Da die Kommunikation mit Italien jetzt immer schwieriger und auch die Fahrt nach Otranto durch die englischen Lanzen fast ganz unterbrochen wurde, so sandte man öfters kleine Detachements nach Albanien ab, wohin wir ohnehin häufig auf die Jagd gingen, um Transporte von Lebensmitteln, in Reis, Mais, Ochsen, Ziegen und so weiter bestehend, die für die Garnison von Korfu gegen gute Bezahlung ziemlich schlecht von Ali Pascha von Janina geliefert wurden, zu eskortieren. Mir wurde nach meiner Rückkehr von Pallea Castrizza zuerst ein solches Kommando zuteil. – Als ich bei Butrinto mit meinen Leuten ans Land stieg, empfing mich ein Abgeordneter Alis, der uns bis vor Janina begleitete. In allen Orten, durch welche das Kommando passierte, wurde es von der staunenden Menge, die zum erstenmal europäische Soldaten sah, angegafft, und Greise, Weiber und Kinder drängten sich um meine Leute, befühlten und betasteten sie; und alles, was sie an sich hatten, bis auf die bleiernen Knöpfe, die sie für silberne hielten, war ein Gegenstand ihrer Bewunderung. Als wir vor Janina angekommen waren, mußte ich Halt machen, und der Albaneser, der uns bis hierher begleitet hatte, begab sich in die Stadt, um unsere Ankunft zu melden. Kaum war es daselbst ruchbar geworden, daß französische Soldaten von Korfu angekommen seien, als eine unzählige Menge Volks beiderlei Geschlechts, Griechen, Türken und Albaneser herbeiströmten, die Wundertiere zu sehen. Beim Besehen blieb es aber nicht, sondern sie mischten sich unter die Soldaten, betasteten deren Säbel, Gewehre, Patrontaschenschilder und so weiter, alles was blinkte und das sie für edles Metall hielten, da es bei ihnen Gebrauch ist, alle ihre Waffen, aus denen oft ihr ganzes Vermögen besteht, mit Silber oder Gold beschlagen und verzieren zu lassen. Manche öffneten sogar die Patrontaschen und befühlten die Kartuschen und Tornister auf eine Weise, daß ich zu tun hatte, meine Leute, die sich dies nicht gefallen lassen wollten, ruhig zu erhalten. Am neugierigsten und dreistesten waren die Frauen und Kinder. Glücklicherweise kam der Albaneser, einer von Alis Garden, mit einem Offizier des Paschas zurück, der mit einem: „Oxo, oxo, Morée!“ das vor seinem Tyrannen zitternde Volk in einem Nu auseinander jagte. Er kündigte mir an, daß wir kein Quartier in der Stadt erhalten würden, sondern bis nach Ablieferung der Lebensmittel vor derselben unter Zelten, die man in Zeit von einer Stunde für uns aufschlagen würde, lagern müßten; es sei indessen den Leuten erlaubt, einzeln und ohne Bajonette in die Stadt zu gehen, übrigens würde man für unsere Bedürfnisse in jeder Hinsicht reichlich Sorge tragen und der Pascha uns in ein paar Stunden selbst mit seinem Besuch beehren. Dies alles wurde vermittelst eines Dolmetschers in italienischer Sprache verhandelt. Bald darauf kündigte ein unordentlich im Galopp dahersprengender, sehr reich gekleideter Trupp albanesischer und türkischer Reiter Alis Ankunft an, dem er mit einer sehr zahlreichen und glänzenden Suite bald folgte. Ich ließ die Mannschaft ins Gewehr treten, präsentieren und die Tambours aux champs schlagen; sogleich ließ Ali durch den Dolmetscher fragen, was dies zu bedeuten habe, und als er vernommen, daß dies die höchste militärische Ehrenbezeigung sei, gab er sein Wohlgefallen durch beifälliges Lächeln zu erkennen. Ich ließ hierauf, nachdem ich seine Zustimmung erhalten, noch einige Handgriffe und Wendungen vornehmen, mehrmals abfeuern, Peloton-, Glieder- und Rottenfeuer machen, was sowohl vom Pascha als seiner Umgebung mit Beifallsbezeigungen aufgenommen wurde. Was ihn am meisten ansprach, ließ er mich durch den Dolmetscher ersuchen, zu wiederholen, erkundigte sich bis zu den kleinsten Details nach der Garnison von Korfu, und nachdem er mich seiner Zufriedenheit und seines Wohlwollens hatte versichern lassen sowie daß noch vor Abend für alle unsere Bedürfnisse gesorgt werden würde, verließ er uns nach einer Anwesenheit von beinahe zwei Stunden. In der Tat war er kaum weg, als Lebensmittel aller Art, Wein nebst mehreren türkischen Zelten, auch einige Diwans und Polster herbeigebracht wurden, denen vier Sänften, von Sklaven getragen und albanesischen Wachen umgeben, folgten; vier türkische Frauen oder Sklavinnen befanden sich in denselben, die ihre besonderen Zelte erhielten und die der besorgte Pascha zu meiner Privatunterhaltung bestimmt hatte, indem die Türken die Weiber wie ein jedes andere zu befriedigende notwendige Bedürfnis betrachten. Ich machte ihnen, nachdem ihre Zelte aufgeschlagen waren, was zuerst geschah, einen Besuch, um meine Neugierde zu befriedigen und fand vier ziemlich robuste, wohlgenährte, korpulente Schönheiten, die gerade nicht mehr in der ersten Blütezeit standen, hochrot geschminkt, schwarz bemalt waren, angestrichene Nägel und ziemlich grobe Züge hatten; genug, es waren weder zirkassische noch griechische Schönheiten. Ich verließ sie bald wieder und gestattete den Unteroffizieren und Soldaten, sie zu besuchen, denn sie zurückzuschicken würde der Pascha für eine große Beleidigung angesehen haben. Als ich aber erfuhr, daß mir Ali ein Geschenk mit diesen Schönheiten machen wolle, die ich mit nach Korfu nehmen solle, ließ ich ihn am Tage unseres Abmarsches wissen, daß ich sehr bedaure, dies nicht annehmen zu dürfen, indem es mir die französischen Gesetze verböten und ich bei meiner Rückkehr großen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein würde, wenn ich vier Weiber mitbrächte. Diese Räson nahm er auch an. Den anderen Morgen schickte er wieder Geflügel, eine große Quantität türkischen Tabak nebst türkischen Pfeifen von roter Erde und vergoldet für das ganze Kommando; den Nachmittag kam er abermals selbst und ließ sich wieder einige Manöver vormachen. Diese Besuche wiederholte er noch einigemal und beschenkte die Leute reichlich mit Tabak. Des Morgens durchstrich ich die ungepflasterten Straßen Janinas und besah deren bunte Häuser, Moscheen und so weiter; auch hatte ich zweimal Audienz beim Pascha in dessen Palast, wo er mich mit einem Kistchen von Sandelholz, welches zwei Dutzend Fläschchen köstlichen Rosenöls enthielt, einem Päckchen von den im Serail verfertigten Pastillen und mehreren ausgezeichnet schönen türkischen Pfeifen, deren Rohre mit Kaschmir überzogen waren, und zwei kaschmirnen Schals von Wert beschenkte. Meine von Zeit zu Zeit später abgeschickten Nachfolger waren nicht so glücklich, die Sache war nichts Neues mehr, und als erst das Mißgeschick des französischen Heeres in Rußland bekannt wurde, da zog der Pascha von Janina ganz andere Saiten auf, und bald nachher traten zwischen ihm und dem Gouverneur von Korfu Mißhelligkeiten ein. – Einige Notizen über Janina und seinen merkwürdigen und grausamen Tyrannen dürften hier wohl an ihrem Platz sein. – Der Anblick der Hauptstadt Albaniens ist ganz orientalisch und über alle Beschreibung schön. In den See zieht sich eine Halbinsel mit schroffen Felsen, auf der das alte Serail des Paschas oder sogenannte Fort und ebenfalls eine von Zypressen umgebene Moschee liegen. Eine hohe Mauer trennt sie von der Landseite. Von dieser Halbinsel kann man die ganze Stadt gut übersehen; ihr gegenüber liegt eine kleine Insel, auf der sich noch ein dem Pascha zugehöriger Palast befand. Janina hat einen sehr großen Umfang, viel offene Plätze und Moscheen. Die Basars sind mitten in der Stadt und nehmen zwölf Straßen ein; ein jeder ist für ein besonderes Gewerbe bestimmt, der eine für Juweliere, der andere für Waffenschmiede und so weiter. Hier hängen die Gebäude auch ziemlich zusammen, die Häuser der Reichen sind sehr geräumig und haben alle Galerien. Der Judenkirchhof befindet sich mitten in der Stadt, die damals an vierzigtausend Einwohner zählen mochte und außer sechzehn Moscheen auch acht griechische Kirchen hatte; sogar sah ich einige Buchläden, in denen neugriechische Bücher verkauft wurden. In den Straßen begegnete man bewaffneten Arnauten, Mohren, Tartaren, Türken und Griechen, alle zu des Paschas Scharen gehörend, dessen Palast, der große Serail genannt, um ihn von dem seiner Söhne Muktar und Veli zu unterscheiden, im südlichen Teil der Stadt auf einer Anhöhe, die dieselbe beherrscht und eine Zitadelle aus hohen Steinmassen bildet, liegt. Der obere Bau ist jedoch von Holz und ganz türkisch mit vorspringenden Dächern, langen Fensterscheiben und bemalten Außenwänden. Er ist von finsteren Straßen umgeben, die sehr enge Zugänge bilden. Durch ein hölzernes Tor kommt man auf einen breiten unregelmäßigen Platz, der von zwei Seiten durch den Serail eingeschlossen ist. Dieser Platz wimmelte von den Soldaten von Alis Leibwache, die sehr reich gekleidet war. Von da kommt man in die Galerie, die mit einer Menge Volk, als Türken, Albaneser, Mohren, Griechen, schwarzen Verschnittenen, Juden und so weiter angefüllt ist, dann gelangte man in einen langen, reich verzierten Saal, in dem ein großer seidener Vorhang herabhing, welcher, wenn Ali Audienz gab, in die Höhe gezogen wurde, wo alsdann ein prächtiges, mit vielen Säulen prangendes großes Gemach sichtbar ward, von dessen Fenstern man die Aussicht auf den Landsee und das Pindus-Gebirge hatte. Der Fußboden war kostbar ausgelegt und mit reichen Vergoldungen geschmückt, an den Säulen hingen Dolche und alle möglichen Waffen von großem Wert, dem Pascha gehörend, ringsum waren karmoisinrote Diwans, vor denen die kostbarsten Teppiche lagen. Ali selbst saß mit übers Kreuz geschlagenen Füßen unter einem karmoisin mit Gold gestickten prächtigen Thronhimmel. Er war von ziemlich hohem Wuchs, hatte ein dickes rundes Gesicht, eine offene Stirn, schlaue Züge und einen wilden, grimmigen Blick. Er trug ein blaues, rotes oder gelbes, reich mit kostbaren Pelzen besetztes Oberkleid und bisweilen statt des Turbans eine Sammetmütze. Seine Stimme war sehr rauh und hohl und sein brüllartiges Lachen hatte etwas Fürchterliches und Erschreckendes an sich. Ali war 1750 zu Tepeleni in Albanien geboren, wo sein Vater, Veli, Pascha war. Bei dessen Tod mochte er ungefähr sechzehn bis siebzehn Jahre zählen. Als einige Zeit darauf ein Albaneser namens Ghalil eine Empörung veranlaßte, mußte Ali mit vierzig Paras (ein halber Gulden) in der Tasche von Tepeleni entfliehen, und seine Mutter und Schwester gerieten in Gefangenschaft der Einwohner von Gardihi, die ihn selbst in die Luft hatten sprengen wollen; vierzig Tage blieben sie in dieser Gefangenschaft. Später hat sich Ali Pascha durch ein schreckliches Gemetzel und abscheuliche Grausamkeiten an dieser Stadt und deren Bewohnern gerächt. In seinem zwanzigsten Jahre trat er in die Dienste des Coul Pascha zu Berrat, wo er aber bald in den Verdacht kam, eine Verschwörung angezettelt zu haben und dieserhalb entfliehen mußte; doch erlangte er eine schnelle Aussöhnung mit Coul, heiratete eine von dessen Töchtern, die ihm zwei Söhne, den Muktar und Veli, gebar. Jetzt machte er einen Versuch, sich Janinas zu bemächtigen, der ihm vollkommen gelang; er verjagte den dortigen Pascha, und nun erkannte ihn die Pforte als Pascha von Janina und dessen Bezirk an. Hiermit war aber sein Ehrgeiz noch lange nicht befriedigt, sondern er bemächtigte sich nach und nach teils mit Gewalt, teils mit List fast aller Distrikte Albaniens, verstärkte sein Korps von kriegerischen Schypetaren (Albaneser oder Arnauten, die von den alten Mazedoniern abzustammen vorgeben) immer mehr, drang mit denselben durch die engen Pässe des Pindus nach Thessalien, das er sich unterwarf, und ließ sich von der Pforte zum Deveny Pascha von Rumelien ernennen. 