III.
Marsch von Neapel nach Tarent. – Eine Zusammenkunft zu Caserta. – Die caudinischen Engpässe. – Avelino. – Dentekane. – Tarent. – Einschiffung nach Korfu. – Seegefecht auf der Höhe von Tunis. – Ankunft zu Korfu. – Beschreibung der Jonischen Inseln. – Der heilige Spiridion und seine Feste. – Das Theater und Liebhabertheater. – Seltsame Zusammensetzung der Garnison. – Pallea Castrizza. – Ein Exorzismus. – Erdbeben. – Türkische Tabaksbeutel. – Ein giftiger Schlangenbiß. – Capo d’Istria. – Die Entführung einer Braut. – Ein Seeturnier. – Paxo. – Parga. – Prevesa. – Thiaki. – Santa Maura. – Der leukadische Felsen. – Fano.

Kaum hatte ich noch soviel Zeit übrig gehabt, vor meinem Abmarsch meinen besten Freunden und Bekannten in Neapel ein Lebewohl im Vorübergehen zu sagen. Über fünf Vierteljahre hatte ich in dem schönen Parthenope ein äußerst angenehmes Leben in dolce giubilo und la fare l’amore zugebracht und sah die Stadt, in der es mir so wohl ergangen war, der ich jetzt den Rücken wenden mußte und noch manchen Blick schenkte, vielleicht für immer aus den Augen schwinden. Was mich mit am meisten schmerzte, war, daß ich mein Ballett, mit dem ich mir so viel Mühe gegeben, nicht einmal aufführen sehen sollte. Dies wollte mir anfänglich gar nicht aus dem Sinn. Bei ziemlich trübem Wetter, das mit meiner Stimmung harmonierte, marschierten wir ab. Unsere erste Etappe sollte Nola sein. Als wir auf dem halben Wege dahin Halt machten, kam ein zweirädriges Kabriolett in großer Hast gefahren und hielt, als es die Truppen erreicht hatte, still. Ein Mensch in Zivilkleidern sprang heraus, erkundigte sich nach mir und übergab mir ein Billett, das ich schnell erbrach und in welchem ich im Namen der Duchessa d’Atri dringend aufgefordert wurde, mich, sobald ich diese Zeilen gelesen, doch sogleich nach Caserta zu begeben, wo mich erstere noch einmal zu sprechen wünschte; sie habe jetzt nach meiner Abreise ihre Freiheit wieder erhalten. Dem Überbringer möge ich Antwort mitgeben. Ich ging zum Bataillonschef, um von diesem die Erlaubnis zu erhalten, mich auf sechs bis acht Stunden entfernen zu dürfen, indem ich jedenfalls mit der Nacht in Nola eintreffen wolle. Dieser wagte es jedoch nicht, die Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, und verstand sich nur dazu, meine Abwesenheit ignorieren zu wollen, so lange dieselbe unbemerkt bleiben und keinen Eklat machen würde. Ich schrieb nun mit Bleifeder auf ein Blättchen, daß ich in einigen Stunden zu Caserta an dem mir angegebenen Ort eintreffen würde. Das Detachement marschierte weiter, ich blieb mit einem Bedienten zurück, ritt in gestrecktem Trabe über Marigliano und Acerra nach Caserta und legte den sechs Stunden langen Weg in weniger denn zwei zurück. Die schweißtriefenden Pferde ließ ich einstellen und eilte in den Garten, wo ich niemand fand. Bereits wartete ich an dem von Neapel kommenden Weg beinahe eine Stunde, als ich endlich ein Mietsfuhrwerk von daher antraben sah. Ich stellte mich hinter ein Gemäuer, um den Wagen ungesehen vorüberfahren zu lassen, und erblickte in demselben zwei hübsche und sehr nett gekleidete Landmädchen, die ich aber bald für die Duchessa und ihre Freundin erkannte. Ich eilte ihnen nach und half den schmucken Contadinen aus dem Wagen, als er an der Lokanda hielt, wo ich mir schon ein Zimmer hatte geben lassen. Jetzt schloß ich die heftig weinende und mir um den Hals fallende Atri in die Arme, die mir schluchzend sagte, wie sehr ihr diese ganz unerwartete Trennung zu Herzen gehe, daß sie untröstlich und überzeugt sei, daß der Schlag vom König selbst käme, ihn aber unsere gemeinschaftlichen Feinde herbeigeführt hätten. Ich suchte nun alle möglichen Trostgründe hervor, wie daß Tarent nicht aus der Welt liege, ich später gewiß wieder nach Neapel zurückkommen würde und Ähnliches. Aber dies alles fruchtete wenig, sie behauptete, daß wir uns jetzt zum letztenmal sähen, und hatte recht. Die beiden Damen waren, um ganz unbemerkt nach Caserta zu kommen, aus einem Kasino in der Nähe von Neapel abgefahren, in welchem sie sich als Landmädchen verkleidet und wohin sie den Mietswagen hatten kommen lassen. Wir brachten noch ein paar selige Stunden hier zu und versicherten uns beim Abschied mit tränenden Augen ewige Liebe, Nimmervergessen und was dergleichen Larifari mehr sind; meine teure Geliebte gab mir beim Abschied eine in Gold gefaßte Locke nebst einem Ring, wogegen ich ihr ein Büschelchen von meinen Haaren abschneiden mußte. Nach einem reichlichen Tränenbad von seiten der Damen stiegen diese in ihren Wagen, um nach Neapel zurückzukehren, während ich im Galopp auf dem entgegengesetzten Weg davonjagte, aber, über Maddaloni und Arienza reitend, mich verirrte und statt nach Nola in die Valla Caudina, jene berühmten Engpässe geriet, in welchen vor mehr als ein paar tausend Jahren (430 nach Erbauung der Stadt Rom) das römische Heer samt seinen Konsuln von den Samnitern so gänzlich eingeschlossen wurde, daß es schimpflicherweise die Waffen strecken mußte.

