XIII.
Die Schlangenmädchen zuerst bei der Mainzer, dann bei der Kölner Bühne engagiert. – Der Bruder von ungefähr. – Aufenthalt in Aachen. – Ich spiele den Don Juan in der Wirklichkeit statt auf der Bühne. – Ringelhards Gesellschaft. – Aufenthalt in Köln. – Polizeidirektor Struensee. – Trennung von Peches. – Der Schauspieler Wolthers wird im Duell erschossen. – Agnes F...ch. – Noch ein Rousseau. – Ich werde demagogischer Umtriebe verdächtig gemacht. – Ich gehe nach Mainz. – Aufenthalt daselbst. – Ich redigiere eine Mannheimer Zeitschrift. – Die schwarze Kommission. – Ich werde aus Mainz verbannt und gehe nach Mannheim. – Eine Reise nach Stuttgart. – Die schöne Unbekannte auf der Insel. – Eine Saison in Baden-Baden. – Ich nehme meinen Aufenthalt in Stuttgart. – Buchhändler Frankh. – Das Theater. – Eine sehr geheime Intrige. – Die Stadtpost und ihr Redakteur. – Ich gebe mein erstes historisches Werk heraus. – Ich werde Spießbürger in Frankfurt am Main.

Den Tag nach unserer Ankunft in Kassel fuhr ich allein nach Frankfurt und versuchte es, durch den Kapellmeister Guhr meinen Schützlingen bei dem dortigen Theater ein Engagement zu verschaffen. Dies war indessen unmöglich, da die hohe Oberdirektion samt der untertänigsten Unterdirektion viel zu feindselig gegen mich gesinnt waren. Einen ähnlichen Versuch machte ich in Darmstadt, wo sich Grüner zwar sehr willfährig zeigte, aber Bedingungen vorschlug, in die nicht wohl einzugehen war. Ich kehrte schon den dritten Tag nach Mainz zurück, wo mich Peches ängstlich erwarteten. Bald darauf waren beide Mädchen bei der hiesigen Bühne, welche Cramer und Diehl dirigierten, engagiert, sollten aber erst ihr Engagement antreten, sobald die Gesellschaft von Wiesbaden zurückkehrte, wo sie während der Sommermonate spielte. Ich drang auf sofortige Ausfertigung der Kontrakte, womit mich jedoch Diehl, ich weiß nicht aus welchem Grunde, hinhielt. Ungefähr sechs Wochen mochten wir schon in Mainz sein, als eines Morgens der Direktor Ringelhard mit dem Schauspieler Freund, der mit mir bekannt und damals in Mainz engagiert war, in mein Zimmer trat. Ringelhard begrüßte mich freundlich, und nachdem wir von einigen gleichgültigen Dingen gesprochen, brachte er das Gespräch auf die Peches, indem er sagte, er habe gehört, daß die ein paar schöne und talentvolle Mädchen seien, die er wohl einmal sehen möchte. „Wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, so kann ich Ihnen dienen,“ erwiderte ich, holte beide und stellte sie ihm vor. Er fand sie allerliebst, ich sang ein Duett mit Theresen, und er empfahl sich, ganz entzückt von meiner Schülerin. Eine halbe Stunde darauf kam er allein wieder und sagte eintretend: „Verzeihen Sie, wenn ich Sie abermals störe, aber sagen Sie mir, ob es nicht möglich ist, daß ich die Mädchen für meine Bühne engagiere.“ „Es ist zu spät, denn sie sind schon bei dem hiesigen Theater engagiert.“ „Ist der Kontrakt unterzeichnet?“ „Das nicht; Herr Diehl zögerte mit der Ausfertigung bis jetzt, ich weiß nicht warum, aber mündlich ist alles abgemacht.“ „Oh, so lange noch kein Kontrakt unterschrieben ist, hat das nichts zu sagen. Was hat Diehl Gage versprochen?“ „Siebzig Gulden für Therese und dreißig für Toni monatlich.“ „Wohlan, ich gebe das Doppelte.“ „Das geht nicht, Herr Direktor, Therese wird mich nicht verlassen wollen, und ich habe auch keine Lust, mich von ihr zu trennen.“ „So kommen Sie mit, seien Sie Dramaturg meines Theaters.“ „Ich kann nicht, ich bin Redakteur einer Zeitschrift in Frankfurt.“ „Sie können eine andere in Köln redigieren; die ‚Colonia‘ sucht schon längst einen tüchtigen Mann; ich werde die Sache vermitteln. Wissen Sie was, schenken Sie mir das Vergnügen, heute Abend bei mir in den ‚Drei Reichskronen‘, wo ich logiere, zu soupieren, und bringen Sie Peches mit; da wollen wir die Sache weiter besprechen.“ Ich schlug die Einladung aus, bat aber Ringelhard, wenn es ihm Vergnügen mache, am Abend bei uns zu soupieren, obgleich ich ihm keine Hoffnung machen könne, daß sein Wunsch erfüllt werde. Als er weg war, erzählte ich Peches, was er mir mitgeteilt, und als die Mama von der doppelten Gage hörte, war sie entzückt und gleich für die Sache, indem sie sagte: „Warum haben die Mainzer Herren die Kontrakte nicht gemacht.“

Der Abend kam heran, Ringelhard mit ihm; wir soupierten, und als wir alle in der heitersten Laune waren und auch wohl ein Gläschen über den Durst getrunken hatten, nahm er plötzlich zwei Kontrakte aus der Tasche, mit den Worten: „Soweit ist alles fertig, ich muß Sie alle bei meiner Bühne haben, unterschreiben Sie!“ Madame Peche und die Mädchen sahen mich staunend und fragend an, Ringelhard versprach Himmel und Hölle, tauchte eine Feder in Tinte, reichte sie der Mama hin, indem er zu ihr sagte: „Frisch unterschrieben, es soll Sie nicht gereuen!“ Madame Peche unterschrieb und Ringelhard warf hundert Taler in Gold auf den Tisch, indem er sagte: „Hier ist das Reisegeld!“, das Madame Peche auch sogleich einsteckte. Am anderen Tag begab ich mich zu Cramer und Diehl, denen ich reinen Wein einschenkte, indem ich damit schloß: „Dies, meine Herren, haben Sie sich selbst zuzuschreiben.“ Beide wurden nun aufgebracht und meinten, die Mädchen seien dennoch bei ihnen engagiert, mündlich oder schriftlich, das sei gleichviel, und sie würden schon Mittel finden, sie an der Abreise zu hindern. „Wenn Sie glauben, dies imstande zu sein, woran ich aber sehr zweifle, so versuchen Sie es,“ sagte ich, mich entfernend. Wirklich wurde der Madame Peche, als ich den anderen Morgen in deren Namen auf die Polizei schickte, um ihren daselbst hinterlegten Paß zu verlangen, derselbe verweigert, und zwar auf Antrag der Theaterdirektion. Ich ging nun selbst auf die Polizei, wo ich, dem Polizeikommissar Mela die Sache gehörig auseinandersetzend, abermals den Paß verlangte. Da er mir denselben nicht geben wollte, so verließ ich ihn mit den Worten: „Wohlan, wenn wir den Paß, gehörig visiert, bis heute Abend nicht erhalten, so reise ich mit Peches morgen früh ohne Paß ab, und werde dann dafür Sorge tragen, daß diese Geschichte in öffentlichen Blättern zur Kenntnis des Publikums kommt.“ Damit empfahl ich mich, und um vier Uhr nachmittags war der wohlvisierte Paß in unseren Händen. Den anderen Morgen befanden wir uns in einer offenen Kalesche, mit vier Postpferden bespannt, auf dem Wege nach Aachen.

Auf der zweiten Station dahin kam plötzlich ein Mensch, der völlig das Ansehen eines zerlumpten Vagabunden, aufgerissene Stiefel, ein Bündelchen auf dem Rücken, eine schäbige Mütze und offene Ellenbogen hatte, an den Wagen gerannt und schrie: „Mama! Mama!“ Ich glaubte, der Kerl sei ein Narr, aber Madame Peche rief aus: „Ah mon Dieu, mon fils!“ und Toni: „Der Bruder!“ und Therese erschrocken: „Aber wie kommt der hierher?“ Ich war wie aus den Wolken gefallen, diesen Herrn Sohn und Bruder zu erblicken, der ebenfalls wie aus den Wolken herabgeschneit schien. Aber was war da zu machen? Wir mußten stillhalten und der achtundzwanzigjährige Knabe setzte sich neben den Postillon auf den Bock und erzählte, daß er schon über vier Wochen am ganzen Rhein die Kreuz und die Quere umherirre, seine teuren Verwandten aufzusuchen, aber bis jetzt, wo ihm der Zufall dieselben auf der Landstraße begegnen lasse, sei seine Mühe vergeblich gewesen. Wir fuhren nun mit dieser höchst unwillkommenen Zugabe, der ich von meiner Garderobe mehreres mitteilte, um sie wenigstens etwas reputierlicher aussehen zu machen, weiter, in Koblenz und Köln übernachtend, nach Aachen, wo wir wohlbehalten eintrafen und Ringelhard schon für Wohnungen für uns gesorgt hatte. Auch ihm schien die brüderliche Zugabe, die außerdem so hölzern war, daß sie kaum zu einem Statisten zu gebrauchen, höchst unerwünscht. Der Mensch war ein echter böhmischer Stocksoldat, steif wie ein ausgestopfter Strohmann, und dem Kalbfell entlaufen, die Mama aufzusuchen. Indessen war er nun einmal da, und wollte doch auch leben, das heißt essen und trinken.

