Ein wenig sonderbar war es mir doch zumute, als ich Frankreichs Hauptstadt, in der ich so manches Abenteuer bestanden, so manches Vergnügen genossen, verließ und im Rücken hatte.
Erst in Turin beschloß ich Rasttag zu halten, um meinen etwas zusammengerüttelten und steif gewordenen Knochen einige Ruhe zu gönnen. Ich fuhr durch die schnurgeraden Straßen in ein Albergho, wo ich mich sogleich niederlegte und erst erwachte, als Mittag längst vorüber war. Ich machte meine Toilette und schickte mich an, die Sehenswürdigkeiten der schönen Stadt zu besuchen. Die Neustadt ist vielleicht die schönste Stadt Europas. Von allen Städten, die ich kenne, kann sich nur ein Teil von Berlin und Nancy mit ihr messen. Zur Nachtzeit werden Schleusen losgelassen, welche die Straßen reinigen, die dann wie abgewaschen sind. Die Festungswerke sind bedeutend; die Zitadelle, ein regelmäßiges Fünfeck, ist eine der stärksten Festen, die es gibt; auch schöne Promenaden sind in der Nähe der Stadt. Übergroße Müdigkeit und Bedürfnis nach Ruhe machte, daß ich Turins Herrlichkeiten nur sehr oberflächlich sah und die meiste Zeit in meinem Zimmer auf einem Ruhebett zubrachte. Den dritten Tag nach meiner Ankunft setzte ich meine Reise fort. In Pesaro suchte ich die Eltern der Madame Bonnier auf, denen ich die Briefe, welche mir ihre Tochter an sie mitgegeben, überlieferte. Sie wollten anfänglich wenig von ihr wissen und sagten, die Sünde ihrer Tochter, das Kloster verlassen und geheiratet zu haben, sei ein ewiger Schimpf für die ganze Familie, eine unvertilgbare Schande, denn so etwas sei noch nicht erhört worden, so lange es Christen gebe. Ich suchte die Leute deshalb zu beruhigen und eines Bessern zu belehren, aber meine Bemühungen halfen wenig, obgleich ich ihnen sagte, daß ich, als Helfershelfer bei der Geschichte, gerne die ganze Sünde auf mich nehmen wolle. Indessen brachte ich es endlich doch dahin, daß mir der Vater versprach, wenn sich eine passende Gelegenheit fände, er in Gottesnamen sein ungeratenes Kind kommen lassen wolle. Dies war freilich wenig Zuverlässiges, und ich erwiderte, daß es gewiß besser sei, wenn jemand von der Familie nach Paris reise, die Dame abzuholen, worauf mir aber ganz trocken geantwortet wurde, daß dies die Umstände nicht gestatteten. Ich empfahl mich nun ziemlich frostig, schrieb sogleich an Angelika das Resultat meiner Bemühungen und gab ihr den Rat, nicht weiter zu ihren Anverwandten zu verlangen, da dies herzlose Menschen seien, die ihr das Leben zur Hölle machen würden. Sie befolgte diesen Rat, wurde bald darauf Witwe, ihr Gatte, den sie nicht wieder gesehen, blieb in der Schlacht bei Salamanka; 1814 fand ich sie in Lyon als die Geliebte des Generals Albert, der früher als Augereaus Adjutant eine Anverwandte der Familie d’Orville, eine Mademoiselle Fuchs, in Offenbach geheiratet hatte.
In Rom angekommen, stattete ich dem General Miollis mündlich Bericht über alle in seinen Interessen getanen Schritte ab und setzte ihm die Unmöglichkeit auseinander, durch die mir eröffneten Kanäle und Instruktionen die gewünschte Absicht zu erreichen. Andere Demarchen, die er zu demselben Zweck durch einen Bataillonschef in Paris machen ließ, hatten noch schlimmeren Erfolg, denn vom Generalstatthalter in Rom wurde er nun erster Leutnant des Gouverneur général de Rome. Ich fuhr, ohne mich weiter in Rom umzusehen, nach Neapel ab, wo ich gegen Ende September glücklich ankam.
Mein erstes war, mich bei dem Baron Cäsar Dery, Generalleutnant und Kommandant der Garde-Kavallerie, zu melden und dann bei dem Baron Livron, Oberst des Regiments. Bei beiden wurde ich wohl aufgenommen, worauf ich bei alten Bekannten meine Privatvisiten machte. Helene befand sich mit ihrem Mann jetzt auf der Insel Capri, wo ich sie einigemal besuchte, auch kam sie fast jede Woche nach Neapel zu einer Freundin, wo wir dann intime Zusammenkünfte hatten. Bei dem Regiment waren die meisten Offiziere Franzosen, namentlich in den höheren Graden, nur wenige Neapolitaner waren in demselben sowie bei der Garde überhaupt angestellt. Diese, die Casa militare del Re genannt, bestand damals aus dem Stab, einem Generalkommandanten der Infanterie, einem der Reiterei, einem Gardegrenadierregiment, einem Regiment Veliten zu Fuß, einem Bataillon Voltigeurs, der Ehrengarde (Guardia d’onore), den Veliten zu Pferde, den Cavalli leggieri, bei denen ich stand; der Gensdarmeria scelta, der reitenden Garde-Artillerie, dem Train d’Artillerie, dem Genie und der Garde-Marine; auch waren noch Garde-Veteranen und Hellebarden vorhanden. Der Dienst dieser Truppen war im ganzen angenehm und nicht sehr beschwerlich, die Garden selbst standen im guten Ansehen, da sie meistens aus Fremden, hauptsächlich Franzosen zusammengesetzt waren, auch sehr reiche und kostspielige Uniformen, drei verschiedene Kostüme hatten. Die Equipierung kostete viel Geld, und denjenigen Offizieren, die nicht hinlängliche Mittel hatten, half Murats Großmut; er machte ihnen reiche Geschenke an Pferden und Geld. Auch der Hofstaat des Königs von Neapel war jetzt überaus prächtig und glänzend eingerichtet, er bestand aus einem Großmarschall des Palastes mit vier Palastpräfekten, unter denen der Herzog von Circella war, einem Gouverneur der königlichen Paläste, Palastadjutanten, Marescalli degli alloggi; Großkammerherr war der Fürst Colonna mit einem halben Hundert Kammerherren, meistens Principi, Herzoge, Marquis, Grafen und Barone; ein Großstallmeister mit zwanzig Unterstallmeistern, gleichfalls Principi und so weiter. Ein Pagengouverneur mit einem Untergouverneur, ein Dutzend Professoren, unter denen sogar ein Lehrer der deutschen Sprache, ein gewisser Moser, war, einige dreißig Pagen, ein Großjägermeister mit einem halben Dutzend Oberjägermeistern, ein Großzeremonienmeister nebst Zugehör, ein Kardinal-Großalmosenier, ein Bischof von Nola, Oberalmosenier, dreißig Almoseniere und Kapläne, aber noch bei weitem nicht genug, um all die vielen und großen Sünden des Hofes zu absolvieren. Die Königin Karoline hatte außerdem ihren eigenen Almosenier, den Erzbischof von Tarent; ihr Ehrenkavalier war Fürst d’Angri, eine besondere Ehrendame eine Dame d’Atour und ein Viertelhundert Palastdamen, unter denen die berühmtesten Namen Italiens, wie die Doria, Colonna, Imperiali, Spinelli, Carignani und so weiter figurierten, die wunderschöne Herzogin von Atri (Giuglietta Colonna) und die nicht minder schöne Marchesa Cavalcanti, auch eine Catharina von Medicis waren. Die königlichen Kinder hatten ihre Gouverneure, Gouvernanten und so weiter, und in diesem Verhältnis war das zahlreiche Unterpersonal des Hofes organisiert. Zu den größten Hoffesten und Bällen wurde außerdem der zahlreiche neapolitanische Adel, die angesehensten Bürger der ganzen Stadt, alle Garde- und andere anwesende Offiziere gezogen. Außerdem hatte Murat einige dreißig Adjutanten und Ordonnanzoffiziere, unter den letzteren viele Italiener. Das Hofleben war in hohem Grad rauschend, üppig, pompös, und die Toiletten der Damen zeigten eine orientalische Pracht und Verschwendung, wobei die Königin den Ton angab und in mehr als einer Hinsicht das Muster war, nach dem sich ihre Damen und die vornehmen Frauen der Residenz richteten.
Meine Equipierung kostete mich nahe an zehntausend Franken, drei Pferde inbegriffen. Glücklicherweise hatte ich einen ziemlich vollen Beutel mit von Paris gebracht, und wenn es fehlte, half Vetter Moritz aus; übrigens war das Gehalt ansehnlich.
