Den anderen Morgen eilte ich um acht Uhr in das elterliche Haus, wo ich schon seit mehreren Tagen erwartet und wieder recht freudig aufgenommen wurde. Eine nicht unbedeutende Erbschaft hatte die Vermögensverhältnisse meiner Eltern, die nicht mehr die glänzendsten gewesen, wieder gehoben, und man hieß mich herzlich willkommen. – Ich machte abermals meine Rundbesuche bei der werten Verwandtschaft, bei der ich zum Teil süße, zum Teil saure Gesichter zu sehen bekam, indem mehrere der guten Vettern und Basen sich große Sorgen um mein künftiges Fortkommen und was wohl noch aus mir werden solle, machten, während dies mein geringster Kummer, obgleich ich darüber noch mit mir selbst nicht im Reinen war. In den ersten Tagen nach meiner Ankunft machte ich noch den Führer der freiherrlichen Familie und zeigte ihr die Sehenswürdigkeiten meiner Vaterstadt, wobei ich auch nicht unterließ, mit Wallfrieden und Sophien den alten verschwiegenen Pfarrturm zu besteigen, um ihnen die herrliche Aussicht, die man von diesem genießt, und die Umgebung Frankfurts zu zeigen. Einige Tage nach ihrer Abreise unternahm auch ich eine Reise, und zwar nach Paris, denn es zogen mich die Erinnerungen meines ersten Dienstes wieder nach Frankreich, wo ich nach Umständen und wenn es anginge, eine Anstellung nehmen wollte. Hier fand ich aber alles ganz verändert und sehr verschieden von den früheren Verhältnissen. Die mit Ludwig XVIII. zurückgekehrten Emigranten saßen am Ruder und regierten so, daß jedem Unbefangenen einleuchten mußte, dies könne nicht von Dauer sein, und ich bekam gar keine Lust, nur den mindesten Versuch zu machen, um eine Anstellung zu erhalten. Ich blieb deshalb kaum acht Tage in Paris, während denen ich mich fast ausschließlich damit beschäftigte, mir die Werke, Broschüren und sonstigen Hilfsquellen anzuschaffen, die mir Carnot zu der Herausgabe meines historischen Werkes über die französische Revolution als notwendig empfohlen hatte. Es gelang mir, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten und Mühe, die meisten aufzutreiben. Auch kaufte ich noch viele nicht bezeichnete Bücher, die mir bei dieser Gelegenheit in die Hände fielen, und die ich zu meinem Zweck dienlich glaubte. Ich kehrte nun mit einer großen Kiste Bücher beladen nach Frankfurt zurück und machte mich ernstlich ans Werk, obgleich die wenigen Personen von meinen Verwandten, denen ich das Vorhaben mitteilte, und unter ihnen auch mein Oheim Weller und Franz Fahrtrapp, ein Nachkomme des alten Franz, den wir am Anfang dieser Memoiren kennen gelernt, und der eine Kunst- und Buchhandlung, große Druckereien und so weiter hatte, sehr ernstlich von einem so schwierigen Unternehmen abrieten, wozu ich schwerlich einen Verleger finden würde, da schon Hunderte von Büchern über diesen Gegenstand auch in deutscher Sprache, zum Teil von sehr tiefgelehrten Leuten erschienen seien, und keines ein großes Glück gemacht habe. Der Hauptgrund ihres Abratens aber mochte wohl der sein, daß sie mir als einem, der nicht auf Universitäten gewesen, also nicht systematisch studiert habe, die Fähigkeit, ein Buch zu schreiben, nicht zutrauten. Gar viele Deutsche, und besonders grundlos tiefe Gelehrte und solche Buchhändler, von denen schon Voltaire sagt: „Sie glauben Verstand zu haben, weil sie den anderer Leute in ihren Buden verkaufen,“ sind in diesem Köhlerglauben befangen; bei ersteren ist es jedoch meistens nur schlecht versteckter Brotneid.
Ein erfreuliches Ereignis hielt mich indessen für den Augenblick ab, mich dieser historischen Arbeit, die anfing, mir Vergnügen zu machen, anhaltend zu widmen. – Meine Schwester wurde die Braut eines angesehenen Beamten eines Nachbarstaates, und mir ward jetzt der Auftrag, alle die bei solchen Umständen in Frankfurt stattfindenden Schwierigkeiten, die mit viel Laufereien, allerlei Eingaben und Schreibereien, zum Teil unangenehmen Gängen und Mahnungen verknüpft sind, wobei man mehrere Monate hingehalten wird und es hauptsächlich auf Prellereien und Gelderpressungen abgesehen ist, zu beseitigen. Ich konnte mit den Herren vom Amte gar nicht fertig werden, da immer wieder neue Anfragen gemacht, allerlei Papiere und Atteste herbeigeschafft werden sollten und auf dem jüngeren Bürgermeisteramt, dem die Heiratsangelegenheiten obliegen, dennoch nichts gefördert wurde. – „Ja, haben Sie sich denn schon mit dem Aktuar Bingel verständigt?“ fragte mich einer der hochweisen Senatoren. – „Wieso,“ erwiderte ich, „was habe ich denn mit diesem abzumachen?“ – „Mein Gott, das wissen Sie nicht? Das ist ja der rechte Arm auf dem Bürgermeisteramt, der eigentliche Bürgermeister, denn der wird nicht gewechselt. Werfen Sie diesem ein paar Dukaten in die Rippen, dann wird Ihre Sache weit schneller gehen. Wenn man gut fahren will, so muß man auch gut schmieren.“ Und dies war einer der Senatoren, ein Zweiundvierzigstel der Frankfurter Souveränität, der mir diesen freundschaftlichen Rat erteilte! – Auf ein paar Dukaten kam es hier natürlich nicht an, und ich warf ihm sechs Brabänter in die Rippen. Als ich aber hörte, daß die Sache dennoch über sechs Wochen dauern könne, und dies meinem zukünftigen Schwager mitteilte, der ohnehin von dem Frankfurter Bürgerrecht, das jene Herren so hoch anschlagen, als könne es schon allein glücklich machen, und das man mit der Verheiratung einer Frankfurter Bürgerstochter in Anspruch nehmen kann, gar nichts wissen wollte, so beschlossen wir, den hochweisen Herren ein Schnippchen zu schlagen. Der Bräutigam ließ sich von seinem Souverän die Erlaubnis zur Trauung geben, und sodann, in Offenbach vom Oberpfarrer Waldeck, demselben, bei dem ich konfirmiert worden war, trauen, und führte dann seine junge Frau vergnügt heim. – Unterdessen kamen noch fortwährend Schriften und Anordnungen vom Bürgermeisteramt, die da besagten, jetzt müsse noch dieses und jenes herbeigeschafft werden und so weiter, bis ich mir die Mühe gab, noch einmal selbst auf den Römer zu gehen und die Herren zu bitten, sie möchten sich doch keine vergebliche Mühe und Arbeit mehr machen, meine Schwester sei bereits schon seit länger als einer Woche verheiratet und mit ihrem Mann auf und davon. – Ich glaube, wenn ich den Leuten den Untergang der Stadt Frankfurt prophezeit hätte, so hätten sie keine längeren, verdutzteren und einfältigeren Gesichter machen können. Sie stierten mich mit großen Kalbsaugen und sperrweit geöffneten Mäulern an. Besonders aber schien der Herr Bürgermeister ganz verblüfft, und als er endlich etwas von seiner Perplexität zurückgekommen war, geruhte er zu stottern: „Wa–wa–was haben Sie gesagt?“
„Daß meine Schwester schon über acht Tage verheiratet ist, und mit ihrem Gatten die Stadt und deren Gebiet verlassen hat.“
„Wie–wie–wie ist das möglich?“
„Der Herr Pfarrer hat sie getraut.“
„Wer hat sich das unterstanden?“
„Der Herr Oberpfarrer in Offenbach, mit Ihrer gütigen Erlaubnis.“
„Das muß sogleich an die großherzogliche Regierung berichtet werden. Diese Trauung darf nicht gelten.“
„Geben sich der Herr Bürgermeister keine vergebliche Mühe. Die Trauung ist mit der eigenhändigen schriftlichen Einwilligung Seiner königlichen Hoheit geschehen, folglich vollkommen gültig.“
„Wir sind ebenso souverän als der Großherzog, und der darf nicht in unsere Rechte greifen.“
„Das machen Sie gefälligst mit ihm ab.“
„Auf jeden Fall verliert Ihr Schwager das Frankfurter Bürgerrecht.“
„Darauf hat er schon im voraus verzichtet.“
„Der Unglückliche, er weiß nicht, was er verliert!“
„Wohl möglich.“
Die Herren sahen sich gegenseitig wieder ebenso perplex an; denn wie man das Frankfurter Bürgerrecht so aufgeben konnte, ging über ihr Fassungsvermögen. „Nein, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen, da steht einem der Verstand still,“ ließ sich einer und der andere vernehmen, und ich fand für gut, lächelnd mich gehorsamst zu empfehlen, damit der Verstand wieder in Gang kommen möge. Aber ...