In Aachen war es noch sehr lebhaft durch die zahlreichen Badegäste, und wir machten häufige Spaziergänge nach Burtscheid und anderen Umgebungen. Ringelhard hatte Theresen mit mir das Duettino: ‚Reich’ mir die Hand, mein Leben,‘ singen hören und ihr die Partie der Zerline zum Einstudieren geschickt. Da aber für den Augenblick kein Sänger bei seiner Gesellschaft war, der den Don Juan geben konnte, so fragte er mich, ob ich nicht aus Gefälligkeit für ihn und Therese diese Partie übernehmen wolle, und da mich auch Therese auf das inständigste bat, so willigte ich ein. Schon war der Tag der Aufführung bestimmt, und es sollte eine der letzten Vorstellungen auf der Aachener Bühne sein, da trat eines Morgens der Schauspieler Wolthers in mein Zimmer und sagte nach den gewöhnlichen Begrüßungen: „Wenn Sie es nicht übelnehmen, so will ich Ihnen einen guten Rat erteilen. Treten Sie in Aachen nicht auf die Bühne.“ „Und warum?“ „Weil Sie, wenn Sie auch wie ein Gott spielten, dennoch ausgezischt würden. Es hat sich eine furchtbare Kabale unter den hiesigen Einwohnern gegen Sie gebildet. Man weiß, daß Sie einen ominösen Artikel in eine Frankfurter Zeitung gegen die Aachener eingeschickt haben, und das will man Ihnen wettmachen.“ „Gut, wenn dem so ist, so werden die Aachener den Don Juan nicht auf der Bühne sehen und die Sache ist abgemacht.“ Ich ging nun zu Ringelhard, teilte ihm mit, was mir Wolthers gesagt, und er war jetzt auch meiner Meinung, um so mehr, da auch er schon etwas von diesen Intrigen vernommen hatte. Dagegen machte ich, solange wir noch in Aachen verweilten, einigen hübschen Aachener Damen recht emsig und nicht ohne glücklichen Erfolg den Hof, und bewies deren Männern, daß man besser daran getan hätte, mich den Don Juan auf der Bühne als außerhalb derselben spielen zu lassen. Bald darauf wurde das Theater zu Aachen geschlossen, und wir reisten samt und sonders nach Köln ab, eine recht lustige, wenn auch ein wenig zigeunerartige Fahrt, jedoch in sehr bequemen Kutschen. Ich hatte indessen einen besonderen Wagen für Peches und mich bestellt, und der Herr Bruder mußte wieder seinen Platz auf dem Bock einnehmen.

In Köln bezog ich wieder eine Wohnung mit Peches, bei einer Madame F...ch, der Witwe eines verstorbenen Beamten, die zwei recht artige Töchter, Agnes und Mimi geheißen, besaß. Ich hatte indessen mein eigenes Schlaf- und Arbeitszimmer, auf welchem ich Theresen fortwährend Unterricht erteilte und Rollen einstudierte. Zum erstenmal trat sie in Köln in der Rolle des Benjamin in Mehüls ‚Joseph in Egypten‘ auf, die ich ihr einstudiert hatte, und in der sie durch ihr kindlich-gemütvolles Spiel wie durch ihre liebliche Stimme außerordentlich gefiel. Doch mußte sie sich von der Oper bald ganz zurückziehen und allein nur dem Schauspiel widmen, da es ihr an hinlänglicher Kraft im Gesang gebrach, besonders, um in Ensemblestücken durchgreifen zu können. Ich hatte unterdessen wirklich die Redaktion einer Kölner Zeitschrift übernommen, welche den Titel ‚Der Verkündiger‘ führte. Da ich mich aber mit dem Eigentümer derselben nicht gehörig verständigen konnte, so trat ich bald darauf wieder von derselben ab, um eine andere, und zwar bedeutendere, die ‚Colonia‘, zu redigieren. Auch hier hatte ich manchen Strauß mit der Zensur zu bestehen, die unter dem Einfluß eines gewissen Struensee, der damals Polizeidirektor in Köln war, stand. Dieser Mensch war eine höchst auffallende polizeiliche Karikatur und von sehr beschränktem Verstand. Die Kölner, die sich fortwährend über ihn lustig machten, hatten ihm den Spottnamen ‚Spornsee‘ gegeben, weil er stets fingerlange Kürassiersporen trug, ohne je ein Pferd zu besteigen. Dadurch, daß ich auch hier der Zensur zu verstehen gab, wenn sie ihren Rotstift nicht in gehörigen Schranken halte, ich die gestrichenen Artikel in auswärtigen Blättern und namentlich auch in Parisern wiederbringen würde, ließ man mir vieles durchgehen. Aber Struensee hatte mir deshalb heimliche Rache geschworen und suchte, diese, wie wir bald sehen werden, auf eine sehr nichtswürdige Weise zu befriedigen.

Unterdessen war ich näher mit der Familie meiner Hauswirtin bekannt geworden und brachte manchen Nachmittag und Abend in ihrer Gesellschaft zu, was Peches nicht sehr angenehm war. Aber der Umgang mit diesen, namentlich der Mama und dem Bruder, wurde mir täglich mehr zuwider, so daß ich, ich hatte den Tisch bei ihnen genommen, fast immer auswärts speiste, um den unangenehmen Szenen, die meistens bei dem Essen stattfanden, zu entgehen. Die Anforderungen der Madame Peche an mich, besonders das Muttersöhnchen betreffend, nahmen kein Ende, und ich befand mich damals nicht in so glänzenden finanziellen Verhältnissen, diese nach dem Wunsch der alten Dame befriedigen zu können. Eines Tages kam Madame Peche mit ihrem Herrn Sohn, der stark nach Branntwein roch, auf mein Zimmer und verlangten wieder fünfzig Taler unter allerlei Vorwand von mir, die ich diesmal verweigerte und verweigern mußte, wollte ich mich nicht fast ganz entblößen. Jetzt wurden Mutter und Sohn impertinent und endlich so grob, daß ich gezwungen war, beide zur Tür hinauszuwerfen, wobei ich dem letzteren noch ein paar Fuchtelhiebe mit auf den Weg gab. Nun war der schon lange drohende Bruch eingetreten und eine Trennung unvermeidlich. Therese kam zwar auf mein Zimmer, weinte und bat, ich blieb jedoch standhaft und unerbittlich, obgleich es mir leid tat, mich von dem lieblichen und talentvollen Mädchen zu trennen, das schlechterdings bei mir bleiben wollte. Vielleicht würde ich dies auch eingegangen sein, wenn ich nicht gefürchtet hätte, dann dennoch immer die Mama und das Söhnchen auf dem Hals zu haben. Anderseits muß ich gestehen, daß ich auch die nötige Kraft zu dieser Trennung in einem sich eben entspinnenden Verhältnis mit der sehr feingebildeten Tochter des Hauses, der hübschen Agnes F...ch, fand. Genug, ich brachte es dahin, daß Madame F...ch die Wohnung aufkündigte. Einige Tage darauf zogen Peches aus, und statt ihrer die sehr achtbare Künstlerfamilie Lortzing in ihre Wohnung. Therese sah ich jetzt nur noch bei den Theaterproben, wo ich indessen nicht aufhörte, ihr mit Rat und Tat bei ihrer künstlerischen Ausbildung beizustehen.

Etwa sechs Wochen, nachdem ich mich von Peches getrennt hatte, wurde Therese die Veranlassung zu einer sehr tragischen Begebenheit. Der Schauspieler Kunst hatte eine Abendgesellschaft gegeben, zu welcher er das ganze Personal der Ringelhardschen Gesellschaft und mehrere andere Personen, auch vom Militär, eingeladen hatte. Nach der Beendigung derselben kam es zu einem Wortwechsel zwischen dem Schauspieler Wolthers und einem Portepeefähnrich des in Deutz liegenden Dragonerregiments. Beide machten Anspruch, Therese nach Hause begleiten zu dürfen, behauptend, zuerst den Antrag gemacht zu haben. Der dieserhalb stattfindende Wortwechsel hatte eine förmliche Herausforderung zur Folge, und den anderen Morgen fand ein Pistolenduell statt, in welchem der Fähnrich den Schauspieler Wolthers erschoß. Dieser, ein hübscher junger Mann, war in der Blüte seines Alters, kaum zählte er sechsundzwanzig Jahre, und gehörte einer sehr guten schlesischen adligen Familie an. Sein wirklicher Name war Julius von Dobrowolsky. Auch der Fähnrich war aus einer der besten Familien Aachens und mußte flüchtig werden. Er schiffte sich nach Amerika ein. Diese unangenehme Geschichte machte Theresen, obgleich sie nur die sehr unschuldige Ursache derselben war, doch viele Feinde in Köln und namentlich unter dem weiblichen Theaterpersonal, wo der Neid sich schon zu regen begann.

Mein Verhältnis mit der schönen Agnes wurde unterdessen immer inniger, aber auch bald getrübt. Die Mutter, gegen deren Reize, trotz manchen indirekten Anlockungen, ich völlig gleichgültig geblieben war, ahnte bald etwas von unserem Einverständnis und bewachte das Mädchen gleich einem Zauberdrachen, so daß es mir ganz unmöglich war, sie auch nur einen Augenblick allein in dem Haus zu sprechen. Wir korrespondierten durch die Vermittlung einer von mir bestochenen Magd und gaben uns nun Rendezvous in dem nahen Dom, bis ich ein Haus ausfindig gemacht hatte, das in einem sehr entlegenen Teil der Stadt, zwischen öden Mauern und Krautfeldern lag, wo wir uns ungestört sprechen konnten.

