Was mich hauptsächlich zu einer Reise nach Marienburg bestimmte, war, das weltberühmte Schloß der alten Hochmeister des deutschen Ordens, von dessen Merkwürdigkeiten man mir so viel und erst wieder in Danzig erzählt hatte, daß ich den Wunsch, diese prächtigen Überreste der einst so mächtigen Ordensritter kennen zu lernen, nicht unterdrücken konnte. Ich verweilte nur drei Tage in Marienburg, wo ich, nachdem ich das Schloß von außen und innen sattsam gesehen, bald tödliche Langeweile verspürte.
Von Marienburg fuhr ich nach der nur wenige Meilen entfernten Stadt Elbing, die samt einer Burg im Jahre 1237 auch von den Ordensrittern erbaut wurde, und von hier nach Königsberg. Eine starke Erkältung zwang mich, ein paar Tage das Bett zu hüten. Mein erster Ausgang, als ich wieder hergestellt, war nach der ehemaligen Zitadelle, der alten Friedrichsburg, in der man mir den Moskowitersaal und die Bernsteinkammer zeigte. Hierauf begab ich mich in den vom Großmeister Lothar von Braunschweig vierzehnten Jahrhundert erbauten Dom. In dem Schauspielhaus, das gerade nicht vorzüglich ist, sah ich einige nicht sehr gut exekutierte Opern und Schauspiele aufführen. Mehr erfreuten mich die zum Teil sehr schön angelegten Promenaden, besonders die am Schloßteich, dem Königsgarten und dem von Hippel angelegten Philosophendamm. Von Königsberg eilte ich nach Posen und fuhr über Elbing, Marienwerder, Graudenz, Kulm, Bromberg, Gnesen und so weiter dahin ab, ohne mich an einem dieser Orte umzusehen.
Erst mit der einbrechenden Nacht kam ich in Posen an und schlief in einem herzlich schlechten und eben nicht sehr reinen Bett doch trefflich. So wie der Hunger der beste Koch ist, so ist Ermüdung der beste Schlafbereiter. Auch erwachte ich erst spät am Vormittag. Nachdem ich meine Toilette gehörig gemacht, schickte ich mich an, die Stadt zu besichtigen. Bei der Parade sah ich mehrere Offiziere, die ich schon in Berlin kennen gelernt hatte und die mich zur Offizierstafel einluden, was ich mit Dank annahm. Denselben Tag zog ich noch Erkundigungen nach der schönen Gräfin M...ka ein und erfuhr, daß kein Offizier Zutritt in dem Haus des Grafen habe. Indessen ließ ich mich doch, wie ich es mit der Dame in Danzig verabredet, bei ihr melden, wurde auch angenommen, jedoch von dem Herrn Gemahl ziemlich frostig empfangen, der mich auch nicht ersuchte, meinen sehr kurzen Besuch zu wiederholen, mir indessen eine kurze Gegenvisite machte. Noch den nämlichen Abend kam ein sehr niedliches Mädchen in polnischem Kostüm, das kein Deutsch, aber so ziemlich französisch sprach und mir ein Billettchen brachte, in dem man mich ersuchte, dem hübschen Kammerzöfchen zu folgen, das mir ein Haus zeigen würde, wohin ich mich den folgenden Abend zu begeben habe, um eine gewisse Dame sprechen zu können. Das Mädchen war so gesprächig und lud mich so zutraulich ein, mich ihrer Führung zu überlassen, daß ich nicht umhin konnte, ihr auf die Wangen zu klopfen, ihr etwas tief in die schwarzen Augen zu blicken und mit einem Kuß auf den runden Nacken und einen Taler in die Hand drückend, zu danken. – Oh, ihr galanten Damen, wenn ihr euch auch nur auf eine kurze Zeit der Treue eurer Anbeter versichern wollt, so nehmt um Himmelswillen kein hübsches Kammerkätzchen zu eurer Unterhändlerin und Liebesbotin. Der Teufel mag solchen verführerischen Dingern widerstehen, aber kein junger Mann von Fleisch und Blut. Alte Weiber, Hexen mit triefenden Augen, die man kaum mit der Feuerzange berühren möchte, dies sind die zuverlässigsten Diplomaten bei solchen Unterhandlungen. – Auch ich widerstand nicht, wohl aber tat das Mädchen so und lispelte: „Mais Madame la contesse! Mais Monsieur finissez donc, vous aimez ma maîtresse!“ – „Sans doute, mais cela ne m’empêche point d’aimer aussi la confidente.“ Die weiteren Antworten des allerliebsten Rosenmundes erstickte ich mit Küssen, und ließ mich nach einer halben Stunde von der Donetta nach dem erwähnten Haus führen, das in einer ziemlich engen Straße lag, klein und schmal war und nur zwei Fenster Front hatte. Ich trat mit meinem ange polonais ein, der mich der parterre wohnenden Frau vorstellte, welche früher in Diensten der Mutter der Gräfin gestanden hatte und aus alter Anhänglichkeit für die Tochter sich derselben möglichst gefällig zeigte. Von hier begab ich mich zu der Soiree eines verheirateten Majors, der mich bei der Parade eingeladen hatte, und wo ich mehrere hübsche polnische Damen traf, von denen aber die wenigsten deutsch, einige ziemlich französisch sprachen. Die Polinnen sind recht sinnlich liebenswürdig, meist sehr üppig gebaut, haben mit den Spanierinnen die größte Ähnlichkeit, nicht die mindeste mit den Französinnen. Hätte ich die polnische Sprache gekannt, so würde ich gewiß auch mehrere recht artige polnische Abenteuer erlebt haben. Es wurde viel Musik gemacht, einige der polnischen Damen hatten herrliche Stimmen, sangen aber nur polnische Lieder, die, wie man mir sagte, meist politischen Inhalts waren und sich auf Polens Schicksale bezogen.