Ich ritt, in diesen Engpässen irrend, hin und her und fand sie durchaus nicht so unübersteigbar, daß sich ein Heer, besonders nach Benevento zu, wo sich das Tal sehr erweitert, nicht hätte einen Ausgang bahnen können; auch sind die Berge auf beiden Seiten an vielen Orten nicht so steil, daß sie nicht zu erklettern wären, indessen ist es wohl möglich, daß auf einem so vulkanischen Boden, wie dieser Teil von Italien, sich seit langer Zeit das Terrain verändert hat, namentlich durch die häufigen Erdbeben. Während ich mich vergeblich nach einem nach Nola führenden Weg umsah, brach die Nacht herein; nach langem Umherirren kam ich endlich in ein elendes Dorf in der Nähe von Benevento, wo ich mich entschloß, einen Teil der Nacht zuzubringen, da sowohl die Pferde wie ich zum Umfallen ermüdet waren. Zwei Stunden nach Mitternacht stand ich jedoch auf und machte mich, ohne viel geruht zu haben, wieder auf den Weg, denn ich fürchtete, daß, weil ich mich nicht in Nola eingefunden, der Bataillonschef meine Abwesenheit melden möchte, was mir bei der Stimmung Murats hinsichtlich meiner höchst nachteilig werden und die schlimmsten Folgen haben konnte. Da ich wußte, daß, da das zweite Nachtquartier in Avelino bestimmt und sicher war, das Detachement bereits von Nola abmarschiert sein müsse, so beschloß ich, gerade nach Avelino zu reiten und meine lange Abwesenheit mit meiner Verirrung zu entschuldigen. In Benevento nahm ich einen berittenen Führer mit, den ich gut bezahlte, und traf noch vor unseren Quartiermachern in Avelino ein, wo ich das Bataillon mit Sehnsucht erwartete. Es kam erst den Nachmittag an; ich meldete mich sogleich bei seinem Kommandanten, dem ich die Fatalität meiner Verirrung mitteilte. – „Es ist die höchste Zeit, daß Sie sich einfanden,“ versetzte er, „denn sonst hätte ich Sie melden müssen.“ – „Also noch nicht gemeldet!“ rief ich aus, und ein schwerer Stein fiel mir vom Herzen. Ich erzählte nun dem braven Mann, wie es mir ergangen, und bemerkte ihm lächelnd, daß, wenn ich gewußt, daß ich in die forche caudine geraten, ich mich gar nicht entfernt haben würde, indessen sei es mir als Soldat doch lieb, diese geschichtlich so merkwürdige Position kennen gelernt zu haben. Der gute Mann wußte aber gar nicht, was ich damit sagen wollte, denn die Geschichte war ihm so fremd als das Innere der Erde; er ließ sich den Unfall der Römer von mir erzählen, hörte mir mit großem Vergnügen zu und hielt mich von jetzt an für einen grundgelehrten Mann und tüchtigen Militär, so daß er mich bei allen Kleinigkeiten auf dem ganzen Marsch um Rat fragte und ich auf dem besten Fuß mit ihm stand. Den nächsten Tag marschierten wir nach Dentecane und zwar bei einer für diese Gegend grimmigen Kälte, – ein ganz abscheuliches Nest, das seinem Namen (Hundezahn) alle Ehre macht. Die Quartiere der Offiziere waren abschreckend, selbst für bares Geld nichts zu haben, und die Soldaten lagen wieder in den Kirchen. Den vierten Tag kamen wir nach Ariano bei fortwährend steigender Kälte und starkem Schneegestöber. Diese Stadt liegt sehr hoch, hat an zehntausend Einwohner und über zwanzig Klöster. Wir kamen halb erfroren und halb verhungert daselbst an, hatten einen Rasttag, um uns zu restaurieren, aber die Quartiere waren nicht viel besser als in Dentecane. Da ich meistens ritt, hatte ich mir beinahe die Füße erfroren und konnte nur mit aller Mühe einige Paare wollene Halbstrümpfe auftreiben, mich vor der Kälte zu schützen; solches Wetter hatte ich im südlichen Italien noch nicht erlebt, ich trug in der Regel gar keine Strümpfe in den Stiefeln. Ariano liegt auf einem dreifachen sehr hohen Hügel, der die ganze Umgegend beherrscht; man übersieht von hier aus nicht nur die großen Ebenen der Puglia, sondern man erblickt auch das Tyrrhenische und Adriatische Meer sowie eine lange Kette der Apenninen. In einem der Klöster einquartiert, machte ich die Bekanntschaft einiger nicht ganz unwissender Mönche, die aus ihrem ziemlich leichtfertigen Klosterleben kein Hehl gegen mich machten. Nach zwei Tagen brachen wir bei fortwährend sehr ungünstigem Wetter über Bovino, Ordona, Cerignola, kleinen und schmutzigen Orten, nach Barletta auf, einer nicht unbedeutenden Stadt von mehr als fünfzehntausend Einwohnern, die am Adriatischen Meer im Golf von Manfredonia liegt. Sie hat einen guten und befestigten Hafen, eine schöne Lage und ist nicht schlecht von den Ruinen des alten Cannä erbaut, das durch den Sieg Hannibals über die Römer so berühmt ward. Hier hatten wir wieder einen Rasttag. In Bovino angekommen, waren wir auf das Gebiet des alten Apulia getreten, welches jetzt die Provinzen Bari, Otranto und die Capitanata in sich begreift. Das Land ist im ganzen eben und sandig, aber dabei doch sehr fruchtbar, seine Weine sind vorzüglich und sehr beliebt, ebenso das Öl, das Schlachtvieh und die Angurien (eine Art köstlicher roter Wassermelonen). Auf dem Platz zu Barletta steht die Bildsäule des Kaisers Heraclius, den man für den mutmaßlichen Gründer dieser Stadt hält. Das Schloß derselben galt ehedem für eines der drei bedeutendsten in ganz Italien. Das alte Cannä, von dem nur noch wenig Überbleibsel vorhanden, lag mehrere Miglien seitwärts gen Westen, zwei nebeneinander liegende Hügel bezeichnen seine Stätte. Barletta ist durch ein besonderes historisches Ereignis merkwürdig geworden. Als nämlich im Jahre 1503 der tapfere spanische General Gonzalvo von Cordua hier sein Hauptquartier hatte, fand während eines kurzen Waffenstillstandes ein berühmt gewordenes seltsames Gefecht zwischen dreizehn Franzosen und dreizehn Italienern, die sich gegenseitig herausgefordert und von ihren Feldherren die Erlaubnis dazu erhalten hatten, bei dem nahegelegenen Flecken Quarato statt. Der Sieg soll nach einigen Geschichtschreibern den Italienern, nach anderen den Franzosen geblieben sein. Dieses Ereignis hat Stoff zu mehreren Gedichten gegeben, von denen eines von Vida, einem Zeitgenossen Gonzalvos, in lateinischen Versen verfaßt ist; auch in einem italienischen historischen Roman hat man diese Begebenheit eingewebt. Ich war über die vielen hier