Madame F...ch, die indessen des ewigen Aufpassens müde war und einmal gesehen, wie ich ihre Tochter, ihr auf der Treppe begegnend, geküßt hatte, kündigte mir nicht nur den Tisch, sondern auch die Wohnung auf, und drohte mir, als ich erklärte, nicht ausziehen zu wollen, mit dem Polizeikommissar. Da mir nun daran gelegen war, das Haus nicht zu verlassen, so stellte ich mich, mit Agnes einverstanden, als suche ich eine andere Wohnung, ließ aber die meinige, damit sie Madame F...ch nicht vermieten möge, durch den Theaterdiener Blum[5] angeblich für einen Schauspieler, der in vier Wochen ankomme, mieten. Als der zum Ausziehen bestimmte Termin bis auf wenige Tage herangekommen war, kam Blum mit einer verdrießlichen Miene zu Madame F...ch und kündigte derselben an, daß der erwartete Schauspieler krank geworden sei und schwerlich vor sechs Wochen eintreffen würde. Die Dame war sehr ärgerlich deshalb, und ich ging jetzt zu ihr und sagte: da ich vernommen, daß der neue Mieter vorerst noch nicht kommen werde, so bäte ich sie, mich noch so lange zu behalten, da ich ohnehin noch kein passendes Quartier für mich habe ausfindig machen können. Da Madame F...ch immer mit ihren Finanzen brouilliert war und mit ihrer Pension nicht auskam, so verstand sie sich auch gerne dazu, und ich bezahlte sogleich sechs Wochen antizipando. Ja noch mehr, da ich ihr fast zu allen Vorstellungen Logenbillette schickte, die mich nichts kosteten, so war sie wieder recht artig und bot mir von selbst wieder ihren Tisch an, den ich auch sogleich akzeptierte.

Damals gab ein gewisser Rousseau eine Zeitschrift unter dem Titel ‚Colonia-Agrippina‘ heraus, und da er ein großer Verteidiger und Verehrer der Jesuitenpartei war, durch die er eine Karriere und sein Glück zu machen hoffte, so wurde er durch diese sehr unterstützt und in Schutz genommen. Da er auch Theaterkritiken über die Kölner Bühne schrieb und sich in denselben arge Blößen gab, so nahm ich ihn in meinen Antikritiken öfters stark mit. Seine Schützlinge machten sich dieserhalb an Struensee und muteten diesem zu, meine Antikritiken streichen zu lassen. Dieser aber gab ihnen in seiner Einfalt zur Antwort: „Das lasse ich wohl bleiben, dann wäre Fröhlich imstande, gegen mich selbst zu schreiben. Lieber soll er den Rousseau heruntermachen.“ Dieser ergriff endlich das Mittel, mir in Gesellschaft des Dichters Schier einen Besuch zu machen, um mich zu fragen, was er mir denn getan habe, daß ich ihn so vor dem Publikum hinstelle. „Mein Gott, ich habe gar nichts gegen Ihre Person; es sind nur allein Ihre mehr als lächerlichen Kritiken, die ich beleuchte. Sie können mir nicht eine Stelle aufweisen, in der ich persönlich geworden wäre.“ Er fuhr noch fort, sich in einem sehr weinerlichen Ton gegen mich auszulassen, worauf ich, um ihn loszuwerden, endlich zu ihm sagte: „Mein Gott, wenden Sie sich an die Zensur, die kann ja streichen, was ihr beliebt.“ „Das haben wir schon getan,“ platzte er heraus, indem er mir die oben angeführten Worte Struensees rapportierte. Kaum konnte ich es verhüten, nicht in ein lautes Lachen auszubrechen.

Struensee, der mich fürchtete und dem ich deshalb ein Dorn im Auge war, hatte mir Rache geschworen und suchte sie auf folgende Weise auszuüben. Damals war die Demagogenriecherei in Deutschland in vollem Gang. Er berichtete nun an das preußische Ministerium, daß ich mich in Köln befände und er mich stark im Verdacht habe, mit den Häuptern der Umwälzungspartei in geheimen Verbindungen zu stehen. In der Tat waren mir schon einige Male Anträge gemacht worden, mich an solche mysteriöse Gesellschaften anzuschließen, die ich aber jedesmal sehr bestimmt zurückgewiesen hatte, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil ich mich nicht zum Instrument mir unbekannter Personen hergeben und zur Maschine herabwürdigen lassen wollte.

Indessen wurde ich von dem sauberen Bericht, den der Polizeidirektor Struensee hinsichtlich meiner an das preußische Ministerium eingesandt hatte, bei Zeiten durch einen bei der Polizei zu Köln angestellten Beamten, der früher in französischen Militärdiensten gestanden, gehörig unterrichtet. Dieser brave Mann hatte mir auch versichert, daß er mich sogleich, wenn die Antwort von Berlin käme, von deren Inhalt, und zwar ehe ihn noch Struensee erfahre, da er die Depeschen zuerst durchgehe, in Kenntnis setzen wolle; ich könne also deshalb ganz ruhig sein. In der Tat berichtete er mir zehn bis zwölf Tage später, daß das Ministerium den Präsidenten beauftragt habe, sich einige schriftliche Beweise, die seinen Verdacht besser begründeten, zu verschaffen, und wenn er diese habe, meine Papiere in Beschlag zu nehmen, mich dann, wenn solche gegründete Veranlassung dazu gäben, verhaften und nach Umständen wohl eskortiert nach Berlin bringen zu lassen. Als ich dies erfahren, packte ich alle meine Schriften, obgleich unter ihnen auch keine Zeile war, die einen solchen Verdacht im mindesten hätte rechtfertigen können, zusammen, da ich nicht wußte, wie weit Struensee gehen würde, und ich nicht gerne haben mochte, daß eine hohe Polizei die Nase in meine Briefe und Papiere stecken sollte, wodurch sehr viel Personen, namentlich Damen, und unter ihnen auch manche schöne Kölnerin und Berlinerin, hätten kompromittiert werden können. Den ganzen großen Pack gab ich wohl verwahrt einstweilen Agnesen in sichere Verwahrung, die ihn ihrerseits wieder an eine Freundin gab, weil wir uns nicht sicher vor einer Haussuchung hielten und mein Verhältnis mit dem Mädchen dank der Mutter ziemlich bekannt geworden war.

Unterdessen hatte Ringelhard beschlossen, während der Fastenzeit mit seiner Gesellschaft nach Bonn zu gehen und, da mir die Redaktion der ‚Colonia‘ viel zu wenig abwarf, ich auch durch noch andere literarische Arbeiten in Köln (ich war Mitarbeiter des von Spitz herausgegebenen rheinischen Konversationslexikons) nicht hinreichenden Verdienst hatte, und mich die Struenseeschen Intrigen doch auch beunruhigten, so beschloß ich, Köln zu verlassen und vorerst nach Mainz zu gehen. Diesen Entschluß führte ich aus, bevor noch eine ministerielle Antwort auf einen zweiten Bericht Struensees von Berlin gekommen war.

Die Unternehmer des rheinischen Konversationslexikons, unter denen ein sehr vermögender Kaufmann war, baten mich vor meiner Abreise, das Werk so viel als möglich in deutschen Zeitungen günstig zu rezensieren und zu empfehlen, und versprachen mir für meine Mühe ein gutes Honorar. Ich verließ nun das alte Köln, in dem ich manche angenehme Erinnerung zurückließ, und fuhr ziemlich leichten Herzens nach Mainz, wo ich diesmal im ‚Pariser Hof‘ bei Arnold abstieg, der ein allerliebstes Töchterchen hatte. Bald darauf machte ich eine kleine Reise, um, wie ich es versprochen, in verschiedenen Zeitschriften für das rheinische Konversationslexikon günstige Artikel einrücken zu lassen, und hierdurch wurde ich in Mannheim mit dem Eigentümer der dortigen Zeitung, einem Herrn C..., der früher Kaufmann gewesen, aber als solcher verunglückt war, bekannt. Dieser bot mir die Redaktion eines belletristischen Blattes an, welches er, um seiner politischen Zeitung mehr Aufnahme zu verschaffen, herauszugeben willens war. Ich wurde bald einig mit ihm, blieb aber vorerst noch in Mainz wohnen, wo mich einige, erst kürzlich gemachte interessante Bekanntschaften von Damen fesselten, unter denen namentlich die Frau eines Hauptmanns, ein sehr lebhaftes, schönes, erst siebzehnjähriges Weibchen, das diesen Mann fast wider ihren Willen und nur auf Zureden ihrer Verwandten geheiratet hatte. Außerdem war mir Mainz von jeher ein gar lieber Aufenthalt gewesen, da seine freisinnigen und liebenswürdigen Bewohner ein heiteres, munteres und gastfreies Völkchen sind. An der Table d’hôte im ‚Pariser Hof‘, an der ich speiste, und wohin selten einige Fremde kamen, war eine tägliche Tischgesellschaft, die, so seltsam sie auch zusammengesetzt, doch äußerst unterhaltend war. Sie bestand aus dem Präsidenten der Untersuchungskommission der demagogischen Umtriebe (der sogenannten schwarzen Kommission), Herrn von Keisenberg, einem sehr wissenschaftlich gebildeten, humanen und unterrichteten Mann, der in seiner äußerst schwierigen Stellung viel Gutes wirkte, manches Böse verhütete, und durchaus unparteiisch war; einem preußischen Auditor, gleichfalls einem vorzüglichen Kopf und trefflichem Charakter; Eikmeier, einem Sohn des bekannten Generals dieses Namens, eigentlich des letzten Kurfürsten von Mainz, dem er auch frappant ähnlich sah, einem sehr jovialen Gesellschafter und hellen vorurteilsfreien Kopf; einem Hofrat Krieger, altem Hagestolz, sehr reich und ebenso filzig; einem gewissen Amtmann, mauvais sujet; zwei österreichischen Offizieren, Oberst B... und Oberstleutnant P..., von dem damals in Mainz garnisonierenden Regiment Langenau, einem Paar höchst bornierter Köpfe und großer Ignoranten, dabei aber so furchtbaren Fressern, daß jeder Gastwirt erschrak, an dessen Table d’hôte sie sich einfanden.