Als den nächsten Tag das Gestirn des Tages untergegangen war, fand ich mich zur bestimmten Zeit in dem bewußten Haus ein, wo mich die Frau willkommen hieß, aber nur wenig schlechtes Deutsch sprach, so daß wir uns mehr durch Pantomimen verständlich machen mußten. Ich hatte beinahe schon eine gute Stunde gewartet, als endlich die Gräfin, im Kostüm eines polnischen Dienstmädchens und in Begleitung des ihrigen erschien. Beide sahen so reizend aus, daß mir fast die Wahl wehe tat. Aber hier war keine Wahl mehr möglich. An drei Stunden brachte ich in einem Hinterstübchen mit der verkleideten Gräfin zu, während die beiden anderen in der vorderen Wache hielten. Beim Weggehen sagte sie mir, sie würde mich es jedesmal durch ihr Mädchen wissen lassen, wenn sie abkommen könne. Dies ließ ich mir gern gefallen, und die hübsche Abgesandte war mir so lieb, daß in ihren Armen ermüdet, ich mehr als einmal die Einladung zum Stelldichein unter dem Vorwand, schon bei einem General oder Stabsoffizier zugesagt zu haben, ausschlug, wobei ich auf die Mithilfe des mich entschuldigenden Mädchens sicher zählen konnte. – So hatte ich ungefähr drei Wochen in Posen zugebracht. Es war Zeit, an die endliche Rückreise nach Kolberg zu denken, die ich nach gehörigem Abschiednehmen bei sehr schlechtem Wetter und auf abscheulichen Wegen antrat, und zwar in einem offenen Wagen, über Czarnikau, Schneidemühl und Neustettin, wo Weg und Wetter erst wieder etwas leidlicher zu werden begannen. In meinem Leben habe ich keine unangenehmere und langweiligere Reise gemacht. Übernachten in ekelhaften Wirtshäusern, elenden Krügen, schmutzige und so unreinliche Betten, daß ich das ganze Bettzeug hinauswarf und auf frischem Stroh, das ich mir bringen ließ, schlief, jämmerliche Kost, auch nicht ein interessanter Gegenstand auf dem ganzen Weg. Dies alles gehörte zu meinen Reiseannehmlichkeiten.
Als ich endlich zu Kolberg durch das Lauenburger Tor wieder einfuhr, da war mir ganz sonderbar zumute und so unheimlich, daß ich mich gerne wieder hundert Meilen weit weggewünscht hätte. Ich machte meine schuldigen militärischen Meldungen und hatte einige Flaschen Danziger Goldwasser und einen ziemlichen Vorrat Königsberger Marzipan mitgebracht, die ich an die Töchter meines Kommandeurs und andere verschenkte, um mir eine gute Aufnahme zu bereiten. Ich trat nun meine Dienste, sowohl bei der Garnison wie bei den mir befreundeten Damen wieder an, und allenthalben hieß es: „Fröhlich ist wieder da; wir werden bald wieder Neues hören.“ Ich ließ es indessen vorerst beim Alten, scherzte mit Madame G..., besuchte fleißig die Frau Doktor M..., sang mit Frau von Schätzel, brachte mit Hilfe der letzteren einige kleine theatralische Vorstellungen zustande, die im Haus der Madame Schröder und bei Kuhpfahls aufgeführt wurden, und so weiter.
Ein höchst greulich-tragischer Vorfall, der sich um dieselbe Zeit in meiner Vaterstadt Frankfurt am Main zutrug, machte auch in Kolberg großes Aufsehen, da das Individuum, welches denselben veranlaßt hatte, aus dieser letzteren Stadt gebürtig war, in der sein Vater, ein ehrenwerter alter Zimmermann namens Moog, noch lebte, und so unglücklicherweise die in Frankfurt von seinem Sohn begangene furchtbare Tat erfahren mußte. Der junge Moog, ein Tischler, hatte sich in Frankfurt mit einer Bürgerstochter verheiratet und war so Bürger und Meister daselbst geworden. Obgleich fleißig, arbeitsam und sehr mäßig lebend, konnte er daselbst doch nicht vorankommen, woran hauptsächlich schuld war, daß er unbarmherzigen Menschenschindern, vulgo Wucherern in die Hände gefallen war. Er wurde trübsinnig, sah das Elend seiner Familie, er hatte bereits fünf Kinder, von denen das älteste noch nicht sieben und das jüngste anderthalb Jahre alt war, unabwendbar, und wurde namentlich von einem gewissen Konrad R...s, dem er einige Gulden schuldete, bis aufs Blut gemartert. Er faßte nun einen verzweifelten Entschluß, und nachdem er eines Morgens früh, er sollte an diesem Tag gepfändet werden, das Dienstmädchen in einen von seiner Wohnung im Löwengäßchen weit abgelegenen Stadtteil unter dem Vorwand, daß bei einem Bäcker daselbst ganz vorzüglich gute Milchbrote zu haben seien, weggeschickt, schnitt er seiner Frau, seinen fünf Kindern und zuletzt sich selbst den Hals ab, so daß das rückkehrende Mädchen sieben in einem Blutbad liegende Leichen antraf und ohnmächtig niederfiel. Diese schreckliche Tat hatte die ganze Stadt in Alarm gebracht. Der unglückliche Moog, den besonders die Ambition, daß niemand von den Seinigen der Stadt zur Last fallen solle, zu der schrecklichen Tat vermocht hatte, wurde von der unsinnigen Frankfurter Kriminaljustiz noch verurteilt, nach dem er auf einem Schinderkarren zum Rabenstein geschleift worden, daselbst, obgleich schon tot, enthauptet zu werden, worauf man seinen Kopf auf eine Stange steckte und den Körper auf das Rad flocht. Dies geschah im Ihre 1817 zu Frankfurt!
Auf diese Veranlassung hin erließ der Frankfurter Senat ein Schreiben an den Magistrat zu Kolberg, worin er demselben Bericht über den gräßlichen Vorfall erstattete und dabei bemerkte: daß es ihm (dem Senat) zum Troste gereiche, daß der schreckliche Mörder kein geborener Frankfurter, sondern ein Kolberger sei. – Der Kolberger Magistrat, zehnmal vernünftiger, zuckte die Achseln über diese unpassende Bemerkung und meinte, eine Regierung, deren Behörden solche absurde Mitteilungen zu machen imstande seien, müsse eben nicht zu den vernünftigsten gehören, und er hatte vollkommen recht. – Mehrere Jahre nachher wiederholte sich ganz dasselbe furchtbare Schauspiel, das diesmal ein geborener Frankfurter namens Lichtwerk aufführte, ebenfalls durch Wucherer dazu veranlaßt, wozu denn auch die den Armen so ungünstige als den Reichen günstige Frankfurter Ziviljustiz das ihrige beitrug. Der Reiche, besonders wenn er recht vollbesetzte Mittagessen zur rechten Zeit zu geben versteht und sich gewisser Rabulisten versichert, vermag bei der Frankfurter Themis alles.
