Auch in Kolberg waren bei unserer Ankunft die Winterfreuden, wenn auch im Vergleich mit Berlin in sehr verjüngtem Maßstab, in vollem Gang. Ich knüpfte die alten Bekanntschaften wieder an, machte dazu neue, unter denen die liebenswürdige Frau von Schätzel, eine geborene Schick, die früher in der Oper zu Berlin als treffliche Sängerin glänzte und den Landrat von Schätzel, der sich sterblich in sie verliebte, geheiratet hatte. Aber kaum ein Jahr dauerte das Glück dieser Ehe ungetrübt fort, als der Landrat plötzlich verhaftet und in strengen Arrest gebracht wurde. Er hatte sich einen Unterschleif von mehr als zehntausend Talern zu schulden kommen lassen, wurde kassiert und auf zehn Jahre auf die Festung Kolberg gesetzt. Seine Frau war ihm dahin gefolgt und gab in den ersten Häusern daselbst Unterricht im Klavier und Gesang, wodurch sie sich anständig ernährte. Ihrem Mann gestattete der Kommandant, in der Stadt wohnen zu dürfen, und mit Hilfe seiner Frau gelang es ihm, einen Journalzirkel zu errichten, der ihm ein paar hundert Taler jährlich einbrachte; somit war die Familie wenigstens in leidlichen Umständen. Da Frau von Schätzel eine sehr liebenswürdige, geistreiche und talentvolle Dame war, so wurde sie zu allen Gesellschaften und Partien de plaisir eingeladen. Ich hatte zuerst ihre Bekanntschaft bei einem Fest gemacht, das der Kolberger Krösus, eine Madame Schröder, gab und nicht weniger als drei Tage hintereinander währte. Den ersten Tag war großes Diner und Ball in ihrem neuerbauten Haus auf dem Markt in der Stadt, an den beiden folgenden wurden Landpartien auf die Rittergüter der Dame gemacht, die deren nicht weniger als ein halbes Dutzend der ergiebigsten in der Umgegend von Kolberg besaß, ein Einkommen von mehr als vierzigtausend Talern jährlich hatte und dabei eine Witwe von etwa achtunddreißig Jahren sein mochte. Wie sie oder vielmehr ihr seliger Mann, der bis zum Jahre 1807 nur ein ganz unbedeutender armer Krämer gewesen, der Tee, Kaffee, Zucker und so weiter lotweise verkaufte, zu diesem Reichtum kamen, verdient wohl angeführt zu werden. Als Napoleon die Kontinentalsperre gegen England in beinahe ganz Europa angeordnet hatte, ernannte er auch einen französischen Konsul in Kolberg, das, wie wir bereits wissen, keine Franzosen – Gefangene ausgenommen, unter denen sogar der Marschall Victor war, den man dahin gebracht – gesehen hatte. Das Haupt- oder alleinige Geschäft dieses Konsuls war hauptsächlich, streng darauf zu sehen, daß keine englischen Waren und von England kommende Kolonialwaren hier eingeschmuggelt würden. Der Kaffee kostete damals über einen Taler das Pfund, der Zucker ebensoviel in ganz Preußen und Deutschland; Schröder und noch ein anderes Haus namens Plüddemann verständigten sich mit dem Herrn Konsul und erhielten ungeheure Quantitäten Kolonialwaren von England, die als von Dänemark kommend eingeführt wurden. Der außerordentliche Gewinn, den dieses gewagte Unternehmen abwarf, wurde mit dem Konsul geteilt, und über vier Jahre, bis 1813 Preußen gegen Frankreich aufstand, währte dieser lukrative Schmuggelhandel, bei dem die Beteiligten so klug waren, ihre gewonnenen Reichtümer so geheim zu halten, daß niemand etwas davon ahnte. Erst als Schröder zu Anfang des Jahres 1814 starb und sein Testament eröffnet wurde, fand es sich, daß er bereits Besitzer von vier fetten pommerschen Rittergütern war, wenigstens ein halbes Dutzend Kauffahrteischiffe auf der See gehen hatte, die von den Engländern nichts zu riskieren gehabt, und an barem Geld und pommerschen Pfandbriefen fanden sich mehrere hunderttausend Taler vor. In seinem Testament hatte er unter anderem verordnet, daß seine Witwe – er hinterließ vier Kinder –, so lange sie lebe und sich nicht wieder verheirate, über den Nießbrauch des Vermögens verfügen, ihr aber im letzteren Fall nur ein Jahresgehalt von fünfzehnhundert Talern verbleiben solle; zu Testamentsvollstreckern und Vormündern der Kinder hatte er den Kaufmann Dresow und den Apotheker Julius ernannt, und Madame Julius ward nun die Gesellschaftsdame der Madame Schröder, wobei sie und ihr Mann sich trefflich standen, da die Dame ebenso schlau und listig als ihr Gatte stupid und Madame Schröder borniert war. Letztere, die sich nun plötzlich von einer armen Krämersfrau, denn sie selbst hatte den Reichtum ihres Mannes nicht geahnt, in eine reiche Guts- und Kapitalienbesitzerin verwandelt sah, wußte sich gar nicht in ihr großes Glück zu finden und beging eine Albernheit nach der anderen, zu der sie durch ihre gute Freundin verleitet wurde, da diese ihren Vorteil bei den dummen Streichen fand. Das alte kleine Häuschen, in welchem der selige Mann so viel Geld erworben, war natürlich jetzt keine passende Wohnung mehr für die Frau Rittergutsbesitzerin. Sie mußte einen Palast auf dem Markt haben; da sich aber kein solcher auf demselben befand, so mußten einige alte Häuser erstanden und niedergerissen werden, damit er gebaut werden konnte. Madame Julius wollte ihre beste Freundin zur nächsten Nachbarin haben. Ein neben der Apotheke stehendes Haus war zu verkaufen, hatte aber nur eine sehr schmale Fassade auf dem Markt, jedoch einen langen Hof, dessen Mauer in ein enges Seitengäßchen ging. Madame Julius beredete nun ihre Freundin, dieses zu einem sehr hohen Preis – sie erhielt von dem Eigentümer das Dritteil als Maklergeld – zu kaufen. Das Haus wurde niedergerissen und der Palast an dessen Stelle erbaut, der nur drei Fenster in der Front auf den Markt, aber eine lange Fassade in das Gäßchen erhielt, und da doch ein Stück vom Hof bleiben sollte, so waren die Gänge, welche zu den Zimmern führten, so schmal, daß kaum zwei schmächtige Personen nebeneinander gehen konnten, Madame Schröder und ihre Freundin am wenigsten, da beide sehr korpulent waren. Nicht einmal die vier Pferde, prächtige Mecklenburger, die Madame Schröder gekauft, konnten einen Stall in diesem Palast erhalten und mußten auswärts einlogiert werden. Die Ameublierung dieses Hauses war so barock wie dessen Bauart. Die Decken der Gemächer waren alle mit wunderlichen Figuren bemalt, an allen Ecken waren Amors angebracht, die ihre Pfeile abdrückten, und ein vergoldeter Cupido schwebte über dem Betthimmel der Dame und schoß seinen Pfeil gerade auf die Mitte des Bettes ab. In dem größten Salon war der ganze Olymp abkonterfeit, und zwar bei einem Göttermahl, bei dem pommersche Gänsebrüste, Hamburger Pökelfleisch, Kolberger Neunaugen, Lachs, Pasteten dampfend vor Jupiter und Frau Juno standen, und Apoll und Frau Diana tranken Gesundheiten aus Champagnergläsern; Minerva trank Schokolade, Mars Ale, und Venus hatte eine Tasse Kaffee vor sich. Dies alles hatte Madame Julius so