Murat selbst war, als ich in Neapel ankam, noch mit einem Teil der Garde in Kalabrien; er hatte geraume Zeit vor mir Paris verlassen, projektierte eine Landung in Sizilien und hatte deshalb bedeutende Streitkräfte in der Sohle des italienischen Stiefels und der Gegend von Reggio versammelt. Drei französische Divisionen, eine neapolitanische, ein großer Teil der Garden, in allem einige zwanzigtausend Mann, waren bestimmt, das Wagstück zu unternehmen. Lamarque und Partonnaux, welche unter dem König kommandierten, waren mit ihren Divisionen zur Einschiffung bereit, nachdem vorher einige teils glückliche, teils unglückliche Gefechte zur See mit den Engländern stattgefunden hatten. Am Phar von Kalabrien lagen eine große Anzahl Transportschiffe und mehrere Kanonierschaluppen vor Anker. Das Heer kampierte an der Küste der Meerenge von Messina, die Garden und die Reservedivision im Zentrum, Partonnaux befehligte rechts und Lamarque links von Szilla. Eine bedeutende englische Seemacht von fünf Linienschiffen, sechs Fregatten, mehreren Briggs und Kanonierschaluppen hatte sich zwischen dem Phar und Messina aufgestellt, verursachte der neapolitanischen Marine großen Schaden und hatte schon manches Konvoie derselben weggenommen oder versprengt, auch in Amalthea viel Unheil angerichtet. Endlich, nachdem es, den Engländern zum Trotz, gelungen war, eine hinlängliche Anzahl Schiffe in der Nähe des Lagers zu vereinigen und die Äquinoktialstürme den Feind genötigt hatten, sich in die Häfen von Sizilien zurückzuziehen, bestimmte Murat die Nacht vom 17. auf den 18. September zur Landung in Sizilien. Drei Regimenter leichter Infanterie, ein Regiment neapolitanischer Jäger nebst einem Bataillon Korsen wurden gegen Mitternacht eingeschifft und landeten gegen zwei Uhr Morgens zu San Stefano in Sizilien. General Cavaignac, der diese Division befehligte, glaubte, daß ihm der Rest der Armee unmittelbar folgen würde, griff sogleich alle ihm im Wege stehenden Posten an, von denen viele aus Engländern bestanden, die mehrere Regimenter in Sizilien hatten, und marschierte dann mit seiner Kolonne bis Duchessa vor; allein während er sich mit dem Feind herumschlug, war eine gänzliche Windstille eingetreten, wodurch sowie durch die Strömungen im Kanal die übrigen Truppen am Abfahren verhindert wurden. Murat selbst hatte sich eingeschifft und blieb bis zum Tag in seiner Schaluppe. Vergeblich auf günstigen Wind hoffend, ließ er endlich den schon übergesetzten Truppen das Zeichen geben, wieder zurückzukehren. Als der englische General Stuart, der diese Landung für einen fingierten Angriff hielt, überzeugt war, daß die anderen Truppen unmöglich nachkommen konnten, ging er auf San Stefano los, um die ausgeschiffte Division abzuschneiden. Diese Truppen wurden nun handgemein, und Cavaignac mußte sich vor der großen Übermacht Hals über Kopf an das Ufer des Meeres zurückziehen, wo man sich in der größten Unordnung unter dem feindlichen Feuer einschiffte. Zum Unglück war ein großer Teil der Transportschiffe schon wieder an die Küsten von Kalabrien zurückgekehrt, und ein Teil der Division, von Oberst Ambrosia befehligt, mußte die Waffen strecken und sich gefangen geben. Mit einem Verlust von wenigstens eintausendfünfhundert Mann und vielen Verwundeten kamen die Übrigen wieder auf dem festen Land an. Dieser schlimme Ausgang des ersten Landungsversuchs auf Sizilien entmutigte Murat und die Truppen. Kurz darauf machte ein Tagesbefehl dem Heer bekannt, daß Napoleons Verlangen bereits ein Genüge geschehen, indem dessen Absicht nur gewesen sei, die Streitkräfte der Engländer auf diesen Punkt zu ziehen, um die nötigen Verstärkungen unangefochten nach der Insel Korfu schicken zu können, und daß vorerst die Expedition nach Sizilien verschoben werde. Wenige Tage darauf wurde das Lager abgebrochen, die Schiffe und die Garden kehrten nach Neapel zurück, wo auch Murat etwas verstimmt und ungehalten ankam. Über die Ursache der so schnellen Aufgabe dieses Unternehmens wurden mancherlei Vermutungen ausgesprochen, viele wollten sie einem geheimen Befehl Napoleons zuschreiben, der nicht gerne sehe, daß sein Schwager allzumächtig würde und den er schon mit mißtrauischen und neidischen Augen betrachte. Soviel ist sicher, daß seit jener Zeit ein Mißverständnis zwischen den beiden Schwägern bestand, das immer mehr Wurzel faßte.
Um dem noch immer in Kalabrien wenigstens teilweise bestehenden Brigantenunfug zu steuern und ihn endlich auszurotten, nahm die Regierung Murats ein System an, welches hauptsächlich darin bestand, daß man die Einwohner Kalabriens selbst für die in dem Gebiet ihrer Kantone von den Briganten begangenen Untaten verantwortlich machte. Die regulären Truppen wurden jetzt nur noch dazu verwendet, die Einwohner zu zwingen, die Insurgenten selbst zu bekämpfen, zu fangen und auszuliefern, widrigenfalls man sie als deren Helfershelfer ansehen und bestrafen würde. Diese Maßregeln in Ausführung zu bringen, wurden zehn- bis zwölftausend Mann in alle Teile Kalabriens verlegt. Das Dekret, welches deshalb erschien, war sehr streng und grausam, und ließ auch Spielraum zu ungestrafter Befriedigung der Privatrache. Es wurden Listen mit Namen von Familien, als des Einverständnisses mit den Briganten verdächtig, angefertigt, und ein jeder, der ein solches Individuum tötete oder gefangen ablieferte, erhielt eine Belohnung von zwanzig bis fünfundzwanzig Dukati, war es aber ein Brigantenchef, so empfing er fünfhundert Dukati. Wer den Insurgenten oder ihren Helfershelfern irgend etwas, sei es an Nahrung, Kleidung, Munition, Geld und so weiter zukommen oder sie entwischen ließ, wurde augenblicklich erschossen. Der General Manches, ein sehr harter und heftiger Mann, wurde mit der Vollziehung dieses Dekrets beauftragt und vollzog es ohne alle Schonung. Die Folgen waren, daß viele Tausende der Einwohner, sich nicht mehr sicher wähnend oder Privatfeinde habend, nach Sizilien entflohen. Aber diese harte Maßregel hatte so ziemlich den erwünschten Erfolg; das Brigantenwesen hörte bald fast gänzlich auf, und man konnte endlich ziemlich sicher in ganz Kalabrien umherreisen. Freilich waren zahlreiche Familien das Opfer für ein einziges ihrer Mitglieder geworden, das sich etwas hatte zuschulden kommen lassen; denn Eltern, Geschwister und andere Anverwandte mußten das Vergehen des einen büßen. Aber das Land war doch endlich nach fünf Jahren ziemlich beruhigt; so lange hatte der grausame Brigantenkrieg gewährt, eine sich ewig erneuernde Hyder, die unaufhörlich von Sizilien aus alimentiert wurde.
Eines der gefährlichsten Brigantenhäupter war zuletzt der sogenannte Brigantenfürst Baron Bittiglioni gewesen, der mit großer Verwegenheit in Salerno sein Wesen trieb, ohne daß jemand geahnt hatte, daß er einer der Haupturheber der Brigantenstreiche war. Endlich kam man diesem schlauen Fuchs, der alle Gestalten annahm, doch auf die Spur. Er wurde nebst mehreren seiner Offiziere aufgehoben und samt seinem ganzen Anhang zum Tode verurteilt. Viele Individuen aus den ersten Familien zu Neapel waren mit in diese Geschichte verwickelt, und ihre Häupter traf dasselbe Urteil. Murat verwandelte jedoch die Todesstrafe in lebenslängliches Gefängnis oder Kettenschleifen, zehnmal schrecklicher als der Tod. Mit der Rückkehr des alten Königshauses (1815) wurden aber die noch Lebenden wieder frei und sogar belohnt.
Ungefähr zu dieser Zeit war es, daß sich in Kalabrien die berüchtigte Sekte der Karbonari bildete, hauptsächlich durch die erwähnten strengen Maßregeln sowie durch die abscheulichen Grausamkeiten des General Manches hervorgerufen, welche die Einwohner zwangen, sich so geheim als möglich zu verbinden, um dieser Tyrannei das Gleichgewicht zu halten und ihr wo möglich die Spitze zu bieten. Bald hatte sich dieser geheime Bund im ganzen südlichen Italien verbreitet und wurde sogar von dem Polizeiminister Maghella, einem gebornen Genueser, der früher an der Spitze der Polizei der ligurischen Republik gestanden, unter der Hand wenn nicht gerade begünstigt, doch geduldet, wenigstens wollte er durchaus das Bestehen des Bundes ignorieren oder die Sache mindestens als eine unbedeutende Kinderei dargestellt wissen. Irrig ist es aber, daß er der Stifter des Karbonarismus gewesen, wie mehrfach behauptet wurde; ein sizilianischer Edelmann aus Palermo namens Caravante war, wenn vielleicht auch nicht der erste Gründer, doch zuverlässig der Stifter und Verbreiter der Sekte in Kalabrien. Noch immer gab es viele zersprengte Reste der früheren Brigantenbanden, die sich in die unzugänglichsten Wald- und Bergschluchten, von denen sie allein eine genaue Kenntnis besaßen, geflüchtet hatten. Diese wurden nun förmliche Raubmörder und die Plage der Gegenden, in deren Nähe sie sich aufhielten. Die schon bestehenden Karbonari, deren Zweck jetzt war, das Land von der fremden Herrschaft zu befreien und ihm eine möglichst demokratische Verfassung zu geben, wurden vonseiten der Engländer in Sizilien und der dortigen Regierung möglichst unterstützt und ihnen an die Hand gegeben, sich der noch in den Wildnissen vorhandenen Briganten zu ihren Zwecken zu bedienen. Den Namen Karbonari (Kohlenbrenner) erhielten sie, weil sich die ersten Männer dieser Sekte als solche verkleidet in Wäldern verbargen und ihrer Sicherheit wegen und dem Anschein nach dieses Gewerbe trieben; deshalb hatten sie auch ihre Embleme, Benennungen und geheimen Erkennungszeichen von dem Gewerbe der Kohlenbrennerei entnommen, nannten ihre Versammlungsorte Baracca vendita und so weiter, teilten sich nach Art der Freimaurer in verschiedene Grade, anfangs nur in zwei, später in vier ein, und machten den heiligen Theo zu ihrem Schutzpatron. Dies war das erste Entstehen des Karbonarismus, von dem man soviel gefabelt und soviel Albernheiten erzählt hat, und dessen Ursprung man bald in den Hochgebirgen Schottlands vor Jahrhunderten finden, bald von deutschen Köhlern, vielleicht gar von denen, welche den sächsischen Prinzenraub verhinderten, und ähnlichen Dingen ableiten wollte.
Eine Verordnung, welche Murat zu jener Zeit erließ, um sich durch dieselbe unabhängiger von Napoleon und selbstständiger zu machen, besagte, daß in Zukunft alle Ausländer, die in neapolitanische Dienste treten oder in diesen bleiben wollten, das neapolitanische Bürgerrecht erwerben müßten. Als dies der Kaiser der Franzosen erfuhr, wurde er wütend, und dekretierte sogleich, daß allen Franzosen, als Murats Landsleuten, dieses Bürgerrecht von selbst zustände und sie es nicht erst zu erwerben hätten, um Zivil- und militärische Anstellungen im Königreich Neapel bekleiden zu können.
Da ich während meines nun beinahe zweijährigen ununterbrochenen Aufenthaltes in Neapel Murat und seinen Hof sehr genau kennen zu lernen Gelegenheit hatte, so will ich hier in Kürze das Wichtigste und Interessanteste, den König, seine Gattin und die Hofhaltung betreffend, mitteilen.