Indessen drangen meine Eltern in mich, doch irgendeinen Entschluß zu fassen, und besonders meine Mutter wünschte, daß ich nach so vielen Jahren mich endlich in meiner Vaterstadt fixieren möchte, mir zugleich versichernd, es würde mir gewiß an einer für mich passenden Anstellung nicht fehlen, wenn ich mich nur im Geringsten darum bemühen wolle. Ein mit unserer Familie befreundeter Schöffe, der schon zweimal einjähriger wohlregierender Bürgermeister gewesen, habe ihr im Vertrauen mitgeteilt, daß man eine Polizeidirektorstelle zu kreieren beabsichtige, und dem zu ernennenden Direktor zu gleicher Zeit der Auftrag würde, in den Angelegenheiten der Stadt mit dem Bundestag zu verkehren, wozu sich keiner der dermaligen Senatoren wohl eigne; es müsse ein Mann sein, der mehrere Sprachen, besonders auch das Französische geläufig spreche, mancherlei Kenntnisse und namentlich viel Welterfahrung habe und so weiter, und damit geendigt, daß er glaube, eine solche Stelle sei ganz für mich gemacht, ich möge mich nur einstweilen bei den Senatsmitgliedern präsentieren und empfehlen. Ob mir gleich ein solches Amt, das mich wieder von hunderterlei Dingen und Leuten abhängig machen mußte, durchaus nicht konvenierte, so bequemte ich mich dennoch, meinen Eltern zuliebe, die es überaus wünschten und meinten, es würde ihnen ein wahrer Trost im Alter sein, mich durch eine solche Anstellung gesichert bei sich zu sehen, sogenannte Empfehlungsbesuche bei mehreren der hochweisen Herren und auch den beiden einjährig Wohlregierenden zu machen. Die Fragen, die man dabei an mich richtete, bezweckten durchaus nicht, zu erforschen, ob ich wohl auch die nötigen Fähigkeiten, Talente, Kenntnisse, die ein solches Amt erfordert, besäße. Von dem allem war gar keine Sprache, wie denn überhaupt bei der Besetzung irgendeiner Stelle die Kapazität zu derselben in Frankfurt niemals in Anschlag gebracht oder auch nur darnach gefragt wird, sondern Protektion und Konnexionen allein erwogen werden. Man erkundigte sich, ob ich auch schon diesem oder jenem meine Aufwartung gemacht habe, ob ich mich auch recht erkenntlich zeigen würde, wenn man mir die Stelle gebe. Einige Senatoren, an die ich besonders empfohlen war, gaben mir den guten Rat, mich bei dieser und jener Dame hauptsächlich beliebt zu machen, ja recht höflich gegen Senatorsfrauen und -Töchter und alle Anverwandte bis ins zehnte Glied zu sein, denn schon gar mancher habe eine gute Stelle erhalten, weil die Frau Schöffin so und so zu ihrem Mann gesagt: „Dem mußt du derzu helfe, dann es is doch gar ä höflicher Mensch, er grüßt mich allemal, wann er mich sieht, schon fünfzig Schritt weit, und nimmt den Hut tief herunner.“ Auch einige Köchinnen, welche großen Einfluß auf gewisse Senatoren hätten, da sie vortrefflich kochten, wurde mir geraten, mit kleinen Geschenken zu bedenken. Eine Freundin meiner Mutter brachte dieser sogar eine Liste, auf welcher an zweihundert Personen figurierten, fast alle Verwandte, Vetter, Basen, Schwäger, Schwiegermütter, Tanten und so weiter von Senatoren, denen ich ja nicht vergessen dürfe, sämtlich meine Aufwartung zu machen, denn man habe schon öfters das Beispiel gehabt, daß eine einzige Hintansetzung einer solchen wichtigen Person das Nichterhalten der Stelle des Aspiranten zur Folge gehabt, wie noch neulich mit dem Herrn S..., der es vergessen, der Großtante des Senators B... seine Aufwartung zu machen, und deshalb bei aller Tüchtigkeit das Amt, als ein Mensch, der nicht zu leben wisse, nicht erhalten habe. – Dies war mir denn doch ein wenig zu toll – „Nein, lieber Vater, und wenn man mir Millionen anböte, so würde ich eine solche Stelle nicht annehmen, nachdem ich die hiesigen Verhältnisse näher kennen gelernt und ziemlich durchschaut habe,“ sagte ich zu meinen Eltern, als wieder die Rede darauf kam, „auch würde ich sie keine drei Wochen behalten; denn wer in dem faulen und stinkenden Sumpfpfuhl der Frankfurter Behördenwelt leben kann, der muß eine Lunge und ein Gewissen haben, weiter und durchlöcherter als das Danaidenfaß. Ich werde aber dennoch in Frankfurt bleiben und mir eine unabhängige Existenz zu gründen suchen.“ – Darauf gingen nun meine Gedanken und meine Bemühungen vorerst aus, während ich unter der Hand täglich an meinem historischen Werk arbeitete und viel las. – Aber was beginnen? Darüber konnte ich eine Zeit lang nicht ins Reine kommen. – Eines Tages fielen mir unter meinen Papieren einige Nummern des ‚Beobachters an der Spree‘ in die Hand, die ich von Berlin mitgenommen, weil meine Aufsätze in denselben standen, und plötzlich sagte ich zu mir selbst: Wie wäre es, wenn ich hier ein ähnliches Volksblatt herausgebe. An Stoff dazu fehlt es wahrlich nicht. Ich habe durch das Projekt einer Anstellung den hiesigen Augiasstall zur Genüge kennen gelernt, und es wäre wohl noch ein Verdienst, zu versuchen, etwas zu seiner Reinigung beizutragen, obgleich man keinen Mohren weiß wäscht. Diese Idee bildete sich immer mehr in meinem Kopf aus, und ich hatte damals wirklich noch den einfältigen Glauben, wenn ich auf die gräßlichen Übelstände der Verwaltung und Regierung Frankfurts aufmerksam machte und den Leuten über gewisse Dinge die Augen öffnete, dies wohl etwas bessern könnte.
Aber ein Umstand machte mich zweifelhaft: Börne, der geistreichste, witzigste Kopf, der in ganz Deutschland lebte, gab damals ‚Die Zeitschwingen‘ heraus und schwang in denselben eine Geißel, die kein anderer so zu handhaben vermochte. Dieser, fürchtete ich, würde meinem Vorhaben im Wege stehen. Ich machte ihm deshalb einen Besuch, teilte ihm mein Projekt mit, zu dem er mich nicht nur ermunterte, sondern mir versprach, was zu dessen Förderung an ihm liege, würde er gerne tun, darauf könne ich mich verlassen. Auch teilte er mir manche Dinge mit, die er, als früher bei der Polizei angestellt, in Erfahrung gebracht, und die zu benutzen er mir freistellte. Daß ich unter den erbärmlichen Frankfurter Zensurverhältnissen[4] kein solches Blatt herausgeben konnte, war mir auch klar, ohne daß mich Börne darauf aufmerksam gemacht hätte, und ich kam deshalb bei der großherzoglich-hessischen Regierung um die Erlaubnis ein, eine Zeitschrift in Offenbach herausgeben zu dürfen, die mir auch bald gewährt wurde. Mehrere Umstände veranlaßten mich indessen, von der erhaltenen Bewilligung nicht sogleich Gebrauch zu machen und die Herausgabe der Zeitschrift vorerst noch zu verschieben.
Damals lebte nämlich die ehemalige Königin von Spanien, früher Königin von Neapel, wo ich sie schon kennen gelernt hatte, unter dem Namen einer Gräfin Survilier mit ihren beiden Töchtern zu Frankfurt in dem Gartenpavillon des roten Hauses, sehr eingezogen. Sie war, wie bekannt, die Gattin Joseph Bonapartes, der sich in Amerika aufhielt. Diese Dame war eine der trefflichsten weiblichen Charaktere, die ich jemals kennen gelernt. Die Tochter eines Marseiller Kaufmanns, hatte sie der Besitz von Thron und Krone nicht im mindesten hochmütig, ja noch bescheidener gemacht. Ein unendliches Wohlwollen gegen alle Menschen, die sie so gerne glücklich gewußt und gemacht, wenn es in ihrer Macht gelegen hätte, war ein Hauptzug im Charakter dieser würdigen Frau, ein Engel an Sanftmut, Güte, Tugend und Seelenreinheit, ihre Wohltaten hatten keine Grenzen. Obgleich keine ausgezeichnete Schönheit, war sie doch selbst im vorgerückten Alter noch höchst liebenswürdig. Sie beschäftigte sich in Frankfurt, sowie schon früher, fast einzig mit der Erziehung und Ausbildung ihrer beiden Töchter, von denen die älteste, Zenaïde, damals neunzehn, und die jüngere, Charlotte, etwa siebzehn Jahre alt sein mochte. Beide Mädchen waren durch ihren hohen Geist, ihre Talente, ihre treffliche Erziehung und ihre körperliche Bildung ausgezeichnet. Charlotte hatte besonders in der Malerei kein gewöhnliches Talent, und in der Musik waren beide ziemlich vorangeschritten. Piano, Harfe und Gesang dienten zu ihrer Erholung, während sie die meisten Stunden den höheren wissenschaftlichen Kenntnissen widmeten.
Ich ließ mich bei den Damen als ehemaligen französischen Offizier melden, wurde an- und freundlich aufgenommen und gebeten, meine Besuche recht oft zu wiederholen. Wie ungemein anziehend mir die Unterhaltung dieser Damen war, die sich meistens um Ereignisse und Begebenheiten Napoleons und seiner Angehörigen drehte, kann ich nicht sagen. Ich erhielt über manche Verhältnisse, namentlich über die Napoleons zu seinem Bruder Joseph und anderer, Aufschlüsse, die von hohem Wert für das Werk waren, das ich herauszugeben beabsichtigte. Indessen waren nicht immer die Politik und Staatsangelegenheiten das Thema der Konversation, sondern es wurde auch musiziert, vorgelesen und so weiter. Die einzige Person in Frankfurt, die außer mir noch Zutritt bei der Familie hatte, war die Tochter aus einem der ersten Bankierhäuser daselbst, Fräulein M..., deren Haus die Geldangelegenheiten der Gräfin Survilier besorgte. Dieses Mädchen hatte einen aufgeweckten, sehr munteren und heiteren Humor, liebte gern kleine Abenteuer und machte den Damen manche kleine Zerstreuung durch die Stadthistörchen, die sie ihnen auf die launigste Weise und mit oft sehr witzigen Bemerkungen erzählte. Es wurden von Zeit zu Zeit auch kleine Komödien aufgeführt, bei denen die Gräfinmutter und ein paar Kammerfrauen die einzigen Zuschauer abgaben, und ich der einzige männliche Akteur war. Dennoch aber machten sie uns allen vielen Spaß. Fräulein M..., die bisweilen eine kleine Rolle übernahm, machte die erste Liebhaberin so natürlich, obgleich mit einem etwas sehr germanischen Akzent, daß sie mich bezauberte, und sich bald auch außer der Bühne ein kleines Liebesverhältnis unter uns entspann, von dem die Familie Survilier aber nichts ahnte, da wir uns Rendezvous außer dem roten Haus und meist im alten verschwiegenen Pfarrturm gaben. Da wir fast nie Gelegenheit hatten, uns im roten Haus nur ein paar Worte allein zu sagen, und deutsch zu sprechen in Gegenwart der anderen Damen unschicklich gewesen wäre, so tauschten wir gegenseitig unbemerkt kleine Briefchen aus, in denen das weitere verabredet war. Eines Tages hatte Madame M..., die Mutter, das Töchterchen bei dem Lesen eines solchen überrascht und wollte es ihr, da sie sich weigerte, dasselbe herauszugeben, mit Gewalt entreißen. Aber das Mädchen lief ihr davon, die Mutter ihr nach und verfolgte sie alle Treppen hinauf bis auf den obersten Boden, wo erstere, da sie sich nicht mehr zu helfen wußte, das Billett zerriß und es verschluckte, ehe Mama noch bei ihr war, und beinahe daran erstickt wäre. Es gab nun ein arges Donnerwetter zwischen Mutter und Tochter, und Madame M... war einfältig genug, die Sache publik und also zum Stadtskandal zu machen, so daß vier Wochen lang in allen Teeklatschen die Begebenheit, reichlich verziert, Stoff zur Unterhaltung gab.