Als der arme alte Moog in Kolberg, den ich persönlich gekannt, die Untat seines Sohnes erfuhr, sagte er, wie von stillem Wahnsinn überwältigt: „Dies war ja nicht mein Sohn,“ und wiederholte diese Worte, so oft die Sprache von dieser Tat war. Er starb ein halbes Jahr darauf.
Ich führte nun mein früheres Leben in Kolberg wieder fort, ging noch einige Male auf Urlaub nach Berlin, wo ich mich immer sehr vergnügte, und mehrere kleine komische Vorgänge, die ich in Gesellschaften oder auch auf Promenaden beobachtet hatte, dem dortigen, damals sehr beliebten Volksblatt ‚Der Beobachter an der Spree‘ mitteilte, dessen Redaktion sie auch sehr willig und gerne aufnahm. Damals ahnte ich noch nicht, daß diese von meiner Feder dem Druck übergebenen Erstlinge den Anfang einer, einige Jahre später zu beginnenden literarischen Karriere sein würden. – Man fand sie, ohne daß man den Verfasser kannte, geißelnd und satirisch genug, namentlich gefielen sie der alten Frau von Pogwisch außerordentlich.
Ein Streich, den ein paar Studenten der reichen Madame Schröder gespielt hatten, gab der ganzen Stadt Kolberg viel zu lachen. Die Dame machte jetzt jedes Jahr eine Pläsierreise in Gesellschaft ihrer Freundin Julius. Schon einige Male waren sie bis nach Berlin gekommen, hatten sich aber noch nicht weiter gewagt, diesmal hatten sie sich jedoch Dresden zu sehen vorgenommen. Sie reisten ohne andere männliche Begleitung als einen pommerschen Kammerdiener, der nicht mehr Erfahrung und Weltkenntnis hatte als seine Herrinnen. In Dresden führte sie der Zufall an der Table d’hôte des Gasthofes, in dem sie logierten, in die Nachbarschaft von ein paar Studenten, lustigen Zeisigen, welche die große Naivität der reisenden Damen schnell lehrte, wes Geistes Kind dieselben waren. Sie redeten ihnen zu, da sie so nahe bei Prag seien, doch auch diese merkwürdige Böhmenstadt, von deren Raritäten sie ihnen Wunderdinge erzählten, zu besuchen und kennen zu lernen. Madame Schröder meinte, das sei allerdings der Mühe wert, aber auf der Reiseroute, die ihnen Herr Julius in Kolberg ausgefertigt, stünde nichts davon geschrieben, und sie wüßten also nicht, wie sie es anzufangen hätten, den Weg dahin zu finden. – „Oh, wenn es weiter nichts ist, meine Damen,“ sagte der eine Studiosus, „die will ich Ihnen schon angeben.“ – „Wollen Sie die Gefälligkeit haben?“ – „Mein Gott, warum denn nicht? Sie müssen Ihre Pferde nur genau von einer Station zur anderen so bestellen, wie ich es Ihnen hier aufzeichnen werde.“ – Er nahm nun ein Papier zur Hand und schrieb eine Reiseroute von etwa zehn bis zwölf Stationen auf, die bis wenige Meilen vor Prag führte, dann aber wieder auf einem anderen Weg bis auf eine Station vor Dresden zurück. Prag selbst schrieb er nicht auf, indem er zu den Damen sagte: „Das ist unnötig, auf dieser letzten Station bestellen Sie die Pferde nur nach Prag.“ – Die Damen bedankten sich recht höflich für die ihnen erwiesene Gefälligkeit und befolgten die erteilten Instruktionen auf das genaueste. Frau Julius, welche sich die klügste dünkte, bestellte die Pferde von Station zu Station, wie es auf dem Zettel stand. Als sie aber, auf der letzten angekommen, dieselben nach Prag requirierte, glaubte der Posthalter, die Dame habe sich versprochen, und sagte: „Sie werden meinen, nach Dresden.“ – „Oh, bewahre der Himmel, nach Prag, nach Prag.“ – „Ja, da kann ich Sie nur für die nächste Station bedienen, dann müssen Sie weiter bestellen, bis zur letzten vor Prag.“ – Die Damen wußten nicht, was das zu bedeuten habe, und glaubten, der Herr Posthalter sei nicht recht bei Sinnen. Endlich, nach vielem Hin- und Herreden, und nachdem die Damen ihre, vom Studenten erhaltene Reiseroute vorzeigten, klärte sich die Sache auf. Der Posthalter konnte das Lachen kaum verbergen und die Damen waren im höchsten Grade erbost, als sie inne wurden, welchen Streich man ihnen gespielt. Sie fanden nun für gut, die Reise nach Prag ganz aufzugeben, kehrten wieder nach Dresden, und zwar in denselben Gasthof zurück, wo sie sogleich dem Wirt die Geschichte erzählten und nach dem boshaften Studenten fragten, der aber nach der Versicherung des Wirtes mit seinen Kameraden gleich, nachdem die Damen weg waren, nach Leipzig abgereist sei, sich aber vorher noch des Geniestreichs, den er gemacht, rühmte, so daß der Wirt und andere Gäste vor der Rückkehr der Damen schon davon unterrichtet gewesen, die nun Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit in dem Gasthof waren, und verschönert kam die Geschichte in ganz Dresden herum. Sie selbst, sowie ihr Kammerdiener erzählten, nach Kolberg zurückgekommen, ebenfalls das gehabte Abenteuer, über den Studenten schimpfend, während die ganze Stadt lachte und man sich allenthalben zurief: „Nun, machen wir bald wieder eine Reise nach Prag?“