angegeben. In den nicht sehr großen Zimmern waren so viel Mobilien, Sofas, Kommoden, Kanapees, Sessel und Quincaillerien aufgestellt, daß sie wie bei vielen Pariser Parvenües eher Warenmagazinen als Wohnzimmern glichen. Madame Schröder und ihre Freundin fuhren nicht mehr anders als in einer Staatskarosse mit den vier Mecklenburgern lang bespannt aus, und wenn sie sich nur zu einer Kaffeegesellschaft in das Nebenhaus begaben, so daß oft die Kutsche noch an der Haustür der Madame Schröder hielt und die beiden Vorderpferde schon mit ihren Köpfen fast an das Haus, wo man sich hinbegab, reichten. Zu dem Einweihungsfest dieses Hauses waren alle Honoratioren und das ganze Offizierkorps der Garnison geladen; von Mittag bis zur Nacht währte die Mahlzeit. Ich hatte schon gar mancherlei Essen in so verschiedenen Ländern beigewohnt, aber noch nie war mir eine solche An- und Aufhäufung von allen möglichen Speisen durcheinander vorgekommen. Unmittelbar nach dem Essen, von dem manche der Gäste mit beschwerten Köpfen und zum Zerplatzen gefüllten Mägen den Tisch verließen, folgte der Tanz. Während der Pausen sang ich einigemal Duette mit Frau von Schätzel aus verschiedenen Opern und tanzte dann mit der hübschen Sängerin mehr als ich sollte, wodurch ich Madame G..., die Frau Doktor M... und noch andere Damen in üble Laune versetzte. Die ganze Nacht durch wurde getanzt, gebechert und geschmaust, und mit Tagesanbruch wurden Anstalten gemacht, die Landpartie auf die Güter der Dame anzutreten. Jedermann begab sich ein paar Stunden nach Haus, um seine Landtoilette zu machen, und gegen zehn Uhr morgens fuhr die ganze Gesellschaft, über hundert Personen, in einigen zwanzig Wagen, größtenteils Korbwagen mit Bauernpferden bespannt, welche alle die freigebige Wirtin besorgt hatte, nach dem nächsten Rittergut derselben ab, wo man wieder mit Schmausen und Zechen begann, musizierte, tanzte und spielte und dann weiter nach einem anderen Gut fuhr. Am Tag sang und beschäftigte ich mich viel mit der äußerst liebenswürdigen Frau von Schätzel, und wenn die Nacht herankam, machten wir tête-à-tête romantische Promenaden in die Gärten und Felder au clair de lune, von denen wir immer etwas ermüdet heimkehrten. Drei Tage währte dies seltsame Nomadenleben, von dem alle, die es mitgemacht, fatiguiert und abgespannt nach Kolberg zurückkamen und froh waren, wieder in das Geleise des Alltagslebens einzutreten.
Auch mehrere Schlittenfahrten hatte ich kurz nach meiner Rückkehr von Berlin arrangiert, die, wenn auch nicht so glänzend wie die in der Hauptstadt, deshalb nicht minder amüsant waren, auch war immer ein Musikschlitten dabei. Nettelbeck war einigemal bei dieser Partie oder lieh mir seinen Schlitten samt Pferdegeschirr. Ich fuhr abwechselnd meine intimsten Bekanntinnen. Bei einer dieser Partien, bei der sich ein sehr schönes Mädchen aus Köslin, ein Fräulein Conrad, die Tochter eines dortigen Beamten, befand, suchte ich bei Tisch mich neben diese zu placieren; dasselbe tat auch ein Ingenieur-Leutnant namens Poselger, und es entspann sich zwischen diesem und mir ein kleiner Wortwechsel wegen der Placierung der Damen. Poselger, der vielleicht ernstliche Absichten auf das Mädchen hatte, verwechselte die von mir auf die Kuverte gelegten Zettel; ich hatte es bemerkt, stellte ihn deshalb zur Rede und bestand darauf, daß die Zettel wieder auf ihre alten Plätze gelegt würden, wogegen er sich weigerte und mir ein trotziges: „Es beliebt mir einmal so!“ entgegnete. Ich nahm aber die Zettel, verwechselte sie abermals und erwiderte: „Und mir beliebt es so, und dabei bleibt es, da ich Zeremonienmeister und Anordner des Festes bin.“ – „Schon gut, Herr Kamerad,“ versetzte jetzt mein Gegner, „das wird sich morgen früh finden, ich erwarte Sie in der Wolfsschanze.“ – „Sie sollen nicht vergeblich warten, und so ist die Sache für jetzt abgemacht, da hier nicht der Ort zu weiteren Erörterungen ist.“ – Ich saß nun neben dem Fräulein Conrad, mit der ich mich, meinem Nebenbuhler zum Trotz, der jetzt etwas schief uns gegenüber saß und wütende Blicke schoß, auf das angenehmste unterhielt und sogar von ihr erlangte, daß sie bei der Heimfahrt in meinem Schlitten neben der Frau Doktor M..., die ich gefahren, Platz nehmen würde. Ich ließ mich indessen durch nichts mehr in den Freuden der Tafel und des darauf folgenden Tanzes stören, sondern unterhielt mich vortrefflich, ja Fräulein Conrad war mir nun um so interessanter, und ich bat um die Erlaubnis, sie in Köslin besuchen zu dürfen. Bei Tisch brachte ich einen Toast auf das Wohl der Kolberger Damen aus, der von diesen eine Erwiderung zur Folge hatte; so endigte alles gut, und mein Schlittenrecht übte ich in vollem Maß. Kaum aber war ich in meiner Wohnung angekommen, so erschien auch schon ein Artillerieoffizier, Hauptmann Müller, der mich im Namen Poselgers aufforderte, mich um sechs Uhr den anderen Morgen mit einem Sekundanten in der Wolfsschanze einzufinden, was ich zusagte, meinen Freund Willmann aufsuchte und diesen bat, mein Sekundant zu sein, wozu er gleich bereit war. Wir stellten uns zur bestimmten Stunde nebst einem Chirurgen an dem bezeichneten Ort ein, und es fand jetzt ein kurzes Pourparler wegen der Art des Fechtens statt. Poselger wollte sich schlechterdings nur auf den Hieb einlassen, was ich nicht gewohnt war und deshalb auf dem Stich bestand oder daß jeder in seiner Weise fechten würde. Der auf den Stich Fechtende hat, besonders im Parieren, einen bedeutenden Vorteil; man machte Schwierigkeiten, und ich sagte: „So bleibt uns nichts übrig, als zu den Pistolen zu greifen.“ Endlich kamen wir überein, daß ich zwar à la pointe parieren, aber nur hauend attackieren dürfe. Nach einigen Gängen hatte ich dennoch meinem Gegner eines ausgewischt, freilich mehr stechend als hauend, weshalb mich dessen Sekundant zur Rede stellte, ich erwiderte aber: „Ich bin es einmal nicht anders gewohnt, deshalb greifen wir zu Pistolen, wenn Sie nicht zufrieden sind.“ – Man fand jedoch für gut, da Poselger eine tüchtige, aber nicht gefährliche Fleischwunde hatte, es dabei bewenden zu lassen und die Sache als abgemacht zu betrachten. Nachdem Poselger verbunden war, ritten wir alle fünf (wir waren sämtlich zu Pferde gekommen) in die Stadt zurück. – Denselben Abend, als ich kaum zu Hause angekommen war, es mochte zehn Uhr vorüber sein, klopfte es leise an meine Stubentür. Auf das laute „Herein!“ trat eine dichtverschleierte Frauengestalt ein und fiel mir mit den Worten: „Du häßliches Ungeheuer, was hast du gemacht!