dieser Stellung und würden Minuten und Viertelstunden so verweilt haben, wenn nicht der Kustode, immer von Märtyrern und Heiligen faselnd, endlich stillgestanden wäre und sich nach uns umgesehen hätte, um uns auf die Inschrift eines Steins aufmerksam zu machen. Als er sah, daß ich kein Licht mehr hatte, rief er mir zu: „Was ist Ihnen begegnet, Ihre Kerze brennt ja nicht mehr.“

„Hat nichts zu sagen, Signor; ein Windzug hat sie gelöscht, nur immer vorwärts.“

Nun hielt er wieder an, um uns einen Haufen Knochen zu zeigen, lauter heilige Märtyrerknochen, von denen etwas wegzunehmen bei Strafe des Kirchenbannes verboten war. Niemand von uns spürte einige Lust, sich diesem auszusetzen, und wir ließen die Knochen unberührt. Es ging weiter die Kreuz und die Quere in diesem Knochenlabyrinth, in dem ich endlich so weit mit meiner schönen Principessa zurückblieb, daß wir zuletzt Fackel- und Laternenschein, die sich in den krummen Seitengängen verloren, aus dem Gesicht bekamen und, Aphroditen huldigend, den Hauch der Liebe in vollen Zügen atmend, uns so ganz vergaßen, daß es uns nicht im entferntesten in den Sinn kam, daß wir hier Gefahr liefen, wenn wir unseren Führer verlieren möchten, das Tageslicht nicht mehr zu schauen. Nach einigen Minuten ließ jedoch der gute Mann seine Stimme mehrmals kreischend erschallen, aber wir waren in diesem Augenblick ganz außerstande, ihm zu antworten, da der Mund des einen dem des anderen ein absolutes Stillschweigen auferlegte und mit Glutküssen bedeckte. Endlich fanden wir die Sprache wieder, aber die Stimme des Kustoden war jetzt verstummt, und nach gepflogener Götterlust war es uns doch nicht so ganz einerlei, uns ohne Führer und Licht in diesen stockfinsteren unterirdischen Irrgängen zu befinden.

„Das wäre die Lust zu teuer gebüßt,“ meinte Gertrude (der Taufname der Prinzessin), halb scherzend, halb ernst, „wenn wir zur Strafe hier verhungern sollten.“

„Dahin soll es nicht kommen, mia dolcissima,“ erwiderte ich und schrie nun aus vollem Halse mit einer Donnerstimme: „Signor Kustode! Signor Kustode!“

Aber alles blieb still und stumm.

Ich wiederholte mein Rufen, keine andere Antwort, als der Widerhall meiner Stimme.

„Das beginnt bedenklich zu werden,“ meinte die Cesarini.

„Bewahre der Himmel,“ versetzte ich; „wie, wenn es dem Herrn Kustode eingefallen wäre, sich einstweilen so auf seine Faust mit Ihrer hübschen Begleiterin zu verlustieren?“

Die Cesarini lachte und sagte: „Wo denken Sie hin; der Kustode der heiligen Märtyrer ist schon ziemlich betagt und Bianchetta auch nicht mehr in der ersten Jugendblüte.“

„Das will nichts sagen, im Gegenteil ein Grund mehr für beide, sich gegenseitig zu trösten.“

„Allen Scherz beiseite, mir fängt an bange zu werden.“

Die Wahrheit zu gestehen, fing es auch mir an, nicht ganz wohl bei der Sache zu werden, da mein mehrmals wiederholtes starkes Rufen noch immer ohne Erfolg blieb und von allen Todesarten mir das Verhungern oder Lebendigbegrabenwerden die schrecklichste schien; doch tröstete ich mich, in diesem Fall wenigstens in den Armen der Liebe eines Engels und mit demselben zu sterben.

Unsere Lage wurde aber immer bedenklicher, denn wir konnten nur mit der äußersten Vorsicht einen Schritt vor-, rück- oder seitwärts wagen, aus Furcht, in eine der Gruben oder Abgründe zu fallen. Wir schmiegten uns nun inniger aneinander und hielten uns so fest umschlungen, daß wir nur noch ein Leib und eine Seele schienen, die Furcht schwand abermals in einem seligen Vergessen, aus dem aber das Erwachen um so ängstlicher war, da immer noch kein Kustode und kein hoffnungsvoller Lichtstrahl erscheinen wollte. Jetzt verdoppelte ich mein Rufen und Schreien, wir schritten endlich aufs Geratewohl vor- oder rückwärts, jedoch mit aller Behutsamkeit mit den Händen längs den Wänden streifend, denn ich hatte weder Stock noch Degen, da ich, um Aufsehen zu vermeiden, in Zivilkleidern gekommen war. Es mochten etwa drei Viertelstunden sein, abwechselnd Augenblicke der höchsten Wonne und der höchsten Pein, und nachdem ich mich matt und heiser geschrieen und meine schöne Gefährtin schon einen Strom von Tränen aus ihren holden Augensternen, die mir aber jetzt nicht leuchteten, vergossen hatte, als wir plötzlich einen Lichtstrahl in weiter Ferne gewahrten, der aber auch ebenso schnell wieder verschwand, so daß ich nicht einmal Zeit zum Rufen gehabt. Jetzt schrie ich aus allen Kräften, und wir hatten das Vergnügen, den Strahl zum zweitenmal zu erblicken; endlich wurden wir gehört, und immer schreiend näherten wir uns dem Licht, aber erkannten bald, daß dasselbe nicht unserem Kustode und seiner Begleiterin angehörte, sondern einer anderen Gesellschaft von Fremden, die ebenfalls die Katakomben mit einem Führer besuchten.

„Mein Gott, wenn es nur keine Personen sind, die mich kennen,“ rief die Principessa aus.

„Und wenn auch, immer noch besser, dem Teufel selbst hier zu begegnen, als so elend umzukommen.“

Als wir uns der Gesellschaft näherten, erkannte ich die Familie des dänischen Gesandten, der in Albano wohnte, wandte mich an den Führer, um meine, wie ich sagte, durch den Wind ausgelöschte Kerze anzuzünden, und erzählte den dänischen Fräuleins, daß mich und die fremde Dame – die Prinzessin hatte ihren dichten Schleier herabgezogen und hielt sich möglichst im Düstern, um nicht erkannt zu werden – ein unglücklicher Zufall von unserer Gesellschaft getrennt habe. Ich bat um die Erlaubnis, uns anschließen zu dürfen, was freundlich gewährt wurde. Nachdem wir der Gesellschaft stumm durch einige Gänge gefolgt waren, kam plötzlich unser Kustode aus einem Seitengange mit Bianchetta zum Vorschein, und wir verließen dankend die Dänen, erfreut, nicht genötigt zu sein, uns vielleicht noch lange in ihrem Gefolge hier herumtreiben zu müssen.

Als wir allein waren, sagte der Führer, daß sie uns schon seit einer Stunde mit der größten Angst und Sorgfalt, ebenfalls beständig schreiend und rufend, gesucht hätten und Bianchetta bereits der Verzweiflung nahe gewesen sei. Froh, uns so wieder gefunden zu haben, schlugen wir jetzt den kürzesten Weg nach der Oberwelt ein und waren alle entzückt, als wir das Tageslicht erblickten. Die beiden Damen verrichteten abermals ihr Gebet vor einer Madonna, deren Schutz sie sich inbrünstig empfahlen, und eilten sodann nach dem sie erwartenden Wagen.

„Und wann und wo werden wir uns wiedersehen?“ fragte ich, meine Schöne an den Wagen geleitend.

„Finden Sie sich um ein Uhr nach Sonnenuntergang in der Kirche della Trinità de Monte ein.“

Sie fuhr mit dem Fiaker nach der Wohnung ihrer Freundin Bianchetta, von wo sie sich durch ihre Equipage, die sie auch dahin gebracht hatte, damit man ihr nicht auf die Spur kommen konnte, wieder abholen ließ.

Daß ich auch das zweite Rendezvous nicht verfehlte und mich schon eine halbe Stunde früher in Trinità de Monte einfand, kann man sich denken. Um es bequemer zu haben, nahm ich mein Pranzo (Mittagessen) bei einem Restaurateur auf dem Spanischen Platz gegen Abend ein, wartete nach diesem, auf einer Ottomane behaglich ruhend, im Vasi lesend, ohne zu wissen, was ich las, Zeit und Stunde ab und verfügte mich dann in die mir angegebene Kirche, wo mir meine Ungeduld die Zeit so lang werden ließ, daß ich abermals an dem Kommen meiner Dame verzweifelte. Doch sie fehlte auch diesmal nicht, kam aber allein, unterließ nicht, ihre kurze Andacht zu verrichten, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Wir bestiegen einen auf dem nahen Spanischen Platz haltenden Fiaker und fuhren nach der Kirche San Nicolo a Cesarini, die sich ganz nahe bei dem Palazzo Cesarini befand, unterwegs gaben wir uns die unverkennbarsten Zeichen unserer gegenseitigen Zuneigung, und sie teilte mir mit, daß sie mich in ihren Gemächern empfangen wolle. Wir stiegen in der Nähe der Kapelle Cesarini ab, traten, jedoch nicht zusammen, in dieselbe ein, und sie verließ mich bald darauf, sich durch eine kleine Tür entfernend, nachdem sie mir noch in dem Wagen gesagt hatte, daß ich einer Donzella folgen solle, die mir in der Kapelle das Zeichen dazu mit einem blauen Tuch geben würde. Es dauerte nicht lange, so trat ein solches Mädchen durch die kleine Tür ein, kniete ein paar Augenblicke betend nieder, erhob sich dann, das bewußte Tuch in die Höhe und vor das Gesicht haltend, und ich folgte dem leitenden Genius durch den Ausgang, den er gekommen war. Aus der Kapelle traten wir unbemerkt in den Palazzo, gingen eine ziemlich finstere Treppe hinan, durch eine Reihe von Stanzen, ebenfalls nicht erleuchtet; endlich öffnete Priscilla, der Name der Zofe, die Tür eines durch eine Alabasterlampe nur düster erhellten Zimmers, wo sie mich eine kleine Weile zu warten bat, da ihre Herrin, die noch Besuch habe, dessen sie sich bald zu entledigen wissen werde, in wenigen Minuten erscheinen würde. Hierauf ließ sie mich allein. Trotz der Sehnsucht, mit der ich diese Erscheinung erwartete, kam mir doch in meiner Einsamkeit der Gedanke, wie leicht es möglich sei, daß ich hier vom Herzog oder durch von ihm angestellte Leute überfallen werden und, da ich durchaus unbewaffnet, mich nicht einmal verteidigen könnte. Ich nahm mir vor, mich den anderen Tag mit einem Stockdegen zu versehen und bei solchen Gelegenheiten auch immer ein paar geladene Terzerolen in der Tasche zu tragen, was in Italien bei dergleichen Intrigen unumgänglich notwendig ist, um sich, wenn man überfallen wird, gehörig verteidigen zu können; denn wenn es auch längst keine zünftigen Banditen, wie sie uns in so vielen Romanen und in Zschokkes Abällino geschildert werden, mehr gab, so ist doch nicht zu leugnen, daß man in Rom für Geld, ohne viel zu suchen, leicht ein paar Kerle dingen kann, die einen Menschen mit dem größten Anstand, noch größerer Gewandtheit und dem besten Humor von der Welt durch ein paar gut treffende Messerstiche in die andere Welt spedieren. Würde man aber in Rom, Venedig, Genua und so weiter nach jenen handwerkszünftigen Roman-Banditen fragen, so würde man sich ebenso lächerlich machen, als wenn man sich in Köln, Koblenz oder Mainz nach den Raubrittern erkundigte, welche von ihren Burgen den reisenden Kaufleuten auflauern, um sie zu überfallen und zu plündern, und sich deshalb ein Geleit ausbitten wollte. Beide gehören vergangenen Zeiten an. An Straßenräuberbanden fehlte es indessen nicht, namentlich im südlichen Teil des Kirchenstaates und im Königreich Neapel, doch wußten wir auch diesen bald das Räuberhandwerk zu legen.

