Es war der erste Jahrestag der Schlacht von Leipzig, als ich in den Nachmittagsstunden in meiner Vaterstadt eintraf, wo es fast schien, als wäre die ganze Stadt von der Tarantel gestochen; auf den Straßen, Plätzen und aus vielen Häusern wurde fortwährend geschossen, sogar Frauen und Mädchen drückten Pistolen ab, man schimpfte und verwünschte auf gut frankfurterisch die Franzosen, und die guten Frankfurter waren sämtlich gewaltige Franzosenfresser geworden, sobald jene weg waren. Auf dem Römerberg und dem Roßmarkt waren Altäre errichtet, an welchen die liebe Schuljugend, von ihren Monarchen angeführt, Dank- und Lobgesänge für die glückliche Befreiung von der Regierung des Fürsten Primas plärrte. Den Abend war die Stadt erleuchtet, und allenthalben waren Transparente angebracht, die zum Teil wunderliche Dinge darstellten und sehr komische Sprüche enthielten. – So hatte unter anderen ein reicher Bäcker namens Binding einen ungeheuren Kuchen auf seinem Transparent dargestellt, den die Franzosen auf der einen Seite attackierten, während er und seine Gesellen dieselben mit Schaufeln auffingen und in den Backofen schoben. Unter diesem Transparent las man die Worte:
Ich bin ein lustiger Bäcker;
Für die französischen Lecker
Aber back ich keine Kuchen mehr,
Sie müssen all’ in meinen Backofen her.
Und doch hatte der Mann sein Geld hauptsächlich durch die Franzosen gewonnen. Auch die Bürgermiliz paradierte diesen Tag unterm Gewehr neu uniformiert, aber mit dem Marschieren wollte es noch nicht recht gehen, und von der Reiterei, einigen dreißig Mann, die meistens auf erbärmlichen Lehnkleppern ritten – mit dem Reiten sah es noch schlimmer als mit dem Marschieren aus –, fiel mehr als einer sogar von seiner Rosinante herab oder stürzte mit derselben. Dieses Militär hatte ein wahrhaft grimmig gutmütiges Ansehen, indessen las man in Frankfurter Blättern oder Korrespondenzartikeln doch viel von dem martialischen Aussehen und der militärischen Haltung und dito Geist dieser Miliz. Die Frankfurter hatten aber auch ein Bataillon Freiwillige errichtet, um den Feldzug von 1814 in Frankreich mitzumachen; sie bekamen zwar den Feind nicht zu sehen, dies war jedoch nicht ihre Schuld. Ein starker und anhaltender Regen, der sich am Abend des 18. Oktober zeitig einstellte, machte der Illumination ein schnelles Ende; Lichter und Transparente erloschen, nachdem sie kaum angezündet waren.
Als in der verwandtschaftlichen Sippschaft meine Ankunft bekannt wurde, warteten die meisten Vettern und Muhmen nicht ab, bis ich ihnen meine gehorsamste Aufwartung machte, sondern sie fanden sich beizeiten selbst ein, um das zurückgekommene Wundertier, das als noch unbärtiges Kind ausgezogen und nun als bärtiger, sonnverbrannter Mann nach so manchen überstandenen Gefahren wiedergekehrt war, in Augenschein zu nehmen, zu bewillkommnen und anzustaunen. Nicht Teilnahme, sondern Neugierde war die Triebfeder dieser überartigen Zuvorkommenheit, und des lästigen Fragens und Geschwätzes war kein Ende, sowie ich mit Einladungen zu Mittag- und Abendessen wahrhaft überschüttet wurde. Viele der älteren Bekannten waren in die ewige Heimat gegangen, unter ihnen auch meine Großeltern väterlicherseits, der alte Oberst Schulter, Goethes Oheim, und meine Tante Feierlein, die ehemalige Scholz, samt ihrem zweiten Mann, dem Doktor Feierlein. Dieser hatte sich seinen Tod bei einer Audienz, die er als guter Redner an der Spitze einer Deputation von Frankfurter Bürgern bei Kaiser Franz II. hatte, um denselben für die Wiederherstellung der freireichsstädtischen Freiheit Frankfurts zu gewinnen, geholt. Die Herren mußten nämlich in einem eiskalten Vorzimmer des Thurn- und Taxisschen Palais, in welchem der Kaiser wohnte, in dünnem Frack, kurzen Beinkleidern, seidenen Strümpfen und Schuhen ein paar Stunden antichambrieren, bevor man die Gnade hatte, sie vorzulassen, wodurch sich mein Oheim Feierlein eine so starke Erkältung zuzog, daß er kurze Zeit darauf starb und so das Opfer seines Patriotismus und Rednertalents wurde.
