Ich trat im April 1815 die Reise nach Leipzig per Extrapost mit einem Kaufmann aus Elberfeld namens Rittershausen, einem Bekannten unseres Hauses, an. Wir aßen in Fulda bei einer sehr niedlichen Wirtin, die sich Frau Knips nannte, zu Abend und versprachen ihr das baldige Wiederkommen, worauf ich einen Abschiedskuß à compte von ihr erhielt. – In Eisenach zeigte man uns die von dem Springen eines Pulverwagens der retirierenden Franzosen sehr beschädigten Häuser. Über fünfzig Personen hatten bei dieser Gelegenheit das Leben eingebüßt; die zerrissene Brust eines schönen jungen Mädchens, das durch diese Explosion zerschmettert worden, war an einem Fenster hängen geblieben.
In Leipzig kamen wir gerade zur Messezeit an. Da dies das Ziel meines bisherigen Reisegefährten war, so trennte ich mich jetzt von diesem und legte den Rest der Reise mit einem jungen Mann aus Darmstadt zurück, der in Berlin seine medizinischen Studien vollends beendigen wollte und mit unserer Familie befreundet war. Wir beschlossen jedoch, uns ein paar Tage in Leipzig zu verweilen. Das Messegewühl daselbst war außerordentlich, und weder Frankfurt noch Beaucaire oder Sinigaglia können in Vergleich damit kommen. Es war ein Gewirre, eine Geschäftigkeit, ein Wühlen und eine Masse von Menschen aus allen Gegenden Europas, die nicht zu beschreiben. Namentlich bemerkte ich auch viel Griechen, Türken und Armenier, sogar Asiaten hier. Die Frankfurter Messe ist in der Tat nur ein Jahrmarkt dagegen, besonders ist der Handel und Umtausch en gros von der größten Bedeutung. Daß das Schlachtfeld vom 18. Oktober, auf dem Deutschlands Befreiung von fremdem Joch erkämpft wurde, mich mehr als alles andere anzog, war natürlich, auch irrte ich einen ganzen Tag mit einem Führer auf demselben umher, konnte aber keine genügende Auskunft auf meine Fragen von diesem erhalten. Die durch einen armen Mineur-Korporal, nach den napoleonischen Bulletins so sehr zur Unzeit, gesprengte Brücke über die Pleiße betrachtete ich längere Zeit, bedenkend, an welche Zufälle sich oft das Ungeheuerste, das Schicksal der Reiche und Nationen knüpft. Mit Wehmut erfüllte mich aber die Stelle, wo Poniatowsky seinen Tod in der Elster fand.
Wir besahen alle Messeraritäten und besuchten einige öffentliche Gärten, in denen es recht lustig zuging; in einem derselben waren ein paar blutjunge, recht hübsche böhmische Harfenmädchen, von denen die jüngere sang und eine silberhelle Glockenstimme hatte, auch trug sie mit viel Feuer und Ausdruck vor. Ich lud sie ein, den Abend in den Gasthof, wo ich logierte, zu kommen, wo sie reichlich beschenkt wurden, da ich für sie sammelte und selbst einige Achtgroschenstücke auf den Teller warf. Ich hatte mir vorgenommen, einen Abstecher nach Halle oder vielmehr nach dem mir historisch und theatralisch so merkwürdigen Giebichenstein zu machen, und lud die beiden Mädchen ein, mit von der Partie zu sein, um auf der alten Bergfeste den Klang ihrer Harfen und ihre Stimme ertönen zu lassen.
Die Aussicht von dem hohen Giebichenstein ist wunderschön. Auf den Ruinen der Feste sitzend, nahm ich ein kleines Mahl mit meinen hübschen Harfenistinnen ein, wobei wir ein paar Flaschen von Leipzig mitgenommenen Champagner leerten, unter dem freien Himmel sangen und überaus fröhlich waren. Bis zur Dämmerung brachten wir hier zu und kamen erst gegen Mitternacht wieder in Leipzig an, wo ich die Mädchen, denen ich eine Stube in meinem Gasthof geben ließ, bei mir behielt und wir noch ein leckeres Souper unter Schäkereien einnahmen und dann bis zum Grauen des Morgens jubelten und uns vergnügten. Ich entließ jetzt die Mädchen, die mir mitteilten, daß sie die Absicht hätten, nach der Messe nach Berlin zu gehen, um dort ihr Glück zu versuchen und wo sie hofften, mich wiederzufinden. Ich reiste den sechsten Tag nach meiner Ankunft in Leipzig mit einer Retourgelegenheit dahin ab. Der Weg ging meistens durch Sand, so daß man fast immer Schritt fahren mußte, was mich zwar ungeduldig machte, aber mir dennoch keine Langeweile verursachte, da ich alle möglichen Bilder der Vergangenheit und einer wahrscheinlichen Zukunft an meiner Einbildungskraft vorübergehen ließ.
Auf der preußischen Grenze wurde Koffer und Paß sorgfältig geprüft, jedoch alles mit großer Artigkeit und Delikatesse von seiten der königlich preußischen Zollbeamten und ohne die mindeste Schikane, obgleich ich noch als französischer Offizier auf meinem Paß angeführt war. In Wittenberg, das die Preußen vor kaum achtzehn Monaten im Sturm von den Franzosen erobert hatten, wobei der französische Kommandant, General Lapoipe, mit dem Degen in der Hand im Schloß gefangen worden war, besuchte ich die Schloßkirche, in welcher Luther und Melanchthon und Friedrich der Weise begraben liegen. Von hier aus hielt ich mich nirgends mehr als ein paar Stunden in Potsdam auf und traf den zweiten Tag nach meiner Abfahrt von Leipzig in Berlin ein, wo wir durch das schöne Brandenburger Tor fuhren, auf welchem jetzt die berühmte Quadriga wieder thronte, die Napoleon nach Paris hatte schleppen lassen, die aber die Preußen bei ihrem ersten Gegenbesuch daselbst wieder heim schickten und auf den ihr gebührenden Standpunkt stellten. So viel schöne Städte und Gebäude ich auch schon gesehen hatte, so war ich dennoch bei dem Anblick des Brandenburger Tores, der Ansicht der Linden und des schönen Platzes zwischen diesen und dem Tor überrascht. Ich fuhr nach dem mir empfohlenen Gasthof, der ‚Stadt Rom‘, der auf der linken Seite der Linden liegt.