Bald den Banditengedanken Raum gebend, bald an die Heißersehnte denkend, ging ich unruhig in dem düsteren Gemach auf und nieder, bei dem geringsten Geräusch die Ohren spitzend. Jetzt knarrte und öffnete sich leise eine Tapetentür, und Madonna trat in einem blendend weißen faltenreichen Gewand herein. Ich wähnte Ariosts Alcine zu erblicken, so reizend nahm sich diese Erscheinung in dem chiaroscuro aus. Sie schloß die Tür hinter sich und lag in meinen Armen, ich umschlang sie glühend und sank mit ihr auf die schwellenden Kissen einer seidenen Ottomane. Ich glaube, wenn Rom in diesem Augenblick durch ein Erdbeben untergegangen wäre, wir hätten in unserem Dahintaumeln nichts davon wahrgenommen, sondern stöhnten nur in abgebrochenen Silben: carissima, dolcissima, angelina. Rom blieb aber stehen, wenn schon die Ottomane gewaltig erschüttert wurde, bis wir endlich nach drei Viertelstunden wieder eine zusammenhängende Sprache fanden.

Bei Sinnen und etwas abgekühlter, fragte ich Gertrude, ob sie sich auch hier vollkommen sicher glaube, da ich unbewaffnet, und ob kein Überfall vom Herzog zu befürchten sei. – „Oh, der Herzog,“ fiel sie mir lächelnd ein, „der fragt nichts mehr nach mir, ich bin ihm so gleichgültig und gleichgültiger wie die schlechteste Statue seines Palastes, gräme mich aber deshalb nicht im mindesten, wie ich es anfänglich getan; wir gehen jetzt jedes seiner Wege, ohne daß sich eines um das andere kümmert. Es sei fortan nicht mehr die Sprache von ihm, caro Fernando.“ Sie fiel mir um den Hals, und ich küßte und tröstete sie abermals. – „Doch,“ fing sie später wieder an, „wenn wir auch nichts von meinem Manne zu fürchten haben, so mußt du dennoch auf deiner Hut sein, anima mia, denn du hast Nebenbuhler, die wir weit mehr zu fürchten haben. Dies der Grund, warum ich unser intimes Verhältnis möglichst geheim zu halten suche, sonst läge mir wenig daran, daß es die ganze Stadt wüßte, ich wäre im Gegenteil noch stolz darauf. Aber da ist der Kardinal L..., wenn auch ein starker Vierziger, der Marchese T..., der Conte G... und noch ein paar Dutzend andere Kavaliere und Prälaten, die mich mit ihrer widerlichen Liebe und ihren Nachstellungen verfolgen und die ich alle bisher zum besten gehabt oder mit Spott und Verachtung zurückgewiesen habe. Aber ich kenne diese Menschen ganz: ahnen sie in dir den von mir begünstigten Geliebten, so sind mehrere unter ihnen, deren Rachsucht keine Grenzen kennt, und ich muß dann jede Minute für dein Leben fürchten. Ohne diese Furcht würde ich dich bitten, mich von jetzt an nicht mehr zu verlassen und mich allenthalben und an jeden öffentlichen Ort zu begleiten, denn ich möchte dich gerne gleich meinem Schatten um mich sehen, ohne mich im mindesten nach dem Gerede der Leute zu kehren, was ohnehin hier, wo jeder in dieser Hinsicht, Geistlicher wie Weltlicher, ganz nach Lust und Gefallen lebt, nichts sagen will. Als französischer Offizier betrachtet man dich mit doppelt mißgünstigen Augen. Deshalb, wenn du mich liebst, wenn dir dein und mein Leben wert ist, gehe nur mit der größten Vorsicht zu Werke und nimm dich in acht, in der Gesellschaft nie mehr als die gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen, die man gegen jede Dame beobachtet, auch mir zu erweisen.“ Ich versprach, was Gertrude begehrte, und erhielt dagegen die Versicherung von ihr, daß sie es wohl zu veranstalten wissen werde, daß selten ein Tag verginge, an dem wir uns nicht insgeheim sehen und sprechen würden. So geschah es auch, denn außer, daß sie mich häufig in der Abendzeit in ihren Gemächern empfing, machten wir auch nächtliche Promenaden in dem ödesten Teil der Stadt, wo die alte Römerwelt gehaust, zwischen den Trümmern, Gräben und Gärten derselben. Mehr als einmal betrachteten wir erstaunt im Mondschein das Kolosseum, die Ruinen des Friedenstempels und auch den Petersplatz, die sich dann unendlich größer und imposanter ausnehmen.

Die eingetretene Karnevalszeit begünstigte unser häufiges Zusammensein außerordentlich, und bald in türkischem, bald in spanischem und anderen Kostümen fuhren wir des Nachmittags über den Korso und durch die anderen Straßen Roms in Mietwagen oder gingen auch bisweilen zu Fuß, restaurierten uns in Kaffeehäusern und kehrten nicht selten erst gegen Morgen heim, wobei Bianchetta und Priscilla, die zwei Vertrauten unseres Einverständnisses, alle Hindernisse aus dem Weg räumen halfen, was übrigens in der Karnevalszeit nicht schwer war, da sich dann die römischen Damen der unbeschränktesten Freiheit zu erfreuen haben. Die Donzelleta kleidete ihre Gebieterin oft in meinem Absteigequartier in persische oder indische Gewänder, während sie den Palazzo im Kolombinenkostüm verlassen hatte und ich einen Tartarenfürsten vorstellte.

Ich hatte unterdessen auch die Bekanntschaft eines wegen einer unbedeutenden galanten Krankheit im Lazarett zu Rom, einem wahren Palast in der Nähe des Petersplatzes, in dem die kranken Offiziere fürstlich bedient wurden und wohnten, befindlichen Dragonerleutnants namens Bonnier in einem Kaffeehause gemacht und denselben mehrmals wiedergesehen. Wir schlossen bald engere Freundschaft, und er erwies mir bei meinen Intrigen zu Rom mehr als einmal wesentliche Dienste durch Wachehalten, Patrouillieren und so weiter, wenn ich mich an gefährlichen Orten befand, was ich ihm durch einen außerordentlichen Dienst, den ich ihm leistete, wieder vergalt, wie wir bald sehen werden.