an der Küste des Adriatischen Meeres liegenden, ziemlich gut gebauten Städte, die meistens wohlhabend sind und Handel mit Landesprodukten treiben, erstaunt. Die Bewohner dieser Gegend sind ein heiteres, lebenslustiges Volk, ganz verschieden von den wilddüsteren Kalabresen. Von hier marschierten wir über Trani (das alte von Trajan restaurierte Trajanopolis), Biscaglia, das auf einem wegen seines vortrefflichen Weins berühmten Felsen liegt, Molfetta, durch seine Fabriken und seinen Schiffsbau bekannt, Giovenazzo mit einem festen Schloß, lauter bedeutenden, an dem Meeresufer liegenden Städten, nach Bari, wo wir abermals einen Tag rasteten, das die Hauptstadt der Provinz gleichen Namens ist und über zwanzigtausend Einwohner zählt. Sein guter Hafen, seine Fabriken, sein bedeutender Handel machen die eine treffliche Lage habende Stadt sehr wohlhabend. Hier wurden auch ehedem die Könige von Neapel gekrönt, und im Jahre 1098 hielt Urban II. ein Konzilium in der Kirche des heiligen Nicolas, wodurch er bezweckte, die griechische mit der lateinischen Kirche zu vereinigen, aber seinen Zweck verfehlte, wie männiglich bekannt. Es war gerade Karneval, als wir hier waren, und eine Menge Masken zogen zu Fuß und in Wagen durch die Straßen der Stadt. Von hier aus verließen wir wieder die Küste und marschierten nun durch eine fast ganz wüste Gegend und abscheuliche Nester und Wege nach Tarent. Es war Tauwetter eingetreten, der Boden beinahe grundlos, so daß man bei jedem Schritt stecken blieb und die Leute die Schuhe oft wieder mit den Händen aus der Erde graben mußten. Die erste Nacht brachten wir in einzeln stehenden Gebäuden und Höfen zu. Die Märsche wurden jetzt immer beschwerlicher, der Boden seichter, und die Entfernungen schienen endlos. Um sieben Uhr des Morgens hatten wir jenes Gehöft verlassen, und erst abends nach sechs Uhr, bei schon dunkler Nacht, kam kaum ein Dritteil der Mannschaft in Gioja, einem ärmlichen Städtchen, an. Der Rest des Bataillons hatte sich in Marode und Nachzügler aufgelöst und kam einzeln bis nach Mitternacht, viele schuhlos, angehinkt; selbst in Kalabrien entsinne ich mich keines so abscheulichen Marsches, die Pferde sanken oft bis über die Knie ein, und ich hatte fast den ganzen Weg zu Fuß gemacht. Schon war Mitternacht vorüber, und noch immer fehlte die Arrieregarde nebst dem Bagagewagen, auf dem sich auch mehrere Offiziersfrauen befanden, deren Männer jetzt in großer Angst waren, nicht wissend, was aus ihren treuen Lebensgefährtinnen geworden. Höchst besorgt rafften sie einige Leute zusammen, sie aufzusuchen. Sie fanden endlich den Wagen am Saum eines Gehölzes bis an die Achsen im Kot steckend, die Damen aber einige hundert Schritte davon entfernt, tiefer im Wald um ein lustig brennendes Feuer, welches die Fuhrknechte angezündet hatten, sehr trübselig und zähneklappernd sitzen. Von der ganzen Arrieregarde war nur noch der Offizier, ein Sergeant und ein Tambour vorhanden, die abwechselnd bei dem Wagen und dem Feuer wachten, die übrige Mannschaft hatte sich zerstreut oder verirrt und kam erst den anderen Tag vereinzelt in Gioja an. Die Damen wurden nun auf Pferde gesetzt und kamen so gegen Morgen in das Quartier. Vier oder fünf Tage mußten wir in dem erbärmlichen Gioja bleiben, das mir deshalb merkwürdig war, weil die Erstgeborenen des Hauses Atri den Titel Grafen von Giojo führten. Die Götter mögen wissen, wer einen solchen Namen (Gioja, Freude) diesem elenden Ort gegeben, der indessen doch nicht ganz ohne Freuden für mich war, da ich ein Quartier bei einer sehr hübschen jungen schwarzäugigen Bürgersfrau hatte, deren Mann eine gute Haut war, sich gerne zu Kommissionen gebrauchen und verschicken ließ, wo ich dann seine Abwesenheit gut zu benutzen verstand. Während unseres Aufenthaltes daselbst kamen sämtliche Offiziere in einer Art Kaffeehaus jeden Morgen zusammen, wo dann bei einem Eierkaffee – Milch gab es keine – Konseil gehalten wurde, ob wohl an das Weitermarschieren zu denken sei. Ich widerriet es soviel als möglich, meiner liebenswürdigen Wirtin zu Gefallen, endlich mußte aber doch der Sache ein Ende gemacht werden, und den fünften Tag unseres Sejours daselbst bestimmte das Konseil und der Kommandant, daß wir den kommenden Morgen nach Tarent aufbrechen würden, wo wir nach zweimal vierundzwanzig Stunden ziemlich wohlbehalten eintrafen und zu unserem nicht geringen Erstaunen ein französisches Geschwader in der Reede vor Anker liegen sahen, das schon etwa vor acht Tagen von Toulon gekommen war. Hier fand sich auch ein Befehl zu unserer Einschiffung vor, sowie daß unsere Bestimmung, und namentlich auch die meinige, die Insel Korfu und ich dem zweiten daselbst in Garnison stehenden Régiment étranger zugeteilt sei. Einen Brief von meiner geliebten Atri, in einem anderen der Marchesa eingeschlossen, fand ich poste restante vor, wie wir es verabredet hatten. Derselbe enthielt nebst zärtlichen Beteuerungen ewiger Liebe die ausführliche Geschichte der Intrige, die mich so plötzlich und unerwartet aus Neapel gebracht und die niemand anders gesponnen hatte, als mein Busenfreund Laviani im Verein mit Longchamps und dem Sekretär Montfort. Er war nämlich meinem Verhältnis mit der Atri auf die Spur gekommen, und da er wußte, daß auch Murat ein Auge auf die Dame hatte, so bestach er eine Kammerfrau der Herzogin, die ihm Briefe und Billetts von mir auslieferte, welche dem König in die Hände gespielt worden waren, dem auch Longchamps steckte, daß sich meine ganze Theaterliebhaberei in der ebenfalls von Seiner Majestät gerne gesehenen prima ballerina seria konzentriere. Daher die plötzliche allerhöchste Ungnade, die mich aus allen meinen Himmeln in die bodenlosen Gründe Apuliens gestürzt hatte. Jetzt war mir alles klar. „O Leviathan Laviani, hätte ich dich doch noch einmal vor der Klinge!“ rief ich vergeblich zu Tarent aus. Und die Aufführung der Donaunymphe, deren in Szenesetzen über hunderttausend Franken gekostet hatte, unterblieb definitiv. Die Geschichte gab indessen der neapolitanischen schönen Welt hinlänglichen Stoff zu sehr unterhaltenden Klatschereien.