Von Leipzig bis hierher hatte ich sehr unangenehmes, rauhwindiges Wetter gehabt, das mir einen starken Schnupfen und Katarrh verursachte; dennoch ließ ich mich schon am anderen Morgen bei Ihrer königlichen Hoheit der Prinzessin Wilhelm von Preußen, gebotene Prinzessin Marianna von Hessen-Homburg, anmelden und wurde noch den nämlichen Tag auf das Schloß beschieden, wo ich mich en grande tenue in französischer Uniform einfand, der hohen Dame meine Empfehlungsschreiben, von ihren Verwandten ausgestellt, überreichte und sehr gnädig aufgenommen wurde. Ich habe wenig Frauen gesehen, die ein würdevolleres, edleres, ja majestätischeres Ansehen gehabt hätten, als diese Prinzessin, dabei hatte sie dennoch etwas überaus Wohlwollendes und Freundliches in ihren edlen Zügen und eine große aber erhabene Einfachheit in ihrem Benehmen; welch ein Unterschied zwischen dieser Dame sowie überhaupt den meisten deutschen Fürstinnen und den neugebackenen Prinzessinnen der Familie Bonaparte, die auch nicht die mindeste Achtung einzuflößen imstande waren, während man bei dem Anblick der Prinzessin Wilhelm von Ehrfurcht und Hochachtung durchdrungen war, so daß trotz ihrer großen Schönheit kein unlauterer Gedanke aufkommen mochte. Sie erkundigte sich bis auf die kleinsten Details nach allem, was ihre Familie in Homburg betraf, sowie nach meinem guten Oheim daselbst, auch hatte sie die Gnade, mir mitzuteilen, daß sie bereits in meiner Angelegenheit auf Veranlassung meines Oheims an den mit dem König bei dem Kongreß zu Wien befindlichen Kriegsminister von Boyen geschrieben und befriedigende Antwort hinsichtlich meiner Anstellung erhalten habe, die wohl nicht lange ausbleiben werde. Sie hoffe, daß ich eine glänzende Karriere in der preußischen Armee machen werde, ich müsse aber jetzt auch echt deutsche und preußische Gesinnungen zeigen. Sie erinnerte sich der jugendlichen Spiele im Schloßgarten zu Homburg, sowie daß ich als Knabe manchen tollen Streich verübt, erzählte mir, daß sie fortwährend in vertrautem Briefwechsel mit meiner Cousine Henriette in Bremen stehe und daß diese sie öfters in Berlin besuche und dann bei ihr im Schloß wohne. Sie entließ mich endlich mit der Versicherung, daß sie für mich tun werde, was ihr möglich sei. Über diesen Empfang vergnügt, empfahl ich mich, mußte aber, da sich mein Katarrh sehr verschlimmerte, mehrere Tage das Zimmer hüten, während welchen ich Muße hatte, das Treiben und Wogen unter den Linden gehörig zu beobachten, meine Bemerkungen anzustellen und mich einstweilen theoretisch, das heißt durch Bücher, mit Berlin bekannt zu machen. Lange hielt ich aber diesen Zimmerarrest nicht aus, sondern folgte den nächsten Sonntag Nachmittag der zahllosen Menge der schönen und nicht schönen Welt, die an meinem Fenster vorüber dem Brandenburger Tor zuströmte und sich in dem Tiergarten und unter den Zelten verlor. Die Berlinerinnen, bei denen Schönheit und zierlicher Wuchs keine Seltenheit, sind meistens sehr elegant und mit Geschmack gekleidet, und wenn sie auch gerade nicht die zierliche Grazie der Pariserinnen besitzen, so sind sie doch durch ihre weit größeren körperlichen Reize um so anmutiger, und ich fand seltene Schönheiten unter ihnen.
Als ich mich auf der Polizei meldete und der Inspektor in meinem Paß das Wort ‚französischer Kapitän‘ las, machte er große Augen, examinierte mich umständlich über meine Verhältnisse, wo mein letzter Aufenthalt gewesen und so weiter, namentlich kam es ihm unglaublich vor, daß ich zuletzt in Korfu gestanden und nun preußische Dienste suche. Er verließ mich, um, wie es mir schien, höhere Instruktionen einzuholen; nach einer guten halben Stunde kam er zurück und erteilte mir eine Aufenthaltskarte auf vierzehn Tage mit der Weisung, dieselbe, wenn sie abgelaufen, erneuern zu lassen. Indessen merkte ich doch soviel, daß man mich unter geheime polizeiliche Aufsicht stellte und deshalb Verordnungen gab. Mit einem Wort hätte ich allerdings das polizeiliche Mißtrauen beseitigen können, allein ich konnte und durfte meine hohe Beschützerin unmöglich auf der Polizei namhaft machen.
