In Köslin wohnte ich mit Freund G... bei Homanns auf dem Markt, wo zufällig den anderen Tag die Hochzeit der Tochter aus dem Haus stattfinden und gefeiert werden sollte. Als ich mich den Abend nach meiner Ankunft, nach zehn Uhr, ziemlich ermüdet zu Bette gelegt hatte und eben eingeschlafen war, hörte ich plötzlich unter meinem Fenster einen gewaltigen Lärm, der durch das Zusammenschlagen von Töpfen, Flaschen, Krügen, Gläsern und anderem Geschirr entstand, und kein Ende nehmen wollte. Wohl an zwei Stunden hatte der Skandal gewährt und mich am Einschlafen verhindert. Ich konnte gar nicht begreifen, was dies zu bedeuten habe. Als ich das Fenster öffnete, um zu erforschen, was es sei, sah ich mehrere Mädchen nacheinander ankommen, die einen Topf, eine große Schüssel oder sonst ein leicht zerbrechliches Gefäß mit aller Kraft auf die Steine vor der Haustüre warfen. Nachdem ich ihnen zugerufen, sie sollten mit dem Unfug aufhören, erwiderten sie mir lachend: „Es ist Polterabend!“ Als ich mich, nebst anderen Reisenden, am Morgen wegen der unruhigen Nacht beschwerte, wurden wir sämtlich zur Hochzeit geladen, die uns eine Entschädigung gewähren sollte. Die Braut war so übel nicht, unter den Brautjungfern waren einige recht hübsch; man konnte sich schon mit der Entschädigung begnügen und so eine zweite Nacht schlaflos hinbringen. In Köslin traf ich wieder Romberg mit seiner Gesellschaft an, bei der noch Madame Vetterlein war, mit der ich die alte Bekanntschaft wieder erneuerte. Die Gesellschaft hatte gerade ihren ersten Liebhaber durch Durchgehen verloren. Madame Vetterlein meinte, ich könne ihr zu Gefallen wohl ein paar Liebhaberrollen übernehmen, und wenn ich mich nicht bei Romberg engagieren wolle, doch gastieren. Ich lachte über den Einfall der hübschen Aktrice, die sich noch hinter den Direktor steckte, den ich einige Male in meinen Gasthof zum Mittagessen eingeladen hatte, ließ mich der liebenswürdigen Frau zu Gefallen wirklich verleiten, ein paar Rollen, nämlich die des Karl Moor in Schillers Räubern und die des Ferdinand in Kabale und Liebe, zu geben, und fand bei dem Kösliner Publikum so große Gnade, daß alle Welt in Romberg drang, mich doch zu engagieren, was aber nicht in des guten Mannes Willen stand, da ich den Antrag ablehnte. Ich reiste nach vierzehntägigem Aufenthalt zu Köslin, wo man sich mit allen möglichen Märchen über meine werte Person herumtrug, mit einer jungen Französin, welche 1815 zu Paris einen preußischen Armeebeamten geheiratet hatte, und nun à tout prix dieses ‚pays du diable‘ verlassen wollte, um in ihr geliebtes Frankreich heimzukehren, nach Berlin ab. Sie hoffte, daß ich sie wenigstens bis an den Rhein begleiten würde, obgleich ich ihr gesagt, daß ich vorerst nach Bremen gehen müsse. Sie traute aber ihrer französischen Liebenswürdigkeit zu, mich noch anderen Sinnes zu machen. Daß sie sich zu viel zugetraut, wurde ihr schon den ersten Tag nach unserer Abreise aus Köslin klar, denn eine sehr niedliche Frau, die Gattin eines Regierungsrates zu Köslin, die zu ihren in Magdeburg wohnenden Eltern zum Besuch reiste, nahm meine Aufmerksamkeit weit mehr in Anspruch, als die unglückliche Französin, die, wenn auch nicht häßlich, doch etwas so Verzerrtes und Fratzenartiges an sich hatte, daß sie mir bald zuwider werden mußte. Frau Regierungsrätin von M..., die sogleich den Künstler in mir wieder erkannte, der als Major Walter ihren vollsten Beifall zu erhalten das Glück gehabt, wunderte sich sehr, im Postwagen mit mir zusammenzutreffen, und war äußerst neugierig, von mir selbst etwas Näheres über meine Verhältnisse zu erfahren, indem man in Köslin die allerextravagantesten Dinge über meine Person ausgesagt habe. Lachend teilte ich ihr davon mit, was ich für gut hielt. – „Aber wie mochten Sie sich nur unter solches Komödiantenpack mischen?“ rief zuletzt die schöne Frau aus. – „Dies ist nun einmal meine Passion, gnädige Frau, und ich stehe nicht dafür, daß, nachdem sich die Umstände gestalten, ich nicht heute oder morgen noch einmal ein wirklicher Komödiant werde, wenn ich bei einer guten stehenden Bühne eine passende Anstellung finde.“ – Die Dame schüttelte etwas unwillig das Köpfchen. Unterdessen wurde mir die Reise bis nach Berlin sehr kurzweilig, da ich mich mit den beiden Frauen, der Französin und der Magdeburgerin, recht angenehm unterhielt, obgleich erstere, die nur wenig Deutsch verstand und sprach, gar oft böser Laune wurde, wenn ich mit der anderen zu lange und ihr unverständlich sprach. In Berlin begaben sich die beiden Damen auf meinen Rat in den Gasthof ‚Zum Engel‘ in der Heiligengeist-Straße, wo sie noch ein paar Tage mit mir zusammen wohnten, hierauf die Frau Regierungsrätin zuerst nach Magdeburg abfuhr, wo ich sie in ein paar Wochen zu besuchen versprach, und ich dann die Französin nach Frankreich abzureisen veranlaßte, indem ich ihr sagte, daß mich meine Geschäfte wohl noch jahrelang in Berlin zurückhalten könnten. Ich machte nun meine Besuche bei Pogwischs, Pfeifers und anderen alten Bekannten, hütete mich aber, der Prinzessin Wilhelm unter den jetzigen Umständen meine Aufwartung zu machen, und ließ mir bei dem Bankier Mendelssohn fünfhundert Taler auf Rechnung meines großmütterlichen Legats geben, von dem ich erst fünfhundert Taler in Kolberg durch Freund G... empfangen hatte. Wen ich aber zuerst in Berlin aufsuchte, das war Frau von Osten in der Hamburger Straße, bei der ich das schöne Fräulein von Campke wußte, mit welcher ich das in Kolberg angeknüpfte Verhältnis fortspann. Ich blieb diesmal in meinem Gasthof wohnen, obgleich mich Pogwischs einluden, wieder bei ihnen zu logieren. Aber ich wollte ganz ungeniert sein, wußte ohnehin nicht, wie lange ich in Berlin bleiben würde, und widmete mich ganz dem Dienst des Fräulein von Campke, mit dem ich recht romantische Partien nach Potsdam, Charlottenburg und so weiter veranstaltete. Daneben lieferte ich dem ‚Beobachter an der Spree‘ wieder manche ziemlich pikante Beiträge von Geschichtchen, die mir zu Ohren kamen und von denen ich hier nur ‚Die Reise nach Paris‘ erwähne. Sie hatte folgenden Vorfall zum Grund: Ein preußischer Offizier wurde als Kurier in Staatsangelegenheiten nach Paris geschickt. Dieser hatte einen guten Freund, dessen sehnlichster Wunsch schon längst gewesen, einmal Frankreichs Hauptstadt zu sehen, wozu ihm aber die nötigen Geldmittel fehlten. Der Offizier machte ihm nun das Anerbieten, ihn frei mitzunehmen und auch wieder zurückzubringen, da ihm dies selbst keinen Pfennig Kosten verursache. Er brauche nur soviel Geld, als er während eines acht- bis vierzehntägigen Aufenthaltes in Paris zu seinem Vergnügen auszugeben gedenke. – Wer war froher als unser Freund, auf eine so wohlfeile Art nach Paris kommen zu können. Beide Freunde fuhren nun mit Extrapost rastlos Tag und Nacht, ohne sich irgendwo aufzuhalten, bis Paris, wo sie gegen acht Uhr abends ankamen, in einem Hotel abstiegen, worauf sich der Offizier ankleidete, um seine Depeschen in dem preußischen Gesandtschaftshotel abzugeben und seinem Reisegefährten, der außerordentlich ermüdet war, empfahl, einstweilen der Ruhe zu pflegen, um den folgenden Tag die Sehens- und Merkwürdigkeiten von Frankreichs Hauptstadt neugestärkt in Augenschein nehmen zu können. Der Freund befolgte den Rat, begab sich zur Ruhe und schlief auch gleich ein. Es mochte beinahe Mitternacht sein, als der andere zurückkam und den vortrefflich schnarchenden Schläfer nicht ohne große Mühe aus seinem großen Schlafe weckte und mit den Worten anredete: „Du, stehe rasch auf und kleide dich an, wir müssen auf der Stelle wieder fort.“ – Der andere rieb sich die Augen, ließ sich die Worte zwei- und dreimal wiederholen und sagte endlich gähnend: „Bist du toll? Ich glaube, du träumst.“ – „Nichts weniger als dies, ich habe hier schon meine Depeschen,“ – hier zeigte er ihm einen Pack Briefe – „und in einer Stunde muß ich schon wieder auf dem Weg nach Berlin sein. Dies ist mir von dem Gesandten auf das strengste anempfohlen worden. Also, spute dich, sonst mußt du hierbleiben. Wenn dir dies recht ist, so ist es etwas anderes.“ – „Wie kannst du so einfältig reden. Du weißt doch, daß ich nur fünfundzwanzig Taler mitgebracht, wie kann ich bleiben, und mit was zurückreisen?“ – „Darum rasch, kleide dich an, wir haben keine Minute zu versäumen, die Pferde sind bereits bestellt und werden bald angespannt sein.“ – Fluchend und wetternd erhob sich nun der andere mit noch ganz zerschlagenen Gliedern aus dem Bett und kleidete sich, fortwährend brummend und murrend, an: „Der Teufel soll die Reise nach Paris holen. Ich wollte lieber, ich hätte das Miserere gekriegt, als daß ich mit dir gereist wäre,“ und so weiter. Aber das half alles nichts. Schon hörte man das Trappeln der Pferde vor der Haustüre. Man trank noch ein paar Tassen schwarzen Kaffee, den der Offizier in der Eile hatte kommen lassen, mußte sich dann, in die Mäntel gehüllt, in den harrenden Wagen werfen, und bei ebenso finsterer Nacht, als man angekommen, fuhr man wieder aus Paris hinaus, und mit derselben Eile, wie man hergereist, nach Berlin zurück, wo der Freund wahrhaft gerädert ankam und über acht Tage im Bette zubringen mußte, bevor er sich von den ausgestandenen Strapazen wieder ganz erholt hatte. Daß der gute Freund für den Spott wegen dieser unglücklichen Reise nicht zu sorgen hatte, kann man sich denken. Auch konnte man ihn nie daran erinnern, ohne daß ihm der Zorn das Blut ins Gesicht jagte.