Da der Wind nicht günstig war, so konnten wir auch nicht sogleich abfahren, sondern verweilten noch ungefähr acht Tage im Golf von Tarent.

Endlich war uns der Wind günstig, und den achten Tag nach unserer Ankunft verließen wir mit angeschwollenen Segeln den Golf von Tarent. Ich war mit der Kompagnie, die ich befehligte, auf dem ‚Boreas‘, einem Linienschiff von achtzig Kanonen, mitsamt meinen drei Pferden, in deren Besitz ich noch war, denn ich hatte keine Zeit und Gelegenheit mehr gehabt, mich auch nur eines derselben zu entledigen, eingeschifft. Das Einschiffen dieser Tiere war komisch genug; nachdem man ihnen Gurte um den Bauch gebunden, wurden sie von einer Barke in die Höhe gewunden, so daß sie bald mit allen Vieren zwischen Himmel und Wasser schwebten, wobei es ihnen sonderbar zumute gewesen sein mag und sie mit allen Vieren festen Fuß zu fassen suchten, daß es recht jämmerlich-ergötzlich anzusehen war. Als die Anker gelichtet waren, fuhren wir mit frischem Maestro in aller Frühe davon, aber gegen Abend erhob sich ein gewaltiger Sturm, der die Nacht durch wütete und die ganze Flotte, aus vier Linienschiffen und mehreren Fregatten bestehend, trennte und zerstreute, so daß wir mit dem anbrechenden Tag nur noch eine unserer Fregatten in weiter Ferne sahen. Da der Sturm noch immer währte, so waren längst alle Segel eingezogen und das Schiff dem Spiel der hochgetürmten Wellen und den tobenden Winden preisgegeben. Zweimal vierundzwanzig Stunden hielt dieses Wetter an, und wir befanden uns, als es nachließ, im Angesicht der afrikanischen Küste auf der Höhe von Tunis. Gegen Mittag zeigten die Wachen auf den Masten an, daß sie am Horizont gegen Norden mehrere Schiffe wahrnähmen. Bald sahen wir diese auch vom Verdeck. Man hielt sie für feindlich und hatte in kurzer Zeit die Gewißheit, daß es drei englische Fregatten waren, die mit vollen Segeln auf uns zufuhren. Der Kapitän des ‚Boreas‘ war ein sehr tapferer und erfahrener Seemann, von großer Entschlossenheit. Er ließ das Schiff sogleich in den besten Angriffs- und Verteidigungszustand setzen, alle Kanonen wurden angezogen, sämtliche Mannschaft an ihren Posten aufgestellt, und die Landtruppen, welche, soweit sie befähigt waren, den Dienst mit der Marine zusammen zu versehen, wurden, was nicht seekrank (ein Dritteil der Kompagnie), gleich als schlagfertig aufgestellt. Ich stand an der Spitze derselben auf dem Verdeck. Die englischen Schiffe kamen jetzt heran, fuhren pfeilschnell an uns vorüber, eine volle Ladung gebend, die wir sogleich erwiderten. Mehrere Kugeln hatten das Schiff von verschiedenen Seiten durchbohrt und die herumfliegenden Splitter des Holzes viele Soldaten und Matrosen verwundet. Als die dritte englische Fregatte vorüberfuhr, hatte eine Kettenkugel einen Artillerie-Sergeanten nebst drei Mann, kaum vier Schritte von mir entfernt, niedergerissen und mit fortgeschleudert. Ich gestehe, daß mir bei diesem Gefecht, wo wir nur eine durchaus passive Rolle spielten, eben nicht sonderlich zumute war. Die Unbekanntschaft mit der Größe der Gefahr, die Löcher, die das Schiff erhielt, das wir glaubten entweder untergehen oder in die Luft springen zu sehen, das Getöse, Gepfeife, Gebrüll durch die Sprachrohre, der Lärm der Matrosen war uns alles ganz neu. Die Engländer wiederholten noch einigemal ihre Manöver, ohne daß wir ihnen einen bedeutenden Schaden hätten zufügen können, denn die abfeuernden Fregatten waren jedesmal wieder weiter, bevor wir unsere Ladung gaben, die dann in Dampf und Rauch ging, hinter denen wir die Schiffe noch vermuteten, auch wendeten sie sich wohl viermal, bevor wir uns einmal wenden konnten, und feuerten dann wieder von der anderen Seite ab. Ihre Manöver waren den unseren in allen Dingen weit überlegen. Schon hatte das Gefecht beinahe eine Stunde gedauert, ohne daß noch etwas Entscheidendes geschehen wäre, jedoch hatte es allen Anschein, daß wir unterliegen würden, als mehrere größere Schiffe mit vollen Segeln auf uns zukamen und Signale machten, in denen wir die Linienschiffe der zu uns gehörenden Flotte erkannten, welche der Sturm verschlagen hatte. Nun fanden die Engländer für gut, das Weite zu suchen, und fuhren in aller Eile davon, uns noch ein paar tüchtige Ladungen zurücklassend. Die Ankunft dieses Sukkurses war ein großes Glück für uns, denn wir würden sicher am Ende den kürzeren gezogen haben; an ein Ergeben wäre nicht zu denken gewesen, unser Kapitän hatte geschworen, das Schiff eher in die Luft zu sprengen, und er war der Mann, der imstande war, sein Wort zu halten. Schon jahrelang hatte er sich die Nägel an der linken Hand, an der er immer einen Handschuh trug, nicht abgeschnitten, da er ein Gelübde getan, dies nicht eher zu tun, als bis er ein englisches Schiff genommen oder in den Grund gebohrt haben würde. Wahrscheinlich ist er mit seinen langen Nägeln zu Grabe gegangen. Aber dies mag ein Beweis von dem Haß sein, welcher zu jener Zeit zwischen den beiden Nationen bestand. So befreit, segelten wir nun mit den bei uns angekommenen Schiffen, es waren zwei Linienschiffe und eine Fregatte, weiter, verließen die afrikanische Küste, kamen an der südlichen Spitze von Sizilien vorüber und suchten baldmöglichst unsere Bestimmung zu erreichen, was den zehnten Tag nach unserer Abfahrt von Tarent der Fall war, wo wir gegen Mittag die Festen und Türme der Stadt Korfu zu Gesicht bekamen, in deren Reede wir noch den nämlichen Abend die Anker warfen und den folgenden ausgeschifft wurden.

Was mir gleich beim Landen auffiel, war, daß ich außer dem Militär nur sehr wenige europäische und fast nur griechische, albanesische, türkische und andere orientalische Trachten zu Gesicht bekam. Besonders frappierten mich die albanesischen Soldaten, von denen ein ganzes Regiment, meistens Überläufer von der Miliz des furchtbaren Ali Pascha in Janina, in französischem Sold stand, mit ihrem Nationalkostüm, ihren kostbaren Waffen und ihren ungeheuren großen silbernen oder goldenen Schnallen in Tellerform, mit silbernen Ketten belastet, welche bei jedem Tritt klirrten und rasselten.

Die neuangekommenen Truppen wurden sogleich in die Fortezza Vecchia kaserniert; die Offiziere erhielten Quartiere in der Stadt, die aber nur aus einem fast ganz kahlen Zimmer bestanden, in welchem ein paar Blöcke mit einigen Dielen, eine dünne Matratze, zwei Bettücher von Baumwolle, eine Decke von gleichem Stoff, das Bett und zwei Holzstühle mit einem kleinen Tisch das ganze Ameublement bildeten. Dies alles wurde durch das Quartieramt geliefert. Auch die Stabsoffiziere waren nicht viel besser logiert, nur daß sie ein paar Zimmer und Stühle mehr hatten. Die Soldaten schliefen auf den kahlen hölzernen Pritschen und hatten nicht einmal Strohsäcke, noch weniger Decken. Nur im Lazarett erhielten sie eine dünne Matratze. Diese Art zu kasernieren hatte wenigstens das Gute, daß die Leute von dem Ungeziefer, namentlich den Flöhen weniger zu leiden hatten.

Ich war zu dem zweiten régiment étranger versetzt worden, von dem zwei Bataillone in Garnison in Korfu lagen, und bei dem ich viele alte Bekannte traf, denn es war zum Teil aus dem ehemaligen Regiment Y. gebildet, das, wie das Regiment Latour d’Auvergne und andere Regimenter der Art, in mehrere régiments étrangers, die numeriert wurden, verschmolzen worden war. Ich wurde dem zweiten Bataillon zugeteilt, das erste stand noch in Italien, welches der Bataillonschef von Brüge, derselbe, mit dem ich schon in Genua in sehr freundschaftlichen Verhältnissen gestanden hatte und dessen Tochter Josephine jetzt zu einem blühend schönen vierzehnjährigen Mädchen herangereift war, kommandierte. Außer dieser Familie fand ich noch Madame Gasqui, die unter der Zeit Witwe und die Geliebte des Gouverneurs der Jonischen Inseln, des Generals Donzelot, geworden war, und mehrere andere bekannte Offiziere und Damen vor.

Die Jonischen Inseln waren durch den Frieden von Tilsit (1807) an Frankreich gekommen, dem sie aber die Engländer alle bis auf das feste, mit Gewalt fast uneinnehmbare Korfu und das kleine Paxo wieder abgenommen hatten. Reizend sind die Umgebungen von Hyères; einladend liegt das milde Nizza, herrlich das prächtige Genua da, nicht minder anziehend Kataloniens Hauptstadt Barcelona und paradiesisch sind allerdings die Umgebungen von Neapel und die Insel Capri. Aber unvergleichlich und wahrhaft himmlisch ist das Klima der Jonischen Inseln, unter denen sich besonders Zante, „il Paradiso del Levante“, durch seine Lage und die innere Beschaffenheit seines Landes auszeichnet.

Nichts läßt sich mit dem Zauber der jonischen Sommernächte vergleichen, und hier währt der Sommer fast volle neun Monate. Unter Oliven und Lorbeeren liegen die Einwohner, den Blick zu den hier dreimal glänzenden Sternen gewandt, in behaglicher wollüstiger Ruhe die ganze Nacht und bringen sie mit Singen, Erzählen und Betrachtungen hin, die Nähe des allmächtigen, des unbegreiflichen, des schöpferischen Weltgeistes ahnend. In keinem anderen Lande Europas, weder in Italien noch in Spanien, noch im südlichen Frankreich sind die Sommernächte so reizend und erwecken so hohe Empfindungen und Gefühle als auf den Jonischen Inseln, unter dem jonischen Himmel. Nirgends wirkt die Natur so beseligend als in den Tälern von Korfu oder auf den Olivenhügeln von Zante. Ewig unvergeßlich sind mir die paar Jahre, die ich hier zubrachte, und sie gewähren mir die süßesten Rückerinnerungen.