Ich redigierte den Mannheimer ‚Phönix‘ fortwährend von Mainz aus und ließ ihm so reichliches und gewürztes Futter zukommen, daß der seltene Vogel bald in Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Köln und am ganzen Rhein heimisch wurde, und, da er sehr oft sehr satirisch war, nicht wenig Aufsehen machte; manchmal aber auch ganz falsch verstanden wurde und ihm dann großes Unrecht geschah. Folgendes war eines der komischsten Mißverständnisse, das viel zu lachen gab. In Mannheim hatte der Stadtdirektor die Wegnahme der Laternenpfähle befohlen, da künftig die Laternen an quer über die Straße laufende Eisenketten gehängt werden sollten. Nun hatte ein Mannheimer Einwohner der Redaktion einen Aufsatz eingesandt, der überschrieben war: ‚Die verabschiedeten Laternenpfosten.‘ Dieser Aufsatz, behaupteten viele österreichische Offiziere, sei eine malitöse, auf sie gemünzte Satire, und blieben dabei, was ihnen auch die Preußen und andere vernünftige Leute dagegen sagen mochten. Sie beruhigten sich nicht eher, als bis sie von Mannheim aus erfahren hatten, daß man daselbst wirklich die Laternenpfosten weggenommen und durch Ketten ersetzt habe!

An unserem Tisch unterhielt ich mich hauptsächlich viel mit dem Präsidenten von Keisenberg, dem es Vergnügen machte, mich über Italien, Frankreich, Spanien und die Jonischen Inseln auszufragen. Dagegen erfuhr ich manches von ihm, das zu meinem Kram paßte, und ich zu Artikeln in Pariser Journalen benutzte, für die ich noch immer ununterbrochen arbeitete. Herr von Keisenberg las diese und äußerte mehrmals bei Tische, er möchte wohl den Einsender derselben kennen, wobei er einen forschenden Seitenblick auf mich warf. Da sie indessen nichts weniger als revolutionär geschrieben waren, sondern nur eine leidenschaftslose Beurteilung der damaligen deutschen Zustände enthielten, sogar die Umtriebe der im Finstern schleichenden Hetzer und die Einfalt der guten Studenten, die sich zu deren Werkzeugen hergaben, öfters gegeißelt wurden, so las sie auch Herr von Keisenberg mit Befriedigung, und daß er mich für den Verfasser hielt, ging aus mancher seiner Äußerungen hervor. Dies kam mir sehr zustatten, denn nach einem Aufenthalt von mehreren Monaten in Mainz hatte Struensee in Köln herausgebracht, wo ich mich befand, und daher nichts Eiligeres zu tun, als einen Bericht hinsichtlich meiner, in welchem er mich abermals als der demagogischen Umtriebe verdächtig bezeichnete, an die Mainzer Untersuchungskommission, nebst den Verfügungen des preußischen Ministeriums einzuschicken. Herr von Keisenberg, der Struensee schon kannte, hatte dessen Albernheit hinsichtlich meiner gehörig zurechtgewiesen und dem Ministerium die völlig unbegründete Anklage Struensees dargetan.

Zu meinem großen Leidwesen mußte ich indessen Mainz plötzlich verlassen, woran folgender Vorfall Ursache war. Im Theater besuchte ich gewöhnlich eine Loge, die dicht neben der war, welche die österreichischen Stabsoffiziere gemietet hatten und mit ihren Frauen einnahmen. Ein Major W... hatte eine noch sehr junge Frau geheiratet, die Tochter eines österreichischen Artilleriehauptmanns, mit der ich bisweilen ein paar Worte in der Loge wechselte, aber auch nicht die mindeste Absicht auf die Dame hatte, da sie durchaus nichts besaß, was mich hätte anziehen können, und unsere Unterhaltung beschränkte sich auf ganz gleichgültige Dinge; sie war auch, dank der geistigen Beschränktheit der Madame W..., sehr einsilbig. Dennoch sah es der Major ungern, wenn ich mit seiner Frau sprach, was meistens in seiner Abwesenheit geschah, da er öfters durch den Dienst abgehalten, viel später als dieselbe kam. Eines Abends, als dies wieder der Fall war, trat er gerade in die Loge, als mich seine Frau um Erklärung einer Szene fragte, die sie nicht begriffen hatte. W...s Gesicht schwoll hochrot an, und zornglühend sagte er so laut, daß es das ganze Publikum hörte, zu seiner Ehehälfte: „Du setzt dich gleich hier herüber!“ (auf die andere Seite der Loge), worauf mehrere Stimmen von den Galerien ein „Bravo, Herr Major!“ erschallen ließen und das ganze Publikum lachte. Als ich nun im Zwischenakt die Loge verließ, begegnete mir W... auf dem Korridor und sagte: „Herr Fröhlich, wenn Sie noch einmal in Ihrer Loge ausspeien, so schicke ich Ihnen sechs Korporale auf das Zimmer!“ „Sie haben wohl ein Glas über den Durst getrunken?“ antwortete ich ihm, „schlafen Sie Ihren Rausch aus, morgen sollen Sie mehr von mir hören!“ Hierauf drehte ich dem Major den Rücken und ließ ihn ganz verblüfft stehen. Den anderen Morgen schickte ich ihm ein Schreiben, worin ich ihn um Erklärung der an mich gerichteten Worte bat; da ich aber keine Antwort erhielt, sandte ich ihm eine förmliche Herausforderung zu, und als auch diese ebenso erfolglos war, ließ ich in dem ‚Phönix‘ abdrucken, daß ich den gewaltigen Helden W... samt seinen sechs Korporalen in meiner Wohnung erwarte, und sie nach Verdienst zu empfangen bereit sei. Die Sache hatte bereits viel Aufsehen gemacht und war in der Stadt herum. Die preußischen Offiziere äußerten sich öffentlich, daß ein solches Benehmen eines Stabsoffiziers unter ihnen nie geduldet würde, und so weiter. Dagegen hatte sich ein österreichischer Artillerieleutnant namens Schneider geäußert: „W... solle nicht so viel Umstände machen und mich bei der nächsten besten österreichischen Wache, an der ich vorüberginge, festnehmen, in die Wachtstube schleppen und gehörig durchhauen lassen.“ Alles dies gab nun zu Reibereien unter der Garnison Veranlassung, und eines Morgens wurde ich auf das Polizeiamt zitiert, wo man mir sehr artig und mit sichtbarer und schonender Teilnahme eröffnete, daß ich auf Befehl des hohen Festungsgouvernements die Stadt und Festung Mainz binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müsse. Ich wollte zwar dagegen Einwendungen machen, ging auch deshalb zu dem Herrn Regierungspräsidenten von Lichtenberg, der mich mit der äußersten Artigkeit aufnahm und mir sein Bedauern ausdrückte, in dieser Sache nichts für mich tun zu können, da das Festungsgouvernement das Recht habe, jeden Fremden aus der Stadt zu weisen, ohne irgendeine Rechenschaft deshalb geben zu müssen. Ebensowenig half es mir, daß ich mich an den Gouverneur, den preußischen General von Carlowitz, selbst wandte, der mir antwortete, er habe die Ausweisung mehr in meinem eigenen Interesse anordnen müssen, da bei meinem längeren Weilen dahier meine persönliche Sicherheit leicht gefährdet werden könne, denn die österreichischen Offiziere der Garnison seien zum Teil sehr rohe Subjekte, und so weiter. Genug, es blieb bei der Verbannung und ich mußte mich darein fügen, bat mir jedoch dreimal vierundzwanzig Stunden aus, um meine Sachen zu ordnen, die mir auch bewilligt wurden, und fuhr dann, von allen meinen Bekannten, die mir das Geleite gaben, in sechs Wagen begleitet, nach Mannheim, wo man mich schon längst erwartete.