Die Einwohner Frankfurts hatten sich trotz der mehr als siebenjährigen Regierung des Fürsten Primas wenig oder nicht verändert, desto mehr aber die Stadt selbst, deren Festungswerke, Wälle, Bastionen und Mauern während der Zeit demoliert, die Gräben ausgefüllt und in sehr anmutige und geschmackvolle Promenaden verwandelt worden waren.
Vierzehn Tage nach meiner Ankunft war ich endlich gottlob von allen Basen und Neugierigen der Reihe nach abgefüttert. Das Unangenehmste bei diesen, der Familienverhältnisse wegen nicht gut abzuschlagenden Einladungen war, daß ich die ewigen Schimpfereien auf die Franzosen und den menschenfreundlichen Fürsten Primas wiederkäuen hören mußte; auch war man einfältig genug, fast alles, was unter dessen Regierung Löbliches und Nützliches geschehen und verordnet worden, wieder abzuschaffen und statt dessen die alten Albernheiten, Spießbürgerlichkeiten und Erbärmlichkeiten wieder aus der reichsstädtischen Rumpelkammer hervorzuholen, um sie soviel als möglich dem neuen freistädtischen Kram anzupassen. Die ganze Stadt lag in den Verfassungswehen, unter deren Geburtsschmerzen sie sich krümmte und gebärdete, daß es zum Erbarmen war; es dauerte jahrelang, bis dieses Monstrum, diese Mißgeburt einer republikanischen Konstitution, endlich durch eine Art Kaiserschnitt zu Tage gefördert wurde. Gleich beim Beginn der großherzoglichen Regierung waren alle Privilegien einzelner Personen und Familien daselbst aufgehoben worden, sowie daß die sogenannten Patrizier oder adeligen Familien kein ausschließliches Recht zu Ämtern noch zu Diensten und Würden mehr haben sollten, wogegen man mehrere unter ihnen mit dem Kammerherrnschlüssel, Hoffähigkeit und ähnlichen Dingen tröstete. Diese wollten aber nun, da sie Schlüssel und Fähigkeiten eingebüßt, wieder in ihre alten Rechte oder vielmehr Vorrechte eingesetzt sein und auf eine gewisse Zahl Stellen im Rat oder Senat Anspruch machen, wozu sie jedoch eher ihre größere wissenschaftliche Bildung, Kenntnisse und Fähigkeiten, als ein angemaßtes Vorrecht berechtigt hätte; namentlich war es das Haus Limpurg, das sich gewaltig und oft burlesk genug um dieses Vorrecht stritt, und es regnete Broschüren in diesen Angelegenheiten, die es hinsichtlich des Stils, der Anmaßung, der Unbeholfenheit, Plumpheit und lächerlichen Impertinenz noch mit den Behörden, Urteilen und Verfügungen der Frankfurter Gerichte aufnehmen konnten, bei denen man eine stupide Grobheit durchaus für unzertrennlich von der amtlichen Würde hält.