Zu jener Zeit kam auch der General Gourgaud von Sankt Helena zurück, wo er Napoleon, seinen Herrn, schon kränklich verlassen hatte, und hielt sich eine Zeitlang in Frankfurt auf, nachdem er in Hamburg vom dortigen Senat wegen einer Damenintrige, in deren Folge er sich eine Herausforderung hatte zu Schulden kommen lassen, ausgewiesen worden war. Auch in Frankfurt gestattete man ihm nicht, eine Privatwohnung zu beziehen, sondern er mußte in einem Gasthaus, dem Pariser Hof, während der Dauer seines Aufenthaltes wohnen bleiben. Diesen lernte ich zuerst bei der Gräfin Survilier kennen, die er oft besuchte, und wo er äußerst interessante Mitteilungen über das Leben des Exkaisers auf Sankt Helena machte. Da er hörte, daß ich an einem großen Werke der Geschichte unserer Zeit arbeite, zu dem mir der General Carnot die erste Anleitung gegeben, so erbot auch er sich, mir wichtige Notizen mitzuteilen, die ich aber wenig benutzte, da sie offenbar der Wahrheit nicht getreue Entstellungen enthielten und höchst parteiisch waren.
Übrigens kam jetzt ein sehr ernstes Thema bei den Abendunterhaltungen der Gräfin Survilier zur Sprache, dessen Gegenstand kein geringerer als ein Projekt zur Befreiung Napoleons aus der englischen Gefangenschaft zu Sankt Helena war, das aber die Krankheit und das bald darauf erfolgende Ableben des Gefangenen nicht zur Ausführung kommen ließ. Nachdem mancher abenteuerliche Vorschlag gemacht, mancher Luftpalast erbaut und wieder niedergerissen oder als unausführbar verworfen worden war, blieb man bei folgendem, gewiß sehr gut kombinierten Plan stehen: Ich sollte nach London reisen und dort den Chef eines Handelshauses, der als großer Verehrer Napoleons bekannt war, in das Geheimnis ziehen, um durch ihn und in seinem Namen ein Schiff nach Ostindien ausrüsten zu lassen, auf welchem ich mich als Privatspekulant und mit guten Empfehlungsschreiben an das dortige Gouvernement versehen, dahin begeben sollte. Nachdem ich mich daselbst einige Zeit aufgehalten, sollte ich den Verlust meines ganzen Vermögens angeben und möglichst veröffentlichen, und mich dann auf einem anderen, nach England zurückkehrenden Ostindienfahrer, der in Sankt Helena anhielt, einschiffen, bei dem dortigen Gouverneur Hudson Lowe melden und ihm vom Ostindischen Gouvernement mitgebrachte Empfehlungsschreiben vorzeigen, die ich durch die aus England mitgebrachten Empfehlungen leicht erhalten könnte, und in denen von meinem angeblichen Verlust die Rede sei. Alle diese großen Weitläufigkeiten waren nötig, um auch den leisesten Verdacht zu entfernen. Auch noch andere Empfehlungen an einen in Sankt Jamestown etablierten Mann sollte ich durch das Londoner Haus erhalten, dem ich jedoch nicht eher etwas von der beabsichtigten Unternehmung mitteilen dürfe, bevor ich mich von seiner Zuverlässigkeit vollkommen überzeugt habe. In Sankt Helena sollte ich krank werden und allerlei Mittel anwenden, damit mein Aussehen die angebliche Krankheit bestätigte, namentlich Brustbeschwerden und Husten fingieren, unter diesem Vorwande auf der Insel zurückbleiben, und nachdem ich allmählich etwas besser geworden, um die Erlaubnis einkommen, eine Taverne in Sankt Jamestown errichten zu dürfen, die mir vermittelst der von Ostindien mitgebrachten Schreiben und unter der Ägide eines Bürgers der Stadt wohl gewährt werden würde. Durch vorzüglich gute Qualität der Getränke und billige Preise, jedoch nicht auffallend, sollte ich mir namentlich unter dem Militär, bald eine große Kundschaft verschaffen, mit gehöriger Vorsicht viel Kredit geben, diejenigen Personen, von denen ich glaube, daß nichts mit ihnen anzufangen sei, hauptsächlich Soldaten, gehörig ans Bezahlen mahnen, ohne sie jedoch gerade zu brüskieren; bei denen aber, wo ich das Gegenteil merke, das Anschreiben von Zeit zu Zeit vergessen. Durch dieses Mittel sollte ich meine Leute kennen, die Brauchbaren unterscheiden lernen, und womöglich auch einige Offiziere zu gewinnen suchen, namentlich solche, die Mißvergnügen mit ihrer Lage bezeigten. Nachdem ich mich auf diese Art nach und nach dem Ziele näher gerückt, sollte ich bei den bereits Erprobten es weder an großen Versprechungen, Geschenken, noch Versicherungen auf reichliche Versorgung für die Lebenszeit fehlen lassen. Wenn ich mir auf diese Weise nun einen kleinen Anhang verschafft, so sollte ich suchen, jemand von Napoleons Umgebung mit dem Plan bekanntzumachen und am Tage der Ausführung durch die gewonnenen Offiziere alle Posten um Longwood von den ebenfalls gewonnenen Soldaten besetzen lassen, auch eine Fischerbarke an dem steilsten Ufer von Sankt Helena in der zur Ausführung des Planes bestimmten Nacht bereithalten, welche den Gefangenen, nachdem man ihn mit Stricken hinabgelassen, entführen und auf ein zu diesem Behuf so nahe als möglich kreuzendes amerikanisches Kauffahrteischiff bringen müßte. Sollte ich indessen dies für untunlich oder zu gewagt halten, so bliebe es meiner Einsicht überlassen, durch eine förmliche Revolte der Verschworenen diese Befreiung zu bewerkstelligen, wobei man viel auf die wegen der mancherlei Beschränkungen höchst unzufriedenen Einwohner von Sankt Helena, sowie auf einen großen Teil der Garnison und der Neger zählen zu können glaubte, da diese über mancherlei Vexationen und schlechte Behandlung, die ihnen zuteil geworden, seitdem man ihre Insel zu Napoleons Kerker gemacht, sehr aufgebracht waren. Auch dieses sollte in der Stille der Nacht vor sich gehen, damit die nicht bestochenen Signalposten verhindert würden, zu früh Lärm zu schlagen, und so die Kreuzer aufmerksam gemacht würden, bevor die Barke glücklich durchgekommen. In diesem Fall sollte auch versucht werden, sich der Person des Gouverneurs zu bemächtigen, aber womöglich alles Blutvergießen vermieden werden. Unterdessen sollte man auch dafür Sorge tragen, so viel wie möglich Leute, die man als große Verehrer Napoleons kenne, als Bediente, Handwerker, Köche und so weiter, in Sankt Helena unterzubringen, um sich ihrer im Fall des Aufstandes bedienen zu können, ohne sie vorher in irgendetwas einzuweihen. Amerikanische Kauffahrteischiffe sollten sich beständig in gehöriger Distanz von der Insel aufhalten, aber keines länger als ein paar Tage, um keinen Verdacht zu erregen und damit sie als nur vorübersegelnd betrachtet würden. Auch sollten sie nur in Zwischenräumen von acht bis vierzehn Tagen sichtbar werden, verschiedene Flaggen aushängen und nie so nahe herankommen, daß man sie anrufen oder ihnen nur signalisieren könne. Im übrigen sollte es mir überlassen bleiben, einmal auf der Insel, noch diejenigen Mittel anzuwenden und Vorkehrungen zu treffen, die ich für dienlich halten würde, den großen Zweck zu erreichen.
General Gourgaud hatte der Gräfin Survilier manche Details über die Bewachung Napoleons und das Innere der Insel von Sankt Helena mitgeteilt, welche die großen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens dartaten, die man jedoch nicht für unüberwindlich hielt. Es sollte nun vorerst die Sache mit dem Londoner Haus eingeleitet werden und wurde auch mit einem, als Napoleons außerordentlich großen Verehrer bekannten englischen Lord C... deshalb verhandelt. Dieser schenkte zwar dem entworfenen Plan seinen Beifall, aber das Fortschaffen Napoleons vermittelst einer Barke schien ihm zu gefährlich. Ich selbst hatte mehrere Konferenzen mit diesem Engländer zu Paris, wohin ich auf wenige Tage reiste, wobei er mir sagte, daß, wenn man auch die Befreiung des Exkaisers, es sei durch List und Bestechung oder durch offene Gewalt, errungen habe, dennoch die Kreuzer, selbst wenn die nächsten Signalposten gewonnen, zu wachsam und gefährlich seien, als daß man hoffen könne, unangefochten durchzukommen. Er riet mir übrigens von offener Gewalt ganz ab, nur durch List und Bestechung sei etwas zu hoffen. Jede Gewalttätigkeit würde sogleich auf den Schiffen bekannt, und ein Aufstand sogleich eine förmliche Belagerung der Insel herbeiführen. Am sichersten wäre es freilich, wenn man einen oder ein paar der die Kreuzer befehligenden Kommandanten gewinnen könne; doch daran sei nicht zu denken. Außerdem war seine Meinung, man dürfe hier durchaus nichts übereilen, es müsse alles auf das reiflichste überlegt und geprüft werden, er hoffe noch ein Mittel zu finden, das unfehlbar zum Ziele führe. Mit diesen Vertröstungen kam ich nach Frankfurt zurück, und man kam überein, die ferneren Berichte des Lords abzuwarten, bevor man in der Sache weitere Schritte tue.
Einstweilen arbeitete ich an meinem Werk fort, machte öfters Exkursionen in das Taunusgebirge und die mir zum Teil noch sehr unbekannte Umgegend Frankfurts und hatte allerlei kleine, mehr oder minder unterhaltende Abenteuer, mitunter auch mit einigen Gespielinnen aus meiner Kindheit, wie die an einen reichen Kaufmann verheiratete Karoline Th..., Lili O... und Tinchen L..., die sich alle noch gut konserviert hatten. Pikantere Bekanntschaften waren mir aber die einer jungen angehenden Schauspielerin, Betty U..., und eines allerliebsten und sehr geistreichen jungen Mädchens, Jeannette G..., beide sehr schön und letztere die Tochter einer Witwe, die eine Kaffeewirtschaft hatte.