Acht Tage nach meiner Ankunft kam auch mein Bedienter, den ich in Frankfurt zurückgelassen, mit zwei Reitpferden an, welche ich noch vor meiner Abreise daselbst gekauft, weil mir in Homburg insinuiert worden war, daß ich in Berlin mit einigem Glanz auftreten müsse, wenn ich einigermaßen reüssieren wolle. Ich machte nun Besuche und gab die mitgebrachten Empfehlungsschreiben ab, unter denen solche an Hufeland und von Uhden, welche mir aber außer Einladungen zu Diners und Tees wenig nützten. Eines Vormittags, als ich mit dem Wirt des Hotels eine Konversation anknüpfte, erzählte mir derselbe lächelnd, daß sich anfänglich die Polizei außerordentlich um mein Tun und Treiben bemüht habe, aber es jetzt gewiß unterlassen werde, da er den Herren mitgeteilt, daß ich schon einigemal in das Schloß zur Prinzessin Wilhelm, königliche Hoheit, zitiert worden. Ich sagte ihm nun den Grund, warum wohllöbliche Polizei so sehr um mich besorgt sei, nämlich daß man mich wahrscheinlich für einen französischen oder vielmehr napoleonischen Spion gehalten habe. Übrigens aber wurde ich so wenig wie jeder andere Fremde in Berlin im mindesten von der Polizei mit Lächerlichkeiten und Erbärmlichkeiten molestiert, wie dies im Österreichischen und besonders in Wien der Fall ist, wo jeder Fremde eine Art peinliches Verhör durchzumachen hat, um seine Privatverhältnisse bis in die kleinsten und kleinlichsten Details befragt wird, sich darüber auszuweisen hat, ob er auch hinlängliche Mittel besitzt, die Kosten der wenigen Tage seines Aufenthaltes in der Kaiserstadt zu bestreiten, und was dergleichen Absurditäten mehr sind.
In Erwartung meiner Anstellung besichtigte ich Berlins Merkwürdigkeiten, vor allem Schauspiel und Oper, die damals vortrefflich besetzt waren; zwar war Iffland schon tot, aber durch Devrient, den viele Personen jenem noch vorzogen, vollkommen ersetzt. Bei Iffland war alles hohe Kunst, vollendetes Studium, auch spielte er jede Rolle einmal wie das andere, alle seine Bewegungen, seine Schritte und Mienen waren fast mit mathematischer Genauigkeit abgemessen; in dieser Szene dieser Rolle trat er sicher um keine Linie mehr vor- oder rückwärts, als das erstemal, da er sie spielte. Jede Gebärde war vor dem Spiegel eingeprägt, während Devrient, ganz Genie, so spielte, wie es ihm das Gefühl des Moments eingab, daher er auch durch sein Feuer weit mehr das Publikum hinriß, als es Iffland vermocht hatte. Ferner waren Mattausch, Blume, Beschort, Fischer, Wurm, die Damen Milderhauptmann, Schulze, Devrient und vor allem die liebenswürdige Demoiselle Düring, spätere Stich, in der vollen Blüte ihrer Kunst und ihrer Jugend. – Ich machte nun einen Ausflug nach Potsdam, das mir wegen seiner Erinnerungen an Friedrich den Großen so sehr interessant war; außerdem hatte ich das Empfehlungsschreiben an den ehemaligen Gesandten Friedrichs, den Grafen Lusi, abzugeben, welches mir der Graf Mocenigo in Korfu mitgegeben hatte und von dem jemals Gebrauch zu machen ich nicht geglaubt hatte. Lusi nahm mich mit außerordentlicher Freundlichkeit auf, ließ sogleich meine Effekten und Pferde in seine Behausung bringen und bestand darauf, daß ich während meines Aufenthaltes in Potsdam, der wenigstens vierzehn Tage dauern, bei ihm wohnen und mit seinem Tisch vorlieb nehmen müsse. Ein sonderbarer Zufall wollte, daß, während ich bei ihm in Potsdam wohnte, sein Sohn, der damals als Premierleutnant bei der königlich preußischen Garde stand, als diese durch Frankfurt kam, bei meinen Eltern einquartiert war. – Der alte Lusi war ein Grieche von Geburt und konnte sich nicht genug nach seinem Vaterland, das er in langer Zeit nicht mehr gesehen, bei mir erkundigen. Leider war ich außerstande, ihm die gewünschte Auskunft geben zu können, da ich, die Insel Korfu und die Küsten Albaniens ausgenommen, von Griechenland keine anderen Gegenden kannte; dennoch sprach der alte Graf gerne und viel von seinem Vaterland, und ich konnte ihm nicht genug von Korfu erzählen. Die Weise, auf welche Graf Lusi des großen Friedrichs Bekanntschaft machte und in dessen Dienste kam, ist seltsam genug und ein Beweis sowohl von Lusis Scharfsinn als wie sehr der große Monarch es verstand, die Leute zu wählen, die für seine Dienste und Absichten am passendsten waren, eine schwere Aufgabe, die nur ausgezeichnete Männer zu lösen verstehen. Hier, was mir der alte Lusi selbst davon mitteilte. Friedrich der Einzige hatte in einer Berliner Zeitung, ich entsinne mich nicht mehr, welche Verfügung einrücken lassen, zu gleicher Zeit aber noch einige andere diplomatische und politische Maßregeln ergriffen; hieraus kombinierte und erriet der Graf äußerst scharfsinnig des Königs geheime Zwecke und Absichten und machte sie in der Zeitung von Venedig bekannt. Friedrich, dem dieser Artikel von seinem Gesandten zugeschickt wurde, gab diesem Befehl, alles anzuwenden, um dessen Verfasser herauszubekommen, was demselben auch à force d’or gelang. Er war erstaunt, daß ein ihm ganz unbekannter Graf derselbe gewesen, denn er hatte geglaubt, der Artikel sei durch Verrat von Personen aus seinem Kabinett in die Hände des Zeitungsredakteurs gekommen. Friedrich wandte sich jetzt mittelbar an den Grafen selbst und vermochte diesen zu einer Reise nach Berlin. Als er Lusi persönlich kennen gelernt, fragte er ihn eines Tages, durch welche Mittel er seine Absichten erraten. – Lusi erwiderte ihm: „Eure Majestät haben dies und jenes in Ihren Zeitungen abdrucken und dabei diese und jene Demarchen machen lassen, wodurch es mir möglich wurde, was Sie damit beabsichtigten, zu erraten.“ – Friedrich war über Lusis Scharfsinn verwundert, bat ihn, in seine Dienste zu treten, was der Graf annahm, und er machte eine glänzende Karriere.