“ in die Arme. An der Stimme und Gestalt erkannte ich Madame G..., deren Mann in Geschäften nach Kopenhagen gereist war und die mir nun eine lange, vorwurfsreiche Predigt hielt, die mit einem Friedensschluß und vollkommener Versöhnung endigte. Erst nach Mitternacht brachte ich sie nach Haus. So lange die Abwesenheit ihres Mannes dauerte, wiederholte sie diese Besuche jeden Abend in Begleitung eines vertrauten und artigen Stubenmädchens. Aber ein anonymer Brief verriet dem wiederheimgekehrten Gatten das täglich bis tief in die Nacht hinein währende Ausbleiben seiner Frau. Der Mann examinierte, Madame leugnete und meinte, man wolle sich einen Scherz mit Herrn G... machen. Er mochte dies nun glauben oder nicht, auf jeden Fall hatte er Verdacht geschöpft, denn als er bald darauf eine zweite Geschäftsreise unternehmen mußte, traf er solche Vorkehrungen, daß es seiner Frau ganz unmöglich wurde, abends unbemerkt das Haus zu verlassen. Wir korrespondierten mit Hilfe einer alten Tante, welche die Zwischenträgerin machte und bei der wir uns auch von Zeit zu Zeit am Tage sahen. Da Madame G... nun nicht mehr zu mir kommen konnte, so wollte sie, daß ich ihr nächtliche Besuche abstatten solle, was indessen nicht so leicht war, da auf Befehl ihres Mannes jeden Abend die Haustür sowie die unteren Fensterläden von einem der Ladendiener mit Vorhängeschlössern und vorgelegten eisernen Stangen gut verwahrt wurden. Aber die Liebe macht erfinderisch, und Schwierigkeiten zu überwinden war von jeher eine Passion für mich. Vor dem Haus des Herrn G... standen, wie vor vielen Häusern Kolbergs, namentlich auf dem Markt, ein paar Lindenbäume, jedoch noch in einer ziemlichen Entfernung von den Fenstern. Ich kam nun auf den Einfall, mit Hilfe eines Brettes, das man des Nachts von einem oberen Fenster auf einen Baumast legen müsse, in das Haus einzusteigen. Die Sache ging auch ganz gut, indem das mit ins Vertrauen gezogene Stubenmädchen diese Art Zugbrücke nach zehn Uhr des Abends herabließ. Sie und ihre Herrin hielten das Brett an dem einen Ende fest, während ich, wenn alles ‚still und stumm war und nur noch die Verliebten und Gespenster umherwandelten‘, auf den Baum kletterte und dann die gefährliche Passage von ein paar Schritten über das Brett zum Fenster machte, wo ich mit offenen Armen empfangen wurde und in die Burg stieg. Dieses Manöver war wohl schon ein halbes dutzendmal geglückt, als sich eines Abends die Frauenzimmer so ungeschickt benahmen, daß das Brett, als ich eben den Fuß darauf setzte, mit großem Gepolter auf die Straße hinabfiel. Glücklicherweise hatte ich mich noch mit der rechten Hand an einem ziemlich dicken Ast festgehalten, und so kam auch ich mit einem kleinen Schrecken davon, die Frauenzimmer schrien aber beide laut auf und glaubten mich verloren. Dies und das Gepolter des fallenden Brettes hatte die nicht sehr entfernte Schildwache von der Hauptwache gehört und Lärm gemacht, so daß der wachthabende Offizier mit einem Unteroffizier die Ronde um das Rat- und Blockhaus machten, da sie aber alles still und ruhig fanden und nichts Verdächtiges entdeckten, sich wieder in die Wachtstuben begaben. Nachdem ich nun die hinter dem Fenster ängstlich harrenden Frauengemüter hinsichtlich meiner gehörig beruhigt hatte und wir nach längerem Überlegen kein Mittel fanden, wie ich den Übergang ins Haus jetzt bewerkstelligen könne, denn sie hatten kein zweites passendes Brett bei der Hand, und das unten liegende konnte ich zu ihrem großen Verdruß nicht auf den Baum bringen, da Hände und Füße vollauf zu tun hatten, allein hinaufzuklettern, so mußten wir uns damit begnügen, uns für diesen Abend gegenseitig eine angenehme Ruhe zu wünschen, und das Mädchen sollte mit Tagesanbruch die Diele möglichst unbemerkt ins Haus schaffen. Als ich aber den Baum hinabkletterte, führte das Unglück den Nachtwächter herbei, der mich bemerkte, da ich zur Hälfte herab war, mich für einen Dieb hielt, schon „Diebe!“ zu schreien begann und eben zu rasseln anfangen wollte, als ich mit einem Sprung auf dem Boden war, auf ihn zueilte, in der einen Hand ein Terzerol, das ich bei solchen Abenteuern immer bei mir zu tragen pflegte, in der anderen zwei Taler Kurant haltend, ihm den Mund stopfend und mich als Offizier zu erkennen gebend; aber es war zu spät, denn schon eilte eine Patrouille von der nahen Wache herbei, wo man das Geschrei gehört hatte. Ich ging ihr jedoch entgegen und sagte ihr, daß auch ich den Ruf des Nachtwächters gehört habe und auf denselben hergekommen sei, daß aber die Diebe, als sie mich erblickten, davongelaufen wären; dies bestätigte auch der bestochene Nachtwächter, und so lief alles glücklich ab. – Dies hinderte indessen nicht, daß, Gott weiß wie, die Kunde von diesem nächtlichen Ereignis, mit allen möglichen Zutaten ausgeschmückt, bald in allen Mäulern Kolbergs war, und ich fand für gut, diese gefährlichen Besuche einige Zeit auszusetzen.
Wenige Tage darauf hatte ich wieder ein, wenn auch nicht so gefährliches, doch bei weitem unbequemeres Abenteuer zu bestehen. Ich hatte jetzt eine Wohnung bei einem Schornsteinfeger namens Neugebauer gemietet, der zwei artige Töchter besaß, die nichts weniger als schwarz waren. Das Haus war neben dem des Dr. M..., dessen Frau ich auf seine eigene Einladung fast täglich besuchte und dessen Hausfreund ich war. Madame G..., die immer noch nicht wegen ihrer Cousine beruhigt war, besuchte dieselbe häufig und oft zu den unpassendsten Stunden, um zu entdecken, ob ich mich nicht bei ihr befinde. Eines Nachmittags war ich kaum ein paar Minuten bei der Doktorin, welche später eine Kaffeegesellschaft bei sich erwartete, als Madame G... wenigstens um anderthalb Stunden zu früh erschien. Da wir sie hatten kommen hören, so sprang ich rasch in das Nebenzimmer. Kaum war ich daselbst, als sie in das vordere Zimmer trat und sagte: „Du wirst dich wundern, daß ich so früh komme, aber ich wollte dir nur sagen, daß ich nicht lange bleiben kann, weil ich mit meinem Mann nach Treptow fahren muß. Indessen will ich doch sehen, wie du alles arrangiert hast.“ – Da ich dies hörte und fürchtete, sie möchte auch in das Seitenzimmer kommen, in dem das Kaffeegeschirr schon aufgestellt war, so kroch ich schnell unter das daselbst befindliche Sofa. Madame G... machte nun wirklich Anstalt, auch in dieses Zimmer zu kommen, wogegen sich die Doktorin wehrte. Sie schob aber dieselbe mit den Worten: „Mein Gott, so sei doch kein Kind,“ beiseite, trat ins Zimmer, sich allenthalben umsehend, und sagte: „Nun, das ist ja scharmant.