Herz und Zeit teilte ich jetzt zwischen literarischen Studien und der Unterhaltung mit einem halben Dutzend Damen. Unter den letzteren war auch eine neue Amourette mit einem hübschen Klosterfräulein, die sich von B... nannte. Doch war sie in keinem Kloster, sondern in einer Stiftung, die aus einem früheren Kloster, das, wie so viele nach der Reformation, einging, dotiert war und von der junge Mädchen aus guten, aber zurückgekommenen Familien einen Jahrgehalt erhielten, der wegfiel, so bald sie sich verheirateten. Diese wohnte bei einem Kaufmanne G...l, mit dem sie verwandt war, der mehrere Kinder hatte und die hübsche Klostercousine ebenfalls gerne sah, was indessen seine Frau, Vertraute des Fräuleins, wußte, und deshalb deren Bekanntschaft mit mir begünstigte, während mich der Mann ungern in seinem Haus vorfand. Ich sah indessen Fräulein von B... oft in einem dritten Haus, bei einer Frau Witt auf dem Markt, die so gefällig war, uns ganze Stunden in eine obere Kammer einzusperren und daselbst mit allerlei Erfrischungen zu versehen. Auch sie ließ ihren Herrn Gemahl gerne blinde Kuh spielen. Da indessen Herr G...l der Cousine immer mehr zusetzte, so entschloß sich dieselbe, aus diesen und noch anderen Ursachen sein Haus und sogar Kolberg zu verlassen und in dem nahen Belgard zu wohnen, wo ich sie dann öfters heimsuchte. Eine andere Dame, mit der ich ein Verhältnis angeknüpft hatte, konnte ich nur, da sie zu sehr bewacht war, mit Hilfe der gefälligen Frau Witt, auf der Dachrinne zwischen dem Giebel ihres Hauses und dem der Dame sprechen, indem wir jedes aus einem Gaubloch (Dachfenster) stiegen. So oft es ihr zu kommen möglich wurde, gab sie mir das Zeichen dazu durch ein Stückchen weißes Papier, welches sie an das Fenster klebte, und zwar zu einer bestimmten Nachmittagsstunde, die ich in einer nahen Weinwirtschaft, die man ‚Zur Mutter Blaurock‘, ein Spottname, den man der etwas korpulenten und gutmütigen Wirtin gegeben, abpaßte. Eines Abends, als wir nach eingebrochener Nacht uns wieder in der Rinne zwischen den zwei Giebeldächern recht angenehm unterhielten, hörten wir plötzlich Tritte auf dem Boden, die sich dem offen stehenden Gaubloch näherten. Wir flüchteten uns schnell durch das Dachfenster des Wittschen Hauses auf den Boden. Madame L... glaubte ihren Mann zu erkennen, eilte die Stiegen hinab, über die Straße in ihr Haus und in ein hinteres Gemach. Als der Herr Gemahl, denn er war es richtig gewesen, langsamen Schrittes vom Boden herabkam, fand er seine teure Ehehälfte ganz ruhig in demselben etwas räumen. Er schüttelte zwar bedenklich den Kopf, sagte aber nichts. Den andern Tag war jedoch das auf die Rinne führende Dachfenster mit einem Vorlegeschloß verwahrt, was aber nicht hinderte, daß wir andere Mittel und Wege fanden, uns zu sehen, und dies mit Hilfe kleiner Papierchen und gewisser Zeichen am Fenster. Ein paar alte Türkenjungfern halfen gerne aus; der Mann begleitete die Frau zu ihnen und holte sie auch später wieder ab, nicht ahnend, daß ich schon vorher im Haus verborgen war. Die Dame erhielt bald darauf einen Besuch von einer jungen Anverwandten, einem Fräulein von Campke aus Berlin, das sie nun zu ihrer Liebesbotin machte. Das Mädchen war sehr schön, hatte besonders einen ätherischen Wuchs und einen Sylphidengang, eine wahre Hebegestalt. War es ein Wunder, daß mich eine solche verführerische Abgesandte, deren Stimme noch obendrein den harmonischsten Klang hatte, zur Untreue und zum Verrat an der Schönen, die sie sandte, verleitete? Auch war es fast immer auf dem alten Marienkirchhof, zwischen Gräbern und Gespenstern, wo sie mir zu sagen hatte, ich möchte mich bei Türks einfinden, und ich sie dann persuadierte, sich vorher bei mir einzustellen. Leider blieb das hübsche Mädchen eine viel zu kurze Zeit in Kolberg, sie gab mir aber die Adresse ihrer Wohnung in Berlin, in der Hamburger Straße, wo sie sich bei ihrer Tante, der Frau von Osten aufhielt, die eine Verwandte eines Majors von Osten war, der in Berlin bekannt, weil ihn ein Feldprediger, den er gerne aufzog und zum besten hatte, einst auf eine arge Weise heimgeschickt, ohne daß er deshalb etwas hätte erwidern können, so sehr er sich auch getroffen fühlen mußte. Die Sache war folgende: Bei dem Dessert eines splendiden Mittagmahles, das ein Oberst seinen Offizieren gab, neckte sich der Major wieder mit dem Feldprediger, und zog ihn namentlich wegen der Wunder der Bibel arg auf. Der Pastor, in die Enge getrieben, wußte sich nicht anders zu helfen, als indem er zu seinem Gegner sprach: „Oh, die Wunder, die Sie da erwähnen, sind noch gar nichts gegen die bei der Sündflut, wo unser Herrgott dem Vieh jeder Art befahl, sich in die Arche zu verfügen, und dann unter anderem zu den verschiedenen Tieren sprach: ‚Du, Löwe von Süden, geh’ in den Kasten hinein; du, Kamel aus Westen, geh’ in den Kasten hinein; du, Bär von Norden, geh’ in den Kasten hinein, und du, Esel von Osten, geh’ in den Kasten hinein‘, und sämtliches Vieh gehorchte ohne Murren.“ – „Bravo, Herr Pastor,“ erschallte es von allen Seiten des Tisches. Der Major biß sich in die Lippen, war stumm und ließ den Feldprediger fortan ungehudelt.