Murat wurde im Jahr 1767 zu La Bastide Frontonnière bei Cahors geboren, einem Dorf im ehemaligen Perigord und dem jetzigen Departement du Lot, wo sein Vater Gastwirt war und in einigen Geschäftsverbindungen mit der Familie Talleyrand stand. Kaum konnte der Knabe laufen, so saß er auch schon auf den wildesten Bauernpferden ohne Sattel und setzte bald mit diesen über Stock und Stein, Gräben und Hecken. Sein Vater hatte ihn erst zum geistlichen Stand bestimmt und durch Talleyrands Fürsprache eine Stelle im Kolleg zu Cahors für ihn erlangt. Hier machte er aber schon sehr tolle Streiche, und als er von dort nach Toulouse kam, um daselbst den Priesterrock zu erhalten, verliebte er sich, kaum neunzehn Jahre alt, in ein hübsches Mädchen, schlug sich, obgleich er schon ein Abbé-Mäntelchen hatte, um und für seine Schöne, entführte und versteckte sie und sagte hierauf dem geistlichen Stand Valet. Hierauf half er seinem Vater eine kurze Zeit in der Wirtschaft, wo er dessen und die Pferde fremder Fuhrleute in die Schwemme ritt, viel spielte, und zwar so unglücklich, daß er bald genötigt war, La Bastide zu verlassen. Er nahm nun als gemeiner Reiter Dienst in dem zwölften Chasseurregiment. Der Ex-Abbé war einer der schmucksten Kavalleristen im Regiment und wußte sein Roß so trefflich zu tummeln, daß er bald zum Maréchal de Logis (Sergeant) avancierte. Wegen einer Insubordination gegen einen im ganzen Korps verhaßten Offizier, einen Gamaschen- und Zopfheld der alten Zeit, wurde er aber kassiert und mußte das Korps verlassen, brachte wieder eine Zeitlang bei seinen Eltern zu, deren Gäste bedienend, eilte aber, nachdem die Revolution ausgebrochen war, nach Paris, wo er Dienste in der konstitutionellen Garde des Königs nahm, die Partei der Revolutionären mit allem Feuer ergriff und jeden Tag Händel und Raufereien deshalb hatte. Kurz vor der Auflösung dieses Korps wurde er als Unterleutnant zu dem dreizehnten Chasseurregiment versetzt und zeichnete sich bei demselben fortwährend höchst exaltiert für die neue Freiheit aus, so daß man ihm den Namen Marat beilegte, den er einige Zeit führte. Während der Schreckenszeit avancierte er bis zum Rittmeister, und 1794 wurde er Oberstleutnant. Gleich Bonaparte nach dem 9. Thermidor abgesetzt, wurde er mit diesem bekannt, und mit ihm wieder angestellt, unterstützte er ihn den 13. Vendemiaire in der Verteidigung des Konvents. Als Bonaparte Obergeneral der Armee in Italien wurde, nahm er Murat als seinen Adjutanten mit. Durch ihn überschickte er dem Direktorium einige zwanzig den Österreichern abgenommene Fahnen, und da er sich in verschiedenen Gefechten durch seine persönliche Tapferkeit sehr ausgezeichnet hatte, so ward er nun zum Brigadegeneral ernannt und auch bei diplomatischen Verhandlungen, wie am Hof zu Turin wegen des Friedens, zu Genua, wo er es bei dem Dogen durchsetzte, daß dieser den österreichischen Gesandten auswies und so weiter, verwendet. Noch tat er sich durch verschiedene glänzende Waffentaten an der Spitze der Reiterei hervor, war mit Bonaparte auf dem Rastatter Kongreß, wollte durchaus den dort von den österreichischen Husaren auf höhere Anstiftung an dem französischen Gesandten schändlich begangenen Meuchelmord auf das blutigste gerächt wissen, und ging dann nach dem Kirchenstaat ab, dort ausgebrochene Empörungen zu dämpfen. Bald darauf begleitete er Bonaparte nach Ägypten, wo er sich abermals sehr auszeichnete, namentlich bei der Verfolgung der Mamelucken. Bei dem Sturm von Sankt Jean d’Acre verlor er seinen prächtigen Federbusch, den ihm ein Türke abgeschossen hatte und den er lange nicht verschmerzen konnte; besonders da ihn die Türken, in deren Hände er gefallen war, als eine Siegestrophäe betrachteten. Er rächte sich aber glänzend, indem er Laffel entsetzte, die Schlacht am Tabor mitgewann und bei den Pyramiden und in der Nähe von Gizeh über zwölftausend Türken mit seiner Reiterei niedermetzelte von denen einige Tausend in das Meer gesprengt wurden und in dessen Fluten ertranken, wobei aber Murat mehrere Wunden erhielt. Mit Bonaparte nach Frankreich zurückgekehrt, rettete er diesen am 18. Brumaire, indem er mit einer Grenadierkompagnie in den Rat der Fünfhundert drang und diesen auseinander jagte. Zur Belohnung all dieser Dienste gab ihm 1808 Napoleon seine jüngste Schwester, die schöne Karoline, zur Frau, und machte ihn zum Kommandanten der Konsulargarden. Nach der Schlacht von Marengo, wo er die Reiterei befehligte und viel zum Gewinn derselben beitrug, wurde er Gouverneur der zisalpinischen Republik und dann 1804 Gouverneur von Paris, wo er sein möglichstes zur Thronbesteigung seines Schwagers als Kaiser der Franzosen beitrug. Nun wurde er Marschall, kaiserlicher Prinz und Großadmiral von Frankreich. Im Krieg mit Österreich 1805 befehligte er abermals die sämtliche Reiterei, schlug zwölftausend österreichische Grenadiere und nahm sie bei Werdingen gefangen; den Erzherzog Ferdinand verfolgend, drang er nach Böhmen vor, ließ abermals zwölftausend Österreicher die Waffen strecken, und hatte allein zwischen Ulm und Nürnberg ein Dutzend österreichischer Generäle, ein halbes Hundert Kanonen, anderthalbtausend Wagen und an zwanzigtausend Mann gefangen. Er war es, der zuerst in Wien einrückte und dann sehr tätig bei der Schlacht von Austerlitz war. Nun wurde er (1806) Großherzog von Berg, zeichnete sich abermals im Krieg gegen Preußen (1807) aus und wurde (1808) zum General en chef über das in Spanien einrückende Heer ernannt, wo wir ihn bereits kennen lernten. Um ihn für die spanische Krone, die Murat zu erhalten gehofft, zu trösten, machte ihn Napoleon zum König von Neapel und dadurch bald zu seinem erst geheimen, dann offenen Feind. Murat hatte sich in den Kopf gesetzt, daß Napoleon dem zur Expedition gegen Sizilien bestimmten Anführer der französischen Truppen geheimen Befehl gegeben habe, diese zu hintertreiben, und daß deshalb die andern Truppen dem Oberst Cavaignac nicht gefolgt seien, weshalb er die Entfernung der französischen Regimenter aus seinem Reich auf das bestimmteste von dem französischen Kriegsminister begehrte, was ihm aber ebenso bestimmt abgeschlagen wurde. Er sah jetzt in den in französischen Diensten stehenden Generälen und Truppen nur noch Aufpasser, Spione und Vormünder, bestimmt, seine Handlungen zu überwachen und eine Art Obervormundschaft auszuüben; sein Mißtrauen verleitete ihn deshalb oft zu einem kleinlichen Benehmen, das ihm in der öffentlichen Meinung außerordentlich schadete. In diesem Unmut war es, daß er das Gesetz erließ, daß jeder in seinem Reich Angestellte sich naturalisieren lassen müsse, und worauf sein Schwager mit dem erwähnten Dekret geantwortet und noch hinzugesetzt hatte, daß – in Betracht, daß das Königreich Neapel einen Teil des großen Reichs ausmache, der Fürst, der daselbst regiere, aus den Reihen der französischen Armee hervorgegangen und durch französisches Blut auf diesen Thron erhoben worden sei, – Napoleon dekretiere, daß alle französischen Bürger von Rechts wegen auch Bürger von Neapel seien. Der Schlag war geschehen und der Grund zur Feindschaft und zum Haß zwischen den beiden Schwägern gelegt. Murat legte jetzt sein französisches Ehrenkreuz und das große Band desselben ab, und zwischen ihm und seiner Gemahlin, welche leidenschaftlich die Partei ihres Bruders ergriff, gab es häufig sehr heftige und ärgerliche Auftritte; auch wurde sogar das Fest zu Ehren des neugeborenen Königs von Rom bis auf weitere Order in Neapel vertagt. Die Kluft wurde immer größer. Murat wußte, daß ihn sein Schwager in seinem Zorn, wegen der oft phantastischen Pracht seines Kostüms, einen Theaterkönig genannt hatte, sowie daß man ihm wegen seiner Reiterkünste den Namen des Franconi[1] der Armee beigelegt; selbst zu Neapel hörte man ihn öfters Torniero, der Name eines berühmten Stallmeisters, nennen. Als sich der Hof mit dem Beginnen des Sommers (1811) nach Caserta begab, zog sich Murat maulend nach Capo di monte zurück, um sich dem Anblick der ihm jetzt verhaßten Franzosen, die er nicht hatte wegbringen können, zu entziehen. Täglich ließ er sich Polizeiberichte über das Treiben der Fremden einreichen, die er sehr sorgfältig prüfte und wodurch sich sein Mißmut noch steigerte. In der Tat war er freilich nur ein Vasall oder Präfekt des großen Reichs. Von der Königin glaubte er, daß sie geheime Instruktionen von ihrem Bruder habe, nach denen sie handle.
Murats Kleidung war allerdings phantastisch genug, ja bisweilen karikaturenartig. Bald war er als Araber, bald à la Henri IV. gekleidet. Bald trug er ein reiches polnisches Kostüm, bald war sein Anzug aus allen möglichen Ländertrachten, aus den verschiedensten Zeiten zusammengesetzt und so weiter, aber nie durften diamantene Agraffen und die prächtigsten und kostbarsten Federn fehlen, nie hat man ähnliches auf irgendeinem Theater gesehen. Sein Säbel oder Schwert hing in goldenen, mit Brillanten besetzten Ceinturen herab, sein großes stolzes Streitroß hatte meistens einen türkischen Sattel und eine reichgestickte, mit Edelsteinen bedeckte Schabracke von der kostbarsten Arbeit, ebensolches Zaumzeug, Gebiß und Steigbügel von Gold. Seine Federn und Federbüsche kosteten oft über fünfzigtausend Franken in einem Jahr. Da er eine schöne Gestalt hatte, vortrefflich ritt und seine persönliche, an Tollkühnheit grenzende große Tapferkeit allgemein bekannt war, so verglichen ihn seine Schmeichler oft mit dem Achilles, ja nicht selten mit dem Kriegsgott Ares selbst, und seine Gegenwart brachte vor dem Feind immer eine ungewöhnliche Wirkung hervor, so auch bei vielen Damen, die ihn wie einen Halbgott verehrten; doch gab es auch andere, selbst an seinem Hof, die ihn als eine großartige Karikatur betrachteten. Wenn, wie es zur Herbst- und Winterszeit fast täglich der Fall war, in den Nachmittagsstunden die Königin mit ihrem Hofstaat aus den Schloßtoren zur Promenade ausfuhr und diesem Wagen dann Murat zu Pferde mit einer zahlreichen Suite und einer Abteilung der Garde zu Pferde folgte, so war es, als wenn das wilde Heer den Palast verließ, denn wie ein Sturmwind jagte der ganze Zug aus den Pforten über den Schloßplatz, sauste meistens durch Toledo oder nach der Villa Reale zu, und selten, daß nicht ein oder ein paar Reiter stürzten, über welche dann die anderen hinaussetzten. Um die Stunde, in welcher diese höllischen Abfahrten stattfanden, war jedesmal eine große Menge Volk auf dem Platz vor dem Palast versammelt, das grausig-prächtige Schauspiel anzustaunen. Ein einziges Mal war auch mir ein Pferd, jedoch nur auf die Knie gestürzt, erhob sich aber sogleich wieder, und ich raste dem wilden Zug nach.