Ein Vorfall anderer Art, bei dem ich beteiligt war, machte Lärm und Aufsehen in Frankfurt. Es war nämlich Feuer in der kleinen Eschenheimer Gasse ausgekommen, und da man in der engen Straße dem brennenden Haus nicht wohl mit den Spritzen beikommen konnte, so wollten die Führer derselben in den Hof des Thurn und Taxisschen Palais, dem Sitz des Bundestages, in den man von der großen Eschenheimer Gasse einfährt, um von da aus, wo man die Schläuche durch einige Fenster leiten konnte, dem Feuer Einhalt zu tun. Dagegen stellte sich aber ein Mensch, der, obgleich es noch ziemlich früh in den Vormittagsstunden war, sich doch schon ein artiges Räuschchen angetrunken hatte und zu den Spritzenleuten in echt österreichischem Dialekt sagte: „Un’ Se dürfens halt nit rein, wir hobens hier alle Bundestagsakten und Papier’, und dürfen kane Spritzen rein, dos könnt’ a saubere Geschicht’ werden.“ – Ich kam gerade zu dieser Diskussion und stellte dem Mann vor, daß, wenn das Feuer mehr um sich griffe, die Papiere des durchlauchtigen Bundestages weit mehr gefährdet würden, als durch die Spritzen. – „Un’ ’s geht halt ämol nit, un’ es kann halt nit sein,“ lallte der Trunkene und befahl dem Portier, das Tor zuzumachen. Als ich nochmals Vorstellungen dagegen machte, sagte er zu mir: „Und Sie, wem sein’s? Sie sinn jetzt hier im Arrest im Palais.“ – Ich lachte dem Menschen ins Gesicht, der aber nun in höchsten Zorn geriet und laut schrie: „Korporal von der Wacht, doß er’s weiß, der Mensch hier is im Arrest, und lassen’s en net raus!“ – Dieser erwiderte: „Ganz wohl, Herr Kassierer.“ – Ich erfuhr nun, daß der Trunkenbold der österreichische Kassier beim Bundestag sei und sich Horrak nenne. Ich begab mich jetzt zum österreichischen Präsidialgesandten, Buol-Schauenstein, selbst und teilte ihm den Vorfall mit. Dieser gab natürlich gleich Order zu meiner Freilassung, indem er sagte: „Es ist doch kein Auskommen mit dem Trunkenbold, er macht einen Eselsstreich nach dem anderen.“ Als ich durch den Hof kam, in welchem ich den Horrak noch traf, sagte ich im Vorübergehen: „Sie sollen zu Ihrem Herrn kommen, der sich Ihre Eselsstreiche verbittet.“ – „Wos sagen’s da, i mach’ halt kane Eselsstreich’, das will i mir verbeten haben.“ – Mit einem: „Schlafen Sie Ihren Rausch aus, Sie werden das Weitere von mir hören,“ ließ ich den Kerl stehen und entfernte mich nun ungehindert. Ich schrieb ihm aber noch denselben Tag ein paar Zeilen, durch welche ich Genugtuung von ihm wegen des verübten Gewaltstreichs und so unbefugten als lächerlich angebotenen Arrests begehrte. Horrak aber lief mit dem Brief auf das Frankfurter Polizeiamt, dem er mit der Ungnade des österreichischen Gesandten drohte, wenn es mich wegen dieser Herausforderung nicht vornehme. – „Schauen’s, meine Herren,“ sagte er, „was soll i mi dann mit dem Menschen schlagen? I bin ja gar nit ämol Soldat, und z’dem habe ans unser gnädigster Kaiser an- für allmol verboten, daß wir uns duellieren dürfen, das is ä Narretei.“ – Ich wurde nun auf das Polizeiamt, das, gleich allen Frankfurter Behörden, gewaltig Respekt und Furcht vor den Bundestagsgesandten hatte, und besonders, wenn der österreichische, russische oder preußische Gesandte nur gnädig hustete, schon ein Angstfieber bekam und nicht schnell genug ein Loch finden konnte, sich zu verkriechen, gefordert, wo mir der damals demselben vorstehende Senator Wüstefeld ankündigte: daß ich mich nicht unterstehen dürfe, in Frankfurt an irgend jemand eine Herausforderung ergehen zu lassen, und am allerwenigsten an Personen von dem durchlauchtigsten Gesandtschaftspersonal, sonst könne es mir schlimm ergehen, und es sei nicht schön von mir, daß ich die Frankfurter Behörden mit dem Bundestag, der ihnen ohnehin so viel zu schaffen mache, in solche Konflikte bringe, und so weiter. Meine ganze Antwort war: „Herr Senator, wir werden uns doch am Ende nicht noch von den Schuhputzern des Bundestages auf der Nase herumtanzen, oder von Trunkenbolden, wie dieser Horrak, insultieren lassen sollen?“ – „Das nicht, aber Duelle können hier nicht gestattet werden, das ist gegen unsere Gesetze, und Sie würden sich großen Unannehmlichkeiten aussetzen, wenn Sie wieder jemand herausforderten.“
Außer den Besuchen bei der Gräfin Survilier war es das Theater und in dessen Folge das von dem Personal desselben sehr besuchte Dörfchen Hausen, was mir die angenehmste Unterhaltung und meiste Zerstreuung in Frankfurt gewährte. In Hausen, im Garten Braumanns, fanden sich namentlich alle Freitage die Frankfurter Theaterprinzessinnen, einige Literaten, Familien von dem Gesandtschaftspersonal des Bundestags, Offiziere von der Militärkommission und andere joviale Leute ein, und diese Versammlung nannte man das Hauser Kasino. Das Theater war damals, wenigstens was das Schauspiel anbetrifft, gut besetzt, besonders hinsichtlich der Frauen. Unter allen war es Frau von Busch, welche das meiste Aufsehen erregte, und eine Unzahl erhörter und nicht erhörter Liebhaber hatte, unter denen sogar einige der reichsten, eben nicht mehr sehr jugendlichen Kaufleute waren, deren Frauen darob verzweifeln wollten. Frau von Busch war eine geborene Großmann und hatte, nachdem sie schon einmal verheiratet gewesen, ihren jetzigen Gatten, einen hannoverschen, nicht unbemittelten Edelmann, die Spröde spielend, vermocht, sie zu ehelichen. Als sie in kurzer Zeit dessen Vermögen verschwendet hatte, ward ihr der Mann bald zur Last, und sie überließ sich, wie früher, ihrem ausschweifenden Leben wieder, sammelte ein Heer von Liebhabern um sich, mit denen sie Orgien in der eigenen Wohnung feierte. Herr von Busch, ein Schwachkopf, statt den Herrn im Hause zu spielen oder sich wenigstens von ihr zu trennen, nahm sich die Sache so zu Herzen, daß er ganz tiefsinnig wurde, sich absonderte und meist in einem düsteren Zimmer, auf einem Lehnstuhl sitzend, Tag und Nacht vor sich hinstarrend, zubrachte. Seine Frau, wenn sie überlustig bei den Abendgelagen geworden, machte sich manchmal das Vergnügen, zu ihrer Gesellschaft zu sagen: „Nun wollen wir auch meinem einfältigen Mann einen Besuch abstatten,“ öffnete sodann die Türe des Gemaches, in welchem der Unglückliche brütete, und sprach: „da seht den Simpel, wie er da sitzt!“ – Ihr erklärter Liebhaber war damals ein Baron von A..., früher Offizier in holländischen Diensten und sehr reich. Dieser fuhr jeden Tag mit der heillosen Armida, zum großen Ärger der ehrbaren Frankfurter Frauen, in einer vierspännigen offenen Kalesche spazieren. Eines Morgens aber verbreitete sich plötzlich das Gerücht in der ganzen Stadt, Herr von Busch habe sich den Hals abgeschnitten. Doch war dies nicht der Fall, sondern der arme Mann hatte sich nur mit einem Rasiermesser die Adern an der Hand geöffnet, allerdings in der Absicht, sich um das Leben zu bringen. Sein Aufwärter hatte es aber gleich wahrgenommen, um Hilfe geschrien, und ein Chirurg kam noch zeitig genug, um ihn vom Verbluten zu retten. Die Sache machte außerordentliches Aufsehen in der Stadt, und als den folgenden Abend Frau von Busch im Theater, wenn ich nicht irre, als Lady Milford auftrat, wurde sie mit einem so furchtbaren Gezische, Pfeifen, Stampfen und Geschrei empfangen, daß sie durchaus nicht zu Wort kommen konnte. Sie ließ sich aber nicht schrecken, sondern stellte sich mit der schamlosesten Frechheit mit übereinander gekreuzten Armen vor das Parterre, ihre Blicke ringsumher werfend, als wollte sie sagen: „Nun, was wollt ihr von mir?“ – Als der Lärm nachließ, wollte sie wieder zu sprechen anfangen, aber der Sturm erhob sich von neuem und weit ärger als vorher, das Schreien artete in ein wahres Gebrüll aus, und man hörte deutlich die Worte: „Fort, hinaus mit der unverschämten H...“ Nachdem sie noch ein paarmal vergeblich zu sprechen versucht hatte, war man gezwungen, den Vorhang fallen zu lassen, und die Vorstellung war für diesen Abend beendigt. Den anderen Tag fuhr Frau von Busch vierspännig mit ihrem primo amoroso, dem Baron von A... in einem offenen Wagen und mit lächelnder Miene durch die Straßen der Stadt und um die Promenaden. Nun legte sich die Polizei darein und ließ es ihr verbieten, ferner eine ‚ehrsame Bürgerschaft durch solchen Skandal zu indignieren.‘ – Ein paar Tage darauf fuhr sie mit ihrem Baron zum Stadttor hinaus nach Mannheim, wo sie ihre Residenz aufschlug, ein Engagement erhielt und das Publikum durch ihre Kunst entzückte.
Damals machte ich in der Befreiungsangelegenheit Napoleons wieder eine Reise nach Paris, von der ich jedoch wenig befriedigt zurückkam, da ich die Personen, an welche ich von der Gräfin Survilier empfohlen war, eben nicht sehr empfänglich für unser Projekt fand. Dagegen hatte ich die Gelegenheit benutzt, um mit den bedeutendsten Pariser Zeitungen Verbindungen anzuknüpfen, denen ich Artikel in französischer Sprache über die damaligen Zustände Deutschlands lieferte, und welche mir so gut honoriert wurden, daß ich oft hundert Franken und mehr für die Seite erhielt. Da ich nun in Frankfurt fortwährend einen ziemlichen Aufwand machte, wenigstens keine Ausgaben scheute, und meine Eltern nicht mehr in den brillantesten Vermögensumständen waren, mein Vater hatte sich seit dem österreichischen Bankrott nie mehr recht erholen können, so sagte die Frankfurter Welt: ich erhalte das Geld zu meinen Ausgaben von verschiedenen Damen. Da mir daran gelegen war, daß niemand erfuhr, daß ich für die französischen Journale arbeite, ließ ich die Einfaltspinsel bei ihrem Glauben und galoppierte, sie auslachend, durch die Straßen.