Indessen wird nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonne, sagt ein deutsches Sprichwort und sollte sich auch hier bewähren; denn trotz aller List, Vorsicht und Verschlagenheit kam ein junger Abbate, Anverwandter des Hauses Cesarini, unserm Verhältnis auf die Spur, ohne es geahnt zu haben. Hier war es nicht die Rache verschmähter Liebe oder eines zurückgewiesenen Liebhabers, die ihn antrieb, die geheimen Gänge seiner Cugina zu erforschen, ihr nachzustellen und Fallen zu legen, sondern ein gekränkter Familien- und Adelsstolz, den er wie die ganze Verwandtschaft des Cesarini besaß, die ihre Abstammung nicht weiter als bis zu Cäsar selbst zurückzuführen suchte, von dem aber auch kein männliches Glied ein Äderchen hatte. Diese Verwandtschaft konnte es dem Fürsten Francesco, dem Gatten Gertrudens, nicht vergeben, das alte, wenn auch faule Haus der Cesarini mit unedlem Bürgerblut vermischt und verunreinigt zu haben, wie sie sich auszudrücken beliebte. Das war wohl mit ein Grund, daß sich die junge Frau in dieser Familie so unglücklich fühlte, und ihr Gatte, von seinen Verwandten fortwährend angeregt, sie so bald vernachlässigt hatte. Der Abbate schöpfte zuerst Verdacht, weil seine schöne Cugina während dieses Karnevals nicht wie in den vorhergehenden Jahren jeden Nachmittag den Korso in prächtiger Equipage und brillantem Kostüm auf- und niederfuhr, um dort die Huldigungen der großen und eleganten Welt zu empfangen und alle Blicke auf sich zu ziehen, sondern sich kaum einigemal daselbst auf kurze Zeit hatte sehen lassen, was nicht allein ihm, sondern allgemein auffiel, da man sie als eine der ersten lebenden Zierden Roms ungern vermißte. Im allgemeinen schrieb man es jedoch dem Mißverständnis mit ihrem Gatten, das bekannt war, zu. Eines Abends, als wir maskiert in einem Wagen den Korso verlassen hatten, um uns in meine Wohnung zu begeben, daselbst die Kostüme zu vertauschen und spanische Trachten anzulegen, in denen wir ein Festino besuchen wollten, hatte ich bemerkt, daß uns eine Maske in dem Anzug eines peruanischen Sonnenpriesters in einiger Entfernung gefolgt war und stille stand, uns nachsehend, als wir in das Haus traten, in dem ich mein Absteigequartier hatte. Ich teilte es der Cesarini mit, die mir ein gleichgültiges: „non sarà niente“ erwiderte. Ich hatte meinen Spanier schon angezogen, aber die Herzogin konnte mit ihrem Kostüm nicht fertig werden und beschloß nun, sich als Kolombine, was ihr so allerliebst stand, zu kleiden und einen Rosa-Domino über diesen Anzug zu werfen. Als der wiederbestellte Fiaker kam und wir in denselben steigen wollten, bemerkte ich in geringer Entfernung wieder den Sonnenpriester, sowie, daß, als wir abfuhren, sich zwei als türkische Sklaven verkleidete Masken hinten auf den Wagen schwangen. Ich rief dem Kutscher zu, die beiden Kerls herunterzupeitschen, wozu er aber den Mut nicht hatte, sondern sie nur ziemlich höflich ersuchte, herabsteigen zu wollen, wovon sie aber keine Notiz nahmen, sondern blieben ruhig hinten sitzen. Einen Straßenskandal wollte und mußte ich vermeiden und befahl dem Kutscher, nach einem kurzen Umweg wieder an meiner Wohnung vorzufahren. Die Cesarini sagte mir, sie vermute, daß dies Nachstellungen von dem jungen Sforza seien, dessen Gestalt auch der Priester gehabt. Angekommen, sprang ich aus dem Wagen und rief meinem Burschen Louis, der mutig und gewandt weder Gefahr noch Händel fürchtete, von denen ich ihn eher zurückzuhalten als dazu anzufeuern hatte. Diesem befahl ich, sich hinten aufzusetzen. Die beiden Türkensklaven waren, während ich aus dem Wagen sprang, gleichfalls hinten abgesprungen und standen wieder observierend in einiger Entfernung. Leutnant Bonnier hatte sich auch in meiner Wohnung eingefunden, um daselbst eine Zeitlang zu verweilen, wie er die Gewohnheit hatte. Ich sagte ihm mit einigen Worten, daß uns ein paar verdächtige Masken verfolgten. Als ich nun wieder abfahren wollte, trieben die Kerls die Frechheit so weit, sich abermals neben Louis hintenaufsetzen zu wollen, dieser aber stieß den ersten mit einem so kräftigen Fußtritt zurück, daß er hinterrücks niederfiel, und dem zweiten drohte er mit seinem derben Knotenstock, so daß dieser sich nicht mehr zu nahen wagte. Wir fuhren jetzt auf mein Geheiß in möglichster Schnelle auf die Piazza Kolonna, wo wir ausstiegen, in, einer Masken-Bodega weite graue Kambridgemäntel überwarfen, weiße Larven vormachten, schwarze Federhüte aufsetzten und so mehrere Festini und Theater besuchten. Nach Mitternacht brachte ich meine teure Amica in ihren Palazzo zurück, wo sie die getreue Zofe an der kleinen Pforte empfing und von wo ich mich zu Fuß in meine Wohnung begeben wollte. Ich mochte ungefähr noch einige dreißig Schritte von derselben entfernt sein, als ich von zwei verlarvten Kerls angefallen wurde, in deren Händen blanke Dolche schimmerten; etwas dergleichen vermutend, hatte ich schon den Degen gezogen, noch ehe sie mir an den Leib konnten, und ein gespanntes Terzerol in der linken Hand. Die Kerls, hierdurch stutzig gemacht, schienen sich einen Augenblick zu besinnen, versuchten indessen doch mit ihren ziemlich langen Dolchen auf mich einzudringen, ich versetzte aber einem derselben einen Hieb auf die rechte Hand, daß er das Messer schnell und mit einem Schrei zur Erde fallen ließ, der zweite wagte es nun nicht, auf mich loszugehen, sondern gab Fersengeld. Ich sah noch einen dritten, der sich bis jetzt verborgen, eine passive Rolle gespielt hatte und nun ebenfalls Reißaus nehmen wollte, dem ich aber nacheilte und einen tüchtigen Hieb auf den Kopf versetzte, so daß er mit einem lauten: „Ajuto, ajuto!“ davon zu springen versuchte, aber meinem Louis und Bonnier, die, den Lärm hörend, beide bewaffnet gerannt kamen, in die Hände fiel. Ich wollte den Kerl auf die nächste Wache bringen, er fiel mir aber zu Füßen, bat flehentlich um Gnade, ein Illustrissima, Eccellenza, Monsignore nach dem anderen stammelnd und mit einem „fatemi grazia voglio tutto confessare“ endigend.

Unter der Bedingung, daß er mir die volle und ganze Wahrheit haarklein gestehe, versprach ich, ihn nach seinem Geständnis laufen zu lassen, bemerkte aber, daß, wenn er von mir auf der geringsten Lüge ertappt würde, ich ihn ohne weiteres nach Albano transportieren ließe, um ihn dort vor ein Kriegsgericht zu stellen und erschießen zu lassen, denn ich sei der Kommandant von Albano. Dies wirkte, der dumme Teufel glaubte in allem Ernst, daß dies in meiner Gewalt stünde, und rief aus: „Ah in che malanno mi sono precipitato.“ Wir nahmen ihn nun zwischen uns, führten ihn in meine Wohnung, um daselbst ein förmliches Verhör mit ihm vorzunehmen. Hier gestand er, daß er mit noch ein paar anderen seines Gelichters wirklich vom jungen Sforza gedungen worden, mir für einhundertundfünfzig Zechinen das Lebenslicht auszublasen, er sei aber ein Galantuomo, der kein Mestiero von solchem Handwerk mache und sich nur deshalb habe verleiten lassen, weil man ihm gesagt, ich sei ein französischer Vagabund, ein Glücksritter und Ketzer, den in die andere Welt zu spedieren ein Verdienst um die Jungfrau sei, er sähe aber wohl ein, daß man ihn hintergangen habe; denn er würde es nimmer gewagt haben, seine Hand an einen Signor Uffiziale und gar an die geheiligte Person des Kommandanten von Albano zu legen. Der arme Teufel, der ziemlich viel Blut aus der Kopfwunde, die ich ihm beigebracht, verlor, wurde zuletzt ganz matt und schwach. Ich ließ ihm etwas Wein geben und Louis verband ihm, nachdem er die Haare an dieser Stelle abgeschnitten und die Wunde gehörig ausgewaschen hatte, dieselbe. Noch immer hatte er Angst, daß ich ihn nach Albano bringen und dort erschießen lassen werde. Ich suchte ihn zu beruhigen, stärkte ihn mit noch einigen Gläsern Albanerwein, und kündigte ihm dann an, daß es ihm freistünde, hinzugehen wo er wolle. Diese Großmut hatte er nicht erwartet, und es kostete Mühe, ihn davon zu überzeugen. Er war dadurch so gerührt, daß er sich mir abermals zu Füßen warf und sich ganz zu meiner Disposition stellte, indem er sagte, der junge Sforza sei ein gran birbone, der ihn betrogen, und daß er mir fortan von allem Nachricht geben wolle, was derselbe noch gegen mich im Schilde führen möge, so daß ich, gehörig präveniert, immer meine Maßregeln nehmen könne. Der Kerl hielt wirklich Wort und warnte mich, sich fortwährend in Sforzas Vertrauen erhaltend, vor allen Fallstricken, die der Cesarini und mir von dieser Seite gelegt werden sollten, so daß wir sie durch unsere Gegenminen immer nichtig zu machen wußten, was jenem unerklärbar war, und er unbegreiflich fand. Sforza war einer der gefährlichsten Feinde der Cesarini und glaubte sich als naher Verwandter des Herzogs Francesco zurückgesetzt, auch hatte ihn Gertrude immer in gehöriger Entfernung zu halten gewußt, und da er durch seine Spione endlich Wind von dem Verhältnis, indem wir miteinander stehen müßten, erhalten hatte, so warf er nun seine ganze Wut auf mich. Ich fand aber für gut, dies alles zu ignorieren und nur immer mehr auf meiner Hut zu sein, was jetzt nicht mehr schwer war, da sein Hauptagent in meinem und Gertrudens Sold stand und wir denselben reichlich beschenkten. Nur einmal ließ ich mich verleiten, bei einer Abendgesellschaft im Palast des Fürsten Oldeschalchi im Vorübergehen die Worte: „Die Zeit ist nicht mehr fern, wo alle Banditen und Meuchelmörder den Galgen zieren werden,“ mit großem Nachdruck an Sforza zu richten. Monsignore schien etwas verlegen, zwang sich zu lächeln, aber seine Lippen bebten, versagten ihm diesen Dienst, und das Lächeln artete in ein konvulsivisches Verzerren des ganzen Gesichts aus.

Unbekümmert über diese Nachstellungen, fuhren wir nach wie vor fort, uns den Vergnügungen zu überlassen; die Cesarini selbst versicherte mich, daß ich dem Menschen nun unbedingt alles Zutrauen schenken könne; denn dies läge im Charakter eines braven Römers, besonders wenn man so wie wir von Zeit zu Zeit seinen guten Willen durch kleine Regali anfeuerte. Ja er trieb seine Ehrlichkeit so weit, daß sich sein zartes Gewissen Skrupel machte, solche Geschenke anzunehmen, da er uns eigentlich noch keine reellen Dienste geleistet habe.

Es waren nun schon beinahe zwei Monate vergangen, daß ich mit der Cesarini auf dem vertrautesten Fuß lebte und ihr ganz treu geblieben war, aber ewig konnte es nicht dauern, dies war wider meine Natur und lag nun einmal nicht in meinem Charakter. Im Theater Aliberti machte ich eines Abends die Bekanntschaft einer noch ganz jungen, kaum siebzehnjährigen Witwe namens Vernetti, die ihren Mann erst vor wenigen Monaten, und zwar schon vier Wochen nach der Hochzeit, verloren hatte. Ich befand mich diesen Abend zufällig allein im Theater, Gertrude, an Migräne leidend, hütete Bett und Zimmer. Die blutjunge Frau hatte noch eine ältere Schwester und beide einen alten Herrn, ihren Oheim, bei sich. Das Ungefähr führte mich in eine Loge mit den Damen, die ich beide noch für Mädchen hielt. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, in der jüngsten schon eine Witwe zu finden. Eine Unterhaltung war bald angeknüpft, das Theater selbst lieferte den Stoff dazu; ich erlaubte mir, den Damen einige Erfrischungen anzubieten, die mit Dank akzeptiert wurden, und so war die Bekanntschaft schnell gemacht; nicht nur erhielt ich die Erlaubnis, die Signora in Begleitung des Oheims nach Haus geleiten, sondern auch die, ihr am anderen Tage meine gehorsamste Aufwartung machen zu dürfen. Ich wurde auf das freundlichste empfangen, die ältere unverheiratete Schwester, auch ein recht hübsches Mädchen, wohnte seit dem Tode ihres Schwagers mit der jungen Witwe zusammen, beide sangen artig, spielten, wie alle Römerinnen, Gitarre und Mandoline, wir musizierten, scherzten, es dauerte nicht lange, so küßten wir auch, und bald brachte ich fast alle meine Vormittage hier zu, während ich die Nachmittage und den Abend noch immer meistens der Cesarini widmete. Diese Abwechslung war mir sehr wohltuend; denn das ewige Einerlei, und wenn es auch toujours perdrix ist, tötet, sobald der Reiz der Neuheit vorüber ist, und macht jeder ewigen Liebe ein baldiges Ende.