1798 leistete er derselben gute Dienste gegen den furchtbaren Paßwan Oglu und wurde dafür zum Pascha von drei Roßschweifen ernannt. Während dieser Zeit war sein Schwiegervater Coul Pascha gestorben und Ibrahim dessen Nachfolger geworden. Ali konnte sich aber mit diesem nicht vertragen und hatte fortwährend Fehden mit demselben, denen endlich durch die Verheiratung seiner Söhne mit Ibrahims Töchtern ein Ziel gesetzt wurde. Dennoch überfiel er ihn 1811 wieder, nahm ihn gefangen, ließ ihm den Kopf abschlagen und vereinigte dessen Paschalik mit dem seinigen. Ibrahims Töchter aber, die beiden Frauen seiner Söhne, die er jetzt fürchtete, ließ der Unhold nebst noch sechs anderen Frauen aus dem Harem in Säcke nähen und in dem See bei Janina ersäufen. Gleich darauf kam die Reihe an Mahomed, Pascha von Delvino, welcher Ibrahims Verbündeter gewesen. Er nahm auch dessen Paschalik und die adriatischen Küsten in Besitz und machte der Pforte außerordentliche Geschenke, damit diese sein Tun und Treiben billigte. Mahomeds Söhne flohen nach Korfu, wo sie Schutz suchten und ihn bei dem General Donzelot fanden. Schon weit früher, 1798, hatte Ali Prevesa, Vonitza, Arkanien und Paramithia mit seinen Ebenen weggenommen. Nach fünfzehnjährigem Kampf hatte er die Sullioten, sehr tapfere Krieger, die zwischen Bergen und Felsen hausen, unterjocht, beinahe vertilgt, sich dann eines großen Teils von Mazedonien bemächtigt und war bis an die Grenzen von Attika vorgerückt. Sein Gebiet bestand nun in dem ganzen Epirus, dem südlichen Teil von Illyrien, einem großen Teil Mazedoniens, fast dem ganzen alten Thessalonien, Ätolien, Phocis und einem Teil Böotiens. Er besoldete ein Korps von mehr als dreißigtausend Albanesern oder Arnauten, das, wenn es nötig war, er mit leichter Mühe verdoppeln konnte, und dies waren die besten Truppen des osmanischen Reiches und so treffliche Schützen, daß sie selten einen Vogel im Flug fehlten, dabei die mäßigsten Männer, die keine andere Leidenschaft als das Spiel und Rauchen kannten und keine andere Liebhaberei als schöne Waffen, ihren Stolz, hatten. Alis Finanzen waren in dem blühendsten Zustand, sein Schatz an Silber, Gold, Juwelen, Perlen, Schals, Rosenöl, Kaschmir und kostbaren Vasen, seltenen Uhren und Kunstwerken war unermeßlich, jede Fehde bereicherte ihn um Millionen. Die Zahl der ihm untergebenen Seelen betrug über drei Millionen und seine jährlichen Einkünfte über zwanzig Millionen Piaster. Seine Soldaten, die gut und pünktlich bezahlt wurden, waren ihm sehr zugetan, ebenso seine griechischen Untertanen, die ihn trotz seiner abscheulichen Grausamkeiten dennoch schätzten, denn in der ganzen Türkei war keine bessere Verwaltung, und es wurde keine strengere Gerechtigkeit ausgeübt, als in den Provinzen, die unter seiner Herrschaft standen; mit einem Paß von ihm oder von einem seiner Garden begleitet, konnte man sicher und ohne alle Gefahr durch sein ganzes Land und die wildesten Gebirgsgegenden reisen, so sehr hatte er seinen Namen zu fürchten und respektieren zu machen gewußt. Er war der gerechteste Mann, sobald sein eigenes Interesse nicht mit im Spiel, und der verabscheuungswürdigste Wüterich, wenn dieses der Fall war. Er durchreiste häufig seine Provinzen, untersuchte und richtete alles selbst und schlug dem Schuldigen gewöhnlich mit eigener hoher Hand den Kopf ab; er war Richter, Vollstrecker und Henker in einer Person und schlichtete Prozesse, mit denen man in Deutschland ein halbes Jahrhundert hingebracht hätte, in einer halben Stunde. – Die Hauptzüge des Charakters dieses außerordentlichen Menschen waren schlaue List und unerhörte Grausamkeit, mit einem starken Aberglauben verbunden. Die größte Furcht und Ehrfurcht flößten ihm Derwische ein, hierzu gesellte sich noch eine unersättliche Habgierde, die eine Treulosigkeit und Wortbrüchigkeit erzeugte, von der man in der Geschichte wenige Beispiele findet. Eine wahrhaft schauderhafte Rachsucht machte diesen wilden Charakter noch gräßlicher. Nie vergaß er die geringste Beleidigung oder den kleinsten Ungehorsam gegen seinen Willen, wobei ihm sein außerordentliches Gedächtnis sehr zustatten kam. Hier einige Beispiele, die ihn am besten charakterisieren werden. Ein Albaneser hatte einen Vetter von ihm in zufälligem Streit getötet; nachdem er dessen Weib und Kinder vor seinen Augen durch seine Tiger, deren er immer mehrere sowie Löwen und andere Raubtiere in Käfigen unterhielt, hatte zerfleischen und auffressen lassen, ließ er ihn selbst langsam an einem Feuer braten. Der Bruder dieses Unglücklichen hatte sich noch beizeiten geflüchtet. Einige dreißig Jahre später erfuhr Ali Pascha, daß sich derselbe auf der nahegelegenen Insel Santa Maura aufhalte. Er schickte alsobald Abgeordnete mit sehr reichen Geschenken an ihn, die zu gleicher Zeit den Auftrag hatten, ihm die heiligsten Versicherungen zu geben, daß Ali längst alles vergessen und vergeben habe und er seine ehemalige Strenge sogar bereue; er ließ ihm dabei die glänzendsten Versprechungen und lockendsten Anerbietungen machen, wenn er nach Albanien zurückkehren wolle. Der Unglückliche war schwach und leichtgläubig genug, sich betören zu lassen, und reiste mit den Abgesandten zurück. Kaum war er in Janina angekommen, als ihn der Wüterich in Stücke hauen und seine Glieder in alle Straßen werfen ließ.
Um sich einen Begriff von seinem außerordentlichen Gedächtnis machen zu können, stelle man sich vor, daß er alle seine Offiziere, Soldaten und Angestellte bei ihrem Namen kannte. Seine Truppen waren nicht wie in anderen Staaten gleichmäßig besoldet, sondern jeder Soldat bekam monatlich etwas Gewisses, wie es Ali seinen Verdiensten angemessen bestimmt hatte, so daß fast keiner mit dem anderen gleichgestellt war, und er wußte genau im Kopf, was jeder monatlich empfing.
In Janina gab es sehr reiche griechische Kaufleute, die, ohne je die Handlung gelernt zu haben, nach Italien, Triest, Rußland und Kleinasien handelten, oft weder lesen noch schreiben konnten und dennoch die einträglichsten Spekulationen machten. Sobald nun der Pascha durch seine Spione, deren er unzählige hatte, in Erfahrung gebracht, wieviel dieser oder jener bei einer solchen Spekulation gewonnen, wovon er sich vorher auf das genaueste unterrichtet und die zuverlässigste Gewißheit verschafft hatte, schickte er einen von seinen Leuten an den Kaufmann mit der Bitte ab, er möge dem Pascha doch eine Summe von hundert bis tausend Zechinen oder mehr leihen, je nachdem der Gewinst ausgefallen war, von dem er in der Regel die Hälfte in Anspruch nahm, denn er fand es billig, gerade zu teilen. Wollte sich nun der Kaufmann mit Unvermögen und dergleichen entschuldigen, so fiel ihm der Abgesandte sogleich in die Rede und erklärte ganz lakonisch: „Mein Befehl lautet: das Geld oder den Kopf.“ Da blieb wohl keine Wahl übrig, auch wäre es keinem zu raten gewesen, den hohen Schuldner an das Geliehene zu mahnen.
Der französische Brigadegeneral Detry bekam einst vom Gouverneur eine besondere Mission nach Janina und wurde vom alten Ali sehr freundlich aufgenommen, der ihm in einem Anfall von besonderer Laune sogar seinen Harem aufschließen und seine zahlreichen Weiber vorführen ließ, ebenso seine hübschen Knaben, die ihm dazu dienen mußten, seine ekelhaften unnatürlichen Lüste zu befriedigen, wenn ihn diese anwandelten. Als der General den Harem wieder verlassen hatte, fragte ihn der Pascha, welche von den Frauen ihm am besten gefallen habe. Dieser bezeichnete ihm diejenige, die am meisten Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ali bat seinen Gast, eine Mahlzeit mit ihm einzunehmen, und ehe sich nach deren Beendigung Detry entfernte, fragte ihn der Pascha, ob er seine Geliebte noch einmal zu sehen wünsche. Der General bejahte es lächelnd, Ali gab ein Zeichen, ein Vorhang rauschte in die Höhe, und ein schwarzer Verschnittener hielt das noch blutende Haupt der Unglücklichen an den Haaren! Der Wüterich lachte grimmig, Detry, über eine solche Untat erbittert, entfernte sich schnell. Dies war zur Zeit geschehen, als es schon mit der napoleonischen Herrschaft auf die Neige ging, wovon er weit besser wie wir in Korfu unterrichtet war; früher würde er so etwas nicht gewagt haben. Auch der französische Konsul in Janina, Pouqueville, ging eben nicht sehr gelinde mit dem Unmenschen um, drohte ihm mit des Kaisers Zorn, wenn er etwas bei ihm durchsetzen wollte, und betrat dessen Palast oft mit ganz beschmutzten und kotigen Stiefeln, die er an Teppichen in den Gemächern abputzte, welche viele tausend Piaster gekostet hatten, indem er zu ihm sagte: „Warum laßt Ihr Eure Straßen nicht pflastern und reinigen?“ Der alte Ali, der damals große Furcht vor den Franzosen hatte, verbiß seinen Ingrimm unter hohlem Lachen. In Verlegenheit setzte es ihn, wenn der englische oder der französische Konsul zugleich bei ihm eintraten, da er beide gleich fürchtete, auch suchte er dies möglichst zu verhindern, damit keiner sich eines Vorzugs rühmen könne.