“ Die Doktorin M..., die etwas verlegen war, schien erstaunt, mich nirgends zu sehen, konnte sich indessen wohl denken, wo ich sein müsse, da das Zimmer keinen weiteren Ausgang hatte. Madame G... warf sich nun auf das Sofa, das sie, trotzdem daß sie ihre Cousine persuadieren wollte, wieder in das andere Zimmer zurückzukehren, nicht eher verließ, als bis die ersten Damen, unter denen Frau von Schätzel und die Kriegsrätin Wißling waren, erschienen. Dann empfahl sie sich. Nun war an kein Fortkommen für mich mehr zu denken und ich war verurteilt, wenigstens noch drei gute Stunden bewegungslos in der fatalen Lage zu bleiben, in die ich mich selbst versetzt hatte, das Geschnatter all dieser Kaffeegänse, unter denen manche überbejahrte war, zu vernehmen, und ein halbes Dutzend ihrer Füße, derjenigen, die den Ehrenplatz auf dem Sofa einnahmen, beständig vor mir zu sehen. Es waren die Fußgestelle der Damen Schröder, Julius und Wißling, die ich in diesen untersofaischen Räumen zu beobachten Gelegenheit hatte, die alle ziemlich groß waren und mich mit einer fast ägyptischen Finsternis umgaben. Mehr als einmal kam mir die fast nicht zu überwindende Lust an, eine oder die andere dieser Schönen in die Beine zu zwicken, und nur mit großer Selbstüberwindung vermochte ich sie zu bekämpfen. Die Unterhaltung, die mir in meinem engen Versteck die Gespräche der einige dreißig Frauen starken Versammlung, die sich von keinen Männerohren belauscht glaubten, gewährten, verkürzten mir indessen meine unbequeme Lage sehr, denn es kamen Dinge zur Sprache, Dinge, über die ich fast noch hätte erröten können, und alle nicht Anwesenden wurden unter die Hechel dieser Weiberzungen genommen. Auch das sämtliche Offizierkorps und meine Wenigkeit mußte die Musterung passieren, und uns wurden oft nicht die schönsten Epitheten. Oft war es nahe daran, daß ich vor Lachen hätte bersten mögen, und konnte dies nur verhindern, indem ich mir die Lippen fast blutig biß, während die Doktorin M... immer wie auf Nadeln saß, fast alles verkehrt anordnete und beantwortete. Indessen nahm sie doch meine Partei, wenn die große Mehrzahl der älteren Frauen auf das unbarmherzigste über mich herfielen, ebenso über Madame G... Wir waren dank dieser schon längst das Stadtgespräch. Die Häßlichen schimpften am meisten. Sogar die nicht anwesende Kommandantin mußte herhalten und ihre Haushaltung wurde eine schlampige und liederliche genannt. Was mit am drolligsten, war die Erzählung von einem Kaffeebad, das die Frau eines Tuchhändlers namens Darkow genommen, von der man wußte, daß die volle Kaffeekanne den ganzen Tag nicht aus ihrer Stube kam und daß sie wohl mehr denn dreißig Tassen dieses edlen Getränkes täglich zu sich nehme. Ihr Mann, dem diese Liebhaberei sehr mißfiel, besonders da sie außerdem sehr wenig und bei Tische fast gar nichts aß, wurde erzählt, sei nun auf den Einfall gekommen, um seiner Frau den unmenschlichen Kaffeegelust zu vertreiben, dieselbe ein Kaffeebad nehmen zu lassen, unter dem Vorwand, die hysterischen Zufälle, an denen sie von Zeit zu Zeit litt und die wahrscheinlich von diesem Kaffeetrinken herrührten, dadurch zu heilen. Ein Spaßvogel von seinen guten Freunden hatte ihm zu diesem Mittel geraten. Er hatte zu diesem Zweck zwölf Pfund Kaffee rösten, mahlen und in dem großen Waschkessel kochen, zwanzig Maß Milch dazutun und mit diesem Gebräu die Badewanne seiner Frau füllen lassen, die er dann mit der Versicherung, der berühmteste Berliner Arzt habe es angeraten und schon Wunderkuren damit verrichtet, zu dem Bade persuadierte. Die Dame, die schon den Geruch des Kaffeedampfes wohltuend fand, fand das Bad selbst köstlich und hätte sich zugleich dabei satt getrunken, wenn ein halbes Dutzend Zuckerhüte darin verschmolzen gewesen wären. Aber der Mann, der gegenwärtig war, sagte seiner Gattin, daß, wenn das Bad die gehörige Wirkung haben solle, so müsse sie wenigstens ein dutzendmal in demselben untertauchen. Er nahm sie dann beim Schopf und hielt ihr den Kopf mit Gewalt einige Sekunden unter dem Kaffee. Trotz dem Sträuben der Dame wiederholte er das Manöver einige Male schnell hintereinander, wobei ihr der Kaffee in die Nase, in die Ohren, den Mund und alle Öffnungen ihres Leibes drang, worüber die Frau in großen Zorn geriet und wie wütend in dem Kaffee umherplätscherte. Jetzt fand der Herr Gemahl für geraten, sich aus dem Staub zu machen, die Zofe als den Wetterableiter für die Wut der Madame zurücklassend, die auch die ganze Fülle ihres Unwillens an dem unglücklichen, aber dennoch fortwährend lachenden Geschöpfe ausließ. Diese Pferdekur soll in der Tat der Dame den Kaffee, wenigstens für eine Zeitlang, gänzlich verleidet haben. – Diese Erzählung machte mich unter meinem Sofa beinahe ersticken. – Nachdem auch diese Damen reichlich Kaffee, Kuchen und süße Weine geschluckt, bequemten sie sich zum Aufbruch, und ich wurde endlich aus meinem Versteck erlöst, nachdem sich auch die letzte unter mir endlos scheinenden Komplimenten empfohlen hatte. – Mit einem minutenlangen „Uff!“ kroch ich unter dem Sofa hervor, nachdem die Doktorin das Zimmer inwendig abgeschlossen. Sie war wegen der Gespräche, die ich mit angehört hatte, nicht wenig verlegen und überrot. Ich redete ihr die Sache lachend aus, indem ich zu ihr sagte: sie möge sich deshalb keinen Kummer machen, es sei nicht das erstemal, daß ich dergleichen und noch weit tollere Frauenunterhaltungen mit angehört. – Wir amüsierten uns nun noch eine Stunde auf das angenehmste; sie lachte mit mir über mein Verstecken und was ich gehört, und wir trennten uns zuletzt beide seelenvergnügt.
Am anderen Morgen wurde ich schon um sieben Uhr durch eine Ordonnanz zum Bataillonskommandeur Oberstleutnant von Witke gerufen, der mir ankündigte, daß ich mich sogleich marschfertig zu machen habe, um einen Transport Rekruten, der in einer Stunde abgehen müsse, zum preußischen Okkupationsheer nach Frankreich zu führen. Ich wußte zwar, daß dieser Transport abgehen solle, wußte aber auch, daß Premierleutnant R... zu dessen Führung kommandiert gewesen, was ich dem Kommandeur bemerkte, worauf er mir erwiderte: „Allerdings, aber der wurde mir ja soeben krank gemeldet. Indessen weiß ich schon, was ich von dieser Krankheit zu halten habe, doch ich will niemand unglücklich machen.“ – Herr von R... hatte die unglückliche Leidenschaft, sich von Zeit zu Zeit dem Trunke zu ergeben, und diesen Morgen in aller Frühe, wahrscheinlich, um sich zu dem bevorstehenden Marsch zu stärken, schon so tief ins Glas gesehen, daß er kaum auf den Beinen hatte stehen können, und also außerstande war, abzumarschieren, noch viel weniger, zu kommandieren. Ich mußte daher in aller Eile meine Vorbereitungen treffen, und ehe eine Stunde verging, stand ich marschfertig an der Spitze meines, über hundert Mann starken Detachements, zu dem noch eine Abteilung in Stettin stoßen sollte. In Stettin hatte ich drei Ruhetage, weil die Leute, die ich noch mitzunehmen hatte, erst den anderen Tag eintreffen sollten.