Die Königin Karoline, damals achtundzwanzig Jahre alt, war noch sehr hübsch, obgleich sie schon vier Kinder gehabt, außerordentlich ehrgeizig, dabei sehr lebenslustig, spann aber ebenso gerne politische wie verliebte Intrigen, hatte viel Verstand, aber wenig Kenntnisse, große Charakterstärke und Energie, aber ihre Unwissenheit in wissenschaftlicher Hinsicht war ebenso groß. Ihr Wuchs war nichts weniger als majestätisch; sie hatte etwas hohe Schultern, zu kurze Beine bei zu langem Leibe, auch war sie eben nicht sehr graziös und spöttelte gerne, wodurch sie sich besonders unter den Hofdamen manche geheime Feindin machte. Bei den ersten Szenen zwischen ihr und ihrem Gatten ging es eben nicht sehr königlich zu, beide warfen sich dann gegenseitig ihre gehabten Abenteuer vor, Murat schimpfte auf seinen Schwager Napoleon, und Karoline nahm ihren Bruder in Schutz und verteidigte ihn mit großer Heftigkeit, die nicht selten ins Gemeine ausartete. Dieses Benehmen hatte auf den ganzen Hof, dem es wohl bekannt war, einen verderblichen Einfluß, die meisten Herren nahmen Partei für die Königin und die Damen für ihren Gatten, und es gab Anlaß zu tausend Unannehmlichkeiten und Intrigen. Murat sagte, daß er nicht unter dem Pantoffel stehen wolle, und Karoline schrie, daß sie, eine Schwester Napoleons, sich nicht mißhandeln und unterdrücken lassen werde. Da viele hohe Staats- und Hofchargen von Franzosen bekleidet wurden, welche die Königin an sich zu ziehen gewußt, so hatte dies zur Folge, daß Murat sie zu entfernen und durch ihm ganz ergebene Individuen zu ersetzen suchte, was aber seine Frau, mit ihrem allmächtigen Bruder drohend, schlechterdings nicht zugeben wollte; dagegen waren manche der Hof- und Palastdamen der Königin ein Dorn im Auge, namentlich die schöne Herzogin von Atri und einige andere, die sie entfernt wissen wollte, was wieder Murat nicht zugab. Dies machte, daß das Hofleben einen fortwährenden sehr bissigen Krieg darstellte und oft ein wahres Höllenleben wurde. Napoleon charakterisierte seinen Schwager in einem Brief, den er an Karoline schrieb, ziemlich treffend, indem er sagte: „Dein Mann ist auf dem Schlachtfeld der Tapferste, aber wenn er den Feind nicht vor Augen hat, schwächer als ein Weib oder ein Mönch, er hat durchaus keinen moralischen Mut.“
Kurz nachdem Murat von der verunglückten Expedition gegen Sizilien aus Kalabrien zurückgekommen war, bedankte ich mich in einer erhaltenen Audienz bei ihm für die mir gewordene Anstellung; es fand sich dabei Gelegenheit, ihm in Erinnerung zu bringen, daß ich ihn schon zu Madrid und bei der Einnahme von Capri gesprochen habe, und er entließ mich mit den Worten: „Eh bien j’espère que vous ferez votre chemin chez nous.“ Da mir jetzt der Dienst in der Residenz ziemlich viel Muße ließ, so widmete ich mich wieder mehr der Musik und den schönen Wissenschaften, las und studierte den Machiavelli und so weiter.
Es existierte auch wieder ein französisches Liebhabertheater, bei dem mehrere Herren vom Hofe und einige Offiziere und Offiziersdamen, auch eine der Palastdamen, eine junge Französin, Madame d’Arlincourt, mitwirkende Teilnehmer waren und das besonders von der Königin protegiert und besucht wurde. Einigemal übernahm ich Liebhaberrollen bei demselben und hatte das Glück, auch dem anwesenden Murat zu gefallen. Da aber die Führung, Zusammensetzung und Austeilung der Rollen mir nicht zusagte, zog ich mich wieder zurück und war bloß noch Zuschauer; indessen war ich dadurch in einige nähere Berührung mit den Hofleuten und Madame d’Arlincourt gekommen, was bald mich weiter führen sollte.
Der Karneval von 1811 war äußerst belebt und glänzend, das Volk überließ sich dem Taumel dieses Vergnügens in vollem Maß. Toledo wurde von Masken, maskierten Carri (Wagen) und Reitern nicht leer, ebenso die anderen Plätze und Hauptstraßen. Es ist Tatsache, daß zu Neapel der Karneval im ganzen weit lebendiger, tumultuöser und lärmender ist wie der zu Rom, wenigstens so, wie ich beide sah.
Murat versäumte nichts, der Vergnügungssucht der Neapolitaner zu frönen. Sämtliche Theater empfingen während seiner Regierung Unterstützungen, und San Carlo wurde ganz besonders gehegt und gepflegt, die besten Sänger und Sängerinnen Italiens für die Stagione mit ungeheurem Gehalt engagiert und Unsummen Geldes auf Kostüme, Dekorationen, Maschinerie und so weiter verwendet; lange hatten die hiesigen Bühnen keine solche Glanzepoche gehabt wie jetzt. – Bei Besuch des französischen Liebhabertheaters hatte ich Gelegenheit gehabt, den Herrn von Longchamps, der Kammerherr des Königs und Oberintendant sämtlicher Theater und Schauspieler war, kennen zu lernen und mich auf einen guten Fuß mit ihm zu stellen, so daß ich allen Proben beiwohnen und auch während der Vorstellungen die Bühnen besuchen durfte; auch machte ich den Vorschlag, einige Ballette in Szene zu setzen, den er mit Dank annahm. Woran mir aber am meisten gelegen, war endlich, Mozarts Meisterwerk, den Don Juan, auf die italienische Bühne zu bringen. In Florenz hatte man auf meine Veranlassung sich dazu entschlossen, aber nach sechswöchigen Proben die Sache als unausführbar wieder aufgegeben. Die dortigen Musiker und Sänger hatten übereinstimmend geäußert, diese Musik sei nicht zum Aufführen geschaffen! – Als ich dies gehört, schrieb ich dem dortigen Impressario, dem ich die Sache empfohlen hatte: „Ihr seid Esel, in Deutschland wird der Don Juan schon seit beinahe zwanzig Jahren auf allen bedeutenden Bühnen gegeben.“ Die Herren wollten aber alle nach ihrer löblichen Gewohnheit auch diese Musik ad libitum singen und vortragen, italienische Schnörkeleien hineinflechten, das Orchester sollte ihnen, wie sie es gewohnt, nachgeben, was bei einer solchen Instrumentation, die mit der größten Präzision ausgeführt werden muß, unmöglich ist, und so erklärte man die Sache für untunlich und gab sie auf; dies war mit Ursache, daß ich in Neapel anfänglich mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, um den Don Juan auf die Bühne zubringen, was endlich nur ein königliches Machtgebot vermochte, wie wir bald sehen werden. Longchamps teilte mir eines Tages mit, daß die Königin gerne ein italienisches Liebhabertheater sich organisieren sähe, da sie eine besondere Vorliebe für diese, eigentlich ihre Muttersprache hege, und ihn beauftragt habe, womöglich ein solches zustande zu bringen. Da ich jetzt das Italienische schon ganz geläufig und vollkommen gut sprach, so erbot ich mich sogleich, tätigen Anteil an demselben zu nehmen, was dem Kammerherrn und Intendanten willkommen war, da er noch niemand wußte, mit dem er das Fach der ersten Liebhaberrollen besetzen solle. Er übersandte mir ein paar Tage darauf die Titelrolle in Goldonis Lustspiel ‚l’Avventurie‘, mit welchem das neue Theater, das die Königin auf ihre Kosten sehr elegant im Palast hatte einrichten lassen, eröffnet werden sollte. Die Sache fiel ganz zur Zufriedenheit der hohen Beschützerin aus, die sich lobend über unsere Leistungen aussprach und auf deren Wunsch jetzt mehrere von ihren Damen tätigen Anteil an diesen Vorstellungen nahmen, unter anderen auch die schöne Herzogin von Atri und die Marchesa Cavalcanti. Wir studierten nun noch mehrere Lustspiele von Goldoni und auch einige Dramen ein, wodurch ich mit den mitwirkenden Hofdamen in vielseitige nähere Berührung kam, und namentlich mit der Herzogin von Atri, welche die erste Liebhaberin machte. Eines Tages sprach Longchamps mit mir von unserem Repertoir und ließ dabei vernehmen, daß die Königin den Wunsch geäußert habe, einige neue und pikante Sachen, die noch nicht allgemein bekannt seien, aufführen zu sehen. Ich erbot mich, einige Stücke aus dem Deutschen zu übersetzen, die sehr interessant und in Italien noch gänzlich unbekannt seien; mein Antrag wurde mit Dank angenommen, und ich machte mich sogleich an Schillers Fiesco, eines meiner Lieblingsstücke; da ich indessen fürchtete, die Feinheiten und Subtilitäten der italienischen Sprache nicht hinlänglich zu kennen, so suchte ich mir einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, um das Stück noch zu feilen, und fand sie in der schönen Marchesa Cavalcanti, die aber auch die Rolle der Eleonore sogleich für sich in Anspruch nahm und die der Imperiali der Herzogin von Atri zuteilte, während eine Doria, deren nicht weniger als drei unter den Palast- oder Hofdamen waren, die Berta machte, die der Cameriere Rosa und Arabella wurden zwei Offiziersdamen zugeteilt; daß ich mir die Titelrolle vorbehielt, war sehr natürlich, sowie daß ich sie auch recht natürlich spielte, den beiden schönen Damen recht con amore meine Liebe versichernd. Nichts war unterhaltender, als die Proben dieser Vorstellungen, deren wir unzählige veranstalteten, bis das Stück endlich vollkommen und zu meiner Zufriedenheit einstudiert war, und während deren ich alle Muße und Gelegenheit hatte, mich mit meinen Damen zu verständigen, wobei ich es so zu machen wußte, daß eine jede von der anderen glaubte, diese spiele in Wirklichkeit die Rolle der Imperiali. Endlich waren wir nach einem Monat des Probierens so weit, daß das Stück in Szene gesetzt werden konnte. Dies war ein wahrer Festtag für mich, und noch nie hatte ich die Bretter mit einem so freudigen Gefühl betreten; die Vorstellung, der der ganze Hof, die Minister, alle Offiziere und höheren Beamten beiwohnten, fiel über alle Erwartung gut aus und war auch hinsichtlich des Arrangements und der Kostüme auf das prächtigste ausgestattet. Der Beifall war fortwährend fast stürmisch, aber vor allem wurde die Szene des vierten Aktes donnernd applaudiert, und der Augenblick, wo Fiesco, nachdem ihm die Imperiali mit den Worten: „Fiesco t’adoro“ gestanden, wie sehr sie ihn liebe, die Draperien wegziehend, seine Gemahlin vorführend sagt: „Mi spiace, signora! Ecco mia moglie una donna celeste!