Wer sich noch der damaligen Beschaffenheit der preußischen und sächsischen Postwagen erinnert, wird mir eingestehen, daß es keine geringe Marter war, mehrere Tage und Nächte fast ununterbrochen in einem solchen Behälter transportiert zu werden. Diese schlecht gebauten, auf der Achse gehenden Wagen rüttelten den Körper auf eine schmähliche Weise zusammen und machten die Knochen so mürbe, daß man sie zu brechen fürchtete, besonders wenn es in den Dörfern über die Knüppeldämme ging, denn Chausseen gab es ebenfalls nur sehr wenige und die Wege waren abscheulich, zudem hatte ich einen Seitensitz. Indessen sollte mich eine liebenswürdige Reisegefährtin für all dies Ungemach entschädigen. In der einen Ecke des Wagens saß ein wunderschönes Mädchen, ein Mädchen, wie sie der Himmel nur selten erschafft. In ihrem ganzen Wesen war etwas Heroisch-Liebliches, auf ihren Feuerwangen, in ihren blitzenden Augen, in ihren Zügen lag etwas so Edles, etwas so Mark und Bein bis ins Innerste Durchbohrendes, daß man davon durch und durch erschüttert wurde; ihr Wuchs, ihr Anstand, ihre ganze Figur war das schönste Ideal einer Amazone oder Bellonas selbst. Bald knüpfte ich ein Gespräch mit dieser Huldgöttin an, von der ich jedoch anfangs nur sehr kurze und einsilbige Antworten erhielt. Die übrige Reisegesellschaft hatte wenig Interesse für mich und schien es auch, bis auf eine ältliche Frau, deren Züge eine tiefe Schwermut ausdrückten, nicht zu verdienen. In Werneuchen, der ersten, drei Meilen von Berlin entfernten Station, wo der Postwagen nach der damaligen löblichen Gewohnheit wie auf allen Stationen mehrere Stunden, wohl auch wie in Stargard, Naugarten und so weiter halbe Tage liegen blieb, um alle Pakete, Passagiere, Koffer und so weiter gehörig zu sortieren und einzuschreiben, gelang es mir, meiner schönen Unbekannten ein paar Worte mehr zu entlocken. Gesprächiger aber wurde sie erst in Freienwalde, dem bekannten, sechs Meilen von Berlin entfernten Badeort, wo wir, während der Postwagen rastete, die artigen Anlagen und den Gesundbrunnen des Orts besuchten, der in einem anmutigen, von einer waldigen Höhe umgebenen Tal liegt und besonders von gichtbrüchigen und am Gehör leidenden Kranken besucht wird. Hier erfuhr ich, daß sich die gleich der Kriegsgöttin einherschreitende Schöne Johanna mit Vornamen nenne; den Familiennamen verschwieg sie mir aber noch. Ihr ganzes Benehmen hatte etwas Seltsames und Rätselhaftes. Beim Abfahren von Freienwalde war ich nicht weiter wie vorher, doch führte ich jetzt eine fortwährende, zusammenhängende Unterhaltung mit ihr. In Königsberg in der Neumark, wo wir des Nachts ankamen, gingen wir zusammen auf den Straßen spazieren, bis der Wagen wieder weiterfuhr, da es ihr unangenehm war, in der Gaststube unter den anderen Passagieren mehrere Stunden zu verweilen. Als ich ihr den Ort meiner Bestimmung, Kolberg, nannte, schien sie dies zu frappieren, und es entfuhren ihr die Worte: „Da will ich auch hin, meine Verwandten zu besuchen.“ Ich drang nun mehr und mehr in sie und brachte bald von ihr heraus, daß sie die Tochter eines in Danzig angestellten Kriegsrats sei, der sich L... nenne. Das Mädchen war wissenschaftlich gebildet, in der Geschichte wohl bewandert, zeigte dabei einen so glühenden Franzosenhaß und namentlich gegen Napoleon, daß, so oft die Rede auf diesen kam, ihre Wangen glutrot wurden und ihre Augen Feuer sprühten. Vor allem waren es aber die neuesten politischen Zustände und französischen Kriege, von denen sie mit großer Teilnahme und mit einem bei einem Mädchen ganz ungewöhnlichen Enthusiasmus sprach, und als ich im Laufe des Gesprächs ihr von dem fanatischen Eifer der Kalabresen und Spanier erzählte, da war sie ganz Ohr und hörte mir mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu; sie wurde nun immer zutraulicher, freundlicher und sagte endlich mit Wärme zu mir: „Aber gegen die Deutschen, gegen die Preußen haben Sie doch nie gefochten, nicht wahr?“ – Dies konnte ich mit dem besten Gewissen mit nein beantworten. – „Wohlan, dann gebe ich Ihnen gerne die Hand.“ – Sie reichte sie mir hin, ich ergriff sie schnell, drückte und küßte sie. In Stargard, wo der Wagen wieder vier Stunden hielt, ließen wir uns ein Zimmer geben und ein Mittagessen in demselben servieren. Hier fing des Mädchens Neugierde hinsichtlich meiner an, rege zu werden, und sie gab sich viel Mühe, meine früheren Verhältnisse zu erforschen. Ich teilte ihr manches, was ich für gut fand, mit, und sie schien ganz Auge und Ohr, endlich aber ließ auch ich den Wunsch blicken, näher über ihre Verhältnisse unterrichtet zu werden. Des Mädchens Wangen überzog nun eine leichte Röte, die jedoch immer stärker und zuletzt fast hochrot wurde, dabei funkelten ihre Augen wie Feuer, sie nahm endlich meine Hand, faßte sie krampfhaft und sprach: „Sie flößen mir volles Vertrauen ein, und ich will mich Ihnen ohne Rückhalt entdecken. Ich war die Verlobte eines der Offiziere von Schills Korps, die Napoleon so feigerweise erschießen ließ. Wir liebten uns beide auf das innigste und wollten bessere Zeiten abwarten, unsere Vermählung zu feiern. Der grausame unverdiente Tod meines Geliebten machte mich beinahe rasend und fast zur Menschenfeindin, wenigstens zur eingefleischtesten Franzosenfeindin. Als nun unser edler König den Aufruf zur Befreiung und Rettung des Vaterlandes an sein treues Volk erließ, da schwoll auch mir die Brust, und das Herz bebte mir vor Ungestüm und Rachedurst im Busen. Ich legte Mannskleider an, verließ, ohne ein Wort von meinem Vorhaben zu sagen, das elterliche Haus, trat bei dem Bülowschen Korps als Freiwilliger ein und habe als solcher die Feldzüge von 1813 und 1814 mitgemacht.“ – Als ich sie verwundert und etwas zweifelhaft anblickte, da streifte sie den rechten Ärmel ihres Kleides in die Höhe und zeigte mir eine erst kurz vernarbte breite Wunde, die sie von einem französischen Chasseur à cheval bei Brienne erhielt und durch die sie längere Zeit im Lazarett zurückgehalten wurde, bei welcher Gelegenheit man auch zuerst ihr Geschlecht entdeckte. Erst jetzt hatte sie an ihre bekümmerten Eltern geschrieben, was aus ihr geworden. Sie kam nun ganz genesen von Berlin, wo sie sich in der letzten Zeit aufgehalten, wollte ihren Oheim in Kolberg, der daselbst verheiratet war und eine Zivil-Anstellung bekleidete, besuchen, bevor sie in das Vaterhaus zurückkehrte, wovor sie einige Scheu hatte, und das Vergangene durch den Oheim erst zu vermitteln wünschte. Daß dies alles ganz der Wahrheit gemäß war, davon hatte ich später Gelegenheit, mich vollkommen zu überzeugen. Wir erzählten uns nun gegenseitig Begebenheiten aus unseren Feldzügen und wurden dadurch so vertraut, daß wir bald nur noch ein Herz und eine Seele waren.