Obgleich schon sehr bejahrt und auch kränkelnd, war Lusi doch so gütig, selbst den Cicerone zu machen und mir Potsdams Merkwürdigkeiten zu zeigen und zu erklären. Er führte mich in den Schlössern umher, und bei jeder Stelle, an welcher Friedrich der Große geweilt, irgend etwas verrichtet, mit ihm einige gewichtige Worte gesprochen, erinnerte er sich dessen und erzählte mir mit großer Selbstzufriedenheit, wie ihn der große Mann häufig um seine Meinung befragt. Auch in Sanssouci und dessen weitläufigen Gärten führte mich mein vornehmer Cicerone umher, und hier wiederholte er wohl hundertmal mit selbstgefälliger aber verzeihlicher Eitelkeit: „Auch auf dieser Stelle hatte ich eine Unterredung mit Friedrich.“
In Potsdam machte ich die Bekanntschaft mancher jungen schönen Offiziersdamen, deren Männer mit dem Heer ausmarschiert waren und die eben nicht zu den unerbittlichsten gehörten und sich nach kurzer Belagerung bald ergaben. Es war besonders eine sehr liebenswürdige Majorin von H..., die mich vor allen anzog. Indessen war es Zeit, an meine Rückkehr nach Berlin zu denken, um daselbst meine Anstellungsangelegenheit zu betreiben, aber die hübsche Majorin war an manchem Parforceritt schuld, den ich von Zeit zu Zeit noch von Berlin nach Potsdam machte, wo ich außerdem noch eine uralte Bekanntschaft erneuert hatte. Hier wohnte nämlich die Gattin des Plankammerinspektors Holzwarth, derselbe, der die Tochter des Advokaten Dietz zu Frankfurt, eine Freundin meiner Mutter, während der Anwesenheit der preußischen Garden daselbst entführt hatte, die deshalb so ganz mit ihrem Vater zerfallen war, jetzt wenigstens acht Kinder hatte und sich eben nicht in den glänzendsten Umständen befand. Diese Familie besuchte ich einigemale und fand in der ältesten Tochter Amalie ein allerliebstes siebzehnjähriges Kind. Meinem gastfreien freundlichen Wirt, bei dem ich über drei Wochen zugebracht, sagte ich nun ein dankbares Lebewohl. Er wollte durchaus, daß ich bis zur Entscheidung meiner Angelegenheit bei ihm ausharren solle, indem er mir vorstellte, daß ich ja jeden Tag nach Berlin fahren könne und mir sogar seine Equipage zu diesem Zweck zur Verfügung stellte; ich lehnte das gütige Anerbieten ab, denn noch wenig hatte ich Preußens schöne und lebenslustige Hauptstadt kennen gelernt; von Potsdam aus hatte ich mich nur zweimal dahin begeben, um der Prinzessin Wilhelm meine Aufwartung zu machen, und trotz aller Annehmlichkeiten Potsdams zogen mich doch die Linden, die Theater, der Tiergarten und Berlins andere Schönheiten dahin zurück. Ich versprach dem Grafen Lusi, ihn öfters zu besuchen, und hielt wenigstens anfänglich Wort.
Noch immer war keine Antwort und kein Resultat auf meine Gesuche erfolgt und ich trotz der hohen Protektion in Ungewißheit, ob und wann ich angestellt werden würde. Prinzessin Wilhelm schrieb dies dem Drang der überhäuften Geschäfte und den kriegerischen Umständen zu. Der Aufenthalt in der ‚Stadt Rom‘ unter den Linden fing an, mir kostspielig zu werden, und mein Geldbeutel wurde täglich dünner, weshalb ich den teuren Gasthof mit einem billigeren, nämlich dem ‚Goldenen Engel‘ in der Heiligengeist-Straße vertauschte, wo ich jedoch auch nicht viel besser wegkam; was mich am meisten kostete, war der Unterhalt meiner Pferde, weswegen ich auch schon nach zehn Tagen dies Hotel wieder verließ und eine Privatwohnung von zwei Zimmern in der Mittelstraße, gleich hinter den Linden bezog, was ich gleich anfangs hätte tun sollen, da ich dann wenigstens tausend Taler gespart haben würde. Den Tag oder vielmehr die Nacht, bevor ich den heiligen Geist quittierte, verübten ein paar Studenten, welche bis beinahe Mitternacht sich mit Trinken vergnügt hatten, noch einen tollen, eigentlich bübischen Streich. Sie zündeten nämlich die Fenstervorhänge ihres Zimmers an und schrien dann durch alle Gänge: „Feuer! Feuer!“, so daß alle Fremde, unter denen viele Frauenzimmer, in dem tiefsten oder vielmehr gar keinem Negligé, sondern in den Hemden aus ihren Zimmern in die Gänge stürzten, wo sie von den Brüdern Studiosen mit schallendem Gelächter empfangen wurden, die sich noch ihrer Heldentat rühmten und sagten, sie hätten ihre Vorhänge nur deshalb angezündet, um die Gäste des Heiligen Geistes in ihren Blößen bewundern zu können. Daß die sauberen Burschen noch in derselben Nacht eingesteckt wurden, bedarf wohl kaum der Erwähnung, doch kamen sie noch mit ziemlich geringer Kerkerstrafe davon.