Dieses Histörchen machte ziemliches Aufsehen in Berlin, so daß für ein paar tausend Groschen mehr als gewöhnlich vom ‚Beobachter an der Spree‘ verkauft wurden und mich die Redaktion um mehr solcher Beiträge ersuchte.
Außer dem Fräulein von Campke hatte ich auch noch einer hübschen Tänzerin, an die mir Graf Schulenburg eine Empfehlung gegeben hatte, den Hof gemacht. Alte Bekannte, wie Minchen Pfeifer, die noch immer eine unglückliche Braut, Demoiselle D..., die seit einigen Jahren an einen der bedeutendsten Künstler des Berliner Theaters verheiratet war, und so weiter, suchte ich auch auf, und so schwanden mir die wenigen Wochen, die ich ziemlich planlos in Berlin verlebte, schnell dahin.
Schon längst hatte ich das Projekt im Sinn, Bremen und meine daselbst verheirateten Cousinen zu besuchen, unter denen eine meiner ersten Jugendfreundinnen, die liebe Henriette, war, an die mich von Frankfurt und Homburg so manche angenehme Erinnerung gemahnte und die an einen der angesehensten Kaufleute Bremens verheiratet war. Die vier Töchter meines Oheims Scholze hatten sich in Bremen, nachdem sie daselbst ein paar Jahre gelebt, da es schöne und reiche Mädchen waren, kurz nacheinander an angesehene Kaufleute verheiratet. Die zweite, Sophie, hatte den Senator H..., die dritte, Minna, den für sehr reich geltenden Kaufmann G..., und die vierte, Hannchen, einen in Hamburg etablierten Kaufmann namens P... gefreit. Henriette hatte aber eine sehr zarte Gesundheit und kränkelte fast immer. Sophie kam nach ihrem ersten Wochenbett zehn Jahre lang nicht mehr aus dem Bett und mußte in Betten jedes Jahr in die Bäder gefahren werden; als Mädchen war sie ein wahrer Dragoner gewesen. Minna, die wie die Mama allerlei Liebesabenteuer gehabt, war närrisch geworden und in einem Haus in Berlin zur Genesung, wo sich die Prinzessin Wilhelm ihrer auf das freundlichste annahm, sie in lichten Stunden zu sich auf das Schloß holen ließ, bis sie endlich einmal in ihrer Gegenwart die tollsten Streiche machte, daß das fernere Kommen unterbleiben mußte. Ihr Mann aber fallierte später und wurde ganz arm, so daß die Schwestern die Unglückliche unterhalten mußten. Hannchen war neun Monate nach ihrer Verheiratung im ersten Wochenbett gestorben. Mein Oheim Scholze war noch nicht lange, nachdem er noch die Hälfte seines Vermögens durch unvorsichtige Güterkäufe verloren hatte, ebenfalls gestorben. Dennoch sollten die Töchter noch sehr reich werden, da sie einen alten kinderlosen, noch lebenden Bruder ihres Vaters, den man in Bremen nur den reichen Scholze nannte, zu beerben hatten. Aber auch diese Erbschaft ging später durch allerlei Spekulationen der Männer meist wieder verloren. – Dies war das Ende der Früchte einer Ehe, die unter den glücklichsten Auspizien in Frankfurt vollzogen worden war, und wegen der man unsere ganze Familie so sehr beneidet hatte.
Von Berlin reiste ich über Potsdam, wo ich noch einmal dessen Herrlichkeiten besuchte und zwei Tage verweilte, und Brandenburg, nach Magdeburg, wo ich wieder in einem ‚Goldnen Engel‘ auf dem breiten Weg, dessen Eigentümer, Neuschäfer, früher Kellner in Frankfurt war, abstieg, mir aber, da ich einige Zeit in Magdeburg zu bleiben beabsichtigte, ein paar Tage darauf eine Privatwohnung mietete. Zuerst suchte ich meine liebenswürdige Reisegefährtin von Köslin nach Berlin, die Regierungsrätin von M... auf, bei deren Eltern ich sehr gut aufgenommen wurde, und die mich noch denselben Tag zu einer Promenade auf dem Fürstenwall, vom Fürsten von Anhalt-Dessau angelegt, einlud, was ich mit Vergnügen annahm. Hier zeigte man mir den alten Republikaner Carnot, der einer der Direktoren der französischen Republik gewesen und jetzt von den Bourbons als Königsmörder verbannt war. Er hatte im Konvent für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt. Mit Genehmigung des Königs von Preußen lebte er in Magdeburg. Obgleich ich mir schon längst vorgenommen, keine Zelebritäten mehr aufzusuchen, da meine Besuche bei Goethe und Fiesco so schlimm ausgefallen waren, so glaubte ich hier doch als ehemaliger französischer Offizier eine Ausnahme machen zu müssen, und tat wohl daran, denn ich wurde sehr gut aufgenommen. Der alte Republikaner, ein zweiter Cato, der eigentlich die Pläne zu den glänzenden italienischen Feldzügen Napoleons entworfen hatte, war äußerst angenehm und sehr mitteilend im geselligen Umgang. Ich war öfters bei ihm zu Tisch und machte dann eine mehrstündige Promenade auf dem Fürstenwall mit ihm, wo er sich durch sein einfaches Kostüm, einen grauen Oberrock und einen sehr breitrandigen runden Hut, auszeichnete. Der Umgang und die Unterhaltung mit diesem berühmten Mann war in hohem Grad lehrreich für mich. Er erzählte mir vieles von den Begebenheiten der französischen Revolution, der Republik, des Kaiserreiches, wodurch ich über manche Dinge, die mir bisher dunkel und rätselhaft waren, vollkommenen Aufschluß erhielt. Obgleich strenger Republikaner, gestand er mir doch zu, daß die Welt zu sehr im Argen liege, daß es der Schurken, Betrüger, Selbstsüchtigen, Schwachen und Herrschsüchtigen viel zu viele gebe, als daß man hoffen könne, eine die Völker beglückende Republik dauerhaft zu gründen. Eines Tages kam auch die Rede auf die Werke und Schriften, welche über die französische Revolution schon erschienen seien, und daß er keine einzige Geschichte derselben kenne, welche vom Standpunkte der Unparteilichkeit, mit Wahrheit, vollkommener Sachkenntnis und ohne Leidenschaft geschrieben sei. Ein solches Werk fehle gänzlich, denn alle herausgekommenen atmeten mehr oder weniger gehässigen Parteigeist, seien voller Vorurteile und bewiesen oft die krasseste Ignoranz bei den wichtigsten Begebenheiten. Endlich sagte er mir: „Sie sollten es versuchen, ein solches, wahrhaft verdienstliches Werk zutage zu fördern. Ich halte Sie für fähig dazu und auch unparteiisch und vorurteilsfrei genug, wie ich aus Ihren Reden entnommen habe.“ – „Ja, mein General,“ versetzte ich lächelnd, „wo denken Sie hin, hierzu gehören ganz andere Fähigkeiten, Talente und Kenntnisse, als ich besitze.“ – „Das glaube ich nicht. Wenn Ihre Darstellungsgabe in deutscher Sprache, denn in dieser müßten Sie es schreiben, ebenso klar und faßlich ist, wie Sie sich in der französischen ausdrücken, dann haben Sie schon den Vorteil eines sehr anziehenden Vortrags. In der Geschichte sind Sie hinlänglich bewandert, Hilfsquellen will ich Ihnen die zuverlässigsten und besten geben. Ich werde Ihnen einige Notizen aufsetzen, sowie, welche französischen Schriften und Werke Sie hauptsächlich als Hilfsquellen benutzen können.“ – Ich schüttelte sehr unschlüssig und ungläubig den Kopf und lächelte. Carnot, der es bemerkte, versetzte: „Nur Mut und Selbstvertrauen. Die Sache ist nicht so schwer, wie Sie glauben, und man kann leider von vielen Geschichtschreibern das sagen, was Oxenstierna von den Staatsmännern gesagt: ‚Wenn die Welt wüßte, mit wie wenig Sachkenntnis sie schreiben.‘“ – Etwa acht Tage darauf händigte mir der General ein Cahier von zwanzig beschriebenen Blättern ein, welche Daten und Anmerkungen zu den hauptsächlichsten Begebenheiten der französischen Revolution und des Kaiserreiches enthielt. Zugleich übergab er mir auch eine Liste, auf welcher die Titel von einigen hundert historischen Werken und politischen Broschüren, die seit 1789 in Frankreich erschienen, verzeichnet waren, und die ich teilweise und mit Umsicht benützen müsse. Ich nahm alles dankbar an, aber an die Herausgabe eines solchen Riesenwerkes dachte ich im Ernste nicht; doch teilte ich in müßigen Stunden das Ganze oberflächlich in Abteilungen und Kapitel ein und entwarf so nach und nach einen Plan, dessen Ausführung mir sehr problematisch erschien.