Meine neue Bekanntschaft, die Signora Vernetti, war wieder von einer allerliebsten Naivität und in der Blütezeit einer eben aufbrechenden Rose, sie hatte sehr regelmäßige, schöne Züge, und dennoch viel Ausdruck im Gesicht, Hals und Nacken waren ganz zum Küssen geschaffen. Schon in den ersten Tagen entdeckte sie mir, daß sie sich schon beinahe seit drei Monaten in der Hoffnung befände und sich ihre Taille zu runden beginne, weshalb wir uns ohne alle Gefahr für sie ganz den innigsten Vergnügungen der Liebe hingeben könnten. Das gute Kind hatte mir ohne Zweifel diese Entdeckung gemacht, um mich zu ermutigen; denn ich hatte mich bis jetzt noch immer ziemlich zurückhaltend bei ihr benommen, was ihr, da sie die geheimen Freuden der Liebe schon kannte, aber nur so kurze Zeit genossen hatte und deshalb um so lüsterner darnach war, gerade nicht sehr gefiel, weshalb sie mir auch das naive Geständnis gemacht haben mochte. Ich war aber nicht der Mann, der sich von einer hübschen jungen Frau so etwas zweimal sagen ließ, sondern vertrat noch in derselben Stunde die Stelle des verstorbenen Ehemannes; nach einem Duett, das wir zusammen sangen, verirrten wir uns zu einem tête-à-tête in das Kamerino, während die Schwester Patience im Wohnzimmer spielte, und wiederholten solche Verirrungen so oft, daß diese zuletzt alle Patience verlor und uns einmal zürnend überraschte, weil wir sie doch gar zu lange ganz allein ließen. Ich küßte nun auch diese, um ihren gerechten Unwillen zu besänftigen, und – weil sie eben küssenswert war. Endlich aber machte ich noch eine dritte weibliche Bekanntschaft zu Rom, und zwar meine passion predominante, una giovan’ principiante, das fünfzehnjährige scharmante Töchterchen des Buchhändlers und Antiquars Vasi, die ich, in dessen Bottega manches Buch, römische Ansichten, Karten und Pläne kaufend, kennen lernte. Während ich mit dem Papa mich in gelehrte Disputationen einließ, führte ich mit dem Töchterchen einen verstohlenen Augenstreit, lancierte Occhiaten und wechselte Blicke. Ich ließ den Alten manche lateinische und altitalienische Scharteke in seinem antiquarischen Magazin suchen und holen, nahm die Augenblicke seiner Abwesenheit wahr, dem schönen Mädchen meine unnennbare Liebe zu gestehen, und wußte mich bald so sehr in des caro Papa Gunst zu setzen, dem ich seine Bücher zu raisonnabeln Preisen bezahlte, daß er mir gestattete, mit der holden Eurichetta manches Stündchen Musik zu machen, wobei denn auch noch manche andere Saite als die der Gitarre gegriffen wurde, wenn wir uns unter vier Augen in dem hinteren Zimmer befanden und neue Käufer den Antiquarius in seinem Laden zu unserer großen Freude oft sehr lange beschäftigten. So hatte ich nun der Schönen drei, unter denen mir oft die Wahl wehe tat, und ich wußte manchmal nicht, zu welcher ich zuerst meine Schritte wenden sollte.

Indessen machte ich damals auch eine Bekanntschaft, die nicht minder von Interesse als die meiner Schönen, ja wohl noch von höherem und bleibenderem war, nämlich die des berühmten Canova. Vasi war es, der mich bei diesem Fürsten der modernen Bildhauerkunst einführte, in dessen Werkstätte wir einen kolossalen, ganz nackten Napoleon, aus kararischem Marmor gehauen, sahen, an den der berühmte Meister nur noch die letzte Meißelfeile zu legen hatte. Diese Statue, die nächstens nach Paris abgehen sollte, sprach mich nicht sehr an, dagegen entzückte mich die vollendete Bildsäule einer Nymphe von weißem Marmor, die einen Wuchs und Formen hatte, welche, trotzdem sie von Stein waren, dennoch das Blut der Lebendigen in Wallung und Glut zu versetzen vermochten; ich habe keine Statue mehr gesehen, die einen so lebhaften Eindruck wie diese Nymphe, eine Auloniade, auf mich gemacht hätte, und glaube schwerlich, daß sich in der Wirklichkeit eine solche Gestalt auffinden läßt. Auch eine Bildsäule Ferdinand IV., des verjagten Königs von Neapel, stand in Canovas Atelier, die letzte Feile erwartend, die sie aber vorerst nicht erhielt. Wir sahen noch mehrere andere Schöpfungen des hochberühmten Meisters, die zum Teil erst halbvollendet waren, und mit der liebenswürdigsten Gefälligkeit zeigte uns derselbe seine Säle, uns alle nur zu wünschenden Erklärungen gebend. Noch führte mich Vasi in die Werkstätte eines anderen berühmten Bildhauers namens Massimiliano; auch dieser hatte einen kolossalen Napoleon, aber im kaiserlichen Ornat, mit Zepter und Krone, beinahe fertig, der mir minder mißfiel als der nackte, obgleich Arbeit und Kunst jenem bei weitem nicht gleichkamen. Was Canova besonders auszeichnete, war daß er die Natur mit den idealischen antiken Schönheiten so zu verschmelzen wußte, daß alle seine Schöpfungen eine Lieblichkeit atmeten, wie keine anderen mehr; und dabei war er selbst von der liebenswürdigsten Bescheidenheit, er schien fast beschämt, so viel Verdienst, Talent und Genie zu haben.

Der Karneval ging nun zu Ende, ich hatte ihn gottlob ordentlich mitgetobt, werde mich aber hüten, eine Beschreibung desselben zu geben, da ihn mein berühmter, wenn auch etwas steifer Landsmann so meisterhaft als lebendig geschildert hat, und er außerdem dieses Jahr (1807) bei weitem nicht so glänzend und lebhaft ausfiel, wie dies gewöhnlich der Fall ist, woran die Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen schuld war.

Die nun beginnenden Fasten, die ich mir recht langweilig vorgestellt hatte, vergingen mir indessen außerordentlich angenehm.

Ich hatte meine Damen und machte jeden Morgen in Bonniers Gesellschaft weite Spaziergänge in dem öden, verwilderten und romantisch gelegenen Teil der Stadt, wo man nur Weingärten, Ruinen, Palmen, Lorbeerhecken, hier und da ein Kloster oder eine Kirche antrifft.

Eines Morgens nahmen wir unsere Richtung nach dem Lateran, bewunderten die Raritäten dieser Kirche, in der sich, wie zu Loretto, Beichtstühle für die Sünder aus allen Nationen befinden, in denen der Deutsche, der Pole, der Franzose, der Spanier und so weiter seine Sünden in seiner Muttersprache bekennen und auch in dieser zu seinem großen Trost absolviert werden kann. – Von hier begaben wir uns zu der ganz nahen Scala Santa, die mein Freund noch nicht gesehen hatte. Obgleich wir beide gute Christen waren, so schien uns doch die Ersteigung der heiligen Treppe auf den Knieen etwas zu umständlich und langweilig, auch würden wir der vielen Gebete wegen, die man auf jeder Stufe herzusagen hat, in große Verlegenheit gekommen sein, da weder der eine noch der andere ein Paternoster oder Ave-Maria wußte, und außerdem würden unsere schönen, mit Silber besetzten Uniformbeinkleider dabei sehr Not gelitten haben; wir faßten demnach ein Herz und stiegen festen und sicheren Trittes, auf die uns für Ketzer haltenden Leute nicht achtend, die rechts angebrachten profanen Treppen hinauf. Vor dem heiligsten aller Altäre angekommen, knieten wir jedoch nieder und staunten das von Engel gepfuschte Bild an, richteten aber auch mitunter einen weltlichen Blick auf die heranknieenden Sünder und besonders auf die Sünderinnen. –

Wir waren noch nicht lange in dieser Position, als eine Prozession andächtiger Klosterfrauen, von ihrer Äbtissin angeführt, an der untersten Stufe der Scala Santa erschien und sich bereitete, dieselbe knieend zu erklimmen. – Vier und vier beknieten nebeneinander eine Stufe, ihre Schleier hatten sie, da sie viel küssen mußten[4], natürlich zurückgeworfen, und ihre Gesichter ganz enthüllt. Daß wir nun nicht mehr auf das heilige Bild, sondern auf die ankommenden lebendigen schauten, unter denen sich manch reizendes Madonnenköpfchen befand, brauche ich nicht erst zu versichern, und wir hatten alle Zeit, die frommen Schwestern, die so langsam Stufe für Stufe betend zu uns heranknieten, gehörig zu mustern. Gleich müssen uns die guten Kinder nicht bemerkt haben, wenigstens die Frau Äbtissin nicht, denn sie hatte schon ein Dritteil der Stufen überkniet, als sie mit Schrecken zwei französische Uniformen mit Epauletten und Mordgewehren, und dabei einen schwarzen Schnurrbart gewahrte. Aber was sollte die gute Frau machen? – An ein Umkehren war nicht mehr zu denken, eine Retirade auf den Knieen unmöglich, ohne zu riskieren, die Hälse zu brechen, und stehenden Fußes wieder hinabzugehen, hätte Bann und vielleicht ewige Verdammnis bewirkt; die fromme Herde, die schon etwas durch unsere bunten Uniformen in ihrer Andacht gestört worden, mußte samt der Hirtin nolens volens vorwärts, wobei manches Schäfchen auf uns Sünder einen neugierigen aber verstohlenen Blick warf, der nicht verloren ging.