Nachdem ich mich in der Stadt umgesehen und die nötigen Gelder zur weiteren Verpflegung des Detachements in Empfang genommen hatte, kehrte ich in mein Quartier, den englischen Hof, zurück. Gegen Abend fanden sich daselbst allerlei Leute ein, unter denen auch ein verabschiedeter Rittmeister, eine wahre Samielsphysiognomie, die durch zwei tüchtige Schmarren noch mehr entstellt war. In seinem verzerrten Gesicht lag etwas hämisch-diabolisches, welches sich besonders, wenn er sprach, und noch mehr, wenn er lachte, ausdrückte. Seine Züge schienen alsdann aus Schadenfreude und Hohn zusammengesetzt zu sein. Nachdem die meisten Gäste ihr Abendbrot eingenommen hatten, näherte sich mir der Rittmeister, indem er mich mit einem: „Herr Kamerad!“ ansprach, erkundigte sich nach meiner Bestimmung, erzählte mir von seinen Feldzügen und endigte damit, mir mit einer affreusen, geheimnisvollen Miene zu vertrauen, daß jeden Abend in einem oberen Zimmer des Gasthofes ein honettes Pharospielchen gemacht werde, wobei sich verschiedene Kaufleute, Offiziere, Beamte und so weiter einfänden und etwas zu gewinnen sei. Er endigte damit, auch mich einzuladen, mein Glück zu probieren.
Noch jetzt ist es mir ein Rätsel, wie ich mich von dem vor mir stehenden, ganz unverkennbaren Mephistopheles, dessen betrügerische Tendenz aus seinen Blicken leuchtete, zu einem heimlichen Spiel konnte überreden lassen. Genug, es ging mir wie dem Vogel bei der Klapperschlange, und ich nahm die Einladung an. Er bezeichnete mir das Zimmer und ich folgte ihm bald. Ein Aufwärter leuchtete mir zwei Stiegen hinauf und führte mich in ein im hinteren Teil des Hauses gelegenes Gemach. Noch an der Schwelle desselben schien mich mein guter Engel warnen zu wollen, denn ich machte eine unwillkürliche Bewegung zum Umkehren und zog die Hand von der schon ergriffenen Türklinke wieder ab, als sich dieselbe von innen öffnete und mich die daselbst versammelte Gesellschaft wahrnahm, so daß ich mich des Rücktrittes schämte und in das verhängnisvolle etwas spärlich erleuchtete Zimmer trat.
Der Rittmeister in Satansgestalt, oder besser, der Satan in Rittmeistergestalt hielt Bank, und es wurde schon frisch darauf los pointiert. Ich fing mit Viergroschenstücken, dem niedrigsten Satz, zu pointieren an. Anfänglich wollte mir das Glück wohl. Ich gewann bedeutend, was mich immer mehr anfeuerte. Doch nur zu bald wandte mir die launige Göttin den Rücken. Ich fing zu verlieren an und in weniger als einer halben Stunde war der letzte mir gehörige Taler fort. Jetzt nahm ich, durch meinen Verlust und das Spiel in die Hitze getrieben, ein paar Taler von dem zur Bezahlung der Truppen bestimmten Gelde. Auch sie waren bald fort. Ich nahm vier, sechs, zwölf, zwanzig, und in wenigen Minuten war das Geld, von dem meine Leute zehn Tage leben sollten, verspielt. In dieser schrecklichen Lage nahm ich den Wirt beiseite und versetzte ihm meine Uhr, dann meine silberne Schärpe und die silbernen Fangschnüre für einige vierzig Taler, die, da ich das Spiel forcieren wollte, bald genug ebenfalls in des Satans Krallen waren, und stürzte, nachdem der letzte Taler verschwunden, in einem fast bewußtlosen Zustand aus dem Spielzimmer, warf mich verzweiflungsvoll auf einen Stuhl des meinigen. – Jetzt erst traten mir die schrecklichen Folgen meines unbegreiflichen Leichtsinns klar und deutlich mit den grellsten Farben vor die Augen. Hier war weder Ausweg noch Rettung. In einer mir weltfremden Stadt, wo ich auch nicht eine Seele kannte, war an keine Hilfe zu denken. Kassation, Entehrung, zehnjährige Festungsstrafe schwebten mir als unvermeidlich vor. Die gräßlichste Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Nachdem ich meine Pistolen scharf geladen hatte, klingelte ich, ließ mir Briefpapier und eine Flasche Champagner kommen, schloß dann die Türe ab, setzte mich, die Mordgewehre zu meiner Rechten legend, nieder, um noch einige Briefe an meine Verwandten und mir teure Personen zu schreiben, mit dem festen Vorsatz, mir nach deren Beendigung eine Kugel durch den Mund in das Gehirn zu jagen. Die Batterien rieb ich mit wollenem Tuch, schärfte die Steine, um ja das Versagen zu verhindern, stürzte dann ein paar Gläser hinunter und machte mich zum Schreiben fertig. Zur Unterlage nahm ich ein deutsches Liederbuch, aus dem ich öfters in Kolberg gesungen hatte, das gerade mit Beckers Romanze, „Der Sänger“ betitelt, begann. Ich hatte sie schon so manchmal in fröhlichen Zirkeln in Berlin und Kolberg gesungen, und gerade der letzte Vers, der da heißt:
„Doch jetzt mach’ ich eine Pause,
Nehmt die Lehre mit nach Hause
Und beherzigt sie.
Sing und Sang ist eine Gabe,
Wer sie hat – o der vergrabe
Sie im Leben nie.“
fiel mir in die Augen. Wie ein Blitzstrahl fuhr es mir durch den Kopf und erleuchtete mich, so daß ich zu mir selbst sagte: „Wie, sollte dir denn dein Talent nicht aus dieser schrecklichen Lage helfen können? – Stargard, durch das du schon ein paarmal gekommen bist, ist nur drei Meilen von hier. Dort kennt dich keine lebende Seele. Man liebt die Musik, hat wenig Gelegenheit, etwas zu hören. Wie wäre es, wenn du da hinüberführest und unter einem fremden Namen ein Konzert gäbest? – Stargard ist eine nicht unbedeutende Stadt. Es gilt nur einen Versuch. Schlägt der fehl, je nun, so läuft dir das Totschießen auf keinen Fall davon.“ Dieser Gedanke faßte immer mehr Wurzel bei mir. Ich suchte, was ich an Musikalien bei mir hatte, hervor, fand auch ein italienisches Cahier darunter, rief meinem Burschen, ließ mir einen Wagen für den anderen Morgen um vier Uhr bestellen, vorgebend, daß ich einen Bekannten in der Umgebung besuchen wolle. Ich ließ meine Zivilkleider auspacken, versetzte einen Rubinring, den ich noch hatte, für zehn Taler bei dem Wirt, und fuhr um die bestimmte Stunde ganz allein nach Stargard ab, nachdem ich dem ältesten Unteroffizier des Detachements anempfohlen, es sich recht angelegen sein zu lassen, den Dienst während meiner kurzen Abwesenheit bestens zu versehen. Um sieben Uhr morgens kam ich in Stargard an. Um acht Uhr machte ich dem Herrn Bürgermeister meine Aufwartung, gab mich bei ihm für einen Sänger der italienischen Oper von Wien aus, der sich Matuccio nenne, von Berlin komme und über Königsberg nach Sankt Petersburg reise, um daselbst zu gastieren. – Ich fand an dem Bürgermeister nicht nur einen sehr artigen und zuvorkommenden Mann, sondern auch einen großen Musikliebhaber, dem mein Antrag, noch diesen Abend ein Konzert in Stargard zu geben, sehr willkommen war, und der mir versprach, alles dazu beitragen zu wollen, was in seinen Kräften stünde. Er übernahm es sogar selbst, sogleich ein Einladungszirkular herumgehen zu lassen, auf dem er sich mit seiner Familie zuerst mit fünf Billetten zu einem Taler Kurant unterzeichnet hatte. Er übernahm es auch, ein passables Orchester, meist aus Dilettanten bestehend, zusammenzubringen, schickte den Ratsdiener mit der Subskriptionsliste herum, der noch denselben Morgen über zweihundert Billette absetzte. Jetzt war ich gerettet. Kosten hatte ich außer der Beleuchtung fast gar keine, da mir der gefällige Bürgermeister einen ziemlich großen Saal gratis