Gleich nach meiner Ankunft zu Magdeburg hatte ich, wie gesagt, die Regierungsrätin von M... bei ihren Eltern aufgesucht und besuchte nun in ihrer Gesellschaft die zum Teil recht angenehmen Umgebungen Magdeburgs, den Vogelgesang, den Herrnkrug, das rote Horn und so weiter. Nirgends sah ich in Deutschland und Frankreich niedlichere Landmädchen als in der Gegend um Magdeburg. Nur die Strohhutflechterinnen im Arnotal übertreffen sie noch. Dabei das kokette Kostüm, die allerliebsten Häubchen, die ihnen so bezaubernd zu Gesichte stehen. Es war kein Wunder, wenn ich einer solchen Vilanella zu Gefallen mehr als einmal meine Frau Regierungsrätin im Stich ließ. Außerdem sind diese Mädchen äußerst graziös und selbst fein in ihrem Benehmen, die meisten sehr wohlhabend, ja mitunter reich. In einem solchen Bauernhaus findet man nicht selten einen großen Luxus, in manchen Stuben sogar ein Klavier. Die Wohnungen dieser Landleute sind durchgehends sehr reinlich, zierlich, mitunter elegant. Kommen sie an Markttagen in die Stadt, so haben sie oft Pferde vorgespannt, die einem Staatswagen keine Unehre machen würden.
Das nicht schlechte Theater stand damals unter der Direktion der Herren Fabricius und Hostovsky. Ich sah hier gerade den Sturm von Magdeburg durch Tilly, ein Schauspiel von F. L. Schmidt, aufführen, dessen mise en scène meisterhaft war und mit einem großen Aufwand von Dekorationen, Komparsen, Kostümen und so weiter gegeben wurde. Obgleich es keinen hohen dichterischen Wert hat, so ist es doch eine getreue historische Darstellung der furchtbaren Zerstörung Magdeburgs und hat ergreifende Szenen, namentlich am Schluß, wo die Stadt im Schutt liegt und nur noch der Dom und die in ihm Geretteten vorhanden sind.
Durch die Familie der Regierungsrätin wurde ich auch noch bald mit anderen Häusern bekannt, in denen ich unter anderen die hübsche und sehr lebenslustige Frau eines Postsekretärs kennen lernte, ein junges schalkhaftes Weibchen, das sich gern allerlei drollige Streiche erlaubte, auch eine ebenso joviale Schwester hatte, die an einen nahen Gutsbesitzer verheiratet war und fast jede Woche ein paarmal selbstkutschierend in die Stadt kam. Beide Schwestern waren besonders gut gewachsen, hatten viel Verstand und waren sehr beliebt in der ganzen Stadt. Die Gutsbesitzerin lud mich ein, sie mit ihrer Schwester zu besuchen, und ich machte mit der Frau Postsekretärin mehr als eine lustige Fahrt nach dem Gut des Schwagers.
Mein Aufenthalt in Magdeburg hatte nun schon über die Gebühr gedauert, aber die Zeit war mir schnell und angenehm verflogen. Die Stunden, die ich nicht bei Carnot zubrachte, vertändelte ich mit Damen und machte Landpartien. Auch lieferte ich dem hier erscheinenden ‚Beobachter an der Elbe‘ einige komische Anekdoten. Endlich mußte ich doch an die Abreise, denn mein Leben in Magdeburg hatte keinen Zweck, an ein weiteres Fortkommen und eine mir anständige Zukunft denken. Aber, wie ich beides bewerkstelligen wollte, war mir noch ziemlich dunkel. Ernstlich hatte ich noch nicht darüber nachgedacht; auch zog es mich nach Bremen. Indessen sollte ein sehr unglücklicher Zufall meinen Aufenthalt hier noch verlängern.
Ich hatte auf der breiten Straße ein paar möblierte Zimmer in dem zweiten Stock eines Hinterhauses gemietet. Die Fenster meines Schlafzimmers gingen in den Hof. Zwei Tage früher, als ich meine Abreise festgesetzt hatte, wurde ich gleich nach Mitternacht, ich war noch nicht lange eingeschlafen, durch das Geschrei: „Feuer, Feuer!“ geweckt und sah, die Augen öffnend, eine außerordentliche Helle vor meinen Fenstern im Hof. Zugleich hörte ich das ganz nahe Knistern einer großen Flamme. Mit einem Satz war ich aus dem Bett, zog ein Paar Beinkleider an, öffnete meine Stubentüre, durch welche sogleich ein gewaltiger Qualm drang, hinter dem die Flammen auf der Treppe schon hoch emporloderten. Zugleich vernahm ich das Angst- und Hilfegeschrei einer Frau, die mit ein paar kleinen Kindern neben mir auf demselben Gang wohnte. Ich eilte zu ihr hinüber und fand sie in Verzweiflung, ihre Kinder in den Armen. Auch sie hatte schon gesehen, daß es eine Unmöglichkeit war, sich auf den schon in vollem Brand befindenden Treppen zu retten. Das Feuer näherte sich mit jedem Augenblick mehr unseren Zimmern. Ich faßte jetzt schnell einen Entschluß, warf alles, was sich von Betten, Kissen und Strohsäcken in den Zimmern vorfand, durch das Fenster hinab, band schnell sechs Bettücher zusammen und hieß die Frau, sich zuerst hinablassen. Sie ließ aber noch, bevor sie ganz unten war, los, tat sich jedoch, auf die Betten fallend, keinen Schaden. Ich rief ihr nun zu, daß ich die Kinder wolle folgen lassen; sie möge nur unten das Bettzeug so ordnen, daß keines daneben fallen könne, worauf ich die beiden Kleinen, eines nach dem anderen hinabwarf, dann in mein Zimmer lief, das Kistchen mit meinen Tagebüchern und anderen Schriften, meinen Koffer, sowie, was ich von Kleidern, Wäsche und so weiter geschwind zusammenraffen konnte, hinabwarf, und dann selbst, an den Bettüchern hinabgleitend, mich folgen ließ. Schon war ich vor dem Fenster, da fiel mir ein, daß ich meine Brieftasche, in der noch für ungefähr hundertfünfzig Taler Tresorscheine waren, vergessen hatte. Noch einmal schwang ich mich zum Fenster hinein, und es gelang mir, auch diese zu retten. Doch war es die höchste Zeit, denn schon ergriffen die Flammen mein Schlafzimmer und wenig Augenblicke darnach stürzte der Boden desselben brennend und krachend ein. Ich aber kam mit einem Sprung vom ersten Stock wohlbehalten unten an, wo ich auch die Frau mit ihren Kindern unbeschädigt antraf. Das Bettzeug lag vier Schuh hoch aufgetürmt. Der Hof fing an, sich nun allmählich mit Menschen zu füllen; da aber das Vorderhaus keinen Torweg, sondern nur einen schmalen Durchgang hatte, so kostete es große Mühe, bis man die Spritzen in die gehörige Tätigkeit setzen konnte. Doch ward man noch vor Tag Meister des Feuers, aber das Hinterhaus und die Seitengebäude waren gänzlich niedergebrannt. Die arme Frau, die man mehr tot wie lebendig samt ihren Kindern in ein benachbartes Haus gebracht hatte, wurde sehr krank und lag mehrere Tage in einem beständigen Delirium, Feuer und Hilfe schreiend. Auch auf mich hatte diese unglückliche Begebenheit einen so gewaltigen Eindruck gemacht, daß ich mehrere Tage brauchte, bevor ich mich wieder ganz erholen konnte.