Zu jener Zeit machte ich auch häufige Exkursionen nach meinem lieben Homburg und dessen Umgegend, die mich immer mit einer gewissen Wehmut an die Zeiten der daselbst so fröhlich verlebten Kinderjahre erinnerten. Mein guter Oheim Oberpfarrer war schon seit Jahren gestorben, Breitenstein und seine Familie aber waren wohlauf. Von meinen früheren Amouretten daselbst waren die meisten verheiratet, Eleonore von Brandenstein aber war immer noch Hofdame, und zwar nicht nur verblüht, sondern sehr brustleidend. Auch starb sie bald darauf im Bad Ems. Heimliche Sünden mochten dem Mädchen das frühe Grab bereitet haben. Ihre Mutter war ihr nur ein paar Jahre vorangegangen. Der alte brave Landgraf Friedrich war erst kürzlich gestorben und sein Sohn Friedrich Joseph ihm in der Regierung gefolgt. Dieser hatte sich noch als Erbprinz (1818) mit einer Tochter des Königs Georg III. von Großbritannien, der Prinzessin Elisabeth, vermählt. Diese Heirat hatte man in Homburg als ein großes Glück für das kleine, sehr arme Land gehalten, da die Prinzessin eine bedeutende Mitgift und ansehnliche Apanage hatte. Aber wie ich schon so oft erlebte, war auch hier, was man für ein Glück hielt, eher ein Unglück für das Land. Der neue Herr wollte nun à tout prix ein kleines London aus seiner kleinen Residenz machen. Damit die Hauptstraßen breiter scheinen sollten, mußten alle Wirte ihre Schilder, welche die Arme in die Gasse ausstreckten, einziehen und platt an den Häusern anmachen. Das alte Rathaus wurde abgerissen; es sollte später ein neues erbaut werden, was aber aus guten Gründen unterblieb. Allerlei kostspielige Anlagen wurden in den herrschaftlichen Gärten gemacht. Über einen Bach, der die nach dem großen Tannenwald führende Allee durchschnitt, und den man zur Not mit einem Bein überschreiten konnte, wurde eine Brücke aus Quaderstein erbaut, die über dreißigtausend Gulden kostete. Die Gärten und Lustwäldchen wurden gewaltig gelichtet, obgleich ihr Herr eben kein großer Freund vom Licht war. Bei jeder Gelegenheit wollte der neue Landgraf den großen, großmütigen und freigebigen Souverän spielen, allenthalben russische Trinkgelder spendend. Ward er zu irgendeiner Taufe gebeten, so durfte das Patengeschenk nicht unter fünfhundert Dukaten sein. Die Hofküche, aus der eine Unzahl Homburger Angestellter aller Art und andere gespeist wurden, kostete eine Unsumme Geld, und so ging es durch alle Branchen, wobei sich gewisse Leute ganz vortrefflich standen und bereicherten, hauptsächlich diejenigen, welche die Einkäufe für den Hof in Frankfurt zu machen hatten und sich mit den dortigen Juden zu verständigen wußten. So kam es, daß nicht nur die englischen Gelder nicht ausreichten, sondern, da diese Heirat Ursache war, daß der Landgraf großen Kredit erhielt, so stürzte er sich bald in ein Schuldenmeer, das in gar keinen Verhältnissen zu seinen Einkünften stand, und dem Land bald eine schwere Last werden mußte. Mehr als Gold aber regnete es mit Titeln auf die Homburger, von Geheimräten bis ich weiß nicht auf was alles für Räte und so weiter herab. Ein alter Kammerdiener seines Vaters namens Walther, der zugleich Barbier war und eine Barbierstube gehabt hatte, in welcher die Soldaten barbiert wurden, ward zum Medizinalrat gestempelt, und so weiter. – Meine Anhänglichkeit an Homburg machte, daß ich alles mögliche tat, um mehr Leben in die kleine Stadt zu bringen. Wurden kleine Konzerte veranstaltet, so brachte ich Dilettanten und Künstler mit, dieselben zu verherrlichen, und sang öfters selbst mit einigen Homburger jungen Damen, die hübsche Stimmen hatten. War ein Ball, so engagierte ich wenigstens ein Dutzend Tänzer, an denen in Homburg gänzlicher Mangel war, und nahm sie auf meine Kosten mit, ebenso ganze Kisten mit Orangen, Konfekt und Körbe mit Champagner, womit ich die guten Leute in Homburg reichlich regalierte. Außerdem war außer Breitenstein noch ein Haus da, welches mich anzog, und dieses war das des Homburger Generalissimus, Oberst F..., der das sechzig bis achtzig Mann starke Heer, jedoch jetzt lauter junge Leute, kommandierte, und ein Paar liebenswürdige Töchter hatte, von denen die eine Bertha und die andere Emma hieß. Eines Tages, bevor ich noch die Namen der beiden Fräuleins gekannt, sang ich in einem Konzert ein komisches Lied, in welchem eine Stelle vorkam, in der es heißt:
Verschmähet Bertha meine Liebe,
Schenk ich Emma gleich mein Herz usw.
Nun gab es ein Gezische und Geflüster in dem Saal, man sah auf die beiden Mädchen, die überrot wurden, und behauptete, ich habe es auf diese abgesehen, und so weiter.
Da sich das Projekt der Befreiung Napoleons sehr in die Länge zog, auch immer beunruhigendere Nachrichten hinsichtlich seines Gesundheitszustandes von Sankt Helena eintrafen, so entschloß ich mich nun, einstweilen das Wochenblatt, für welches ich schon längst die Konzession in der Tasche hatte, in Offenbach erscheinen zu lassen. Ich hatte mir vorgenommen, besonders die erbärmlichen und jämmerlichen Zustände Frankfurts in demselben tüchtig mitzunehmen und zu geißeln, und hatte zu dem Ende öfters Rücksprache mit dem genialen Börne gepflogen. Ich ließ eine Vignette mit einem Januskopf und ein paar Steckenpferde geißelnde Satyre in Holz stechen, um sie an die Spitze des Blattes zu setzen. Börne lieferte mir ein kleines einleitendes Gedicht dazu, und in der Probenummer, von der ich zwanzigtausend abziehen und in Frankfurt und der Umgegend verteilen ließ, waren schon einige artige Histörchen, die in der guten Stadt kein geringes Aufsehen machten. Ich hatte nicht überlegt, daß Frankfurt nicht Berlin ist, daß in meiner guten Vaterstadt, wo Klatschsucht und Kleinstädterei eine so große Rolle spielen, daß sich jedermann um das bekümmert, was der andere zu Mittag speist, und wo, wenn man am Bockenheimer Tor niest, man am Allerheiligentor Prosit sagt, daß ein solches Blatt die ganze Stadt, in welcher alte eingerostete Vorurteile die Herrschaft hatten, in Aufruhr bringen müsse, während die ohnehin witzigen und meist geistreichen Berliner, wie die Pariser, sich an solchen Dingen ergötzten, wenn sie auch noch so arg, sobald es nur mit Geist und Witz geschah, mitgenommen wurden. Freilich verloren sich in der Größe jener Städte persiflierende Anspielungen in der Volksmenge, während in Frankfurt, wenn etwas dergleichen in dem Blatt auch noch so verblümt enthalten war, doch jedermann gleich mit Fingern auf die Personen deutete, denen es galt, oder von denen man auch nur vermutete, daß es ihnen gelten könnte, denn auch für solche Dinge, welche die Stadt durchaus nicht anfochten, ruhte man nicht bis man den Gegenstand, den sie betrafen, in Frankfurt aufgefunden haben wollte. Auch machte die Wochenschrift gleich nachdem ein paar Nummern derselben erschienen waren, fast die halbe Stadt rebellisch, und die Geld- und Familienaristokratie, die ich arg mitgenommen, verschwor sich, nicht zu abonnieren. Dagegen erhielt das Blatt um so mehr Abonnenten unter dem Mittelstand in Frankfurt und in der ganzen Umgegend, und die sogenannten Vornehmen Frankfurts brachten heimlich die Nummern einzeln an sich, welche ich durch die Buchhandlung, die die Expedition übernommen hatte, à vierundzwanzig Kreuzer per Nummer verkaufen ließ, während das Abonnement nur wenige Gulden für das ganze Jahr betrug, und fand sich irgendein Klatschgeschichtchen in einer Nummer, was fast jedesmal der Fall war, so wurden oft für ein paar Hundert Gulden von dieser an einem Tag geholt, und das Blatt trug mir bald sechs- bis siebentausend Gulden jährlich reinen Gewinn ein. Doch ging es auch nicht ohne alle Unannehmlichkeiten ab, von denen mir die meisten die Theaterkritiken verursachten, da diese oft beißend waren, und besonders die hohe, aus Kaufleuten bestehende Oberdirektion in gewaltigen Harnisch brachten. Nun hatte mir ein Frankfurter Bürger und Zahnarzt namens R..., bei dem die erste Liebhaberin und sehr beliebte Schauspielerin Demoiselle L... zur Miete wohnte, mit der er sich überworfen hatte und vor dem Polizeigericht lag, einen Aufsatz mit der Überschrift: „Nicht mehr als sieben Hausschlüssel,“ zugesandt, der nicht ohne Witz die Geschichte einer keuschen Jungfrau erzählte, welche sieben Liebhaber gehabt und jedem derselben einen Hausschlüssel zu ihrer Wohnung und eine Nacht in der Woche zugestanden habe. Namen waren keine oder doch nur ganz fremde genannt, und ich selbst ahnte den Zusammenhang der Sache nicht. Aber kaum war die Nummer, welche diesen Aufsatz enthielt, erschienen, so wußte die ganze Stadt auch schon, daß es der Demoiselle L... gelte; der Einsender, der die ganze Geschichte, die nur Verleumdung war, um sich zu rächen, erfunden, hatte gehörig dafür gesorgt, es unter die Leute zu bringen, wer damit gemeint sei. Unglücklicherweise hatte sich Demoiselle L... so übel beraten lassen, daß sie die Sache auf sich bezog, und die Herren vom Theater veranstalteten eine Komödie in der Komödie. Es wurden nämlich einige achtzig Freibillete auf die Galerien ausgeteilt, unter der Bedingung, daß die Inhaber derselben den Abend, für den sie gültig waren, Demoiselle L... herausrufen sollten. Diese sollte alsdann unter Tränen dem Publikum mitteilen, daß, so sehr sie auch dasselbe zu achten und zu schätzen wisse und so äußerst lieb und teuer ihr der Aufenthalt in Frankfurt sei, sie doch unter solchen Umständen, da ihre Ehre so empfindlich in der Offenbacher Zeitung gekränkt sei, unmöglich länger bei dieser Bühne bleiben könne. Diese Worte sprach sie wirklich in einem weinerlichen Ton, schluchzend, und begleitete sie mit einem Strom von Tränen. Kaum hatte sie geendigt, als sich auf den Galerien ein furchtbarer Tumult erhob, die achtzig Freibillette taten, wie ihnen empfohlen worden, brüllten: „Hier bleiben, hinaus mit dem Rezensenten!