Ich lebte indessen, trotz der Ungewißheit meines Schicksals, wegen der Zukunft ganz unbesorgt und so ziemlich in den Tag hinein. Da ich fortwährend die trefflichen Theatervorstellungen fleißig besuchte, so erwachte allmählich meine frühere Leidenschaft zur Bühnenkunst wieder, und ich dachte schon: ‚Wenn alle Stricke reißen, so machst du Gebrauch von deinem Schauspielertalent, wozu hier die allerbeste Gelegenheit ist, da die ersten dramatischen Künstler Deutschlands in Berlin vereint sind.‘ Schon fing ich heimlich zu wünschen an, daß aus meiner militärischen Anstellung in preußischen Diensten nichts werden möge, um so einen Grund zu haben, auf die Bühne zu gehen. Ich besuchte nun das Theater jeden Abend, wenn mich nicht eine besondere Veranlassung davon abhielt. Durch Uhdens Vermittlung erhielt ich jetzt auch Eintrittskarten in das Liebhabertheater, ‚Urania‘ genannt, wo in der Tat oft ganz vorzügliche Vorstellungen stattfanden und sich mitunter ungewöhnliche Talente zeigten und ausbildeten; noch war ein anderes Liebhabertheater, die ‚Concordia‘, vorhanden, das jedoch bei weitem weniger gut als das erste war. Ich wurde mit mehreren Mitgliedern der ‚Urania‘ bekannt und erbot mich, einige Rollen daselbst zu spielen. Der Antrag wurde mit Vergnügen angenommen, und ich gab nacheinander den Ferdinand in Kabale und Liebe, den Fritz Hurlebusch in Wirrwarr, Karl Ruf in der Schachmaschine und so weiter, und aus meinen Geliebten auf der Bühne wurden nicht selten auch meine Geliebten in der Wirklichkeit, wenigstens auf kurze Zeit; ich spielte dann mit einem Feuer, das alle Zuschauer hinriß. Aber vor allem war es eine Künstlerin der königlichen Schauspiele, Fräulein D., deren wahrhaft göttliches Spiel, verbunden mit ihren himmlischen körperlichen Reizen, mich entzückte, deren feurigster Anbeter ich wurde und die den Wunsch, keine militärische Anstellung zu erhalten, noch mehr in mir rege machte, um mich dann mit aller Liebe der Kunst und ihrer schönen Priesterin widmen zu können, nicht bedenkend, welchen Aufruhr dies in meiner Familie machen könne, und daß sich wahrscheinlich auch Prinzessin Wilhelm, der ich so sehr empfohlen war, wenigstens einer Anstellung bei der königlichen Bühne zu Berlin widersetzt haben würde. – Endlich aber kam der König nebst dem Kriegsminister von Boyen von Wien zurück, und ich erhielt sogleich die Weisung von der Prinzessin, mich unverzüglich bei letzterem zu melden. Dieser schickte mich zu dem General Grafen von Tauentzien, auf dessen Bureau ich erfuhr, daß man mich schon seit länger als vier Wochen gesucht und meine Wohnung nicht habe ausfindig machen können, da schon längst die Anstellungssorder von dem Kriegsministerium für mich gekommen sei, die man mir übergab und durch welche ich zum Premierleutnant in der Armee ernannt wurde, ohne daß jedoch noch das Regiment bestimmt war, dem ich zugeteilt werden sollte. Dieses Zurücksetzen um einen Grad war mir sehr empfindlich, ich protestierte auch dagegen, aber der General Tauentzien verwies mich an den Kriegsminister, und dieser vertröstete mich auf baldiges Avancement. Ich war deshalb sehr mißmutig, und gerne würde ich die Uniform für immer an den Nagel gehängt haben, auch äußerte ich mich unverhohlen darüber bei der Prinzessin Wilhelm, die mich wie Herr von Boyen mit baldigem Avancement tröstete. Jetzt erhielt ich auch eine Anweisung an das Billettamt, um einstweilen einquartiert zu werden, und ein Quartier bei einem Bankier in der Breitenstraße, der, wenn ich nicht irre, Lahr hieß, das ich jedoch, da es mir nicht sehr zusagte, nach wenigen Tagen mit einem anderen vertauschte. Ich bekam ein Billett, das mich zu einem Herrn von Pogwisch in der Jerusalemerstraße führte, der Hauptmann außer Diensten und jetzt bei der Seehandlung angestellt war; sein Bruder war Flügeladjutant des Königs gewesen, aber, wenn ich nicht irre, bei Leipzig geblieben. Herr von Pogwisch hatte eine zwar nicht schöne, aber sehr gute und liebenswürdige Frau, und ich fand eine ausgezeichnet gute Aufnahme in dieser Familie. Obgleich man der Einquartierung durchaus nichts als die Wohnung zu geben schuldig war, so bat mich Herr von Pogwisch doch, mit seinem Tisch vorlieb nehmen zu wollen. Ich nahm dies mit großem Dank unter der Bedingung an, daß, wenn ich nicht zur bestimmten Stunde da sei, man auch keinen Augenblick auf mich warten möge, denn ich wollte ebensowenig genieren als geniert sein. Herr von Pogwisch, dessen Frau sehr vermögend war, hatte seine Mutter bei sich, eine zwar alte, aber liebenswürdige und sehr geistreiche Dame, deren Unterhaltung nicht nur sehr angenehm, sondern auch pikant war. Ein geborenes Fräulein von Pfündöl und ehemalige Hofdame, war sie noch jetzt mit den Verhältnissen des Hofs und der eleganten Berliner Welt genau bekannt und vertraut und hatte einen unerschöpflichen Schatz von interessanten, zum Teil sehr komischen Hofanekdoten, die sie gerne zum besten gab. Sie lebte in der größten Einigkeit mit ihrer Schwiegertochter, und diese drei Personen – Pogwischs hatten keine Kinder – bildeten eine gemütliche Dreieinigkeit. Durch diese Familie erhielt ich nun Zutritt in vielen anderen angesehenen Familien und wurde wegen meines