Die Insel Korfu, welche zur Zeit der französischen Okkupation (1807-1814) etwas über sechzigtausend Einwohner, die zehn- bis zwölftausend Mann starke Garnison nicht inbegriffen, zählen mochte, hat einen Umfang von beinahe dreißig deutschen Meilen.

Auf der ganzen Insel ist jetzt nur noch eine Stadt, die Hauptstadt Korfu, die außerordentlich gut befestigt und von zwei durch Gewalt uneinnehmbaren Zitadellen oder Forts beschützt wird. Die Straßen der Stadt sind größtenteils sehr eng, krumm, hügelig und uneben. Nur zwei derselben sind ziemlich breit; da man aber nie einem Fuhrwerk hier begegnet, so hat dies nichts zu sagen. Kein Haus hat mehr als zwei Stockwerke; keines hat einen Hof oder gar einen Garten, fast alle haben aber Vorhallen und Arkaden, unter denen die Kaufleute ihre Buden haben und ihre Waren feilhalten. Die Stadt zählt zwölf- bis fünfzehntausend Einwohner, die übrigen Bewohner der Insel leben teils in hundertdreißig Flecken und Dörfern, teils in einzelnen Häusern und Hütten, die auf der ganzen Insel zerstreut liegen.

Die Venezianer hatten die ganze Insel in sieben Kantone eingeteilt, und diese Einteilung wurde unter der französischen Herrschaft auch beibehalten. Eigentlichen Ackerbau kennt man so wenig wie Gemüsegärten. Der Weinstock wächst längs anderen Baumstämmen wild hinan oder auf den zu diesem Zweck amphitheatralisch angelegten Terassen der Berge. Die Natur tut hier fast alles, der Mensch wenig mehr, als das, was sie ihm bringt, zu sammeln und zusammenzuraffen. Die Oliven werden nicht einmal von den Bäumen gepflückt, sondern man wartet, bis sie abfallen, recht sie dann zusammen und läßt sie durch ein Pferd oder ein Maultier zwischen zwei großen Mahlsteinen zermalmen. Mühlen kennt man so wenig als Keltern. Nur einige alte Windmühlen, die aber längst nicht mehr im Gange waren, entsinne ich mich vor dem Flecken Castrades an dem Ufer der See gesehen zu haben. Der Korfiote schläft in der Regel von der zehnten Stunde des Morgens bis zur fünften oder sechsten des Abends, vom Monat März bis Ende Oktober, und ruht dann des Nachts meistens unter freiem Himmel von den Strapazen, das heißt vom Schlafen des Tages und dem Essen aus. Letzteres ist freilich sehr mäßig, und ich glaube nicht, daß sich ein Österreicher von mittelmäßigem Appetit mit dem begnügen würde, was zehn Griechen verzehren. Vor dem Schlafengehen, das heißt um neun Uhr morgens, ist ein Stückchen Brot, etwas Knoblauch oder Zwiebel oder ein Stückchen weißer Ziegenkäse das Mahl, mit dem er zu Bette oder vielmehr zu Boden geht, denn Bettstellen sind auf dem Land ganz unbekannte Dinge, und der Korfiote schläft mit seiner Familie auf einer groben wollenen Decke auf dem ungedielten Boden seiner Hütte, der aus der kühlen Erde, wie sie die Natur geschaffen hat, besteht. Beim Wiedererwachen wird das Mittagmahl eingenommen, dessen Zubereitung in der Regel keiner Brennmaterialien bedarf. Etwas Kräuter mit Seesalz, Öl und Zitronensaft angemacht, ein Stückchen Brot, ein gesalzenes Fischchen, nicht viel größer wie eine genuesische Sardelle, und ein Schluck Mischwein reichen hin, jedes Glied der Familie zu sättigen. Hierzu kommt noch, daß der Grieche fast ein Dritteil des Jahres Fasten hat, welche er auf das genaueste und strengste beobachtet und während deren er sich nicht nur aller Fleischspeisen, Eier und dergleichen enthalten muß, sondern sich auch keiner Art von Fett bedienen darf, folglich auch des Öles nicht; ja nicht einmal Milch oder Käse darf er genießen. Es bleibt ihm nun nichts übrig, seinen Hunger zu stillen, als Kräuter, Gemüse, die er roh oder abgesotten mit Salz und Zitronensaft verspeist, und Brot oder Zwieback. Dabei sind die Leute kerngesund, kräftig, wissen nicht viel von Krankheiten und ebensowenig von Nahrungssorgen. Anders ist es freilich in der Stadt, deren Einwohner wenigstens zu einem Fünftel aus Italienern, meistens Venezianern, bestehen, die Abkömmlinge venezianischer Familien sind, welche Spekulation oder auch Verbannung nach Korfu führte. Unter ihnen sind manche berühmte und bekannte Namen venezianischer Nobili, wie die Grafen Monzenigo, Dandolo, Contarini und so weiter.

Die reichen Einwohner der Stadt Korfu werden nach der Quantität Öl geschätzt, die sie alljährlich machen; und wie man zu Paris sagt, er hat so und so viel tausend Franken Revenuen, sagt man zu Korfu, er hat so und so viel hundert Krüge Öl zu verzehren. Ebenso bekommt eine Braut eine gewisse Zahl Olivenbäume zur Aussteuer mit. Diese Bäume sind hier von einer ungewöhnlichen Größe und Schönheit, so wie man sie in keinem anderen Lande Europas, weder in Spanien noch in Italien sieht, und machen den Reichtum der Insel aus. Das Öl, besonders das von Paxo, ist vortrefflich, kristallhell und hat oft die Farbe des reinsten Quellwassers. Dieses Öl ist so wohlschmeckend und man gewöhnt sich so sehr daran, daß, als ich wieder nach Deutschland zurückkam, ich auch die beste Butter unangenehm schmeckend fand und mich erst wieder daran gewöhnen mußte. Die Besitzer der Olivenwälder sind große Herren und verzehrten früher einen Teil ihrer Einkünfte in Venedig, wo sie meistens den Winter zubrachten. Während der französischen Herrschaft schmolzen ihre Revenuen jedoch fast auf nichts zusammen, da man das Öl nicht ausführen konnte, indem Korfu beständig von den englischen Schiffen blockiert wurde, so daß alle Schiffahrt und Versendungen aufhörten, und nur mit großer Mühe und Gefahr die Kanonierschaluppen der Regierung in finsteren Nächten es wagten, nach Otranto zu segeln, um die Verbindung mit dem festen Land einigermaßen zu unterhalten, und dennoch fielen auch diese nicht selten in die Hände der Engländer. So kam es denn, daß der Wert des Öles, für das man keinen Absatz mehr finden konnte – das meiste ging früher nach Venedig und Triest – fast auf Null herabsank, und der Adel und die Wohlhabenden in Korfu, deren Reichtum fast ausschließlich in diesem Produkt bestand, sich in der größten Not und Geldverlegenheit befanden, so daß viele von ihnen ihre Olivenbäume umhauen, Kohlen daraus brennen ließen und diese verkauften, um leben zu können; ein ungeheurer Nachteil und Verlust, da, wie bekannt, der Olivenbaum einer langen Reihe von Jahren bedarf, bevor er so weit ist, daß er Früchte bringt.

Alles Getreide der Insel, worunter der Calambochio und Mais das meiste liefert, reicht bei aller Mäßigkeit der Korfioten kaum für den Bedarf von vier bis fünf Monaten für die Bewohner der Insel hin, welche seit Jahrhunderten gewohnt sind, das mangelnde gegen Öl einzutauschen. Da dieses aber ebenfalls während der französischen Herrschaft nicht möglich war, so war bisweilen das Brot so teuer, daß die Bewohner der Stadt das Kommißbrot des Soldaten mit fünf bis sechs Piaster bezahlten und verhältnismäßig teurer den Schiffszwieback, wenn kein Brot zu haben war.