“ und andere machten Chorus, ohne zu wissen, was dies zu bedeuten habe. Ich befand mich mit ein paar Bekannten mitten im Parterre, und da ich vorher schon durch einige Mitglieder vom Theater mündlich und durch Briefe unterrichtet worden war, so hatte ich mich auf den Fall eines etwaigen Angriffs gut vorgesehen. Um mich herum blieb indessen alles sehr ruhig, ich ließ die gedungenen Lärmmacher sich ausschreien, verließ dann das Parterre, dessen Reihen sich vor uns öffneten, mit meinen Freunden, und man ließ uns unangetastet, ja sogar ehrfurchtsvoll durch. Damit war indessen die Sache noch nicht abgemacht, sondern zwei Tage darauf wurde ich vor das hochlöbliche Polizeigericht gefordert, wo ich die untertänige Unterdirektion Ihleh und seinen Adjunktus M... vorfand, die mich im Namen der Oberdirektion als einen Ruhestörer des Theaters verklagt hatten und Genugtuung und sogar Entschädigung für den großen Nachteil, welchen die Rezensionen meines Blattes dem Theater schon gebracht hätten, begehrten. Herr Senator Wüstefeld, Vorstand der Polizei, teilte mir mit polizeilicher Wichtigkeit diese Klagen der Direktion mit und meinte, wenn ich dies Rezensieren nicht unterließe, so könne mich dies noch teuer zu stehen kommen, ja der hohe Senat der Stadt Frankfurt könne sich wohl veranlaßt finden, mein Blatt in der Stadt und deren Distrikt zu verbieten, und forderte mich auf, mich gegen die angebrachte Klage zu verteidigen. Ich erwiderte ihm mit wenig Worten, daß, da die Zeitschrift im Großherzogtum Hessen und mit Großherzoglicher Zensur erscheine, ich mich in Frankfurt auf solche Klagen gar nicht einlassen könne, die Herren müßten sich an die Großherzoglich-hessischen Behörden deshalb wenden. „Gut, dann wird man das Blatt verbieten,“ sagte der Polizeisenator. „Das kann ich nicht verhindern, aber dann könnte es der Großherzoglichen Regierung leicht einfallen, die in Frankfurt erscheinenden Blätter ebenfalls zu verbieten, und dann,“ fügte ich lächelnd hinzu: „ich kenne meine Frankfurter, verbieten Sie das Blatt, so mache ich bekannt, daß es im kurhessischen Städtchen Bockenheim zu haben, das, wie Sie, als in der Geographie gut bewundert, wissen, nur zehn Minuten von den Toren Frankfurts entfernt ist, und ich bin überzeugt, es wird noch zweimal soviel davon abgesetzt.“ Nun fing man an, mit mir zu unterhandeln, und die Theaterherren gaben den Wunsch zu erkennen, ich möchte doch wenigstens erklären, daß mit den sieben Hausschlüsseln die Demoiselle L... nicht gemeint sei, damit diese beruhigt, und die Frankfurter Bühne nicht eines so eminenten Talentes beraubt würde. Zu was die Erfüllung dieses mehr als einfältigen Begehrens führen würde, sah ich im Augenblick ein und versprach lächelnd, diesem, als bescheidene Bitte vorgetragenen Wunsch nachzukommen. In der nächsten Nummer des Blattes las man: „Mit dem größten Erstaunen haben wir vernommen, daß eine so tugendhafte Person und ausgezeichnete Künstlerin, wie Demoiselle L..., die Geschichte mit den sieben Hausschlüsseln auf sich bezogen hat. Wir erklären hiermit, daß es uns auch im Traum nicht einfallen konnte, Demoiselle L... damit zu meinen, übrigens wurde uns das Histörchen eingesendet.“ War vorher der Lärm nur unter dem Theaterpersonal groß, so machte jetzt die Geschichte in der Stadt und den benachbarten Orten, wo fast niemand wußte, was es mit den sieben Hausschlüsseln eigentlich für eine Bedeutung habe, ein ungeheures Aufsehen. Demoiselle L... hatte viele Feinde und besonders Neiderinnen, welche jetzt alle triumphierten, und zu spät sah die Ober- und Unterdirektion des Stadttheaters ein, welche Dummheit sie gemacht, diese Komödie aufführen zu lassen und mich noch obendrein zu einer solchen Erklärung aufzufordern.
Eine andere Sache, durch welche ich mir viele Feinde machte, unter denen auch die Mehrzahl meiner Anverwandten, die ich freilich nicht sehr schonend behandelte, war die Kasinofähigkeit. Nach den Gesetzen des Frankfurter Kasinos durften nämlich keine Kommis oder Buchhalter, keine Künstler, die Schauspieler oder Musiker waren, keine Juden und so weiter dasselbe betreten und noch weniger dessen Mitglieder werden. Kasinofähig waren nur Kaufleute ersten Ranges, Senatoren, höhere Angestellte in Frankfurt und dergleichen. Wollte man jemand als was Rechtes herausstreichen, so sagte man von ihm, statt es ist ein Ehrenmann: „er ist kasinofähig,“ und manche Personen, die sich anmeldeten, fielen durch, weil man sie für nicht reich oder vornehm genug hielt; dies war auch kürzlich einem Ehrenmann geschehen, den mehrere Kasinomitglieder vorgeschlagen hatten. Diese Gelegenheit hatte ich ergriffen, den kasinofähigen Herren ihre Albernheiten recht derb unter die Nase zu reiben, indem ich erzählte, wie jüngst ein Kaufmann seine Aufnahme durchgesetzt, weil er durch die Akten eines Prozesses dargetan, daß sein Großvater wirklich schon mit Schwefelhölzern gehandelt habe. – Als Iffland das letztemal in Frankfurt Gastrollen gab, war der Kasinoausschuß in großer Verlegenheit, was er zu tun habe, ob er dem großen Künstler eine Gastkarte schicken dürfe oder nicht, da die Kasinogesetze jedem Komödianten den Zutritt verweigerten. Endlich fiel einer der beratenden Herren auf folgenden Ausweg und schrie: „Wissen Sie was, meine teuren Kollegen, in Ifflands Person finden sich zwei verschiedene Naturen vereinigt, nämlich der Komödiant und dann der Generaldirektor der Königlichen Schauspiele zu Berlin; den ersten lassen wir weg, dem Generaldirektor aber schicken wir eine Gastkarte.“ „Bravo!“ rief man einstimmig, „das war ein kluger Gedanke, der uns aus aller Verlegenheit zieht.“ Man fertigte die Gastkarte aus und übersandte sie dem Herrn Generaldirektor, nachdem derselbe schon mehrere Tage in Frankfurt gewesen und schon einigemal aufgetreten war. Iffland, der die Frankfurter Kasinogesetze kannte und von der Sache unterrichtet war, schickte den Herren die Karte mit dem Bemerken zurück: „Er bedauere, keinen Gebrauch von derselben machen zu können, indem er keine Orte besuche, die seine Kameraden nicht betreten dürften, er sei auch Schauspieler; zwar habe er schon die Ehre gehabt, von fürstlichen Personen und selbst von seinem König zum Frühstück eingeladen worden zu sein, aber er gebe gern zu, daß ihn dies alles nicht berechtige, sich in Frankfurt für kasinofähig zu halten.“ Was machten die kasinofähigen Herren für Augen, als sie dies mit der zurückgeschickten Karte zu Gesicht bekamen, und welche, als sie die Geschichte in meiner Zeitschrift abgedruckt fanden! – Mit dem hohen Senat und der nicht minder hohen Polizei hatte ich es ohnehin schon längst verdorben, die Albernheiten, Gewalttätigkeiten und dummen Streiche derselben geißelnd. – Eines Tages war ich mit ein paar Damen nach Wiesbaden gefahren, und hörte, mit denselben hinter dem Kursaal auf- und abspazierend, wie ein daselbst sich zur Kur befindender Senator namens Lucius, den andere Kurgäste gefragt hatten, wer wir seien, denselben antwortete: „Wer werd’s sein, es sin anige von unsern Unertane, der än schreibt ä Zeitung.“ Natürlich gab dies wieder Stoff für mein Blatt und zum Lachen für meine Leser.
Es fehlte mir auch nicht an Mitteilungen der naiven Urteile, die über die verschiedenen Aufsätze in meiner Zeitschrift gefällt wurden. Da der Kastengeist oft herhalten mußte, so fragte einst ein junges Mädchen eine ihrer Bekannten, eine gewisse Jungfrau Jacobine B..., die sich in Bockenheim aufhielt und gern die Gelehrte spielte: „Mei, sag mer doch, Jacobinche, was is dann des ä Kastegeist?“ „Dumm Os,“ erwiderte die Gefragte, „was werd’s sei, ä Gespenst in ere Kist!“ Dieselbe Jacobine hatte einst im Theater einer Vorstellung von Schillers Kabale und Liebe beigewohnt, und bei der Stelle, wo Ferdinand, von der Milford sprechend, sagt: „Ich will hin zu ihr, will ihr einen Spiegel vorhalten,“ gefragt: „Ei, war se denn so garstig?“ Und als ihr jemand das Lied: „Hebe, sieh, in sanfter Feier,“ gebracht (sie miaute ein wenig, was sie singen nannte, und klimperte falsche Akkorde auf der Gitarre dazu), sagte sie: „Aber das Lied fängt doch dumm an, da steht: Hebe sie, aber nit, wen mer hebe soll.“
Unterdessen vermehrte sich die Zahl meiner Abnehmer so, daß mein Einkommen immer bedeutender wurde, denn die Zeitschrift wurde auch sehr viel in den umliegenden Städten wie Darmstadt, Mainz, Hanau, Wiesbaden, Heidelberg, Mannheim, Koblenz, Wetzlar und so weiter gelesen, wohin ich von Zeit zu Zeit kleine Reisen machte, um Stoff von dortigen Lokalitäten zu sammeln.