Endlich saß ich in dem nach Braunschweig fahrenden Postwagen, wo ich eine gut unterhaltende Gesellschaft traf, nämlich einen sächsischen Rittmeister mit seiner jungen Frau, die er zu ihren Eltern nach Celle brachte. Da ich der hübschen Dame gerade gegenüber saß, so verursachte das Rütteln des Wagens beständig ein unwillkürliches Berühren der beiderseitigen Knie, das bald in ein willkürliches, aber doch zufälliges Drücken von meiner Seite überging und mein vis-à-vis zu einem allerliebsten Lächeln brachte, dem bedeutungsvolle Occhiaten folgten. Unglücklicherweise konnte die Dame das Fahren nicht vertragen; es wurde ihr auf einmal übel und schwach, woran die große Hitze schuld sein mochte. Man mußte ihr das Busentuch lüften, sie aufschnüren und ihr kölnisches Wasser vorhalten und die Schläfen damit reiben, worauf es ihr bald besser wurde. Wir fuhren über Helmstädt, Königslutter und so weiter, die ganze Nacht durch und kamen morgens gegen acht Uhr in Braunschweig an, wo wir in demselben Gasthof abstiegen und verweilten, obgleich der Rittmeister von M... schon den anderen Morgen wieder weiter wollte. Aber hier hieß es: ‚Der Mann denkt und die Frau lenkt.‘ Die Frau Gemahlin war nicht dieser Meinung, klagte über Unwohlsein, und so mußte man bleiben. Da sich der Offizier bei der unpäßlichen Frau langweilte, so machte er Spaziergänge in der Stadt. Ich hatte zwar das Haus mit ihm zusammen verlassen, trennte mich aber nach wenig Minuten unter einem Vorwand von ihm und kehrte in den Gasthof zurück, wo ich mich sogleich bei der Dame auf das angelegentlichste nach ihrer teuren Gesundheit erkundigte und ihr Befinden ganz leidlich fand. Nach einigen Weigerungen pro forma wurde mir schnell ein Schäferstündchen, halb erzwungen, bewilligt, worauf wir übereinkamen, daß das Unwohlsein der Frau Rittmeisterin noch ein paar Tage dauern müsse. Ich entfernte mich endlich wieder, um die Stadt Braunschweig näher kennen zu lernen.
Den zweiten Tag fand Frau von M... für gut, sich etwas besser zu befinden, und zwar so, daß sie imstande war, mit ihrem Gemahl und mir ebenfalls die Schönheiten der Stadt zu besichtigen. Wir begaben uns indessen bei Zeit nach Haus, weil ich von einem argen Schnupfen befallen war. Frau von M..., die großen Anteil an meinem Unwohlsein nahm, lud mich zu einem köstlichen Tee ein, der mich nach ihrer Meinung über Nacht von meinem Katarrh befreien sollte. Wir blieben bis Mitternacht beisammen. Den anderen Morgen hielt ich es für passend, das Zimmer zu hüten. Aber während der Herr Rittmeister wieder eine Frühpromenade machte, stahl ich mich zur Dame, mit der ich eine recht goldene Morgenstunde zubrachte. Der zurückkehrende Herr Gemahl fand mich aber noch in meinem Bette liegend, als er die Güte hatte, sich nach meinem Befinden zu erkundigen, mir aber zugleich verkündete, daß er heute noch weiterreisen wolle, da sich seine Frau nun wieder in einem vollkommen reisefähigen Zustand befinde und die kleine Tour nach Celle bequem machen könne. Auch ich sehnte mich, weiter und nach Bremen zu kommen, und mußte geschehen lassen, was ich nicht verhindern konnte. Wir speisten noch miteinander zu Mittag, und mit Erlaubnis des Rittmeisters küßte ich seine Frau zum Abschied in seiner Gegenwart, half beiden in den Wagen und nahm mir vor, am anderen Morgen mit dem frühesten ihrem Beispiele zu folgen. Leider ließ ich mich aber an dem Abend wieder zu einer Spielpartie in dem Gasthof verführen und verlor abermals all mein Geld bis auf den letzten Groschen. Den anderen Morgen überlegte ich, was zu machen sei und erkundigte mich dann nach den ersten Bankierhäusern Braunschweigs bei meinem Wirt. Er nannte mir Herrn Johann Degener. Ich ging nun zu diesem, wies mich mit meinen Papieren aus, sagte ihm, welches Geschick mich in Braunschweig plötzlich ganz aufs Trockene gesetzt habe, und bat ihn, mir gegen eine Anweisung auf Frankfurt so viel Geld geben zu wollen, als ich noch zur Reise bis Bremen bedürfe. Nach einigem Bedenken fragte er mich, wieviel ich zu gebrauchen gedenke? – „Fünfundzwanzig bis dreißig Taler.“ – „Wohlan, ich will sie Ihnen geben, mit der Bedingung, daß Sie sie meinem, sich in einem Bremer Haus befindlichen Sohn daselbst gegen Ihren Schein wiedererstatten.“ – Mit Vergnügen ging ich diese Bedingung ein, dankte für das gütige Zutrauen, empfing dreißig Taler und reiste noch denselben Tag, mich nirgends mehr aufhaltend, über Hannover, Nienburg, Verden und so weiter nach Bremen, wo ich wohlbehalten und wohlgemut mit einbrechender Nacht ankam, aber nicht bei meinen Verwandten, sondern im Gasthof ‚Zum deutschen Haus‘ abstieg, auch mich diesen Abend nicht mehr meldete, sondern noch den letzten Akten von Grillparzers Sappho im Theater beiwohnte und mich in allen Logen umsah, ob ich vielleicht Cousine Henriette erkennen würde, aber vergeblich.
Den anderen Morgen konnte ich kaum die schickliche Stunde erwarten, um meinem Vetter K... die Aufwartung zu machen. Es war gegen elf Uhr, als ich mich dahin auf den Weg begab. Man war von meiner Anwesenheit präveniert. Herr K... empfing mich auf das freundlichste, sagte mir, ich möge sein Haus während meines Aufenthaltes wie das meinige ansehen, entschuldigte aber seine Frau, daß sie mich noch nicht empfangen könne, da sie noch im Negligé sei, und bat mich, den Nachmittag um zwei Uhr wiederzukommen, wo sie mich erwarte. Dies lähmte meine gehoffte Freude des Wiedersehens ein wenig. Ich empfahl mich, nachdem ich eine halbe Stunde mit K... verplaudert, um auch meinen anderen Herrn Cousins und dem noch lebenden reichen Bruder meines Oheims Scholze die Visite zu machen. Senator H..., ein schlichter Mann, nahm mich recht gutmütig auf, auch Kaufmann G..., sonst ziemlich hochmütig, bewies sich doch sehr freundlich gegen mich. Ihre Frauen bekam ich aus den schon erwähnten Ursachen nicht zu sehen; Hannchen war bereits längst tot. Beim reichen Scholze wurde ich mit Danziger Goldwasser regaliert, hörte dann nichts weiter von ihm, als bis ich Abschied nahm. Endlich war die ersehnte zweite Nachmittagsstunde herangekommen, in der ich Henriette wiedersehen sollte, deren Anblick mich in der Tat überraschte, denn statt der lieblichen Engelsgestalt mit dem überaus feinen Amorettengesichtchen sah ich eine ziemlich lange, sehr hagere Frau, deren Gesicht zwar noch immer schön war, aber sehr markierte Züge hatte, welche die erfahrene Ehefrau nur zu sehr verrieten. Was tun fünfzehn Jahre nicht! Sie war jetzt einige dreißig alt. In ihrer Haltung lag indessen etwas majestätisch Imponierendes und ihre Unterhaltung war nicht nur geistreich und pikant, sondern verriet auch eine nicht gewöhnliche wissenschaftliche Bildung. Ihre Musik hatte sie so ziemlich vernachlässigt, dagegen malte sie nicht schlecht in Öl, aber sie spielte und affektierte dabei etwas stark die sentimentale Mondscheinprinzessin, etwas, das mir in den Tod verhaßt war und mich meilenweit jagen konnte. Ihre Toilette war ausgesucht, nicht ohne Geschmack, aber mit großer Kunst fast zu jugendlich angelegt, und es war mir bald klar, warum sie mich nicht im Morgenanzug hatte empfangen mögen. Indessen war der Empfang bei diesem Wiedersehen ein sehr herzlicher, und sie bat mich, den Rest des Nachmittags mit ihr zubringen zu wollen, da wir uns nach so langer Trennung doch gewiß manches zu sagen hätten und manche Rückerinnerungen aus den glücklichsten Zeiten der Kindheit wieder ins Gedächtnis rufen könnten. Ihr Mann, sich wegen seiner Geschäfte entschuldigend, hatte sich sogleich, nachdem er mich eingeführt, wieder entfernt. Ich brachte einen äußerst angenehmen Nachmittag mit der immer noch sehr liebenswürdigen Frau zu, indem wir uns gegenseitig im Umriß mitteilten, was wir seit unserer Trennung erlebt und was uns widerfahren war. Daß von beiden Seiten die Aufrichtigkeit dieser Mitteilungen nicht vollkommen sein konnte, ist natürlich. Doch erfuhr ich durch andere, was meine Cousine, welche, die Reisen