Man suchte damals auch in Frankfurt seinen Patriotismus und Franzosenhaß durch altdeutsche Tracht der Welt kund zu tun, dies hielt aber nicht lange an, auch wurde diese Tracht nie allgemein, da sie zu kostspielig und also nur für Reiche war, die damit in Gesellschaften und auf Bällen prangten, namentlich die Damen mit altdeutschen Häubchen, Ketten und dergleichen. Der Franzosenhaß ging so weit, daß man jetzt jedes französische Wort oder das man dafür hielt – denn auch lateinische und italienische Ausdrücke wurden oft dafür genommen –, aus der Unterhaltung verbannt wissen wollte und dennoch deren in aller Unschuld unzählige einmischte, sie für echt deutsch haltend. Mit französischen reisenden Kaufmannsdienern wollte man sich nicht in geschäftliche Unterredungen mehr einlassen, wenn sie nicht deutsch sprechen konnten, doch besann man sich eines Besseren, sobald man sich merkantilische Vorteile davon versprach. Einen armen französischen Tanzmeister namens Lepitre, der schon lange Jahre den Beinen und Füßen der Frankfurter Schönen Gelenkigkeit beigebracht hatte, wollte man schlechterdings aus der Stadt geschafft wissen; glücklicherweise nahmen ihn einige angesehene Familien, worunter die Bethmannsche und ihr großer Anhang, die nicht von der allgemeinen Raserei befallen waren und bei denen er Tanzunterricht gab, in Schutz, aber viele Franzosen und Französinnen, unter denen auch Gouvernanten und Bonnen, die man hatte kommen lassen, wurden fortgeschickt. Glücklicherweise verflog der Frankfurter patriotische Rausch bald wieder, die Wehen der zu schaffenden Verfassung beschäftigten allmählich die Gemüter immer mehr, und als bald darauf Napoleon von der Insel Elba landete, ging es wie 1792 nach der Ermordung der französischen Soldaten, niemand wollte mehr so berauscht gewesen sein. Ich hatte mich indessen wenig an diesen Unsinn gekehrt, doch wurde ich im Innern erbittert, als ich nach und nach die Unbilden erfuhr, welche sich die Franzosen in Deutschland und namentlich in Preußen, aller Rechtlichkeit und Menschenwürde Hohn sprechend, erlaubt hatten; auch hatte Napoleon schon durch seine Abdankung in Fontainebleau unendlich in meinen Augen verloren. Er hätte sich gleich Friedrich dem Großen bis auf den letzten Mann seiner Haut wehren müssen, denn er hatte noch weit mehr Hilfsmittel als jener zu seinen Diensten, aber freilich nicht dessen Genie. Was mich am meisten empörte, war die feige Ermordung des Buchhändlers Palm und das niederträchtige Erschießen der Offiziere von dem Korps des braven Schill, sowie daß er dessen Soldaten, die doch nur wie jeder Soldat ihrem Vorgesetzten gehorchen mußten, unter das Raub- und Mordgesindel auf die Galeeren von Toulon schickte.
In der Regel ging ich in Frankfurt in Zivilkleidern aus und steckte mich nur dann und wann bei besonderen Gelegenheiten in meine französische Uniform, was selbst die Meinigen sehr ungern sahen, weil sie fürchteten, es könne mir böse Händel zuziehen. Da ich aber die königlich französische weiße Kokarde trug, also in Diensten des von den Verbündeten selbst eingesetzten Königs stand, so glaubte ich keinen Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein, auch widerfuhr mir, obgleich ich öfters preußischen Offizieren und Soldaten begegnete, wie zu erwarten war, nicht das mindeste. Eines Tages aber, als ich in Uniform an dem Haus vorüberging, in welchem ein österreichischer Major namens Schröer als Etappenkommandant sein Bureau hatte, kam mir ein österreichischer Korporal nachgesprungen und sagte mir, der Herr Major verlange mich zu sprechen. Ich hieß ihn einen Augenblick warten, zog meine Schreibtafel heraus und schrieb mit Bleifeder die Adresse meiner Wohnung auf ein Stückchen Papier, das ich dem Korporal zustellte und ihm sagte, er möge dies nur seinem Herrn Major bringen und ihm sagen, daß ich in der Regel jeden Morgen bis zehn Uhr zu Haus zu treffen sei. Da der Korporal, das Blättchen in der Hand haltend, noch immer zauderte, so wiederholte ich ihm nochmals, daß er dies nur seinem Major zuzustellen habe und nun gehen könne. Somit glaubte ich die Sache abgemacht, den anderen Tag erhielt ich aber ein Schreiben von dem österreichischen Vizegouverneur, dem General Grafen von Hardegg, der sich noch in Frankfurt aufhielt und in einem uns befreundeten Haus einquartiert war, mit der Aufforderung, mich zu ihm zu verfügen. Ich war unschlüssig, was ich tun sollte, indessen begab ich mich auf Zureden meiner Familie zu dem Herrn Vizegouverneur, dessen erste Frage nach den gebräuchlichen Bewillkommnungen war, ob ich den Dienst nicht kenne?
