Die Schiffe der französischen Flotte waren, um mehr Raum zu gewinnen, alle desarmiert, das heißt, man hatte die Geschütze, bis auf wenige Alarmkanonen, in Toulon zurückgelassen. Das Einschiffen war keine Kleinigkeit, denn es befanden sich sehr viele Beamtenfrauen und Kinder unter den Abfahrenden, die manche Habseligkeiten, die sie nicht hatten veräußern können oder notwendig bedurften, mitnahmen. Der Zudrang von nicht verheirateten, unterhaltenen Frauen und Mädchen war außerordentlich; viele derselben wurden unbarmherzig zurückgewiesen und schrien dann, sich die Brust zerschlagend, jämmerlich am Ufer. Das Regiment der Albaneser war zurückgeblieben und in englischen Sold getreten. Ihr rückständiges Gehalt hatte man ihnen in Lebensmitteln aus den Magazinen bezahlt, wir aber hatten für unser Guthaben Anweisungen auf die französische Regierung erhalten, die manche Offiziere noch in Korfu mit einigem Verlust versilberten. Die von den Truppen urbar gemachten Ländereien hatte man um einen Spottpreis an die Einwohner verkauft, die anfingen, sich allmählich an den Erdgeschmack der Kartoffeln, den, wie sie sagten, dieselben hätten, zu gewöhnen. Obgleich auch viele Transportschiffe mit von Toulon gekommen waren, so fehlte es dennoch sehr an Raum; alle Kranken aus dem Lazarett hatten wir ebenfalls eingeschifft, so daß kein lebendiger französischer Soldat zurückblieb. Noch zwei Tage hatten wir in der Reede von Korfu, schon eingeschifft, verweilt, bevor wir abfuhren, während welchen ich einige Besuche auf englischen Linienschiffen machte und die außerordentliche Reinlichkeit und Bequemlichkeit derselben zu bewundern Gelegenheit fand. Man hätte von den Fußböden der Verdecke essen können, so spiegelglatt und sauber waren sie gehalten, während auf den französischen Schmutz und Unreinlichkeit zu Hause war. Ich war zuerst auf dem ‚Romulus‘, einem Zweidecker von vierundsiebzig Kanonen, eingeschifft, den ich aber wieder verlassen mußte, um mich an Bord der ‚Danube‘, ebenfalls mit vierundsiebzig Kanonen, zu begeben, auf der auch Herr von Brüge mit seiner Familie, der Payeur général, der die niedliche seconda Ballerina Chiaretta Gaspari, mit der er mehrere Kinder gezeugt, bei sich hatte, der Kapitän Stahl mit seiner jungen Frau und andere embarkiert waren. Trotzdem die Schiffe desarmiert, waren wir doch furchtbar zusammengedrängt, denn es befanden sich auf einem Zweidecker wenigstens achtzehnhundert Menschen. An Hängematten für die Soldaten war nicht zu denken, sie mußten auf dem platten Boden liegen. Wir waren an hundert Menschen, von denen ein Dritteil Frauen und Kinder, die hier untereinander hausten und zum Teil in Hängematten, zum Teil auf einer Art ganz niedriger Bettstellen, mit grober Leinwand überzogen, schliefen. Die Verheirateten hatten eine solche dreifache Schlafstätte für sich inne, um die sie ein Tuch spannten und so wenigstens nicht gesehen werden konnten. Nun denke man sich die Ausdünstungen so vieler Menschen bei der Nacht, wo alle Sabords oder Stückpforten und Schiffsläden fast hermetisch geschlossen werden; das Geschrei der Kinder und Frauen, deren Bedürfnisse, wozu sich auch schnell die Seekrankheit und mit ihr unaufhörliches Erbrechen gesellte, dies alles von dem immerwährenden Knarren des Balkens des großen Steuerruders begleitet, der sich auch in diesem engen Raum bewegte, und man wird mir eingestehen, daß dies einen Vorschmack von der Hölle geben konnte; auch hielt ich es die erste Nacht kaum eine halbe Stunde in diesem Behälter aus und begab mich auf das Verdeck, wo ich mich in ein Boot legte und diese und alle folgenden Nächte, die wir eingeschifft waren, unter freiem Himmel – es war der Juni- und Julihimmel des Mittelländischen Meeres – zubrachte. Waren die Lagerstätten schlecht, so war der Tisch dagegen vortrefflich, für jeden eingeschifften Offizier bewilligte die Regierung fünfundsechzig Franken Tafelgelder, und wir wurden dafür sehr gut genährt. Es gab fast alle Tage frisches Fleisch, Braten, oft Geflügel, man schlachtete die eingeschifften Ochsen, Hammel und so weiter an Bord, buk jeden Tag Weißbrot, nur das frische Wasser ging uns ab; das noch einmal an der Küste von Albanien eingenommene wurde jeden Tag schlechter, zuletzt gar nicht mehr trinkbar, schwarz, übelriechend und voll Gewürm; man filtrierte es zwar durch Löschpapier, aber dies nahm ihm doch den schlechten Geschmack nicht; dabei hatte man immer großen Durst, da auch viel gesalzene Speisen genossen wurden, der Wein aber, der à discretion gegeben wurde, den Durst nicht löschte. Fünf- bis sechsmal setzte man an, schüttelte sich, besonders die Damen, und mußte doch endlich den bitteren Kelch mit zugedrückten Augen leeren. Wir speisten wohl an hundert Personen an der im Assembleesaal servierten Tafel, die in Form eines Hufeisens aufgestellt wurde; die Sitze und Tische waren auf dem Boden amarriert, das heißt mit Tauen befestigt. Komisch war es anzusehen, wenn, das Schiff auf einer Seite liegend, man bei Tische saß, die einen hoch über den anderen, die tief unten saßen, schwebten, und durch eine Wendung des Schiffes kamen dann die, welche oben saßen, plötzlich zu den Füßen der anderen, die sich erhoben; es war das Bild des gewöhnlichen Weltlaufes: der ist heute oben, der morgen unten liegt; anfänglich machte uns dies viel Spaß. – Den 24. Juni hatten wir die Anker gelichtet, und die ersten Tage gingen bei der sehr langsamen Fahrt noch ziemlich fröhlich vorüber; gegen Abend spielte die Musik auf dem Hinterteil des Verdecks, man tanzte mit den sich an Bord befindenden jungen Damen, der Capitaine du vaisseau war so galant, Erfrischungen in Orgeade, Limonade und so weiter reichen zu lassen, dabei ging es recht munter zu, und ich walzte mit Josephinen, Madame Stahl und anderen. Diese Unterhaltungen nahmen jedoch bald ein Ende, da die meisten Tänzer und Tänzerinnen schnell auf