Öfters ließ sich Ali bei den angesehensten Einwohnern Janinas zu Tische ansagen, wo er dann seine ersten Beamten, Diener und ein ganzes Gefolge von Garden und Sklaven mitbrachte. Er speiste ganz allein an einem Tisch, den Wirt des Hauses lud er gewöhnlich ein, sich in seiner Nähe niederzulassen, und es wurde dabei türkische Musik gemacht. Beim Abschied sah er es gerne, wenn man ihn und sein Gefolge beschenkte, was aus guten Gründen nie unterlassen wurde; es geschah auch wohl, daß seine Diener dem gastfreien Wirt einige nicht zu verkennende Winke gaben, welche Geschenke ihrem Herrn und ihnen selbst die willkommensten sein würden. Alis Schlauheit war im ganzen Land zum Sprichwort geworden, und ohne die Diplomatie auch nur dem Namen nach zu kennen, überlistete er nicht selten die gewandtesten Diplomaten. Bekannt ist, welch ein wohlverdientes Ende es noch im hohen Alter mit ihm nahm.
Gleich nach meiner Zurückkunft von Janina trug sich ein Vorfall in Korfu zu, der gewaltiges Aufsehen machte. Ein Kapitän, Quartier-maître-trésorier vom sechsten Linienregiment, ein Elsässer und guter Bekannter von mir, war von einer schweren Nervenkrankheit heimgesucht und verfiel in eine so hartnäckige Asphyxie, daß ihn jedermann für tot hielt und die Ärzte ihn dafür erklärten. Alle Anstalten zu seinem Begräbnis (wegen der großen Hitze wurden die Leichen hier schon in den nächsten vierundzwanzig, oft zwölf Stunden nach dem Tod beerdigt) und zu den ihm zukommenden militärischen Ehrenbezeugungen waren getroffen. Obgleich Protestant, wonach niemand fragte, wurde er doch in die zu Korfu befindliche einzige katholische Kirche gebracht. Der Sarg, welcher der Kirche gehörte,[2] wurde in der Mitte derselben aufgestellt, mit allerlei Symbolen und sich auf den Tod beziehenden allegorischen Bildern, unter denen auch das Skelett der von der Natter gebissenen Kleopatra, behangen. Musik und Tambours zogen mit klingendem Spiel in die Kirche, vor deren Tür die gebräuchlichen Salven gegeben wurden, worauf zuletzt noch Mann vor Mann einzeln sein Gewehr in der Kirche abfeuerte. All dieser Lärm vermochte nicht, den Scheintoten aus seinem Starrkrampf zu erwecken, der aber – man denke sich den entsetzlichen Zustand – sein völliges Bewußtsein hatte und jedes leise gesprochene Wort auf das deutlichste vernahm. Doch ich will seine eigenen Worte hier anführen, mit denen er mir das schreckliche Ereignis, das ihn betroffen, mitteilte.[3] „Von dem Augenblick, als ich in den Starrkrampf verfallen war, war es mir schlechterdings unmöglich, trotz starkem Willen und aller Anstrengung, die ich deshalb machte, auch nur die geringste Bewegung an irgendeinem Teil meines Körpers hervorzubringen; es war, als wären alle meine Gliedmaßen in eiserne Bande und Fesseln geschlagen und gänzlich gelähmt; dabei vernahm ich das leiseste Wort, das in meiner Gegenwart gesprochen wurde, auf das deutlichste, konnte meine Zunge nicht rühren und hatte doch das heftigste und glühendste Verlangen, die Leute, die mich alle tot glaubten, zu enttäuschen; nun stelle man sich meinen entsetzlichen Zustand vor, als ich alle Anstalten zu meiner nahen Beerdigung wahrnehmen mußte, wie man mich wusch, dann in das Leichengewand kleidete, mich in den Sarg legte, in die Kirche trug, und nachdem alle Zeremonien und das Abfeuern der Soldaten beendigt war, in die schauerliche Gruft hinabsenkte. Alle meine Sünden fielen mir in diesem Augenblick ein und der Hölle fürchterliches Bild drängte sich mir mit Gewalt vor die Augen. Ich kam, nachdem man mich hinabgelassen, auf einen Haufen halb und ganz verwester Kadaver zu liegen und blieb noch etwa fünf bis sechs Stunden in dem starren Zustand. Dann aber erhielt ich allmählich meine Bewegungskraft wieder, wozu wohl auch der pestilenzartige Geruch, der mich umgab, das Seinige beitragen mochte. Ich richtete mich nun auf und tappte in der dichtesten Finsternis auf Haufen von Leichen und Knochen herum, kam endlich an eiskalte, von Feuchtigkeit triefende Mauern, an denen ich vergeblich einen Ausweg suchte, der mich aus diesem schrecklichsten aller Kerker befreien sollte. Um die Decke des Gewölbes zu erreichen, wozu aber meine Arme nicht auslangten, bemühte ich mich, die zum Teil halbverfaulten Körper zusammenzuschleppen und aufzutürmen, um so einen Hügel zu bilden, auf dem ich oben ankommen und mich so vielleicht hörbar machen könnte. Die Verzweiflung gab mir Kraft, und es gelang. Ich gab mir nun die unsäglichste Mühe und strengte mich über die Maßen an, einen Gewölbstein zu lüften, der in die Kirche führte, aber alle meine Bemühungen waren vergeblich, da selbst mehrere Männer mit eisernen Hebeln dazu erforderlich waren. Ganz entkräftet sank ich wieder nieder, dumpfe Verzweiflung und namenlose Trostlosigkeit bemächtigte sich meiner. Noch einmal raffte ich mich zusammen, ergriff einen der dicksten Totenknochen, mit dem ich nun, so stark ich es vermochte, wider das Gewölbe schlug, aber mehrere Stunden vergingen, ohne daß ich irgendein Resultat wahrnahm. Schon wollte ich mich hoffnungslos der Verzweiflung preisgeben, als ich plötzlich ein dumpfes Gemurmel von mehreren Männerstimmen über mir vernahm, Tritte hörte, bemerkte, daß man bemüht war, einen Stein zu heben, und endlich den Schimmer des Tageslichts gewahrte, woran die Öffnung bald völlig frei wurde. Nie hatten meine Ohren eine lieblicher klingende Harmonie vernommen, als das hierdurch verursachte Getöse, und als der erste Strahl des Lichtes in den Schreckensort drang, da war es mir, als würde ich neu geboren und träte in das Paradies ein. Als der Stein ganz gelüftet war, schwang ich mich mit Hilfe eines Strickes, den man mir reichte, in die Kirche hinauf und stand mitten unter einem Haufen Menschen, die nicht wenig über meine Erscheinung erstaunt waren.“ – Die Kirchendiener hatten, als sie des Morgens die Vorbereitungen zur Frühmesse machten, den unterirdischen Lärm vernommen, aber zuerst samt dem Geistlichen, der die Messe lesen sollte, die Flucht ergriffen, in der Meinung, die Toten seien zum jüngsten Gericht auferstanden oder der Teufel selbst habe seinen Sitz im Gewölbe aufgeschlagen. Man hatte die Sache gleich dem Platzkommandanten gemeldet, der Befehl zur Eröffnung des Gewölbes erteilte und zu diesem Behuf einen Adjutanten nebst einigen Sappeurs abschickte. Der Gerettete wurde wieder völlig hergestellt und wohnte später selbst noch mancher Leichenfeierlichkeit bei.
Ende Oktober wurde ich mit meiner Kompagnie nach Govino oder Gouin detachiert oder vielmehr nach einer diesem Ort gegenüber errichteten Batterie, ebenfalls angelegt, um hier eine mögliche Landung der Engländer zu verhindern. Diese Gegend war im Sommer so ungesund, daß die daselbst liegenden Truppen wenigstens alle vier Tage abgelöst werden mußten, und dennoch erkrankten viele Leute. Ehe man aber diese Erfahrung gemacht, hat man sie teuer bezahlen müssen, denn von einer ganzen Kompagnie, die des Hauptmanns Gasqui, die man zuerst im Sommer einen ganzen Monat hatte daselbst liegen lassen, waren samt dem Kapitän, wodurch Madame Gasqui, die nicht mitgegangen, sondern in der Stadt geblieben, Witwe geworden war, alle bis auf siebzehn Mann und den Oberleutnant, hundertneunzehn Mann im ganzen gestorben. Auch die am Leben gebliebenen waren noch jahrelang kränklich. Der Kapitän Roy, den ich ablöste, hatte, wie so viele Offiziere, eine hübsche junge Griechin als Mätresse bei sich, sollte sich aber in kurzem mit der Tochter eines reichen Griechen verheiraten, nachdem ihm eine hübsche junge Französin, die Tochter des Kommandanten der Gendarmerie zu Korfu, Mademoiselle Fournier, der er den Hof gemacht und um die er geworben, einen Korb gegeben, weil er seine Mätresse nicht abgeschafft hatte. Die Griechin war nicht so empfindlich oder ignorierte die Sache und erhielt eine Aussteuer von vierundzwanzigtausend Talari, was jene nicht hatte. Als er mir den Posten übergab, bat er mich, doch auch zugleich seine Geliebte, Tonina, mit übernehmen zu wollen, da er in ein paar Tagen Hochzeit machen müsse und sie folglich nicht länger bei sich behalten könne. Ich tat ihm den Gefallen unter der Bedingung, das Mädchen nicht länger als vier Wochen zu behalten, was man einging. Tonina war hübsch, nicht ohne Geist und hatte viel Scharfsinn. Schon über ein Jahr hatte sie mit Roy gelebt, der sie dreizehnjährig von ihren Eltern weggenommen hatte. Als sie zuerst vernommen, daß sich Roy verheiraten und sie verlassen werde, war sie so wütend geworden, daß sie nach ihm biß und kratzte, sich auf die Erde warf, „Xaphnico ogni sorte, Diavolo smesso su, gamotti bisti su!“, abscheuliche neugriechische Flüche, ausstieß und sich dabei konvulsivisch auf dem Boden wälzte. Ich machte sie aber gleich damit bekannt, daß sie nur eine provisorische Stelle bei mir habe. Sie fügte sich zwar darein, machte aber doch Umstände, als die vier Wochen um waren, und ich bedurfte alles Ernstes, sie mir wieder vom Halse zu schaffen. „Du heiratest ja nicht,“ meinte sie. Glücklicherweise fand sich nach sechs Wochen ein Bataillonschef, der sie übernahm.