Der Wein, den man auf der Insel Korfu zieht, ist sehr stark, meistens schwarz und dick, und ungesund unvermischt zu trinken. Die weißen Weine sind süß, feurig und dem Zypernwein sehr ähnlich; doch gibt es auch herbe und rauhe. Würden die Weinberge sorgfältiger bebaut und wäre die Behandlung des Weines anders, so müßte hier ein ganz vorzügliches Getränk gezogen werden. Es lag aber in der Politik der venezianischen Regierung, daß die Insel Korfu kein Weinland werden sollte, weil sie einen ungeheueren Gewinn am Öl machte, das fast alles durch ihre Hände ging und von dem sie wenigstens zwanzig bis dreißig Prozent zog. Deshalb hatte sie auch das Anpflanzen korinthischer Weinstöcke auf Korfu bei schwerer Strafe untersagt und nötigte so die Korfioten, sich auf den Ölbaum zu beschränken.

In der ganzen Stadt Korfu ist auch kein einziges Gebäude, das als besonders merkwürdig erwähnt zu werden verdient, und selbst der Gouvernementspalast ist sehr mittelmäßig. An geräumigen Kasernen und Magazinen ist zwar kein Mangel, aber sie sind weder bequem noch mit Sorgfalt eingerichtet. Das Theater ist ein altes seltsames Gebäude, das früher eine ganz andere Bestimmung hatte. Unter den vierzig griechischen Kirchen und Kapellen ist keine einzige in architektonischer Hinsicht von Bedeutung und nur zwei haben Türme, von denen der eine, der des Sankt Spiridion, ein Glockenturm ist. Die Glocken aller anderen Kirchen sind an einigen Seitenportalen angebracht oder hängen auch frei auf dem Dach. Die Kirche des heiligen Spiridion ist ziemlich groß und geräumig und wegen ihres hochverehrten Heiligen nicht nur in Korfu, sondern in ganz Griechenland und wo man sich zur griechisch-christlichen Religion bekennt, berühmt. Die Verehrung für diesen Heiligen ist so groß, daß Gott, Christus, der heilige Geist und die Jungfrau ihm weit nachstehen müssen, und während der Grieche gleichgültig zuhören würde, wenn man jene lästerte, würde er sich mit Wut auf denjenigen stürzen, der sich auch nur die leiseste unziemliche Bemerkung gegen diesen Heiligen erlaubte.

Die venezianischen Adeligen, welche in Korfu wohnen, haben mehrere Kasinos, in der Art, wie man sie in Venedig kennt, eingerichtet. Sie waren es auch, welche die meisten Logen in dem Theater innehatten, in welchem italienische Opern, Schauspiele und Ballette gegeben und während der Franzosenzeit gar nicht übel und sogar mit Pracht aufgeführt wurden. Das Orchester, wenigstens die blasenden Instrumente, bestand jedoch fast ausschließlich aus französischer Militärmusik.

Bald nach meiner Ankunft zu Korfu wurde das Bataillon, bei dem ich stand, und welches in der Zitadelle der alten Festung kaserniert gewesen, nach Sankt Theodor, einem ehemaligen griechischen Mönchskloster beordert, das auf der Stelle steht, wo sich früher die Gärten des Alcinous befunden haben sollen, und wo nach Homer Odysseus die holde Prinzessin Nausikaa und eine so freundliche Aufnahme fand. Dieses Kloster lag eine kleine halbe Stunde von der Stadt entfernt, in einem Olivenwald hinter dem großen Flecken Castrades. Meinen Tisch hatte ich auf Einladung der Madame Brüge wieder bei dieser Familie genommen und es auch übernommen, bei deren hübschen Tochter den Unterricht im Klavier und Gesang fortzusetzen, den ich vor vier Jahren in Genua mit ihr anfing. Indessen war sie weit vorangeschritten, da sie seitdem in Italien bei guten Lehrern ihr musikalisches Talent ausgebildet hatte; aber in Korfu war an solchen gänzlicher Mangel, und mein Erscheinen daher der Familie Brüge sehr willkommen. Die Stimme meiner jungen Schülerin war stark und wohlklingend geworden, es war ein hoher lieblicher Silbersopran, und so machten mir diese Unterrichtsstunden großes Vergnügen. Auch mit dem Tisch hatte ich große Ursache zufrieden zu sein, da in Korfu auch nicht eine einzige gute Speiseanstalt war und die unverheirateten Offiziere Menage zusammenmachten, wozu ein Soldat als Koch diente. Man kann denken, wie da gekocht wurde. Doch machten einige dieser Menagen eine Ausnahme, indem sie zufällig auf ein Küchengenie gestoßen waren.

Außer dem Stadttheater, das nicht sehr groß ist, etwa sechs- bis siebenhundert Zuschauer fassen konnte, und in dem Gebäude der ehemaligen Börse, die längst unnütz geworden, eingerichtet war, fand ich auch ein französisches Liebhabertheater vor, dessen (weibliche) Seele Madame Gasqui war, und die Vorstellungen fanden – horribile dictu – auf der Hauptwache statt, das heißt in einem kleinen Saal dieses Gebäudes, in dem früher Waffen aufbewahrt wurden. Ich war bald ein tätiges Mitglied dieser Bühne, wodurch mir der Vorteil erwuchs, daß ich die Bekanntschaft des Gouverneurs und anderer Autoritäten auf der Insel, wie die des Generals Cardenneau, des Chefs des Generalstabs Baudouy, des Kommissär-Imperial Lesseps und so weiter machte, und es nun an Einladungen zu Diners und kleinen musikalischen Soireen nicht fehlte.

In dem großen Theater, dessen Impresario ein gewisser Delungo, Ballettmeister und Grotesktänzer war, wurden Opera seria, Opera buffa und große Ballette aufgeführt. Das Personal desselben war nicht wie in Italien auf eine Stagione, sondern immer auf ein ganzes Jahr engagiert, weil das öftere Wechseln hier mit zu großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre. Die Prima donna seria war eine Signora Mariana Recupido, die liebenswürdige Gattin eines schon an der Schwindsucht laborierenden Tenors. Prima Ballerina seria war Signora Giuseppina Panzieri, ein allerliebstes blondgelocktes Mädchen, eine wahre Graziengestalt. Nicht minder artig war die seconda Ballerina, Chiaretta Gaspari, die ein recht naseweises Roxelanennäschen hatte. Als ich in Korfu ankam, waren Guglielmis ‚Amanti in scompiglio‘, Meyers ‚Ginevra di scozia‘ und das Ballett ‚Didone abbadonniata‘ auf dem Repertoire. Oper und Ballett waren gut besetzt, besonders war der Kastrat, ein gewisser Matuccio, der den Ariodante sang, vortrefflich, sowie die Recupido als Ginevra. Deren Gatte mußte aber bald darauf die Bühne verlassen und wurde durch den Tenor Spiegoli, der eine sehr frische und schöne Stimme hatte und den Polinesso ausgezeichnet gut gab, ersetzt. – Auch das Ballett war nicht übel; den ersten Tänzer machte eine Dame, die sehr schön gebaut war. Die Panzieri war vortrefflich und der Grotesktänzer machte furchtbare Salti mortale.