Aus Mangel an anderen Feldzügen und aus Langeweile, die in Friedensgarnisonen das Militär immer plagt, denn man kann auch mit dem besten Willen nicht ewig hinter den Büchern hocken, und der Dienst will nicht viel sagen, machte ich fortwährend Pläne, neue Kampagnen unter Amors Banner zu eröffnen. So kam ich auf die Idee, die Szene, die ich schon einmal in Berlin gespielt, auch in Kolberg zu wiederholen, nämlich alle meine Teuren, jedoch nur die Verheirateten, bei einem Abendmahl zu vereinigen. Ich wohnte damals bei einem Brauer namens Paul, der ein Paar scharmante junge Töchter, Minchen und Karolinchen, besaß, mit denen ich mich schnell auf einen vertrauten Fuß gesetzt hatte. Meine Wohnung war Parterre und hatte einen eigenen Eingang im Torweg. Nachdem ich nun sieben Frauen zu diesem Abendessen, versteht sich, ohne daß eine etwas von der anderen wußte, eingeladen, bat ich die beiden Mädchen, mir doch ein Essen zu bereiten, indem ich einige Kameraden bewirten wollte. Es solle aber nur aus kalter Küche bestehen. Sie machten ihre Sache vortrefflich und bereiteten besonders einige sehr gute Gelees und Blancmangers. Pasteten hatte ich in der Stadt London machen lassen. Als die festgesetzte Stunde gekommen und der Tisch vollständig serviert war, daß keine Bedienung mehr nötig, kamen nacheinander: Madame G..., Frau Doktor M..., Frau von Sch...l, Frau von St..., Madame Z...ke und Madame W..., die ich alle auf das freundlichste empfing und, sowie eine zweite leise anklopfte, jedesmal erstere teils in meine Schlafkammer, teils in eine andere Nebenkammer eiligst verbarg, ihr tiefstes Schweigen empfehlend. Als endlich alle da waren, die siebente blieb aus, trat ich mit einem Licht in die Kammern und bat die ebenso überraschten als verschämten Schönen, mir zu erlauben, sie an den Tisch führen zu dürfen. Hier war die Szene eine ganz andere wie zu Berlin, da sich die sämtlichen Damen sehr genau kannten; auch blieben alle stumm und bewegungslos. Bei einigen verriet sich aber Zorn und Scham im Angesicht. Keine wollte meiner Einladung Folge leisten. Dies wäre eine Gruppe für einen Hogarth gewesen; in allen seinen Zeichnungen findet sich nichts ähnliches. Auch ich gaudierte mich nicht wenig an dem Anblick derselben. Die einen waren blutrot, die anderen leichenblaß, und keine getraute sich umzusehen. Ich nahm endlich das Wort und sagte: „Wohlan, meine Damen, das Souper erwartet Sie; es ist zwar ein kaltes, wird Ihnen aber doch schmecken. Verderben Sie sich den Appetit nicht, wir sind ja lauter Bekannte. Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes übrig und es ist immer das Beste, gute Miene zu bösem Spiele zu machen. Seien wir einig, Sie haben ja alle gleiches Interesse, daß dies Spiel nicht verraten werde, also keine etwas von der anderen zu fürchten. Ein wenig Scham ist schnell vorüber.“ Noch immer gab keine einen Laut von sich. Ich nahm nun Frau von Sch...l und die Doktor M... am Arm, führte sie halb mit Gewalt an den Tisch, placierte sie und machte es dann mit den anderen ebenso. Ich servierte, aber keine wollte zugreifen. Endlich machte Madame G... zuerst den Mund auf und löste ihre geläufige Zunge, indem sie sprach:
„Meine Damen, der Streich ist zwar unerhört, nein, so etwas lebt nicht mehr und ist gewiß noch nicht vorgekommen, so lange die Welt steht. (Hier ließ ich ein leises: „Doch, doch,“ hören.) Fröhlich ist ein Ausbund von Verrat und Falschheit, aber was wollen wir armen verratenen Geschöpfe machen. Kommt die Geschichte an den Tag, so sind wir alle verloren. Es bleibt nichts anderes übrig, als reinen Mund zu halten oder unserem abscheulichen Wirt die Augen auszukratzen, ihn bis in den Tod zu hassen, oder noch besser, zu erwürgen.“ – Dies war eine schöne Aussicht für mich. Glücklicherweise machte keine der Damen Anstalt, einen so abscheulichen Rat zu befolgen, und ich, mich ermannend, versetzte: „Mein Tod, meine Damen, würde das Übel, wenn es eines ist, in dem Sie sich befinden, nur noch zehnmal ärger machen, denn Sie könnten in den Fall kommen, alle gehängt zu werden. Deswegen ist mein Rat, statt den der Madame G... zu befolgen, sich sofort an die auf Sie schon längst harrenden, gut zubereiteten Speisen zu machen, sich es wohl schmecken zu lassen.“ Dabei küßte ich eine nach der anderen, trotz ihrem Sträuben, und nötigte sie zum Essen. Sie fanden sich nach und nach in das Unvermeidliche, wurden gesprächiger, und nachdem erst einige Gläser Champagner geleert waren, fand sich das Übrige. Ich spielte lustige Tänze am Klavier, man wurde zuletzt heiter und fröhlich, und gegen zehn Uhr verließen sie sämtlich meine Wohnung, mir beim Umarmen eine angenehme Nacht wünschend. Der Spaß war nicht mit Gold zu bezahlen, wurde aber doch verraten, denn Pauls Töchter hatten uns belauscht und die Damen fortschleichen gesehen, ohne sie jedoch alle und genau erkannt zu haben, sondern mehr vermutet, wer sie waren. Als sie noch denselben Abend zu mir kamen, den Tisch wieder abzuräumen, lächelten sie malitiös, und die jüngere, Karolinchen, eine frische, kaum sechzehnjährige Blondine, sagte: „Ihre bewirteten Kameraden waren ja alle ohne Bart.“ – Ich küßte sie und erwiderte: „So wie du, mein Kind,“ und da ich wohl merkte, daß sie gelauscht haben mußten, nahm ich ihnen das feierliche Versprechen ab, gegen niemand etwas von diesem Souper zu erwähnen, und behielt sie zum Dessert bei mir. Sie hatten noch eine dritte Schwester, eine junge, an einen Salinenbeamten verheiratete Frau, die öfters ihre Eltern besuchte, mit der ich etwas später auch noch ein kleines Abenteuer hatte. Dieser erzählten sie im tiefsten Vertrauen, was bei mir vorgegangen war, und so machte die Historie mit vielen Varianten der Namen der Beteiligten dennoch bald die Runde in der Stadt, wurde aber glücklicherweise von den meisten Personen für ein Märchen oder doch wenigstens als sehr ausgeschmückt und übertrieben gehalten, besonders, da man sich hinsichtlich der Namen der beteiligten Personen durchaus nicht verständigen konnte. Auch wurde diese Geschichte schnell wieder durch eine andere verdrängt.