„Den französischen vollkommen, um den österreichischen habe ich mich niemals bekümmert, Herr General.“
„Warum haben Sie sich nicht bei dem Major Schröer gemeldet?“
„Ich wußte nicht einmal, daß noch ein österreichisches Kommando hier sei, und würde es dann noch für überflüssig gehalten haben, ich bin ein geborener Frankfurter.“
„Sie haben sehr gegen den Dienst gefehlt, bei uns würde so etwas streng bestraft werden.“
„Unglücklicherweise oder glücklicherweise habe ich nicht die Ehre, in österreichischen Diensten zu stehen.“
„Sie haben sich über Ihren Urlaub auszuweisen.“
„Nichts leichter als dies.“
Ich überreichte dem General meinen Urlaubsschein, den mir der Kommandant von Straßburg, Divisionsgeneral Desbureaux, in französischer Sprache ausgestellt hatte.
Hardegg tat, als lese er denselben, indem er ihn brummend mit den Augen durchlief und ihn mir dann mit einem: „Das ist ganz gut!“ zurückstellte. Ich hatte Mühe, dem guten General nicht ins Gesicht zu lachen, da ich wußte, daß er ebensowenig Französisch als Chinesisch verstand und nur österreichisches Deutsch sprach. Er erlaubte sich indessen noch einige Äußerungen über das französische Militärwesen und sagte unter anderem, er begreife gar nicht, wie man noch einige Anhänglichkeit an einen solchen Sauschwanz und Spitzbuben, wie der Napoleon sei, haben könne, worauf ich erwiderte: „Was das französische Militärwesen anbetrifft, so glaube ich allerdings, daß es niemand besser aus Erfahrung zu schätzen wissen wird, als die Österreicher. Was aber den Napoleon anbelangt, so ist es mir unbegreiflich, wie Ihr Kaiser einem solchen Spitzbuben seine Tochter zur Frau geben konnte.“
„Jo, ’s hat halt ämol so sein müsse,“ versetzte der General, dem ich mich nun lächelnd empfahl, nachdem ich ihn noch gefragt, ob er hinsichtlich meiner Person genügend befriedigt sei und er sein: „’s is halt so gut!“ erwidert hatte.