Je näher die Nonnen dem heiligen Altar und folglich uns kamen, desto häufiger schielten sie nach uns, wahrscheinlich waren wir die ersten französischen Militärs, welche die guten Kinder zu Gesicht bekamen, und der Glanz unserer Uniformen muß den des heiligen Bildes noch übertroffen haben, da sogar die älteren Schwestern ihren Rosenkranz ziemlich verwirrt abzubeten schienen. Meinem Freund und mir fiel bald eine junge, kaum sechzehnjährige Nonne von ausgezeichneter Schönheit auf, die in der vierten Reihe auf der linken Seite kniete, ein wahres Engelsgesichtchen, dessen überaus feine Züge, blendend weißer Teint und seelenvoller Blick ihr das Ansehen einer halb Verklärten gaben, wozu ein etwas schwermütiger Zug, der sie noch um so interessanter machte, das seinige beitrug, sowie das sie sehr gut kleidende Nonnengewand. Je näher sie herankam, je mehr ruhten unsere Blicke auf ihr, die sich zuletzt unbeweglich fixierten. Auch sie schien es bald bemerkt zu haben, daß sie ausschließlich der Gegenstand war, der unsere Augen fesselte; bei der Erknieung einer jeden neuen Stufe sah sie uns zuerst nur flüchtig und dann immer etwas länger an; als sie endlich die letzte erreicht hatte, warf sie uns noch einen vielsagenden und bedeutungsvollen Blick zu, der von einem halbunterdrückten Seufzer begleitet war. Der Saum ihres Gewandes hatte das Kleid meines Freundes berührt, dem diese Berührung einen elektrischen Schlag gegeben zu haben schien; denn ein sehr merkliches Zittern durchbebte in diesem Augenblick seinen Körper, welches von der schönen Büßenden gleichfalls bemerkt worden sein muß; ihr Gesicht färbte sich in demselben Augenblick glühend rot, sie neigte sich hierauf zur Erde und schien in tiefster Andacht vor dem Altar zu beten. Als endlich alle Nonnen oben angekommen und auch die letzte ihr Gebet verrichtet hatte, standen sie sämtlich, auf ein von der Äbtissin gegebenes Zeichen, auf, und gingen auf der entgegengesetzten Seite, wo wir standen, die profane Treppe hinab. Noch einen flüchtigen Blick warf das holde Kind im Vorübergehen auf uns und verschwand. – Auch wir gingen bald darauf die andere Treppe hinab und folgten der frommen Herde in einiger Entfernung. – Mein Freund gestand mir sogleich, daß dies überirdische Wesen, wie er sich ausdrückte, einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht, und da er auf keine Weise Hoffnung habe, zu ihrem Besitz zu gelangen, ja sie je wieder sehen zu können, so mache ihn dies zum unglücklichsten Menschen von der Welt.

Der Zug nahm nun seine Richtung nach San Balbino zu; wir folgten ihm gewissermaßen mechanisch, und bemerkten deutlich, wie manche der Nonnen sich öfters umsahen. Hinter San Balbino kam die Prozession durch lauter einsame, von Mauern, Gärten und Ruinen begrenzte Straßen; endlich gelangte sie an ein von hohen Mauern umgebenes und mit fest verwahrten Gitterfenstern versehenes Gebäude, das wir seiner Bauart und den Türmen nach zu urteilen, sogleich für ein Frauenkloster erkannten. An der eisernen Pforte angekommen, zog die Äbtissin eine Klingel, worauf sich sogleich die schwere Türe knarrend öffnete, sämtliche Schwestern folgten ihrer Gebieterin, nachdem einige von ihnen noch einen sehnsuchtsvollen Blick rückwärts in die freie Natur getan hatten, die sich ihnen nun wieder auf eine halbe Ewigkeit verschloß. Wir beobachteten dies alles, ungesehen hinter einem Gesträuch verborgen.

Endlich war auch die letzte Nonne über die verhängnisvolle Schwelle getreten, die Pforte drehte sich abermals zentnerschwer in ihren Angeln, fiel prasselnd zu, und wir hörten deutlich, wie das schwerfällige Schloß dreimal herumgedreht und drei Riegel vorgeschoben wurden. Mein Gefährte stieß, als die Türe zugefallen war, einen tiefen Seufzer aus, stützte sich auf meine Schultern, und wir blieben einige Minuten bewegungslos in dieser Attitüde.

Endlich richtete er sich wieder auf, indem er tief Atem holend sagte: „Nun ist sie auf immer für mich und die Welt verloren!“ – Ich sprach ihm Mut ein und stellte ihm vor, daß Rom ja so viele außerordentliche Schönheiten besitze, die man täglich sehen, sprechen und bewundern könne, es demnach töricht sei, sich in eine lebendig begrabene Klosterschwester zu verlieben. Doch ich predigte tauben Ohren und muß aufrichtig gestehen, daß das Engelsgesicht auch auf mich einen gewaltigen Eindruck gemacht hatte, der, wenn ich nicht die Bekanntschaft der Prinzessin Cesarini gemacht, der ich mit ganzer Seele zugetan war, auch mich leicht zu Torheiten hätte verleiten können. Langsamen Schrittes und Arm in Arm entfernten wir uns beide, nachdem wir durch einen vorübergehenden Gärtnersjungen erfahren hatten, daß das Kloster, welches die seltene Perle auf Lebenszeit in Verwahrung genommen hatte, der heiligen Ursula angehörte. Alle drei Schritte wurde ein Halt von einigen Minuten gemacht, wobei wir die grauen düsteren Mauern anstarrten, was so lange dauerte, bis auch die höchsten Zinnen und Spitzen der Türme unseren Blicken entschwunden waren. Da schon längst die Essenszeit vorüber war, gingen wir zu einem Restaurateur, wo ich mir’s trefflich schmecken ließ, denn die Promenade hatte mir großen Appetit gemacht; mein verliebter Kamerad brachte aber kaum einen Bissen über den Mund und saß, den Kopf auf die Hände gestützt, gedankenvoll und stumm da. Der arme Teufel erregte wirklich mein Mitleid, so sehr es sonst meine Gewohnheit ist, mich über solche schmachtende Seladons lustig zu machen. – Ich wandte alles mögliche an, ihn aufzuheitern, ließ San Giorgio und Champagner bringen, doch alles vergeblich; ich mußte allein trinken; von da besuchten wir mehrere Kaffeehäuser, in denen wir manche schöne Römerin trafen, die in Gesellschaft eines Violettstrumpfs oder eines Abbate ihren Sorbett zu sich nahm, aber auch diese machten nicht den mindesten Eindruck auf meinen Freund; wir verließen die Kaffeehäuser, und ich schlug einen Spazierritt auf dem Korso vor, da die Stunde herangekommen war, wo sich die ganze schöne Welt Roms daselbst zeigt. Mein gemütskranker Freund nahm es an, und wir ritten, Kapriolen und Lanzaden neben den zahlreichen Wagen machend, daselbst auf und nieder. Bald erschien auch meine schöne Cesarini in einem Halbwagen mit ihrer Tante, sie sah schöner wie je aus, und ich hatte Nonnenkloster und die ganze Begebenheit rein vergessen, schloß mich dem Wagen an, und vertiefte mich so in ihr Anschauen und ein angeknüpftes Gespräch, daß ich die Abwesenheit meines Kameraden erst dann bemerkte, als wir auf der Piazza Popolo Halt machten, um der Konversation besser pflegen zu können, wie es daselbst gebräuchlich ist. Nach Verlauf einer Stunde sah ich Bonnier in gestrecktem Galopp, sein Roß mit Schweiß bedeckt und ihn sehr erhitzt, von der Piazza Venezia hersprengen, und hätte, wenn er mir’s auch nicht gestanden, doch erraten, wo er herkam; er hatte unterdessen eine Runde zu Pferd um das Ursulinerkloster gemacht und die hohen Mauern und eisernen Gitter angeseufzt. Ich empfahl mich nun, nachdem ich versprochen, mich im Apollotheater einzufinden, wohin ich denn auch meinen so schwer verwundeten Freund beredete. Um ein Uhr nach Mitternacht war das Schauspiel beendigt; der Mond stand hoch und hell am Horizont. Bonnier erklärte mir, daß er unmöglich schon zu Bette gehen könne und gar keinen Schlaf verspüre, sondern noch eine Promenade au clair de la lune machen wolle, wozu er mich dringend einlud.

Ohne eine besondere Divinationsgabe zu besitzen, war es leicht zu erraten, wo diese Promenade hingehen sollte; lächelnd und kopfschüttelnd hing ich mich an seinen Arm, und ehe eine halbe Stunde verging, waren wir unter den bewußten Mauern. Das hohe Kloster mit seinen Kuppeln und Türmen nahm sich im Mondschein recht schauerlich aus, und dreimal machten wir die Runde um dasselbe. Jetzt schlug die Turmuhr, es war die zweite Stunde nach Mitternacht, und nur mit Mühe brachte ich meinen ächzenden und stöhnenden Freund dahin, sich endlich mit mir zur Ruhe zu begeben.

Von den Strapazen des Tages ermüdet, fiel ich bald in einen festen Schlaf, der mir trefflich bekam; doch kaum graute der Morgen, so wurde ich auch schon durch ein ziemlich fühlbares Rütteln aus dem besten Schlummer geweckt, und meine kaum halb geöffneten Augen erblickten wieder den verliebten Narren Bonnier, der mir mit möglichster Beredsamkeit die Schönheiten des anbrechenden Tages vordemonstrierte und mich mit aller Gewalt zu einem romantischen Morgenspaziergang bereden wollte. Ich schlug es ihm aber schlaftrunken ab, legte mich unwillig auf das andere Ohr und schlief, auf die verliebten Narren scheltend, wieder ein.