zur Prinzeß Wilhelm nach Berlin, nach Homburg und einige andere abgerechnet, ununterbrochen in Bremen gelebt hatte, für mancherlei Abenteuer gehabt. Ich blieb nicht nur den ganzen Nachmittag, sondern auch zum Abendessen bei K...s. Mit innigem Vergnügen hatten wir uns an die Kinderspiele, Partien und in Homburg genossenen Freuden erinnert, und erst spät in der Nacht trennten wir uns, nachdem ich das Versprechen, den anderen Tag zum Mittagessen zu kommen, hatte geben müssen. Vetter K... hatte die Güte, mich mit allem, was die alte Hansastadt Merkwürdiges enthielt, selbst bekannt zu machen, wozu er als Sohn eines Bürgermeisters und mit den Senatoren verwandt oder befreundet, allerdings sehr geeignet war. Auf den Nachmittag lud mich K... in seinen Garten vor dem Tor ein, in welchem seine Frau jetzt gerade einen hübschen Pavillon bauen ließ. Als ich daselbst ankam, öffnete mir, nachdem ich geklingelt, meine Cousine. In ihrer Begleitung befand sich ein Mann von etwa vierzig Jahren, den sie mir als den Kaufmann K...p und einen intimen Hausfreund ihres Gemahls vorstellte. Dieser maß mich mit großen Augen vom Kopf bis zu den Füßen und schien eben kein großes Behagen an meinem Kommen zu finden. Auch war die Unterhaltung recht reichsstädtisch-steif und folglich hochlangweilig. Henriette schien verlegen und ich befand mich unbehaglich. Glücklicherweise kam bald der Senator H... hinzu, was die Unterhaltung weniger gezwungen machte, und als er den Hausfreund K...p endlich in Geschäftsangelegenheiten mit sich fortnahm, bekam sie eine andere und traulichere Wendung. Henriette wies mir das nach ihren Angaben neuerbaute und noch nicht ganz vollendete Gartenhaus, welches von ihrem guten Geschmack zeigte, aber eine sehr kostbare Liebhaberei war, denn es war für ihre Verhältnisse fast zu prächtig. Wir verweilten eine gute Stunde in demselben, frühere, sehr glückliche Momente durch sehr handgreifliche Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufend, wobei ich aber nicht das selige Entzücken wie früher, sondern bald eine Art Überdruß empfand, den jedoch die hierauf folgende geistreichere Unterhaltung wieder verscheuchte. Der Hauptinhalt unseres Gespräches war die Prinzessin Wilhelm, von der sie mir mich sehr interessierende Dinge erzählte; ebenso vom Prinzen Gustav, dessen Namen sie nicht ohne einen unterdrückten Seufzer aussprach. Wir waren noch recht eifrig im Gespräch begriffen, als sich auf einmal eine rauhe Baßstimme mit den Worten: „Frau K..., sind Sie hier, wo, zum Henker, stecken Sie denn?“ vernehmen ließ. Es war die des Hausfreundes K...p, der zurückgekommen war, die Dame vom Hause aufsuchte, und als er sie tête-à-tête mit mir fand, ihr einen vielbedeutenden, Zorn verratenden Blick zuwarf. Ich tat, als bemerkte ich es nicht, und sagte etwas malitiös: „Mein Herr, wir haben uns einstweilen trefflich unterhalten,“ worauf er ein trockenes: „So,“ von sich gab, und jetzt die vorige Verlegenheit und das gezwungene steife Wesen wieder zurückgekehrt war. Wir gingen höchst einsilbig in den Gängen des Gartens spazieren, bis auch Henriettens Mann dazukam, der durch einige Neuigkeiten, die er mitbrachte, der Sache wieder eine andere Wendung gab, und uns bald darauf zu dem unserer harrenden Vespermahl einlud, wodurch wieder mehr Leben in Henriette und auch in den Hausfreund kam.
Noch den nämlichen Abend, als ich K...s verließ, begegnete ich auf dem Markt einem Kaufmann namens Kreibig, der die Reise von Hannover hierher im Postwagen mit mir gemacht, und mich einlud, ein Glas Punsch mit ihm in einer nahen Weinstube zu nehmen, in der sich ein allerliebstes blutjunges Mädchen, das Töchterchen vom Haus, Gesina geheißen, befände. Mit Vergnügen nahm ich das Anerbieten an und fand, daß der Mann nicht zuviel gesagt. Mit einer unendlich freundlichen Grazie kredenzte uns das hübsche Kind den verlangten Punsch, antwortete auf unsere Fragen mit der liebenswürdigsten Naivität, und wir verplauderten ein paar Stunden auf das angenehmste daselbst, so daß ich mir vornahm, der mir beim Weggehen gewordenen Einladung, recht bald wiederzukommen, Folge zu leisten. Den anderen Morgen um elf Uhr war ich schon wieder daselbst, um ein kleines Frühstück einzunehmen, und wurde von dem allerliebsten Gesinchen recht herzlich empfangen. Bald war ich mit dem schönen Kind so vertraulich, daß, obgleich ich ihr gesagt, daß ich ein naher Verwandter von K... sei, sie mir dennoch alles, was die Verhältnisse Henriettens betraf, mitteilte und meine Vermutung, daß Hausfreund K...p ihr erklärter Liebhaber sei, vollkommen bestätigte, was übrigens ein stadtkundiges Geheimnis war. In dem Haus Langenaus, wo ich nun täglich meine meisten müßigen Stunden zubrachte, ich arbeitete jeden Morgen an dem Plan des mir von Carnot angegebenen Werkes, ohne jedoch noch ernstlich an die mögliche Herausgabe desselben zu glauben, machte ich noch eine andere weibliche Bekanntschaft, die mir aber, ohne daß ich es mir zu erklären vermochte, ein unheimliches Gefühl und eine Art Scheu einflößte. Die obgleich junge und nicht häßliche Frau hatte doch für mich etwas sehr Unangenehmes, ja fast Abstoßendes in ihren Gesichtszügen, und war außerdem schon deshalb unausstehlich, weil sie sich immer zwischen Gesina und mich drängte, unser Verhältnis zu erforschen suchte und eine widerliche Freundlichkeit gegen uns beide affektierte. Gesina war ganz einverstanden mit mir hinsichtlich dieser sehr zudringlichen Person, die sie aber fürchtete, sich zur Feindin zu machen und deren viel zu häufige Besuche sie deshalb duldete. Wie sehr meine Abneigung gegen dieselbe, wenn auch nur instinktartig, gegründet war, bewies sich später auf eine schreckliche Weise, denn dieses weibliche Wesen war keine andere als die berüchtigte Giftmischerin Gottfried, welche, nachdem ihre schrecklichen Greueltaten, – sie hatte damals schon ihre Mutter, ihren Vater, ihre drei Kinder, ihren ersten Gatten, ihren Bruder und ihren Liebhaber Gottfried, den sie aber noch auf dem Sterbebette zur Trauung mit ihr beredete, nacheinander vergiftet, – endlich an den Tag gekommen, auf dem Schafott ihr abscheuliches Leben endete. Ich besuchte jetzt meine Verwandten weit seltener und suchte bei jeder sich darbietenden Gelegenheit den wütend eifersüchtigen Hausfreund K...p wild zu machen, was mir auch zum großen Verdruß Henriettens so wohl gelang, daß er einmal den Garten, in dem er mich wieder mit ihr getroffen, höchst aufgebracht verließ und schwur, er würde nie mehr wiederkommen, wenn ich nicht wegbliebe. Meine arme Cousine, welche das Verhältnis mit Herrn K...p, wie es schien, aus mehreren Gründen, wohl nicht aufgeben konnte und mochte, kam dadurch in eine große Verlegenheit und wußte sich nicht zu raten. Da ich ihre mißliche Lage sah, so war ich ganz offen mit ihr und bat sie, sich wegen mir keinen Unannehmlichkeiten mit ihrem Freund mehr auszusetzen, ich wollte durchaus kein Störenfried sein und habe ohnehin vor, dieser Tage nach Frankfurt abzureisen. Erst war die arme Frau verlegen, dann wußte sie mir Dank, daß ich so handelte, meinte aber, ich brauchte deshalb nicht abzureisen, und sie könnte es wohl veranstalten, daß wir uns von Zeit zu Zeit ohne Wissen des Herrn K...p sehen könnten, wofür ich aber dankte. – Trotz der Liebenswürdigkeit der hübschen Gesina hatte ich dennoch beschlossen, Bremen zu verlassen, als ein zufälliges Ereignis mich noch drei Wochen länger daselbst zurückhielt. Signora Catalani hatte ihre Ankunft den Bremern ankündigen lassen und sollte in wenigen Tagen dieselben mit ihrem bezaubernden Gesang beglücken. Man kann sich keine Vorstellung machen, welches Aufsehen diese Neuigkeit in der guten Stadt erregte. Ich glaube, wenn Napoleon von Sankt Helena entwischt und in Vegesack gelandet wäre, so hätte dies keine größere Sensation unter den Bremern hervorbringen können. In allen Häusern, im Museum, sogar in den Kirchen hörte man nur von der Catalani sprechen. Wem ich erzählte, daß ich die berühmte Sängerin nicht nur schon gehört, sondern persönlich kenne, der gaffte mich wie einen Wundermann mit offenen Augen an. Henriette und ihr Mann, sowie Gräwe und Senator H... baten mich, sie doch bei ihnen einzuführen. – Wo, wann, was wird sie singen? fragte man sich auf allen Straßen, und der Schauspieldirektor Ringelhard, dessen Haus in der Regel ziemlich leer stand, wurde mit Logenbestellungen bestürmt, bevor man nur wußte, ob sie auch im Theater singen würde. Als es endlich hieß, die in ganz Europa gefeierte Sängerin sei angekommen, war der Gasthof in dem sie abgestiegen, von einer unermeßlichen Menge Volkes belagert, und ganz Bremen auf den Straßen und wie von einer Tarantel gestochen. – „Sie ist da,“ hieß es, „sie ist da, die berühmteste Frau des Jahrhunderts, die alles erwärmende Sonne des musikalischen Horizonts, die Gefeierte Europas!