überließ. Auch führte er mich noch denselben Abend bei mehreren Dilettanten ein, unter denen die junge liebenswürdige Frau von F... und das sehr schöne Fräulein von Z...tz, mit dem schalkhaftesten Kupidogesichtchen von der Welt, sich befanden. Beide Damen hatten die Gefälligkeit, in meinem Konzert mitzusingen, jede trug eine Arie und ein Duett mit mir vor, und zum Schluß sangen wir noch ein Terzett. Die meisten Stücke wurden da capo verlangt. An der Kasse waren auch noch über hundert Taler eingegangen, denn man hatte ausgesprengt, der erste Sänger der italienischen Oper von Wien gebe auf seiner schleunigen Durchreise nach Sankt Petersburg dies Konzert aus Gefälligkeit für den Herrn Bürgermeister. Wer war froher als ich. Nach dem Souper, zu dem mich der Herr Bürgermeister eingeladen, und an dem mehrere Stargarder Familien teilnahmen, empfahl ich mich und fuhr noch in derselben Nacht mit meinem ersungenen Geld, das vollkommen ausreichte, mein Defizit zu decken, wieder nach Stettin ab. Auch meine Effekten konnte ich, wie ich dem Wirt versprochen hatte, wieder auslösen. Nur mein eigenes Geld war beim Teufel; doch daran war mir wenig gelegen. Ich kam anderthalb Stunden nach Mitternacht wieder in Stettin an, mit dem festen Vorsatz, mich nie mehr zum Spiel, wenigstens mit fremdem Geld, verlocken zu lassen. Ich zahlte nun vor dem Abmarsch den Leuten den Sold aus und machte mich mit ganz leeren Taschen auf den Weg. Erst in Magdeburg fand ich ein Haus, das mit dem unsrigen in Verbindung stand, und von dem ich mir fünfzig Taler geben ließ. Dieses Ereignis hatte indessen einen so schlimmen und tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß mich ein höchst unangenehmes Gefühl auf diesem ganzen Marsch nicht verließ und ich gegen meine Gewohnheit weder für Natur-, Kunst-, noch andere Schönheiten Sinn mehr hatte. Ja, ich unterließ es sogar, während dieser Zeit mein Tagebuch zu führen, was ich sonst sehr regelmäßig jeden Abend tat. Ich war über Magdeburg, Kassel, Aachen und so weiter, ohne mich um etwas anderes als meinen Dienst zu bekümmern, nach Frankreich marschiert, wo ich meine Leute an die pommerschen Regimenter abgab, denen sie zugeteilt waren, und dann sogleich die Rückreise per Post nach Kolberg antrat, ohne nur meine Verwandten in Frankfurt zu besuchen, wie ich es mir bei dem Abmarsch vorgenommen hatte. Als ich wieder durch Stargard kam, hielt ich mich möglichst verborgen, so lange umgespannt wurde, da ich fürchtete, man möchte den italienischen Sänger wieder in mir erkennen. Auch in Kolberg währte diese Mißstimmung noch, erhielt mich fortwährend bei übler Laune und machte mich fast menschenscheu. Ich setzte den französischen und musikalischen Unterricht, den ich den Töchtern meines Kommandeurs und der Nichte meines Kommandanten erteilt hatte, nicht mehr fort, zog mich meist von der Gesellschaft zurück, fand mich oft ohne irgend einen erheblichen Grund beleidigt, nahm Scherze übel auf und bekam so alle Augenblicke mehr oder minder ernstlichere Händel. Ein Offizier namens Rosenthal, ein äußerst gutmütiger Mensch, nannte mich scherzweise „Franzos“, ein Beiname, den man mir längst in Kolberg ziemlich allgemein gegeben hatte, weil ich noch viel französische Manieren an mir hatte, wohl auch das, was an den Franzosen zu rühmen war, rühmte und mir deshalb viele heimliche Feinde machte. Ich warf ihm dagegen einige beleidigende Worte hin, die eine Herausforderung nach sich ziehen mußten und ein Duell auf die Klinge zur Folge hatten, das in der Maikuhle abgemacht wurde, und wo ich fast wider Willen, denn ich focht mit der größten Gleichgültigkeit, mir alle Blößen gebend, meinem Gegner eine unbedeutende Armwunde beibrachte. Hätte Rosenthal besser gefochten, so hätte er mir leicht einen tüchtigen Denkzettel anhängen oder gar das Lebenslicht ausblasen können. Wenige Tage nachher hatte ich ein anderes, durch meine üble Laune herbeigeführtes Renkontre, das weit schlimmere Folgen hatte. Ich besuchte den wachthabenden Offizier auf der Hauptwache, Leutnant Campmann, und tadelte gesprächsweise manche Anordnung im preußischen Dienste. Lange nahm der Offizier die Sache im Scherz auf. Als ich aber immer mokanter wurde, machte er mir in einem ernsten Ton die sehr richtige Bemerkung: „Wenn Ihnen die preußischen Dienste so mißfallen, warum bleiben Sie denn? Man wird Sie nicht mit Gewalt halten, wenn Sie gehen wollen.“ – Es gab nun ein Wort das andere, und ich nötigte zuletzt den wachthabenden Offizier, Degen gegen mich zu ziehen, indem ich auf ihn eindrang. Unglücklicher- oder glücklicherweise, denn wer weiß, wie es abgelaufen wäre, trat in diesem Augenblick der Wachtschreiber und ein Unteroffizier, der eine Meldung zu machen hatte, in die Stube, als wir schon mit den Klingen handgemein waren, und diesen folgte der Platzadjutant auf dem Fuße. Jetzt hörte zwar das Gefecht augenblicklich auf, aber die Sache war eklatant geworden und wurde dem Kommandanten gemeldet. Die Folge war eine Untersuchung, während welcher wir beide, und zwar bis zur Bestätigung des von einem Kriegsgericht zu fällenden Urteils, von unseren Funktionen suspendiert wurden. Da sich die Sache sehr in die Länge zog und ich während dieser Suspension keine Gesellschaft, in der sich der Kommandant und die Stabsoffiziere befanden, besuchen konnte, so hatte ich tödliche Langeweile, die mich immer mehr verstimmte und nur hier und da durch die intimere Bekanntschaft, welche ich mit mehreren Damen hatte, unterbrochen wurde. Glücklicherweise kam während dieser Zeit eine wandernde Schauspieler-Gesellschaft nach Kolberg, deren Direktor ein gewisser Romberg war und bei welcher sich ein paar hübsche Aktricen befanden, von denen eine, Madame Vetterlein, nicht ohne Talent und sonst auch recht liebenswürdig war. Ich beschäftigte mich nun viel mit diesem Theater, ordnete das Repertoire an, verschaffte den Schauspielern manche notwendigen Requisiten und lieh ihnen auch manches von meinen kleinen Uniformstücken, und namentlich einem derselben einmal meine Schärpe. Mehrere Offiziere hatten dies bemerkt. Den andern Tag kam es auf der Parade zur Sprache, daß eine preußische Offiziersschärpe auf dem Theater paradiert habe, worüber sich die älteren Offiziere sehr mißbilligend und als über etwas ‚Unerhörtes‘ aussprachen. Der Kommandant ließ durch den Bürgermeister dem Direktor verbieten, künftig wieder eine Schärpe oder ein sonstiges Abzeichen der königlich preußischen Armee auf seinem Theater zu verwenden. Man forschte auch nach, woher der Schauspieler die Schärpe hatte, und bald wußte man, daß ich sie ihm geliehen. Neues Donnerwetter. Der Bataillonskommandeur mußte mir einen Verweis geben und mir verbieten, irgendein Uniformstück den ‚Komödianten‘ zu leihen. Ich hatte mich gut entschuldigen, daß dies in der französischen Armee etwas ganz gewöhnliches sei, ja, daß ich sogar in Berlin, in des ‚Epemenides Erwachen‘ von Goethe, eine ganze preußische Schwadron in Uniform und Schärpen auf der Bühne gesehen. Dies half alles nichts. Ich mokierte mich wieder, so daß es zu den Ohren meiner Vorgesetzten kam, und meine ohnehin schon verdrießliche Lage wurde eben nicht verbessert.