“ erschütterte das ganze hohe Publikum so gewaltig, daß es seinem Gefühl mit einem anhaltenden und donnernden bravissimo Luft machte, was freilich mehr auf Rechnung des unsterblichen Schiller als der Darsteller zu setzen war. Auch der Mohr Hassan, dessen Rolle ein neapolitanischer Offizier machte, erntete großen Beifall. Murat war so entzückt von dem Stück, daß er es dreimal wiederholen ließ und mich selbst aufforderte, noch mehrere dergleichen zu übersetzen. Ich machte mich nun an den Don Carlos, aber in Prosa, wodurch er natürlich verlieren mußte; dennoch gefiel er ungemein. Freilich war die schöne Cavalcanti eine unvergleichliche Elisabeth sowie die Herzogin von Atri eine nichts zu wünschen übrig lassende Eboli; den Posa hatte ich mir vorbehalten. Da auch dieses Stück gefiel, so munterte mich Murat noch mehr zu ähnlichen Unternehmungen auf, machte mir einen kostbaren Brillantring zum Geschenk und teilte mich provisorisch seinen Ordonnanzoffizieren zu, wodurch ich alles anderen Dienstes jetzt enthoben war und mich ganz der Kunst widmen konnte. Ich übersetzte nun noch Zschokkes Abällino, Kotzebues Don Ranudo de Colibrados, die Indianer in England, Pagenstreiche, den Wirrwarr, die Kreuzfahrer, die mit Hilfe der Feile meiner Mitarbeiterin alle gefielen und wiederholt werden mußten, und Murat äußerte einmal: „Nimmermehr hätte ich geglaubt, daß die Deutschen so reich an solchen dramatischen Produkten seien, die es mit den besten Werken Racines, Corneilles und Molières aufnehmen können.“ Don Ranudo de Colibrados gefiel ihm ganz besonders, er konnte sich nicht satt daran sehen. Aber damit nicht zufrieden, setzten wir bald auch Opern in Szene und debütierten auf meine Veranlassung mit Figaros Hochzeit von Mozart, in welcher ich den Figaro sang und eine ganz allerliebste Susanna in einer Doria hatte. Bei den Opern waren jedoch weit größere Schwierigkeiten zu überwinden, und sie kamen daher nur selten zur Aufführung, dagegen hatte ich mehrere große Ballette geschrieben und die Musik dazu, meistens deutschen Opernmelodien entnommen, arrangiert. Murat hatte sich geäußert, daß, sobald sich eine passendere Stelle für den Oberintendanten Longchamps finden würde, er im Sinne habe, mir die Direktion der Theater zu übergeben. Auch für die königlichen Kinder, zwei Prinzen und zwei Prinzessinnen, ließ ich nun nach meinen Angaben ein kleines Puppentheater anfertigen, das mit einer bewundernswürdigen, auf Kupferrädern und Stahlfedern laufenden Maschinerie versehen war, die ein vorzüglicher Mechaniker verfertigt hatte und wodurch ganze Heere kleiner Soldaten und Reiterei sehr natürlich in Bewegung gesetzt wurden, alle möglichen Evolutionen und Schwenkungen machten, auch ein Seesturm mit Schiffbrüchen vortrefflich dargestellt werden konnte. Die Dekorationen waren alle von dem berühmten Gioja gemalt. Dieses Theater, das ein paar tausend Dukati kostete, machte den königlichen Kindern unendlich viel Spaß, und 1815 und 1816 ließ man es sogar für Geld in Paris sehen.
Über alle Beschreibung prächtig waren die großen Maskenbälle, welche Murat damals in dem schönen Theater San Carlo gab und zu welchen er an viertausend Einladungskarten austeilen ließ. Bei diesen Ballfesten durfte man nur in Charaktermasken oder mindestens bunten Dominos – schwarze waren gleich Zivilkleidern ganz verpönt – erscheinen. Man denke sich das schönste und herrlichste Theater der Welt, in dem jeder Palcho einen kleinen, höchst elegant möblierten Salon, mit Trumeaus, Diwans, Armleuchtern, kleinen Lüstern und kostbaren Draperien versehen, bildet, in dem mehr als viertausend Kerzen sind, alle an Armleuchtern vor Spiegeln an den festonnierten Pilastern oder Karyatiden, welche die Logen trennen, brennend, und diese Lichter durch den tausendfachen Widerschein der Spiegel millionenmal vermehrt, dazu die reichen, geschmackvollen Vergoldungen und Verzierungen des Saales, die ungeheure Bühne in einen transparenten Feengarten, Tempel oder Saal verwandelt, in sämtlichen Logen die reichsten, prächtigsten und elegantesten Masken, die Damen mit Diamanten und Rubinen, Smaragden und anderen Edelsteinen übersät, so daß das Blitzen und Flimmern der Agraffen und des Kopfputzes die Augen blendete; Murat selbst mit seiner imponierendem phantastisch gekleideten Figur, sowie die Königin mit ihrem zahlreichen Hofgefolge im höchsten Putz und Schmuck, dann das Wogen eines Federn- und Blumenwaldes der sich drängenden und tanzenden Masken unten im Saal, alles von einer unaufhörlich rauschenden, wohl an zweihundert Instrumente starken Musik begleitet, und man wird es natürlich finden, daß die meisten Personen, die zum erstenmal dieses Schauspiel sahen, kaum in einer halben Stunde von ihrer Betäubung und Verblendung wieder zu sich kommen konnten, denn man war verblendet und betäubt zu gleicher Zeit. Was war dagegen ein Pariser Ball in der Großen Oper und das Haus selbst! – Gleich nach Mitternacht wurde in allen Logen ein schwelgerisches Souper, alles auf königliche Kosten, serviert, und in den illuminierten Lauben auf der Bühne wurden fortwährend alle möglichen Erfrischungen und jedem gereicht, was er begehrte. Bei einem dieser wirklich magischen Feste hatte ich einen Zug und eine Quadrille, Masettos Hochzeit aus dem Don Juan darstellend, arrangiert und dabei, so wie wir eintraten, das Champagnerlied von den rauschenden Orchestern spielen lassen, was eine nicht zu beschreibende Wirkung auf alle Anwesenden hatte und mit daran schuld war, daß ich bald darauf die Aufführung von Mozarts Meisterwerk durchsetzte. Ich hatte ein allerliebstes Zerlinchen, die Marchesa Cavalcanti am Arm; Donna Octavia, Donna Elvira, Donna Anna, Don Gußmann und selbst der Geist fehlten nicht; Leporello trug mein fast mannsdickes Register unter dem Arm, und mehr als dreißig reich gekleidete Lakaien umgaben uns mit beinahe drei Schuh hohen Champagnergläsern, in deren jedes der Inhalt einer Flasche ging, andere trugen die zierlichen lackierten Flaschenkörbe, und unaufhörlich wurde der Champagner, Rosé und Ai, den Ballgästen in diesen Gläsern kredenzt, bis sich der Zug in eine Quadrille auflöste. Auf diesem Ball hatte ich noch ein ganz eigenes Abenteuer zu bestehen. Ich hatte mein hübsches Zerlinchen, die Marchesa Cavalcanti, deren Gatte einer der königlichen Stallmeister war, beredet, das Fest auf eine halbe Stunde mit mir zu verlassen, um in einem nahen Kaffeehaus in einem Kabinett ein Glas Eis tête-à-tête mit mir zu nehmen. Wir entfernten uns, nachdem wir ein paar Dominos übergeworfen, heimlich zu Fuß, glaubten uns aber, nachdem wir San Carlo verlassen hatten, verfolgt, und zwar von einer Maske, die wir für den Marchese hielten. Ihr zu entgehen, bog ich schnell um eine Ecke, wo eine einzelne Schildwache stand, der ich mich als einen Offizier von der Garde zu erkennen gab und sie bat, zu gestatten, daß ich die bei mir habende Maske nur auf zwei Minuten in dem Schilderhaus verbergen dürfe, und ohne des Soldaten Antwort abzuwarten, ließ ich die Dame ins Schilderhaus treten und folgte ihr. Kaum waren wir darin, als die uns verfolgende Maske vorüberrannte. Nachdem wir sie entfernt genug glaubten, wollte ich das Schilderhaus wieder verlassen, aber in demselben Augenblick kam eine Offiziersronde, die, nachdem sie die Schildwache angerufen, erkannt und dann herangekommen war, auf einmal sagte: „Kerl, da regt sich ja was im Schilderhaus!“ – Die Marchesa hatte niesen müssen. – Der Soldat versetzte ganz verlegen: „Ich glaube, Sie irren sich.“ – „Das wollen wir doch sehen,“ erwiderte der Offizier und trat an das Schilderhaus, aus dem ich aber sogleich heraustrat, den Offizier beiseite nahm, mich ihm zu erkennen gab, ihm, natürlich ohne einen Namen zu nennen, mitteilte, was vorgegangen, worauf er sich lachend entfernte. Wir fanden jedoch für gut, auf den Ball zurückzukehren und uns daselbst recht bemerkbar zu machen, so daß der zurückgekehrte Marchese, denn er war es allerdings gewesen, seine Frau ganz erstaunt anblickte und ein: „Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ ausstieß. – „Ei was denn, mio caro marito?“ fragte ihn die Marchesa. – „Nun, ich werde schon noch dahinter kommen,“ erwiderte der Herr Gemahl, und dabei blieb es denn, er kam nicht dahinter, indem wir, gewarnt, spätere Zusammenkünfte weit vorsichtiger veranstalteten. Auch die Hoffeste, zu denen ich jetzt immer eingeladen wurde, waren überaus prächtig. Eines Tages, als ich zum erstenmal zur Tafel gezogen wurde und in einem offenen Wagen in großer Uniform, weißen Kaschmir-Beinkleidern und gelben Stiefeln längs den Kais nach dem Palast fuhr und das Meer sehr aufgeregt und stürmisch war, schlug der Schaum einer Welle in den Wagen und machte mich von oben bis unten naß. Jetzt war guter Rat teuer, ich hatte die Zeit sehr präzis abgemessen, konnte aber doch unmöglich in diesem Zustand im Schloß erscheinen, ließ also auf der Stelle umwenden, fuhr nach Giesù nuovo, wo mehrere Offiziere von meinem Regiment wohnten, lieh von einem und dem anderen, was ich bedurfte, kleidete mich Hals über Kopf um, jagte in voller Karriere nach dem Palast, wo ich noch zu rechter Zeit ankam, und konnte nun triumphierend mit einem Hofmarschall Kalb wenn auch nicht „und bin noch der erste in der Antichambre“, doch „und kam gerade noch zur Suppe“ ausrufen. Ich erzählte meine Aventüre einigen Hofdamen, die mich bedauerten, und Murat, der sie auch erfuhr, lachte dazu.