Meine Zeitschrift hatte damals eine solche Furcht in Frankfurt und auch bei der vornehmen Frauenwelt erregt, daß manche derselben, wenn sie mich auf den Promenaden von ferne kommen oder reiten sahen, schnell einen Seitenweg einschlugen oder sich hinter ein Gebüsch versteckten, und wenn man sie fragte, woher diese übertriebene Furcht? erwiderten sie: „Ja, wann mer ebbes Dummes schwätzt oder ebbes Albernes mächt, dann setzt der’s gleich in sein Blatt.“ – Da mir dies mehrmals wieder zu Ohren gekommen war, so ließ ich in einer Nummer abdrucken: „Diese Furcht sei durchaus unbegründet, denn, wenn ich all das dumme Zeug, das in Frankfurt geschwatzt oder gemacht wird, in meiner Zeitschrift abdrucken lassen wollte, so könnten mir alle Papiermühlen in ganz Deutschland nicht Papier genug liefern.“
Zu jener Zeit erhielt ich ein Schreiben von der Signora Catalani, worin diese mir meldete, daß sie zu der bevorstehenden Herbstmesse nach Frankfurt kommen und daselbst ein paar Konzerte geben wolle, ich möchte einstweilen Zimmer in einem Hotel für sie bestellen. Dies tat ich im Englischen Hof, und bald darauf kam die Signora mit ihren Kindern, aber ohne ihren Mann, auch ohne den dicken Burgmüller, nur ein alter adliger französischer Ehrenkavalier, Monsieur le Baron de Weber, begleitete sie. Da sie schon früher in Frankfurt gewesen und daselbst gesungen hatte, so gab ich ihr den Rat, jetzt die Eintrittskarten zu ihrem Konzert von einem Dukaten auf vier Gulden herabzusetzen, den sie auch befolgte, doch wollte sie deshalb auch nicht mehr als vier Gulden für jedes mitwirkende Glied des Frankfurter Orchesters bezahlen, die früher ebenfalls einen Dukaten erhalten hatten. Dies wollten sich aber die Herren durchaus nicht gefallen lassen, sie bestanden auf ihrem Dukaten, und der Kapellmeister der Frankfurter Oper, Guhr, riet ihnen, fest darauf zu beharren. Signora Catalani, die ihrerseits, wie wir wissen, ihr Köpfchen hatte, bestand auf den vier Gulden, und wollte lieber kein Konzert mehr in Frankfurt veranstalten als nachgeben. Ich dachte einen Augenblick über die Sache nach, und sagte dann zu der aufgebrachten Primadonna: „Beruhigen Sie sich, ich schaffe Ihnen ein treffliches Orchester.“ „Wie das?“ „Ich fahre nach Mainz und hole dort die für Ihr Konzert nötigen Virtuosen.“ „Glauben Sie, daß sie kommen werden?“ „Gewiß, nur muß man sich es etwas kosten lassen.“ „Gleichviel, es mag kosten, was es will, das Doppelte, das Dreifache, wenn wir nur den Frankfurter Musikern zeigen, daß wir auch ohne sie ein Konzert geben können, und ihrer nicht bedürfen.“ Ich ritt nun sogleich in vollem Trabe nach Mainz, nachdem ich der Catalani noch eingeschärft, durchaus niemand etwas von unserem Vorhaben merken zu lassen. In Mainz begab ich mich zu dem Kapellmeister des dortigen Theaters, engagierte ihn nebst fünfzehn Orchestermitgliedern für das bestimmte Konzert, und versprach, die Herren selbst am festgesetzten Tag früh genug abzuholen, um vorher noch die nötige Probe mit Madame Catalani halten zu können. Das Konzert war angekündigt, der Tag bestimmt, und die Frankfurter Orchesterherren glaubten ihre Dukaten schon in der Hand zu haben, denn ohne sie war nach ihrer Meinung das Konzert schlechterdings unmöglich; sie erwarteten jede Stunde die Einladung zur Probe, die – nicht kam. Als der Tag herangekommen, ritt ich in aller Frühe wieder nach Mainz, mietete daselbst vier Wagen und fuhr um zwei Uhr nachmittags mit meinen Virtuosen und ihrem Kapellmeister in den Englischen Hof ein, wo ihrer ein köstliches Mittagsmahl harrte, worauf probiert wurde. Zu dem Konzert hatte ich den Dickischen Saal im Roten Haus gemietet, und ehe es sechs Uhr war, die bestimmte Stunde zum Anfang, fuhr ich mit meinen Mainzern in den Hof des Roten Hauses und führte sie in ein Nebenzimmer des Saales, ohne daß sie jemand bemerkte. Den Kapellmeister Guhr hatte die Neugierde, um zu erfahren, wie sich dies Rätsel lösen werde, mit noch ein paar Virtuosen von seinem Orchester in den bereits überfüllten Saal getrieben, und statt die gehofften Dukaten zu erhalten, mußten auch sie den Eintrittspreis von vier Gulden bezahlen. Jetzt schlug es sechs Uhr, auftaten sich die Flügeltüren, welche in das Nebenzimmer führten, und aus demselben traten zwanzig Mann hoch der Mainzer Kapellmeister mit seinen Musici, ihre Instrumente in der Hand, und stellten sich an ihre Notenpulte. Wie rissen Guhr und seine Begleiter die Augen auf! „Den Streich hat uns wieder der verdammte Fröhlich gespielt,“ rief ersterer aus. „Ja, wäre es nur nicht gerade Messe, wir ließen die Herren sämtlich durch die hochlöbliche Polizei abführen,“ sagte ein anderer, „aber so ist Meßfreiheit, da darf jeder Landstreicher mit seiner Fiedel frei in unserer freien Stadt einziehen und den Leuten die Ohren voll geigen.“ Madame Catalani verweilte noch einige Tage in Frankfurt, und ich geleitete sie bei ihrer Abreise bis Mainz.
Unterdessen war das Projekt, Napoleons Befreiung zu bewirken, ziemlich vorgeschritten. Lord C... hatte zwei Mittel vorgeschlagen, den Exkaiser von St. Helena zu entführen. Das erste war vermittels eines Luftballons, an den man ein Schiffchen befestigen müsse, das zu gleicher Zeit im Wasser zu gebrauchen sei und eine Last von zwei Menschen tragen könne. Doch gab er diese Idee bald selbst wieder als unausführbar auf, da, wenn man auch die Unmöglichkeit, den Ballon zu leiten, nicht berücksichtigen wollte und das Steigen desselben auch nur bei Nacht tunlich war, wo man dann in der Höhe Laternen angezündet, so hätte der Ballon, vom Wind getrieben, ja leicht nach der entgegengesetzten Seite des zu seinem Empfang bereiten amerikanischen Schiffes steuern können, oder sich vielleicht gar wieder auf die Insel selbst niederlassen müssen. Das zweite Mittel bot keine dieser Schwierigkeiten. Es bestand darin, ein Boot konstruieren zu lassen, das mehrere Schuh tief unter dem Wasser gehe, und Raum für acht bis zehn Menschen habe. Dieses war auch schon in Amerika bei einem geschickten Mechanikus, der zugleich Kenntnisse von der Schiffsbaukunst besaß, bestellt und in Arbeit, das Modell dazu aber schon in London angekommen, und man hatte damit vollkommen genügende Versuche gemacht. Vermittels eines angebrachten Räderwerkes konnte man die Maschine nach Belieben tiefer oder höher unter die Oberfläche des Wassers bringen und durch Einhaken das fernere Sinken oder Steigen des Bootes verhindern, so daß es in der Tiefe, in der es sich befand, vermittels anderer ruderartiger Räder ohne große Anstrengung mit einer ziemlichen Schnelligkeit horizontal fortbewegt werden konnte. Die Sache war nun schon so weit gediehen, daß ich mich zur baldigen Abreise nach London anschicken konnte, wo ein Schiff mit solchen Waren beladen werden sollte, die England nach Ostindien exportiert, wie Eisen, Zinn, Woll- und Manufakturwaren und so weiter. Lord C... hatte selbst eine Reise nach den Vereinigten Staaten gemacht, um daselbst einstweilen die nötigen Vorkehrungen zu treffen und Schiffe von verschiedener Größe auf längere Zeit zu mieten, die dann später in einer gewissen Entfernung von Sankt Helena kreuzen, sich einander ablösen und eine beständige Kommunikation mit Amerika unterhalten sollten. Ehemalige französische Marineoffiziere, die sich in den Vereinigten Staaten oder in dem sogenannten Champ d’Asyle befanden, sollten sie befehligen. Schon war alles so weit bereit, daß meine Abreise nach England und von da nach Ostindien festgesetzt war, als einige Wochen früher die offizielle Nachricht von Napoleons erfolgtem Tode eintraf. Mit ihr waren alle unsere Projekte, Pläne und Vorkehrungen zu Wasser geworden, und schon sehr bedeutende Summen vergebens verschwendet.
Mit dem Frühling dieses Jahres hatte ich mein Hauptquartier in Offenbach aufgeschlagen, wo noch immer ein heiteres und geselliges Leben herrschte, wenn auch mehrere Häuser, wie Bernhards und d’Orvilles, sehr zurückgekommen waren. Diese hatten gerade damals noch an dem Weinlandschen Prozeß zu laborieren, der endlich durch einen Vergleich, bei welchem diese Tabaksfabrikanten für ihre jetzigen Verhältnisse schwere Opfer bringen mußten, beseitigt wurde. Auch die Maskenbälle waren bei weitem nicht mehr das, was sie früher, sondern sehr ins Gemeine ausgeartet, dagegen wurden mehrere geschlossene auf Subskription veranstaltet, die schön und glänzend waren. Auf einem derselben wechselte ich siebenmal das Kostüm, um meine guten Frankfurter desto besser intrigieren zu können. Aus einem Zuckerhut schlüpfte ich als Figaro, aus einem Eremiten verwandelte ich mich in Ritter Roland und so weiter. – Noch früher, als ich nach Offenbach gezogen war, hatte ich Seiner Durchlaucht dem Fürsten Y..., der sich damals in Birstein aufhielt, einen Besuch daselbst gemacht, aber Höchstdieselbe in den allerpitoyabelsten Umständen gefunden, krank und schachmatt an Leib und Seele, und die Krankheit von so böser Art, daß es unmöglich war, länger als ein paar Minuten in der verpesteten Stubenluft auszuhalten. Der Fürst war durch den Wiener Friedenskongreß mediatisiert worden; seine zahlreichen Gläubiger hatten sich jetzt alle gemeldet und hörten nicht auf, ihn zu bestürmen. Mit einem jämmerlichen Armensünder-Gesicht geruhten Seine Durchlaucht, mich von ihren schrecklich fatalen Umständen zu unterhalten, und endigten damit, daß ihm hoffentlich seine unbarmherzigen Gläubiger noch so viel lassen müßten, daß er wenigstens eine Suppe und ein Stückchen Rindfleisch essen könne. – „Auch noch etwas mehr,“ tröstete ich den armen Mann, der mir in der Tat Mitleid einflößte, war aber doch froh, als ich mich beurlaubend wieder entfernt hatte und frische Luft atmete. Wenig Monate darauf starb er, erst 55 Jahre alt.