Als ich mit meinen Freunden in Oppenheim ankam, wo man ein Mittagessen im ‚Wilden Mann‘ für uns bestellt hatte, fanden wir daselbst meinen jämmerlichen Gegner, den Major W..., der nebst seiner Frau, seinen Schwiegervater, der in eine andere Garnison versetzt worden war, bis hierher begleitet hatte. Als uns diese guten Leute ankommen und aussteigen sahen, ließen sie sich schnell ein Zimmer im oberen Stock des Hauses geben, und niemand von ihnen verließ mehr die Stube oder ließ sich nur am Fenster blicken, bis wir weg waren. Indessen hatte der Artikel im ‚Phönix‘ über meine Verbannung in Mainz großes Aufsehen erregt, und acht Tage nach meiner Ankunft wurde C... zum Stadtdirektor in Mannheim gerufen und diesem eröffnet, daß er Befehl erhalten habe, mich unter polizeiliche Aufsicht zu stellen, damit, im Fall es für nötig erachtet würde, man meiner sogleich habhaft werden könne. Den Grund dieses Befehls, der ihm von Karlsruhe zugekommen, wußte er nicht. C..., der von allem unterrichtet war, teilte ihm denselben mit, und der Stadtdirektor sagte zu ihm: „So raten Sie dem Herrn Fröhlich, in der Rheinschanze in einem Wirtshaus zu logieren; diese ist bayrisch, und dann geht mich die Sache nichts weiter an.“ Ich befolgte diesen Rat; da ich indessen daselbst kein ordentliches und reinliches Zimmer erhalten konnte, so mietete ich mir ein solches in dem nahen Frankenthal, von wo ich alle Morgen nach Mannheim ging und den Tag über daselbst zubrachte. Indessen sollte ich bald darauf über alle Erwartung glänzend, wenigstens an dem Urheber meiner Verbannung, gerächt werden, dessen Position nach all dem Vorgefallenen in Mainz durchaus nicht mehr haltbar war; selbst die Gassenjungen spotteten seiner. General Menzdorf trug nun in Wien auf seine Versetzung an und begründete diesen Antrag gehörig. W... wurde eines Morgens mit der Order, daß er in eine kleine polnische Stadt versetzt sei, sehr unangenehm überrascht und mußte bald nach mir Mainz verlassen, schwur aber, daß er sich wegen dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit an den Kaiser selbst wenden würde. Indessen hatte er auf der Reise nach seiner neuen Garnison das Unglück, umgeworfen zu werden und sogar ein Bein zu brechen, und wenige Tage nach seiner Ankunft brach ein Feuer in dem von ihm bewohnten Häuschen aus, so daß er nur mit genauer Not dem Verbrennen entging und fast all sein bißchen Habe verlor. Es schien, als habe das Schicksal selbst es übernommen, mich recht eklatant zu rächen.

In Mannheim wurde indessen auf Verwendung des königlich preußischen Gesandten, Herrn von Otterstädt, der mit mehreren meiner Verwandten bekannt war, der Befehl der polizeilichen Aufsicht nach ein paar Wochen wieder aufgehoben und ich wohnte nun ungestört bei C... Hier setzte ich mein Leben fort, wie ich es in Mainz und allenthalben verlassen hatte. Bald hatte ich viele Bekannte und fast noch mehr gute Freundinnen unter den schönen Mannheimerinnen, denen zuliebe ich die Mainzerinnen bald vergaß. Die verwitwete Großherzogin Stephanie, Napoleons adoptierte und die wirkliche Tochter des Senators Beauharnais, einem Verwandten der Kaiserin Josephine, eine sehr schöne und liebenswürdige Frau, von der man behauptete, daß sie Napoleon noch etwas mehr als bloße Adoptivtochter gewesen sei, lebte in Mannheim sehr eingezogen in dem großen Schloß. Noch eine andere hübsche Frau, die man wegen ihrer geringen Geistesfähigkeiten nur die Schloßgans nannte, bewohnte dies Gebäude. Sie war die Gattin des Schloßverwalters und hatte fortwährend viele Liebesintrigen. Ihren Liebhabern, die sie in den Schloßgarten bestellt hatte, gab sie durch ein weißes Fähnchen, welches sie an ihrem Fenster heraushing, wenn der Mann nicht daheim war, das Zeichen, daß sie zu ihr kommen könnten. Auch Stephanie hatte ähnliche Intrigen zu Mannheim.

Nachdem das Frühjahr herangekommen war, machte ich häufige Ausflüge nach Heidelberg, wo ich ganze Tage in dem Schloßgarten und dessen Umgebungen zubrachte, auch den Wolfsbrunnen, den Königsstuhl, den Heiligenberg, Stift Neuburg, den Riesenstein und so weiter besuchte. Das burschikose Studentenwesen und der Pedantismus der Herren Gelehrten und Professoren machten den Aufenthalt in dieser Stadt den Fremden unangenehm, deren sich sonst weit mehr hier niederlassen würden. Öfters ging ich auch auf ein paar Tage nach Worms, wo ich bei Freund Eikmeier, der daselbst eine Besitzung hatte, wohnte, und von da nach Niedesheim spazierte, wo einst mein Oheim Scholze residierte. Von Worms machte ich ein paarmal einen Abstecher nach Mainz, wo ich mich heimlich in dem Quartier, das ich zuletzt bewohnte, bei der Witwe Kronebach an der Ecke der großen Bleiche aufhielt, was dennoch die Polizei ausspürte, aber so klug war, zu ignorieren.

Da ich einsah, daß mein Aufenthalt in Mannheim nicht von langer Dauer sein konnte, indem C... sich nicht in sehr glänzenden Verhältnissen befand, so wandte ich mein Augenmerk nach Stuttgart, um so mehr, da ich auch in Mannheim keinen Verleger für mein großes historisches Werk hatte finden können, wozu C... wohl den Willen, aber nicht die Mittel hatte, und an dessen Herausgabe ich jetzt ernstlich dachte. Ich machte deshalb im Juni eine Reise nach Stuttgart, und daselbst die Bekanntschaft des Herrn von Cotta und des erst kürzlich daselbst etablierten Buchhändlers Frankh. Ersterem trug ich mein Werk, das schon ziemlich weit gediehen war, an, und er war geneigt, auf dessen Verlag einzugehen, verschob jedoch einen definitiven Abschluß auf später, da er in demselben Augenblick mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt war und auch mehrere Reisen vorhatte. Frankh war noch nicht in den Verhältnissen, auf ein solches Unternehmen eingehen zu können, ersuchte mich aber, die Memoiren der Miß Henriette Wilson für ihn zu übersetzen, was ich auch übernahm. In Stuttgart und besonders in dessen Umgebung hatte es mir sehr gefallen, namentlich auch in Ludwigsburg. Auf der kleinen Insel zu Monrepos begegneten mir an der Kapelle daselbst zwei Damen, von denen die jüngere, die kaum fünfzehn Jahre zählen mochte, einen hohen Anstand und unendliche Anmut verriet, einen herrlichen Wuchs hatte und einen Elfentritt zu haben schien, dabei das schönste lieblichste Gesichtchen, das man sich denken kann. Die ältere, eine Frau bei Jahren, die ich für die Mutter hielt, zeigte ebenfalls durch ihre Haltung und Manieren, daß sie einem Stande angehören müsse, der sich gewöhnlich durch die feinste Bildung, eine edle Unbefangenheit und ungezwungenes Wesen verrät. Ehrerbietig grüßend ging ich an den Damen vorüber, die mir artig dankten, und in die Einsiedelei. Als ich von derselben zurückkam, saßen beide auf einer Ruhebank am Weg. Gar zu gern hätte ich sie angesprochen, wagte es indessen nicht, da mich eine, mir nicht zu erklärende Scheu zurückhielt. Ich bemerkte jedoch, daß mir die Jüngere lange mit unverwandten Augen nachgesehen, und als ich im Gebüsch verschwand, hörte ich sie einige mir unverständliche Worte zu ihrer Begleiterin sprechen. In meinen Kahn gestiegen, der mich wieder an das Schlößchen Monrepos bringen sollte, fragte ich den Schiffer, ob er nicht wisse, wer die beiden Damen seien, die sich jetzt auf der Insel befänden. Er wußte es aber nicht zu sagen, da er sie nicht gesehen, auch keine übergefahren haben wollte.