der Nase lagen, obgleich wir meistens große Windstille hatten und nur lavierend sehr langsam vorwärts kamen. Den 26. Juni hatten wir noch einmal vor den Küsten Albaniens Anker geworfen, den 30. erblickten wir die wilden pittoresken Küsten Kalabriens, die mit alten Türmen, welche sie gegen die Überfälle der Barbaresken schützen sollten, in Zwischenräumen von je tausend Schritten versehen sind. Um nur ein wenig vorwärts zu kommen, mußte man die Landwinde benutzen, welche in der heißen Jahreszeit in der Regel hier morgens und abends an den Küsten wehen. Den 2. Juli sahen wir erst den Rauch des dampfenden Ätna und erblickten bald darauf die reizenden Küsten Siziliens, in der Gegend des Kap Grosso; wir segelten nun durch die Meerenge von Messina, dessen Umgebungen sehr schön sind. Amphitheatralisch liegen prächtige Villen, Klöster, Kirchen, Gärten, Ortschaften zwischen Pomeranzen- und Zitronenhainen, Weinbergen und Gebüschen an dem Ufer. Vor Messina machte die ganze Flotte Halt, und wir warfen so nahe bei der Stadt Anker, daß wir deutlich die am Meer spazieren gehenden Menschen, unter denen besonders viele Pfaffen und Mönche waren, erkennen und uns sogar mit ihnen unterhalten konnten. Fast einen ganzen Tag brachten wir vor Messina zu, wo wir Piloten nahmen, die uns sicher durch die Meerenge und zwischen der Charybdis und Scylla durchbringen sollten. Jedes Schiff erhielt seinen eigenen in einer Barke von vier bis sechs Ruderern, in der sich auch noch ein Sanitätsbeamter befand, um zu beobachten, daß niemand in Berührung mit der Schiffsmannschaft käme.
Den folgenden Tag waren wir noch im Angesicht von Sizilien auf der einen und Reggios auf der anderen Seite und hatten das seltsame Schauspiel einer Fata Morgana vor Augen, eine eigene, zauberartige Erscheinung, die sich nicht nur im Wasser, sondern auch wie in der Luft schwebend zeigt und die sonderbarsten, wunderlichsten und mannigfaltigsten Gebilde hervorbringt. Wir erblickten unabsehbar Kolonnaden, Bogenhallen, Alleen, seltsame Bäume und Gesträuche, Herden weiden und so weiter. Dies alles in der Luft schwebend, während unter dem Wasser nicht minder seltsame Gegenstände zu sehen waren. Als sich aber der Landwind mehr und mehr erhob, verloren sich diese Nebelgebilde. Wir segelten jetzt längs den mir bekannten Küsten Kalabriens hinauf, noch lange den rauchenden Ätna im Auge. In der nächsten Nacht erreichten wir die Liparischen Inseln. Stromboli warf fortwährend Feuer aus. Den 7. Juli erblickten wir den Vesuv, Capri, Ischia und Neapel. Den 8. war fast gänzlich Windstille, den 9. waren wir Gaëta und den 10. Terracina gegenüber. – Diese Seereise wurde täglich langweiliger und wegen der großen Hitze unausstehlich. Alles, was nicht zur Marine gehörte, war sehr abgespannt und durch die Seekrankheit ermattet, namentlich die Frauen, und die Qual des Durstes unausstehlich. Ich las oder schrieb fast den ganzen Tag. Bisweilen unterbrachen die Matrosen das ewige Einerlei durch einen Schiffstanz. Der Fang eines Haifisches brachte auch einiges Leben an Bord und die Mannschaft ließ sich das Seeungeheuer, das alle Toten, die man über Bord wirft, verzehrt, trefflich schmecken. Wir hatten schon vier bis fünf Leichen gehabt, weshalb eine ganze Herde dieser Fische jedem Schiff folgte. Fiel jemand lebendig in das Wasser, wie dies auf einem Schiff der Fall war, so war er verloren. Ein solches Ungeheuer schnappte ihn sogleich auf und begrub ihn in seinem Bauch. Eines Tages fiel einem von unseren Soldaten ein großer Schiffsnagel von einem Mastkorb auf den Kopf und tötete ihn auf der Stelle. Auch er fand eine Stunde nachher ausgekleidet sein Grab in den Wellen oder in dem Rachen eines Haies.
Den 12. Juli befanden wir uns auf den Höhen von Civita-Vecchia und Rom, den 13. kamen wir an den Inseln Giglia, Monteargento, Rossa und Gianuta vorüber und begegneten einem französischen Linienschiff, ‚La ville de Marseille‘, das den Herzog von Orleans, Louis Philipp, nach Palermo bringen sollte, der daselbst seine Gemahlin abholte. Durch dieses Schiff erhielten wir auch zuerst die Nachricht von dem zu Paris definitiv abgeschlossenen Frieden. Den 14. kamen wir an den Küsten von Toskana und der Insel Elba vorüber, von welcher bereits der abgedankte Kaiser Besitz genommen hatte. Wir segelten an Porto Ferrajo vorbei, und hätte Napoleon geahnt, welch günstige Stimmung für ihn auf der vorüberfahrenden Flotte herrschte, so hätte er vielleicht damals schon mit derselben nach Frankreich zurückkehren können. Denn als wir nach Porto Ferrajo mit trefflichen Fernrohren hinübersahen, erblickten wir ihn auf den Mauern. Jetzt wurden auf den Schiffen Offiziere, Soldaten und Matrosen, alles unruhig, und plötzlich ertönte der Ruf: „Vive l’Empereur!“ Man konnte nicht verhindern, daß die ganze Mannschaft auf das Verdeck strömte, Hüte und Tücher schwenkte, wie ausgelassen tobte und schrie und verlangte, daß die Musik spielen solle. Der Kapitän und die Kommandanten befanden sich in keiner geringen Verlegenheit und dankten dem Himmel, als wir endlich über die Insel Elba hinaus waren. Hätte Napoleon nur einige Winke gegeben, so würde sich ganz gewiß die ganze Mannschaft empört und zu seinen Gunsten revoltiert haben. Wir segelten nun bald am Kap Bianco der Insel Korsika vorüber und hatten nach und nach die meisten Schiffe der Flotte aus dem Gesicht verloren. Am Golf von Genua vorüber kamen wir den 17. Juli in der Reede von Toulon an, wo wir einen garde de santé an Bord nahmen, da von diesem Augenblick an unsere Quarantäne begann. Ein stürmischer Nordwind, der sich plötzlich erhoben, hatte uns gezwungen, in dieser Reede einzulaufen, die wir den 20. wieder verließen, um den 22. zu Marseille, unserer vorläufigen Bestimmung auszuschiffen und vorerst die Quarantäne in dem Pestlazarett zu beziehen, das für sich eine Stadt mit verschiedenen Quartieren bildet.