Da von Naugarten eine Seitenpost nach Kolberg besonders abging, so mußten wir abermals einen halben Tag auf die Weiterbeförderung warten. Wir brachten diese Zeit recht vergnügt zu, und ich bewog Johanna, nachdem wir uns ein Zimmer hatten geben lassen, ihre Jägeruniform einmal anzulegen, die sie in einem Mantelsack bei sich führte. Sie willigte lächelnd in meinen Wunsch, und ich war ihr beim Anlegen derselben möglichst behilflich. Die Uniform kleidete sie allerliebst. Wir machten nun förmlich Kameradschaft miteinander, tranken Brüderschaft auf du und du und ruhten endlich Arm in Arm erschöpft und matt aus. Ich half zuletzt meinem liebenswürdigen Kameraden seine weiblichen Kleider wieder anlegen, da die Zeit der Abfahrt herannahte. Von hier bis Kolberg aber ging nicht einmal ein bedeckter Wagen mehr, sondern wie auf allen Seitenstationen nur ein offener Korbwagen, das heißt ein gewöhnlicher Bauernwagen, in den man ein Korbgeflechte gelegt und einige Strohsitze angebracht hatte. Dies waren die Postwagen zu den Orten, die nicht an der großen Heerstraße lagen. Meine Kriegsgefährtin und ich waren die einzigen Passagiere von hier bis Kolberg; wir ruhten recht traulich Arm in Arm und fuhren die ganze Nacht durch über Greifenberg und Treptow an der Rega. Es war zwar eine Julinacht, die wir durchfuhren, und ich hatte deshalb auch nur sehr leichte Sommerbeinkleider auf dem offenen Wagen angelegt, nicht bedenkend, daß ich nicht mehr am Mittelländischen, sondern in der Nähe des Baltischen Meeres war. Wir schliefen beide, Johanna an meiner Brust, ein, je näher wir aber der Küste kamen, desto fühlbarer wurde ein sehr rauher und unfreundlicher Wind, und gegen Morgen überfiel mich ein kalter Schauer und Frost, ich fühlte mich unwohl und war froh, als wir endlich über die Zugbrücken und durch die Tore der Festung Kolberg einfuhren. Ich eilte mit meinem Kameraden, der mehr an dieses Klima gewöhnt und nicht so erfroren war, in das erste beste Gasthaus, die ‚Stadt London‘ auf dem Markt, wo ich uns jedoch anstandshalber zwei Zimmer geben ließ. Es war erst vier Uhr des Morgens, als wir ankamen, und Johanna konnte ihren Oheim so früh nicht aufsuchen, auch kannte sie dessen Wohnung nicht. Ich hatte mir eine furchtbare Erkältung zugezogen und warf mich unter den heftigsten Leibschmerzen auf das Bett. Erst gegen Mittag, nachdem ich mich ein wenig erwärmt hatte, war ich imstande, das Bett zu verlassen; ich steckte mich rasch in die Uniform und eilte nach der Kommandantur, um mich zu melden. Oberst Streit aber empfing mich mit einem Wischer, weil ich mich nicht früher gemeldet und doch mit der Morgenpost angekommen sei. Es war gerade zur Parade; er beschied mich nach derselben wieder zu sich. Ich meldete mich nun auch bei meinem Bataillons-Kommandanten, dem Major von Hackwitz, der aber das Bataillon nur interimistisch kommandierte. Dieser empfing mich sehr artig, und auf der Parade umringten mich meine neuen Kameraden, unter denen viele Westfalen und einige ältere Offiziere waren. Als ich mich nach der Parade der erhaltenen Order gemäß wieder auf die Kommandantur begab und anklopfte, da empfing mich der barsch: „Eintreten!“ rufende Oberst mit den Worten: „Bettelleute klopfen an, aber nicht die Herren Offiziere.“ Dieser abermalige unfreundliche Empfang machte einen äußerst unangenehmen Eindruck auf mich, und ich konnte mich nicht enthalten, zu erwidern: „Aber, Herr Oberst, ich trete eben erst in preußische Dienste und kann unmöglich schon alle Details derselben kennen.“ – „Wohl, Sie müssen sich aber bemühen, sie so schnell wie möglich kennen zu lernen.“ – „Dies wird mein Bestreben sein.“ – Nun frug mich der Kommandant Verschiedenes, was auf meine früheren Dienstverhältnisse Bezug hatte, und war dann weniger mürrisch, so daß wir zuletzt ziemlich gut voneinander schieden. Ich übernahm jetzt das interimistische Kommando der ersten Kompagnie des Bataillons, deren Hauptmann, ein Herr von Pfündöl, in Bälde von Gumbinnen hierher versetzt, eintreffen sollte. Der Feldwebel brachte mir nebst dem Kompagnierapport ein Quartierbillett, vermittelst dessen ich zu einem Kaufmann namens Hackstock, unweit dem Markt in der Börsenstraße, einquartiert wurde. Johanna hatte sich indessen zu ihrem Oheim begeben, der an ihre Eltern nach Danzig geschrieben, und deren Antwort sie bei demselben abwarten wollte. Wir brachten einstweilen jeden Abend vergnügt und traulich miteinander zu. Ich trat meinen neuen Dienst an, bestrebte mich, die mir obliegenden Verrichtungen möglichst bald kennen zu lernen, was auch schnell der Fall war. Doch zog sich gleich in den ersten acht Tagen ein artiges Donnerwetter aus folgender Veranlassung über meinem Haupt zusammen. In französischen Diensten hatten wir fast nie die Degenquasten, die man im Deutschen ganz fälschlich Portepee nennt, angemacht, namentlich trug sie fast kein Offizier im Feld, und sie galten für eine sehr unwesentliche Verzierung. Ich hatte mir zwar in Berlin eine solche von Silber und schwarz, wie sie im preußischen Heer sein muß, angeschafft und an meinen Säbel gemacht, jetzt mußte ich jedoch einen preußischen Degen tragen, kaufte mir einen solchen, vergaß aber die Quaste an denselben anzulegen, und so kam ich ohne Portepee auf die Parade. Bald bemerkten dies mehrere ältere Offiziere, man zischelte sich einander zu, auf mich sehend, der Major und der Kommandant wurden endlich auch aufmerksam, und Oberst Streit fuhr mich nun mit einem schweren Donnerwetter an, so daß es ein allgemeines Aufsehen erregte und sich alle älteren Offiziere nicht genug verwundern konnten, wie ein Offizier ohne Portepee erscheinen könne, sich zum Teil auch etwas hämisch deshalb ausließen; dies alles machte mir zuletzt den Kopf so warm, daß ich ganz pikiert und laut, daß es jedermann verstehen konnte, sagte: „Der Offizier steckt doch wahrlich nicht in der Degenquaste; wenn der Mann nichts taugt, so läuft gewiß kein Feind vor dem Portepee davon, und ich habe mich lange genug ohne ein solches tüchtig geschlagen.“ Diese Worte machten einen furchtbaren Rumor, der damit endigte, daß mir der Kommandant sofort einen vierundzwanzigstündigen Arrest ankündigte und noch obendrein einen Verweis gab. Diese Vorfälle machten mir gleich anfänglich den Dienst sehr zuwider und setzten böses Blut, hierzu kam noch mein langes Unwohlsein infolge der Erkältung. Die sehr öde und traurige Lage Kolbergs an der Persante, unweit der Mündung dieses Flusses in die Ostsee, wo sich nur ein einziger, kaum leidlicher Spaziergang nach der sogenannten Maikuhle, einem kleinen Gehölz, befand, war nicht geeignet, diese Mißstimmung zu mindern. Ich hatte anfangs auch nicht einen einzigen Bekannten, und den neunten Tag nach unserer Ankunft verließ auch Johanna die Stadt wieder, um sich zu ihren Eltern, die sie mit großer Sehnsucht erwarteten, zu begeben. Ich fühlte mich jetzt recht einsam und verlassen, um so mehr, da die Festung vorerst auch nicht die mindeste Zerstreuung bot; die Offiziere standen sich alle noch sehr fremd gegenüber, der Garnisondienst war sehr streng und mußte recht pedantisch kleinlich versehen werden. Nachdem ich ungefähr vierzehn Tage hier verweilt, erhielt ich plötzlich eine Einladung zur Tafel bei dem Kommandanten, der nun zuvorkommend freundlich war, allerlei Scherze machte und eine sehr liebenswürdige feingebildete Dame zur Frau hatte, die früher Hoffräulein am Dessauer Hof war und die er als Witwer heiratete; von jetzt an wurde mir der Aufenthalt etwas erträglicher. Es kamen auch immer mehr Offiziere an, von denen mehrere verheiratet waren und eine liebenswürdige Familie mitbrachten, unter ihnen auch unser wirklicher Bataillonschef, der Oberstleutnant von Witke, ein verdienstvoller Militär, der drei sehr liebenswürdige, eben aufblühende Töchter hatte.
Die Stadt Kolberg selbst liegt einsam und öde in einem Winkel an der Ostsee, hat nur wenige und eben nicht sonderlich anmutige Gärten; keine Baumstücke, keine Gemüsefelder, keine bunten Blumenwiesen umgeben die ernste Festung. Ein Spaziergang um das Glacis derselben oder nach Kuhphals Wirtsgarten war die ganze Rekreation in der Nähe der Stadt, etwas weiter war die schon genannte Maikuhle, ein mit Bäumen bepflanzter und mit Blockhäusern und Schanzen versehener Sandhügel; eine gute Stunde von der Stadt befand sich ein Wald, der Busch genannt, in dem ein Jägerhaus lag, nach dem im Sommer bisweilen Partien zu dem Förster Ott gemacht wurden; der Weg dahin war aber kahl und zog sich zwischen lauter Kartoffelfeldern hin. Das Innere der Stadt war womöglich noch unfreundlicher, die Straßen hatten fast lauter uralte Giebelhäuser, andere sah man nur ausnahmsweise. In einem solchen Haus befand sich in der Regel nur eine lange schmale Stube mit einem sehr großen Fenster und einem Alkoven im Hintergrund, in welchem die Familie schlief. Diese Gebäude waren meist von Stein, aber schlecht und ohne alle Symmetrie gebaut, sehr hoch, mit einem ungeheuern Vorplatz und großen Türen; der einzigen Stube gegenüber und durch einen Gang getrennt befand sich in der Regel ein Laden, Magazin oder die Werkstätte; der übrige Raum bis zum Giebel bestand in vier bis fünf ungeheuren Böden für Frucht, Gerste, Malz und dergleichen, nebst ein paar Kammern. Diese Einrichtung schreibt sich noch aus den Zeiten her, wo in Kolberg die Niederlage des großen Kornhandels an dem Baltischen Meer war, der sich aber schon länger als ein Jahrhundert weg und meist nach Danzig gezogen hatte. Obgleich die meisten Einwohner, etwa achttausend, wohlhabende und mehrere enorm reiche Leute waren, so dachten doch nur wenige daran, sich bequemere Wohnhäuser zu bauen; sie waren einmal an diese größtenteils höhlenartigen Wohnungen von Eltern und Ureltern her gewöhnt, wußten es nicht besser und befanden sich ganz behaglich in denselben. Obgleich Mauern und Wände feucht, besonders in den Alkoven salpeterartig waren, sind ihre Bewohner dennoch gewöhnlich ein starker und gesunder Menschenschlag. Der wenige Luxus, der hier herrschte, und die geringe Gelegenheit, Geld auszugeben, während doch immer noch ansehnlich verdient wurde, machte, daß es sehr viel reiche Leute gab, die von Urgroßeltern und noch länger her schon die alten Taler in Kisten und Kasten aufgespeichert. Mädchen mit einer baren Aussteuer von fünfzig-, achtzig- und hunderttausend Talern waren gerade keine so große Seltenheit. Unter den Merkwürdigkeiten der in vieler Hinsicht sonderbaren Stadt steht die große Marienkirche oben an; es ist ein hohes, weitläufiges Gebäude, dessen ungeheurer, fast ganz leerer Raum ihm ein schauerliches Ansehen verleiht, um so mehr, da die Kirche in einem so schlechten Zustand war, daß überall Wind und Luft Zugang fanden und Eulen und andere Nachtvögel ihre Residenz in derselben aufgeschlagen hatten, ja die Sperlinge waren so unverschämt, während des Gottesdienstes die Nase des Predigers auf der Kanzel zu umschwirren. Die Kirche hat viele Seitengebäude und Anhängsel, ist uralt und von dem Ertrag der Pfennige erbaut worden, die zwei Mönche von den frommen Seelen in ganz Deutschland erbettelten. Sie war ursprünglich dem katholischen Glauben gewidmet. Eigentlich war es nur noch eine guterhaltene Ruine mit sehr dürftiger Ausschmückung; mehr als tausend Scheiben der großen Fenster waren zerbrochen; sie machte die Wirkung eines unermeßlichen Grabgewölbes auf mich. Wer sich so plötzlich aus einem Klima wie das von Korfu, wo ich noch einen Teil des vorjährigen Sommers zubrachte, hierher versetzt findet, dem scheint dies Land ein wahres Sibirien. Dabei ist die Stadt das wahrhafte und wirkliche Krähwinkel, jedoch nicht in Bezug auf ihre braven Bewohner, denn in dieser Beziehung sind es viel größere Städte, wie zum Beispiel Frankfurt, weit mehr, sondern weil sich die geflügelten wirklichen Krähen zu Hunderttausenden die Giebeldächer der alten Stadt seit undenklichen Zeiten zu ihren Sitzen ausersehen haben, deren Geschrei und graues Aussehen das Düstere noch vermehrt. Übrigens sind die Einwohner sehr biedere, wackere und brave Leute, noch von altem Schrot und Korn, und stehen ihren Mann auch vor dem grimmigsten Feind, wie sie es schon öfters zur Genüge bewiesen haben; sie sind dabei gesellig, zuvorkommend gegen Fremde und freundlich gegen die Garnison; sie selbst scheinen sich ihrer Verdienste unbewußt und erwähnten nur mit der äußersten Bescheidenheit der letzten heldenmütigen Verteidigung Kolbergs, zu der sie doch das meiste beigetragen. Der gesellschaftliche Verein der hiesigen gebildeten Welt führte den Namen ‚Harmonie‘, und zwar mit Recht, denn diese herrschte damals ungestört in demselben.