Den Rest des ganzen Tages brachte ich fast ganz in dem Park zu Ludwigsburg zu, auf einer Ruhebank unter der Emmrichsburg sitzend und fortwährend über die zu Monrepos gehabte Erscheinung nachsinnend. Ich fuhr endlich den Abend nach Stuttgart zurück, wo ich dem Grafen Lusi, dem Sohne des Gesandten Lusi zu Potsdam, der damals königlich preußischer Geschäftsträger am württembergischen Hof war, und dem ich einen Besuch gemacht hatte, davon erzählte, der mir aber ebensowenig Auskunft geben konnte, wer die Damen wohl gewesen sein mochten. Zwei Tage darauf reiste ich über Pforzheim und Karlsruhe nach Mannheim zurück, immer noch das Bild der schönen Unbekannten von der Insel im Gedächtnis habend, und obgleich ich in Mannheim nicht weniger als einem halben Dutzend Schönen den Hof machte, so hinderte mich dies doch nicht, von Zeit zu Zeit voll Sehnsucht an die Unbekannte auf der Insel zu denken. Im Juli reiste ich nach Baden-Baden, um daselbst einen Teil der Sommersaison zuzubringen. Bevor ich dahin abging, hatte ich mit C... eine Martingale für das Roulettespiel berechnet, durch welche man einen Taler oder Napoleon, gleichviel nachdem man setzte, bei jedem Coup gewinnen mußte, solange man nicht gesprengt wurde. Das Verhältnis war eins, drei, sieben, fünfzehn, sechsunddreißig, achtzig und zweihundert, wobei vom dritten Coup an die Zeros jedesmal verhältnismäßig gedeckt werden mußten. Wir hielten beide die Sache für unfehlbar und glaubten, daß man nicht öfter gesprengt werden könne, als bis man das Doppelte gewonnen. Ich reiste mit ungefähr hundertfünfzig Napoleons ab, alles, was ich noch hatte zusammenscharren können, in der Hoffnung, mit wenigstens fünfzigtausend Gulden zurückzukommen. In Baden angelangt, stieg ich in der ‚Goldnen Sonne‘ ab und nahm mir kaum die Zeit, mich umzukleiden, um in den Spielsaal zu eilen und meine Operationen zu beginnen. Im Anfang ging die Sache auch vortrefflich. Ich begann mit kleinen Talern und zog für jeden Coup, oft nachdem vier bis sechs verloren waren, meinen kleinen Taler. Nun setzte ich Brabänter und endlich Dukaten. Bereits hatte ich deren schon über vierzig gewonnen, als ich das erstemal mit zweihundert gesprengt wurde. Ich begann nun mit dem wenigen Geld, das mir noch übrig blieb, wieder mit kleinen Talern zu spielen, ward aber bald wieder gesprengt und verlor endlich, Vierziger setzend, noch den Rest meines Geldes bis auf ein paar Gulden. So war ich denn auf einmal von allen meinen Himmeln herabgefallen, verließ die Spielsäle mit gewaltig hängenden Flügeln, um in den Anlagen frische Luft zu schöpfen. Auf einer etwas abgelegenen Bank wurde mir erst das Schreckliche meiner ganzen Lage recht klar. Nicht mehr so viel Geld in der Tasche, daß ich an eine Rückreise hätte denken können, auch dem Wirt schon eine Zeche schuldig, wo ich mir zwei Zimmer auf einen Monat gemietet hatte, war es mir doch nicht so ganz einerlei, und ich wußte nicht, wie ich mich noch aus dieser Klemme ziehen würde. An meine Eltern konnte ich, deren pekuniäre Lage kennend, unmöglich mehr Ansprüche machen. Ich schrieb an C..., von dem ich aber die trostlose Antwort erhielt, daß er sich selbst in der hochnotpeinlichsten Geldverlegenheit befinde. Einstweilen machte ich mich mit dem Grauen des Tages an die Übersetzungen für Frankh, so daß ich binnen acht Tagen eine sehr bedeutende Partie Manuskript nach Stuttgart abzuschicken imstande war, mit der ich zugleich bat, eine Anweisung von ein paar hundert Gulden von mir honorieren zu wollen, was Frankh auch tat, und so war ich wenigstens aus der dringendsten Verlegenheit. Aber während der acht bis zehn Tage, wo ich fast gar keinen Heller Geld mehr in der Tasche hatte, war es mir denn doch manchmal nicht ganz wohl. Nun ging ich wieder in die Spielsäle, aber jetzt nur mit äußerster Vorsicht spielend, und gewann wirklich ein paar hundert Taler, mit denen ich mich freudig wegbegab. Noch ein paarmal war mir das Glück so günstig, daß ich bald über tausend Gulden hatte, und nun nie mehr als ein paar Dukaten wagte. Herr von Cotta, der sich auch in Baden eingefunden, wo er ein eigenes Hotel besaß, trug mir auf, einige Artikel ins Morgenblatt über die hiesige Saison zu schreiben. Da ich in denselben den Spielpächter Chabert, der damals die dortige Spielhölle in Pacht hatte, und noch einige andere Dinge ein wenig stark mitnahm, so gab dies in der Badewelt zu Baden gewaltigen Rumor. Man glaubte, Robert, der als Korrespondent des Morgenblattes bekannt war, habe die Artikel geschrieben, und wollte diesem deshalb zu Leibe; nur mit genauer Not entging er einer Prügelei. Was die Saison sehr glänzend machte, war der Aufenthalt des Königs Maximilian von Bayern und seines Hofes. Es gab Feste über Feste, Partien in das herrliche Murgtal, Beleuchtung des alten Schlosses, Bälle, bei denen bayrische Prinzessinnen die Hauptrolle spielten, und so weiter. Dritthalb Monate hatte ich in Baden, die ersten vierzehn Tage abgerechnet, wo ich mich in Finanznöten befand, recht vergnügt zugebracht, und reiste von hier nach Frankfurt, wo ich einige Tage bei den Meinigen verweilte, über Mainz und Worms nach Mannheim zurück, wo ich C... mit seiner Familie in großer Traurigkeit fand und mir derselbe erklärte, daß seine Position in Mannheim nicht mehr lange haltbar sei. Unter solchen Umständen fand ich es für passend, da er ohnehin eine sehr starke Familie, sechs Kinder, hatte, eine andere Wohnung zu beziehen. Ich mietete nun bei der Schauspielerin Rüppel ein, einer Schwester der berühmten Lindner, wo ich auch den Tisch und eine recht unterhaltende Tischgesellschaft hatte, unter der ein Dragoneroffizier, Herr von Schweizer, und ein junger Artaria war. Einen Hauptgegenstand der Unterhaltung bildete das Theater und dessen Direktion, die damals ein Graf Luxemburg leitete, der eine Mätresse Napoleons geheiratet, die einen Sohn, Graf Leo genannt, der in Heidelberg studierte, von diesem hatte.

Indessen ließ es mich nicht mehr lange in Mannheim weilen. Hier hatte ich, wie gesagt, keine Hoffnung, endlich mein großes historisches Werk, an dem ich, so oft ich Muße hatte, arbeitete, an das Tageslicht treten zu sehen. Stuttgart, wohin mich die daselbst durch die Einsicht des sehr rechtlichen und vernünftigen Königs sehr freie Presse, und noch ein gewisses Etwas, das ich mir selbst nicht zu erklären vermochte, zog, war der Ort, den ich am passendsten für meinen Zweck hielt. C... hatte mir beim Abschied gesagt, daß er mir bald nachfolgen würde, indem für ihn in Mannheim nichts mehr zu tun sei.

Es ist unglaublich, mit welchen unbedeutenden Dingen man so eine deutsche Residenzstadt wenn nicht in Aufruhr, so doch in Bewegung setzen kann. Ich trug damals einen hier noch nicht gesehenen sogenannten Carbonarimantel, schwarz, mit rotem Samt ausgeschlagen, und goldenen Quasten, den ich mir kurz vorher in Paris hatte machen lassen. Dieses Kleidungsstück, unter dem ich gewöhnlich einen polnischen Rock trug, machte, daß sich die ganze Stadt von meiner werten Person unterhielt und die albernsten Märchen über dieselbe erfand. Bald sollte ich der natürliche Sohn, ich weiß nicht, welches großen Herrn, bald gar ein englischer Reiter, wahrscheinlich, weil ich viel ritt, und die Götter mögen wissen, was alles, sein. Ritt oder ging ich an einem Haus vorüber, husch, waren Gesichter an allen Fenstern, das fremdartige Wundertier zu begaffen, und dies dauerte eine geraume Zeit, bis man endlich dahinter kam, wer ich denn eigentlich sei, nämlich ein literarischer Vagabund, gebürtig aus Frankfurt am Main, den man in Mainz wegen demagogischer Umtriebe, so hieß es, ausgewiesen, und so weiter. Ich hatte mir schon viel von den guten Schwaben erzählen lassen, aber so arg es mir denn doch nicht gedacht. Die Stuttgarter Kleinstädterei übertraf fast noch die meiner Vaterstadt, und wahrhaftig, das will viel sagen.