Diese Anstalt ist sehr groß und bewunderungswürdig. Man findet in derselben Wohnungen für hohe Herrschaften und Privatleute, Kasernen, Gasthäuser, in denen man alles, freilich sehr teuer, haben kann, Krankenhäuser und so weiter. Das ganze Lazarett ist in sieben Abteilungen oder Quartiere eingeteilt, die sämtlich durch hohe Mauern voneinander getrennt sind, deren Tore bei Nacht wie in Festungen geschlossen werden. Drei dieser Abteilungen sind allein für Waren bestimmt und haben geräumige Hallen zu diesem Zweck. Für wirkliche Pestkranke sind ganz besondere Räume vorhanden. Die Polizei im Lazarett wird mit großer Strenge gehandhabt, um jede Annäherung eines Quarantänärs mit dem aus einer anderen Abteilung zu verhindern; und wer etwas in dem Wirtshaus der Quarantäne kaufen will, wird von einem garde de santé, der mit einem zehn Schuh langen Stab oder Spieß bewaffnet ist, begleitet, so daß, wenn man einem anderen Quarantänär mit seinen Wächtern begegnet, man vermittelst dieser Stäbe immer zwanzig Schuh weit auseinandergehalten wird. Alles Geld, das man bezahlt, wirft man in eine mit Weinessig gefüllte Schüssel, welche vor dem Gitter steht, das das ebenfalls abgeschlossene Wirtshaus, eine kleine Feste, umgibt. Alle diese Einrichtungen bestehen erst seit dem Jahre 1720, wo durch Unvorsichtigkeit und Nachlässigkeit ein Schiff, das aus der Levante kam und auf dem unterwegs schon ein halbes Dutzend Menschen an der Pest gestorben waren, und das man dennoch nur eine Quarantäne von acht Tagen halten ließ, diese schreckliche Geißel nach Marseille und dem ganzen südlichen Frankreich brachte. Die große Stadt war in Zeit von sechs Wochen wie ausgestorben. Über achtzigtausend Menschen hatte die Pest hinweggerafft. Fast alle Häuser standen leer, und in den Straßen begegnete man keiner Seele mehr. Im ganzen Lande aber wurden viele Hunderttausende das Opfer dieser Plage. Ein gräßlich-schönes Gemälde im Hotel de Ville von Marseille stellt furchtbare Schauerszenen aus jener Unglückszeit dar.
Wir hatten je zwei Offiziere ein Zimmer oder vielmehr Kämmerchen, nur die Verheirateten hatten ein besonderes. Mein nächster Nachbar war der Kapitän Stahl, der seine junge Frau mit einer fast wütenden Eifersucht hütete, weshalb es schon auf dem Schiff manche Neckereien und Unannehmlichkeiten abgesetzt hatte, so daß er oft gar nicht zu Tische mit ihr kam. Die Frau aber, die, gleich allen Griechinnen, ein feuriges heftiges Temperament hatte, verdroß dies so sehr, daß sie mehr als einmal zu mir äußerte: „Gerade weil er es so macht, muß er Hörner tragen, die ich ihm bei der ersten Gelegenheit aufsetzen werde.“ Diese fand sich dann auch, trotz allem Bewachen, bald genug, und zwei Tage, nachdem wir die Quarantäne verlassen hatten, wußte die verschmitzte Frau schon ihr löbliches Vorhaben auszuführen, wozu ich ihr denn auch bestens an die Hand ging. Während sie Stahl mit Madame Roy in der Kirche glaubte, wohin er beide Frauen begleitet und sich dann nach dem Hafen in Dienstangelegenheiten begab, brachte sie eine süße Stunde in meinen Armen im Hotel der Ambassadeurs zu, wo ich mich einquartiert hatte.
Alle Griechen und griechischen Frauen, die mit von Korfu gekommen waren, konnten sich nicht genug über die Größe, Pracht und schönen Gebäude von Marseille wundern und riefen einmal über das andere aus: „O che palazzi!“ – Marseille ist aber auch eine der schönsten Städte Frankreichs und ihr Hafen der prächtigste und sicherste im mittelländischen Meer. Seine Kais sind fast durchaus mit prachtvollen Häusern geziert. Linienschiffe können jedoch nicht in denselben einlaufen, weil er nicht tief genug ist. Wir hatten bei der Insel If Anker geworfen, von wo wir in Booten an das Lazarett gefahren wurden. Ihre Kathedrale ist die älteste Kirche Galliens und auf den Ruinen eines Dianentempels erbaut, von dem noch schöne Granitsäulen in der Kirche selbst angebracht sind. Das Arsenal, das große Theater, die Börse, den Gouvernementspalast, den Cours, eine der schönsten Straßen, die ich gesehen, die Straße Beauveau, den Platz Canabière als Paradeplatz der schönen Welt, darf man nicht versäumen, aufzusuchen. Es machte mir großes Vergnügen, den mitgekommenen Damen von Korfu alle Merkwürdigkeiten Marseilles zu zeigen und mich an ihrem Staunen zu ergötzen. Namentlich waren es Madame Conge und Coste, deren beständiger Begleiter ich war. Auch das Leben und Treiben in Frankreich, die Freiheit, welche alle französischen Frauen genießen, die Sitten und Gebräuche, dies alles war eine neue Welt für sie. – Da ich das daselbst etablierte deutsche Haus Ellenberger und Imer kannte, an das ich schon früher, als wir in Toulon lagen, empfohlen war, und durch welches ich mir noch in der Quarantäne allerlei Lebensmittel und Weine hatte schicken lassen, die sie mir in bester Qualität und ganz vorzüglich besorgt hatten, so ließ ich mir von demselben ein paar hundert Franken gegen Anweisung auf Frankfurt geben und hatte so einige Mittel in Händen. Auch wurden uns, ehe wir die Quarantäne verließen, zwei Monate rückständiger Sold ausbezahlt, den die Kaufleute von Marseille vorgeschossen, um den von Korfu ankommenden Truppen Mut zu machen und sie für die Bourbonen günstig zu stimmen. Denn Marseille sowie die ganze Provence und Languedoc waren auf das äußerste gegen Napoleon erbost, da hier aller Handel und die Gewerbe während seiner Herrschaft stockten und fast auf Null herabgesunken waren. Ihre Anhänglichkeit zur zurückgekehrten Dynastie sprach sich enthusiastisch aus. Das Volk zu Marseille hatte sogar kurz vor unserer Ankunft ein Artilleriebataillon unter dem Gewehr auf dem Paradeplatz umstellt und dasselbe gezwungen, seine Adler von den Tschakos herabzunehmen. Einige Offiziere waren mißhandelt worden. Einem Obersten, der noch kaiserliche Abzeichen an sich hatte und diese auf das Geheiß des Pöbels nicht sogleich abnehmen wollte, rissen sie die Epauletten von den Schultern.