Der alte Nettelbeck war gewiß Kolbergs bester Bürger. Er war damals schon sechsundsiebzig Jahre alt, aber immer noch ein sehr rüstiger Mann, von dem lebhaftesten Geist. In seiner Jugend war er ein Seemann, hatte mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht, und in seinem hohen Alter bildete er noch junge Leute zu Matrosen und Steuermännern aus. Bei seinen großen Verdiensten war er der einfachste und anspruchsloseste Mann, dessen große Rechtschaffenheit und Redlichkeit zum Sprichwort geworden war, und Friedrich der Große, den er noch gekannt, stand in hohem Ansehen bei ihm; sein Mut war über alles Lob erhaben. Eines Tages hatte der Blitz in den hohen Turm der Marienkirche geschlagen und dessen Spitze schon gezündet, da eilte der alte Nettelbeck ganz allein mit einer Handspritze hinauf und löschte das Feuer. Als bald nach der Schlacht bei Eylau Napoleon ein beträchtliches Korps gegen Kolberg sandte, welches, nachdem es die Verschanzungen bei Naugard genommen, sich zur Belagerung der Festung anschickte, da stellte sich der edle Greis Nettelbeck an die Spitze der wackeren Bürgerschaft und war überall bei der Hand, wo die Gefahr am größten war. Die Franzosen hatten sich bereits der Schanze auf dem hohen Berg bemächtigt, aber die Kolberger befestigten nun die Mündung der Persante und die Maikuhle und brannten die Lauenburger Vorstadt ab. Schill, der sich in die Festung geworfen hatte, machte fast jeden Tag Ausfälle und vertrieb die Belagerer wieder aus den Schanzen. Nun wurde auch noch die Geldern-Vorstadt abgebrannt, und Schill schlug mit seiner Reiterei, die eine große Tapferkeit bewies, einen Teil der Belagerer in die Flucht. Aber der Kommandant Kolbergs, ein Oberst Loucadou, von französischer Abkunft, war eine Schlafhaube, sprach von Übergabe, bis ihm Nettelbeck mit einigen Bürgern auf die Stube rückte und ihm erklärte, daß sie den, der von Übergabe spräche, für einen Hochverräter ansehen und als solchen bestrafen würden. Loucadou wurde auch bald abberufen und durch den braven Gneisenau ersetzt, der sogleich dem Feind die Schanzen am Bullenwinkel wieder abnahm. Die Franzosen beschossen jetzt die Stadt heftig und fast ununterbrochen, aber Nettelbeck und seine Bürger, die mit der Besatzung in der Verteidigung der Stadt wetteiferten, waren überall bei der Hand, wo es eine Gefahr gab; sie hatten sich in mobile Kompagnien eingeteilt, bedienten einen Teil des Geschützes, und Gneisenau tat fast nichts, ohne den Rat oder die Meinung Nettelbecks zu hören, der sein bester Adjutant und überall war. Zündete eine Haubitzgranate irgendwo, so stand gewiß Nettelbeck mit seinem Schlauch an der gefährlichsten Stelle, die er nicht verließ, bis das Feuer wieder gelöscht war, und gab es außerhalb der Stadt ein Gefecht mit dem Feind, so saß er hoch zu Pferde, die Truppen anfeuernd, versorgte sie mit Munition und brachte dem Kommandanten unter einem Kugelregen die Berichte. Er besorgte die Überschwemmungen mit einer Umsicht, welche Scharfsinn und den richtigsten Überblick verriet. Durch seinen Mut und Patriotismus versetzte er die Bürger in Enthusiasmus, und all diese Dienste tat er, ohne die mindeste Vergütung oder Besoldung zu erhalten, obgleich er durchaus ohne Vermögen war und von seinem bürgerlichen Verdienst lebte. Viermal hatten die Bomben und Granaten ein gefährliches Feuer angefacht, und viermal hatte es Nettelbeck gelöscht. Diese tapfere Verteidigung Kolbergs ist ein Lichtpunkt in dem sonst so düster-unglücklichen preußisch-französischen Krieg von 1807. Hätte sich das mächtige Magdeburg und die anderen Festungen so gehalten, niemals wäre Preußen von den Franzosen unterjocht worden. Der König erkannte Kolbergs und Nettelbecks Verdienste wohl an, sprach das erste von aller Kriegskontribution, nahe an zweihunderttausend Taler, frei, und dem braven Nettelbeck wurde die Ehre zuteil, an die königliche Tafel gezogen zu werden, wo er den Ehrenplatz zwischen dem König und der Königin einnehmen mußte; seine Tochter, noch ein Kind, wurde auf königliche Kosten erzogen, erhielt eine bedeutende Aussteuer, und aus Kolbergs Besatzung wurde ein Regiment gebildet, das auf alle Zeiten den Namen Kolberg führen sollte.
Ich begann nun mich nach und nach heimischer zu finden, obgleich meine Dienstverhältnisse gerade nicht immer die angenehmsten waren, woran ich indessen zum Teil selbst große Schuld trug, da ich mich über manche Dinge, die mir ungewohnt waren oder ungereimt schienen, ganz unverhohlen und oft sehr schonungslos ausließ, was mir dann sowohl bei meinen Vorgesetzten als älteren Kameraden Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten verursachte, die oft nur durch die Klinge beigelegt werden konnten und mich in den Ruf eines händelsüchtigen Menschen brachten. Ich konnte zu wenig den französischen Felddienst und das französische Leben vergessen und mokierte mich gern über manches, was wohl nach Pedantismus roch, doch war damals schon der preußische Dienst fast von allen kleinlichen Erbärmlichkeiten gereinigt und in hohem Grad human, besonders auch gegen den gemeinen Mann. Das große Rechtlichkeitsgefühl und Wohlwollen des Königs war von den höchsten bis zu den untersten Klassen der militärischen Hierarchie gedrungen.