Herrn von Cotta hatte ich wieder aufgesucht und ihm von dem Verlag meines historischen Werkes gesprochen. Er war noch immer ganz dafür, machte aber fortwährend Geschäftsreisen, bald nach Paris, London, Berlin, und schob die Sache hinaus. Die Metzlersche Buchhandlung lehnte den Verlag ab, nur Frankh zeigte sich sofort zur Unternehmung desselben bereit, schien mir aber nicht zuverlässig genug, nahm auch zu große Vorteile für sich in Anspruch. Ich hatte nach Beendigung der Übersetzung der Memoiren der Miß Wilson, die der Denkschriften Riccis für Frankh übernommen, die in französischer Sprache, mit sehr vielen langen Anmerkungen und Dokumenten in der italienischen, herausgekommen waren. Frankh, der jetzt schon, nachdem ihm einige Verlagsartikel geglückt waren, die Rolle eines Cotta spielen zu wollen anfing, der er bei seinen sehr beschränkten Geistesfähigkeiten so wenig gewachsen war, so daß ich ihn mit dem sich zum Ochsen aufblasen wollenden Frosch der Fabel verglich, und vornehm gelehrt tat, wünschte, daß ich die gedruckten Korrekturbogen der Übersetzung mit ihm durchgehen möchte. Er empfing mich mit einem bunten großbeblümten Schlafrock, aus einer langen türkischen Pfeife rauchend, und wir lasen zusammen, oft in Gegenwart eines anderen Schriftstellers, unter anderen auch Hauffs, den ich häufig bei ihm traf, da er ebenfalls die Korrekturen seiner Werke, die er bei ihm verlegte, mit ihm las. Frankh, um sich ein gelehrtes Ansehen zu geben, hatte sich angewöhnt, von Zeit zu Zeit mechanisch zu sagen: „Meinen Sie nicht, daß man dies doch anders hätte geben können?“ „Ich glaube nicht,“ war meine Antwort. Das Komischste dabei war, daß er fast kein Wort Französisch verstand, aber doch behauptete, obgleich ihm das Sprechen nicht geläufig sei, französische Werke mit derselben Leichtigkeit wie deutsche zu lesen. Da ich nun von dem Gegenteil längst überzeugt war, so sagte ich eines Tages zu Hauff, als Frankh einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte: „Geben Sie acht, jetzt will ich einmal unsern Herrn Verleger tüchtig aufs Eis führen.“ Als Frankh nun wieder seine stereotype Phrase: „Meinen Sie nicht, daß man dies anders hätte geben können?“ anbrachte, reichte ich ihm das Original hin, auf eine ganz andere Stelle deutend, als die, von der gerade die Rede war, und sagte ihm: „Da sehen Sie selbst, wie wäre dies anders zu geben gewesen.“ Frankh murmelte ein paar unverständliche Worte in den Bart, gab mir das Buch zurück und sagte: „Nein, Sie haben recht, man kann es nicht wohl anders geben.“ Jetzt konnte sich Hauff, der wußte, daß die fragliche Stelle auf einer ganz anderen Seite stand, kaum mehr des Lachens enthalten, und ebenso erging es auch mir. Frankh fragte, was wir hätten, ohne jedoch den Streich noch zu ahnen, den ich ihm gespielt. Er erfuhr es aber bald darauf durch die dritte Hand, da Hauff den Vorfall seinen Bekannten mitgeteilt hatte. Wir waren nun brouilliert, und ich sandte ihm Riccis Werk, von dem ich erst den ersten Band übersetzt hatte, zurück. Ich gab jetzt einstweilen ein belletristisches Blatt in Stuttgart heraus, welches manche der dortigen Zustände, namentlich auch die Vorurteile des Erbadels etwas stark mitnahm, sowie die Vorstellungen der dortigen Bühne kritisierte, die damals, Oper wie Schauspiel, ganz vorzüglich besetzt war. Nicht sehr lange nach meiner Ankunft in Stuttgart glaubte ich eines Abends in einer Loge im ersten Rang zu meiner größten Verwunderung die junge schöne Dame zu erkennen, die ich auf der Insel zu Monrepos den vergangenen Sommer zuerst gesehen und die einen so großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Um Gewißheit zu erlangen, daß es dieselbe sei, verfügte ich mich in eine Loge, die so nahe, als ich sie haben konnte, bei der war, in welcher sich meine Unbekannte befand. Auch sie hatte mich gleich bei meinem Eintritt in die Loge wieder erkannt, wie ich deutlich aus der zusammenschaudernden Bewegung wahrnehmen konnte, die sie machte, als sie mich erblickte. Ich begab mich aber bald darauf wieder ins Parterre, nachdem ich zu meinem Mißvergnügen den Rang erfahren, den die Dame einnahm, und der mich an keine Annäherung derselben denken ließ, denn ich war ja nicht mehr in Italien oder Frankreich, sondern in Deutschland, und zwar in Schwaben. Doch hatte sich das schöne Bild von neuem mir eingeprägt und wich nicht von meinen Augen, trotzdem ich mich mit mehreren anderen weiblichen Wesen recht sinnlich zu zerstreuen suchte. Den dritten Tag nach jenem Theaterabend kam eines Vormittags ein schon etwas ältliches wohlgekleidetes Frauenzimmer zu mir, welches, nachdem es fast verlegen allerlei Umschweife gemacht, damit herausrückte, daß sie mir geheimnisvoll mitteilte, sie komme im Auftrag einer Dame, die mir unendlich wohlwolle und mich zu sprechen wünsche. Sie rückte nun immer mehr mit der Sprache heraus, nannte mir endlich die Dame, nachdem ich ihr zuerst auf das feierlichste die tiefste Verschwiegenheit und Diskretion hatte versprechen müssen, und bestellte mich auf den nächsten Nachmittag gegen vier Uhr in den Park zu Ludwigsburg, wo ich sie wieder sprechen und das Weitere von ihr hören würde. Lange glaubte ich zu träumen. Nachdem sie wieder weg war, war ich nicht imstande, fortzuarbeiten und konnte die kommende Nacht fast kein Auge schließen, so sehr beschäftigte mich die Sache. Den andern Tag ritt ich gleich nach Tisch nach Ludwigsburg, begab mich, mein Pferd im ‚Waldhorn‘ lassend, in den Park, den nicht mehr sehr jugendlichen Postillon d’amour erwartend. Er fand sich noch vor der bestimmten Zeit an dem bezeichneten Platz ein und ich folgte nun meiner vorangehenden Führerin, die mich endlich an einen sehr entlegenen Ort des Parkes führte und mir eröffnete, daß ich mich noch diesen Abend nach Mitternacht wieder daselbst einzufinden hätte, wo sie mich dann an einen Ort führen wolle, wo ich Glücklichster der Sterblichen, wie sie meinte, die seligsten Stunden meines Lebens zubringen würde. Versprechend, daß ich nicht verfehlen würde, mich einzustellen, entfernte ich mich, dankend Abschied nehmend, und ritt nach Stuttgart zurück. Als zehn Uhr vorüber und in meinem Haus schon jedermann in den Federn war, schlich ich mich leise die kleine, zu meinem Zimmer führende Hintertreppe hinab in den Stall, sattelte mein Pferd selbst, führte es hinaus und trabte, ohne mich aufzuhalten, nach Ludwigsburg. Daselbst angekommen, band ich das Pferd an einen Baum und eilte an den Ort, wo ich die Führerin treffen sollte. Kaum hatte die Turmuhr Mitternacht verkündet, so erschien sie auch und führte mich an einen besonders abgeschlossenen Raum des Parkes, dessen Türe nur angelehnt war, zu einem kleinen Häuschen, in welchem eine weißgekleidete, in einen großen Schal gehüllte Nymphengestalt auf einer Bank saß. Es war die junge Dame der Insel, die, als ich eintrat, aufsprang und die, in meinen Armen liegend, mich glühend umfing. Zwei Uhr nach Mitternacht war vorüber, als ich mich wieder auf dem Heimweg nach Stuttgart befand, wo ich mein Pferd ebenso unbemerkt wieder in den Stall führte, absattelte und mich dann ebenso in meine Wohnung schlich. Niemand hatte diese Abwesenheit wahrgenommen. Nach Übereinkommen wiederholte ich den folgenden Abend denselben Besuch ganz auf dieselbe Weise und ebenso unbemerkt, und hatte so eine Reihe von seligen, glücklichen Nächten, mich immer mit einem: „Auf morgen mehr!“ verabschiedend. Doch auch dies sollte mit der Zeit ein Ende nehmen. Man hatte mir zwar eine Entführung nach Frankreich und England öfters und sehr dringend vorgeschlagen, aber das höchst Gefährliche des Unternehmens und den Weltskandal, welchen ein solches Ereignis notwendig hätte machen müssen, abgerechnet, so sah ich auch ein, daß eine Ehe unter solchen Verhältnissen später, wenn sich erst die Übersättigung eingestellt haben würde, nimmermehr eine glückliche hätte sein können. Ich wohnte später den glänzenden Hochzeitsfeierlichkeiten meiner Geliebten bei, der ich selbst zu der für sie sonst ganz passenden Vermählung recht sehr geraten hatte.

Das Ballett war damals in Stuttgart auf einem so hohen Glanzpunkt, daß es mit dem der großen Opern zu Paris hätte rivalisieren können. Die Familie Taglioni war dabei angestellt, und die junge Taglioni, gerade im Aufblühen begriffen, doch schon eine vollendete Künstlerin, schien auf der Bühne eine wahrhaft ätherische Gestalt. Der Abend eines Rajah, Joko, Aglaë, Zemire und Azor und so weiter waren Ballette, wie ich sie nicht schöner und glänzender auf einer anderen Bühne gesehen hatte. Taglioni Vater wußte sie sehr geschmackvoll in Szene zu setzen, und die eigens dazu vom Kapellmeister Lindpaintner komponierte treffliche Musik verlieh ihnen noch einen eigenen Reiz. Auch Opern dieses ausgezeichneten Komponisten, namentlich sein ‚Vampyr‘ und so weiter waren herrliche, sehr genußreiche Darstellungen. Frankh hatte damals ein Wochenblatt unter dem Titel ‚Die Stadtpost‘ unternommen, zu dessen Redakteur er einen verunglückten Studenten, den Sohn des Rektors Z..., engagiert hatte. Dieses Blatt enthielt fast nur die allergemeinsten Stadtklatschereien, war in dem Stil der Hökerweiber geschrieben und unterfing sich sogar, die Leistungen der Künstler der Stuttgarter Bühne in Afterkritiken beurteilen zu wollen, die natürlich nicht anders als höchst burlesk ausfallen konnten und von der krassesten Ignoranz zeigten. Ich hatte eines Tages auf einem Maskenball im Redoutensaal einen unbedeutenden Wortwechsel mit einem Schauspieler D... Nun kam der Redakteur der ‚Stadtpost‘ auf den unglücklichen Einfall, die Sache ganz entstellt in sein Blatt zu bringen und dazu noch einige andere, mich betreffende Klatschereien, die auf Wachtstuben oder in Kneipen erfunden worden, aufzunehmen. Ich nahm mir die Mühe nicht, diese Albernheiten zu widerlegen, sondern das Getriebe des Redakteurs in einigen Artikeln zu beleuchten, namentlich auch die seinsollenden Theaterkritiken dieses Blattes, und schloß mit den Worten: „Eines Morgens werden wir hören, daß der Redakteur der ‚Stadtpost‘ sein Bündel geschnürt habe und, den Wanderstab in der Hand, zum Tor hinausmarschiert ist.“ Ich hatte gut prophezeit; schon den nächsten Tag hatte Frankh dem unglücklichen Redakteur die Redaktion des Blattes abgenommen, und zwei Tage darauf war derselbe, mit dem Ränzchen auf dem Rücken, auf dem Wege nach Augsburg. – Ein komischer Vorfall gab den guten Stuttgartern abermals Stoff zu mehrwöchentlicher Unterhaltung. Ich hatte nämlich ein Reitpferd, das anfing, auf den Vorderfüßen etwas schwach zu werden, an einen Juden namens W... gegen Battist zu Hemden vertauscht und noch eine Summe daraufbezahlt. Als der Handel geschlossen war, nahm der Jude das Pferd aus dem Stall und setzte sich darauf, um heimzureiten. Auf dem Charlottenplatz angekommen, wo ich an einem gewissen Haus das Pferd fast immer einige Kapriolen hatte machen und traversieren lassen, war dasselbe dies so gewöhnt, daß es, ohne dazu angefeuert zu werden, allerlei Sprünge machte, und da der Jude nicht reiten konnte, so hielt er sich an den Zügeln und klemmte sich mit den Beinen fest, so daß das Tier nun noch weit größere Sätze machte, endlich seinen ungeschickten Reiter abwarf und in gestrecktem Galopp wieder in seinen alten Stall rannte. Der Jude kam hinterdrein gehinkt, behauptete, der Handel sei nicht gültig, das Tier könne niemand reiten, er müsse sich im Innern des Leibes einen Schaden getan haben, und ich müsse ihm wenigstens noch ein Schmerzensgeld von einigen Dukaten nachzahlen. Lachend erwiderte ich, daß ich ihm mit dem Pferd nicht auch die Kunst des Reitens verkauft habe, mich habe es noch nie abgeworfen. Er drohte, mich verklagen zu wollen, worauf ich ihm sagte, daß ich dies nicht hindern könne, und lächelnd hinzufügte, daß ich ihm noch zwei Dukaten zahlen würde, wenn er sie durch seine Tochter, eine ausgezeichnete orientalische Schönheit, abholen lassen wolle. „Ä Mann, ä Wort,“ rief der Jude vergnügt aus, „ich schicke se Ihne morge früh.“ Ich war es zufrieden, und W... holte abermals das Roß aus dem Stall, führte es aber diesmal hübsch am Zaum, statt sich daraufzusetzen, und hinkte mit ihm fort. Den anderen Morgen kam das schöne Rebekkchen wirklich auf mein Zimmer, um die zwei Dukaten in Empfang zu nehmen, aber – in Begleitung ihrer Mutter, die ich indessen unter dem Vorwand, mir doch Zeug zu Beinkleidern holen zu wollen, zu entfernen suchte, wozu sie in der Hoffnung eines nochmaligen kleinen Gewinstes sich auch gleich bereitwillig fand. Unterdessen mußte mir Rebekkchen für jeden Dukaten wenigstens ein Dutzend Küsse geben und noch obendrein einen Empfangschein schreiben, wogegen ich ihre Küsse ebenfalls schriftlich und mündlich quittierte, und der nach einer guten Viertelstunde zurückkehrenden Mama wirklich ein Paar Hosen, und zwar ohne zu handeln, abkaufte. Beide verließen mich, indem die Mutter sagte: „Es ist doch ein generöser Herr,“ und die Tochter: „Ja, er hat mer auch noch än Quittung geschrieben.“ Das einfältige Mädchen zeigte sie sogar ihren Bekannten und wurde natürlich ausgelacht. Auch diese Geschichte kam mit allen möglichen Zusätzen unter das nach Neuigkeiten begierige Publikum.