Um gerecht zu sein, muß ich jedoch eingestehen, daß Murat trotz seiner Vergnügungs- und Prunksucht vieles Gute und selbst Treffliches während seiner kurzen Regierung in Neapel veranlaßte. Er ließ der Universität eine neue und weit bessere Organisation geben, führte das Dezimalsystem in Maß und Gewicht ein, unterstützte den Ackerbau und namentlich den Tabaksbau, hob die Industrie, gründete mehrere Wohltätigkeitsanstalten und brachte in das sonst so träge neapolitanische Volk mehr Leben. Das Heer brachte er bis auf fünfzigtausend Mann unter den Waffen, die gut eingeübt wurden, und obgleich er ein großer Freund der Damen war, so konnte sich doch keine rühmen, eine ausschließliche Herrschaft auf ihn auszuüben oder auch nur politischen Einfluß auf die Staatsangelegenheiten zu haben, obgleich er ihnen sonst nicht leicht etwas abschlug und jede Privatbitte gewährte, wenn es in seiner Macht stand. Indessen fielen doch öfters ziemlich eklatante Skandalosa bei Hof vor, und auch Karoline hatte fortwährend Intrigen, namentlich waren ihr die Stallmeister und Kammerherren nicht gleichgültig. Ihr Hofleben zu Caserta war eben nicht das musterhafteste und hatte großen Einfluß auf das ohnehin schon sehr sittenlose neapolitanische bürgerliche Leben. Die geheimen und galanten Hofgeschichten zu Caserta würden allein dicke Bände füllen. Murat hatte sehr viel für die Verschönerung dieses herrlichen Schlosses getan. Auch die Königin liebte sehr den Putz und die Moden, von denen sie die neuesten immer per Kurier aus Paris kommen ließ; ihre Damen mußten immer in der elegantesten Toilette erscheinen, und wenn diese den oft gleich einem Orlando furioso in seinen wunderlichen Kostümen zu Pferde dahinrasenden König un bel uomo nannten oder gar im Enthusiasmus ausriefen: „Oh quant’ é bello il nostro Re!“, so flüsterten viele Herren: „Oh quant’ é bellina la nostra Carolina!“ Der Hofintrigen waren unzählige, auch nicht eine der jüngeren Damen, von der ersten Palastdame bis zur Cameriera, die nicht ihren Liebhaber gehabt hätte. Einigemal hatte ich auch während der Karnevalszeit frühere Bekanntschaften, namentlich Isaura und die hübsche Apothekerin auf Festinis getroffen, doch erneuerte ich sie nicht, und es blieb bei nichtssagenden Höflichkeiten und leeren Artigkeiten. Die dem Karneval folgende Fastenzeit war nicht ohne Unterhaltung; bei Hofe gab es Konzerte und musikalische Soireen, in welchen Dilettanten sich hören ließen, und ich brachte es bald dahin, daß einzelne Morceaus aus dem Don Juan, der Zauberflöte, dem Titus und dem Opferfest vorgetragen wurden, die sämtlich gut einstudiert waren und daher großen Beifall erhielten. Da meine Stimme einen großen Umfang hatte, so konnte ich auch ziemlich hohe Tenorpartien, ohne daß sie transponiert zu werden brauchten, singen, unter anderen die Aria des Tamino: ‚Dies Bildnis ist bezaubernd schön‘ und so weiter. Während der Fastenzeit machte ich täglich Besuche in den Kirchen Neapels, um die Schönen zu bewundern, die nun durch Knien, Beten und Fasten ihre Karnevalssünden abzubüßen und Vergebung derselben zu erhalten hofften, um – aufs neue zu sündigen. Nach den Fasten begab sich der Hof nach Caserta, aber Murat, der mit seiner Gattin und seinem Schwager fortwährend schmollte, ging, wie ich schon erwähnte, nach Capo di Monte. Zu Caserta merkte man jedoch wenig von den Mißhelligkeiten des königlichen Ehepaars. In dem herrlichen Garten dieses Schlosses hatte ich nun öfters geheime Zusammenkünfte mit der schönen Marchesa Cavalcanti. Eines Morgens früh traf ich sie daselbst in einer Allee in einem ziemlich lauten Wortwechsel mit einer anderen Hofdame, ihrer Vertrauten, begriffen und hörte sie noch die Worte sagen: „Nein, diese Unverschämtheit ist zu groß, so etwas würde sich kein Franzose erlaubt haben.“ Als sie mich erblickte, eilte sie auf mich zu und empfing mich mit den Worten: „Stellen Sie sich vor, welche Impertinenz mir soeben der Duca de Laviani (ebenfalls ein Stallmeister des Königs und Eskadronschef) gemacht. Unter dem Vorwand, mir eine wichtige, die Königin betreffende Sache mitteilen zu müssen, hatte er mich hierher beschieden, und während ich nun ganz Ohr bin, um zu hören, was es sei, das Ihro Majestät betrifft, nimmt er mich plötzlich beim Kopf und will mich mit Gewalt küssen, der unausstehliche häßliche alte Pavian. Ich springe zurück, verteidige mich, so gut ich es vermag, und schreie um Hilfe; glücklicherweise kommen ein paar Kammerfrauen herbeigesprungen, die sich in der Nähe befanden, und der Signor Duca läuft brummend und fluchend davon. – Ist das wohl ein Betragen für einen Offizier und Edelmann? – Was sagen Sie dazu?“
„Daß es die empfindlichste Strafe und Genugtuung fordert, und wenn Sie es mir gestatten, so übernehme ich die Ausführung für beides.“
„Ja, Sie sind ein Franzose oder Tedesco, gleichviel, sagen Sie ihm tüchtig die Meinung, Sie sind ein galant’ uomo, ein uomo d’onore.“ – „Mit der Meinung allein, Illustrissima, ist es nicht genug, ich werde noch ein anderes Wort mit ihm sprechen.“ – Während ich, mit der Marchesa redend, die Allee hinab gehe, wird diese plötzlich ganz bleich, zittert und ruft aus: „Eccolo!“ Ich erblickte nun ebenfalls den Laviani am Ende des Baumganges, eiligst um eine Ecke biegend, setzte ihm auf der Stelle nach, donnerte ihm ein „Halt!“ zu und brachte ihn so zum Stehen. Ich ersuchte ihn nun, mir zur Marchesa zu folgen, und da er sich nicht gleich gutwillig dazu verstehen wollte, so zwang ich ihn dazu, indem ich ihm sagte: „wohlan, so werden Sie mir sogleich an einen anderen Ort folgen.“ Bei der Dame angekommen, hielt ich ihm in deren Gegenwart sein Benehmen gegen sie in ziemlich derben Worten vor und ersuchte ihn, dieselbe in meiner Gegenwart um Verzeihung zu bitten; da er Ausflüchte suchte, so erklärte ich ihm in dürren Worten, er habe nur die Wahl, die Signora um Vergebung zu bitten, oder mir Satisfaktion zu geben, da ich mich einmal der Sache angenommen und er sich zu hüten habe, daß sie vor den König komme, der, wie er wohl wisse, am allerwenigsten Poltronerie verzeihe. Dies wirkte, Laviani wurde sehr geschmeidig und bat die Dame mit den Worten um Verzeihung, die ich ihm vorsagte, worauf er sich, noch etwas in den Bart brummend, entfernte. Als er weg war, sagte die Marchesa zu mir: „Seien Sie jetzt auf Ihrer Hut, Laviani ist ein ebenso rachsüchtiger und heimtückischer als feiger Mensch.“ Wir spazierten noch einige Zeit in den Gärten von Caserta herum, und ich empfahl mich endlich mit einem: „A rivederci!“ Einige Tage darauf erfuhr ich durch den Kapitän d’Arlincourt, der ebenfalls Ordonnanzoffizier und Stallmeister war, daß Laviani den Vorfall zu Caserta ganz zu seinen Gunsten herumgedreht erzähle und unter die Offiziere und Hofbeamten zu bringen suche. Ich schrieb ihm nun sogleich ein Billett, in welchem ich ihn mit einigen derben Epitheten beehrte, und ließ es, bevor ich es absandte, von einigen Offizieren lesen. d’Arlincourt, der ihm die Herausforderung hinterbrachte, sagte ihm zugleich, daß er sich am nächsten Morgen in dem Wald hinter Capo di Monte mit einem Sekundanten einzufinden habe; er selbst war der meinige. Um fünf Uhr des Morgens befanden wir uns schon an dem unfern vom Jägerhaus liegenden Weiher, dem für das Duell bestimmten Ort, etwa zwanzig Minuten später traf mein Gegner mit dem Kapitän Duca della Regina Capece, auch Ordonnanzoffizier, ein. Wir begaben uns tiefer in den Wald, und es wurden fünfzehn Schritte abgemessen, da Pistolen zur Waffe beliebt worden waren, weil Laviani geäußert hatte, daß ich ihm mit der Klinge zu überlegen sei. Da ich den ersten Schuß hatte, so drückte ich ab und streifte, wie es meine Absicht gewesen, meinem Gegner die linke Schulter, denn ich wollte ihn weder töten noch hors du combat setzen. Er zielte nun ziemlich lange, aber, wie ich bemerkte, zitternd, auch war er, als ich meine Pistole angeschlagen, leichenblaß geworden, endlich drückte er ab, und die Kugel flog über mich hinaus. Ich ergriff nun eine zweite Pistole, zielte absichtlich etwas länger ihm gerade auf die Brust, weidete mich so einen Augenblick an seiner Todesangst und schoß dann in die Luft. Laviani stotterte nun, er wolle mir seinen Schuß schenken, ich aber rief ihm zu: „Dergleichen Geschenke akzeptiere ich nicht, Sie werden schießen.“ Jetzt legten sich jedoch die Sekundanten ins Mittel, behauptend, es sei der Ehre genug geschehen, ich habe volle Satisfaktion und so weiter; ich begnügte mich endlich damit, jedoch mußte Laviani noch vorher das: ‚Ich schenke Ihnen den Schuß,‘ zurücknehmen und eingestehen, daß er die Unwahrheit gesagt. So war die Sache für jetzt beigelegt. Eine Einladung zu einem Frühstück von Laviani schlug ich aus und eilte nach Caserta, wo ich diesen Morgen aber nicht fand, was ich suchte, dagegen der schönen Herzogin von Atri mit der Marchesa di Misiraca in dem Garten begegnete, diese Damen um die Erlaubnis bat, sie auf der Promenade begleiten zu dürfen, was mir freundlichst zugestanden wurde. Die Unterhaltung wurde bald recht animiert, die Herzogin machte mir Komplimente über mein Schauspielertalent, indem sie mir sagte, daß sie mich immer mit großem Vergnügen auf der Bühne sehe. Eine gute Stunde hatte ich mich angenehm mit den Damen unterhalten, als diese fanden, daß es Zeit sei, sich zu entfernen, sich empfahlen und im Schloß, bis wohin ich sie begleitet hatte, verschwanden, mir aber beim Abschied erlaubten, diese Promenaden von Zeit zu Zeit mit ihnen wiederholen zu dürfen, was ich schon den nächsten Morgen, aber vergeblich, versuchte und niemand in den Alleen begegnete. Einige Tage darauf war ich jedoch glücklicher und traf die Damen wieder. Diesmal war die Unterhaltung schon vertraulicher; wir kamen auch auf den Don Juan zu sprechen, der, wie ich hoffte, jetzt bald in der großen Oper in Szene gesetzt werden sollte, wobei mir die Herzogin, auf jene Quadrille anspielend sagte: „Ah siete un briccone, Signor Capitano; Neapel ist nicht so groß, daß man nicht erführe, was gewisse Leute treiben, besonders bei Hofe ...“ Dabei drohte sie mit dem Finger. Ich stellte mich jedoch, als verstünde ich nicht, was sie damit meine, küßte ihr die Hand und wandelte noch eine geraume Zeit an ihrer Seite, als wir die Marchesa Cavalcanti mit ihrer Vertrauten in einer Allee auf uns zukommen sahen. „Ah, jetzt kommt die Rechte,“ meinte die Herzogin, „werden Sie nur nicht rot.“ – „Illustrissima, ich wüßte nicht ...“ – „Schon gut.“ Wir gingen auf die Damen zu, und als wir in ihrer Nähe waren, sagte die Atri zur Marchesa: „Hier führe ich Ihnen einen Kavalier zu, der Sie schon lange sucht.“ – „Das bezweifle ich,“ versetzte diese etwas ironisch, „er war in zu guter Gesellschaft.“ – Die Unterhaltung wurde nun allgemein, bis sich sämtliche Damen wieder in den Palast entfernten, worauf ich nicht sehr befriedigt nach Neapel zurückritt.