Die ersten Bekanntschaften unter den Einwohnern machte ich bei der Feier des Geburtstags des Königs, die mit großem Jubel begangen wurde. Nach der großen Parade war ein Diner und abends Ball in der Harmonie, den der Kommandant mit einer Polonäse eröffnete. Unter den anwesenden Damen bemerkte ich sogleich eine sehr zierlich und fein gebaute junge Frau, die sich mit außerordentlicher Anmut im Tanz bewegte. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß es die Gattin eines Kaufmanns namens G... war, und engagierte sie zum ersten Walzer. Auf diesem Ball waren so ziemlich alle Schönheiten der Honoratioren Kolbergs beisammen und wunderschöne und liebliche Mädchen unter denselben, wie die Fräulein von Gundenreich, drei sehr reiche Erbinnen, ein Fräulein Justke, von Bajinsky, eine Frau Doktor M. und so weiter, eine wahre Flora von Schönheiten und Liebenswürdigkeiten, daß einem die Wahl hätte schwer werden können. Doch fand ich in Madame G... ein so anmutiges, aufgewecktes und zierliches Weibchen, daß ich, von soviel Liebenswürdigkeit hingerissen, mich von diesem Tag ihrem Dienste vorzüglich zu widmen beschloß. Ein tragikomischer Vorfall machte, daß dieses Fest auf eine kurze Zeit unterbrochen würde. Der Chef der Artillerie hatte nämlich mit dem Kommandanten von Kolberg, Oberst Streit, als die Herren schon ziemlich allegro bei einer Bowle Punsch saßen, um ein Dutzend Flaschen Ungarwein gewettet, daß letzterer auch nicht einen Kanonenschuß in der Festung tun lassen könne ohne sein Wissen und seine Genehmigung (die Order dazu mußte erst an den Artilleriechef gelangen und ihm gemeldet werden, da kein Artillerieoffizier ohne diese abfeuern lassen konnte). Oberst Streit aber gab dem Platzadjutanten insgeheim Befehl, ein paar Reserve-Kanonen aus dem Zeughaus, wozu die Schlüssel bei der Kommandantur waren, holen, sie so geräuschlos wie möglich in der Börsenstraße gegen die Harmonie zu auffahren und richten sowie durch Artilleristen aus dem Invaliden-Bataillon bedienen zu lassen und dann auf ein von ihm mit einem weißen Schnupftuch am Fenster gegebenes Zeichen abzufeuern. Als man dem Kommandanten berichtet hatte, daß alles nach seiner Order bereit wäre, sagte er zum Major von Gaeti, Chef der Artillerie: „Nun, Herr Major, lassen Sie uns die Gesundheit Seiner Majestät unseres hochverehrten Königs ausbringen und mit Kanonendonner akkompagnieren.“ Der Major erwiderte lächelnd: „Ich bin es zufrieden,“ und stieß mit dem Oberst an, der ausrief: „Hoch lebe unser edler König!“ Zugleich winkte er mit dem Schnupftuch am Fenster, und in demselben Augenblick, es war gegen Mitternacht, donnerten die Kanonen zum Schrecken und Erstaunen der ganzen Harmoniegesellschaft, aber auch alle Fensterscheiben fielen klirrend in den Saal, so daß die Damen schreiend die Flucht ergreifen wollten; man sah sich betroffen gegenseitig an und wußte nicht, was man von dem Vorfall denken sollte, zumal da sich die Kanonenschüsse erneuerten und deren einige zwanzig fielen; doch klärte sich die Sache bald auf, und das unterbrochene Fest nahm wieder seinen nicht ferner gestörten Fortgang. Der Herr Oberst hatte zwar den Ungarwein gewonnen, mußte aber ein paar hundert Taler für die zerbrochenen Scheiben zahlen, denn nicht allein alle Fenster der Harmonie waren zerschmettert, sondern auch links und rechts die der Häuser in der Börsenstraße, von dem Platz, wo die Kanonen standen, bis zum Harmoniegebäude, welches Face machte. Es war demnach eine sehr teuer gewonnene Wette. – Erst um drei Uhr endigte das Fest, auf dem ich mit Madame G... schon so weit gekommen war, daß sie mir mit vielsagendem Blick eine beste Nacht wünschte. Wenige Tage darauf sah ich sie nebst noch anderen Damen wieder in dem Harmoniegarten, wo die neue Bekanntschaft freundlichst fortgesetzt wurde. Kurz vorher war der Hauptmann von Pfündöl angekommen, dem ich nun die Kompagnie hatte übergeben müssen. Er befand sich auch bei der Gesellschaft im Garten, und als die Sprache auf Berlin kam, erzählte ich, daß ich daselbst bei meinem Wirt, einem Herrn von Pogwisch, eine so überaus freundliche Aufnahme gefunden und überhaupt die Berliner nur zu rühmen hätte. Pfündöl fragte mich hierauf mehr und sehr genau nach den näheren Umständen der Familie von Pogwisch, so daß es mir auffallen mußte. Ich konnte ihm indessen nur Gutes und Lobenswertes von jedem Mitglied derselben mitteilen. Endlich fiel er mir lächelnd mit den Worten in die Rede: „Herr Kamerad, das war Ihnen geraten; wissen Sie, daß die alte Frau von Pogwisch meine Schwester und deren Sohn folglich mein Neffe ist; die junge Frau habe ich aber noch nicht gesehen.“ Von diesem Augenblick an waren wir die besten Freunde und Kameraden.
Noch denselben Tag schritt ich in der Gunst der Madame G... so weit voran, daß sie mir das Haus einer ihrer Bekannten, einer gewissen Madame Sparschuh, empfahl und zu verstehen gab, daß ich sie in demselben oft antreffen könne; ich fand auch schnell Mittel, mich bei dieser schon etwas älteren Dame, deren Gatte die meiste Zeit abwesend war, zu introduzieren, und bald brachte ich ganze Nachmittage in Gesellschaft der Madame G... daselbst zu, während Madame Sparschuh so gütig war, sich mit Haushaltungsangelegenheiten zu beschäftigen und uns manches Stündchen ganz allein zu lassen, wohl auch dafür zu sorgen, daß wir nicht unangenehm überrascht werden konnten, was wir dann bestens zu benutzen verstanden.
Außer Madame G... machte ich bald noch die Bekanntschaft ihrer hübschen Cousine, der Frau Doktor M., bei einer Kaffeegesellschaft im Bullenwinkel. Die Kolberger Damen veranstalteten nämlich sehr häufig solche Kaffeeklatsche, im Winter in ihren Häusern, im Sommer aber auf einem nahegelegenen ländlichen Ort, wobei außer Kaffee und Kuchen noch reichlich süße Weine, Spickgans und andere Leckerbissen serviert wurden. Diejenigen Damen, welche intimere Bekanntschaft mit Offizieren hatten, ließen diese wissen, wenn eine solche Zusammenkunft auf dem Land, wozu man fast immer den Bullenwinkel wählte, stattfinden sollte, und sie stellten sich bei denselben wie auf einem zufälligen Spaziergang ein; man lud sie dann höflichst, eine Tasse Kaffee anzunehmen, und brachte so den Nachmittag recht vergnügt mit ländlichen Spielen: Schaut euch nicht um, der Fuchs geht herum; Gut Bier feil, und besonders Versteckens und so weiter zu. Der romantische Bullenwinkel bestand aus einigen Wirtschafts- und Ökonomiegebäuden, die an den Ufern eines mit Erlen, Eschen und Weiden besetzten Baches lagen. Die Gesellschaften waren immer einige zwanzig bis dreißig Personen und mehr stark, und die Blüte der Kolberger Frauen und Mädchen kam da zusammen, um Kaffee oder auch Buttermilch zu schlürfen und neue Bekanntschaften zu machen, während die Männer und Väter dieser Damen ganz ruhig auf ihren düsteren Schreibstuben bis zum Untergang der Sonne arbeiteten und in Kaffee, Zucker, Weinen und so weiter spekulierten. Mit einem anderen jungen Offizier, dem Leutnant Willmann, hatte ich nähere Freundschaft geschlossen, so daß wir uns unsere Abenteuer und Verbindungen gegenseitig mitteilten und einander behilflich waren. Seine Auserkorene war eine junge Witwe, die Kriegsrätin W., eine ziemlich türkische, das heißt korpulente Schönheit, denen ich nie einen Geschmack abgewinnen konnte; dagegen hatten Madame G... und ihre Cousine beide Sylphidengestalten, erstere war aber von einem so zarten Nervenbau, daß sie vor lauter Entzücken oder auch aus Ärger und Gemütsbewegung leicht in einen völlig bewußtlosen Zustand versank und bis zur Beängstigung in demselben verblieb. Bald merkte sie, daß ich mit der Frau Doktor M. auf einem freundschaftlicheren Fuß stand, als ihr lieb war, was zu Neckereien und unangenehmen Szenen Veranlassung gab. Als eines Nachmittags im Bullenwinkel wieder Verstecken gespielt wurde, hatte mir ihre Cousine leise zugeflüstert: „Ich verstecke mich in das hohe Federbett der Wirtin, dort findet mich gewiß niemand.“ – „Außer mir,“ erwiderte ich. – „Das dürfen Sie nicht, weil ich es Ihnen gesagt habe.“ – „Nun, wir werden sehen.“ – Als alle versteckt waren, schlich auch ich mich in die Schlafkammer der Wirtin, wo ich richtig die Frau Doktorin fand, die ihr allerliebstes Köpfchen aus den berghohen Federbetten der Wirtin streckte. – „Beste Frau Doktorin,“ ließ ich mich vernehmen, „ich kann Ihnen nicht helfen, aber ich weiß keinen anderen Platz zum Verstecken zu finden, als bei Ihnen im Bett.“ – „Ja unterstehen Sie sich!“ – „Und warum nicht?“ Ich unterstand mich und war mit einem Hui in den Federmassen, unter der Decke und mit der liebenswürdigen Frau vereint. – „Aber mein Gott, wenn man uns hier zusammen findet!“ – „Man wird uns nicht finden, ich habe es mit der Wirtin abgemacht, lassen Sie uns also den günstigen Augenblick benützen.“ – Sophie wollte protestieren, mich wieder hinaus haben, aber ich war nicht der Mann, der, einmal in einer Festung, diese so leicht wieder aufgab, da half kein Sträuben und Ach; aber plötzlich knarrte die Tür, und ich schlüpfte tief unter die schwere und breite Bettdecke, bis zum Ersticken zugedeckt. Es war Madame G..., die mich überall gesucht hatte und endlich auf den Einfall gekommen war, zu sehen, ob ich mich nicht in der Wirtin ihr und mir schon wohlbekanntem Schlafzimmer befände. Sie trat an das Bett, und ihre Cousine mit sehr erhitztem Aussehen in demselben liegen findend, sagte sie: „So, du hast dich hier verborgen, das ist so übel nicht, ich will mich mit dir zusammen verstecken.“ – „Bewahre der Himmel, das geht nicht, wo denkst du hin.“ – „Ich sehe nicht ein, warum ...“ – „Nein, das leide ich ein für allemal nicht, du gehst deiner Wege.“ – Aber Madame G... war nicht die Frau, die sich so leicht abschrecken ließ, und zog und zerrte schon an der Bettdecke, welche die Doktorin um so fester an sich hielt, wobei ich ihr unterbettischerweise so behilflich war, daß es der Madame G... nicht gelang, die Decke herabzureißen, und so entstand ein gewaltiges Hin- und Herzerren. Da beide Cousinen sehr laut wurden, so daß ich fürchtete, noch andere Personen möchten dazu kommen, entschloß ich mich, der Sache rasch ein Ende zu machen, warf die Decke von mir, sprang zum Bette heraus und stellte mich zwischen beide, fast gleich verblüffte Damen, suchte sie zu besänftigen, indem ich ihnen vorstellte, daß sie beide gleiches Interesse hätten, daß die Sache verschwiegen bliebe und der türkische Sultan ja ein paar hundert Frauen zumal habe, ich also wohl auch zwei Geliebte auf einmal besitzen dürfe, besonders da ich beide gleich heftig liebe, wie sie versichert sein könnten. Um dieser Versicherung mehr Nachdruck zu geben, küßte ich beide abwechselnd, wenn schon Madame G... sich gewaltig sträubte; die Doktorin aber, die sich besser in das Geschehene zu finden wußte, rief ihr zu: „So ziere dich doch nicht so, Minchen, es ist jetzt einmal nicht anders, und dann bleibt’s ja unter der Verwandtschaft.“ – Es wurde endlich, wenigstens scheinbar, der Frieden geschlossen und besiegelt, wir begaben uns alle drei wieder zur Gesellschaft, nahmen kühlende Buttermilch zu uns und spielten dann wieder: Schaut euch nicht um, der Fuchs geht herum, bis mit der Dämmerung ich beide Cousinen am Arm heim führte. Madame G... konnte aber diesen Vorfall nicht so leicht verschmerzen, sondern spielte die Eifersüchtige fort, ließ soviel wie möglich alle meine Schritte beobachten und durch eine ihrer Mägde sogar meinen Burschen bestechen, der mir jedoch alles wieder rapportierte und, von mir gehörig instruiert, nur sagte, was ich für gut fand, ihn sagen zu lassen. Indessen ließ sie dennoch ihre Cousine so genau bewachen, daß es dieser fast unmöglich wurde, einen Schritt zu tun, ohne daß es Madame G... erfahren hätte, die es so einzurichten verstand, daß wir uns fast nie allein sprechen konnten. Um dies bewerkstelligen zu können, kam ich mit der Frau Doktorin überein, daß sie eine kleine Reise zu einer nahen Anverwandten nach dem fünf Meilen von Kolberg entfernten Köslin machen und ich für einige Tage Urlaub dahin nehmen solle, das Vorhaben aber so geheim zu halten, daß Madame G... vor unserer Abreise nichts erfahre. Dies glückte, und um sie irre zu führen, hatten wir hinterlassen, daß Sophie nach Treptow und ich nach Köslin gegangen sei, fanden uns aber schon eine halbe Meile hinter Kolberg zusammen und setzten nun den Weg nach Köslin in einem offenen Wagen fort.