Einige Tage darauf traf ich im Roten Haus auf einem Kasinoball mit dem Herrn General, der in roten Hosen steckte, und dem Major Schröer zusammen; auch befanden sich mehrere preußische Offiziere daselbst. Ich war in meiner französischen Uniform, obgleich mir meine ebenfalls wütend deutsche Schwester versichert hatte, ich würde in derselben kein einziges Mädchen finden, das mit mir tanze, und Händel bekommen. Glücklicherweise ging keine dieser Prophezeihungen in Erfüllung. Der Major Schröer schien mich zu meiden, General Hardegg sprach sogar ein paar freundliche Worte mit mir, die preußischen Offiziere benahmen sich wie Ehrenmänner, und ich unterhielt mich lange mit ihnen, auch Tänzerinnen fand ich mehr, als ich hätte befriedigen können, und unter ihnen manche Bekannte aus meiner Kindheit, wie Karoline Th... und so weiter. Man wollte durchaus die französischen graziösen Kontertänze von diesen Bällen verbannt wissen, dennoch gelang es mir mit Hilfe einiger hübschen Frauen, trotz dem Widerstreben wütender Deutschtümler, sie zustande zu bringen. Besonders war es die schöne Frau des Bankiers von Bethmann, eine Holländerin, die mit ihrem Anhang und ihren Damen die französischen Tänze in Schutz nahm, und obgleich in einer sogenannten altdeutschen Tracht, deren Stoff weißer Sammet mit Goldstickerei war, fast nur französische Quadrillen tanzte, was ihr um so leichter wurde, als sie viele Anbeter hatte. Kurz darauf gab Herr von Bethmann ein großes Fest auf einem seiner Güter in Frankfurts Nähe, das der Sandhof genannt wurde und früher eine öffentliche Wirtschaft war. Die Fête war äußerst glänzend und mit einem ungeheuren Aufwand, sowohl bei der Dekorierung der Gemächer als an Speisen und Getränken, veranstaltet. Mehr als tausend Personen waren eingeladen worden, und zwar aus allen Ständen, so auch sämtliche Handwerksleute, die für das Bethmannsche Haus arbeiteten, mit ihren Frauen, was dem Fest freilich einen eigenen Anstrich verlieh. Frau von Bethmann und ihre beiden Hofdamen, Fräulein von Idstein und Frau von St. George, empfingen alle Gäste in einem im Garten des Sandhofs aufgeschlagenen Zelt; sie waren alle drei in große, schwarzsamtne Mäntel gehüllt – die Jahreszeit war schon ziemlich vorgerückt – und sahen so den drei Masken im Don Juan ähnlich. Herr von Bethmann, der kurz vorher einen kleinen Strauß mit dem wieder bestehenden Frankfurter Senat gehabt, hatte über das Haupttor des Eingangs am Sandhof ein Transparent mit den Worten: ‚Tue recht und scheue niemand!‘ setzen lassen, was zu allerlei Bemerkungen Anlaß gab. Nicht weniger als vier Büfetts waren in verschiedenen Gemächern errichtet, wo man sich Eis und alle möglichen Getränke und die köstlichsten Weine sowie Süßigkeiten nach Belieben fortwährend konnte reichen lassen, was sich manche der Geladenen so sehr zunutze machten, daß ihre Köpfe schwer wurden und sie das Gleichgewicht verloren. Um Mitternacht setzte man sich zu Tisch, nachdem vorher noch ein Feuerwerk abgebrannt worden war. Auch hier fand ich wieder alte Jugendfreundinnen, teils verheiratet, teils noch ledig, und mit einigen, wie Lilli O..., knüpfte ich die frühere Bekanntschaft wieder an und verlor mich ein halbes Stündchen mit ihr in dem Garten et l’un contemplait la terre, l’autre le firmement und so weiter. Das Fest dauerte bis zum hellen Tag, wo ich mit den letzten Gästen in einem Nachen auf dem Main nach Frankfurt zurückfuhr.
Damals kamen zahlreiche Transporte von Franzosen, die aus der russischen oder preußischen Gefangenschaft heimkehrten, durch Frankfurt. Eines Tages hatte einer derselben auf ein Bild des Kaisers Franz, das an einem Bilderladen auf der Zeil ausgehängt war, gespieen und dabei einige Schimpfworte ausgestoßen; dies hatte ein österreichischer Korporal gesehen, der den Frevler gleich zu dem Major Schröer brachte, diesem das Vergehen rapportierte, worauf derselbe dem Franzosen fünfzig gutgemessene Stockprügel aufzuzählen befahl. Der arme Teufel machte gewaltige Anstrengungen und Faxen, um sich der Prügelsuppe zu entziehen, aber der Korporal, ein Ungar, sagte zu ihm: „Lek di nur hin, Kamerad, helf all nix, ein klan Viertelstund, und alles is vorbei,“ und der Franzose bekam die fünfzig auf echt österreichisch aufgezählt.