Damals erlangte ich endlich durch Murat, daß Don Juan in Szene gesetzt werden sollte, obgleich selbst Longchamps, der anfing, mich mit neidischen Blicken zu betrachten, heimlich dagegen wirkte. Als die Proben begannen, denen allen ich beiwohnte, suchte man gleich bei der ersten dem Unternehmen allerlei Schwierigkeiten in den Weg zu legen, denen ich jedoch zu begegnen wußte, die man aber mit jeder Probe zu vermehren suchte. Es kam endlich so weit, daß auch hier mehrere der ersten Sänger die Sache für unausführbar erklärten, sich auf das berufend, was zu Florenz vorgegangen war. Ich sah wohl ein, daß hier andere Intrigen im Spiel waren, was mir auch von der niedlichen Sängerin, welche die Partie der Zerline übernommen hatte, an der dieser viel gelegen war und mit der ich auf einem vertrauten Fuß stand, bestätigt wurde. Ich teilte dies dem König freimütig und ohne allen Rückhalt mit, da man mit Murat ganz ungeniert und wie es einem um das Herz war, reden konnte. Dieser gab mir nun plein pouvoir in dieser Sache, was er auch den Intendanten wissen ließ, sowie daß er darauf bestehe, Mozarts Don Juan vollständig und wie er geschrieben hören zu wollen. Als nun die nächste Probe begann, sagte ich zu dem Sängerpersonale, daß es der unwiderrufliche Wille Seiner Majestät sei, daß der Don Juan, so wie ihn der Meister komponiert, in Szene gesetzt werde, und daß diejenigen Künstler, welche sich nicht fähig hielten, die ihnen zugeteilten Partien so wie sie seien, zu singen, sofort als unfähig, bei der königlichen Oper mitzuwirken, entlassen würden. Dies wirkte, man zeigte sich nun sehr geschmeidig und gab sich alle Mühe, auch erlaubte ich nicht die geringste Abänderung, Schnörkelei oder unpassende Verzierung, und das Werk des unsterblichen Meisters wurde jetzt in so hoher Vollkommenheit aufgeführt, daß es allgemeinen Beifall erhielt und über hundertmal hintereinander mit immer steigendem Wohlgefallen aufgeführt wurde.
Damals trug sich ein komisch-politischer Vorfall zu: die Douaniers an der Küste von Kalabrien hatten eine von Sizilien kommende Barke mit Nachtgeschirren, lauter englische Ware, gekapert, als man nach Mitternacht landete, um seine verbotene und doppelt gefährliche Ware einzuschmuggeln. Es waren dies nämlich keine gewöhnlichen, sondern bemalte Nachtgeschirre, in deren Grund Napoleons Porträt mit weitaufgesperrtem Mund sich befand, gleichsam zum Empfang dessen, was in dasselbe gegossen wurde. Dergleichen Geschirre bedienten sich schon länger in England die eingefleischten Feinde des französischen Kaisers und hatten sie auch nach Spanien und Sizilien versendet und zum Teil daselbst verschenkt. Als die Sache vor Murat kam, befahl er, die Geschirre sämtlich zu zerschlagen und die Trümmer ins Meer zu werfen, die Schiffer aber, die sie gebracht, sollten vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen werden; glücklicherweise waren sie entwischt. Bald aber kam die Polizei der Tatsache auf die Spur, daß schon mehrere solcher Geschirre im Reiche eingeschmuggelt worden seien und es selbst in Neapel Personen gäbe, die sich solcher bedienten. Das Polizeiministerium wollte nun die Sache näher untersuchen und Haussuchungen bei Verdächtigen anstellen, Murat war aber so klug, dies zu untersagen und die Sache niederzuschlagen, obgleich behauptet wurde, daß auch dergleichen Geschirre mit seinem Bild vorhanden seien; eines mit dem Napoleons habe ich selbst als eine Kuriosität bei Moritz gesehen, auch versicherte man, daß sich die alte Königin von Neapel sowie der ganze Hof in Sizilien ihrer bediene. Als aber die Sache auf dem Festland ruchbar wurde, fanden die Besitzer derselben für geraten, dieses gefährliche Eigentum zu zertrümmern. Hätte Murat die Sache nicht niedergeschlagen, so hätte es einen großen Skandal gegeben, der hundertmal mehr geschadet als genützt haben würde.
Ich brachte den Sommer so ziemlich in einem dolce far niente, was in dieser Jahreszeit in Neapel am zuträglichsten ist, und einen großen Teil meiner Zeit abwechselnd in Caserta und Capo di Monte zu. Im ersteren Ort hatte ich nun öfters Gelegenheit, die hübsche Herzogin von Atri zu sehen und zu sprechen und kam endlich so weit mit ihr, daß ich auch nächtliche Promenaden in den reizenden Gärten Casertas mit ihr machte, wobei sie jedoch immer ihre vertraute Freundin, die Marchesa Misuraca, begleitete, die oft den Lauerposten übernahm. Eines Abends, es war beinahe Mitternacht, als wir eben recht vertraulich in einer Laube saßen und die Marchesa Schildwache stand, damit wir vor Überraschung sicher seien, stürzte sie plötzlich mit den Worten: „Ecco la regina!“ herein. Ich war mit einem Satz aus und hinter der Laube herum und eilte der entgegengesetzten Seite zu, von der ich die Königin kommen wähnte, aber kaum hatte ich einige dreißig Schritte gemacht, so befand ich mich derselben, die von einigen Damen und Kavalieren begleitet war, en face. Ich konnte ihr nicht mehr unbemerkt entwischen, und sie stellte mich mit den Worten: „Ei, was machen Sie denn noch so spät zu Caserta?“ zur Rede. – „Majestät, die herrlichen Nächte haben mich in diesem entzückenden Aufenthaltsort zurückgehalten.“ – „Und vielleicht noch etwas anderes,“ versetzte die Königin. – „Oh, nicht doch, Majestät,“ sagte ich nun sehr laut, damit es meine beiden Damen hören sollten, um der Königin entgehen zu können; „nur das Paradiesische dieses Ortes, dessen Zaubergärten ich auch einmal des Nachts durchwandern wollte, haben mich hierhergezogen.“ – „Lassen Sie das künftig bleiben,“ sagte die Königin etwas scharf betonend, „hören Sie?“ – „Wie Ihre Majestät befehlen,“ erwiderte ich mit einer tiefen Verbeugung und entfernte mich nach erhaltener Erlaubnis. Ich wollte nun meine Damen noch aufsuchen, konnte sie aber nicht mehr finden und machte mich nach Neapel auf, überlegend, was diese Begebenheit wohl für Folgen haben könne. Karoline sah es nicht gern, daß man sich zur Nachtzeit in den Gärten von Caserta umhertrieb, denn diese waren auch der Tummelplatz ihrer verliebten Intrigen und galanten Abenteuer, deren sie nicht wenig hatte, wie hinlänglich bekannt war. Den anderen Morgen schrieb ich sogleich ein Billett an die Marchesa Misuraca, um dieser meine kurze Unterredung mit der Königin mitzuteilen, damit sich die Herzogin Atri und sie darnach richten konnten. Eben war ich im Begriff, das Billett meinem Reitknecht, einem pfiffigen Burschen, zu übergeben, als sich ein Kammermädchen der Misuraca bei mir einfand und mir mündlich im Namen ihrer Herrschaft zu wissen tat, ich möchte mich diesen Abend nach Sonnenuntergang in der Villa Reale einfinden, wo man mich zu sprechen wünsche. Hier traf ich, nachdem ich einigemal auf und ab gegangen war, zwei verschleierte Damen an, die mir ein Zeichen gaben; es war die Marchesa mit einer Cameriera. Erstere teilte mir mit, daß die Königin wisse, daß ich in jener Nacht mit Damen im Garten zu Caserta ein Rendezvous gehabt und sie andere Damen beauftragt habe, sich alle Mühe zu geben, um zu erforschen, wer jene gewesen seien; dies habe aber nichts zu sagen, und ich würde dennoch ihre Freundin am sichersten und unbemerktesten in Caserta sprechen können, nur müsse dies nicht mehr in dem Garten selbst, sondern in dem angrenzenden dichten Ulmen- und Eichenwald geschehen, und auf diese Weise setzten wir auch unsere Zusammenkünfte den ganzen Sommer ungestört fort. In Caserta fanden ebenfalls öfters französische und italienische theatralische Dilettantenvorstellungen statt, bei denen ich tätig mitwirkte, während ich jetzt faktisch eigentlich der Intendant der königlichen Schauspiele, namentlich von San Carlo war und Longchamps wenig mehr als den Namen hatte. Ich wohnte fortwährend allen Proben bei und regalierte nicht selten das ganze probierende Personal mit heißem Polentakuchen, Rosolio und so weiter, wogegen die Cantatrice und Ballerine sich äußerst artig und gefällig gegen mich zeigten, und ich war nun so ganz in meinem Element, namentlich wiegte mich die Musik dieser in dem chiaroscuro gehaltenen Morgenproben in süße Träumereien ein und brachte, wie jede schöne Morgenmusik, ein seltsames, wohltuendes Gefühl in mir hervor, mich in eine nicht zu beschreibende, fast übernatürliche Stimmung versetzend. Auch verlebte ich manche Nacht in der lustigen Gesellschaft dieser oft ausgelassenen aber liebenswürdigen Theaterprinzessinnen. Murat selbst war ein so großer Theaterfreund, daß er sich öfters morgens von den besten Schauspielern und Schauspielerinnen des französischen Theaters zu Neapel aus den vorzüglichsten Trauerspielen vordeklamieren ließ, und so laut, daß die Personen, mit denen die Vorzimmer angefüllt waren, glaubten, man habe sich im Kabinett bei den Köpfen, oder es sei sonst ein Unglück vorgefallen. Eine wegen ihres ausgezeichneten Talents und ihrer großen Galanterie berühmte Aktrice, die eines Morgens eine Audienz bei Murat hatte, glaubte, als sie, bevor sie eingeführt wurde, ein solches Getöse im Kabinett vernahm, man habe den König ermordet, bis sie ein diensttuender Kammerherr eines Besseren belehrte. Einer dieser Vorsäle war gewöhnlich mit den diensttuenden und anderen Offizieren angefüllt, welche sämtlich in sehr reichen, mit Gold- und Silberstickereien bedeckten Uniformen prangten, so daß alle Fremde, welche in diesen Salon kamen, davon geblendet waren und namentlich die Damen sie nicht genug bewundern konnten. Alle, die irgendein Gesuch bei dem König hatten, verließen ihn, nachdem sie ihn gesprochen, mit sehr heiterem Gesicht, denn der in der Schlacht furchtbar wilde Krieger war der gutmütigste Mensch im Privatleben, aber nicht zum Regieren geschaffen.