“ Um zu ihr zu gelangen, mußte man sich mit Rippenstößen Bahn bis an die Türe des Gasthofes brechen, der vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht von Tausenden umringt war. Die gefeierte Primadonna empfing mich wie einen alten Bekannten mit großer Herzlichkeit und sagte mir: „Ich bin sehr froh, Sie hier zu treffen, Sie werden sich bequemen, so lange, bis mein Mann kommt, mein Cavaliere servente zu sein, denn ich bin ganz verlassen und habe auch keine Empfehlungen für hier mitgebracht.“ – „Die bedürfen Sie nicht,“ versetzte ich, „übrigens wird es mir eine große Ehre sein, Signora, den dienenden Ritter einer Dame zu machen, welche sich die größten Monarchen zur Ehre rechnen, am Arm zu führen.“ Während des Aachener Kongresses hatten sie der Kaiser Alexander, der König von Preußen und der Kaiser von Österreich auf den Bällen umhergeführt, und von diesen hatte sie die kostbarsten Geschenke in Schmuck erhalten. Ihre Begleitung bestand aus ihrem Reisekapellmeister Burgmüller aus Düsseldorf und dessen Gattin, nebst dem dienenden Personal. Burgmüller, dessen Bauch einen nicht viel geringeren Umfang hatte als der des alten Königs von Württemberg, machte durch seine außerordentliche Eßlust fast ebensoviel Aufsehen wie die Signora, deren Konzerte er dirigierte, durch ihre Kehle. Sein Vorfrühstück in Bremen bestand oft in einem Kapaun, ein paar Hummern, einer Schüssel geräucherten Lachs, einer Gänsebrust, ein paar Dutzend Eiern und ein paar Flaschen Portwein! was er alles mit einer Gier verschlang, die mich in Erstaunen versetzte. Ich schlug nun der Catalani vor, sie bei meinen Verwandten einzuführen, was sie mit Freude annahm, worauf ich ein paar Zeilen an meine Cousine schrieb und ihr meldete, daß ihr den anderen Morgen um elf Uhr die Ehre des Besuches der Signora Catalani bevorstehe, die ich ihr präsentieren würde. Als wir zu diesem Zweck in einen Wagen steigen wollten, war es kaum möglich, durch das Gedränge zu kommen, und die polizeiliche Hilfe mußte uns Platz machen. Signora rief aus: „Sollte man nicht glauben, ich sei irgendein wildes Wundertier! Una bestia curiosissima!“ – Daß des Gesanges Königin einen Besuch bei K... gemacht hatte, erregte Staunen und Neid bei der steifen Bremer Handelswelt, besonders bei den Damen, die zum Singverein gehörten. Da meine Cousine ohnehin sehr wenig mit der Bremer Welt umging, sondern mehr in einem sehr kleinen Kreis für sich lebte, auch immer noch schön genug und reich war, so fehlte es ihr an Feinden und besonders Feindinnen nicht, welche alle möglichen Lügen auf ihre Kosten verbreiteten, wozu ihr Verhältnis mit K...p freilich Stoff genug gab. Den anderen Morgen machte sie schon ihren Gegenbesuch bei der Catalani, und zwar in einem von Kopf bis zu Fuß ziemlich phantastischen Rosa-Anzug, sogar Strümpfe, Schuhe und Handschuhe waren Rosa. Manchmal kleidete sie sich auch ebenso in Himmelblau. Dies paßte wenigstens nicht mehr ganz zu ihren Jahren, sie war in der Mitte der Dreißiger, und hatte, wie gesagt, schon sehr markierte Züge. Die Catalani konnte sich auch des Lächelns nicht erwehren, als sie diese Rosagestalt erblickte. Als sechzehnjähriges Mädchen würde ihr ein solcher Anzug auf einem Ball ganz vortrefflich gestanden haben. Sie lud die Catalani zu einem Frühstück ein, was diese auf mein Zureden annahm, und was wieder Veranlassung zu Neid und Mißgunst gab. Bei diesem Frühstück, wo die größten Leckerbissen, die aufzutreiben waren, und sogar Schiraswein serviert wurden, fand sich auch Burgmüller ein und tat sich gütlich. Doch mußte er schon durch ein solides Vorfrühstück einen guten Grund gelegt haben, sonst hätte er für sich allein alles, was aufgetragen, verzehrt.
Ich hatte es übernommen, die Arrangements der Konzerte, Madame Catalani wollte deren drei geben, zu besorgen, und mich zu dem Direktor Ringelhard verfügt, um das Theater zu diesem Zwecke zu mieten. Dieser aber stellte die Bedingung sine qua non, eine Tantieme von der Einnahme für die Überlassung des Schauspielhauses zu erhalten, zu welcher sich die berühmte Sängerin durchaus nicht verstehen wollte, sondern, als ich ihr sagte, daß in ganz Bremen kein anderes, für ihre Konzerte passendes Lokal zu finden sei, äußerst aufgebracht ausrief: „Wohlan, so bestelle man sogleich Postpferde, ich werde in Bremen nicht singen.“ – Nur mit der größten Mühe gelang es mir, die Signora zu besänftigen. Ich überlegte hin und her. Endlich sagte ich zu den Bremer Herren: „Wäre es denn nicht möglich, die Konzerte in einer der Kirchen zu geben?“ – Dieser Plan wurde, wenn auch nicht ohne tüchtige Kämpfe, besonders mit einigen geistlichen Herren und Behörden, durchgesetzt; so hatte ich auch nicht ohne Mühe die Signora beredet, sich dazu zu verstehen, in einer protestantischen Kirche zu singen. Man hatte die Erlaubnis erwirkt, ein Concert spirituel in der Domkirche geben zu dürfen, wobei die Armen reichlich bedacht werden sollten, da keine Saalmiete bezahlt werden durfte. Wegen der Kirche aber waren die Stimmen sehr geteilt und die Frömmler schimpften gewaltig über diese Entheiligung, wie sie es nannten. Man kehrte sich indessen nicht daran und der große Dom war trotz des Eintrittspreises von einem Dukaten dennoch zum Ersticken voll. Das Orchester und die Chöre des Singvereines trugen nur geistliche Tonstücke vor, während Madame Catalani ihre Variationen von Rhode und ein paar ernstere Arien mit Rezitativen sang. Der Erfolg war, wie allenthalben, unermeßlich und der Beifall rasend, Ringelhard aber in Verzweiflung, denn jetzt stand ihm sein Theater gänzlich leer; selbst die Abonnenten wollten es nicht mehr besuchen. Seinen Ruin vor Augen sehend, suchte er mich auf, erbot sich, der Signora Catalani das Theater um jeden Preis, ja umsonst zu überlassen, und bat mich, die Sache doch vermitteln zu wollen. Da mich der Impresario in angustie wirklich dauerte, so versprach ich ihm, mein Möglichstes zu tun, machte aber zur Bedingung, daß ich der großen Sängerin einen Empfang auf der Bühne ganz nach meinen Anordnungen bereiten dürfe, wozu er sich nicht nur sogleich verstand, sondern mir auch sein ganzes Theaterpersonal zur Verfügung stellte, und die Miete für das Haus ganz der Großmut der Dame überließ, worauf ich ihm erwiderte, daß ich dafür sorgen wolle, daß er sich in derselben nicht täusche. Er erhielt die Einnahme eines überfüllten Hauses bei gewöhnlichen Preisen. Ich ließ sie nun bei ihrem Erscheinen durch das als Genien gekleidete weibliche Chorpersonal auf der Bühne empfangen, und die junge Schauspielerin Demoiselle Hauff überreichte ihr auf einem Samtkissen ein italienisches Gedicht, das ich zu dieser Feier verfaßt hatte und welches: ‚Al alto merito della Signora Angelicà Catalani, l’unica‘ überschrieben war.
Von diesem Gedicht ließ ich mehrere tausend Exemplare durch die Ventilatoren auf das Publikum herabwerfen, sowie Blumenbukette und Kränze ohne Zahl auf die Bühne, während ein dreimaliger Tusch von Pauken und Trompeten und das donnernde Vivatgeschrei das Haus bis in seine Grundfesten erschütterte.