Nachdem ich mit Sophie den dreitägigen Aufenthalt in Köslin auf das beste benutzt hatte und bei ihren Verwandten sehr gut aufgenommen worden war, fuhr ich einen Tag früher ab, damit man in Kolberg, namentlich Madame G..., weniger argwöhnisch sein und uns nicht auf die Spur kommen möge. Aber die Dame hatte bereits Verdacht geschöpft, da ihre Cousine ihr kein Wörtchen von der Reise mitgeteilt. Bald kam sie auch durch ihre Spione hinter die Wahrheit, und es setzte Szenen in der Doktorin Wohnung, wobei die nervöse Madame G... furchtbare Krämpfe bekam und in gänzliche Bewußtlosigkeit fiel. Um der Doktorin den Streich wett zu machen, veranstaltete sie nun gleichfalls eine kleine Lustreise, wobei ich ihr schwören mußte, das Vorhaben ihrer Cousine nicht zu verraten, ein Schwur, den ich aber nicht hielt, und da ich wußte, daß Sophie weit vernünftiger als Minchen war, ihr die Sache mitteilte, worauf wir beide herzlich darüber lachten. – Diesmal sollte die Fahrt auf das Gut eines pommerschen Landedelmannes gehen, mit dem der Mann der Madame G... einige nicht sehr bedeutende merkantilische Geschäfte machte und der der Dame einst en passant hingeworfen hatte, sie möge ihn doch einmal auf seinem Gut besuchen. Madame G... arrangierte nun eine Partie dahin, wozu sie auch noch außer mir Herrn und Madame Sparschuh und ein Fräulein von Bajinsky einlud, um die Sache nicht zu auffallend zu machen. Wir fuhren eines Sonnabends nachmittags ab und langten erst gegen neun Uhr abends in dem Dorf des Edelmannes an. Je näher wir kamen, desto ängstlicher wurde Madame G..., die anfing, einzusehen, daß sie auf eine so oberflächliche Einladung hin wenigstens nicht noch vier fremde Personen hätte mitbringen sollen, und erst nahe bei dem Dorf entdeckte sie mir und den anderen ihre Bedenklichkeiten. Ich war sogleich dafür, daß wir anderen in der Schenke des Dorfes übernachten müßten, während Madame G... allein von der Einladung des Edelmannes Gebrauch machen solle, aber dies wollte sie ebensowenig, namentlich nicht, daß ich mit dem Fräulein von Bajinsky, einem niedlichen jungen Mädchen, der Tochter eines pensionierten Majors, ohne sie unter einem Dache schlafen sollte. Auch war der Krug in dem Dorf so beschaffen, daß wir alle in einer Kammer auf einer Streu hätten liegen müssen. Wir hielten indessen am Krug an, von wo sich Madame G... allein nach dem Schloß des Edelmannes begab und diesem, indem sie ihm ihren Besuch ankündigte, zu gleicher Zeit auf eine Weise mitteilte, daß sie in Gesellschaft von noch vier Personen gekommen, die im Krug geblieben, daß der gute Mann wohl nicht anders konnte, als ihr den Vorschlag zu machen, sie zu ihm zu bringen; sie kam nun triumphierend zurück, uns einladend, ihr zu folgen. Wir wurden indessen ziemlich frostig empfangen, besonders von der gnädigen Frau, die, Unwohlsein vorschützend, sich bald, nachdem sie uns gemustert, wieder entfernte, uns dann durch einen Bedienten unsere Zimmer anweisen – zum großen Verdruß der Madame G... eines für die Damen mit drei Betten und ein anderes für die Herren – und uns auch ein ziemlich frugales Abendessen auf denselben servieren ließ, nach welchem wir alle etwas verstimmt und kleinlaut uns zur Ruhe verfügten, da wir niemand von dem Haus mehr zu sehen bekamen. Den anderen Morgen wurde uns um acht Uhr der Kaffee gebracht, und der aufwartende Bediente teilte uns mit, daß sich seine Herrschaft bestens entschuldigen lasse und bedaure, uns nicht mehr sehen zu können, sie habe aber mit Tagesanbruch auf ein benachbartes Gut fahren müssen, dessen Eigentümer sie diesen Besuch schon vor vierzehn Tagen versprochen. – Dies war denn doch ein wenig zu arg, ich dankte für das Frühstück, befahl sogleich anzuspannen, die übrigen waren vollkommen meiner Meinung, und den Domestiken fünf Taler in Gold als Trinkgeld hinwerfend, verließen wir den gastfreien Edelhof und waren zu Mittag wieder in Kolberg zurück, samt und sonders von dieser Pläsierreise wenig erbaut und Madame G... ein wenig beschämt. – „Der soll mir aber nach Kolberg und zu uns kommen,“ sagte sie wohl hundertmal unterwegs, „ich will ihm wieder mit Ungarwein aufwarten, dem Flegel!“ Niemand war über dies Resultat erfreuter als Frau Doktor M., der ich alles nebst den kleinsten Nebenumständen mitteilte und die sich darüber kindisch freute und halbtot lachen wollte. Ich hatte indessen bei dieser Gelegenheit nähere Bekanntschaft mit dem liebenswürdigen Fräulein Bajinsky gemacht, die ich nun auch bald auf mein Register setzen zu können hoffte. Ich gefiel mir immer mehr in Kolberg und hatte eben einen Wechsel von vierhundert Talern von Haus erhalten, die mir der Bankier Mendelsohn in Berlin bei dem Haus Plüddemann in Kolberg, einem der reichsten Kaufleute, anwies, und da dies schnell in der Stadt herumkam, so galt ich für sehr reich, und alle Leute waren jetzt noch dreimal so artig wie früher gegen mich. Den hübschen Töchtern meines Bataillonschefs sowie der elfjährigen Tochter des Kommandanten gab ich Unterricht in der französischen Sprache und im Singen. So war ich sehr gern gesehen und erhielt mehr Einladungen, als mir lieb war; eine junge Majorin von G... bat mich ebenfalls, ihr doch einige Stunden auf der Gitarre geben zu wollen, was ich unmöglich ausschlagen konnte, da es nicht nur eine hübsche, sondern auch sehr geistreiche Frau war. Nach vielen Bemühungen brachte ich auch ein kleines Liebhabertheater zustande und wurde sogar in der Harmonie zum Maître des plaisirs et des cérémonies ernannt. Ich arrangierte nun Extrabälle, kleine Konzerte, gab alle Gesellschaftsspiele an und war in der Tat l’enfant chéri des dames, und auch hier mußte mir die zum Turm der Marienkirche führende Treppe bei den gefährlichsten und geheimsten Rendezvous zum verschwiegensten Gelegenheitsmacher dienen. Eine dieser Damen, die von ihrem Gatten, einer hohen Militärperson, sehr überwacht wurde und deren Gängen man nachspürte, machte den Abend, wenn wir ein Stelldichein in dem Turm verabredet hatten, drei bis vier Besuche in verschiedenen Häusern, bevor sie sich im Turm einfand, um im Notfall eine gute Ausrede zu haben und besser ein Alibi beweisen zu können. – Auch an Heiratsanträgen, die mir so unter der Hand angegeben wurden, fehlte es nicht; es waren meist hübsche und reiche Mädchen, mit denen mich gefällige Basen und Tauten, trotzdem meine galanten Aventüren so ziemlich bekannt waren und Aufsehen erregten, beglücken wollten. Schöne und reiche Mädchen waren die Fräulein von Gundenreich, von denen man mir die älteste durchaus freien wollte. Aber kaum sechsundzwanzig Jahre zählend, hatte ich noch wenig Sinn für Hymens Freuden in der Ehe, und ebensowenig Wert hatte der Mammon für mich.