Mein Hauswirt, Herr Sch..., besuchte mich regelmäßig jeden Morgen und blieb oft ein bis zwei Stunden bei mir, mich mit allerlei Stadt- und politischen Neuigkeiten unterhaltend, was mir, besonders später, als ich von meinen nächtlichen Ritten sehr ermüdet war, lästig genug wurde. Eines Tages teilte ich ihm gesprächsweise mit, daß ich schon längst an einem historischen Werk arbeite, wozu ich bis jetzt noch keinen Verleger hätte finden können; Herr von Cotta sei zwar entschlossen, schiebe aber die Sache solange hinaus; Frankh wolle es auch herausgeben, aber mit diesem könne ich mich nicht vereinigen, er sei mir zu unzuverlässig, und Herr Ehrhardt, der Inhaber der Metzlerschen Buchhandlung, habe es ganz abgelehnt; ich wolle daher einen Versuch in München machen. „Aber können Sie es denn nicht selbst herausgeben?“ fragte mich jetzt Sch... „Nicht wohl, denn erstens bin ich kein Buchhändler, und dann, wenn ich mir auch wohl den Selbstverlag und die Expedition zutraute, so habe ich die Mittel nicht dazu.“ „Bedarf es denn so viel Geld?“ „Immer eine Summe von vier- bis fünftausend Gulden, um es in Gang zu bringen.“ „Nun, das wäre ja die Welt noch nicht und das Geld wohl noch aufzutreiben; und Sie glauben, daß damit etwas zu verdienen wäre?“ „Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht wenigstens einige tausend Gulden dabei herauskämen.“ „Nun, wissen Sie was, wir wollen es zusammen anfangen, ich schieße das Geld vor.“ „Sie scherzen.“ „Nein, in allem Ernst.“ Sch... verließ mich nun und kam ein paar Minuten darauf mit einem Sack Geld wieder zurück, indem er sagte: „Hier sind einstweilen fünfhundert Gulden, fangen Sie an.“ Ich lachte und widerte: „Wohlan, wenn es Ihnen ernst ist, so sehen wir uns vor allem nach einem guten Drucker um.“ Ich schlug den alten Wolters vor, der meine Zeitschrift druckte, mit dem ich auch noch den nämlichen Tag die Bedingungen abmachte. Ich ließ nun sogleich den Druck des Werkes beginnen und beeilte ihn, damit so bald als möglich die erste Lieferung verschickt werden konnte, schrieb auch eine sehr einladende Anzeige dazu, die ich in einigen vierzig Zeitschriften abdrucken ließ. Nachdem zwei bis drei Lieferungen erschienen waren, zeigte sich schon der Erfolg, der über alle Erwartung war. Die Bestellungen kamen in solcher Menge, daß schon bei der vierten Lieferung eine zweite Auflage der drei ersten, die auch zweitausend stark war, gemacht werden mußte, und ich ließ nun viertausend drucken. Aber in weniger als sechs Monaten reichte auch diese nicht mehr hin. Es mußte eine dritte Auflage veranstaltet werden, und nun wurden sechstausend aufgelegt, die in wenig Monaten auf das Doppelte erhöht werden mußten, so daß das ganze Werk einen ganz ungewöhnlichen Ertrag versprach und auch wirklich abwarf. Als dasselbe einen so ungeheuren Erfolg hatte, gab sich Frankh alle mögliche, aber, wie man wohl denken kann, vergebliche Mühe, es an sich zu bringen. Später zog ich mich mit einer Aversionalsumme von vierzigtausend Gulden, das Unternehmen hatte weit über hunderttausend Gulden eingetragen, von dem Geschäft zurück.

Da ich eigentlich noch nirgends Bürger war, denn in Frankfurt ist man als Sohn eines Bürgers noch nicht Bürger, sondern wird es erst, nachdem man sich förmlich dazu gemeldet, unzählige, zum Teil sehr lächerliche, aber auch sehr kostspielige Formalitäten erfüllt hat, und doch eine Heimat als Bürger haben mußte, wie mir bei mehreren Vorfällen in Stuttgart und anderswo klar geworden, so kam ich nun in Frankfurt, wie es die dortigen Gesetze wollen, bei dem hohen Senat vermittels eines Sachwalters um das Bürgerrecht daselbst ein. Aber sollte man es wohl glauben, die Dummheit dieser Väter des Vaterlandes ging so weit, daß es mir rund abgeschlagen wurde. Man hatte in der Senatssitzung, in welcher die Sache vorkam, geäußert: „Ich sei ein zu gefährlicher Mensch!“ Als ich aber dennoch auf meiner Annahme beharrte, auch all die erbärmliche, lächerliche und kostspielige Umstandskrämerei, bei der es hauptsächlich auf Prellereien abgesehen ist, endlich geordnet und ich hierauf in Frankfurt erschienen war, begab ich mich an dem festgesetzten Tag, zur bestimmten Zeit, elf Uhr vormittags, zur Eidesleistung auf den Römer. Ich mußte über eine halbe Stunde auf die Ankunft des Bürgermeisters warten. Endlich ungeduldig, fragte ich nach demselben, worauf man mir erwiderte, daß der Herr Bürgermeister im Begriff sei, ein paar fremden Herren den Kaisersaal und andere Merkwürdigkeiten des Römers zu zeigen. Da riß mir der Faden der Geduld und ich sagte zu einer der Ordonnanzen: „Gehen Sie und sagen Sie dem Herrn Bürgermeister, daß ich schon über eine halbe Stunde auf ihn warte, um den Eid zu leisten, und wenn er nicht gleich komme, ich unbeeidigt wieder weggehe. Die Bürgermeister werden nicht dafür bezahlt, um den Lohnlakai zu machen, und die Bürger, die sie bezahlen, so ungebührlich warten zu lassen.“ Das letztere hatte zwar die Ordonnanz nicht ausrichten sollen, tat es aber dennoch ungeheißen. Wenige Minuten darauf trat der Bürgermeister, mit einem Gesicht so rot wie der Kamm eines Hahnes, in das Kanzleizimmer und redete mich zornentbrannt mit den Worten an: „Wissen Sie, daß ich Sie kann arretieren lassen?“ „Wenn Sie das Recht dazu zu haben glauben, so probieren Sie es, Herr Bürgermeister!“ „Den Eid!“ rief nun die bürgermeisterliche Herrlichkeit wutentbrannt, stotterte mir denselben vor, ich sprach ihn ruhig nach und empfahl mich dann. So war ich nun mit allem Fug und Recht ein Frankforter Borjer, also eine sehr respektable, und wie die Frankfurter glauben, auch höchst wichtige Person geworden. „Ja, wenn ich nur was davon hätt’!“ sagt, glaub’ ich, Staberl. Ich eilte jetzt nach Stuttgart zurück, wohin mich meine literarischen und andere Beschäftigungen riefen, und blieb bis zur Beendigung meines historischen Werkes (1830) daselbst.

Ende.