Damals wurde auch unter den Offizieren und überhaupt den höheren Ständen zu Neapel ganz außerordentlich hoch und viel gespielt, namentlich war das Haus des Prinzen Pignatelli eines der berüchtigtsten Spielhäuser, und ich hatte einen Abend über tausend Dukati bei demselben gewonnen, von denen ich aber bald sagen konnte: wie gewonnen, so zerronnen. In manchen dieser Häuser ging es auch eben nicht zum ehrlichsten her, und die neapolitanischen Adeligen rupften die Offiziere und Angestellten nicht übel, sich allerlei Spielkunstgriffe und Kniffe erlaubend. Eines Abends, es war nicht lange vor meinem plötzlichen Abmarsch von Neapel, pointierte ich stark im Pharo. Ein gewisser Martin, ein Franzose, hielt die Bank. Ich verlor ansehnliche Summen, aber der König, der hinter mir stand, encouragierte mich fortwährend, zu dublieren, und als ich schon über dreitausend Franken verloren und kein Geld mehr bei mir hatte, sagte er mir: „Nur zu, ich repondiere für alles.“ Ich verspielte nun noch sechstausend Franken auf Parole. Murat versprach mir, sie an Martin zu bezahlen, was er diesem auch zurief und dem ich einstweilen einen Schein darüber zustellte. Murat vergaß es, und ich fiel bald darauf in Ungnade, wurde nach Korfu geschickt, und die Schuld blieb hängen. Anfang des Winters dieses Jahres veranstaltete Murat ein seltsames Fest, zu dem die Gäste Einladungskarten für ein Festino und Souper suspendu im Saal von San Carlo erhielten. Jedermann zerbrach sich den Kopf, was dies wohl für ein Souper sein möge, und die meisten meinten, daß man dabei wohl hungrig nach Hause gehen würde. Dem war aber nicht so. Als um Mitternacht der Tanz suspendiert wurde, lud man sämtliche Damen ein, sich auf die den Olymp vorstellende Bühne zu begeben, auf welcher eine große Tafel in Hufeisenform gedeckt war, auf der sich aber auch nicht eine Idee von einer Speise vorfand. Man sah verwundert einander an, die Damen fragten die hinter ihnen stehenden Herren, was denn dies zu bedeuten habe, als sich plötzlich der Himmel, nämlich der Theaterhimmel, dicht und stark bewölkte, dann aber verteilten sich die Wolken wieder, und zwischen Himmel und Erde schwebten unzählige silberne Schüsseln, aus denen der Geruch der köstlichsten Speisen dampfte. Die Schüsseln wurden nun bis beinahe vor die Nasen und Mäuler der harrenden Gäste herabgelassen, als aber einige darnach greifen wollten, da entschlüpften sie ihnen schnell, sich wieder in die Höhe erhebend, dann ließen sie sich wieder herab, um abermals den hungrigen Mäulern durch das Hinauffahren zu entgehen. Dies Manöver wurde so lange wiederholt, bis es schien, als wollten die Gäste endlich die Geduld verlieren. Jetzt wurden alle Speisen und mit ihnen die köstlichsten Weine, Liköre und andere Getränke herab und auf die Tafel niedergelassen, wo sie unwandelbar stehen blieben und mit dem heitersten Humor von der Welt verzehrt wurden, worauf man wieder bis gegen Morgen tanzte. Das Stückchen war eigentlich meine Erfindung, ich ließ aber gerne Seiner Majestät die Ehre.
Ende Oktober kehrte der Hof nach Neapel zurück und installierte sich wieder im Palazzo Reale. Ich setzte mein Verhältnis mit der Marchesa Cavalcanti und der Herzogin von Atri fort. Meine Zusammenkünfte mit der Herzogin waren jetzt sehr romantisch, denn sie fanden meistens um Mitternacht auf der in einen Garten verwandelten Terrasse eines Hauses statt, zu der ich nur durch ein anderes, drei Häuser davon entferntes Gebäude, von dem ich über die dazwischen liegenden Terrassen, alle von gleicher Höhe, nicht gefahrlos kommen konnte, wo wir uns dann in einer zwischen duftenden Blumenbeeten stehenden Laube trafen. Dieses Verhältnis mußte aus mehreren Gründen äußerst geheim gehalten werden, besonders aber, weil ich seit kurzem einen sehr mächtigen Nebenbuhler hatte und der kein anderer als Seine Majestät selbst war, aber, wie mir die Herzogin feierlichst versicherte und beschwor, von ihr nicht erhört würde; ich zweifelte, denn ich wußte längst, was es mit diesen feierlichen Versicherungen und Schwüren der Damen auf sich hat. Sie aber meinte: „Wir müssen unser Einverständnis um so geheimer halten, weil der König sonst leicht auf den Gedanken kommen könnte, ich schöpfe die ganze Kraft meines Widerstandes in den Armen eines anderen Geliebten.“ Eines Abends stellte sie mir ein ziemlich schweres Päckchen, in ein Papier gewickelt, zu, mit der Bitte, es zu öffnen. Ich tat es und fand ein sehr zierlich gearbeitetes silbernes Ei von der Größe eines Enteneis an einer venetianischen Kette befestigt, das sich durch einen leichten Druck in der Mitte öffnete, wo sich dann ein goldener Dotter zeigte; auch dieser öffnete sich, und man erblickte nun ein Herz von Rubinen, das durch eine blitzende Flamme von Diamanten entzündet und von einem Smaragdband umgürtet war. Das Kleinod war von bewundernswürdiger Arbeit, das Innere des Eis hatte weiße, mit Perlen und Edelsteinen besetzte Emaille, Blumenbukette bildend, ebenso das Innere des Dotters, nur waren sie noch weit kostbarer. Mariana, der Taufname der Atri, sagte mir, sie habe das prächtige Geschenk diesen Morgen auf ihrer Toilette gefunden, ohne den Geber zu kennen, der aber wohl kein anderer als der König selbst sein könne. Ich entdeckte jetzt, daß sich auch das Rubinenherz noch öffnete, was die Herzogin bisher nicht gewußt, und fand ein mit Rosen verschlungenes brillantenes und gekröntes M in demselben. – „Was soll ich nun damit anfangen?“ fragte sie mich. „An ein Zurückgeben ist wohl nicht zu denken, da ich nicht einmal weiß, wer es überbracht und niemand von meinen Leuten etwas davon wissen will; meinem Manne mag ich auch nichts davon sagen, dies wäre ganz unnütz.“ – Ich riet ihr, mit etwas mißtrauischen Blicken, es zu behalten, bis sie Gewißheit über den Geber habe. Dies Geschenk war jedoch Ursache, daß es einiges Schmollen zwischen uns setzte.
Eine sehr tragische Begebenheit, die um Weihnachten vorfiel, machte damals großes Aufsehen und setzte ganz Neapel und besonders die Geistlichkeit in Alarm. Ein Neapolitaner, der seine Gattin und deren Beichtvater en flagrant délit ertappte, hatte beide ermordet. Das in große Unruhe versetzte Heer der Pfaffen wollte, daß der Mann eine exemplarische Strafe, wenigstens den Feuertod erhalten oder gevierteilt werden sollte; das gewöhnliche Hängen, Erschießen oder Guillotinieren war ihnen viel zu gelinde, denn einem solchen Bösewicht, der es wagte, seine verruchte Hand an die geheiligte Person eines Beichtvaters zu legen, der, wenn er auch ein sehr menschliches Verbrechen beging, doch immer eine gottgeweihte und geheiligte Person sei, müsse die ärgste Strafe, die zu erdenken, werden. Aber siehe da, nachdem die Sache gehörig untersucht war, begnadigte Murat den Mörder dahin, daß er ihn mehrere Monate in einen Kerker der Festung Gaëta setzen, dann aber wieder frei ließ. Bald nachher fand man ihn ermordet in seiner Wohnung zu Neapel, ohne daß es möglich war, den Mörder ausfindig zu machen. Bei der Untersuchung hatte sich herausgestellt, daß der Pfaffe schon vor der Verheiratung der Gattin des nun auch Getöteten einen vertrauten Umgang mit derselben gehabt und der Stifter dieser Ehe, die ein so furchtbares Ende genommen und allen dreien so übel bekam, gewesen war.