Nachdem ich ungefähr sechs Wochen in Frankfurt verweilt hatte, machte ich einen Besuch in Homburg bei meinem guten alten Oheim Oberpfarrer, bei dem ich vierzehn Tage recht angenehm zubrachte und dem es ein großes Vergnügen gewährte, wenn ich ihm von meinen Feldzügen und Abenteuern, wobei ich freilich die galanten sub silentio überging, erzählte. Hier suchte ich die mir teuern Tummelplätze meiner Kindheit und alte Bekannte wieder auf und wurde von allen freundlich aufgenommen. Mein alter Lehrer Breitenstein war mit einem halben Dutzend Kinder gesegnet und hatte eben ein dickes Buch gegen Frankreich und das französische Volk geschrieben, dessen Titel mir entfallen ist, aus dem er mir aber zu meinem Leidwesen ganze Kapitel vorlas, die ich mit der größten Langeweile anhörte. Deutschland war damals mit einer Sündflut solcher Broschüren und Bücher überschwemmt, die alle einen glühenden Franzosenhaß, aber auch viel baren Unsinn atmeten. Das des Oberhofpredigers Breitenstein war nicht ohne Geist, aber viel zu ausgedehnt und voluminös.
Mein guter Oheim meinte, es sei denn doch besser, daß ich Offizier geworden sei, als Komödiant; ich erwiderte ihm: „Lieber Herr Onkel, am Ende sind wir doch alle nur Schauspieler unseres Herrgottes, ob in schwarzer, bunter oder farbiger Jacke.“ Und er lächelte mir Beifall zu, ohne etwas zu entgegnen.
Auch bei Hof stellte er mich dem Landgrafen und der Frau Landgräfin vor, von denen ich sehr freundlich aufgenommen und während meines Aufenthalts in Homburg häufig zur Tafel geladen wurde. Eine meiner ehemaligen Geliebten, Eleonore von Brandenstein, war jetzt Hofdame der Landgräfin, aber schon ziemlich verblüht, ebenso Frau von B., die viele Kinder gehabt; was tun neun Jahre nicht!
Unterdessen kam die Weihnachtszeit, das liebe Fest aus meiner Kindheit, heran. Ich freute mich, dasselbe wieder einmal im Schoße meiner Familie feiern zu können und brachte es mit seinen Bescherungen recht vergnügt zu. Die Meinigen drangen unterdessen in mich, meinen Abschied aus französischen Diensten zu nehmen und in die einer deutschen Macht zu treten, wozu man schon Mittel finden würde, mir den Weg zu bahnen; ich verspürte keine große Lust, einen solchen Schritt zu tun, bat aber, bevor mein Urlaub um war, um dreimonatliche Verlängerung desselben, die ich auch ohne Umstände erlangte.
Der Winter ging mir in Frankfurt, Homburg und Offenbach auf eine ziemlich angenehme Weise herum, ich besuchte fleißig die Bälle, machte manchmal eine Jagdpartie mit und führte sozusagen ein wahres Schlaraffenleben, während der Kongreß in Wien brütete und die Nachrichten von daher keinerlei Erwartungen entsprachen, zu langweilen begannen und Frankfurt noch immer in seinen Verfassungswehen lag.