Es war beinahe Mittag, als Bonnier von seinem Spaziergang zurückkehrte und mich noch im Bette antraf. Er rief aus: „Wie ist es möglich, so die schönste Zeit seines Lebens zu verschlafen, ich habe schon das ganze alte Rom durchwandert.“ Ich sprang nun aus dem Bette und erwiderte: „Ebensoviel wert, als diese Zeit wachend in fruchtlosen Träumereien hinzugeben.“ Dies brachte den guten Bonnier ein wenig in Wallung, und er äußerte mir, daß seine Liebe ebensowenig frucht- als hoffnungslos sei. Klostermauern seien noch lange keine Festungsmauern, er habe die des Ursulinerklosters heute Morgen hinlänglich rekognosziert und gefunden, daß man sie mit Feuerhaken und Strickleitern bequem übersteigen könne, es wäre nicht das erstemal, daß eine Nonne entführt worden sei, ein guter Soldat müsse sich durch nichts abschrecken lassen, und je größer die Schwierigkeiten, desto mehr Ehre, sie zu überwinden. Ich gab dies alles gerne zu, endigte aber damit, ihm zu bemerken: er wisse ja noch gar nicht einmal, ob seine Geliebte ebensolche Gesinnungen hege, ja ob sie nur etwas für ihn fühle, das man Liebe nennen könne, sogar ihr Name sei ihm unbekannt. – „Das könnte wohl der Fall sein, wenn ich so lange wie du geschlafen hätte,“ gab er mir zur Antwort; „es ist eine Tochter aus der Familie Narelli zu Pesaro, die erst seit vier Monaten eingekleidet, und was die Liebe anbetrifft, so habe ich auf der Scala Santa hinlänglich gesehen, woran ich mich zu halten habe.“ Voll Verwunderung fragte ich ihn, wie er ihren Namen erfahren hätte. – „Durch den Klostergärtner, den ich diesen Morgen über eine Stunde sprach,“ versetzte er, „und nachdem ich ihm eine deutliche Beschreibung meiner Geliebten gemacht, ohne ihn jedoch die Ursache ahnen zu lassen, warum ich nach ihr forsche, versicherte er mich, daß es keine andere als die Narelli sein könne. Ich erkundigte mich noch nach manchen von den übrigen Schwestern, um Verdacht zu vermeiden, und er nannte mir noch viele Namen, die ich bereits wieder vergessen habe. Auch über die inneren Verhältnisse des Klosters gab er mir Aufschluß, und da ich ihn fragte, ob ich den Klostergarten nicht einmal sehen dürfe, antwortete er mir, daß dies ohne eine besondere Erlaubnis der Frau Äbtissin nicht angehe, die er jedoch darum fragen und mir morgen schon Bescheid geben wolle, in jedem Fall aber könne dies nur zu einer Stunde geschehen, in welcher die Nonnen in ihren Zellen seien. – Du siehst also, Freund, daß ich schon um einige Schritte dem Ziele näher gerückt bin und daß ich es mit deiner Hilfe wohl noch erreichen kann.“ – „Das muß ich gestehen, du hast schon Riesenschritte gemacht,“ erwiderte ich lächelnd, „und wenn es so fortgeht, so bist du übermorgen in der Zelle der Geliebten, nur sehe ich nicht recht ein, was dir das Besehen des Klostergartens nützt und was ich bei der Sache viel tun kann.“

„Wie magst du nur so fragen! Wenn ich den Garten kennen lerne, so orientiere ich mich im Innern, ersehe mir die Stelle, wo meine Angebetene am leichtesten zu entführen ist, und dies ist schon viel, sehr viel. Du kannst mir vermittelst deiner intimen Bekanntschaft mit der Cesarini von außerordentlichem Nutzen sein. Damenbesuche dürfen die Nonnen zu jeder Zeit annehmen, die Cesarini hat, wie du weißt, in mehrern Frauenklöstern Verwandte, sie ist mit den Gebräuchen in denselben bekannt, durch sie könnte man leicht die Narelli erforschen und dann ein Einverständnis mit ihr anknüpfen.“

„Du siehst, Lieber,“ fuhr Bonnier fort, „daß ich alles wohl überlegt habe, und du mußt mir dein Wort geben, heute noch mit der Cesarini über diese Angelegenheit zu sprechen, oder ich sehe dich nicht mehr als meinen Kameraden an, hoffentlich hast du noch nicht vergessen, wie manche Schildwache ich bei deinen verliebten Abenteuern schon gestanden, wie manche Runde und Patrouille ich bei solchen Gelegenheiten für dich gemacht habe, und bin ferner bereit, dir zu dienen, wo ich nur immer kann.“ – „Schon gut,“ unterbrach ich den immer ungestümer werdenden Bonnier, „hier meine Hand darauf, heute abend spreche ich noch die Cesarini, und du sollst morgen früh das Resultat wissen.“ „Warum morgen früh? Ich erwarte dich heute nacht wachend, und so wie du zurückkommst, und wenn es erst gegen Morgen wäre, mußt du mir Bericht von dem Erfolg abstatten.“ Ich versprach alles, kleidete mich an, machte meine gewöhnlichen Touren, auf den Korso, ins Theater und so weiter, erfuhr aber zu meinem größten Leidwesen von der Cesarini, daß es ihr heute unmöglich sein würde, mich zu sprechen, da ihr Mann und ihre Schwägerin den ganzen Abend mit ihr zuzubringen sich vorgenommen hätten, wir müßten daher das Rendezvous auf den anderen Tag verschieben. Bonnier war gleich wieder nach St. Ursula gegangen, wo er durch Hecken, Gesträuche, Ruinen und Gärten patrouillierte, das finstere Gebäude, welches seine ganze Seligkeit einschloß, von allen Seiten anstöhnte, und erspähte, wo er wohl die Laufgräben am besten eröffnen könnte. Erst eine Stunde nach Mitternacht kam er zurück und traf mich zu seiner Verwunderung schon wieder schlafend im Bette an.

Er weckte mich sogleich auf und fragte mich nach dem Resultat meiner Unterredung mit der Cesarini; als ich ihm sagte, daß ich sie gar nicht habe sprechen können, stampfte er mit dem Fuß so gewaltig auf den Boden, daß alle Fenster klirrten, und nur mit der größten Mühe gelang es mir, ihn zu besänftigen, ihm die Ursache mitzuteilen und ihm verständlich zu machen, daß ich den kommenden Abend unfehlbar die Sache abmachen, und keine Verhinderung denkbar wäre, was ihn endlich etwas beruhigte; er warf sich nun angekleidet auf sein Bett, welches er mit den ersten Morgenstrahlen schon wieder verließ, um nach dem bewußten Ort zu eilen. Ich sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Am Abend hatte ich endlich die ersehnte Zusammenkunft mit der Cesarini, der ich die ganze Sache mitteilte und mir ihren Rat erbat. Sie erschrak nicht wenig über den tollkühnen Plan meines Freundes, und ihr Rat war, diesen zu bereden, denselben als unausführbar aufzugeben, da uns beiden die Geschichte höchst verderblich werden und uns in die größte Gefahr bringen könne. Dagegen wandte ich den unerschütterlichen Vorsatz Bonniers, dessen heiße, grenzenlose Liebe ein, und brachte es endlich so weit, daß sie mir versprach, in einigen Tagen das Kloster unter irgendeinem Vorwande zu besuchen, um die nötigen Erkundigungen wegen der Narelli einzuziehen und mir den Erfolg alsdann mitzuteilen, weiter würde sie sich aber auch in nichts einlassen, denn sie habe keine Lust, der heiligen Inquisition in die Hände zu fallen und ihre Seligkeit auf das Spiel zu setzen; die Sünde, eine Braut Christi zu verführen, sei die größte von allen, die der Papst selbst nicht einmal vergeben könne.

Mit diesen schlimmen Aussichten mußte ich sie verlassen; ich teilte sie Bonnier bei meiner Nachhausekunft mit, der um so untröstlicher wurde, da ihm auch die Hoffnung, das Innere des Gartens zu sehen, gänzlich fehlgeschlagen war. Die Äbtissin wollte zwar anfänglich die Erlaubnis dazu geben, als sie aber hörte, daß der Fremde ein Franzose und gar ein Offizier sei, verbot sie dem Gärtner bei Strafe des Wegjagens und des Bannes, ihr je wieder einen ähnlichen Antrag zu machen; dieser war weder durch Versprechungen noch durch Geschenke zu irgend etwas zu bewegen und die Unternehmung jetzt viel schwieriger, da man gewiß schon aufmerksam geworden war. Eine Ewigkeit schienen Bonnier die wenigen Tage, in denen die Cesarini das Kloster besuchen sollte; er strich während der Zeit wie gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Mitternacht um dasselbe herum, jedoch in Bürgertracht verkleidet, mit abgeschorenem Schnurrbart und eine Perücke auf dem Kopf, was ich ihm geraten hatte, um sich unkenntlich zu machen. Endlich kam der Tag heran, an dem ich Antwort von der Cesarini haben sollte; ich selbst konnte kaum die Stunde erwarten. Sie war wirklich dagewesen und hatte zur Ausrede genommen, eine alte Bekannte ihrer verstorbenen Großmutter, die in diesem Kloster war, wegen einiger Familienangelegenheiten zu besuchen. Der guten alten Schwester wußte sie auch trefflich einen blauen Dunst vorzumachen, sie wurde sehr gesprächig, erzählte viel und mancherlei; endlich brachte sie die Cesarini auch auf die jungen Schwestern und auf die Narelli, an der sie besonderen Anteil zu nehmen affektierte, und sie vermochte Beatrice (so hieß die Alte), sie ins Sprechzimmer zu bringen und der Narelli vorzustellen. Dort knüpfte sie mit dem jungen Mädchen ein ziemlich vertrauliches Gespräch an, ließ sich von ihr die Zeremonien ihrer Einkleidung erzählen, welche diese mit mancher unterdrückten Träne vortrug; endlich kam sie auch auf ihr Klosterleben und auf die vor einigen Tagen stattgehabte Prozession nach der Santa Scala. Mit Willen ließ sich die Cesarini auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände berichten, und die Nonne sagte ihr, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben bei dieser Gelegenheit Franzosen gesehen, die ihr außerordentlich gefallen hätten (dies begleitete sie mit einem tiefen Seufzer); besonders der eine schien ein sehr guter Mensch gewesen zu sein und habe sie unaufhörlich angesehen. Auch sie habe nicht umhin gekonnt, manchmal nach ihm zu blicken und sei dadurch in ihrem Gebete etwas gestört worden; indessen hoffe sie, daß ihr die Madonna diese Sünde vergeben werde, sie sei so schon unglücklich genug; sie sprach noch ferner und viel von uns, und zwar so, daß die Cesarini deutlich merkte, daß auch sie von derselben Leidenschaft wie Freund Bonnier gequält wurde, nur schien es der Cesarini, daß nicht dieser, sondern ich der Gegenstand sei, der ihr Herz erfüllte; doch konnte sie darüber keine vollkommene Gewißheit erlangen. Sie versprach, sie wieder zu besuchen, und entfernte sich, ihr ein herzliches Lebewohl wünschend; die Alte begleitete sie bis an die Treppe, die Äbtissin war nicht sichtbar. Ich erzählte meinem Freunde alles Wort für Wort wieder, bis auf den letzten Umstand, den ich ihm zu verschweigen für nötig erachtete. Er schwamm in Entzücken und glaubte sich schon im Besitz der Geliebten. Unter Plänen und Projekten brachte er abermals die Nacht zu.