Eines Tages besuchte mich der Chef d’état major der Garnison von Korfu, Oberst Bauduy, auf meinem Landhaus in Begleitung einer hübschen jungen Dame; beide kamen nebst einem Bedienten geritten. Die junge Dame war eine Pariserin, Bauduys Geliebte, und sehr geistreich. Sie war die Gattin eines Pariser Bankiers, die er entführt hatte und die nun mit ihm lebte. Ich begleitete gegen Abend beide in die Stadt zurück und wurde eingeladen, sie manchmal zu besuchen. Der Oberst bewohnte ein zwischen Ruinen aus der letzten Türkenbelagerung ziemlich einsam liegendes Haus hinter dem Gouvernementspalast in der alten Festung. Ich machte bald von dieser Einladung Gebrauch, und zwar mehr, als dem Herrn Oberst lieb war. Nicht sehr weit davon hatte ein Offizier von unserem Regiment, der Kapitän Stahl, sein Quartier. Diesen besuchte ich jetzt öfters und nahm so die Zeit wahr, wenn Bauduy ausging, um der hübschen Madame Guidon – so nannte sie sich – einen Besuch abzustatten. Sie sang recht artige Romanzen, und wir sangen und spielten öfter zusammen und mit der besten Harmonie, die aber dem Chef d’état major eben nicht sehr lieblich zu klingen schien. Stahl hatte sich in eine junge, kaum vierzehnjährige Griechin aus einer wohlhabenden Familie verliebt, Gegenliebe gefunden und mir sein Geheimnis vertraut; der Hinterteil des Hauses, in dem seine Geliebte wohnte, ging in ein enges, schmales Gäßchen, wo er dieselbe nur durch ein ziemlich hohes Fensterchen sehen und sprechen konnte, aber keine andere Gelegenheit hatte, in nähere Berührung mit ihr zu kommen. Das Mädchen sprach das Venetianische geläufig, Stahl aber nur ein paar Worte schlecht italienisch, beide hatten sich bisher mehr durch Zeichen verständlich gemacht und schienen vor Liebe fast zu vergehen. – „Da bleibt nichts anderes übrig als eine Entführung,“ sagte ich zu Stahl, da er nicht aufhörte, mir seine Sehnsucht zu klagen. Dazu war er auch bald entschlossen, und es kostete uns keine große Mühe, die junge Griechin zur Einwilligung zu bringen. Wir kamen überein, sie in der nächsten Nacht, wo sie versuchen wollte, das Haus ihrer Eltern nach elf Uhr zu verlassen, zu entführen, und gingen verabredetermaßen zur bestimmten Stunde in das kleine Gäßchen, wo wir zuerst noch ein Pourparler mit dem Mädchen hatten, das uns mitteilte, daß es unmöglich zur Haustüre hinauskommen könne, die verschlossen und verriegelt und von der der Schlüssel abgezogen sei. – „Nun, dann müssen Sie die Promenade durch das Fenster machen,“ rief ich ihr zu. – „Unmöglich, es ist zu hoch.“ – „Ich will schon Mittel finden, daß es gefahrlos geschehen kann.“ Ich hieß Stahl dableiben, während ich mich nach einer Leiter umtun wolle, und eilte in die nächste Kaserne, eine solche zu suchen, aber vergeblich, es war nirgends eine aufzutreiben. Ich requirierte daher vier Grenadiere von unserem Bataillon und lieh mir eine große baumwollene Decke bei einem Sergeant-Major. Mit diesen kam ich zu Stahl zurück, dem ich sagte, daß, da ich keine Leiter gefunden, sich seine Geliebte schon zu einem kleinen Sprung bequemen müsse; es sei ja kaum zwanzig Schuh hoch, und sie könne sich unmöglich einen Schaden tun, da sie auf die von vier starken Männern gehaltene Decke falle. – „Ma ho troppo paura,“ lispelte die junge Griechin. – „Ma che paura, santa mattiamo, sakapaupoli,“ erwiderte ich halb italienisch, halb griechisch, „saltate pure, sarete ben ricevuta.“ Nach noch einigem Zureden entschloß sie sich zum Sprung und lag im Nu auf der Decke, von der ich sie mit meinen Armen aufhob und denen Stahls überlieferte, der mit seiner holden Beute nach dem Fort vieux zu in seine Wohnung eilte, während ich die Grenadiere, die das Mädchen aufgefangen hatten, belohnt heimschickte. Den anderen Tag kam gegen Mittag Herr von Brüge in aller Eile nach Govino geritten und verkündigte mir, daß ich höchstwahrscheinlich noch denselben Tag abgelöst werden würde, weil ich tätige Hilfe bei der Entführung der jungen Caloyera geleistet habe; der Gouverneur sei bereits von der ganzen Geschichte unterrichtet, höchst aufgebracht, der Vater des jungen Mädchens sei bei ihm gewesen, habe Stahl, zu dem er mit Dolchen bewaffnet gelaufen, zu ermorden gedroht, und man habe den Mann nur durch das Versprechen, die Schuldigen zu bestrafen und daß der Kapitän seine Tochter heiraten solle, beruhigen können. Brüge befragte mich nun nach den näheren Umständen dieses Vorganges, und ich teilte ihm dieselben mit. Stahl hatte selbst angegeben, daß ich der Helfershelfer bei der Geschichte gewesen. Herr von Brüge verließ mich mit den Worten: „Nun, ich will wünschen, daß es gut für Sie abläuft.“ Aber den anderen Morgen erhielt ich Order, mit einem Detachement von siebzig Mann nebst dreißig Albanesern nach Rocca Timono aufzubrechen, einem wüsten Felsen an der Westseite der Insel, in der Gegend von Pallea Castrizza, an dessen Fuß der Hafen Affiona lag, eine kleine Bucht, die ebenfalls bequem zu einer Landung war. Denselben Tag erschien auch noch ein Tagesbefehl des Gouverneurs, in welchem er diese Begebenheit streng rügte. Stahl erhielt scharfen Arrest, und der Oberst Benzel-Sternau drückte noch in einem besonderen Annex der Order aus, daß es sehr bedauerlich sei, daß Offiziere von unserem Regiment die Veranlassung zu einem solchen Befehl gegeben hätten, und daß, wenn sich dergleichen wiederhole, er es an den Kriegsminister berichten müsse. – Höchst mißmutig brach ich nach Rocca Timono auf, vielleicht dem ödesten Ort der ganzen Insel. Auf einem hohen Felsen, zu dem man nur zu Fuß mit Lebensgefahr an dem steilen Rand eines tiefen Abgrundes, Mann vor Mann kletternd, gelangen konnte, war eine kleine Reiserhütte, mit Laub bedeckt, von den Soldaten erbaut, die zwei Abteilungen, eine für den Offizier, die andere für die Soldaten, hatte und in die Wind und Regen von oben und allen Seiten drang; da es gerade in der Regenzeit war, so schwamm man beständig im Wasser und hatte weder bei Tag noch bei Nacht einen trockenen Fleck am ganzen Leibe; dabei hatte ich die strengste Order erhalten, mich unter keinem Vorwand, welcher er auch immer sei, von diesem Posten zu entfernen. Dies Kommando hatte ich der Protektion meines Gönners, des Chef d’état major Bauduy, zu verdanken gehabt, wie ich später erfuhr, der mich gern aus seinem Bereich und Gehege vertrieb. Stahl, der zwar im Fort vieux blieb, mußte die Caloyera heiraten, mit der er einige tausend Talari Aussteuer bekam. Einen ganzen Monat mußte ich auf dem rattenkahlen Felsennest, wo man kein Grashälmchen sieht, zubringen und buchstäblich im Wasser liegen. Aus Langeweile ließ ich die Soldaten gymnastische Übungen machen, Purzelbäume und Rad schlagen und um Paras spielen und balgen. Dies war mir der verdrießlichste Monat meines ganzen Lebens. Endlich, nachdem ich wohl ein Dutzend Briefe an Benzel-Sternau und Herrn von Brüge geschrieben, wurde ich erlöst und nahm mir nun fest vor, mich nicht mehr mit den Entführungen anderer zu befassen. Ich kam gerade noch zur Trauung Stahls, die, obgleich er Protestant war, doch in einer griechischen Kirche stattfand. Stahls junge Frau hatte unterdessen Bekanntschaft mit der Geliebten Bauduys gemacht, und nachdem ich erfahren, welchen Anteil dieser an meiner Versetzung genommen, beschloß ich, mich mit Hilfe von Stahls Gattin desto mehr an ihm zu rächen. Dies war um so leichter, da Amelie – dies war ihr Taufname – jetzt sehr oft zu Stahls kam, wo ich dann oft mit den beiden Damen allein war und die eine die Aufpasserin machte, während ich mit der anderen tändelte. Eines Tages aber hatte ich es gewagt, als Bauduy, der anfing, die Besuche seiner Geliebten bei Madame Stahl sehr ungern zu sehen, gerade zum Gouverneur gegangen war, Amelie in seiner Wohnung zu besuchen, in die ich in der Abenddämmerung durch ein Hinterfenster stieg, um von keinem Bedienten bemerkt zu werden. Aber kaum hatten wir uns herzlich bewillkommt, als der Oberst, der etwas vergessen hatte, zurückkehrte, so daß ich gerade noch Zeit hatte, mich in einen Schrank, den Degen in der Hand, eiligst zu verbergen, sowie Amelie, das Zimmer zu verlassen, welches sie abschloß. Als ich aber unten rumoren hörte und fürchtete, man möchte hinter mein Versteck kommen, verließ ich dasselbe eiligst und sprang aus einem Fenster wenigstens fünfzehn Fuß hoch in einen kleinen, noch von einer Mauer umgebenen Raum hinab, aus dem ich hinauskletterte und mich in den Ruinen alter Häuser verbarg. Aber Freund Stahl begann nun auch eifersüchtig zu werden und meine häufigen Besuche ungern zu sehen; um ihm keinen weiteren Anlaß zum Mißvergnügen zu geben, setzte ich sie vorerst aus und machte unterdessen der Madame Roy den Hof, deren Mann die erhaltene Aussteuer zum großen Mißvergnügen der Familie seiner Frau verkohlt hatte, und da ihm dieses Verkohlen nicht den fünften Teil der erwarteten Fonds einbrachte, so war auch er mißvergnügt, mit der Familie gespannt und ließ sehr unklugerweise seinen Unmut seine junge Gattin empfinden, die ich nun zu trösten unternahm. Madame Stahl sollte mir doch später werden, wenn auch erst auf französischem Boden. – Doch ich muß die Sache deutlicher erzählen, wenn man mich verstehen soll. Die Aussteuer, welche die Töchter der wohlhabenden Familien in Korfu erhalten und von der es heißt, sie sei zehn-, zwanzig-, dreißig-, fünfzig- und mehr tausend Talari, besteht nur in sehr wenig barem Geld, einigen sehr hoch angerechneten Pretiosen und dem Rest in Land mit soundso viel Olivenbäumen, die in gewöhnlichen Zeiten eine bestimmte Rente abgeben. Jetzt aber, wo der Preis des Öls bis auf den fünften Teil seines früheren Wertes herabgesunken war, hatten natürlich auch diese Baumstücke einen weit geringeren Wert. Roy, der aber gerne bares Geld gehabt hätte und solches brauchte, ließ alle ihm gehörigen Olivenbäume, unter denen Tausende viele hundert Jahre alte Stämme waren, umhauen und zu Kohlen brennen, die er nach dem Gewicht auf dem Markt verkaufen ließ und so kaum zwei- bis dreitausend Talari daraus löste, die bald ausgegeben waren. Daher der Unwille seiner Schwiegereltern, der auf die Tochter überging, die sich nun fast mehr im Haus ihrer Mutter, wo ich sie täglich sah, aufhielt, als in der Wohnung ihres Gatten, und der mein Trost ganz willkommen war. Hier lernte ich auch eine andere, noch sehr junge Griechin, Marietta Vonda, ihre Jugendfreundin, kennen, die alle hellenischen Schönheiten in sich vereinigte. Mit dieser knüpfte ich bald ein Verhältnis an, und da ihre