musikalischen Talents überall wohl aufgenommen, was Veranlassung zu manchen galanten Abenteuern gab. Die Unterhaltung in den Berliner Salons der eleganten Welt ist im allgemeinen sehr geistreich und witzig, die Berliner haben in der Regel einen sehr aufgeweckten Verstand, viel Humor, sind zur Satire aufgelegt, sarkastisch und kaustisch, dagegen lebt man mäßig, ohne sich zu überfüllen, aber auch ohne sich gerade etwas abgehen zu lassen, während in manchen Städten Süddeutschlands das Essen und Trinken die Hauptsache ist, man daselbst nur für dieses sowie überhaupt nur für die sinnlichen Vergnügungen zu leben scheint, wodurch dann allerdings der Geist, wenn auch einer vorhanden, niedergedrückt und verdummt wird. Damals kursierten in Berlin einige artige Anekdoten, den noch sehr jungen Kronprinzen betreffend; eine derselben berührte den Staatskanzler, Fürsten Hardenberg, dem man vorwarf, die Juden in ganz besonderen Schutz zu nehmen. – Als Hardenbergs Geburtstag war, sandte der König den Kronprinzen zu demselben, ihm in seinem Namen Glück zu wünschen und zu sagen, er möge sich irgendeine Gnade ausbitten. Der Kronprinz fuhr zu dem Fürst-Kanzler und richtete den ihm von seinem Vater gewordenen Auftrag aus, worauf Hardenberg erwiderte: „Mein Gott, Ihro Majestät haben mich schon so mit Gnaden überhäuft, daß ich in der Tat nichts mehr zu erbitten wüßte.“ – „Doch, mein Fürst, es fehlt Ihnen noch eines.“ – „Das ich nicht wüßte, Hoheit.“ – „Ja, ja, ganz gewiß.“ – „Und was meinen Eure Hoheit?“ – „Bitten Sie meinen Vater, daß er Sie zum König der Juden machen solle, da Sie doch eine so große Vorliebe für dieses Volk haben.“ – Hardenberg fand sich beleidigt und bat sich zurückziehen zu dürfen. Er teilte den Vorfall dem König mit, und der Kronprinz erhielt vierundzwanzig Stunden Arrest. Eine andere Anekdote betraf den Staatsrat von Kleewitz, den der Kronprinz ebenfalls nicht leiden mochte, weil er die Juden, wie man sagte, aus besonderen Gründen begünstigte. – Eines Abends sagte er zu demselben in einer Assemblee: „Herr Staatsrat, ich will Ihnen eine zweisilbige Charade zu erraten geben: das Erste frißt das Vieh, das Zweite besaßen Sie nie, und das Ganze sind Sie“ (Kleewitz). Es ist jedoch möglich, daß auch diese Anekdote auf den wenig beliebten Staatsrat ein müßiger Kopf erfand und dem Kronprinzen in den Mund legte.
Aus Italien hatte ich mehrere Hefte der ausgezeichnetsten und lieblichsten Melodien, Kanzonette, Kavatinen und Ensemblestücke mitgebracht, die ich in den Salons vortrug. Die Duette gaben Gelegenheit, sie mit verschiedenen liebenswürdigen Damen in den Morgenstunden tête-à-tête einzustudieren, wobei ich dann nicht unterließ, mich möglichst in deren Gunst festzusetzen. In dem Haus des Herrn von Pogwisch wohnte im zweiten Stock ein Beamter namens Pfeifer mit seiner Familie, der eine sehr hübsche Tochter, Minchen genannt, hatte, die ganz artig Klavier spielte und eine sonore, glockenreine Sopranstimme besaß; diese Nachtigall war eine schlanke neunzehnjährige Blondine, welche die beliebtesten Opernarien mit viel Geschmack und Ausdruck vortrug. Sehr bald hatte ich Zutritt bei der mit Pogwischs sehr befreundeten Familie und musizierte und – küßte nach Herzenslust. Noch ein anderes sehr niedliches Minchen (Ott) und eine hübsche Luise hatte ich unter den Zelten und bei Hofjägers kennen gelernt und fuhr nun bald die eine, bald die andere in einer Guige nach Charlottenburg, Potsdam und so weiter spazieren. Noch war ich im Besitz der Wohnung in der Mittelstraße, die, auf mehrere Monate gemietet, mir jetzt trefflich als Absteigequartier zustatten kam und wohin ich manche meiner Schönen zu einer geheimen Zusammenkunft zu persuadieren wußte. Hier war ich so ganz ungestört und veranstaltete manches Souper fin, namentlich mit Demoiselle D... Man konnte in dieser Hinsicht in Berlin ebenso ungestört und unbeobachtet wie in Paris leben, da sich die Leute nicht um das Treiben der anderen bekümmerten. Eines Abends aber lud ich in meinem Übermut ein halbes Dutzend meiner Freundinnen, von denen jedoch keine die andere kannte, zu einem Abendessen in diese Wohnung ein. Unter ihnen waren die beiden Minchen, eine Bertha, eine Karoline, eine Luise und Demoiselle D..., mit deren Genehmigung ich das Fest veranstaltete und die die Königin desselben sein sollte. – Sie fand sich zuerst ein und empfing die nacheinander erscheinenden und sehr erstaunten Schönen auf das artigste und zuvorkommendste, so daß sie deren Verlegenheit bald zu beseitigen wußte. Alle waren so klug, vorerst die beste Miene zu dem bösen Spiel zu machen, keine hatte ja der anderen etwas vorzuwerfen, und ein splendides, schwelgerisches Souper mit Champagner und einem Kaiserpunsch zum Dessert tat das seinige, so daß zuletzt alle überfröhlich wurden, über die Sache scherzten und meinten, so müsse es wohl in einem Serail zugehen, und des Tändelns und Küssens war kein Ende, wir sangen fröhliche Lieder und stimmten ‚Es kann ja nicht immer so bleiben‘ und ‚Wenn’s immer, wenn’s immer so wär‘ an. Ich brachte endlich eine jede im Wagen nach Hause und blieb zuletzt mit Demoiselle D..., welche den Geniestreich allerliebst fand, bis gegen Morgen allein.