Noch einmal gelang es meiner Überredungskunst, die Cesarini ins Kloster zu persuadieren, um die Denkungsart der Narelli und ihre Meinung über eine Klosterentführung so beiläufig und nur von weitem zu erforschen. Sie sprach dieselbe abermals und glaubte bemerkt zu haben, daß das Mädchen, wiewohl mit einiger Mühe, dazu zu bewegen sei, beteuerte mir aber zu gleicher Zeit, daß sie nun ein für allemal nichts mehr mit dieser Sache zu schaffen haben wollte und daß, wenn ich nur noch einen Funken von Liebe für sie fühle, ich sie mit allen ferneren Auf- und Anträgen der Art verschonen möchte; auch würde sie auf den Fall, daß die Sache zur Ausführung käme, darin verwickelt werden, wenn sie noch ferner Besuche im Kloster machte, welches natürlich einen dringenden Verdacht auf sie werfen müsse. Die Wichtigkeit dieses Grundes sah ich nur allzugut ein und hätte um keinen Preis der Welt der mir so teuern Cesarini die geringste Unannehmlichkeit verursachen mögen. Doch schlug sie folgenden Ausweg vor, der mir auch der einzige und beste schien: Eine junge Französin, die sich bei einer ihrer Freundinnen seit einiger Zeit aufhalte und der italienischen Sprache vollkommen mächtig sei, müsse man in das Geheimnis ziehen; auf ihre Verschwiegenheit dürfe man bauen, diese habe man erprobt, und in Religionssachen sei sie eben auch nicht sehr skrupulös; ich solle selbst mit ihr reden, und dann wolle sie durch Aufträge an Beatrice ihr den Eingang ins Kloster verschaffen, käme dann die Entführung zustande, so könnte sie sich zugleich mit entführen lassen, und alle Schuld fiel alsdann auf sie. – Ich bewunderte meiner Freundin Scharfsinn, sowie ich über ihre sonderbare Gewissensängstlichkeit staunte, da sie sich ganz unschuldig glaubte, wenn sie nur nicht selbst Hand ans Werk legte, dabei aber die trefflichsten Ratschläge zur Vollbringung desselben erteilte. Noch erfuhr ich von ihr, daß auch nahen Anverwandten männlichen Geschlechts der Eingang in das durch ein Gitter getrennte Sprechzimmer gestattet sei, um ihre Schwestern, Töchter oder Cousinen zu sprechen, jedoch nur im Beisein und unter der Aufsicht älterer, eigens dazu bestimmter Nonnen. Wenn wir uns also für Anverwandte der Narelli aus Pesaro ausgäben, uns gehörig verkleideten und unkenntlich machten, so könnten wir wohl selbst einigemal mit ihr reden, natürlich müsse sie aber auf alles erst durch die Französin vorbereitet sein und einwilligen. – Diese unerwartete Entdeckung überraschte mich sehr und machte mir viele Freude; nun erst fing ich an, an die Möglichkeit einer Entführung zu glauben, die ich bis jetzt immer bezweifelt hatte. – Als ich Bonnier dies alles mitteilte, war er ganz außer sich, nannte mich einmal über das andere seinen besten Freund, für den er jeden Augenblick das Leben lassen wolle, packte mich beim Kopf und küßte mich, so daß ich Mühe hatte, mich seiner gewaltigen Zärtlichkeit zu entziehen. Demoiselle Lenier, so hieß die Französin, wurde nun durch die Cesarini zur Vertrauten gemacht, und sie gab sich nicht nur sehr gerne zu allem her, sondern das Abenteuer schien ihr sogar viel Vergnügen zu gewähren, und was die Sünde sowie die Verdammnis jenseits anbelangte, so wollte sie die Verantwortung und die Schuld herzlich gern auf sich nehmen, – sie war eine Pariserin! –

Sowohl ich als Bonnier hatten nun öfters Unterredungen mit der Lenier, wo wir uns gegenseitig unsere Meinungen und Gedanken mitteilten. Endlich kam der Tag, wo sie zum erstenmal ins Kloster fuhr, um sich ihrer fingierten und wirklichen Aufträge zu entledigen. – Es ging alles glücklich vonstatten, sie sprach nicht nur Beatrice, sondern auch die Narelli, und zwar lange und viel, und ließ sie merken, daß sie jene Offiziere kenne und öfters spräche und daß der eine von ihnen, wie es schien, in eine junge Nonne dieses Klosters sterblich verliebt sein müsse; dies brachte sie scherzend und lachend hervor, indem sie ihn einen Narren schalt, der sich ohne die mindeste Hoffnung, den geliebten Gegenstand je wieder zu sehen, so unsinnig verlieben könne. – Die junge Nonne wurde dabei blutrot, was die Lenier bemerkte und sie sogleich, ebenfalls scherzend, damit aufzog, indem sie ihr geradezu sagte, es schiene, als sei auch sie nicht gleichgültig bei dieser Erzählung; sie sprach ihr nun Mut und Trost ein und wußte sich schon bei diesem ersten Besuch ganz in ihr Vertrauen einzuschleichen, so daß jene sie sehr dringend bat, doch ja bald wiederzukommen und sie oft zu besuchen, was die Lenier denn auch recht gerne versprach.

Beim zweiten Besuche, den die Lenier zu St. Ursula machte, rückte diese näher mit der Sprache heraus und sagte zu Angelika (dies war der Narelli Klostername), daß, wenn es ihr Vergnügen mache, die beiden Offiziere noch einmal zu sehen, so könne schon Rat dazu werden, sie müsse sich aber um Himmelswillen nichts merken lassen und äußerst verschwiegen sein. Angelika schien anfänglich über den Vorschlag zu erschrecken, konnte jedoch zu gleicher Zeit ihre Freude darüber kaum verbergen und fragte nun, wie dies wohl möglich sei. – Die Lenier gab ihr allen erforderlichen Aufschluß und sagte, sie würden sich als ein paar nahe Anverwandte aus Pesaro bei ihr anmelden lassen und so verkleidet im Sprechzimmer erscheinen, dann müsse sie aber auch die Unbefangene so gut als möglich spielen und die neuen Vettern wie alte Bekannte mit Herzlichkeit empfangen. Angelika meinte, das sei eine schwere Aufgabe, aber die Lenier sprach ihr Mut ein und gab ihr die gehörigen Instruktionen, so daß nach manchen Unterredungen mit jener sie einwilligte, uns zu sehen und auf alles gefaßt zu sein versprach. – Um die Sache noch leichter zu machen, waren wir überein gekommen, daß wir uns als junge, angehende Geistliche aufführen lassen wollten, welche auf einige Zeit nach Rom gekommen seien, um sich Protektoren wegen baldiger Beförderung zu verschaffen und angesehene Bekanntschaften aus der höheren Geistlichkeit zu machen. – Endlich war der verhängnisvolle Tag herangekommen, an dem wir die heiligen Mauern betreten sollten. Schon den Tag vorher hatten wir uns als Angelikas Vettern bei der Frau Äbtissin anmelden lassen, und die elfte Stunde vormittags war zu unserem Empfang bestimmt. In aller Frühe eilten wir zur Lenier, wo wir unsere neuen Uniformen vorfanden, welche diese nach einem ungefähren Maß für uns hatte verfertigen lassen, indem sie dem Schneider sagte, sie seien zum Geschenk für ein paar junge Geistliche in Civita-Vecchia bestimmt. Wir kostümierten uns mit Hilfe der Lenier, sahen einander an und lachten; mein Kamerad hatte seinen Bart abrasiert, was bei mir noch nicht nötig war, und wir fanden uns in den geistlichen Kleidern ganz bequem; als wir angekleidet waren, erschien auch die Cesarini. Sie lachte zwar, äußerte aber zugleich, sie wolle nichts davon wissen, wir seien die größten Sünder, die es je gegeben. Endlich rollte der Wagen vor, der wohl verschlossen war; wir stiegen ein, und man wünschte uns eine glückliche Reise. Unterwegs stellten wir allerlei Betrachtungen an, unter anderen auch, was man wohl mit uns anfangen werde, wenn man uns erwischte und für das erkennen würde, was wir wirklich seien. Bonnier meinte, dann würden wir ohne weiteres der heiligen Inquisition überliefert und verbrannt werden, ich aber glaubte, wir würden als Franzosen wohl glimpflicher davonkommen, besonders da wir einem Kaiser angehörten, der Geniestreiche liebte und deren selbst täglich ausführe, genug, ich war von der muntersten Laune der Welt, denn das Abenteuer fing an, mir das größte Vergnügen zu machen. Doch hatten wir uns auf alle Fälle jeder mit ein paar scharf geladenen Terzerolen versehen. – Unter diesen und ähnlichen Gesprächen gelangten wir an die Pforten der Wohnung der heiligen Jungfrauen. Der Wagen hielt an, wir stiegen recht ehrenfest heraus und klingelten. Die Tür drehte sich knarrend in ihren Angeln. – Husch waren wir drin, und die Falle hinter uns fiel zu. – Daß mir in diesem Augenblick ganz sonderbar zumute war, will ich nicht leugnen, auch mein bis über die Ohren verliebter Freund schien etwas betreten. Dies gab uns aber gerade ein gewisses frommes und schüchternes Ansehen, was uns in diesem Augenblick sehr gut zustatten kam, und die Schwester Pförtnerin führte uns durch lange, düstere Gänge, graue Hallen und enge Stiegen hinauf in das Sprechzimmer, wo sie uns warten hieß, indem sie sagte, sie gehe, uns der Frau Äbtissin zu melden. Diese war, nach ihren Äußerungen, von der Absicht unseres Besuches schon unterrichtet und wußte, daß wir der Narelli Anverwandte seien.