Eltern ganz ohne Vermögen waren, so willigten sie unter gewissen Bedingungen ein, daß ich das Mädchen auf eine bestimmte Zeit, drei Monate, zu mir nahm, während welchen ich, alles andere vergessend, recht vergnügt mit ihr lebte und sie dann einem Rittmeister der Chasseurs à cheval abtrat, der sie ganz behielt und später auch mit sich nach Frankreich nahm und sogar heiratete. Nach ihr zerstreute ich mich auf kurze Zeit mit zwei recht artigen Israelitinnen, die in der Nähe meines Quartiers wohnten und sich Nina und Berna nannten, und dann wieder mit einer jungen Griechin, Anetta genannt. So brachte ich immer einige Abwechslung in das sonst ziemlich einförmige Leben zu Korfu. Manche meiner Kameraden machten es nicht viel besser, nur waren sie etwas beständiger. Noch immer hatte ich den Tisch bei Herrn von Brüge und gab dabei Josephinen Unterricht, jetzt auch im Deutschen und der Geschichte; einmal wurde ich jedoch in einer ziemlich zweideutigen Situation mit ihr von der Frau Mama ertappt, von der wir nun einen fast stundenlangen Sermon anhören mußten. – „Ach, die Mama hat es auch nicht besser gemacht, wie der Papa sagt,“ sprach Josephine, als wir endlich wieder einen Augenblick allein waren. Um die Frau Mutter wieder zu besänftigen, schickte ich ihr einen prächtigen, mit Oliven gemästeten Indianer in die Küche nebst einigen Pfunden Mandelkonfekt, von dem sie eine große Liebhaberin war; es war gerade um Weihnachten, welche die Griechen besonders mit diesen Leckerbissen feiern. – Gleich nach Neujahr 1813 fiel eine tragische Begebenheit vor, die ungemeines Aufsehen in der Garnison erregte. Der Kapitän einer der im Hafen zu Korfu stationierten Fregatten hatte einen auf derselben eingeschifften Marinesoldaten wegen eines unbedeutenden Vergehens mit Stricken, eine bei den französischen Matrosen damals gebräuchliche Strafe, hauen lassen. Dieser hatte sich aber verzweifelt gewehrt und geschimpft, indem er sagte, eine solche entehrende Züchtigung gehöre keinem französischen Soldaten, und der sie verordne, sei ein infamer Büttel und so weiter, er mußte sich aber zuletzt natürlich der Gewalt ergeben und die Strafe erdulden. – Einige Tage darauf, als er wieder eine Wache auf dem Schiff bezog, tauschte er mit einem Kameraden, dem der Posten vor des Kapitäns Kajüte geworden, um daselbst Schildwache zu stehen, und als der Offizier am Abend aus dem Theater kam und sich in sein Gemach begeben wollte, schoß ihn der Soldat mit den Worten: „Canaille, voila pour toi!“ nieder, hierauf ausrufend: „Me voila content, qu’on me fasse fusiller à mon tour.“ – Dies fand auch kurze Zeit darauf, nachdem er durch kriegsgerichtliches Erkenntnis zum Tode verurteilt worden war, statt, und er wurde auf einem eigens dazu errichteten Floß mitten in der Reede, im Angesicht der ganzen Marine und der Landtruppen erschossen. Ein seltsamer Zufall hat mich bei dieser Gelegenheit eine Delikatesse kennen lernen, von der ich mir niemals etwas hätte träumen lassen. Um die Exekution besser mit ansehen zu können, war ich mit einigen Kameraden nach der Insel Vido hinübergefahren; kaum war der Soldat erschossen, als sich ein so gewaltiger Sturm erhob, daß es schlechterdings unmöglich war, wieder nach Korfu zurückzufahren, und zu gleicher Zeit ließ sich auch ein Erdstoß verspüren, der jedoch nicht sehr bedeutend war. Desto heftiger aber stürmten die entfesselten Winde, und der Sturm wütete so arg, daß für diesen Tag an die Überfahrt nicht mehr zu denken war; auch die Barken, welche alle zwei Tage die Lebensmittel für die etwa achthundert Mann starke Besatzung nach Vido brachten und um Mittag kommen sollten – die Exekution hatte um zehn Uhr morgens stattgefunden –, blieben aus. Mit Sehnsucht warteten alle, daß sich der Sturm legen würde, denn der geringe Vorrat einiger Marketender an Brot und sonstigen Viktualien war schnell aufgezehrt und bald kein Stückchen mehr für Geld zu haben. Die Nacht kam heran, der Sturm tobte fort, und die Wellen türmten sich mehr und mehr. Lachend soupierten wir noch bei einigen Hühnern, die der auf der Insel Vido befehligende Bataillonschef, bei dem wir uns zu Gast baten und der auch das noch aufzutreibende Kommißbrot aufgekauft hatte, zum besten gab. Aber auch die ganze Nacht, die wir in Erdhütten zubrachten, denn andere Wohnungen gab es in Vido noch nicht, währte der Sturm und wurde womöglich den kommenden Morgen noch toller, so daß man an keine Kommunikation mit der Stadt denken konnte. Jetzt ging es an ein Schlachten aller vorhandenen Katzen und Hunde, die man mit schwerem Geld bezahlte, und da auch diese bei weitem nicht ausreichten, die hungrigen leeren Mägen zu füllen, so machte man sich auf die Rattenjagd, deren es unzählige, und namentlich sehr fette Wasserratten hier gab. Bald hatten die Soldaten mehrere hundert derselben gefangen und boten sie zu drei bis fünf Franken per Stück feil. Öl fand sich auch noch etwas vor, und die getöteten Tiere wurden nun an Ladestöcken gebraten oder zu einem Ragout zugerichtet, und ich gestehe, daß ich einen solchen Rattenbraten ganz vortrefflich fand und mit dem größten Appetit verspeiste, sei es faute de mieux und weil ich großen Hunger hatte, oder weil die Ratte ein wirklich sehr delikates Fleisch hatte. Hätten wir nur Brot dazu gehabt! Der Sturm und die Rattenjagd dauerten noch bis gegen Abend, wo sich beides legte und die heißersehnten Lebensmittel ankamen. Von jetzt an wurde ein kleines Magazin, auf acht Tage berechnet, von Vivres in Vido angelegt, damit man nicht wieder ähnlichem Fasten ausgesetzt war, wir aber wurden bei unserer Rückkehr in Korfu noch brav ausgelacht und geneckt, indem man uns versicherte, daß, da wir uns ohne Urlaub entfernt und auch niemand gewußt, was aus uns geworden, man im Begriff gewesen, uns als Deserteure par contumace durch ein Kriegsgericht verurteilen zu lassen.
Um diese Zeit fing man zu Korfu an, ganz insgeheim von dem unglücklichen russischen Feldzug und der schrecklichen Retirade der großen Armee zu munkeln; auch wurden wir durch die Engländer immer enger blockiert. Die Lebensmittel wurden seltener und stiegen sehr im Preis. Doch waren wir noch weit entfernt, das Mißgeschick Napoleons und seines Heeres in seinem ganzen Umfang zu kennen und dessen ungeheuren Verlust zu ahnen. Man wußte nicht, wie die Sachen eigentlich standen, und erfuhr nur, was eine in Korfu gedruckte Zeitung, welche einmal wöchentlich erschien und den Titel ‚Moniteur jonien‘ führte, für gut fand, uns wissen zu lassen; zudem war sie immer um einige Monate zurück und druckte meistens nur das, was der Commissair-Imperial aus den Pariser Zeitungen, die ebenfalls zwei bis drei Monate nach ihrem Erscheinen erst nach Korfu kamen, rot anstrich. – Im Frühjahr 1813, das heißt im Januar, halfen schon die im vorigen Jahre zuerst gepflanzten Kartoffeln, welche die Griechen als nach Erde schmeckend noch verschmähten, etwas aus; man bezahlte aber das Pfund noch mit einem Piaster oder mehr, wofür man sie den Soldaten abkaufte. Da die Lebensmittel immer seltener und teurer wurden, namentlich frisches Fleisch fast gar nicht mehr aufzutreiben war, so erließ der Gouverneur eine Order, durch welche er den Offizieren und Soldaten streng verbot, sich ferner noch mit der Unterhaltung von Frauen und Mädchen zu befassen, denn dies hatte zuletzt so überhand genommen, daß fast jeder Soldat ein solches Liebchen hatte. Die Griechinnen liefen ihren Männern und Vätern, die sie beständig unter strengem Gewahrsam einsperrten, gar zu gerne davon, um mit den Franzosen, die sie überall mit herumführten, spazieren zu gehen, Schauspiele, Tanz und Weinschenken zu besuchen. Man brauchte fast nur zu winken, so hatte man schon eine solche, oft sehr schöne, aber immer sehr unwissende und lästige Plage am Hals. Diese Order und der eingetretene Mangel verhinderten zwar weitere Entführungen, aber es war schon gar zu viel altes Übel vorhanden.
Die Frechheit der Engländer ging jetzt so weit, daß sich ihre Linienschiffe und Fregatten bis auf Schußweite den Festungswerken näherten. Eines Tages kamen zwei dieser Schiffe bis fast unter die Batterien des Meerschlosses, so daß sie von den auf sie geworfenen Riesenbomben beinahe in den Grund geschossen worden wären. Sie suchten schnell das Weite. Ein anderes Mal wagte sich eine englische Brigg sogar bis in den Hafen von Govino und zündete daselbst mehrere kleine Schiffe an; unsere Kanonierschaluppen suchten ihr zwar den Rückweg abzuschneiden, aber ehe diese noch segelfertig waren und die Anker gelichtet hatten, war die Brigg schon wieder in der weiten See. Die französische Marine hatte wenigstens eine Stunde mit Pfeifen und Vorbereitungen zugebracht, so daß wir alle, die wir dem Skandal von den Wällen zusahen, höchst entrüstet über dieses lendenlahme Verfahren waren, fluchten und schimpften. Es war wirklich unverantwortlich; mehr denn zwanzig Kanonierschaluppen lagen in dem Hafen von Mandrachio, und keine brachte es dahin, flott zu werden, während die Brigg ihr Unwesen im Hafen von Govino trieb, was wir von Korfu genau beobachten konnten. Die Marineoffiziere mußten sich deshalb herben Spott von den Landoffizieren gefallen lassen, es gab Reibereien und in deren Folge Duelle. Das Duellieren hatte überhaupt zuletzt unter der Garnison von Korfu und zwar unter den Unteroffizieren und Soldaten so sehr überhand genommen, daß fast keine Woche verging, wo es nicht einen Toten, der im Zweikampf gefallen war, gab, so daß endlich der Gouverneur eine sehr strenge Order an die Korpschefs erließ, um diesem Unfug Einhalt zu tun, und die Regimenter deshalb öfters konsigniert wurden.
Trotz der immer steigenden Teuerung, die bei den ärmeren Einwohnern bald Mangel verursachte, und der schlimmen Nachrichten vom Festland, mit denen man sich herumtrug, wurde dennoch der Karneval 1813 noch sehr fröhlich nach venetianischer Weise begangen. Die große Esplanade war von drei Uhr nachmittags an mit Masken jeder Art angefüllt, die sich bis in die Nacht hinein mehrten, doch außer dem stummen Auf- und Abgehen und einigen Neckereien wenig Unfug trieben, sondern meistens, besonders die Griechen, die daran teilnahmen, sehr ernst waren. – Oft exerzierte ein oder das andere Regiment zu gleicher Zeit auf diesem Platz und kam durch seine Schwenkungen mitten unter die Maskenhaufen, die es dann jubelnd auseinander jagte. Den Abend war das Theater sehr besucht und nach demselben zweimal in der Woche Cavalchini oder maskierte Festini.