Mein Freund Willmann, der in der Liebe weit beständiger war als ich, hatte noch immer großes Wohlgefallen an seiner korpulenten Kriegsrätin. Eines Nachmittags wurde im Garten bei Kuhpfahls die Chronique scandaleuse der damaligen Zeit von Kolberg verhandelt, wo denn auch das Verhältnis Willmanns mit der Wißling zur Sprache kam, und ein Kaufmann namens Hackstock, bei dem Willmann wohnte, erzählte ganz ohne Hehl in dem Harmoniegarten, daß die Kriegsrätin gewisse Futterale von den feinsten Blasen für den Offizier per Dutzend nähe. Dies wurde dem Vater der Kriegsrätin, einem Beamten namens Juske, der noch andere hübsche unverheiratete Töchter hatte, hinterbracht, und der Mann war einfältig genug, die Sache anhängig zu machen und den Erzähler als Verleumder zu verklagen, der sich nun zu beweisen erbot, was er gesagt, indem er selbst ein ganzes Paket solcher Dinger, von der Wißling geschickt, einem Mädchen abgenommen hätte, und so weiter. Man kann sich denken, welch ein ungeheures Aufsehen diese Skandalosa in ganz Kolberg machte, so daß die Kriegsrätin für gut fand, die Stadt zu verlassen und sich nach Bromberg zurückzuziehen. Doch auch hierher drang diese Historie, und sie zog nochmals weiter gen Norden, und zwar bis Königsberg. Dies und noch ein anderer Vorfall, durch einen Grafen Schulenburg, einen verabschiedeten Gardeleutnant und Festungarrestanten, bei der Mutter Blaurock veranlaßt, machte mein Souper und alle anderen Dinge auf vierzehn Tage vergessen.
Ich hielt mich nun mehr an meine Hausdamen Pauls und deren verheiratete Schwester, zu denen außerdem noch eine ganze Menge artiger Bürgermädchen kamen, unter denen eine Louise Zielken, ein Louischen Platzer, ein Hannchen Sinel, eine Sophie Reisinger, eine Madame Igel und eine wunderschöne Schornsteinfegersfrau mit einer feinen schneeweißen Haut, ganz allerliebst waren, denen zuliebe ich allerlei Spiele, namentlich auch Versteckens und Waldpartien veranstaltete, und mich bald mit der einen, bald mit der anderen in der Malzdarre des Hauses oder einem undurchdringlichen Gebüsch des Hains verbarg.
Eine recht unterhaltende Partie war eine Hochzeitsfeier, die ein wohlhabender Pächter der Madame Schröder im Bullenwinkel zu Ehren seiner Tochter, die einen Krämer in Kolberg heiratete, veranstaltete, zu der er alle Honoratioren Kolbergs durch reitende, mit Bändern und Blumen geschmückte Boten, wie es dort zu Lande Sitte ist, eingeladen hatte. Diese Feier währte nicht weniger als drei volle Tage und Nächte, während welchen unaufhörlich gegessen, getrunken, getanzt, gespielt und geküßt wurde. Die ersten vierundzwanzig Stunden hatte ich das etwas wilde Hochzeitsfest ununterbrochen mitgemacht, den zweiten und dritten Tag aber fand ich mich immer erst gegen Abend ein, um ein nächtliches Abenteuer zu bestehen. Ein recht hübsches Landmädchen, das ich zu einer kurzen Mondscheinpromenade beredete, sagte mir ganz naiv: „Aber Sie wollen mich doch nicht verführen?“ – „Bewahre, nur liebhaben, mein schönes Kind.“ – Bei diesem Verführen fiel mir ein gar nicht lange vorher vorgefallenes Histörchen ein. Bei einer Paternitätsklage hatte der Richter der Klagenden gesagt: „Mein Kind, was Ihr da vorbringt, ist nicht hinlänglich, Ihr müßt mir gültigere Beweise bringen, daß Euch der Mensch verführt hat.“ – Einige Tage darauf erschien das Mädchen wieder vor dem Richter und sprach: „Jetzt habe ich die besten Beweise, Herr Richter!“ – „So laßt hören.“ – „Ja, er hat mich gestern Abend schon wieder verführt!“ – Am vierten Morgen kehrte ich, sowie alle Gäste, etwas stark ermüdet mit einem kleinen Fieber heim.
Mein Fieber nahm indessen zu, sowie ein arger Husten, der mir die Brust stark angriff. Das etwas wilde Leben, das ich führte, mochte freilich viel schuld sein, indessen trug das frühe Exerzieren am Strand der Ostsee, wo man sich oft bei kaltem nebligem Wetter bei dem beständigen Kommandieren heiser schrie und sehr erhitzte, wohl auch das Seinige dazu bei, wozu noch kam, daß ich öfters, noch lange nicht abgekühlt genug, durch ein Bad in den Fluten des Baltischen Meeres mich von der Erhitzung und Ermüdung zu befreien suchte. Verdruß und mancher Ärger, die ich mir allerdings meist selbst zuzog, setzten mir auch zu.