Wir blieben nur kurze Zeit in Marseille. Schon in der dritten Woche nach unserer Ankunft daselbst erhielt unser Regiment Order, nach Avignon abzumarschieren. In Aix aber brach eine förmliche Meuterei unter unseren Leuten aus, die erklärten, nicht weiter marschieren zu wollen, bis man ihnen den sämtlichen, noch rückständigen Sold ausgezahlt habe. Die Sache drohte in eine förmliche Empörung auszuarten. Die Soldaten wollten sich an ihre Offiziere und Chefs halten, stießen unzweideutige Drohungen gegen dieselben aus, von ihnen den rückständigen Sold fordernd. Um sie im Zaum zu halten, ließ man die Nationalgarde von Aix unter die Waffen treten und in starken Abteilungen durch alle Straßen patrouillieren. Dies und die Auszahlung von noch einem Monat Sold, den die Stadt Aix vorschoß, beschwichtigte die Murrenden. Den vierten Tag marschierten wir nach Avignon ab, wo sich aber schon ein Befehl des Kriegsministers vorfand, welcher das Regiment nach Avesnes im Departement du Nord beorderte, wo die Leute ihr ganzes Guthaben, und diejenigen, die nicht länger in Frankreich dienen wollten, ihren Abschied und eine Marschroute bis an die Grenze erhalten sollten. Die meisten Leute nahmen dies an und wurden, nachdem sie ihren Abschied erhalten und ihre Waffen abgeliefert hatten, in Transporten von fünfzig bis hundert Mann bis zur deutschen Grenze geführt. Die dabei bleibenden Offiziere wurden auf halben Sold gesetzt. Man zählte damals an dreißigtausend Offiziere, die auf halben Sold gesetzt wurden, worunter alle die, welche aus russischer, preußischer, spanischer, englischer und so weiter Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Ich hatte wegen eines Fiebers, das mich überfiel, in Avignon zurückbleiben müssen. Die lange Seereise, auf der ich nie die eigentliche Seekrankheit gehabt, dagegen aber immer eine Unbehaglichkeit und Übelkeit verspürte, und sehr an hartnäckigen Obstruktionen litt, hatte mir wohl diese Krankheit zugezogen. Ich wollte nun meine Genesung, die auch bald erfolgte, in Avignon abwarten und mietete mir eine angenehme Wohnung auf dem großen Platz mitten in der Stadt bei einem ziemlich wohlhabenden Bürger namens Giraud, der sich in Ruhestand gesetzt und ein liebenswürdiges sechzehnjähriges Töchterchen, das einzige Kind, hatte. Von hier aus schrieb ich an meine Eltern und erhielt neue Empfehlungen an das Haus Aymard, das einen Sohn als Volontär in Frankfurt hatte und sich daher meiner annahm. In kurzer Zeit war ich, wie gesagt, wieder von meiner Krankheit genesen, brachte aber noch ein paar Wochen in Avignon zu, wo mich die hübsche Tochter meines Hauswirtes, Marguerite Giraud, fesselte. Die Einwohner von Avignon waren ebenso erbitterte Feinde Napoleons wie die zu Marseille und in den anderen Städten der Provence. Sie nannten den abgesetzten Kaiser nur ‚le vieux Nicola‘, hatten ihn im Bilde verbrannt und einen Napoleon vorstellenden Strohmann lange in dem Straßenkot herumgeschleift. Hier würde ihm sowie in Orgon und anderen Orten übel mitgespielt worden sein, hätte man ihn bei seiner Durchreise erwischt. Auch hatte er sich schnell Hals über Kopf weiter gemacht, als er die entstandene Gärung wahrnahm. Die Weiber der niederen Klassen tanzten noch täglich die Farandole beim Schall einer Baskotrommel, sich an Taschentüchern aneinanderhaltend, wie besessen in allen Straßen und auf öffentlichen Plätzen, sangen dabei Spottlieder auf den ‚père Nicola‘, wie sie ihn nannten, und waren berauscht. Eines Abends ritt ich mit dem Chirurgien-Major Colombe vom sechsten Linienregiment, das mit uns in Korfu gewesen und jetzt in Avignon garnisonierte, zum Rhonetor hinaus spazieren, in dessen Nähe am Kai ein Bataillon dieses Regiments exerzierte. Kaum waren wir vor dem Tor, als ein Troß solcher toller tanzender Weiber uns umringte und im dortigen Patois zurief, wir sollten ‚Vive Louis XVIII., vive les Bourbons‘ schreien. Ich erklärte ernst und kurz, daß ich auf kein Kommando schreie, aber Colombe wollte Bravaden zeigen und schrie aus vollem Halse: „Vive Napoléon!“ Nun fielen ihm die wilden Weiber gleich in die Zügel, rissen ihn vom Pferd herab, während ich mich frei machte und den Degen zog, mein Pferd sich bäumen ließ und mich so in Verteidigungsstand setzte. Sicher würde es Colombe ergangen sein wie dem armen Sänger Orpheus, diese modernen Bacchantinnen würden auch ihn in Stücke gerissen haben, wenn nicht glücklicherweise das ganz in der Nähe exerzierende Bataillon sogleich eine Patrouille abgesandt hätte, den unglücklichen Chirurgien-Major zu befreien. Das Spazierenreiten war ihm nun vergangen, und er begab sich heim, sein Roß demütig am Zügel führend. Schlimmere Folgen hätte beinahe meine Bekanntschaft mit Marguerite Giraud gehabt; ich hatte jetzt auch den Tisch bei den guten Leuten, und eine alte Tante, die so ziemlich das Hausregiment führte, hatte es auf eine Heirat zwischen mir und der sechzehnjährigen Marguerite abgesehen. Eines Morgens nahm ich mir vor, die guten Leute mit einem deutschen oder vielmehr Frankfurter Frühstück zu regalieren, das man in Frankfurt in der Regel nur in der Fastnacht genießt und das aus in Rahm und Milch zerlassener Butter und ganz heißem Weiß- oder Milchbrot besteht, warme Wecken genannt, und so heiß als möglich genossen wird; allein es gehört ein sehr guter Magen dazu, um es ohne Beschwerden verdauen zu können. Dem alten Herrn Giraud mundeten diese warmen Wecken außerordentlich, er aß deren beinahe ein halbes Dutzend hintereinander, aber gleich darauf wurde es ihm so übel, daß er glaubte, er müsse den Geist aufgeben. Dem Geistlichen des Hauses, der auch von der Partie gewesen und tüchtig mitgegessen hatte, wurde ebenfalls übel, dann kam die Reihe an die alte Tante, und selbst Marguerite befand sich nicht ganz wohl darnach. Die Tante fing nun auf einmal an, wie besessen zu schreien: „Ach, wir sind vergiftet, wir sind alle vergiftet!