Damals machte die Prima-Ballerina Giuseppina Panzieri allgemein Furore; sie war eine gebotene Mailänderin, noch nicht lange von Venedig gekommen, wo sie der Impressario Delungo selbst geholt, und eine von jenen Schönheiten, die da sagen können: ‚Veni, vidi, vici.‘ Sie hatte, was in Italien selten ist, blonde Haare und blaue Augen, aber keine von jenen schmelzenden, schmachtenden, wie man sie so häufig im Norden antrifft, sondern feurig-blaue, ein niedliches Gesichtchen mit schelmischen Zügen und einen Wuchs, wie man ihn nur von einer Tänzerin verlangen kann; genug, geschaffen, um auch ein felsenhartes Herz noch zu rühren. Unter den mancherlei Köpfen, die durch ihre Kreiswendungen und Trillersprünge verwirrt wurden, war auch der eines fünfzigjährigen, sehr reichen Lieferanten namens Mastracha und der des Kommissär-Imperial Lesseps, mit dem ich gut bekannt, öfters bei ihm zu Tische war und häufig auf die Jagd an die albanesische Küste mit ihm ging; letzterer mochte einige vierzig Winter zählen. Beide Nebenbuhler pochten auf ihre außerordentlichen Verdienste, die bei dem ersten in dem Besitz von vielleicht anderthalb Millionen Piaster bestehen mochten und bei dem anderen darin, daß er die erste Zivilautorität und letzte entscheidende Instanz in allen bürgerlichen Angelegenheiten zu Korfu war und Napoleon gewissermaßen repräsentierte. Daß es dem gewichtigen Mann unter solchen Umständen auch nicht an Geld mangelte, kann man sich denken. Beide boten alles auf, um die Gunst der schönen Tänzerin zu erlangen. Mastracha scheute keine Kosten; er sandte der Angebeteten an ihrem Namenstag einen prächtigen Blumenstrauß à la Murat, dessen Stengel aus einer Rolle von hundert Zechinen fabriziert war und zwischen dessen natürlichen Blumen siebzehn diamantene Sternblümchen hervorblitzten. Demungeachtet trug der Kommissär-Imperial den Sieg davon, sei es nun, daß seine hohe Würde oder sein noch kräftigeres Alter Peppina verführten. Nach wenigen Wochen bezog sie eine Wohnung, die ihr Geliebter dicht neben seinem Palazzo gemietet und auf das prächtigste für sie und ihre Mutter eingerichtet hatte. Um aber die Sache bequemer zu haben, hatte er eine Tür durch die Mauer brechen lassen, welche beide Häuser trennte. Ich hatte das schöne Mädchen früher einigemal bei dem Impressario gesehen, aber damals nicht so sehr auf sie geachtet, als ihre Reize es wohl verdient hätten, und es ging mir erst ein Licht auf, als ich sie zum erstenmal auf der Bühne tanzend bewunderte. Aber jetzt war es zu spät, und sie war bereits in Lesseps’ Händen. Was ich früher mit leichter Mühe erhalten hätte, sollte mir jetzt nur durch die raffinierteste List und Anstrengung zuteil werden.
Bisher hatten die Offiziere die täglich von neun Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags dauernden Theaterproben nach Belieben besucht, ohne daß jemand etwas Arges dabei gefunden hätte. Man frühstückte à la fourchette oder mit Gebackenem und dem hier sehr wohlfeilen Cyperwein, sang und sprang oft mit, und diese Proben waren keine kleine Unterhaltung für uns auf der an sonstigen Zerstreuungen ziemlich armen Insel; ja wir hatten weit mehr Genuß dabei, als an den Vorstellungen selbst. Bald hatte ich mich Peppina bemerkbar gemacht, und ihr Benehmen verriet mir, daß ihr meine Aufmerksamkeit gerade nicht mißfiel. Ihr aber meine heiße Liebe zu gestehen, zu ihren Füßen um die Erhörung meiner Wünsche zu flehen, dazu fehlte es durchaus an Gelegenheit, denn Lesseps ließ sie durch seinen vertrauten Kammerdiener auf jedem Schritt mit Argusaugen bewachen; dennoch war es mir gelungen, Peppina zwei Billettchen unbemerkt bei den Proben zuzustellen, und ich erhielt sogar eine Antwort, die sie in die Latte einer Kulisse, von niemand als mir bemerkt, steckte. Aus derselben ersah ich mit Vergnügen, daß sie recht gerne in die von mir verlangte Zusammenkunft willige, wenn ich nur Mittel ausfindig machen könne, eine solche zu bewerkstelligen. Indessen mußte der Intimus des Kommissärs doch Lunte riechen, oder vielleicht war ihm auch sein Bewachungsamt bei den Proben zu beschwerlich, da er wirklich hundert Augen hätte haben müssen, um alles, was bei diesem Gewirre vorging, zu sehen. Genug, er berichtete eines Morgens seinem Herrn, daß er für nichts mehr stehen könne, denn es seien immer ein paar Dutzend Offiziere und noch andere Herren zugegen, die ein Charivari und ein Durcheinander veranlaßten, daß, wenn er auch fünfzig Augen und Ohren hätte, diese dennoch nicht ausreichen würden, um zu bemerken, was sich dabei zutrage. Diese Worte waren dem ebenso eifersüchtigen als verliebten kaiserlichen Kommissarius ebenso viele Nadel- und Dolchstiche. – „Oh, dem Unfug will ich bald ein Ende machen!“ rief er aus. „Man hole mir sogleich den Impressario.“ – Dieser erschien nach wenigen Minuten mit hochgekrümmtem Rücken, hundert Bücklingen, schneidend und untertänigst fragend, was die Illustrissima Eccellenza zu befehlen habe. – „Ich bin äußerst unzufrieden mit Ihnen, mein Herr Impressario. Was ist das für eine Unordnung, die bei Ihren Proben herrscht? Ich höre den Lärm nicht selten sogar in meinem Kabinett“ (seine Wohnung war in der Nähe des Theaters). „Man sollte glauben, der Teufel selbst habe seine Residenz da aufgeschlagen und das wilde Heer hause im Theater. Wenn dies nicht anders wird, so sehe ich mich gezwungen, Sie von der Direktion zu suspendieren und sie jemand zu übergeben, der es besser versteht, Ordnung und Zucht unter dem leichtfertigen Volk zu erhalten.“ – „Eccellenza halten zu Gnaden,“ stotterte der außer aller Fassung gebrachte und wie Espenlaub zitternde Impressario in angustie. „Nicht meine Leute, Illustrissimo, Gott bewahre, das sind lauter Lämmer, die Herren Offiziere machen diesen Skandal.“
„Was Offiziere,“ donnerte der sich recht ergrimmt und unwissend stellende Kommissarius. „Offiziere! Wie kommen diese in die Proben? Wo in aller Welt hat man so etwas gehört? Wie können Sie solchen Mißbrauch zugeben? Wir sind nicht in Venedig, Mailand oder Neapel, sondern in Korfu, und hier bin ich Herr und befehle Ihnen, von heute an das Theater während der Proben zu schließen und niemand, wer es auch sei, der nicht zum Theater gehört, weder bei den Proben noch während der Vorstellung auf die Bühne zu lassen. Ich werde Ihnen eine Polizeiwache geben, und Sie werden die Tür nur für die Mitwirkenden öffnen lassen.“
Es war bald Zeit zur Probe, die versprochene Polizeiwache stellte sich ein, und alles, was sich der Gewohnheit gemäß einfand und nicht im Sold Apolls oder unter dem direkten Schutz der neun Musen stand, wurde auf das unbarmherzigste abgewiesen. Welche Bestürzung diese Trauernachricht unter dem weiblichen Kunstpersonal hervorbrachte, ist unbeschreibbar. Selbst das männliche Personal äußerte, wenn auch mit mehr Mäßigung, seine Unzufriedenheit. Denn ach! – die herrlichen wohlschmeckenden Frühstücke, an denen jedermann teilnehmen durfte, fielen nun weg. Doch was half alles Lärmen und Lamentieren, die Sache war einmal nicht zu ändern, und – Probe mußte gehalten werden. Auch Peppinen ließ man den allgemeinen Unmut fühlen, obgleich das arme Kind im Innern über die abscheuliche Verordnung so gut wie die anderen entrüstet war. Man wußte wohl, daß, wenn auch unschuldig, niemand als sie die Ursache dieser verdrießlichen Neuerung war. Die Proben waren heute zwei Stunden früher als gewöhnlich beendigt, und als die verstimmten Leutchen den ihnen jetzt sehr öde und freudenlos scheinenden Tempel der Kunst verlassen wollten, fanden sie in dessen Vorhallen an hundert harrende Abgewiesene. Auch ich befand mich unter diesen Unglücklichen und war keiner von den minder Traurigen. Als sich endlich die Türen erschlossen und unsere Lieben herausströmten, mischte sich sogleich alles untereinander. Das war ein Durcheinanderschreien, Rufen, Fragen, bis man sich verständigt und alles Wissenswerte mitgeteilt hatte, als handle es sich um der Welt Untergang. Nur Peppina, die Arme, durfte keinen Teil an den allgemeinen Ergießungen nehmen und ging, von ihren Trabanten begleitet, stumm wie ein Fisch durch die rebellischen Reihen; im Vorübergehen warf sie mir einen verstohlenen Blick zu und seufzte kaum vernehmbar. Als aber endlich die Ideen gegenseitig ausgetauscht und alle gehörig unterrichtet waren, da hallten Drohungen und Verwünschungen der aufgebrachten Abgewiesenen gräßlich in den Hallen wider. Die Abgewiesenen gaben den Priesterinnen der Kunst Hand und Wort darauf, daß noch denselben Abend eine Vorstellung im Theater stattfinden solle, dergleichen in Korfu noch nie gesehen worden, wobei das Bühnenpersonal Zuschauer, die Zuschauer selbst aber Schauspieler sein würden.