Endlich kam das in meiner Sache mit dem Leutnant Campmann gefällte kriegsrechtliche Urteil bestätigt von Berlin, und lautete für mich auf sechsmonatlichen Festungsarrest, in Weichselmünde bei Danzig zu bestehen, und drei Monate für meinen Gegner in Kolberg. Ich mußte jetzt, von einem höheren Offizier begleitet, mit dem Postwagen nach Danzig abfahren, wohin wir über Köslin, Stolpe, Neustadt und so weiter reisten, wozu wir beinahe drei Tage gebrauchten.
Mit einbrechender Nacht kamen wir in dieser Stadt an und stiegen in dem eben nicht sehr reinlichen Hotel d’Oliva ab, meldeten uns den anderen Morgen beim Kommandanten, der uns artig empfing und eine Empfehlungsorder an den Kommandanten der Feste Weichselmünde gab, wohin wir uns sogleich verfügten. Dieses Fort liegt in einer geringen Entfernung von der Stadt an der Weichsel. Ich bekam ein ziemlich bequemes, aber sehr vielwinkeliges Zimmer angewiesen. Der Kommandant dieses Forts war der Oberstleutnant von Brockhusen, ein artiger Mann, der mich freundlich aufnahm, mir ankündigte, daß ich alle Freiheit habe, in Zivilkleidern hinzugehen, wohin ich immer wolle. Nur müsse ich mich zum Schlafen wieder einfinden. Ich könne aber nach Danzig, nach dem gegenüberliegenden Neufahrwasser, nach Oliva und so weiter gehen und mich nach Belieben amüsieren. Gesellschaft hatte ich große und zum Teil scharmante in Neufahrwasser. Das ganze Offizierskorps eines Landwehrkavallerie-Regiments hatte, samt seinem Kommandeur und Obersten von Himmel, die Offiziere auf achtzehn Monate und der Oberst für drei Jahre, hier Festungsarrest mit derselben Freiheit wie ich. Die Verheirateten hatten sogar ihre Frauen und Kinder bei sich, und alle führten ein ziemlich lustiges Leben. Die Ursache ihres Arrestes war folgende: Das Regiment hatte einmal, als es der Graf Henckel von Donnersmarck zum Manövrieren ausrücken ließ, nicht zu dessen Zufriedenheit exerziert und ein paar Böcke gemacht; der General, darüber erbost, hatte sich gegen das Offizierskorps, welches meistens aus gedienten und wackeren Leuten bestand, sehr beleidigend ausgedrückt und geschrien: „Meine Herren, Sie manövrieren wie die S...“ Die Offiziere hatten sich darauf verabredet, den folgenden Tag, wo das Regiment wieder zum Exerzieren ausrücken sollte, samt und sonders wegzubleiben und dasselbe durch einen Rittmeister dem General vorzuführen, der es ihm mit den Worten: „Ich habe die Ehre, Eurer Exzellenz das Regiment vorzuführen,“ übergab, dann seinen Säbel wieder einsteckte, davonritt, den ganz verblüfften General, der eben angeritten war, stehen lassend. Dem Grafen Henckel von Donnersmarck blieb nun nichts anderes übrig, als die Truppen, vom ältesten Wachtmeister geführt, wieder einrücken zu lassen, und den Vorfall dem Kriegsminister anzuzeigen, was eine umständliche Untersuchung veranlaßte, die das oben erwähnte Resultat hatte, aber auch dem General einen sechswöchentlichen Arrest zuzog. Das ganze, im Festungsarrest befindliche Offizierskorps hatte den Mittagstisch in dem Gasthaus ‚Zum englischen Hof‘ in dem auf dem jenseitigen Ufer der Weichsel liegenden Neufahrwasser, wo auch ich, von meinen Arrestkameraden eingeladen, mich engagierte und man sehr gut bedient war. Die Wirtin namens Wex hatte ein Paar junge Töchter, von denen die jüngere, Jettchen, recht hübsch war. Ein Piano stand im Gastzimmer, die Mädchen sangen leidlich, und so war die Unterhaltung in den Nachmittagsstunden oft recht animiert.
Sobald ich in meiner neuen Residenz, die ich statt der Kriegsschule in Berlin, wie ich das Projekt gehabt, diesen Winter besuchen mußte, installiert war, und mit meinen zum Teil sehr lustigen Arrestkameraden genauer bekannt wurde, verlor sich auch bald mein bisheriger Mißmut. Im englischen Haus gehörte ich bald zur Familie und machte beiden Schwestern zugleich den Hof, aber der älteren, Hannchen, mehr zum Schein, während ich es mit der jüngeren, Jettchen, ernstlicher meinte, und Mama äußerte, ich würde mit keiner übel fahren, welche ich auch wählen möchte. Ich aber vertröstete sie auf ein späteres Avancement, da eine Frau Leutnant doch eine gar traurige Rolle spiele. Es war noch ein anderer guter Gasthof in Neufahrwasser, ‚Zur Stadt Berlin‘, dessen Besitzer zwar keine Kinder, dafür aber zwei allerliebste Nichten hatte, wo ich ebenfalls bald wie zu Hause war, so daß ich in der Regel die Vormittage in dem englischen Hof und die Nachmittage in der Stadt Berlin plaudernd, scherzend, musizierend, küssend und so weiter zubrachte. Auch lernte ich bald noch einige andere Familien daselbst kennen, unter denen die sehr liebenswürdige eines Kriegsrats Schütz, der wieder artige Töchter hatte, und wo noch ein anderes fünfzehnjähriges, ausgezeichnet schönes Mädchen, die Tochter eines grimmigen Seebären, eines Schiffskapitäns, der meist abwesend auf Seereisen war, sich einfand. In diesem Haus wurde auch viel Musik gemacht und die Mädchen sangen recht schöne polnische Lieder, die ich leider nicht verstand. Selbst in dem Fort Weichselmünde fanden sich weibliche, durchaus nicht zu verachtende Reize. Außer der hübschen Tochter des Kommandanten war auch die junge Frau eines Rittmeisters, eine blonde Königsbergerin, die seelenvolle himmelblaue Augen hatte, bei Kuhns, so hieß der Wirt in der Stadt Berlin, wo wir öfters zu Nacht speisten, meine Tischnachbarin, der zu Gefallen ich manchen Abend im Fort zubrachte, wo kleine Kommerzspiele die Hauptunterhaltung ausmachten, bei denen sich die meisten Offiziersdamen einfanden.