Wir waren jetzt allein und hatten Zeit, das Sprechzimmer zu besehen, uns vorzubereiten und unsere Betrachtungen anzustellen. Daß die Äbtissin selbst kommen würde, wie es schien, war uns eben nicht sehr angenehm; wir fürchteten, da man sie uns als eine sehr schlaue Frau geschildert hatte, durch ihre Fragen in Verlegenheit zu kommen. Jetzt hörten wir Tritte, eine Tür jenseits des Gitters wurde geöffnet, und vier verschleierte Nonnen traten ein, von denen sich jedoch die eine, die Pförtnerin, sogleich wieder entfernte; die übrigen drei traten nahe ans Gitter. Wir erkannten bald Angelika und zwei ältere Schwestern; die Äbtissin war zu unserer großen Freude nicht dabei. Ich redete erstere sogleich mit „carissima cugina“ an, schüttete eine Tasche voll Empfehlungen von ihren Eltern und Geschwistern zu Pesaro aus, so daß niemand zu Worte kommen konnte und mein verlegener Freund sowohl wie Angelika Zeit gewannen, sich zu sammeln. Anfangs konnte das schöne, fromme Kind nichts anderes als si und no stammeln, bald aber wurde ihr die Zunge etwas geläufiger, und sie fing an, sich nach ihren Anverwandten zu Pesaro zu erkundigen, was ich so gut als möglich beantwortete; endlich hatte Bonnier auch ein Herz gefaßt und knüpfte eine Konversation an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und unterhielt mich recht eifrig mit den beiden anderen Damen von himmlischen und irdischen Dingen und wußte sie so gut zu amüsieren, daß sie weder von den Worten noch von den Blicken etwas gewahr wurden, welche man auf der anderen Seite wechselte; mir aber war es nicht entgangen, daß das Briefchen, welches Bonnier schon seit vierzehn Tagen dreißigmal umgeschrieben, glücklich durch das enge Gitter in Angelikas niedliche Händchen passiert und von dieser schnell unter dem Busenschleier verborgen ward. Über eine gute Stunde waren wir bereits da, als ich meinem Freund durch Zeichen und Worte zu erkennen gab, daß es nun Zeit sei, sich zu entfernen. Wir empfahlen uns den frommen Schwestern bestens, welche uns ihren reichlichen Segen mit auf den Weg gaben und unseren gottesfürchtigen Vorsatz, recht fromme Geistliche zu werden, über die Maßen lobten, uns auch baten, den Besuch recht bald zu wiederholen, was wir gerne versprachen. – Noch einen Blick auf Angelika, und wir waren zum Sprechzimmer hinaus, wo uns die Pförtnerin empfing und bis vor die äußeren Klosterpforten geleitete.

Freund Bonnier schwamm abermals in Entzücken und beteuerte wiederholt, er müsse Angelika besitzen und wenn er, ein zweiter Nero, das Kloster und ganz Rom in Brand stecken solle. – „So arg wird es hoffentlich nicht werden,“ fiel ich ein und bat ihn, mir zu sagen, wie weit er mit ihr gekommen sei. Hierauf erzählte er mir, was ich schon wußte, nämlich daß er das Billett glücklich angebracht, aber mündlich nur mehr im allgemeinen gesprochen und es nicht gewagt habe, ihr eine förmliche Liebeserklärung zu machen, aus Furcht, die anderen hätten etwas merken können, morgen aber müsse die Lenier ins Kloster, um die Wirkung zu erfahren, welche unser Besuch und der Brief gemacht habe, und demnach die weiteren Vorkehrungen so bald als möglich zu treffen. Bei unserer Zurückkunft trafen wir die Damen an, welche uns mit der gespanntesten Neugierde erwartet hatten, um das Resultat unseres Besuchs zu erfahren, das wir bis jetzt selbst noch nicht wußten. Es wurde nun einstimmig beschlossen, daß Mademoiselle Lenier den kommenden Morgen dahin fahren sollte, um sich davon zu unterrichten. Wir wechselten unsere Kleider und ritten gegen Abend auf den Korso; um allen möglichen Verdacht zu vermeiden, waren wir übereingekommen, daß weder Bonnier noch ich uns wieder in Uniform in der Nähe des Klosters dürften blicken lassen. Den Tag darauf erwarteten wir die Lenier mit eben der Ungeduld, als sie uns gestern erwartet hatte; es war beinahe Mittag, als sie zurückkam und Bericht über ihre Ambassade erstattete.

Alles stand zum Besten, man hatte nicht den geringsten Verdacht auf uns geworfen, die alten Schwestern waren von mir und die junge Nonne von Bonnier entzückt. Letztere hatte lange und viel mit der Lenier gesprochen und sich so gut wie zu allem bereit erklärt; diese versicherte uns, daß, wenn wir noch einige Besuche machten, die Sache mit Angelika gewiß in Richtigkeit sein würde, auch habe sie ihr zugeredet, doch einige Zeilen an ihren Freund zu schreiben und ihm solche bei der nächsten Zusammenkunft zu übergeben, was sie ihr nach einigem Sträuben endlich versprochen. – Genug, es ging bis jetzt alles nach Wunsch, wir wiederholten unseren Besuch, so oft es möglich war, ohne Argwohn zu erregen, in der geistlichen Tracht, und ein vollkommenes Einverständnis sowie ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen Angelika und Bonnier war bald hergestellt, und ebenso schnell waren beide Liebende einig. Angelika willigte in alles, und jetzt war nur noch die Schwierigkeit, die Entführung aus dem Kloster zu bewerkstelligen, was freilich keine leichte Aufgabe war. Doch welche löst nicht Liebe und List? – Daß das Entkommen aus dem Kloster über die Gartenmauern vollbracht werden müsse, darüber waren alle einig, sowie daß dies nur kurz vor oder nach Mitternacht geschehen könne. Wegen der ungeheuren Höhe dieser Mauern sei dies auf jeden Fall eine halsbrechende Arbeit, deren Gefahr die Finsternis der Nacht noch vergrößere; indessen war dies unsere Sorge und mein Plan schon gemacht. Die größere Schwierigkeit bestand darin, wie Angelika durch drei Türen, welche zum Garten führten und jeden Abend wohl verschlossen und verriegelt wurden, gelangen könne. – Aber auch dafür erdachte die erfinderische Liebe bald Hilfe. Angelika mußte die Größe und Form aller dieser Schlüssellöcher in Wachs abdrücken, und wir ließen fünf Hauptschlüssel verfertigen, mit denen sie die Türen öffnen und so den Weg in den Garten finden sollte. Um das Übersteigen der Mauern möglich zu machen, ließ ich in Civita-Vecchia, wohin ich selbst ritt, Strickleitern verfertigen und kaufte Seile auf, denn außerdem, daß man schwerlich solche hohe Leitern gefunden hätte, wie sie hierbei erforderlich waren, würde deren An- und Herbeischaffung auch weit mehr Umstände und Verdacht verursacht haben.

Diese Strickleitern mußten nun auf eine solide Art auf der äußeren und inneren Seite befestigt werden. Zu dem Ende hatte ich einen Franzosen von der zu Civita-Vecchia liegenden Marine mitgenommen, welcher ein Schlosser von Profession war (einem Italiener wäre hier nicht zu trauen gewesen), der zu diesem Zweck einhundertundzwanzig sehr lange und starke eiserne Haken geschmiedet hatte, die er bei Nachtzeit zuerst von außen an der Mauer befestigen mußte, und zwar so, daß jedesmal in einem Zwischenraum von dritthalb Schuhen drei dieser Haken nebeneinander eingeschlagen wurden. Glücklicherweise waren die Mauern fast überall dicht mit Efeu und anderen Gesträuchen bewachsen, und man konnte die Eisen fast alle so anbringen, daß man, wenigstens bis zu einer beträchtlichen Höhe, nichts davon wahrnehmen konnte. Natürlich mußte sich der Mann mit Hilfe der Seile und seiner eingesetzten Haken hinaufarbeiten, welches, je höher er kam, desto schwieriger wurde und das umgekehrt auf gleiche Weise jenseits der Mauer bewerkstelligen, als er oben angekommen. Zehn Nächte dauerte diese gefährliche Operation, wobei jedesmal eine Stunde vor Mitternacht angefangen und eine Stunde vor Sonnenaufgang geendet wurde. Während dieser ganzen Zeit standen Bonnier und ich Schildwache in der Nähe und unsere Bedienten auf Vorposten, um uns von dem geringsten Geräusch zu benachrichtigen; das Kloster lag aber so einsam und abseits, daß wir auch keine lebende Seele außer uns gewahrten. Als endlich alles so weit in Ordnung war, kamen wir überein, daß wir acht Tage vor der zur Entführung bestimmten Zeit unsere Abschiedsvisite im Kloster machen, sowie auch das Lazarett verlassen und uns als Fremde in einem Privathause die letzte Zeit verborgen halten müßten, damit man nicht sogleich Verdacht gegen uns haben könnte, indem wir angeblich schon einige Zeit vorher abgereist waren. – Dies alles war in Ordnung, nur die Lenier besuchte noch fast täglich das Kloster, um Angelika in ihrem Vorsatz zu bestärken und ihr Mut einzusprechen, da sie, je näher der entscheidende Zeitpunkt heranrückte, desto ängstlicher wurde. Endlich war die verhängnisvolle Nacht da, Angelika hatte noch am Morgen ihrer Freundin versprochen, alles zu versuchen. Um elf Uhr hielt ein Wagen mit vier Postpferden, in dem die Lenier saß, in der Nähe des Klosters, um alle drei nach Civita-Vecchia zu bringen, von wo sie sogleich mit einer segelfertigen Felukke nach Genua abgehen sollten, wohin sich Bonnier Urlaub zu verschaffen gewußt. Angelika hatte versprochen, mit dem Schlag Mitternacht in den Garten zu kommen; alle Schlüssel waren ihr eingehändigt worden. Bonnier und der Marinesoldat überstiegen die Mauern, ich blieb diesseits, um auf alles acht zu haben, und die Bedienten standen wieder auf ihren Lauerposten. Schon lange hatte die Klosterglocke Mitternacht geläutet, eine, zwei, drei Stunden vergingen, und Angelika erschien nicht, der Tag fing zu grauen an, und sie erschien noch immer nicht. Es war nun die höchste Zeit, an die Retirade zu denken, – schon fing es an, sich im Kloster zu regen. Endlich gelang es mir, meinen der Verzweiflung nahen Freund zum Zurücksteigen zu bewegen, nachdem ich selbst hinüber geklettert war, um ihn zu holen, was mir nur durch die Vorstellung gelang, daß dies das einzige Mittel sei, nicht alles zu verderben; ich würde noch heute die Ursache von Angelikas Ausbleiben erforschen. – Der Wagen wurde heimgeschickt, und wir begaben uns in einem mißmutigen, sehr traurigen Zustande in unsere Wohnung.