Eines Vormittags, als ich eben ein Pferd bestiegen hatte, um nach Homburg zu reiten, fand ich die Straßen Frankfurts äußerst bewegt und mit ungewöhnlich viel Menschen angefüllt, die alle einen rennenden Schritt führten; besonders nahm ich dies über die Zeil reitend wahr. Hier begegnete ich einem Bekannten, den ich fragte, was dieser Tumult bedeute? – „Wie, Sie wissen nicht,“ erwiderte derselbe, „Napoleon ist wieder in Frankreich gelandet!“ – „Ist’s möglich?“ – „Ganz gewiß, die offizielle Nachricht davon ist vor einer Stunde per Estafette eingetroffen.“ – „Sind Sie dessen gewiß?“ – „Kein Zweifel mehr, ich habe es aus der ersten Hand.“ – Ich machte schnell rechtsum kehrt, und statt nach Homburg, ritt ich wieder heim und brachte den Meinigen, die noch beim Frühstück saßen, brühheiß die große Neuigkeit, worüber sie nicht wenig staunten und die sie zu glauben Mühe hatten; bald stellte sich jedoch die Wahrheit derselben über allen Zweifel heraus, und die noch denselben Tag ankommenden Pariser Journale meldeten die Landung des ‚tollen Abenteurers Bonaparte‘, der zur Stunde indessen wohl schon in einem Gefängnis der Provence sitzen werde. Den anderen Tag las man jedoch in denselben Blättern, daß der General Bonaparte, zu dem einige Haufen gewissenloses Militär und Gesindel übergegangen seien, gegen Lyon marschiere, wo er nicht ermangeln könne, das Ziel seines abenteuerlichen Unternehmens zu finden. Die nächsten Zeitungen berichteten die Ankunft des Exkaisers zu Lyon und daß er gegen Grenoble ziehe, und wenige Tage später hieß es in obigen Journalen: ‚Seine Majestät der Kaiser Napoleon sind unter dem Jubel des beglückten Volkes in Frankreichs Hauptstadt eingerückt.‘ – Ich war unter diesen Umständen, da mein Urlaub ohnehin bald zu Ende war, entschlossen, nach Straßburg zurückzukehren. In Frankfurt herrschte jetzt große Bestürzung; man glaubte die Franzosen schon wieder vor den Toren, und die ängstlichen Gemüter machten es wie vor einigen zwanzig Jahren, keiner wollte über Napoleon geschimpft, keiner einen Freudenschuß getan haben. Ich traf Anstalten, um baldigst nach Frankreich abzureisen, obgleich meine Verwandten alles mögliche taten, mich davon abzuhalten. Als ich reisefertig war, mietete ich mir einen Wagen nach Karlsruhe, nahm Abschied von den Meinigen und fuhr gegen acht Uhr morgens von Haus ab. Als ich aber zu Sachsenhausen an das Affentor kam, welches ich passieren mußte, hieß man den Kutscher stillhalten, und ein österreichischer Unteroffizier trat an den Schlag und fragte mich nach meinem von dem Etappenkommandanten unterzeichneten Passierschein, und da ich ihm sagte, daß ich ein solches Ding nicht kenne, so erklärte er mir, daß ich nicht passieren könne; in diesem Augenblick trat auch der Platzadjutant aus der Wachtstube und kündigte mir an, daß ich Stadtarrest habe und, wenn ich nicht mein Ehrenwort gebe, die Stadt nicht ohne Erlaubnis der Militärbehörden verlassen zu wollen, dieser sich sofort in strengen Arrest verwandeln könne. Hierüber aufgebracht, sagte ich, dies seien Gewaltstreiche, die man sich gegen mich erlaube, gegen die ich protestiere und so weiter. Dies half aber alles nichts, und man machte Miene, mich zu verhaften; ich ließ den Kutscher umwenden und wollte es versuchen, zu einem anderen Tor hinauszukommen, aber eine Ordonnanz setzte sich auf den Bock, und ich mußte auf die Kommandantur fahren. Hier stellte ich den Major Schröer wegen dieses Verfahrens zur Rede, dieser zuckte aber die Achseln, sprechend, daß er auf höheren Befehl handle. „Sie sind in französischen Diensten,“ setzte er hinzu, „und ich habe Befehl vom General Hardegg, kein französisches Militär unter den jetzigen Umständen mehr nach Frankreich zurückgehen zu lassen; eine Kolonne französischer Gefangener, die gestern hier ankam und heute weiter sollte, muß gleichfalls zurückbleiben.