Frau Wex, welche mit Kuhns rivalisierte, veranstaltete bald einen Ball paré, an dem alle Honoratioren des Ortes und mehrere Familien aus Danzig teilnahmen. Hier lernte ich unter anderen die Frau eines reichen Kaufmanns, der mehrere Schiffe in der See gehen hatte, kennen, und nach einigen Raschwalzern, die ich mit ihr getanzt, verständigten wir uns schnell in einer Polonäse, begegneten uns zufällig auf einem Korridor, und lagen uns ebenso zufällig in den Armen. Dieser sonderbare Zufall wiederholte sich drei- bis viermal, während der Herr Gemahl in einem Seitenzimmer mit aller Ruhe eine Partie Whist machte. Die Dame vertraute mir, daß sie jeden Abend bis zehn Uhr allein zu Hause zu treffen sei, indem ihr Mann nie verfehle, seine Spielpartie um diese Zeit in Danzig oder in Neufahrwasser zu machen. Dies merkte ich mir wohl und fand mich schon den folgenden Abend in dem mir bezeichneten Hause ein, in das ich in der Dämmerung, in meinen Mantel gehüllt, schlich, wo ich freudig mit offenen Armen empfangen wurde. Diese Besuche wiederholte ich öfters, besonders, wenn ich Herrn G...ch, so hieß der Mann, in der Stadt Berlin wußte, wo eine kleine Pharobank gehalten wurde, und ich ihm gegenüber pointierte, mich auf eine halbe Stunde entfernte, dann zurückkam und ganz ruhig weiterspielte. Bei meinem Arrest in Weichselmünde hing mir der Himmel voll weiblicher Baßgeigen. Aber der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. G...ch mußte von meinen verstohlenen Besuchen durch irgendeinen gefälligen Freund Wind bekommen haben, und als ich mich eines Abends wieder in seine Wohnung begab, begegnete ich in deren Nähe ein paar wildaussehenden Seegesichtern, vulgo Matrosen genannt. Kaum hatte ich die Haustüre hinter mir zugemacht und wollte eben die Treppe hinaufspringen, als ein paar andere Exemplare dieser Bären aus einem Winkel hervorsprangen, während die, welchen ich begegnet war, in die Haustüre traten, und einer derselben mich mit rauher Stimme fragte: was ich hier suche? – „Dies geht euch Schubiaks nichts an,“ erwiderte ich, indem ich eine Terzerole unter dem Mantel hervornahm und den Hahn spannte. Das Knacken desselben machte die Burschen doch stutzend, und ich sagte mit starker Stimme: „Dem ersten, der eine verdächtige Bewegung macht, jage ich eine Kugel durch den Kopf.“ Die Kerls dadurch verblüfft, ließen mich nun ruhig wieder zum Haus hinausgehen. Ich begab mich nun in die Stadt Berlin, wo wie gewöhnlich gespielt wurde, setzte mich an den Spieltisch und pointierte ganz ruhig mit Viergroschenstücken, als sei nicht das mindeste vorgefallen. Etwa zwanzig Minuten später trat auch G...ch herein, dem ich einen sehr freundlichen guten Abend wünschte. Statt ihn aber zu erwidern, warf er einen grimmigen Seitenblick auf mich, was ich nicht zu bemerken für gut fand, sondern ganz gleichgültig zu ihm sagte: „Warum heute so spät, Herr G...ch, ich bin schon lange hier und spiele wieder einmal glücklich.“ – „Das Glück scheint Ihnen gewogen,“ gab er mir, seinen Zorn verbeißend, zur Antwort, „und das ist Ihr Glück.“ – Den anderen Morgen wurde ich durch ein Briefchen von Madame G...ch unterrichtet, daß sie eine arge Szene mit ihrem Mann gehabt, dem man unsere Zusammenkünfte verraten habe, und sie auf einige Zeit zu ihren Eltern nach Elbing verreise, wo ich sie, wenn ich es möglich machen könne, doch besuchen möge. Dieser Vorfall war mir sehr unangenehm, da es in Neufahrwasser bekannt wurde, daß ich die Ursache einer Trennung der G...schen Eheleute sei, die sich später jedoch wieder vereinigten. Ich suchte von jetzt an mich mehr in Danzig zu zerstreuen. Ich begab mich jetzt jeden Morgen mit dem Frühesten nach Danzig, von wo ich in der Regel erst gegen Mitternacht in meine, wenigstens dreißigwinkelige Arreststube, die eine gar seltsame Bauart hatte, zurückkehrte. Auch im Danziger Kasino, wo jede Woche Tanz und Musik stattfand, wurde ich eingeführt und machte neue Bekanntschaften daselbst, unter denen eine sehr üppig gebaute schöne polnische Gräfin von M...ka aus Posen war, deren schlanker Wuchs, ein fast verschlingendes Auge, rabenschwarzes Glanzhaar, eine äußerst feine und weiße Haut, eine entzückende Anmut mich wie fast alle Männer, die sie sahen, bezauberte. Auf den Maskenbällen, die nun gegeben wurden, und oft glänzend und reich an prächtigen Kostümen waren, gelang es mir, die schöne Gräfin genauer kennen zu lernen. Auf einem derselben hatte ich mich zuerst als Zigeuner, dann als Spanier verkleidet, und setzte der Dame in der Maske des ersteren, durch meine Prophezeiungen ihr die gute Wahrheit sagend, so gewaltig zu, daß ich ihre Neugierde in hohem Grade rege machte. Namentlich, indem ich ihr mitteilte: sie würde, ehe vierzehn Tage vergingen, einen Anbeter haben, dem sie nichts versagen könne. Als der Zigeuner verschwunden war, forderte der Spanier die als kassubisches Landmädchen verkleidete Gräfin zu einer Polonäse auf, und erzählte ihr während der Promenade, daß ihm ein Zigeuner prophezeit habe, er werde in Danzig noch sehr glücklich werden und die Gunst der schönsten Dame dieser Stadt erhalten. – „O, dann ist es gewiß nicht die meinige,“ meinte die Gräfin. – „Und wer sollte sich an Schönheit, Grazie und Liebenswürdigkeit mit Euer Gnaden in Danzig messen können?“ – „Sie sind ein gefährlicher Schmeichler.“ – „Es ist keine Schmeichelei, wenn man die Wahrheit spricht.“ – Die Gräfin erzählte nun auch ihrerseits, was ihr der Zigeuner gesagt. – „Sonderbar, dies hat was zu bedeuten,“ erwiderte ich, dem hübschen Landmädchen die Hand drückend. Die Polonäse löste sich endlich in einen Raschwalzer auf, wir flogen sinnenberauscht dahin und setzten uns endlich etwas ermüdet unter eine entlegene Fensterhalle. Die Gräfin M...ka nahm ihre Larve ab und sagte: „Die Hitze ist unausstehlich, länger halte ich’s nicht aus, machen Sie es ebenso.“ Ich befolgte den Befehl, worauf sie mich erkennend sagte: „Dacht’ ich’s doch, Sie sind der Offizier, mit dem ich schon öfters im Kasino tanzte.“ – Wir engagierten uns dann noch auf eine Tempête, eine Quadrille und ein paar Walzer, und ich erhielt von der Dame das Versprechen, daß ich bei der ersten Schlittenfahrt der sie fahrende Kavalier sein solle. Der bald darauf gefallene Schnee machte auch eine solche möglich, und ich hatte das Vergnügen, das Versprechen in Erfüllung gehen zu sehen, und übte das Schlittenrecht in seiner weitesten Ausdehnung. Kurze Zeit darauf hatte ich das noch weit größere Vergnügen, auch diese Dame in meinem Zimmer zu Danzig zu empfangen und zu bewirten, ohne daß meine niedliche Wirtin, die mich öfters mit Morgenbesuchen beehrte, etwas davon merkte, so wenig wie von anderen Damenbesuchen, die ich natürlich alle nur nach eingetretener Nacht empfing. Mein Zimmer war au rez de chaussée. So schwanden mir denn die sechs Monate Festungsarrest in Weichselmünde wie sechs Wochen hin. Bevor sie um waren, erbat ich mir unter dem Vorwand, meine etwas zerrüttete Gesundheit wieder herzustellen, denn sie war es wirklich, wenn auch nicht durch die Kerkerluft, doch durch Strapazen mancherlei Art, noch einen sechswöchentlichen Urlaub, der mir bewilligt wurde, und den ich zu einer kleinen Reise nach Marienburg und Posen zu verwenden beschloß. Die Gräfin M...ka ging mit dem Frühjahr ebenfalls dahin zurück und gab mir die Erlaubnis, ihr daselbst meine Aufwartung machen zu dürfen, jedoch in allen Ehren, denn dort herrsche der Herr Gemahl, der nicht mit in Danzig gewesen, wo die Dame bei einer Freundin zu Besuch war, etwas streng.
Als ich meine Freiheit und meinen Degen zurückerhalten und die Urfehde geschworen hatte, nahm ich Abschied von Weichselmünde, Neufahrwasser und Danzig und trat die Reise nach Marienburg an.