Um halb acht Uhr war das Parterre diesen Abend gegen die Gewohnheit schon zum Erdrücken voll, auch die Logen füllten sich früher, als es sonst der Fall war. Die Ouvertüre begann, alles war mäuschenstill. Die Oper ‚Ginevra di Scozia‘ und das Ballett ‚Astrea‘ waren an der Tagesordnung. Als aber die Introduktion begann, ertönte von allen Seiten ein so fürchterliches und durchdringendes Pfeifen, Zischen und Stampfen, mit dem Rufe: „A bas, à bas, à bas!“ begleitet, daß einem Hören und Sehen verging; die Damen hielten sich die Ohren zu, viele waren einer Ohnmacht nahe, und einige verfielen wirklich in diesen Zustand, andere lachten, und von Musik und Gesang hörte man keinen Laut. Der Lärm ging immer crescendo, bis endlich der Vorhang fiel und mit seinem Fallen die vorige Stille wieder eintrat. Nach einer Viertelstunde rollte die leinene Scheidewand abermals in die Höhe, man versuchte wieder anzufangen, aber derselbe Tumult stellte sich wieder ein, und zwar mit verdoppelter Kraft, und hörte nicht auf, bis die Gardine zum zweitenmal fiel. – Aller guten Dinge sind aber drei. Man zog sie also zum drittenmal auf, und diesmal trat der Impressario vor und wollte das Publikum anreden, konnte aber ebensowenig zu Worte, als das Personal zum Gesang kommen. Zum drittenmal senkte sich der Vorhang, um zum viertenmal aufgezogen zu werden, und nun zeigte sich ein wohlkonditionierter Polizeibeamter, der mit einem hellgellenden Hohngelächter empfangen und so lange ausgelacht wurde, bis er sich, etwas konfus gemacht, wieder zurückgezogen hatte. Jetzt ließ man die Gardine zum letztenmal für heute abend herab. Das Publikum unterhielt sich noch eine Zeitlang sehr laut und lebendig, denn der größte Teil war noch nicht von der Ursache des extraordinären Tumults unterrichtet, bis nach einer Stunde sich fast alle Zuschauer verlaufen hatten und das leere Haus geschlossen wurde. Lesseps war wütend und schwur hoch und teuer, der Sache morgen ein Ende zu machen. Er hatte so gut wie die anderen Zuschauer bemerkt, daß es fast nur Militär war, welches den höllischen Lärm gemacht, und namentlich Marineoffiziere und Maitres Cannotiers, die ihre langen, gellenden silbernen Schiffsdienstpfeifen mitgebracht hatten, womit sie die Matrosen bei den Manövern avertieren. Noch denselben Abend begab sich Lesseps zum Gouverneur Donzelot, diesen aufzufordern, dem abscheulichen Unfug zu steuern und durch eine Ordre du jour dem Militär das Pfeifen, Zischen und Lärmen im Theater zu untersagen, wozu dieser sich aber nicht verstehen wollte, sondern meinte, ein solcher Tagesbefehl würde lächerlich sein, da er ja keine Dienstsachen betreffe, indessen wolle er die gehörigen Maßregeln ergreifen, fernere Unruhen im Theater möglichst zu verhüten, und zur nächsten Vorstellung vier Stabsoffiziere kommandieren, die, mit dem Ringkragen dekoriert, die Aufsicht und Inspektion im Parterre haben sollten. Damit mußte sich der Herr Kommissar begnügen und empfahl sich, nachdem er noch vom Gouverneur erlangt hatte, daß die Chefs de Corps ihren Untergebenen wenigstens mündlich Ordnung und Ruhe im Theater anbefehlen sollten. Von da begab sich der Mann zum Konteradmiral, um auch diesen für seine Sache zu gewinnen und den Seemännern, Seelöwen, Seebären und Seehunden und sonstigen Seeungeheuern, wie er sie in seinem Zorne nannte, die Rachen zu stopfen. Zuletzt ließ er noch den Polizeidirektor und Delungo zu sich rufen, um auch von der Zivilseite jedem Unfug zu begegnen. So hoffte der gute Mann aller ferneren Störung vorgebeugt zu haben und legte sich, von den vielen Strapazen ermüdet, etwas beruhigter zu Bette. Der zum Teil gefürchtete, zum Teil erwünschte Abend kam heran, jeder der beorderten Stabsoffiziere übernahm eines der vier Karrees, in das das Parterre abgeteilt worden, zur besonderen Aufsicht, außerdem hatte man jedem Viertel noch Polizeibeamte zugeteilt, um die bürgerlichen Lärmmacher im Zaum zu halten. Aber alles war umsonst, sobald der Vorhang in die Höhe rauschte, fing der infernalische Lärm des vorigen Abends wieder an und ward noch dreimal ärger, aber seltsamerweise sah man niemand weder mit dem Mund noch mit Instrumenten pfeifen, und doch waren die Pfiffe weit schneidender und gellender. – Was vermag der menschliche Erfindungsgeist nicht? – Ein Maitre Cannotier hatte in der Eile ein paar hundert Pfeifen mit kleinen Blasbälgen verfertigen lassen, die unter das Militär verteilt wurden und die ein Teil der Verschwörer unter dem Arm, ein anderer unter den Füßen angebracht hatte. Mit kaum bemerkbarer Bewegung brachten sie so die gellendsten Töne hervor; das Lächerlichste bei der Sache war, daß der Lärm immer im Rücken der kommandierten Aufpasser geschah, denn sobald einer den Kopf nach dem Ort, wo man gepfiffen, richtete, erschollen gleich wieder ein paar Dutzend Pfeifen von hinten her, so daß sich die Herren unaufhörlich wie Wetterhähne nach dem Wind drehten, ohne etwas entdecken zu können, woran ihnen wohl auch wenig gelegen sein mochte, denn sie lachten selbst mit. Es war, als trieb eine Legion Dämone ihr neckisches Spiel. Die Sache nahm dasselbe Ende wie bei der letzten Vorstellung und wurde die folgenden zwei bis drei Tage mit gleichem Kraftaufwand wiederholt. Man hatte sich geschmeichelt, die Lärmmacher würden das Ding endlich von selbst satt werden, aber vergeblich, sie trieben den Rumor so lange fort, bis eines Morgens plötzlich auf den nach italienischer Sitte quer über die Straßen an Stricken hängenden Theaterschildern mit deutlicher Schrift in französischer, italienischer und sogar neugriechischer Sprache mit großen Lettern zu lesen war: ‚Von heute an ist der Besuch bei den Proben wieder erlaubt.‘ – Diese durch die Gewalt der Pfeifen ertrotzte Erlaubnis wurde auch sogleich bestmöglichst benutzt. Zu Hunderten strömte man noch denselben Morgen auf die Bühne, wo durch ein köstliches Bankett, das sich bis beinahe gegen Abend verlängerte, der errungene Triumph jubelnd gefeiert wurde. Die Vorstellung selbst wurde jetzt nur noch von Zeit zu Zeit durch stürmischen Applaus unterbrochen, und so kam alles wieder ins vorige Geleise. Aber der eifersüchtige und nun auch gedemütigte, racheschnaubende Kommissär-Imperial hatte seine mittelbare Aufsicht unter diesen bedenklichen Umständen nicht nur verdoppelt, sondern vervierfacht. Er gesellte nämlich seinem Kammertier noch drei andere dienstbare Geister zu, die unter dessen Befehlen standen, hinter und zwischen den Kulissen um die gefeierte Prima-Ballerina herumschlichen und auf alle ihre Blicke, Mienen und Bewegungen spähten. Dennoch wußte ich durch eine von mir bestochene Figurantin mich mit ihr in Rapport zu setzen; längst waren wir einverstanden und hofften mit Sehnsucht endlich auf einen günstigen Augenblick, uns ohne Zeugen sprechen zu können. Der Zufall zeigte mir endlich den Weg, auf dem meine heißen Wünsche – denn je größer die Schwierigkeiten, desto größer die Lüsternheit und die Begierde, sie durchzusetzen – in Erfüllung gehen sollten. Eines Morgens sagte mir Delungo im Vorübergehen, er sei wegen eines Sujets für ein Ballett verlegen, das er zum Beschluß des Karnevals in Szene setzen wolle. Diese Worte des Impressarios fuhren mir wie ein Wetterstrahl durch den Kopf, entzündeten mein Gehirn, daß es augenblicklich Licht in demselben ward, und ich erwiderte: „Wenn Ihnen weiter nichts mangelt, dann seien Sie unbesorgt, ich habe ein vortreffliches Sujet, das Sie in wenigen Tagen ausgearbeitet erhalten sollen. Sie wissen, daß ich schon mehrere Ballette mit Erfolg auf die Bühne gebracht, und es wird dies auch in Korfu der Fall sein.“ – Delungo nahm das Anerbieten mit Dank an, und Peppina ließ ich noch denselben Tag durch die dienstfertige Chortänzerin wissen, daß ich das Mittel zu einer Zusammenkunft gefunden zu haben glaube. Zu Hause angekommen, überlegte ich, welches Sujet wohl am besten zu meiner Absicht passe. Die Donaunymphe war für das Theater in Korfu zu kostspielig, ebenso das Sternenmädchen, ich dachte an das Opferfest, die Zauberflöte, den Abällino, die Kreuzfahrer und andere Stücke aus der romantischen Theaterwelt, keines wollte mir genügen. Ein eigenes Sujet zu erfinden war teils die Zeit zu kurz, teils hatte ich auch meine Gedanken nicht genug beisammen. Endlich verfiel ich auf Hagemanns Schauspiel ‚Ludwig der Springer‘ und erkannte es, wenngleich sich dasselbe nicht sonderlich zu einem Ballett zu eignen schien, dennoch für das beste, mein Vorhaben auszuführen. Um es dem Geschmack des Publikums anzupassen, ließ ich es an glänzenden und effektvollen Festen, Gruppierungen und Aufzügen nicht fehlen. Ich ließ die Handlung mit einem prächtigen Turnier und Ballfest beginnen, wobei Adelheide von Stade dem Grafen von Thüringen ein heimliches Rendezvous in einer abgelegenen Laube des Burggartens gibt. Die Sache wird dem Pfalzgrafen Friedrich verraten, er überrascht beide in der Laube, läßt sie, wie in Hagemanns Schauspiel, durch seine Leute gefangen nehmen, mit Ketten belasten, Ludwig nach Giebichenstein ins Gefängnis und Adelheide in sein Burgverließ bringen. Ersterer entspringt wie bekannt aus dem Felsennest in die Saale, und über die Pfalzgräfin wird ein Gottesgericht gehalten, wobei sie ihre Unschuld durch das Festhalten eines glühenden Eisens beweisen soll und – beweist! – Diese Szene war es, durch die ich endlich glücklich zu werden hoffte. Adelheid mußte als arme Sünderin auf einer unterirdischen Treppe und durch eine Falltür in das Zimmer gelangen, in dem das schreckliche Gericht gehalten wurde. Ich hatte die Handlung so eingerichtet, daß die Pfalzgräfin Zeit hatte, sich ein halbes Stündchen, ehe sie vor ihren Richtern erschien, in ihr unterirdisches Gemach oder vielmehr in die finsteren Gänge unter der Bühne zu begeben, währenddem der Herr Landgraf sein Testament diktierte, seinen Luftsprung machte, durch die Saale ans Ufer schwamm und nach gehöriger Verwandlung das Gericht zusammen kam, wo dann endlich auf des Pfalzgrafen Befehl der Kerkermeister die Falltür aufschloß und die reizende Verbrecherin, mit silbernen Ketten geschlossen, heraufschleppte. Nachdem das Unschuldig einstimmig von den Richtern ausgesprochen, steigt Adelheide auf Befehl ihres Gatten wieder in den Kerker, die Nachricht von Ludwigs Befreiung trifft durch einen Herold ein, der zugleich auch die Herausforderung an den Pfalzgrafen ergehen läßt, ein Zweikampf findet statt, Ludwig tötet seinen Gegner, befreit seine Geliebte, und Evolutionen der Knappen, Gruppierungen und Tänze beschlossen das Ganze. Mein Plan erhielt zwar Peppinens Beifall, doch schien ihr unsere Zusammenkunft, die während des Laufs der Handlung in dem unterirdischen Labyrinth der Bühne vor der Szene des Gottesgerichts stattfinden sollte, etwas gewagt, ich beruhigte sie aber deshalb, indem ich sie wissen ließ, daß ich die Theatergewölbe gehörig untersuchen und mich eine gute halbe Stunde früher durch eine geheime Tür an den bewußten Ort begeben würde, zu der ich mir den Schlüssel verschafft. Sie dürfe jedoch nur ganz allein herunterkommen und dann die Tür hinter sich sogleich verriegeln; um allen Verdacht zu beseitigen, würde ich mich während der Vorstellung nur selten auf der Bühne, desto mehr aber im Parterre sehen lassen, so daß niemand meine Abwesenheit bemerken werde. Das Manuskript war in drei Tagen fertig, die Proben sollten beginnen, als eines Morgens Delungo ganz bestürzt mit den Worten: „Da haben wir die Bescherung, die Zensur läßt ihr Ballett nicht passieren,“ in das Zimmer trat. Auch ich fragte ganz erschrocken: „Warum?“ – „Es sei gegen die gute Sitte, daß eine Ehegattin und ihr Geliebter über den Gatten so den Sieg davontrügen.“ – „Ist es weiter nichts,“ versetzte ich, „dem können wir schon abhelfen.“ Ich setzte mich nieder, strich das hinter Adelaide stehende Wort Sposa aus, ersetzte es durch Nipote und machte sie so wieder zur Markgräfin von Stade, den Pfalzgrafen aber zu ihrem Oheim, Vormund und Tyrannen. Nun erhielt das Ballett die Approbation der Zensurbehörde, und die Proben begannen.