“ – „Aber mein Gott, ich bin ja kein Kriegsgefangener, sondern auf Urlaub.“ – „Das macht halt nix, Sie sind’s ämal in französischen Diensten und müssen’s da bleiben; wenn Sie mir aber Ihr Ehrenwort geben wollen, die Stadt nicht zu verlassen, so können’s frei in derselben umhergehen, wohin Sie wollen.“ – Ich wollte ihm eben etwas derb antworten, als sich die Tür des Bureaus öffnete und General Hardegg hereintrat, der mir das nämliche wiederholte; ich mußte mich fügen, wollte ich nicht Arrest auf der Hauptwache erhalten. Als ich nun wieder zu Hause ankam, empfingen mich meine Geschwister lachend, und es wurde mir bald klar, was mein jüngster Bruder, der mir beim Weggehen lächelnd zugerufen hatte: „Ich nehme keinen Abschied, wir sehen uns doch bald wieder,“ damit hatte sagen wollen. Meine Familie war nicht ohne Mitschuld an dem, was mir soeben begegnet war. Zwei Tage darauf kam mein Oheim von Homburg und drang in mich, ich solle suchen, in preußische Dienste zu kommen, er nehme es auf sich, mir eine Anstellung in denselben zu verschaffen; das Hirngespinst des Erbadels oder wenigstens dessen Vorrechte seien aus den Reihen des preußischen Heeres verschwunden, ich würde von der Landgräfin und ihm die besten Empfehlungen an die Prinzessin Wilhelm erhalten, eine glänzende Karriere in Preußen könne mir nicht fehlen. Dies seien die Truppen, die sich im letzten Feldzug am tapfersten geschlagen, in der öffentlichen Meinung am höchsten stünden und allgemein geehrt würden. Ich erwiderte, daß ich vorerst unmöglich darauf eingehen könne und wenigstens einige Tage Bedenkzeit haben müsse. Er lud mich jetzt ein, mit ihm nach Homburg zurückzufahren und wieder ein paar Tage bei ihm zuzubringen, während denen ich mich hinlänglich besinnen könne. Als ich ihm bemerkte, daß ich die Stadt nicht verlassen könne ohne die Erlaubnis der Militärbehörde, zog er eine solche nebst einem gedruckten Passierschein für mich aus der Tasche. Ich nahm nun die Einladung an und fuhr mit dem guten Onkel nach Homburg, wo ich diesmal von der landgräflichen Familie mit der ausgezeichnetsten Freundlichkeit aufgenommen wurde und wo ich den Herrn von Balthazar, den Sohn dessen, der früher als Emigrant mit seiner Familie in Homburg gelebt, ebenfalls jetzt zum Besuch an dem gastfreundlichen Hof antraf und der eines Tages an der Tafel erzählte, daß er es gewesen, der 1810 aux français die Orange auf die Bühne geworfen, in welcher ein Louisdor in Papier eingewickelt war, auf dem die Worte: Gardez le Louis et jettez l’ecorce (le corse) gestanden.
Als ich wieder eines Tages an der Tafel speiste und man beim Dessert echten Tokaier-Ausbruch, den der Erbprinz von Homburg seinen Eltern von Wien geschickt, der einzige, den ich wohl je echt getrunken, servierte, sagte die Prinzessin Auguste zu mir: „Nicht wahr, Herr Hauptmann, Sie werden dem Korsen nicht wieder dienen?“ – Diese Frage setzte mich in keine geringe Verlegenheit und war mit so unendlicher Liebenswürdigkeit ausgesprochen, daß es mir nicht möglich war, sie anders als mit einem: „Nein, Durchlaucht!“ beantworten zu können. Jetzt war es ausgesprochen, mein Oheim triumphierte, wir fuhren zusammen nach Frankfurt zurück, wo der gute Mann meine Eltern mit den Worten anredete: „Einen Franzosen habe ich mitgenommen, und einen Preußen bringe ich zurück.“ Nun war der Jubel in der ganzen Familie groß, es regnete Gratulationen, man gab mir abermals Fêten, und bald darauf befand ich mich, mit den besten Empfehlungsschreiben von dem Landgrafen, der Prinzessin Auguste und meinem Oheim an die Prinzessin Wilhelm und guten Wechseln versehen, auf dem Weg nach Berlin.
So war denn die erste Hauptabteilung des Lust- und Trauerspiels meines Lebens beendigt; die zweite, wenn auch weniger tatenreich, doch toll und unterhaltend genug, sollte beginnen.