Nachdem sie eine Arie von Lafond gesungen, die mit dem ungestümsten Beifall applaudiert worden, fiel sie mir mit tränenden Augen hinter den Kulissen um den Hals, ohne sich vor dem umstehenden Theaterpersonal zu scheuen, das erstaunt aufschaute. Das Konzert hatte nun seinen ungestörten Fortgang; Angelika sang noch die schöne Polonäse Portogallos: La placida Campagna, eine Arie von Pucitta, und die Variationen von Pär über das Thema: La Biondina. Von Entzücken trunken und taumelnd, verließen die Bremer das Haus.
Die gefeierte Primadonna gab, um ihren Dank für so viel erwiesene Ehre zu bezeigen, auch noch ein geistliches Konzert zum Besten der Armen in der Ansgarikirche und machte außerdem der Demoiselle Hauff, welche ihr das Gedicht überreicht hatte, ein wertvolles Geschenk.
Während des Aufenthaltes der Catalani ging mir die Zeit in Bremen auf das angenehmste hin und zur Arbeit blieb mir wenig Muße übrig. Jeden Morgen fand ich mich um elf Uhr bei ihr ein und verließ sie in der Regel erst nach Mitternacht wieder. Den ganzen Tag über ging es bei ihr ab und zu wie in einem Bienenkorb. Nicht nur die Bremer Herren, sondern auch die angesehensten Damen ließen sich der berühmtesten aller Sängerinnen vorstellen. Am unterhaltendsten aber waren die Abende, wo man teils musizierte, teils Kommerzspiele machte, die aber so hoch gespielt wurden (Whist zu einem Dukaten der Point), daß sie wahre Hasardspiele genannt werden konnten, während welchen en attendant der dicke Burgmüller das aus kalter Küche bestehende Souper unter der Hand zur Hälfte zu sich nahm, und dann, wenn man sich zu Tisch setzte und fand, daß es nicht hinreichend sei, sagte: „Ja, mein Gott, ich habe doch kaum eine Brotrinde und ein Stückchen Wurst gekostet!“ – Kurz vor ihrer Abreise kam auch ihr Mann, der ehemalige Rittmeister Vallabregue, der Adjutant des Generals Moreau gewesen war, und jetzt einen großen Teil der Schätze seiner Frau durchs Spiel wieder unter die Leute, namentlich die Pariser, brachte, in Bremen an. Als sie abreiste, begleitete ich sie noch eine Station zu Pferde. Wir hatten uns beiderseitig das Versprechen gegeben, uns bald wieder in Frankfurt zu sehen. Ihre Einnahmen in Bremen hatten über sechstausend Taler betragen. Bevor ich die Stadt verließ, machte ich noch einen Abstecher in das nahe Hamburg, wo mich aber das durch und durch merkantilische Gewühl und Treiben nur ein paar Tage rasten ließ, und kehrte ohne viel mehr als den Jungfernsteig, das Alsterbassin, den Hafen, die Michaeliskirche mit ihrem hohen Turm, die Börse und das Theater gesehen zu haben, wieder nach Bremen zurück, ließ mir durch K... noch das nötige Reisegeld geben, und trat dann nach gebräuchlichem Abschied die Reise nach meiner Vaterstadt an.
Ich fuhr erst nach Hannover und von hier im Eilwagen weiter bis Hildesheim, und hatte diesmal ein allerliebstes Kammerzöfchen einer vierspännig reisenden Herrschaft zur Nachbarin, welche in dem Reisewagen des Herrn Barons und seiner Begleitung keinen Platz mehr fand und daher die Reise in dem Eilwagen mitmachen mußte. – „Sophiechen, hab’ acht auf dich,“ hatte ihr die Frau Baronin noch beim Einsteigen zugerufen, und so hatte ich den Namen des holden Kindes erfahren. Es war eine holsteinische freiherrliche Familie, welche eine Rheinreise zu machen beabsichtigte und daher auch nach Frankfurt fuhr. In Hildesheim trafen wir wieder zusammen und ich besuchte in Gesellschaft des Herrn Baron G..., seiner Frau und seiner neunzehnjährigen Tochter samt Sophiechen die uralte Domkirche daselbst, in der man die Fremden besonders auf die in derselben befindliche Irmensäule, aus einem siebzehn Fuß hohen grünen Stein bestehend, die Karl der Große 772 umgestürzt, aufmerksam macht. Die Familie wollte von hier nach Goslar, von da nach Göttingen und so weiter, und auch den Brocken vulgo Blocksberg besteigen. Die Attraktionskraft dieser Damen, oder vielmehr der zierlichen Zofe, war so groß, daß auch ich sogleich von meinem ursprünglichen Reiseplan abwich, um auch nach Goslar zu gehen. Ich nahm eine offene Postkalesche, in der ich Sophien einen Platz anbot, den anzunehmen ihr aber die Baronin untersagte, und das Mädchen lieber in ihrem Wagen sitzen ließ. In Goslar stieg ich in demselben Gasthof wie die Herrschaften, dem Schleßlerischen, ab. Wir waren die ganze Nacht durchgefahren und erst gegen Morgen angekommen. Um Mittag hatte ich Gelegenheit, das Kammermädchen zu sprechen, die mir mitteilte, daß sich ihre Damen sehr angelegentlich nach meinem Stand und Charakter erkundigt, und als sie ihnen gesagt, daß ich ein Offizier sei, sie diese Mitteilung wohlgefällig aufgenommen hätten. Das Mädchen war die Herzensvertraute des jungen Fräuleins, die sie mir als den Männern gar nicht abgeneigt schilderte. Für diese Nachrichten dankte ich Sophien mit ein paar Küssen. Sie entzog sich jedoch durch eilige Entfernung meinen weiteren Gunstbezeigungen, indem sie davonlaufend rief: „Ach, die Herrschaft hat mich gerufen.“
Die hochadelige Familie geruhte an der bürgerlichen Table d’hôte des Gasthofes zu speisen und mir mitzuteilen, daß sie nach derselben die Stadt zu besehen beabsichtige. Die Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen, wurde mir freundlichst gewährt, und die Partie nach dem Harzgebirge und dem Blocksberg für den kommenden Tag festgesetzt.
Den Abend brachte ich mit der Familie traulich beim Tee zu; auch wollten wir die berühmte Gose, so wird das hier gebraute Bier genannt, kosten, aber niemand fand sie nach seinem Geschmack. Nachdem wir die Partie auf den Blocksberg für den anderen Morgen noch ausführlich besprochen, trennten wir uns, alle ermüdet, ziemlich früh. Ich begab mich aber dennoch nicht zur Ruhe, sondern paßte Sophien ab, als sie zum letztenmal das Zimmer ihrer Herrschaften verlassen, und empfing sie auf der Stiege. Nicht ohne Mühen und Sträuben beredete ich sie, noch ein Stündchen auf meinem Zimmer verplaudern zu wollen, und wir trennten uns erst in der Geisterstunde. Um vier Uhr des Morgens weckte mich aber der Hausknecht, wie ihm anbefohlen war, schon wieder, und ich schickte mich zur Besteigung des Blocksberges an. Gegen sechs Uhr waren wir alle reisefertig, ausgenommen die Frau Baronin, welche, Migräne vorgebend, bedauerte, nicht mit auf den Hexenberg zu können. Wir fuhren über Neustadt, stiegen aber sehr oft aus, da der Weg schlecht und oft gefährlich war, wobei ich dann der jungen Baronesse meinen Arm zur Stütze bot, was auch freundlich angenommen wurde. Die letzte Strecke legten wir, auf Rossen reitend, die der mitgenommene Führer besorgte, zurück. Das Fräulein, an dessen Rechter ich ritt, machte eine stattliche Figur zu Pferde, doch mußte ich ihr manchmal, wo die Stellen zu holprig waren, zu Hilfe kommen und sie in meinem Arm auffangen, wenn sie durch das Stolpern des Pferdes das Übergewicht zu verlieren schien. Der Baron ritt mit Sophien vor uns her, und ein Bedienter hintendrein. So erreichten wir endlich den berüchtigten Riesen des Harzgebirges, der alle anderen Bergspitzen desselben weit überragt. Der Boden ist sehr steril und öde, große Granitblöcke liegen ringsumher, und man glaubt sich wirklich mitten auf einem Hexenfeld, auf dem die Großsatanatische Majestät samt dem Hexen- und Teufelspack mit Steinblöcken gekriegt und geworfen. Das im Jahre 1800 hier aus Stein erbaute Brockenhaus bietet Schutz, Bequemlichkeit und stärkende Erfrischungen dem müden Wanderer. In der Mitte desselben ist ein kleiner Turm. Man kann nötigenfalls hier übernachten, und zwar in besseren Betten als in manchem Gasthaus kleiner Städte. Das Fräulein hatte auch große Lust, ein nächtliches Abenteuer auf dem nicht geheuern Berg zu bestehen. Ich hatte nichts dawider, aber der alte Baron legte sein Veto ein, und so wurde nichts daraus.