Alles ging in gehöriger Ruhe und Ordnung vor sich, jede Probe wurde mit einem fröhlichen Bankett geschlossen, der heißersehnte Tag, an dem wir glücklich werden sollten, denn während der Proben durfte Peppina nicht durch die unterirdischen Gemächer, sondern nur aus den Kulissen kommen, rückte heran. Nur in der Generalprobe, die den Abend zuvor mit allen Dekorationen, Kostümen und so weiter stattfand, kam sie von unten herauf; da ich mich aber auf der Bühne befand und fast niemand im Parterre war, so durfte ich es dennoch nicht wagen, mich schon diesen Abend an den bestimmten Ort zu begeben, da meine Abwesenheit sogleich bemerkt worden und dann alles verscherzt gewesen wäre. Es waren ja auch nur noch vierundzwanzig Stunden bis zur Aufführung, und diese mußte man sich noch gedulden, so groß auch die Ungeduld sein mochte.
Endlich kam der ersehnte Abend. Schon um sieben Uhr war das Haus zum Ersticken voll, und mehrere hundert Personen mußten abgewiesen werden. Der erste Akt einer neuen Opera seria, ‚Arminio‘, eröffnete die Vorstellung. Nach neun Uhr begann das Ballett, um halb zehn schlich ich mich an den bestimmten Ort, und um zehn Uhr lag die schöne Markgräfin in meinen Armen! Alles war nach Wunsch gegangen, die Spione Lesseps’ befanden sich fast alle unter den Zuschauern, und keinem fiel es ein, daß während der Vorstellung des Balletts wohl eine Zusammenkunft stattfinden könne. Noch versicherten wir uns ewige Liebe, hatten Theater, Ballett und die Welt vergessen, als drei starke Hammerschläge ertönten, das Zeichen zur Eröffnung des Gottesgerichts, und wir so aus unserem Taumel erwachten. Bald darauf wurde die Falltür geöffnet, ich geleitete die Geliebte bis an die Stufen der Treppe, entfernte mich schnell durch die geheime Tür und sah durch eine Gitterloge die eben meinen Armen entschlüpfte Adelheid recht heldenmütig die Feuerprobe der Unschuld bestehen und wie sie, nachdem man das wirklich glühende Eisen gelöscht, das hölzerne rot angestrichene mit beiden Händen ergriff und unversehrt festhielt. Ich freute mich innig über das vollkommene Gelingen meines Planes. Kein anderes Stück hätte mir gleiche Dienste geleistet; bei einer gewöhnlichen Versenkung wären Leute nötig gewesen, so aber hatte nur der Kerkermeister die Falltür auf der Bühne zu öffnen, und unten befand sich niemand außer uns beiden.
Das Ballett war beendigt und hatte außerordentlichen Beifall gefunden. Nachdem der Vorhang gefallen, wurde der Autor mit großem Hallo verlangt, der sich aber in der Gitterloge verbarg, bis endlich einige Kameraden zu mir kamen und mich aufforderten, dem Publikum zu willfahren, um dem immer ärger werdenden Spektakel ein Ende zu machen. Ich mußte endlich nachgeben und wurde mit einem Donner von Applaus empfangen, Kränze flogen mir um den Kopf. Doppelt glücklich zog ich mich nach einer dreifachen Verbeugung zurück und hatte nun das Vergnügen, daß auch meine reizende Geliebte gerufen und mit einem Hagel von Blumen, Bändern, Sträußen, Gedichten und so weiter empfangen wurde. Nach beendigter Vorstellung schlich ich mich solo nach Haus, aber kein Schlaf kam diese Nacht in meine Augen. – Das Ballett wurde den nächsten Abend und noch einige dreißig darauf mit gleichem Glück gegeben, nur nahm Peppina zur größeren Fürsorge eine Figurantin, unsere Vertraute, mit in die unterirdischen Gänge hinab, um jeden Verdacht zu vermeiden. Zwei unangenehme Episoden, die aber außer einem kleinen Schrecken wenig zu bedeuten hatten, störten auf Augenblicke unser Glück. Einmal warf der Fronknecht das mit glühenden Kohlen gefüllte Becken um, welches dazu diente, das Eisen glühend zu machen, und einige feurige Kohlen fielen durch die Kulissenrinnen in die Unterwelt hinab und beinahe auf unsere Häupter, was Peppina für eine sehr schlimme Vorbedeutung hielt, die leider auch, wie wir bald sehen werden, auf eine schreckliche Weise in Erfüllung ging. Ein andermal war die hölzerne Treppe, auf welcher Adelheide in die Oberwelt steigen sollte, so knapp an das Podium angelehnt, daß, als sich kaum Peppinens Köpfchen den Zuschauern zeigte, die Treppe abglitt und samt ihrer holden Bürde hinabstürzte. Doch – ‚der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.‘ So ging es leider auch hier. Ein Kapitän vom zweiten italienischen Linienregiment namens Vilgano war wie noch mancher andere in diese anmutige Priesterin Terpsichorens sterblich verliebt, ohne sich jedoch der mindesten Begünstigung, ja nur eines Blickes erfreuen zu können. Dieser hatte schon seit einiger Zeit bemerkt, daß ich vor der Feuerprobe jedesmal unsichtbar wurde, war mir endlich nachgeschlichen und hatte entdeckt, daß ich durch eine kleine, unter die Bühne führende Tür verschwand. Aber auch ich hatte wahrgenommen, daß man mir gefolgt war, und Vilgano erkannt, doch achtete ich nicht darauf und hielt die Sache für einen bloßen Zufall; den folgenden Abend aber, als ich unter die Bühne kam, schien es mir, als hörte ich zuweilen in einiger Entfernung leise atmen, doch glaubte ich mich zu täuschen. Bald darauf kam Peppina mit ihrer Begleiterin, und ich empfing sie wie gewöhnlich mit einem Kuß, aber kaum war dies geschehen, als auf einmal ein heller Lichtstrahl durch die uns umgebende Finsternis – nur ein mattes Lämpchen brannte jeden Abend in einer Ecke des Ganges – drang und uns beleuchtete. Ich sah mich nach der Ursache dieser unerwarteten Erscheinung um und erblickte zwei Männer, von denen der eine eine Blendlaterne in der Hand hielt. Mit bloßem Degen stürzte ich auf ihn zu und schlug ihm die Laterne aus der Hand, worauf alles wieder in das vorige Dunkel gehüllt war; die beiden Männer erhoben aber ein großes Geschrei, Peppina verlor den Kopf, und mit dem Ausruf: „Assassini, birbanti!“ eilte sie mit dem anderen Mädchen der Türe zu, die sie aufriegelte, und dann die Korridors entlang, wo die Ankleidezimmer waren. Als ich in die Loge trat, verwandelte sich die Szene in das Gerichtszimmer, und nachdem die Ritter, Richter und Fronen mit ihren Vorbereitungen fertig waren, öffnete der Kerkermeister die Falltür, um Adelheide zu zitieren, die aber – nicht erschien. Das Publikum begann unruhig zu werden, bis, nachdem man die Verschwundene allenthalben gesucht, Delungo vortrat und das lärmende Auditorium durch die Notlüge beruhigte, der Prima-Ballerina sei eine plötzliche Unpäßlichkeit zugestoßen. Hierauf fiel der Vorhang, und der zweite Akt der Oper begann. Jetzt eilte ich auf die Bühne, wo mir Delungo mit ganz verstörter Miene entgegenkam und zurief: „Um Gotteswillen, was haben Sie gemacht? Es ist alles entdeckt, alles verraten; man hat Sie mit Peppinen gesehen, soeben war der Kommissär-Imperial hier und wütete schrecklich; alle meine Beteuerungen und Versicherungen, daß ich unschuldig sei und von nichts wisse, fanden kein Gehör, er drohte mir mit augenblicklichem Fortjagen und verließ das Theater im heftigsten Zorn.“ Ich suchte den Unglücklichen bestens zu trösten und eilte nach der Wohnung Peppinas, fand sie aber verschlossen und sah nirgends Licht, dagegen hörte ich Lärm und erblickte viele wandelnde Lichter im Palazzo des Kommissärs, der bald darauf in Begleitung mehrerer Bedienten aus dem Haus trat und zu einem zurückbleibenden sagte: „Sucht noch einmal alles durch, ich muß sie finden, und wenn sie sich in den Mittelpunkt der Erde versteckt hätte!“ – Also ist ihr Aufenthalt noch nicht entdeckt, dachte ich, etwas beruhigter, denn ich hatte gefürchtet, daß ihr eifersüchtiger Kommissär sie in der ersten Hitze mindestens arg mißhandeln würde. Aber alles Suchen war vergeblich, obgleich ich die ganze Nacht umherirrte, Kundschafter aussandte und nachforschte, ich konnte keine Spur von ihr entdecken. Nur in meinem Quartier wurde mir berichtet, daß nach elf Uhr zwei Damen ängstlich nach mir gefragt, und als sie gehört, daß ich nicht zu Hause sei, sich gleich wieder entfernt hätten. Als es Tag wurde, eilte ich, ohne nur eine Sekunde geruht zu haben, zu Delungo, den aber Lesseps schon wieder hatte kommen lassen, wartete jedoch seine Zurückkunft ab. Nach einer Viertelstunde trat Peppinas Mutter herein und rief aus, als sie mich erblickte: „Ah, Dio sia benedetto, che finalmente vi trovo!“ – „Und wo ist Ihre Tochter?“ – „In der Locanda di Venezia habe ich sie versteckt,“ antwortete sie mir. – Die Mutter wußte um unser Geheimnis. – „Ach, wie unglücklich haben Sie uns gemacht!“ fuhr sie fort. „Nun ist alles aus, wir sind unglückliche Leute, wie wird es uns noch ergehen!“ – „Dafür lassen Sie mich sorgen, Signora, ich werde alles wieder gut machen. Sagen Sie mir nur, wo Peppina gestern abend so schnell hinkam.“ – „Meine Tochter kam bewußtlos zu mir in ihr Ankleidekämmerchen, riß mich mit sich fort, und nachdem wir eine Zeitlang zwecklos in den Straßen umhergeirrt, suchten wir Sie in Ihrer Wohnung, aber Sie daselbst nicht findend, führte mich mein trostloses armes Kind in die Locanda di Venezia, denn nach Hause zu gehen, wo wir der ganzen Wut Lesseps’ ausgesetzt waren, hielten wir nicht für ratsam.“ – Jetzt trat Delungo in das Zimmer, dessen Gesicht beim Anblick von Peppinens Mutter plötzlich erfreut strahlte. Seine erste Frage war: „Wo ist Ihre Tochter?“ Und als er von allem unterrichtet war, rief auch er ein: „Oh dio sia benedetto!“ aus und erzählte uns, daß sich alles viel besser gestalte, als er je zu hoffen gewagt. Lesseps sei zwar über das Durchgehen seiner Geliebten noch sehr aufgebracht, aber zugleich untröstlich und habe schon geäußert, er wolle gerne verzeihen, wenn er nur wisse, was aus ihr geworden sei. Bald waren wir einig über das, was geschehen müsse. Die Mutter sollte ihre Tochter noch an diesem Morgen in ihre Wohnung zurückbringen, nachdem der Wirt der Locanda dem Kommissär-Imperial angezeigt hätte, daß sich beide seit gestern abend bei ihm befänden. Peppina sollte ihrem Argus erzählen, daß zwei Männer sie unter der Bühne überfallen hätten, glücklicherweise sei ich durch den Lärm herbeigelockt, dazu gekommen und habe sie mit dem Degen in der Hand befreit, sie aber sei, aus Furcht, ermordet zu werden, mit ihrer Mutter davongelaufen, und da sie sich nicht nach Hause getraut, indem sie geglaubt, man passe ihr dort auf, so habe sie sich in das Gasthaus geflüchtet, woselbst sie die Nacht zugebracht. Dies war ein ben trovato, das manches Wahrscheinliche für sich hatte, und Lesseps begnügte sich damit. Er war überglücklich, seine teure Geliebte wiedergefunden zu haben, der Friede wurde geschlossen, und alles kam wieder in den gewohnten Gang.