Das Leben der Garnison in Korfu war übrigens ein rechtes Schlaraffenleben. Sie war mit Inbegriff der Albaneser wohl über zwölftausend Mann stark und aus allen möglichen Nationen zusammengesetzt. Sie bestand aus dem sechsten französischen Linien- und dem vierzehnten leichten Infanterieregiment, jedes über dreitausend Mann stark, zwei Bataillonen von dem zweiten Fremdenregiment, einem Bataillon königlich italienischer und ein anderes neapolitanischer Truppen, den Ruderas des Regiments Chasseurs de l’orient, das mit der französischen Armee aus Ägypten zurückgekommen war, einem Bataillon Septinsulaner, so genannt, weil sie unter den Venezianern einen Teil der Garnison der sieben Jonischen Inseln ausmachten und aus Dalmatinern, Slavoniern, Venezianern und einigen Griechen zusammengesetzt, einer Eskadron Chasseurs à cheval, an hundert Mann stark, die aber kaum sechzig Pferde hatten, dem Regiment oder vielmehr der Horde undisziplinierter Albaneser, die nie in Reih und Glied zu bringen waren, und endlich einer sehr zahlreichen französischen und neapolitanischen Artillerie nebst mehreren Pionierkompagnien, dem Ingenieurkorps, Sappeurs und Mineurs. Die ganze Marine bestand aus zwei in dem Hafen stationierenden Fregatten, einigen Briggs und etlichen zwanzig Kanonierschaluppen. Dieses gewiß seltsame Quodlibet, bei dem sogar Afrikaner und Asiaten waren, bildete die Garnison von Korfu. – Sämtliche Infanterie war zugleich für den Artillerie-Festungsdienst eingeübt worden, um sie im Fall einer Belagerung die Geschütze bedienen zu lassen, da die vorhandene wirkliche Artillerie kaum für den sechsten Teil derselben ausgereicht haben würde. Der Dienst im allgemeinen wurde aber, wenigstens von den Offizieren, ziemlich nachlässig versehen, und zwar so, daß sich dieselben erlaubten, zur Nachtzeit die Wachen zu verlassen und erst gegen Morgen wieder sich auf denselben einfanden. Viele derselben, sowie auch Unteroffiziere und Soldaten, waren hier förmliche Handelsleute, Krämer, Handwerker und so weiter geworden, trieben alle möglichen Geschäfte und erschienen fast nur bei den Revuen unter den Waffen und in Uniform. Viele Offiziere machten allerlei kleine Handelsspekulationen, namentlich die der Septinsulaner, welche sich besonders auf den Schmuggel legten. Andere hatten Bäckereien angelegt, noch andere sich mit dem Wasserhandel eingelassen, ließen die Wasserfäßchen durch Soldaten hereinbringen und billiger als die Griechen und Albaneser verkaufen und so weiter. Die Garnison hatte in der Regel anderthalb bis zwei Jahre Sold zu gut, und man sah ihr deshalb von oben herab manches durch die Finger. Ein anderes Übel, das einriß, war, daß von den Generälen bis zum Tambour herab sich viele Militärs Mätressen beilegten, meistens arme Griechinnen, die sie mit Bewilligung ihrer Eltern zu sich nahmen, sie unterhielten, und die oft sehr schön waren. Die Griechen der niederen Klassen verhandelten nicht selten ihre oft kaum zwölfjährigen Töchter für wenige türkische Piaster, – das türkische Geld war das, was nebst dem venezianischen am meisten kursierte – an Offiziere oder Soldaten und beschworen dabei, daß sie ihnen eine Jungfrauschaft überlieferten. War nun einer seiner Geliebten überdrüssig oder konnte er sie nicht länger unterhalten, so verhandelte er sie an einen anderen. Öfters unterhielten auch zwei bis drei Kameraden ein solches Mädchen. Andere tauschten ihre Mätressen gegenseitig aus, worauf der eine oder der andere noch einige Pokale Wein zum besten geben mußte. Dies alles mußten sich die armen Geschöpfe wohl gefallen lassen, waren manchmal auch mit dem Tausch ganz zufrieden. Diese Mädchen sprachen außer dem Korfiotischen neugriechisch, gewöhnlich etwas gebrochen venezianisch, lernten aber bald einige französische Worte plappern. Sie hatten in der Regel einen natürlichen scharfen Verstand, waren aber in allen Dingen, die praktische Liebe ausgenommen, im höchsten Grade unwissend. Keine konnte schreiben oder lesen, selbst nicht die, welche wohlhabenden Familien angehörten. Ebensowenig konnten sie nähen oder stricken oder auch nur eine Suppe kochen. Den ganzen Tag lagen sie auf den Strohsäcken oder Matratzen, wenn sie deren hatten. Ihr Unterhalt kostete freilich wenig, da sie fast nichts aßen als Kräuter mit Öl und Zitronensaft und etwas Brot und Mischwein, und eine kleine Kammer bewohnten, für welche der jährliche Mietzins wenige Piaster betrug. Die Offiziere und Sergeantmajors, die eigene Zimmer hatten, nahmen sie meistens zu sich. Trotzdem der Sold so lange rückständig war und ausblieb, lebten die Soldaten doch nicht schlecht, ja manche viel besser als ihre Offiziere, da sie mit allerlei Arbeiten, die hier sehr gut bezahlt werden, viel Geld verdienten. Außerdem stand die ganze Garnison fortwährend auf dem Feldetat und erhielt folglich täglich außer dem Brot ihre Portionen Fleisch, Wein, trockene Zugemüse, Salz, Holz, Essig und so weiter, das freilich oft schlecht genug von den Fournisseurs geliefert wurde. Oft fehlte es auch gänzlich an frischem Fleisch und man teilte dann gesalzenes oder Speck aus den Magazinen aus. Die Soldaten wurden von den Korfioten nicht selten auf das gewissenloseste geprellt, wenn sie etwas verzehrten oder kauften. Man kann sich kaum einen Begriff von der Verschlagenheit, List und Schlauheit der Griechen im Betrügen machen, worin sie Meister sind. Man mag sich stellen, wie man will und noch so sehr in Obacht nehmen, immer wird man von ihnen übervorteilt. Wollte man in Korfu nicht oder wenigstens nicht so sehr hintergangen werden, so ging man zu den Juden, um etwas einzukaufen. Die Sittenverderbnis war unter den Einwohnern Korfus, namentlich den Griechen, in einem furchtbaren Grade eingerissen. Sodomiterei war nicht nur etwas ganz alltägliches, sondern auch ein gewöhnlicher Gegenstand der Unterhaltung unter ihnen. Sie suchten diese schmutzigen ekelhaften Gelüste auf alle Weise zu befriedigen, junge Soldaten zu verführen, und wurden öfters en flagrant délit in Kasematten und so weiter ertappt. Ja Kinder im zartesten Alter suchten sie zu ihren unnatürlichen Lüsten zu bekommen und fanden dabei gar nichts außerordentliches. Während meines Aufenthaltes zu Korfu fiel es vor, daß ein Grieche seine abscheuliche Wollust an einem Jungen unter drei Jahren zu befriedigen suchte, und als ihn der Kommissär-Imperial, die höchste Justizbehörde der Insel, deshalb auf die Galeere schickte, erregte dies eine allgemeine Teilnahme der Einwohner für ihn. „Poveretto; ma che gran cosa ha fatto?“ sagten sie mitleidig, und der Mensch wurde allgemein bedauert. Auch ihre Frauen waren vielen feil, und selbst nicht ganz arme Männer erlaubten für einige Piaster, daß man ihren Ehehälften einen Besuch abstatten durfte.

Die griechischen Kirchen und der griechische Gottesdienst haben ein eigenes, nicht sowohl feierliches als mehr mysteriöses Wesen, wozu auch das Verlegen des Hochaltars hinter den meistens vergoldeten Türen, die Gitterlogen der Frauen, die in den Kirchen gestreuten aromatischen Blätter und Blumen, das ewige Räuchern und Beräuchern eines jeden sich in denselben befindenden Individuums, er sei Grieche, Katholik, Protestant, Türke, Jude oder Heide, die oft so sonderbaren Gemälde auf Goldgrund, das ewige düstere Halbdunkel und Kerzenlicht, das näselnde Singen der Chormänner, die seltsamen Trachten der Priester und Laien das ihrige beitragen mögen. Es war mir anfänglich, als ich diese Tempel besuchte, immer, als wäre ich in dem Oratorium eines orientalischen Zauberers.