In der Weinwirtschaft von Luther und Wegner, wo ich bisweilen ein Frühstück mit gutem Rheinwein einnahm, hatte ich auch die Bekanntschaft des Schauspielers Devrient gemacht, der, da diese Wirtschaft ganz in der Nähe des Theaters war, oft während der Proben und sogar in den Zwischenakten der Vorstellung einen Sprung hierher machte, um sich durch ein paar Gläser alten Rheinwein zur Fortsetzung seiner Rolle zu stärken und noch mehr zu begeistern, denn der Wein war ihm eine unentbehrliche Requisite. – Die Darstellung seines Franz Moor, seines Rudolfs in Körners Banditenbraut, seine Drillinge, sein Nachtwächter und so weiter werden mir ewig unvergeßlich sein. Ich besuchte ihn jetzt öfters in seiner Wohnung und fand an Madame Devrient eine äußerst liebenswürdige Frau, wenn auch keine so große Künstlerin wie Demoiselle D... Da Devrient den Bacchus zu seinem Abgott gemacht, so vernachlässigte er über diesem Dienst gerne den Hymens und folglich seine liebe Frau, die sich aber zu entschädigen wußte und mit der ich, wenn sie im Theater nichts zu tun hatte, manchen schönen Abend entzückt hinbrachte. Einige ihrer Darstellungen, wie die der Johanna d’Arc in Schillers Jungfrau, die ihr der Gemahl noch in den Flitterwochen einstudiert hatte, waren dennoch ausgezeichnete Leistungen. Eine seltsame Wirtschaft war in dieser Haushaltung eingeführt. Wenn die Gagen für Herrn und Madame Devrient gebracht wurden, so warf Madame Devrient das Geld, nachdem sie die Rollen aufgebrochen hatte, in ein auf einem Konsoltisch stehendes Körbchen, es untereinander rüttelnd, und aus diesem Korb nahm nun jedermann, der zu ihrem Haus gehörte, nach Belieben und Bedarf heraus. Herr Devrient steckte Händevoll davon ungezählt in seine Taschen, Madama zahlte alle ihre Phantasien davon, das Kammermädchen, die Köchin, der Bediente, alle holten ohne zu fragen, was sie bedurften, ad libitum. Die gewöhnliche Folge war, daß der Korb schon mehrere Tage leer, bevor neue Gagengelder einliefen. Wurden nun Rechnungen zum Bezahlen präsentiert, so hieß es: „Es ist kein Geld mehr im Korb, Sie müssen wiederkommen, wenn er voll ist.“ – Ein wahres Künstlerleben.
Eines Tages fuhr ich mit Frau von Pogwisch und noch einigen Damen, das Denkmal der Königin Luise zu besuchen, nach Charlottenburg, wo wir einige zwanzig außerordentlich aufgeputzte und aufgedonnerte Mädchen auf der Terrasse an einer Gartenmauer sitzen sahen. Ich fragte Madame Pogwisch, ob sie nicht wisse, wer diese Damen seien, sie schlug aber verlegen und errötend die Augen nieder, und die anderen Damen lachten, keine konnte oder wollte mir Auskunft geben. Dies reizte meine Neugierde um so mehr, und als ich kaum in Charlottenburg ausgestiegen war, fragte ich einen Mann, der mir zuerst in den Wurf kam, darnach. – „Ei, das sind ja die Fräuleins der Madame Bernhard,“ erwiderte er lachend. – „Der Madame Bernhard? Wer ist diese Madame Bernhard?“ – „Wie, Sie kennen deren berühmtes Hotel und Institut in der Friedrichstraße nicht?“ – „Nein.“ – „Das größte und schönste Bordell in ganz Berlin.“ – „Ach so.“ – „Nun, diese hat ein Landhaus hier in Charlottenburg; wo sie jeden Nachmittag mit einem Teil ihrer Nymphen zubringt.“ – Auch die verstorbene Königin hatte einst, an diesem Landhaus vorbeifahrend und die vielen geputzten Mädchen sehend, dieselbe Frage getan, auf welche ihr ein Hofherr geantwortet: „Ein Pensionat für vermögenslose Mädchen.“ – „Ach, die armen Kinder,“ versetzte die Königin, „ich werde ihnen ein Geschenk zukommen lassen; sie sind aber doch alle schon sehr herangewachsen.“ – „Sie erhalten hier ihre letzte Ausbildung,“ sagte der Hofmann. – Das beabsichtigte Geschenk wußte man jedoch der Königin auszureden.