So kam allmählich der Winter heran. Hauptmann von Pfündöl und ich erhielten sehr freundliche Einladungen von Pogwischs in Berlin, einen sechswöchentlichen Urlaub zu nehmen und sie zu besuchen. Trotz aller Freuden, die mir jetzt in Kolberg blühten, ließ ich mich doch bereden, die gutgemeinte Einladung anzunehmen, auch hatte ich so halb und halb die Absicht, die Versetzung an den Rhein auszuwirken. Ich erbat und erhielt Urlaub und machte mich vierzehn Tage vor Weihnachten mit Pfündöl auf den Weg nach Berlin. Bis Naugarten hatten wir Extrapost genommen und uns dann in den von Danzig kommenden Postwagen gesetzt, in dem wir eine liebenswürdige Polin, die Gattin eines polnischen Ulanen-Rittmeisters, der bei der Armee in Frankreich stand, trafen, die ebenfalls nach Berlin und von da weiter nach Frankreich zu ihrem Mann reiste und gut französisch sprach, das Pfündöl, der außerdem schon ein Sechziger war, so wenig verstand wie die anderen Passagiere. Ich fand die junge Frau, die aus Königsberg kam, allerliebst und konnte mich um so ungestörter mit ihr unterhalten, als niemand verstand, was wir sprachen. Es war schon neun Uhr abends, als wir in Berlin ankamen, was ich zum Vorwand nahm, um nicht sogleich zu Pogwischs zu gehen, sondern im ‚Goldnen Engel‘, wo ich schon früher logierte, mit der Frau Rittmeisterin abzusteigen, worauf auch Pfündöl einging, da er seine Verwandten nicht noch so spät inkommodieren wollte. Ich schlich mich nach elf Uhr auf Kathinkas nicht verschlossenes Zimmer, in dem noch Licht brannte, sie lag aber schon mit hochwallendem, zur Hälfte entblößtem Busen im Bette und schlief, oder wenigstens tat sie so. Ich weckte die Scheintote mit Küssen, die sich nun stellte, als erwache sie aus tiefem Schlaf. Es war aber schon zu spät, ihre Unschuld zu retten, aber immer noch früh genug, um im Hochgenuß mitfühlend zu schwelgen. Ihre bald weitgeöffneten schwarzen Feueraugen verrieten alle Glut hoher Lust, die Frau war so üppig und reizend gebaut, daß ich selbst in Spanien nie einen schöneren Frauenkörper kennen gelernt; erst gegen Morgen verließ ich das Zimmer der schönen Polin wieder, kleidete mich an und begab mich dann in das Pfündöls, um mit diesem zu frühstücken und hierauf zu Pogwischs zu fahren, wo wir mit großem Jubel empfangen und freudig aufgenommen wurden. Die Frau Rittmeisterin verweilte mir zu Gefallen noch acht Tage in Berlin, das sie noch nicht kannte und das sie kennen zu lehren, ich mich der Mühe unterzog. Wir führten sie bei Pogwischs ein, wo sie während ihres kurzen Aufenthaltes täglich in dem gastfreien Haus zu Tische geladen wurde. – Minchen Pfeifer, bei der wir den anderen Tag die Aufwartung machten, war unterdessen förmlich die Braut des bei dem Armeekorps in Frankreich stehenden Regimentschirurgus geworden; dies hinderte nicht, daß wir das frühere Verhältnis wieder anknüpften, obgleich sie, als sie von Pogwischs erfuhr, daß ich wiederkommen würde, diesen gesagt hatte: „Wenn Herr Fröhlich kommt, so suchen Sie doch ja zu verhindern, daß er mich unter den jetzigen Umständen besucht.“ Als sie mir bei der ersten Visite, die ich mit Pfündöl machte, zuflüsterte: „Nun, werde ich Sie recht oft bei uns sehen?“ erwiderte ich ihr: „Sie haben es sich ja verbeten.“ – „Ach, das war nicht so gemeint,“ versetzte sie, „aber man muß den Leuten ein wenig Sand in die Augen streuen, damit man nicht für so leichtsinnig gehalten wird; wir können indessen immer zusammen musizieren, wenn ich auch Braut bin, das tut nichts, aber versteht sich alles in Ehren.“ – „Ja, mein Fräulein, in Ehren kann man alles tun, und so wollen auch wir es machen.“ – Wir sangen nun wieder öfters miteinander und trugen die Duette, wenn wir allein waren, mit so großem Ausdruck und so handgreiflicher Aktion vor, daß auch der strengste Kritiker und Rezensent hätte bezeugen müssen, daß die vollkommenste Natur dabei herrschte. – Auch auf dem Schloß machte ich meine untertänigste Aufwartung bei der Prinzessin Wilhelm, die mich wieder sehr freundlich empfing und mich unter anderem fragte, wie es mir in den preußischen Diensten gefalle, worauf ich ein: „Vortrefflich, Hoheit!“ erwiderte. Während meines Aufenthaltes in Berlin wiederholte ich noch einige Male meine Aufwartung. – Nachdem acht Tage verflossen, setzte die schöne Polin ihre Reise nach Frankreich fort, und ich wurde dadurch freier in meinem Tun und Treiben. Der diesmalige Aufenthalt in Berlin war noch unterhaltender für mich als der frühere, denn wir machten viele neue Bekanntschaften, da wir Empfehlungsbriefe von in Kolberg garnisonierenden Offizieren an deren Verwandte mitgebracht hatten, wodurch wir viele Einladungen erhielten, die uns manche angenehme Stunde hinbringen halfen. Unter anderen lernte ich auch die liebenswürdige Gattin des Herrn von L..., eines Abgeordneten aus Stralsund, das eben erst preußisch geworden war und deshalb Deputierte nach Berlin gesandt hatte, kennen, sowie eine Justizrätin von M... und eine Oberstin von M... Jede dieser Damen war gleich anziehend für mich, und lange schwankte ich, welcher ich den Vorzug geben solle; die Munterkeit und das heitere Wesen der Justizrätin machte bald, daß ich mich vorzugsweise für diese entschied. Sie war eine Schwägerin der Frau von L..., und ich hatte nun freien Zutritt in all diesen Häusern, wo ich manche höchst vergnügte Stunde zubrachte. Dabei hatte ich auch einige der älteren Bekanntschaften wieder erneuert, namentlich die der reizenden Schauspielerin Demoiselle D..., die aber, wie sie mir selbst gestand, jetzt Besuche von einer hohen Person erhielt und mich deshalb nur verstohlen empfangen konnte. Mein Verhältnis mit der Justizrätin wurde indessen durch einen unangenehmen Zufall bald unterbrochen. Ich hatte eines Morgens einen Korb mit schönen Austern an dieselbe durch meinen Bedienten geschickt und ihr in einem Billettchen dazu geschrieben, daß ich mich um elf Uhr – die Zeit, wo ich wußte, daß ihr Mann in Amtsgeschäften sei – bei ihr einfinden würde, um die delikaten Schaltiere mit ihr zu frühstücken. Das in unser Geheimnis eingeweihte Stubenmädchen empfing den Korb, etwas später mich, und wir aßen die Austern fröhlich zusammen und ließen sie in süßem Ungarwein schwimmen. Alles ging nach Wunsch und lief ungestört ab. Vor ein Uhr entfernte ich mich, weil nach dieser Stunde der Herr Gemahl sich zum Mittagessen einzufinden pflegte. Nun hatte aber das unbesonnene Mädchen die Austernschalen auf einem Wasserstein in der Küche stehen lassen, und als Herr von M... gegen zwei Uhr kam und zufällig gegen seine Gewohnheit einen Blick in die Küche warf, um zu fragen, ob das Essen fertig sei, sah er die Austernschalen. – „Was ist denn das?“ fragte er das erschrockene Mädchen, das nach einigem Zögern stotterte: „Madame hatte plötzlich ein so großes Gelüst nach Austern, daß ich deren holen mußte.“ – „So, und wie mir scheint, eine ziemliche Quantität; da sind ja mehr als hundert Schalen.“ – Der Justizrat eilte nun in das Wohnzimmer und sagte zu seiner Frau: „Du hast heute morgen Austern gegessen?“, worauf sie erschrocken versetzte: „Ich glaube, es träumt dir, mein lieber Mann.“ – „Wie, die ganze Küche liegt voller Schalen, und das Mädchen sagte mir, du habest plötzlich eine so große Lust nach diesem Leckerbissen gehabt, daß sie deren habe holen müssen. Ich hätte nichts dagegen, wenn es ein Dutzend gewesen wäre, aber über ein Hundert, das kostet ja an zwei Friedrichsdor.“ – Die Frau sah jetzt wohl ein, daß sie die Sache auf Rechnung ihrer Genäschigkeit schieben müsse, und dankte Gott, auf diese Weise, doch mit einem wenn auch etwas derben Verweis davonzukommen, indem der Mann sagte: „Du bist ja doch nicht in der Hoffnung, soviel ich weiß, und wäre es, gleich ein Hundert zu verzehren, dergleichen Sprünge verbitte ich mir, sonst werde ich dir einen Riegel vorschieben, der dich verhindern soll, künftig so extravagante Ausgaben zu machen; ein Hundert Austern, solche Depense macht der König nicht!“ – So wäre die Sache abgemacht gewesen, wenn der Justizrat nicht zwei Tage darauf ein anonymes Billettchen erhalten hätte, in dem man ihm schrieb: „Sie sind sehr schwachköpfig, zu glauben, daß Ihre Frau die Austern – es waren ihrer anderthalb Hundert – allein verspeist habe. Sie hat sie bei einem tête-à-tête mit einem Offizier gegessen, und beide haben Ungarwein dazu getrunken.“ – Jetzt war der Teufel los, der Mann rannte heim, stellte seine Frau zur Rede, examinierte als geübter Jurist wie in einem peinlichen Verhör die Mägde, aber alle leugneten beharrlich, schrien über schändliche Verleumdung, und seine Frau sagte: „Mein Gott, siehst du denn gar nicht ein, lieber Mann, daß dich irgendein Spaßvogel zum besten hat und den Austernschmaus zum Vorwand nimmt, um dich zu hetzen, Zwietracht unter uns zu stiften und sich dann ins Fäustchen zu lachen? Besinne dich nur, mit wem du von der Sache gesprochen, und es muß dir klar werden, wer den Wisch geschrieben.“ Die Zofen stimmten so kräftig mit den Worten ihrer Herrin überein, daß es dem armen Mann ganz schwül wurde und er endlich den Gläubigen spielte; in der Tat hatte er mit einigen Freunden von der Nascherei seiner Frau gesprochen, aber dennoch traf er solche Anstalten, daß dergleichen Frühstücke oder Soupers wenigstens in seinem Hause künftig unmöglich wurden. Dagegen fand sich Gelegenheit, uns außerhalb desselben zu entschädigen. Wer den anonymen Brief geschrieben, konnten wir nicht herausbringen, aber wahrscheinlich hatte eines der Mädchen, das einen Liebhaber gehabt, geplaudert, und so war die Sache weiter gekommen und wurde dann in den Berliner Salons, mit allerlei Zusätzen ausgeschmückt, erzählt. Meine alte Liebhaberei, zu einer Garde zu kommen, erwachte auch hier wieder, als ich der Musterung der königlich preußischen Garden, die von Paris zurückgekommen waren, beiwohnte, und die nicht nur eine vortreffliche militärische Haltung, ein martialisches Aussehen hatten, sondern auch fast ausgesucht schöne und noch junge Leute und sehr elegant und geschmackvoll uniformiert waren, namentlich die Kavallerie, besonders die Ulanen und Husaren. Da ich nun in den Soireen und bei Diners mehrere Generäle, unter anderen auch den Geheimrat Schmalz kennen gelernt und außerdem an der Prinzessin Wilhelm eine einflußreiche Beschützerin hatte, so hoffte ich wohl mein Vorhaben durchsetzen zu können, aber vergeblich; man machte mir wenig Hoffnung. Es hieß, daß nicht nur alle Garderegimenter vollzählig seien, sondern auch überdies eine große Zahl aggregierte Offiziere hätten; das Haupthindernis mochte indessen wohl sein, daß ich nicht zu der Klasse derer gehörte, die man von Adel nennt, gewiß eines der albernsten und stupidesten Vorurteile, welche menschliche Dummheit je geschaffen! Ich hatte indessen Gelegenheit gehabt, bei einem großen Diner, das im Börsensaal gegeben wurde und wozu Pfündöl und ich von einem Oberst Scholten von der Artillerie, von dessen Sohn wir an ihn empfohlen worden waren, eingeladen worden, den so tapferen als hochehrwürdigen Feldmarschall Fürsten Blücher kennen zu lernen, ohne den schwerlich Deutschland von dem napoleonischen Sklavenjoch jemals befreit worden wäre, ohne den die Verbündeten noch weniger Paris erblickt haben würden und ohne den die Schlacht bei Waterloo, wo Wellington mit seinen Engländern schon vollkommen geschlagen war, – und mit ihr die deutsche Sache, – wieder verloren gewesen wäre. Nie hat mich ein Mann in so hohem Grade angesprochen wie Blücher. Ich hatte nur Gelegenheit, wenige Worte mit ihm zu wechseln, aber was er sagte, war voll Kraft und Wahrheit. Biederkeit leuchtete aus seinen Augen und ging aus jedem seiner Worte hervor; vor diesem greisen Helden fühlte ich mich von Ehrfurcht und Hochachtung durchdrungen, während ein Napoleon nur ein unheimliches und unangenehmes Gefühl in mir erregt hatte und ich keine Spur von Achtung empfand.