Eines Tages war Feuer in der Stadt ausgebrochen. Ich wurde an das Geldertor kommandiert, wo ein Leutnant Göricke die Wache hatte. Die Instruktion lautete, daß bei einem Brand niemand aus der Stadt gelassen werden dürfe, so lange er währte. Nun kam eine Menge Mädchen, welche in der Vorstadt Milch für ihre Herrschaften holen wollten. Es war noch früh am Morgen, und da sie der wachehabende Leutnant nicht hinausließ, so wuchs ihre Zahl bald auf ein halbes Hundert, mit denen sich dann die Soldaten neckten und schäkerten. Das Feuer währte an drei Stunden, bevor es gelöscht war. Die Mädchen, denen wohl auch dies Spiel gefiel, harrten, bis die Passage wieder frei sei, und ihre Damen, vergeblich auf die Milch wartend, mußten diesen Morgen ohne den gewohnten, nicht zu entbehrenden Kaffee bleiben oder ihn ohne Milch genießen, und wurden noch obendrein über das Ausbleiben ihrer dienstbaren Geister, wodurch der ganze Morgen verloren ging und das Mittagessen nicht zur rechten Zeit bestellt werden konnte, erbost. Auch dies kam wieder zu Ohren des Kommandanten, der mich bei der Parade deshalb zur Rede stellte und dabei sagte: „Der Befehl, niemand aus der Stadt zu lassen, erstreckt sich nicht bis auf die Milchmädchen, aber es unterhielt die Herren, diese Possen mit den Soldaten treiben zu sehen.“ – Ich erwiderte dem Kommandanten, daß ich nicht der wachehabende Offizier gewesen, sondern nur das Kommando der auf diesen Alarmplatz beorderten Truppen gehabt, folglich mich diese Konsigne gar nichts angegangen habe. – Hierauf versetzte er: „Das ist keine Entschuldigung, Sie waren der ältere Offizier im Grad und hätten also auf Ordnung sehen müssen.“ – Dabei hatte es sein Bewenden und er konnte mir wegen dieser Sache nicht wohl etwas anhaben. Dagegen gelang es ihm den Sonntag darauf, wenn auch mit noch weit geringerem Grund, mich so zu reizen, daß ich nach den Kriegsgesetzen allerdings sehr straffällig wurde.
Es war große Parade auf dem Markt. Nach gehöriger Inspektion schwenkten die Bataillone rechts ab, um zuerst im Paradeschritt vor dem Kommandanten zu defilieren. Der Offizier, der den dem meinigen folgenden Zug kommandierte, hatte die gehörige Distanz beim Schwenken nicht behalten, sondern war meinem Zug viel zu nahe gerückt. Daß sich dies so verhielt, konnte niemand besser als der außerhalb der Kolonnen stehende Kommandant bemerken. Dennoch wandte er sich laut schreiend mit den Worten: „Herr Leutnant Fröhlich, Sie halten ja gar keine Distanz, Ihr Zug marschiert wie Rekruten!“ an mich. Der ganze Markt und die Fenster waren voll Zuschauer, welche alle diese Apostrophe gehört haben mußten. Dies versetzte mich in einen solchen Zorn, daß ich nicht mehr Meister über mich selbst war und dem Kommandanten noch lauter erwiderte: „Herr Oberst, wenn Sie nicht sehen wollen, daß mein Hintermann und nicht ich die Distanz verloren hat, so lassen Sie auf der Stelle einschwenken, und Sie werden sich zur Genüge davon überzeugen.“ – Statt aller Antwort wurde die Kolonne durch ein donnerndes „Halt!“ zum Stehen gebracht, mir sogleich der Degen abgenommen, ich vom Platzmajor in Arrest geführt und dann meine abermalige Suspension vom Dienst bis nach abgemachter Untersuchung verordnet. Gleich den andern Tag kam ich bei meinem Kommandeur mit einem Gesuch um meinen Abschied ein, worauf mir aber erwidert wurde, daß erst nach beendigter Untersuchung mein Gesuch berücksichtigt werden könne. – Ich hatte schon längere Zeit im Sinn, meine Entlassung zu nehmen, da ich einsah, daß unter den bewandten Umständen eben kein großes Glück mehr für mich in preußischen Diensten zu hoffen sei, und ich auf kein baldiges Avancement rechnen könne. Mehrere Gesuche um eine Versetzung zu einem Regiment in den Rheinprovinzen waren mir abgeschlagen worden, und ich hatte durch einen Zufall in Erfahrung gebracht, daß ich in den Konduitenlisten, welche die Chefs alljährlich von den Offizieren einreichen, ziemlich schwarz angeschrieben stand. Wenn ich gerecht sein will, muß ich gestehen, daß ich durch mein oft sehr unpolitisches Benehmen dies mit veranlaßt hatte. Nach vierundzwanzig Stunden wurde ich vom Arrest wieder befreit, blieb jedoch suspendiert, und die Untersuchung begann. Während dieser Zeit, es dauerte über fünf Monate, bevor das bestätigte Urteil von Berlin zurückkam, lebte ich ziemlich eingezogen in meiner Wohnung, wo ich mich mit den liebenswürdigen Töchtern meines Wirtes und deren zahlreichen Freundinnen recht angenehm unterhielt, viel las und studierte und den Nachmittag ein paar Stunden in dem Harmoniegarten mit Lesen der Zeitungen und belletristischen Blätter zubrachte. Eines Tages befanden sich die Töchter meines Obersten, die des pensionierten Generals von Fiebig und noch andere, zum Teil noch ganz junge Mädchen in dem an das Lesezimmer stoßenden Gartensaal und machten nicht nur einen so gewaltigen Lärm, daß es unmöglich war, einen Gedanken zu fassen, sondern sie rannten wohl dreißigmal in einer Viertelstunde, Türen auf- und zuschlagend, durch das Lesezimmer, so daß sich auch einige Bürger in demselben laut beschwerten. Ich schloß endlich die Türe des Gartensalons ab, so daß die Mädchen nicht mehr herauskonnten, da er keinen anderen Ausgang hatte, und ließ sie eine geraume Zeit an der Türe pochen und rufen, bevor ich ihnen aufmachte, was ich endlich lachend tat, worauf mir das jüngste Fräulein von Witke, ein kaum elf Jahre altes, naseweises Ding, sagte: „Ich werde es dem Papa sagen, der soll Sie wieder in Arrest schicken.“ – Ich erwiderte ihr darauf: „Mein artiges Fräulein, bei mir zu Lande ist es Gebrauch, daß man die Gänschen jeden Abend einsperrt.