“ Ich vermochte sie nicht zu beruhigen, obgleich ich ihr vorstellte, daß ich am meisten von dieser Speise genossen hätte; sie schickte nach einem Arzt, der auch schnell ankam und die noch übrige Butter, Milch und Brote untersuchte, während sich die Patienten bald auf dem Wege der Besserung befanden. Als ich ihm die Sache auseinandersetzte, meinte er lächelnd: „Ja, zu deutscher Kost gehört auch ein deutscher Magen.“ – Einige Gläser Likör brachten die verdorbenen Mägen wieder so ziemlich in Ordnung, doch hatten Herr Giraud und die Tante ein paar Tage zu tun, bis sie völlig wieder hergestellt waren, aber niemand spürte mehr Lust, sich noch ferner à l’allemande von mir regalieren zu lassen, und man gestand, daß man nicht ganz von dem Verdacht einer absichtlichen Vergiftung frei gewesen sei. Als ich bei Aymards die Geschichte erzählte, wollte man sich halbtot lachen, doch hatte niemand Lust, die Speise zu versuchen, wie ich es auch ihnen vorgeschlagen hatte. Aber ein ganz anderes Donnerwetter zog sich über meinem Haupt zusammen, als ich eines Tages bei Tische zufällig erwähnte, daß ich ein Protestant und zwar ein Lutheraner sei. Man lachte anfänglich dazu und meinte, ich scherze, denn auch diese Leute stellten sich unter einem Lutheraner noch eine Art Ungeheuer vor, bis ich ihnen ganz ernstlich versicherte, daß ich die Wahrheit gesagt und sie auch durch Erkundigungen herausgebracht hatten, daß ich wahr gesprochen. – Marguerite, mit der ich auf einem sehr vertrauten Fuß gestanden hatte, doch so, daß kein Unglück daraus entstehen konnte, wie ich es mit allen Mädchen hielt, kam eines Morgens auf mein Zimmer und bat mich, in Tränen gebadet, fußfällig, ich möge doch katholisch werden, weil ich sonst dem Teufel mit Haut und Haar verfallen sei und sie mit, da sie das Unglück gehabt, einen Lutheraner zu lieben. Ich konnte das arme Kind nicht zu einer vernünftigen Ansicht bringen, und trostlos verließ sie das Zimmer; sie hatte mir gestanden, daß ihr der Beichtvater gesagt, daß ihr ihre Bekanntschaft mit mir die ewige Verdammnis zuziehen könne, wenn sie mich nicht bekehre. Das ganze Haus war in größten Alarm geraten, und die Frauen weinten unaufhörlich. Ich ging zu den Leuten und suchte sie zu beruhigen, aber ich glaube, der Teufel selbst hätte ihnen jetzt keine größere Furcht einflößen können als mein Anblick; alle bekreuzigten sich und gaben mir zu verstehen, indem sie die Gesichter abwendeten, ich möge doch das Zimmer verlassen. Es kam mir vor, als sei ich unter Wahnsinnige geraten, und da ich sah, daß nicht daran zu denken war, auch nur ein vernünftiges Wort mit diesen Menschen zu reden, nahm ich mir vor, auf die wenigen Tage noch ein anderes Logis zu mieten und sah mich sogleich darnach um; als ich aber nach Hause kam, trat mir ein Dienstmädchen mit einem offenen Papier entgegen, das sie mir übergab und auf welchem geschrieben stand, daß die Familie, aus guten Christen bestehend, auch keine Stunde länger mit einem in alle Ewigkeit verdammten Ketzer unter einem Dach zubringen könne und sich daher so lange auf das Land begeben habe, bis ich ausgezogen sei; die Miete möge ich nur an das Dienstmädchen entrichten, welches Befehl habe, den Betrag dem Beichtvater einzuhändigen, der ihn zum Frommen der Kirche verwenden werde, um die Sünde, mich so lange im Hause geduldet zu haben, einigermaßen wieder zu sühnen. – Ich bezog nun auf die wenigen Tage, die ich noch in Avignon verweilte, ein Zimmer in einem Gasthof und habe nie wieder jemand von Girauds gesehen. Hier mußte ich gleich den ersten Tag, als ich an der Table d’hôte speiste, einen heftigen Streit zwischen einem Offizier und einem Bürger von Tarascon mit anhören. Letzterer schimpfte so wütend über Napoleon, nannte ihn ein Mal über das andere einen hergelaufenen Vagabunden, einen Spitzbuben, Schurken, infamen Betrüger, dem sein eigener Oheim, als er noch Leutnant und krank gewesen, täglich eine Armensuppe geschickt, und der später einen Wagen von einem seiner Bekannten entliehen, den er sowie gar manche andere Dinge zurückzugeben vergessen habe, wie er beweisen könne, und so weiter, so daß es allerdings kaum zum Anhören war. Aber der Offizier, der seinen ehemaligen Souverän verteidigen wollte, wurde überschrien und stand endlich vom Tisch auf, das Zimmer unwillig verlassend. Ich war in Zivilkleidern, hatte mich in die ganze Sache nicht gemischt und mußte noch eine geraume Zeit das Schimpfen und die schlechten Streiche, die sie dem Exkaiser vorwarfen, den sie einen Menschenschinder und ein nichtswürdiges Subjekt nannten, mit anhören. Am anderen Tage ließ ich mir auf dem Zimmer servieren, um solchen Dingen nicht mehr ausgesetzt zu sein. Damals war es im ganzen südlichen Frankreich höchst gefährlich, sich günstig über Napoleon zu äußern; was den Provençalen aber mit einen so großen Haß eingeflößt, war besonders die Konskription; allerdings wurden ihre Kinder sowie die aller Franzosen zu Hunderttausenden zur Schlachtbank geführt, um der Herrschsucht eines einzigen Menschen, der noch obendrein ein Korse war, zu frönen.