Wir nahmen vor dem gastfreundlichen Brockenhaus ein frugales, aber doch sehr wohlschmeckendes Mahl ein, wobei dem Baron der Wein so mundete, daß er nach der Beendigung desselben durchaus eine Siesta zu machen begehrte, wozu man ihm ein Stübchen mit einem Lager anwies, und mir die Aufgabe, das Fräulein unterdessen zu unterhalten, überließ, was ich denn auch nach besten Kräften zu tun versuchte, indem ich sie, von der Walpurgisnacht erzählend, zwischen dem wilden Gestein umherführte, und während ich ihr den Spuk recht fürchterlich ausmalte, sie, um ihr bei holprigen Stellen über die Steine zu helfen, fest in dem Arm hielt und die schlanke Gestalt innig an mich drückte, wobei sogar unsere Wangen in Berührung kamen, sich röteten, glühten, und unversehens sich unsere Lippen zu minutenlangen Küssen zusammenfanden. Wir verirrten uns nun immer weiter von dem Gasthaus. Ich lud Wallfriede, so hieß das Fräulein, ein, sich niederzusetzen, während ich fortfuhr, sie mit schauerlichen Hexengeschichten zu unterhalten, ruhte ihr Köpfchen an meiner klopfenden Brust, und bald fühlte meine Rechte das hochpochende Schlagen ihres Herzens unter ihrem wallenden elastischen Busen. Beinahe zwei Stunden hatten wir so vertändelt, als uns die sich immer mehr sinkende Sonne und auch Sophiens, nach dem Fräulein rufende Stimme zur Rückkehr und zum Aufbruch mahnte. – „Ist Papa wach?“ fragte sie die sich nun lächelnd zeigende Zofe. – „Noch nicht, aber man wird den gnädigen Herrn wohl wecken müssen, sonst wird es zur Heimkehr zu spät.“ – Wir eilten jetzt, nachdem Fräulein Wallfriede ihre Toilette mit Hilfe des malitiös lächelnden Mädchens ein wenig adjustiert hatte, in das Haus zurück, wo der Papa noch vortrefflich schlief. Die Tochter übernahm es, ihn aus dem erquickenden Schlummer zu wecken. Über Kopfschmerzen klagend, richtete er sich, die Augen reibend, auf, und schnell wurden die Anstalten zur Heimkehr gemacht. Als wir Ilsenburg erreichten, fing es schon an, sehr dunkel zu werden. Nachdem wir in Neustadt soupiert, fuhren wir die halbe Nacht durch. Papa schlummerte auch in dem Wagen bald ein. Das mir gegenüber sitzende Fräulein aber verhinderte ich am Einschlummern, indem ich auch eine Art Hexenspiel mit ihr trieb, bei dem sie sich recht wohl zu gefallen schien, während Sophie, die neben mir saß, ihr Köpfchen auf meine rechte Schulter legend, gleichfalls schlummerte oder doch wenigstens so tat. Wir witterten schon Morgenluft, als wir in Goslar ankamen, wo wir trotz der Einsprache der alten Baronesse noch einen Tag verweilten, weil der Baron behauptete, durchaus einen Tag von den Strapazen der Blocksbergsreise ausruhen zu müssen. Dies war uns allen recht, obgleich sich keine Gelegenheit mehr zeigte, mit dem Fräulein allein zu sein, wogegen mir aber wieder der nächtliche Besuch der Zofe ward.
Von Goslar fuhren wir bis Kassel, wo die Herrschaft mehrere Tage ausruhte und ich dasselbe tat, wie es die Umstände eben gestatteten, dem Fräulein und der Kammerjungfer abwechselnd Beweise von meiner Zuneigung gebend, wobei aber die letztere die Vertraute der ersten war, ohne daß Wallfriede ahnte, wie sehr mich auch diese begünstigte; sie glaubte, die kleinen Geschenke, die ich ihr machte, seien die Belohnung für die Gefälligkeiten, die sie ihrer jungen Herrin erzeigte. Die freiherrliche Familie fuhr den zweiten Tag nach Wilhelmshöhe, wohin ich sie zu Pferde begleitete, und dann in ihrer Gesellschaft den Park, die Löwenburg, die Danaidengruppe, das chinesische Dörfchen, die Teufelsbrücke und so weiter, im Grunde nur kostbare Spielereien, besah. Da der Baron und ich ein paar Dukaten springen ließen, so sprangen auch die Wasser. Wir gingen längs der Kaskade hinauf bis zum Oktogon und zur Riesenbildsäule des Herkules, in dessen Keule ich mit den beiden Mädchen stieg, die Alten blieben unten. Auch hier gab ich Wallfrieden die untrüglichsten Beweise meines Wohlwollens, während Sophie durch die Öffnung der Keule nach oben zu die mächtige Mannbarkeit des Kolosses bewunderte, und dann lachend auch ihr errötendes Fräulein darauf aufmerksam machte. Das schöne Schloß zu Wilhelmshöhe konnten wir nicht betreten, da Seine königliche Hoheit der Zopfheld Kurfürst Wilhelm III. gerade dasselbe bewohnte. Als wir um das prächtige Bowlingreen an demselben herumgingen, hatten wir das Glück, seine widerliche Mißgestalt hinter einem Fenster neben der famosen Gräfin Schlotheim stehen zu sehen, worauf uns unser Cicerone aufmerksam gemacht. Ein paar Tage zuvor hatte ein Engländer sich erlaubt, dem Kurfürsten zum Trotz mitten über diesen prächtigen Rasen zu reiten, und zwar im Galopp. Der freche Insulaner hatte geäußert, er wolle dem fürstlichen Seelenverkäufer, der seine Untertanen für schnödes Geld an seine Regierung verkauft und von diesem Blutgeld solche Gelüste befriedigt habe, einen kleinen Ärger verursachen. Jedermann erwartete eine exemplarische Strafe des kühnen Briten. Der alte Kurfürst war aber so klug, als man bei ihm anfragte, was da zu tun sei, es bei einer polizeilichen Strafe von einem Taler bewenden zu lassen. Er fürchtete die Engländer und wußte, wie sehr sie durch ihre Regierung allenthalben in Schutz genommen werden. Hätte sich aber ein Deutscher so etwas einfallen lassen, wie möchte es diesem wohl ergangen sein? – Der Brite bezahlte zwar die Strafe, ließ es aber dabei noch nicht bewenden, sondern spazierte erst mit einem fast schenkeldicken Zopf, der bis an die Kniekehle hinabreichte, und dann sogar mit vier, fünf, bis beinahe zur Erde herabhängenden Zöpfen vor dem Schloß auf und nieder. Seine Hoheit war aber so klug, auch hiervon keine weitere Notiz zu nehmen.
Die Zopfwut dieses Fürsten war eine krankhafte Manie. Gleich nach seiner Rückkunft aus England, wohin er sich vor den Franzosen geflüchtet, mußten alle seine Soldaten und Offiziere sich falsche Zöpfe anbinden, da ihre Haare längst abgeschnitten waren, gepuderte Locken tragen und so weiter. Einige banden die Zöpfe an ihre Haare, andere, welche dieselben nicht lang genug hatten, befestigten sie an die Hüte. Als einst der Kurfürst aus dem Schloß kam und die Wache schnell ins Gewehr treten mußte, sah er, daß ein Offizier derselben zwei Zöpfe hatte. – „Was, der Teufel, soll das heißen?“ kreischte Seine Hoheit. „Will man mich zum besten haben?“ – Der Offizier konnte sich nicht erklären, was der Kurfürst damit sagen wolle. – „Warum hat man zwei Zöpfe?“ donnerte die alte Hoheit. – Der Offizier griff mit der linken Hand an seinen Schopf und fühlte mit Entsetzen, daß da zwei Zöpfe herabhingen. Die Sache klärte sich dadurch auf, daß er den Hut eines Kameraden, der ihn gerade besuchte und der seinen Zopf an demselben angebracht, während er den seinigen an seinen Haaren befestigt hatte, in der Eile genommen. Nichtsdestoweniger erhielt er Arrest und es kam ein Befehl heraus, daß niemand die Zöpfe mehr an den Hüten befestigen dürfe, sondern alle an die Haare gebunden sein müßten, bis diese groß genug seien, um selbst ein für die Kriegskunst so hochwichtiges Ding formieren zu können. Diese Zopfwut des Kurfürsten wurde in ganz Europa bespöttelt. Das half aber nichts, sondern machte Seine Hoheit nur um so obstinater, und er setzte sogar eine Prämie auf eine den Haarwuchs schnell fördernde Salbe oder Pomade, um noch das Vergnügen zu haben, zu erleben, seine Soldaten keine falschen Zöpfe mehr, sondern echte tragen zu sehen. Dies Vergnügen sollte ihm indessen nicht mehr zuteil werden. Einige Offiziere jedoch, die das Glück hatten, daß ihre Haare schneller, als es gewöhnlich ist, wuchsen, und dem Fürsten daher mit echten Zöpfen aufwarten konnten, was sie wohlweislich anzubringen wußten, hatten sich dessen außerordentlicher Gnade, einer Zopfgratifikation und des Versprechens eines schnellen Avancements zu erfreuen.
Den dritten Tag fuhren wir nach Marburg ab, wo wir die Elisabethkirche besuchten, und dann die Reise über Gießen und Friedberg nach Frankfurt fortsetzten, wo wir spät in der Nacht ankamen und auf meine Veranlassung sämtlich im Englischen Hof abstiegen, da auch ich die Meinigen so spät nicht mehr beunruhigen mochte.