In Offenbach wohnte damals ein Mensch, der sich Broli nannte und eine Art Cagliostro im Kleinen war. Er besaß wie jener die Gabe und das Talent, alle Einfaltspinsel, Schwach- und Dummköpfe, besonders weibliche, so von sich einzunehmen, daß sie einen von Gott gesandten Propheten in ihm sahen, ihn als einen solchen verehrten und ihm den letzten Groschen, das letzte Hemd vom Leibe gaben, wenn er es verlangte. Dieser Mensch, dessen eigentlicher Name Bernhard Müller war, hatte sich in äußerst dürftigen Umständen und in Gesellschaft zweier feilen Dirnen in Offenbach niedergelassen, wo alle drei die Rollen frommer Schwärmer spielten. Müller hatte sich früher in Aschaffenburg, Regensburg und eine Zeitlang in England herumgetrieben, durch seine Heuchelei fromme Pietisten und Pietistinnen gehörig zu prellen verstanden und sich den Namen Broli beigelegt. Plötzlich aber hatte er das gastfreie England wegen seiner an den Tag gekommenen Betrügereien verlassen müssen, sich dann nach Stuttgart und Würzburg geflüchtet, von wo er wegen daselbst verübter Gaunereien wieder flüchtig werden mußte, sich nach Offenbach begab und arm wie Hiob daselbst ankam. Bald aber gelang es ihm, die Bekanntschaft einiger sehr reichen Pietistenfamilien in Frankfurt, namentlich Häusers und Zickwolfs, zu machen, welche den überfrommen Mann so reichlich mit Geld bedachten, daß derselbe bald instand gesetzt wurde, ein wahrhaft sardanapalisches Leben in Offenbach zu führen. Wie es derselbe verstand, sich bei dummen Frömmlingen einzuführen und als Prophet geltend zu machen, mag folgendes Pröbchen beweisen. Als er der Madame Häuser in deren Wohnung vorgestellt wurde und die Frau zum erstenmal erblickte, kreuzte er die Arme über die Brust, verdrehte die Augen, gen Himmel blickend, und rief aus: „Großer Gott, was sehe ich, dies ist das leibhaftige Gesicht, das du mir so oft als reine Jungfrau, als himmlischen Engel bei meinen mitternächtlichen Gebeten hast erscheinen lassen.“ Jetzt warf sich der Mann Gottes vor der Dame auf die Knie und sagte: „Reiner Engel Gottes, ich bete dich an, du bist eine der Gebenedeiten des Herrn, Heil und Segen ist mit dir.“ Jede vernünftige Frau würde den Menschen für einen Tollen gehalten und zur Türe haben hinauswerfen lassen. Dies tat aber Madame Häuser nicht, deren schwache Seite Müller längst erforscht hatte, sondern sie hob den Mann liebreich auf, war entzückt von ihm, händigte ihm noch in derselben Stunde mehrere tausend Gulden zu frommen Zwecken ein, und vermochte alle ihre Verwandten und Bekannten, die Pietisten waren, sowie die Familie Zickwolf, dem groben Betrüger ungeheure Summen, immer zu frommen Zwecken, zu geben, die derselbe in Offenbach auf einem prächtigen Landgut, das er daselbst erstanden, in den schamlosesten Orgien verpraßte, bei denen seine eingeweihten Helfershelfer und liederliche Dirnen nackend allerlei Tänze und so weiter aufführten. Aber mit großer Ostentation spendete er viel Almosen an die Offenbacher Armen, um sich bei den Einwohnern beliebt zu machen und von den Behörden geduldet zu werden. Nichts vermochte, den Betrogenen die Augen zu öffnen, nichts half es, ihnen die klarsten Beweise der Betrügereien des Gauners zu liefern, sie waren und blieben so verblendet, daß sie alles nur für Verleumdung gegen den von Gott zur Rettung der Menschheit gesandten Mann hielten, und ihm, nachdem er es zu bunt gemacht und von der Darmstädter Regierung gezwungen wurde, auch Offenbach wieder zu verlassen, mit den Rudera ihres Vermögens nach Amerika folgten, wobei er ihnen verkündigt hatte, daß eines der mitreisenden Mädchen, das bereits in der Hoffnung war, unterwegs einen neuen Sohn Gottes gebären würde! – Daß alle und er selbst in Amerika ins größte Elend und Unglück kamen und Broli auf dem Mississippi sein Leben endete, ist bekannt.
Noch hielten sich mehrere Polacken in Offenbach auf, die mit dem sogenannten Polackenfürsten gekommen waren und nun ein sehr eingezogenes Leben daselbst führten. Das Mysteriöse dieser Fremdlinge hatte sich jetzt auch so ziemlich aufgeklärt und viel Ähnlichkeit mit Müllers Treiben gehabt. Der sogenannte Polackenfürst, der im Jahre 1788 schon nach Offenbach mit einem großen Gefolge prächtig gekleideter und bewaffneter Leute gekommen, er hatte sogar eine Leibwache von mehr als siebzig Mann, in kostbare Uniformen gekleidet, mitgebracht, von denen immer zwei an seiner Wohnung Schildwache standen, und den zwölf in Rot, Grün und Gold gekleidete Ulanen mit langen Piken begleiteten, wenn er in seiner reichen Karosse, mit vier schönen Schecken bespannt, ausfuhr, war nichts als ein polnischer Jude namens Dobrusky, der sich zuerst hatte taufen lassen, dann eine eigene Sekte stiftete, die da glaubte, daß Gott bald als Mensch verkörpert erscheinen würde, und ihn endlich selbst für den auf Erden verkörperten Gott hielt. Er hatte zuerst mit gleichem Prachtaufwand in Brünn und Wien gelebt, von wo er endlich ausgewiesen worden war, und sich nach Offenbach begab, wohin ihm seine Gläubigen aus Polen, Böhmen, Mähren, der Lausitz und so weiter fortwährend ungeheure Geldsummen übermachten. In schweren Fässern kam das Gold und Silber an. Alle seine Umgebungen verehrten den Betrüger wie einen Gott und hielten ihn für unsterblich. Auch er gab ungeheure Almosen an die Armen. Als er aber endlich doch starb, da war die Betrübnis groß unter seinen Zurückgebliebenen. Dennoch wurde ihm ein fast königliches Leichenbegängnis zuteil, und nahe an tausend Personen, alle prächtig geschmückt, folgten seiner Leiche, heulten und jammerten, daß es hätte Steine erbarmen mögen. Diese Betrübnis mag sehr aufrichtig gewesen sein, denn mit dem Aufhören seiner Unsterblichkeit hörten auch bald die Geldsendungen auf und die Not begann. – Offenbach war von jeher und bis auf die neueste Zeit ein von Schwärmern, Frömmlingen und ihren dummen Kreaturen gesuchter Aufenthalt. Das Warum ist mir nie recht klar geworden, da im allgemeinen die Einwohner ein ziemlich nüchterner und vernünftiger Menschenschlag sind. Das nahe geldreiche Frankfurt aber mag wohl der Hauptmagnet sein.
Da ich damals das Frankfurter Theater seltener besuchte und die Abende lieber im Freien, nach Bergen, Wilhelmsbad, Berkersheim, Seligenstadt und so weiter reitend, zubrachte, als mich in dem immer mit einer verpesteten Luft geschwängerten Haus drei Stunden aufzuhalten, so hatte ich mit dem das Orchester dirigierenden Kapellmeister abgemacht, daß er mir hauptsächlich die Opernkritiken für meine Zeitschrift liefern möge. Da diese nun mit außerordentlicher Sachkenntnis geschrieben waren und bis in die kleinsten Details der Exekution gingen, auch nicht ganz unparteiisch waren und man mich oft nicht im Theater sah, so hatte das Theaterpersonal bald Verdacht hinsichtlich des wahren Verfassers, und fand es abscheulich, daß ein Mitglied des Institutes dasselbe so kritisiere. Eines Morgens, nachdem sich wieder ein ausführlicher Artikel über die letzten Operndarstellungen in der Zeitschrift befunden hatte, vereinigte sich ein Teil der Sänger und Schauspieler während der Probe, um nach Beendigung derselben sogleich zu mir nach Offenbach zu fahren, um über den Namen des Verfassers dieser Kritiken von mir Gewißheit zu erlangen, und versicherten, ehe sie abfuhren, ihren Kameraden auf ihr Wort, sie würden nicht zurückkommen, ohne den Namen schwarz auf weiß mitzubringen. – Es war kurz vor Essenszeit, als es an meinem Zimmer im Isenburger Hof klopfte, und auf mein „Herein!“ trat der Schauspieler Henkel ein. Kaum hatte ich diesen gefragt, was mir das Vergnügen seines Besuches zuziehe, so trat auch der Sänger Dobler, nach diesem der Tenorist Kastner, und so weiter, in allem sieben Mann, in das Zimmer, deren Sprecher mir nun rund heraus erklärte: sie seien gekommen, um von mir den Namen des Verfassers der Opernrezensionen zu erfahren, und als ich ihnen darauf erwiderte, ich könne hierauf keine andere Antwort geben, als daß ich die ganze Verantwortlichkeit derselben auf mich nehme, sagte Herr Henkel: „Damit können wir uns nicht begnügen. Wir müssen durchaus wissen, wer sie schreibt, und werden nicht eher Offenbach verlassen, als bis wir dies schriftlich von Ihnen haben, denn wir gaben unseren Kameraden in Frankfurt das Wort, es schwarz auf weiß mitzubringen.“ „Das bedauere ich sehr, meine Herren, denn ich gebe Ihnen mein feierliches Ehrenwort, daß Sie ohne dieses Offenbach verlassen oder meinetwegen ewig hier bleiben werden.“ „Das wollten wir doch sehen,“ meinten die Herren, „da gibt es noch Mittel,“ und so weiter, und nahmen nun eine drohende Haltung und Miene an. Ich aber griff nach meinem neben mir hängenden Jagdgewehr und sagte mit starker Stimme: „Dies ist also auf einen meuchlerischen Überfall abgesehen, wo Notwehr zur Pflicht wird. Wer von Ihnen noch einen Schritt weiter tut, dem jage ich die Posten ins Gehirn!“ (Notabene, das Gewehr war nicht geladen), und meine beiden Hunde schlugen an. Die Herren sahen sich jetzt bestürzt an, in demselben Augenblick ging meine Stubentüre auf und mein Reitknecht und der Wirt, Herr Ziegler, traten ein und fragten, was es da gebe. „Nichts,“ erwiderte ich lachend, „die Herren sind Schauspieler und haben hier nur so eine Art Probe halten wollen.“ Alle standen nun ganz beschämt, wie ausgezischte Schauspieler, da. Ich aber sagte zu Herrn Ziegler: „Belegen Sie noch sieben Kuverte an der Tafel, die Herren sind sämtlich meine Gäste. Nicht wahr, meine Herren, Sie nehmen doch die Einladung an? Damit Sie sich nicht ganz umsonst nach Offenbach bemüht haben, erzeigen Sie mir die Ehre?“ Sie murmelten nun ein allerlei unverständliches Durcheinander, von zuviel Ehre, nicht annehmen können und so weiter, dem ich ein Ende machte, indem ich sagte: „Zu Tisch, meine Herren, man hat bereits serviert, nicht wahr, Herr Ziegler?“ „Freilich, die Suppe steht schon auf dem Tisch.“ „Wohlan, so lassen Sie uns gehen.“ Ich öffnete nun die Türe und bat sie, mich in den Speisesaal zu begleiten, wo wir noch einige Fremde fanden. Anfänglich war die Unterhaltung, so sehr ich sie auch zu animieren suchte, ziemlich einsilbig. Nachdem jedoch einige Flaschen geleert waren und auch noch Champagner geperlt hatte, wurden die Herren gesprächiger und endlich sehr munter. Nach Tisch bequemten sie sich bald zur Heimfahrt, baten mich aber dabei dringend und mit Armensündergesichtern, ich möchte doch ja nichts von diesem Vorfall in meiner Zeitschrift erwähnen, was ich ihnen auch versprach. Als sie nach Frankfurt zurückkamen und von allen Kameraden gefragt wurden: „Nun, habt Ihr’s, wer ist’s? Heraus damit!“ standen sie wieder wie ausgezischte Komödianten da, und mußten noch oft bei den Proben hören: „Nun, wann fahren wir wieder nach Offenbach, den Namen des Opernrezensenten zu holen?“