“ – Aber nun fielen alle auf einmal über mich her und schnatterten so gewaltig, daß ich auch kein Wort verstand, sondern mich lachend entfernte. Durch Frau von Sch...l aber, die ich noch denselben Tag sprach, erfuhr ich, daß sich das ältere Fräulein von Witke gegen die anderen Mädchen geäußert habe: „Laßt es nur gut sein, der kommt schön an, der Vater hat ohnehin schon in die Konduitenliste gesetzt, daß er unanständige Liebesintrigen habe, sich ungebührlich gegen seine Vorgesetzten benehme und Schulden mache.“ – Ich mochte ungefähr ein paar hundert Taler Schulden haben, die jedoch meist auf laufende Rechnung waren, und die ich am Ende wohl noch bezahlen konnte und bezahlte. Dies und die Intrigen hätte man mindestens von einem Dritteil der Offiziere in die Konduitenliste setzen können. Aber die Hauptsache waren die Vorgesetzten. Mein Urteil kam endlich von Berlin und war abermals sechsmonatlicher Festungsarrest, den ich diesmal in Kolberg selbst absitzen sollte. Der Kommandant wies mir eine Stube auf dem Geldertor an, mit dem Verbot, mein Arrestzimmer nicht verlassen und noch weniger in die Stadt gehen zu dürfen. Ja, er trieb es so weit, daß die wachthabenden Offiziere Order erhielten, daß ich ohne seine Erlaubnis keine Besuche annehmen dürfe und alle an mich gerichteten Briefe durch die Hände der Kommandantur gehen sollten. Nur zwei Stunden vor- und zwei nachmittags war mir ein sehr kurzer Spaziergang auf dem Wall unter den Augen der Schildwache erlaubt. Was die Briefe anbelangte, so wußte ich es schon zu machen, daß ich sie auf anderem Wege erhielt. Ich ließ meinen Burschen eine Bürste mit einem verborgenen Schieber machen, in welche er jeden Morgen, wenn er kam, um meine Kleider zu reinigen und das Frühstück zu bringen, die an mich in meiner Wohnung eingegangenen Briefe und Billetts aus der Stadt hineinlegte, und so auch meine Antworten wieder mit fortnahm. Hatten Offiziere, mit denen ich auf einem vertrauteren Fuße stand, wie Willmann, Bocksfeld, Melzer, Sanft und so weiter, die Wache, so empfing ich auch abends Besuche, und sogar weibliche. Indessen wurde die Sache mit der Briefbürste doch verraten. Ein Unteroffizier, der den Burschen fragte und visitierte, ob er keine Papiere für mich bei sich habe, nahm zufällig die Bürste in die Hand, entdeckte den Schieber, schob ihn zurück und fand zwei Zettelchen von Pauls Töchtern und einen Brief von einer gewissen Frau Geib, welche die Unterhändlerin für eine andere Dame machte, die sie glücklicherweise nicht in dem Schreiben genannt hatte. Diese drei Personen ließ der Kommandant nun durch die bürgerlichen Behörden, den Oberbürgermeister und den Polizeidirektor, vernehmen und verwarnen, künftig sich in keine Korrespondenz mehr mit Festungsarrestanten einzulassen. Dies gab abermals einen heillosen Stadtskandal, die Mädchen konnten sich gar nicht mehr sehen lassen, und ich war außer mir. Übrigens wurde mir die Zeit eben nicht lang auf meinem Tor. Ich hatte Kameraden und Unterhaltung genug. Ein alter, sehr lustiger Rittmeister, drei andere Offiziere, ein Bürgermeister, der einen Landrat geprügelt, ein Forstmeister, der aus Versehen einen Wilddieb erschossen hatte, saßen alle auf demselben Tor in verschiedenen Arreststuben. Wir kamen morgens und abends zusammen und jeder wußte eine Schnurre oder unterhaltende Begebenheit aus seinem Leben zu erzählen, besonders der Leutnant von Stolzenbach, der außerdem die niedlichsten Papparbeiten, ganze Burgen, Festungen, Tempel, Kirchen und andere Gegenstände aus Pappe zu seiner und unserer Unterhaltung verfertigte. Die Offiziere saßen meistens wegen gehabter Duelle. Auch ich hatte mein Klavier heraufbringen lassen und vertrieb mir und den anderen manche Stunde mit Musik. – Was mich aber quälte, waren mein Husten und meine Brustbeschwerden, die immer bedenklicher zu werden begannen, so daß sich schon schleichendes Fieber, starke Nachtschweiße und sogar einiges Blutspeien einstellte. Der Stabsarzt Clebsch ließ mich nun eine Kur von isländischem Moosgelee, Roggensuppen und Honigtee während vier Monate ununterbrochen nehmen, durch welche ich so ziemlich wieder hergestellt wurde. Kurz vor Beendigung meines Festungsarrestes erhielt ich die Anzeige vom Tode meiner Großmutter mütterlicherseits, die mir ein besonderes Vermächtnis von zweitausend Talern zugedacht hatte, und zwar aus dem Grund: ‚weil ich kein Komödiant geworden sei.‘ Diese Worte standen im Testament. Dieses Geld kam mir gerade trefflich zustatten, denn ich konnte nun die paar hundert Taler Schulden, die ich hatte, gleich tilgen und behielt ein kleines Kapital in der Hand, wodurch ich vorerst gedeckt war und den kommenden Ereignissen mit Ruhe entgegensehen konnte. Meines Arrestes entlassen, bestand ich um so mehr auf meinem Abschied, der mir dann auch sechs Wochen später ward. Ich hielt mich jetzt nur noch wenige Tage in Kolberg auf, wo sich zufälligerweise ein Frankfurter Weinhändler namens G..., ein guter Bekannter meiner Familie, eingefunden hatte, um Geschäfte zu machen. Während dieser Zeit wohnte ich bei dem Speisewirt Sack, der auch Kastellan der Freimaurerloge, von der der Kommandant ein Mitglied war. Eines Abends schlich ich mich in die sogenannte Probekammer und malte daselbst einen gehörnten und langgeöhrten Kopf mit Kohle an die Wand und schrieb darunter: der Kommandant. – Als dieser es erfuhr und sich augenscheinlich davon überzeugt hatte, – ich machte keinen Hehl daraus, daß ich es getan, – ließ er mich deshalb wieder vernehmen. Ich gab aber auf alle an mich gerichteten Fragen keine andere Antwort, als: „Ich habe damit den Kommandanten von Kalkutta gemeint, findet sich der von Kolberg dadurch getroffen, desto schlimmer für ihn.“ – Dabei blieb es, und nachdem ich gehörig Abschied von allen Bekannten und auch von dem braven Nettelbeck genommen hatte, der bei allen Gelegenheiten immer so sehr bescheiden war, daß man hätte glauben sollen, er schäme sich, so viele Verdienste zu haben, fuhr ich, von Kolberg abreisend, wo ich über vier Jahre zugebracht, dem Freund G... zuliebe über Köslin, wo ich mich noch ein paar Wochen aufhielt, nach Berlin.