Auch die merkwürdigsten Tabagien Berlins, in denen jeden Abend getanzt wird, besuchte ich, versteht sich inkognito, und lernte in ihnen das ziemlich wilde Leben des Berliner Volks kennen; besonders war eine, die mit fast orientalischer Pracht ausgeschmückt und unterhalten war, berühmt. Der Saal bildete eine große Rotunde, aus welcher ringsherum Türen in Nebenzimmer führten; oben waren Logen auf einer Galerie angebracht. Der Haupttüre gegenüber war das Orchester auf einer erhöhten Tribüne; Türen, Fenster, Logen und Tribünen waren mit rotem Sammet drapiert. Hier fanden sich, sobald die Dämmerung eingetreten, die Berliner Grisetten und Studenten in Masse ein, sowie auch andere leichtgeschürzte Nymphen, und manches hübsche Bürgermädchen besuchte heimlich diesen Ort der Freude, nachdem sie mit einer Freundin oder Gespielin bis zur eintretenden Nacht die Linden auf und ab spaziert war. Venus, Bacchus und Ceres hatten hier zugleich ihren Thron aufgeschlagen, boten ihre Freuden zu ziemlich hohen Preisen feil und rupften die Federn der fremden Gimpel und Landjunker, welche so gemütlich in die oft plumpen Fallen gingen, die man ihnen stellte. Diese Nymphen, wenigstens die vom Handwerk, waren fast alle im Futter des Eigentümers der Tabagie, und ihr Hauptzweck ging dahin, die Gäste zu möglichst großen Depensen zu verleiten, in einen exaltierten Zustand zu versetzen und trunken zu machen, wobei sich dann auch gute Freunde einfanden, die, höchst erfreut ob der neuen Bekanntschaft, kostenfrei an den Gelagen teilnahmen und Brüderschaft bis zum Umfallen tranken, indem sie den neuen Freund hochleben, dabei vom Orchester Tusch mit Pauken und Trompeten machen ließen und „Vivat, Herr Bruder Fritz!“ oder Paul und so weiter brüllten, was diesen ob der großen Ehre in Entzücken versetzte, und mit Vergnügen zahlte er den Taler Kurant, den das Orchester für einen jeden solchen Tusch erhielt und mit dem Veranlasser und dem Wirt brüderlich teilte. Man tuschierte, solange noch Taler in der Tasche der Gefeierten waren, bis sie endlich bewußtlos auf das Ruhebett eines Seitenkabinetts gebracht werden mußten, wo sie schwerlich der Knall einer Bombe wieder erweckt haben würde; daß die Dirnen dabei nach Kräften mitwirkten, versteht sich von selbst. Eines Abends machte ich mir mit noch einigen Bekannten den Spaß, ein paar Dutzend solcher Tabagien hintereinander zu besuchen, um die verschiedenen Physiognomien derselben sowie das Volksleben in allen seinen Abstufungen bis zur letzten und schmutzigsten kennen zu lernen. Für den Philosophen wie für den Psychologen ist so eine Wanderung immer von großem Interesse, sowie für den, der die menschliche Misere in ihrer ganzen Sublimität kennen lernen will.
Während wir so sorglos in Berlin in den Tag hineinlebten – es waren damals noch sehr viele Offiziere aus dem Westfälischen und den Rheinprovinzen hier, welche Preußen übernommen hatte und die ebenfalls ihre definitive Anstellung abwarteten –, ging der Waffentanz in den Niederlanden los, und die Nachricht von der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815 brachte in Berlin eine peinliche Niedergeschlagenheit hervor, so daß die Kleinmütigsten schon wieder an die Rückkehr der Franzosen glaubten, die aber niemand außer den öffentlichen Dirnen wünschte, welche ihre besten und freigebigsten Kunden mit deren Abmarsch verloren hatten. Glücklicherweise dauerte dieser Zustand kaum vierundzwanzig Stunden; die Nachricht von dem glänzenden, den 18. Juni bei Waterloo erfochtenen Sieg erfüllte ganz Berlin mit unglaublichem Jubel. – Der Kurier, der die Nachricht von dem großen Sieg brachte, wurde mit vierundzwanzig blasenden Postillons eingeholt und durch alle Hauptstraßen Berlins unter Vivatgeschrei geführt. An demselben Tag war auch die hochverehrte Prinzessin Wilhelm mit einer Tochter niedergekommen, die zum Andenken an diesen Sieg unter vielen anderen auch den Namen ‚Viktoria‘ erhielt. Nun war Freude und Fröhlichkeit an allen Ecken und Enden, und die Liebe und Anhänglichkeit an das königliche Haus zeigte sich mitten im Taumel im schönsten Licht; besonders war es auch Blücher, den man hochleben ließ. In dem großen Opernhaus, das Friedrich der Große im Jahre 1740 hatte erbauen lassen und welches geräumiger als die damaligen Opernhäuser zu Paris und London war, wurde eine Vorstellung bei festlich erleuchtetem und geschmücktem Theater gegeben.
Mitten in diesem vergnügten Leben traf mich plötzlich die Order, mich sofort nach Kolberg zum siebzehnten Garnisonbataillon zu verfügen, bei dem ich vorerst angestellt sei, und zwar eine Kompagnie befehligend, ohne jedoch die Kompagnieführer-Zulage zu erhalten. Bei einem Garnisonbataillon angestellt zu sein, wollte mir wieder nicht in den Kopf, und ich verfügte mich deshalb zum Obersten Inspekteur von Witzleben, um Einsprache zu tun; dieser entgegnete mir jedoch, daß dies nur provisorisch sei und er nichts in der Sache ändern könne. Ich mußte also wohl Order parieren, dem freundlichen Berlin und meinen Wirten und Schönen Lebewohl sagen. Prinzessin Wilhelm konnte ich mich nicht persönlich empfehlen, sie war noch Wöchnerin und empfing niemand, ich schrieb ihr daher einen gehorsamsten Abschieds- und Danksagungsbrief. Noch ehe ich abreiste, war die Nachricht von Napoleons Einschiffung nach Sankt Helena angekommen. So war denn seine Rolle auf dieser Welt ausgespielt, Murat war schon früher in Pizzo erschossen und alle Brüder Napoleons von ihren Thronen herabgeworfen und fortgejagt worden. Das große Drama des ephemeren französischen Kaiserreichs war vorbei, und alle seine Akteure traten wie andere Schauspieler nach dem letzten Herabfallen des Vorhangs nach einer gewöhnlichen theatralischen Vorstellung wieder von der Bühne ab und in die Misere des bürgerlichen Alltagslebens zurück.
Ich erhielt einen freien Postpaß von Berlin nach Kolberg nebst zwei Monate rückständigen Gehalts und setzte mich, nachdem ich noch freundlichen Abschied von Demoiselle D..., meinen beiden hübschen Minchen und anderen genommen, in den federlosen Rumpelkasten, Postwagen genannt, der nach Stargard fuhr.