Die Weihnachten waren herangekommen. Mit ihnen wurde es auch in Berlin recht lebendig, der ganze Weihnachtsmarkt war mit grünen Pyramiden, Spiel- und anderen Waren und den schönen und eleganten Kindern Berlins, zum Teil in kostbare Pelze gehüllt, von morgens bis abends angefüllt, was mir Gelegenheit gab, diese lebendigen Christpuppen die Musterung passieren zu lassen, manchen von ihnen auch in den nahegelegenen Konditorladen Josty oder den entfernteren eleganten des Konditors Fuchs unter den Linden zu folgen, wo sich die schöne Welt versammelte, unter grünen Laubdächern flüssige und kompakte Süßigkeiten einnahm und der Harmonie einer hinter Gebüsch und Teppichen verborgenen Musik zuhörte. Fast alle Konditorläden, welche von den Berlinern und besonders den schönen Berlinerinnen fleißig besucht werden, haben um diese Zeit sogenannte Ausstellungen, das heißt, es werden ganze Szenen aus Opern oder Schauspielen, ganze Volksfeste, wie der Stralauer Fischzug und so weiter, aus Figuren und Dekorationen von Kraftmehl in einem solchen Laden ausgestellt, die manchmal so meisterhaft ausgeführt sind, daß sich selbst ein Canova ihrer nicht zu schämen hätte. So entsinne ich mich, unter anderen eine Szene aus Wallensteins Lager von Schiller, die ein vollendetes Meisterstück genannt werden konnte, in einem Konditorladen unter den Linden gesehen zu haben; nicht allein, daß die Gruppierungen und der Ausdruck in den Gesichtern und den Stellungen ganz vortrefflich waren, sondern alle Figuren und Gesichter sahen den Schauspielern, welche die verschiedenen Rollen gaben, so sprechend ähnlich, daß man sie auf den ersten Blick erkannte, namentlich war dies mit dem Komiker Wurm und mit Devrient, der den Kapuziner machte, der Fall.
Bei meinen freundlichen Wirten veranstaltete ich eine kleine Bescherung, zu der auch Minchen Pfeifer und noch einige andere Damen eingeladen wurden. Ich bestellte einen ungeheuren Baumkuchen, ein in Berlin sehr beliebtes Gebäck, bei Josty und besteckte ihn mit allerlei kleinen Gaben, deren Bestimmung durch Zettelchen angedeutet war und die meist aus kleinen Bijouterien bestanden. Der Hauswirtin aber verehrte ich noch besonders ein Teeservice von Porzellan, von dem sie eine große Freundin war und das ich in der königlichen Porzellanfabrik erstanden hatte. Auch das Neujahr ging recht vergnügt herum. Herr von Pogwisch arrangierte einen kleinen Ball, auf dem wir bis gegen Morgen tanzten. Die Karnevalszeit brachten wir ebenfalls recht fröhlich zu. Ich besuchte die prächtigen Redouten im Opernhaus, die freilich mit denen in San Carlo in Neapel unter Murat nicht verglichen werden konnten, aber trotzdem sehr glänzend waren und Freuden die Fülle gewährten, namentlich durch die Porzellanfuhren, die ich mit meinen Bekanntinnen machte und deren ich oft zwei bis drei in einer Nacht mit verschiedenen Damen veranstaltete. Für diejenigen, die Berlin nicht kennen, muß ich mit ein paar Worten erklären, was es mit diesen Fuhren für eine Bewandtnis hat. Während der Redouten halten beständig eine ziemliche Anzahl großer und bequemer Wagen vor dem Opernhaus, bereit, diejenigen aufzunehmen, die sich paarweise von dem Ball schleichen, um sich in einer solchen Karosse recht bequem längs der Linden auf- und niederfahren zu lassen. Diejenigen, die sonst keine Gelegenheiten oder nur sehr schwer zu Zusammenkünften haben können, finden sie hier am besten, denn wie leicht kann man sich nicht in einem solchen Gewühl unbemerkt auf ein halbes Stündchen entfernen und von lästigen Bewachern trennen.
Etwas, das mir großes Vergnügen machte, war, daß man während meiner diesmaligen Anwesenheit die ‚Zauberflöte‘, die seit vielen Jahren in Berlin nicht mehr gegeben worden war, neu einstudiert, neu dekoriert – die herrlichen Dekorationen waren von Schinkel – und neu kostümiert, wieder in Szene setzte. Bei einer Vorstellung dieser Oper, der ich in einer Loge des ersten Ranges beiwohnte, führte mich der Zufall in die Nähe von ein paar Damen, die in der Nebenloge saßen, von denen die eine, kaum siebzehn Jahre alt, das schönste blondgelockte Engelsköpfchen hatte, das ich in meinem Leben sah. Die andere redete sie immer mit Luise an. Sie war wirklich so auffallend schön, daß während der ganzen Darstellung die Operngläser nicht aufhörten, sie zu lorgnettieren und sie der Gegenstand einer allgemeinen Bewunderung war, denn man sah fast mehr nach ihr als auf die Bühne. Da die Damen ganz vorn saßen, ich aber in meiner Loge etwas zurück, so war es mir unmöglich, eine Unterredung mit ihnen anzuknüpfen. Mit Ungeduld erwartete ich das Ende der Oper, um womöglich ihre Wohnung ausfindig zu machen. Auch folgte ich ihnen nach Schluß an den Wagen, der aber so rasch davonfuhr, daß ich trotz allem Rennen denselben bald aus den Augen verlor; gerne wäre ich hinten aufgesprungen, wenn mich nicht der da befindliche Bediente abgehalten hätte. Ein paar Tage trug ich mich mit dem Bild dieser Luise herum; die Logenschließerin konnte mir keine Auskunft geben, und obgleich ich alle Hunde losließ, so blieb doch jede Erkundigung fruchtlos. Schon hatte ich es aufgegeben, das Mädchen je wiederzusehen, und sie mir also aus dem Sinn geschlagen, als ich eines Sonntags gerade bei Beendigung der deutschen Kirche auf dem Gendarmenmarkt über diesen Platz ritt und plötzlich unter der herausströmenden Menge die so lange gesuchte Schöne wiedererblickte, als sie aus der Tür trat. Diesmal sollst du mir nicht mehr entwischen, sagte ich zu mir selbst, indem ich mir vornahm, ihr in einiger Entfernung zu folgen und es dabei verwünschte, daß ich gerade zu Pferde sein mußte. Das Roß gehörte Herrn von Pogwisch und war ein sehr schönes aber etwas wildes Tier. Um mich meiner Schönen bemerkbar zu machen, setzte ich die Schenkel an, ließ es kurbettieren, sich hochbäumen; aber unglücklicherweise war etwas Glatteis auf dieser Stelle, die Eisen waren nicht geschärft, es glitt aus und stürzte mit mir, so daß ich unter das Tier zu liegen kam und lange brauchte, ehe ich mich hervorarbeiten konnte. Glücklicherweise war es auf die Seite gefallen, so daß ich mit einigen Quetschungen davonkam, denn hätte es sich überschlagen, so hätte ich sicher den Hals gebrochen. Ich war sogleich von einem Haufen Neugieriger umringt, von denen einige behilflich waren, mir aufzuhelfen. Meine Uniform, Beinkleider, die silberne Schärpe waren ganz beschmutzt und mein Federhut zerdrückt. Der Vorfall machte weit mehr Aufsehen, als mir lieb war, und ich hinkte, mein Pferd an der Hand führend und mich verschämt durch die Kirchenleute drängend, möglichst schnell in eine Seitengasse. Was mir bei der Geschichte das unangenehmste, war, daß ich die langgesuchte Schöne zum zweitenmal und wahrscheinlich für immer aus dem Gesicht verloren hatte, und sie mir, wie ich glaubte, nun auch für immer aus den Gedanken schlagen mußte.