Kurz vor meiner Abreise war noch der Herzog von Orleans, Ludwig Philipp, von Sizilien zurückkommend, mit seiner Gattin in Avignon, wohin beide eine Jacht gebracht, an das Ufer gestiegen, wo ich der erste Offizier war, der ihn bei seiner Ankunft begrüßte. Er wurde sehr freundlich von den Einwohnern empfangen, und ich hatte die Ehre, ihn bis an das Hotel zu begleiten. Damals fiel es wohl niemand ein, daß er dereinst Herrscher von Frankreich werden würde. Er hielt sich in Avignon nicht lange auf, sondern fuhr nach ein paar Stunden schon weiter.
Auch ich machte jetzt Anstalt zu meiner baldigen Abreise, und da ich keine Lust hatte, zu dem ohnehin bis fast auf die Offiziere und einige Unteroffiziere zusammengeschmolzenen Regiment zu gehen, so ließ ich mir eine Marschroute nach Paris geben, um daselbst bei dem Kriegsminister zu versuchen, eine für mich passende Anstellung zu erhalten. Ich reiste mit noch einigen Offizieren, – auch einem Spanier namens Andeja, der seine Mätresse von Korfu mitgebracht, – nachdem ich meine Pferde in Avignon verkauft hatte, in einer Patache (eine Art Landkutsche) nach Lyon ab, wo ich ungefähr acht bis zehn Tage verweilte und wo gerade der Graf Artois (später Karl X.) einzog, weshalb große Feierlichkeiten in der Stadt veranstaltet wurden, denen ich beiwohnte. Viele Knaben, à la Henri IV. kostümiert, und weißgekleidete Mädchen mit Blumenkränzen und Girlanden, Nationalgarden zu Pferd und eine große Menge Volk ging Monsieur entgegen und begleitete ihn bei seinem Einzug in die Stadt mit Vivatgeschrei, das jedoch nicht sehr allgemein war. Es wurden Anreden gehalten, in denen vom Glück, die Bourbons endlich wieder auf dem französischen Thron zu sehen, gesprochen wurde. Der Graf Artois war sehr gnädig und herablassend und teilte eine Unzahl silberner Lilien mit einem weißen Bändchen, besonders an das Militär aus, von denen mir auch eine zuteil ward; später wurden sie für die Offiziere in Lilienkreuze umgewandelt. Monsieur sah indessen aus wie eine Vogelscheuche mit einem Perückenstock und machte auf das Militär, das ihn mit ziemlicher Geringschätzung behandelte, keinen guten Eindruck; selbst die bourbonisch gesinnten Bürger wußten nicht viel zu seinem Lob zu sagen. Die Stadt gab ihm zu Ehren einen großen Ball, auf dem Artois, wie ein abgelebter Schneider aussehend, von seinem Fauteuil dem Tanz mit zusah; auch ein großes Feuerwerk wurde abgebrannt, doch hatte die ganze Festlichkeit etwas Düsteres und war ohne Leben.
Einige Tage nach dem Ball reiste ich mit noch ein paar Offizieren, von denen der eine, ein Bataillonschef, zu der Garnison von Korfu gehört hatte, mit Extrapost nach Paris ab. Wir fuhren, ohne uns irgendwo aufzuhalten, Tag und Nacht bis Fontainebleau, wo wir einen halben Tag verweilten, um das dortige Schloß und die Gärten zu besehen. Ersteres ist ein weitläufiges, irreguläres Gebäude, dessen Architektur die Arbeit verschiedener Jahrhunderte nachweist. Es liegt in einem Tal und formiert fünf Corps de Logis, die durch Höfe und Galerien getrennt sind. Es war uns doppelt merkwürdig, weil hier erst vor wenigen Monaten Napoleons Abdankung stattgefunden hatte.
Wir sahen die Gemächer, die Marie Louise bewohnt hatte, sowie die, welche Pius VII. während seines gezwungenen Aufenthalts zum Kerker gedient, endlich das Gemach, in dem Napoleon seine Abdankung unterzeichnet hatte. Nach einem ziemlich splendiden Diner setzten wir unsere Reise fort und kamen gegen Morgen in Paris an, wo wir in einem Hôtel garni abstiegen und uns ermüdet niederlegten. Gegen Mittag erwachte ich, eilte zum Frühstück in das Palais Royal, ins Café des mille colonnes, wo ich sehr heftige politische Debatten über Napoleon, die Alliierten, die zurückgekehrten Bourbons, Ludwig XVIII. und so weiter anhörte, und man stritt, als wollte man sich eben bei den Köpfen nehmen; dann war von den Russen, den Kosaken, den Preußen, Engländern und Österreichern die Rede, man lobte den Kaiser Alexander als einen gar großmütigen Monarchen und äußerte: es gibt nur einen braven Russen, und der ist der Kaiser, alle anderen taugen nichts; auf Wellington und die Engländer schimpfte man und war gewaltig erbost; sie hatten allerdings etwas wild in der Umgegend von Paris gehaust. Nicht minder aufgebracht war man auf den braven Blücher und seine Preußen, die indessen nicht den hundertsten Teil dessen getan, was sich die Franzosen in Preußen hatten zuschulden kommen lassen; sie übten nur ein geringes Vergeltungsrecht und dies oft sehr großmütig, wie folgende Anekdote beweist. Ein Oberst der preußischen Garden war bei einer vornehmen reichen Dame im Faubourg Sankt Honoré einquartiert. Nachdem er sein Billett abgegeben, fand er die ihm eingeräumten, obgleich sehr schön und gut möblierten Zimmer viel zu schlecht, befahl, daß man ihm bessere Gemächer einräumen solle, und zwar in einem höchst arroganten und barschen Tone. Man gehorchte und gab ihm die besten im Hause, aber auch die waren ihm nicht gut genug, er warf sich mit Stiefeln und Sporen auf die kostbaren Sofas, und als man ihm das Frühstück und Mittagessen brachte, fand er alles abscheulich, kaum für Schweine gut genug, und warf mehrere Schüsseln den auftragenden Dienern vor die Füße. Seine Bedienten machten es nicht viel besser und hausten im Hotel, daß es zum Erbarmen war. Die arme Dame wußte sich gar nicht zu raten und zu helfen, faßte sich endlich ein Herz und begab sich selbst zu dem Obersten, um diesen zu bitten, er möge ihr doch nur sagen, was er wünsche und verlange, es solle ja alles geschehen, was in ihren Kräften stehe, um ihn soviel als möglich zufrieden zu stellen. Der Oberst hörte die Dame ganz ruhig an, bat sie auf das höflichste, doch Platz nehmen zu wollen, und sagte dann im besten Französisch auf das artigste: „Madame, ich habe Ihnen nur eine kleine Probe davon geben wollen, wie es Ihr Herr Sohn während drei Wochen, die er bei meinen Eltern in Berlin einquartiert war, gemacht hat, doch seien Sie ruhig, von jetzt an werden Sie sich nicht im mindesten mehr über mich oder meine Leute zu beklagen haben, und ich bitte, mir die zuerst zugedachten Zimmer wieder einräumen zu lassen, sie genügen mir vollkommen.“ – Von den Österreichern war wenig oder keine Sprache, sie hatten sich im ganzen sehr passiv verhalten. Es waren noch manche deutsche, russische und englische Offiziere in Paris zurück, die aber alle in Zivilkleidung einhergingen; dennoch fielen noch öfters Duelle vor. Die Russen zogen, wenigstens im Zweikampf mit der Klinge, meistens den kürzeren und wurden niedergestochen, während die Preußen manchen französischen Offizier ins Gras beißen ließen; die Engländer schossen sich fast nur auf Pistolen. Es verging fast kein Tag ohne solche Händel. Ich fand diesmal den Aufenthalt zu Paris himmelweit verschieden von dem im Jahre 1810, auch hatte sich in diesen vier Jahren sehr viel verändert. Das Ziel zu erreichen, um dessentwillen ich eigentlich hierher gereist, war unmöglich, man wußte noch gar nicht recht, wer eigentlich Koch oder Kellner war. Der Kriegsminister war nicht zu sprechen und sein Ministerium und dessen Vorzimmer den ganzen Tag von dem Troß der mit den Bourbonen zurückgekehrten Adeligen belagert, die alle ihre Anhänglichkeit an den König und dessen Familie und ihre wurmstichigen gegerbten Eselsfelle statt anderer Verdienste in Anschlag brachten und Anstellungen und Ehrenstellen verlangten. Wahr ist es, daß diese Herren nichts vergessen und nichts gelernt, es schien, als hätten sie von 1789 bis 1814 geschlafen, sie waren mit denselben Vorurteilen und Anmaßungen nach dem Frankreich von 1814 zurückgekehrt und reihten dieses Jahr ohne weiteres an die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts an; auch waren sie die lächerliche Zielscheibe des beißenden Spottes und Witzes und trugen die meiste Schuld an der fatalen Stimmung des Volkes gegen die zurückgekehrten Bourbonen und Ludwig XVIII. – Von meinen früheren Bekannten suchte ich nur wenige auf und fand auch diese sehr verändert. Die einzige interessante neue Bekanntschaft, die ich machte, war Angelika Catalani, deren Donnerstimme damals in ihrer höchsten Kraft und Fülle war und mit der ich öfter Duette sang; ich sollte sie später in Deutschland wieder treffen, wo ich Gelegenheit fand, ihr manchen Dienst zu erweisen. – Auch der schönen Madame Recamier, die so lange Paris hatte meiden müssen, weil es den kleinlichen Launen des korsischen Weltgebieters so gefiel, begegnete ich in einigen Salons und bewunderte zwar ihre allerdings außerordentliche Schönheit, aber ohne daß sie einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätte, ob sie gleich durch ihre Einfachheit und Liebenswürdigkeit jedermann bezauberte; wahr ist es, daß ich in gar keine nähere Berührung mit ihr kam und kaum einige Worte gewechselt habe.