Der Kommandant von Spandau war ein alter Kriegskamerad von Pfündöl, den er zu besuchen sich vornahm. Er lud mich ein, ihn zu ihm zu begleiten. Ich kannte das berüchtigte Spandau noch nicht und willigte daher mit Vergnügen in den Vorschlag; auch Pogwisch war mit von der Partie, und wir ritten eines Morgens früh nach Spandau ab. Als wir in das alte Nest kamen, hatte ich beinahe einen Schauder, und es war mir ganz unheimlich zumute; besonders machte die feste Zitadelle einen schlimmen Eindruck, und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn du hier einmal als Staatsgefangener dein Leben beschließen müßtest? – Beim Kommandanten wurden wir aber so wohl aufgenommen und so gut bewirtet, daß ich schnell wieder andere Gedanken bekam. Als wir nach Tisch alle Spandauer Herrlichkeiten und Traurigkeiten besehen hatten und uns zur Heimkehr nach Berlin anschicken wollte, da fiel es Pogwisch ein, noch einen alten Major, einen Freund seines verstorbenen Vaters, aufzusuchen, wohin wir ihn begleiteten. Als wir bei dem braven Mann eintraten, saßen zwei Damen auf dem Sofa, die, uns bewillkommnend, sich sogleich erhoben. Aber kaum traute ich meinen Augen: in der einen derselben erkannte ich sogleich meine so lange gesuchte Luise! – Vor freudigem Erstaunen war ich fast starr und sprachlos. Das holde Mädchen, in einem sehr einfachen weißen Kleid, sah lieblicher aus wie ein Seraph und so frischblühend, als sei es die eben den Meereswogen entstiegene Aphrodite, die unmöglich reizender gewesen sein kann als dieses sozusagen in Lieblichkeit und Anmut schwimmende Kind, ein Engel scheinend, wie sie vor Gottes Thron schweben müssen. Der invalide Major hieß uns freundlich willkommen und stellte uns den Damen vor, wovon die älteste seine Schwester, die Oberstleutnant von D..., und die jüngere deren Tochter, seine Nichte war. Nie in meinem Leben habe ich das banale: „Es freut mich außerordentlich, Ihre werte Bekanntschaft zu machen,“ mit mehr Wahrheit als diesmal ausgesprochen, und noch glücklicher fühlte ich mich, als ich erfuhr, daß die Damen sich nur zur Geburtstagsgratulation ihres Bruders und Oheims hier eingefunden und diesen Abend ebenfalls nach Berlin zurückzufahren gesonnen seien, wo sie in der Kronenstraße wohnten; daß wir sie eskortieren würden, nahm ich nun als ausgemacht an. Wir verweilten noch anderthalb Stunden in ihrer Gesellschaft, während welchen ich Luisens Mutter um die Erlaubnis bat und sie erhielt, ihr in Berlin meine Aufwartung machen zu dürfen. Bei der Rückreise wich ich nicht vom Schlag der Kutsche und unterhielt mich auf das anziehendste mit dem ebenso geistreichen als schönen Mädchen, während Mama bald in Morpheus Armen ruhte. Tief in der Nacht oder vielmehr nach Mitternacht kamen wir bei der Wohnung der Damen an, die in geringer Entfernung von der unsrigen war, und erst jetzt bemerkte ich, daß ich längst meine beiden Reisegefährten verloren hatte. Was so nahe war, hatte ich so lange und so weit gesucht; so geht es aber in der Regel. Noch eine ganze Stunde mußte ich zu Hause auf die Rückkunft meiner beiden Begleiter warten, die ganz gemächlich angeritten kamen und mit dem viel rascher fahrenden Wagen nicht gleichen Schritt hatten halten wollen; als ich sie deshalb zur Rede stellte, erwiderten sie mir: „Uns spornt auch kein Gott Cupido!“ – Ich hatte jetzt fast für nichts mehr Sinn, als dem schönen Fräulein von D... emsig den Hof zu machen, wozu mir wieder die Musik den Weg bahnte und Gelegenheit gab, da Luise eine schöne Stimme hatte und gut sang. Die neue Bekanntschaft machte mich glut- und feuersprühend wie noch wenige, aber vergeblich, denn Mama ließ das schöne Töchterchen, das selbst noch ein gar schüchternes Täubchen war, auch keine Sekunde allein; ein verstohlenes Händedrücken machte sie schon am ganzen Leibe zittern. Sollte mich die innere Glut nicht verzehren, so mußte ich sie wohl von Zeit zu Zeit bei anderen Schönen löschen, was ich denn auch nicht unterließ. – Daß ich alles mögliche versuchte, auch Luise zu verführen, gestehe ich ein, ebenso, daß ich es trotz der unsäglichsten Mühe nicht dahin bringen konnte, dank der Mama und den Grundsätzen, die sie dem Mädchen eingeprägt, das durchaus nicht einmal ein Briefchen von mir annahm. Unter den vielen Manövern und Umtrieben, die ich veranstaltete, Luise zu Fall zu bringen, war auch eine glänzende Schlittenfahrt en Costume, die ich mit Hilfe Pogwischs veranstaltete. Der erste, für die Musik bestimmte Schlitten stellte ein altgriechisches Schiff vor, dessen Mast bunt bewimpelt war und an dessen Vorderseite eine goldene geflügelte Viktoria, die Siegesfahne in der Hand schwingend, schwebte. Vier prächtig geschmückte Rappen zogen dasselbe. Wir hatten über achtzig schöne Rennschlitten, fast alle vergoldete Tier- oder allegorische Figuren vorstellend, zusammengebracht, jeder hatte zwei Vorreiter, mehrere auch noch Nachreiter. Nun ging es, nachdem man sich rangiert hatte, mit rauschender Musik, Peitschengeknall und Schellengerassel die Linden auf und nieder, dann über den Schloßplatz durch die Königsstraße, die neue Friedrichsstraße, die Heiligegeist-Straße, wieder über den Schloßplatz, am Hausvogteiplatz vorbei, dann durch die Jerusalemerstraße, die Leipzigerstraße hinab, durch die Wilhelmsstraße und am Wilhelmsplatz vorbei, die Mohrenstraße wieder hinauf, durch die Markgrafenstraße über den Gendarmenmarkt, die Charlottenstraße entlang, dann durch die lange Friedrichstraße bis unter die Linden, diese hinab und über den Pariserplatz zum Brandenburger Tor hinaus nach Charlottenburg, wo ein splendides Mittagessen bestellt war und eingenommen wurde. Wir fuhren fast durch alle Straßen, in denen Teilnehmer an dieser Schlittenfahrt wohnten, und ich hatte es zu veranstalten gewußt, daß beinahe alle Berliner Damen, mit denen ich näher bekannt, von der Partie waren. Die Kostüme waren zum Teil sehr geschmackvoll, reich und prächtig, meistens der romantischen Theater- und Dichterwelt entnommen, so zum Beispiel die Hauptpersonen aus Ariosts Orlando, Wielands Oberon und Tassos befreitem Jerusalem. Luise, die zu fahren mir gelungen war, saß in einem einen goldenen Schwan vorstellenden Rennschlitten und war als Diana kostümiert. Nach Tisch, der bis zur sinkenden Nacht währte, wurde getanzt, und erst gegen zehn Uhr fuhren wir bei dem Schein von einigen hundert Fackeln wieder nach Berlin zurück und durch dessen Hauptstraßen jede Dame heim.
Ich war jetzt so enchantiert von Berlin, seinen Vergnügungen und der spröden Luise, die mir denn doch, wenn auch in Gegenwart der Mama das Schlittenrecht hatte gewähren müssen, daß ich mir vornahm, alles aufzubieten, den nächsten Winter ganz in Preußens Hauptstadt zubringen zu können; zu diesem Ende meldete ich mich bei dem Oberst von Witzleben mit der Bitte, mich doch für das nächste Jahr in der Kriegsschule verwenden zu wollen, wo ich Vorlesungen über Fortifikation und den Felddienst überhaupt sowie über Strategie zu halten beabsichtige. Da ich von mehreren Generälen und von der Prinzessin Wilhelm, der ich dieses Vorhaben, das sie vortrefflich fand, mitgeteilt, gute Empfehlungen hatte, so wurde mir auch eine solche Anstellung für den nächsten Winter zugesagt, wenn ich das hierzu erforderliche Examen bestünde, wofür mir nicht bange war, da ich den Felddienst und was dazu gehörte sehr praktisch kennen gelernt und außerdem noch acht Monate hatte, mich auch theoretisch mehr vorzubereiten. Aber die Vorsehung hatte mir eine andere Schule als die Kriegsschule zu Berlin reserviert, auch eine Art Prüfungsschule; doch ich will den Ereignissen nicht vorgreifen. Noch wohnte ich dem Ordensfest, das diesmal äußerst glänzend gefeiert wurde, sowie einem dieserhalb zu Ehren gegebenen großen Diner bei, an dem fast die ganze in Berlin anwesende Generalität und die meisten Stabsoffiziere teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit sah ich den König, einen Monarchen, der vollkommen die seltene Liebe und Hochachtung, die man ihm zollte, verdiente, in der Domkirche über eine Stunde ganz in der Nähe und konnte bemerken, daß seine Andacht bei der religiösen Feier gewiß keine erheuchelte war, sondern ihm von Herzen ging.
Über zwei Monate waren wir nun schon in Berlin und hatten um vierzehn Tage Verlängerung unseres Urlaubs gebeten und erhalten. Meine Kasse, obgleich ich für den gewöhnlichen Unterhalt nicht zu sorgen hatte und trotzdem ich die des Bankiers Mendelsohn auf Rechnung meines Vaters einigemal angesprochen, war durch die vielen außerordentlichen Ausgaben, wozu auch noch die Geburtsfeste der beiden Frauen von Pogwisch gekommen waren, denen ich nicht umhin konnte, elegante Präsente zu machen, so ziemlich erschöpft, und es war daher hohe Zeit, wieder nach unserer Garnison Kolberg abzureisen, was wir auch nach gehörigem Abschied von dem schönen Berlin und seinen anmutigen Bewohnern und besonders Bewohnerinnen taten. Wir traten die Reise im Königsberger Postwagen an, gelangten Mitte Februar ohne alle Abenteuer wieder in die treffliche Festung und wurden freundlich und fröhlich empfangen.