Da ich nach einem kurzen Aufenthalt von wenigen Wochen wohl einsah, daß unter den dermaligen Umständen, wo auch fast niemand an den Bestand des Bestehenden glauben wollte, nichts für mich in Paris zu machen war und ich keine Lust hatte, wieder zu dem régiment étranger, dessen Reste noch in Avesnes lagen, zurückzukehren, ließ ich mich auf halben Sold setzen und wählte vorerst Straßburg zu meinem provisorischen Aufenthalt, um von da nach beinahe neun Jahren meine Eltern wieder einmal besuchen und sehen zu können. Ich ging über Meaux, Chateau-Thierry und Epernay nach Reims, wo ich einen Tag verweilte, um die alte Krönungsstadt und ihre berühmte Kathedrale, eines der schönsten gotischen Denkmäler, zu sehen. Von hier reiste ich über Chalons sur Marne, Barleduc, Toul und Nancy nach Straßburg, wo ich ein Quartierbillett auf drei Tage bei einem Kaufmann Hecht im Kupferhof erhielt und sehr gut aufgenommen wurde, auch gestattete man mir, noch länger in diesem Quartier zu verbleiben, so daß ich bis zu meiner Abreise nach Frankfurt in demselben wohnte. Madame Hecht war eine hübsche junge Frau, auch musikalisch, und ihr zuliebe verschob ich meine Abreise um einige Wochen. In ihrer Gesellschaft besuchte ich Straßburgs Sehenswürdigkeiten, an ihrer Hand bestieg ich den Riesenturm des Münsters und besah mit ihr das schöne Monument des Marschalls von Sachsen in der protestantischen Sankt Thomaskirche. Auch die Ruprechtsau und andere Promenaden sowie das Theater, wo damals deutsche und französische Komödie gespielt wurde, besuchten wir miteinander. In Straßburg traf ich einige alte Bekannte. Talma gab gerade Gastrollen samt seinem Schüler David, der jedoch dem Meister keine große Ehre machte; sodann traf ich einen alten Schulkameraden, der zu gleicher Zeit mit mir in Breitensteins Pension zu Homburg gewesen und sich dem Kaufmannsstand gewidmet hatte. Durch diesen lernte ich den nicht verdienstlosen Schauspieler Vogel und dessen Gattin, eine hübsche und gute Sängerin, kennen, mit denen ich manchen vergnügten Abend zubrachte. Während meiner Anwesenheit fand sich auch der Herzog von Berry, auf seiner Rundreise durch Frankreich, daselbst ein, wußte sich aber wenig beliebt zu machen, und man fand seine affektierten martialischen Manieren etwas lächerlich und karikaturartig, zudem waren die Straßburger sowie das ganze Elsaß wütende Napoleonisten und haßten die Bourbonen, also gerade das Gegenteil von den Bewohnern des südlichen Frankreichs. Zu seinem Unglück war der Herzog von Berry noch obendrein die unschuldige Ursache des Todes des sehr beliebten Präfekten von Straßburg. Dieser war ihm nämlich eine große Strecke entgegengefahren, wurde mit seinem Wagen umgeworfen, wobei das Gefäß seines Degens ihm tief in die linke Seite eindrang und ihn so schwer verletzte, daß er schon vierundzwanzig Stunden darauf seinen Geist aufgab. Diesen unglücklichen Zufall schob man dem unbeliebten Herzog in die Schuhe, den man um so mehr verwünschte. Nichtsdestoweniger fanden die vorbereiteten Empfangsfeierlichkeiten statt, aber kaum daß man hier und da bei seinem Einzug zu Pferde ein halblautes schüchternes ‚Vive le roi!‘ hörte; doch war der Ball, der ihm zu Ehren gegeben wurde, sowie das Feuerwerk recht brillant. Was mich aber von all den Feierlichkeiten am meisten ansprach, war die imposante Illumination des Münsters, bis in die höchste Spitze seines Riesenturmes, der sich in den Sternen zu verlieren schien, ein majestätisches Nachtgemälde.
Endlich fand ich doch, daß es Zeit sei, das Vaterhaus einmal wieder zu sehen und erbat mir von dem Kommandanten, General Baron Deburaux, Urlaub zu einer Reise nach Frankfurt, der mir auch ohne Umstände bewilligt wurde. Ich nahm Abschied von der Familie Hecht und Vogel, versprach ersterer, spätestens binnen drei Monaten wieder zurückzukommen und fuhr den 12. Oktober 1814 über die Rheinbrücke nach Kehl und von da über Rastatt nach Karlsruhe und von da mit der Diligence nach Frankfurt. In dem Wagen befand sich ein allerliebstes junges Mädchen, die Tochter eines badischen Beamten aus Rastatt, das zu seinen Verwandten zum Besuch nach Frankfurt reiste und neben mir saß. Nachdem die Dämmerung eingetreten war, wurden wir bald so vertraut, daß wir die ganze Nacht Arm in Arm miteinander zubrachten. In Heidelberg kamen wir gegen Mitternacht an und ließen uns, während man umspannte und auspackte, ein Zimmer und etwas zu essen geben, worauf wir im Taumel des Vergnügens beinahe das Abfahren des Postwagens verpaßt hätten, wenn uns nicht der Hausknecht mit rauher Stimme und Klopfen daran erinnert hätte. Wir setzten nun die Reise in der Art, wie wir sie begonnen, weiter fort und trieben das süße Spiel, während die anderen Passagiere, unter denen noch zwei Damen, schliefen, con amore fort. Längs der Bergstraße sahen wir auf allen Höhen große Feuer emporlodern, und als ich fragte, was dies zu bedeuten habe, ward mir die Antwort, es sei zum Andenken an den 18. Oktober von den Alliierten bei Leipzig errungenen großen Sieg über Napoleon (18. Oktober 1813). Als es zu grauen begann, schliefen wir etwas ermüdet ein und wachten erst bei dem Anhalten in Darmstadt wieder auf. Nachdem wir endlich Neu-Isenburg passiert hatten, durch den Frankfurter Wald kamen und ich die Sachsenhäuser Warte und nun jeden Augenblick neue, mir wohlbekannte Gegenstände und Orte erblickte, welche in meiner frühen Kindheit oft das Ziel unserer Spaziergänge und der Tummelplatz unserer Spiele und Freuden gewesen, da wurde es mir doch ganz wunderlich ums Herz, das allmählich stärker zu pochen begann. Ich sah nun Frankfurt mit dem mir so wohlbekannten Taunusgebirge im Hintergrunde, das sich von der Sachsenhäuser Warte ganz besonders malerisch ausnimmt, sich vor mir ausbreiten, staunte den ehrwürdigen alten bemoosten Pfarrturm an, der mich etwas mürrisch zu bewillkommnen schien, fuhr durch das Affentor, über die Mainbrücke, am goldenen Gickel vorbei, in den Rahmhof, sprang aus dem Wagen, alles im Stich lassend, meiner hübschen Reisegefährtin kaum ein ‚Lebewohl, auf Wiedersehen‘ zurufend, rannte nach dem väterlichen Haus und lag in den Armen meiner mich erwartenden Eltern und Geschwister, nach neun langen Jahren, in denen ich so viel erlebt und mitgemacht und sich so manches verändert hatte. Staunend ward ich von meinen Lieben und sogar dem Gesinde, gleich einem halben Wundertier, umringt.