Die in Korfu lebenden venetianischen Familien hatten so ziemlich die Sitten und Gebräuche des Mutterstaates beibehalten und brachten die Tage und Nächte meistens in ihren Kasinos und Kaffeehäusern zu, wo sie wie auf dem Markusplatz zu Venedig kannegießerten und politisierten. Auch gestatteten sie ausnahmsweise Fremden Zutritt in ihren Häusern. Ich hatte bald die Bekanntschaft eines Grafen Mocenigo, eines äußerst interessanten, höchst wissenschaftlich gebildeten Mannes gemacht, dessen Familie aus Venedig stammte und der mich bat, sein Haus wie das meinige zu betrachten, mir auch seine auserwählte Bibliothek zur Verfügung stellte und mir über alles, was ich von der Insel Korfu zu wissen wünschte, die beste Auskunft gab. Der Mann hatte einen großen Teil Europas, die asiatische Türkei und auch einen Teil von Deutschland bereist, nämlich Österreich. Er führte mich in ein venezianisches Kasino ein, wogegen ich ihm Zutritt in dem französischen Liebhabertheater verschaffte, das ihm viel Unterhaltung gewährte.

Das behagliche Leben in Korfu war mir zwar nicht unangenehm, aber ich fand es viel zu ruhig und zwecklos, als daß es mich hätte befriedigen können. Auch mußte ich gar manches, und namentlich Journale, Zeitungen und die Neuigkeiten der Literatur überhaupt entbehren, da die Kommunikation mit dem Festland äußerst schwierig war und immer seltener Schiffe aus Italien ankamen; aus Frankreich aber fast gar keine. Ich entsinne mich nur einer einzigen Fregatte aus Toulon, die die ersten Kartoffeln, eine auf der Insel noch gänzlich unbekannte Pflanze, für die Garnison, aber nicht zum verspeisen, sondern zum Anbauen brachte, da jedes Regiment und jede Kompagnie brach liegende Ländereien in der Nähe der Stadt angewiesen bekommen hatte, um sie zu ihrem Nutzen mit Gemüse zu bepflanzen. Alles, was Kleidungsstücke, Stiefel, Schuhe, Hüte und so weiter betraf, war ungeheuer teuer. Ein Paar Suwarowstiefel bezahlte man mit sechzig bis siebzig Piastern, für einen Hut ebensoviel. Andere Luxusgegenstände waren kaum zu erschwingen. Dies rührte daher, daß die Engländer Korfu fast beständig und namentlich in den letzten Jahren (1812 bis 1814) in immerwährendem Blockadezustand hielten und die Insel umschwärmten. Mehrere englische Linienschiffe, Fregatten, Briggs, Schaluppen und so weiter kreuzten fortwährend zwischen Korfu und Italien und paßten mit der äußersten Wachsamkeit allen von dort abgehenden Schiffen und namentlich den französischen und italienischen Kanonierschaluppen auf, die den Dienst zwischen Otranto und Korfu regelmäßig versahen und Depeschen, Briefe, Gelder, Angestellte, Montierungsstücke für die Besatzung an Bord hatten und überbringen sollten. Die Kommandanten dieser Schaluppen hatten scharfen Befehl, sobald sie sich in Gefahr befänden, in Gefangenschaft zu geraten, den Briefsack an dessen beiden Enden Kanonenkugeln befestigt waren, sogleich in das Meer zu versenken; ebenso das Geldkistchen, in welchem sich in der Regel eine halbe Million Franken in Gold und mehr, zur Bezahlung des Soldes der Garnison und der Festungsarbeiten befand. Auf diese Art fanden, während Korfu von den Franzosen besetzt war, wohl fünfzehn bis zwanzig Millionen ihr Grab im Grunde des Meeres. Die immerwährende Blockade hatte außerdem noch das Unangenehme, daß man nur selten Nachrichten von dem Festland und den Seinigen erhalten konnte, und daß das einzige Produkt, welches die Insel ausführt, nämlich Öl, endlich ganz wertlos wurde, während alle anderen Waren viermal teurer als gewöhnlich waren. Dies verursachte, daß auch die reichsten Familien in große Not gerieten und weniger Bemittelte sich gar nicht zu helfen wußten. Die Überfahrt von Otranto hatte große Schwierigkeiten und man mußte die äußerste Vorsicht anwenden, sollten die Schaluppen nicht in englische Gefangenschaft geraten. Zur Abfahrt wurde eine finstere mondlose Nacht gewählt, in welcher der Maestro, ein stark wehender Nordwind, aus vollen Backen blies. Mit diesem Wind fuhr man, sobald es völlig Nacht geworden, mit vollen Segeln von Otranto ab und kam dann den anderen Morgen, wenn alles glücklich abgelaufen war, in Korfu an. Bei der Ankunft eines solchen Seekuriers gab es allemal große Freude und Jubel in der Garnison und ein paar fröhliche Tage, denn er brachte Geld, Neuigkeiten und Nachrichten aus der lieben Heimat und auch Avancements mit. Öfters währte es auch wohl drei Monate und länger, bis ein solches Schiff durchwischen konnte. In der letzten Zeit blieben sie fast ganz aus.

Unterdessen hatte ich die Bekanntschaft der Signora Mariana Recupido, Primadonna der Opera Seria, gemacht, einer sehr geistreichen, munteren und reizenden jungen Frau aus einer guten florentinischen Familie. Ihr Vater war ein Conte Luciano, aber in Dürftigkeit geraten, daher die Tochter von ihrem nicht alltäglichen Talent und ihrer schönen Stimme den besten Nutzen zu ziehen suchte und, einmal beim Theater, einen der besten Tenore Italiens in Bologna geheiratet hatte. Bald stand ich in einem sehr vertrauten Verhältnis mit dieser Primadonna, ging ihre Partien mit ihr durch und führte sie auch bei der Familie Brüge ein, wo ich das Vergnügen hatte, sie Duette mit meiner liebenswürdigen Schülerin Josephine singen zu lassen und wir dann Terzette miteinander einstudierten. Während ich mit Mariana Recupido, die ihrem Zunamen alle Ehre machte, im Vollgenuß der Liebe schwelgte, vergnügte ich mich noch bei den Präliminarien mit der giovin principante Josephine.

Herr von Brüge brachte, seitdem er in Korfu war, die heißeste Jahreszeit in der Regel auf dem Lande, und zwar an einem von der Stadt ziemlich entfernten Punkte zu. Für diesen Sommer hatte er Pallea Castrizza, ein altes griechisches Kloster, wie es deren noch viele auf der Insel gab, gewählt. Dieser Ort hatte eine wunderschöne, äußerst romantische Lage auf einer kleinen Erdzunge an der Westseite der Insel, war befestigt, und eine hohe Zypressenallee führte zu der Höhe, auf welcher das Kloster lag, zu dem man nur über eine Zugbrücke gelangen konnte. Am Fuß des Berges befand sich ein kleiner, zum Landen sehr bequemer Hafen, Sankt Nicola genannt. Um diesen zu schützen und Landungsversuche der Engländer zu verhindern, hatte man eine Batterie auf dem Berg im Garten des Klosters angelegt und eine Abteilung Infanterie von etwa achtzig Mann hierher beordert. Herr von Brüge wünschte, daß ich den Sommer daselbst mit seiner Familie zubringen möchte, und veranstaltete deshalb, daß mir das Kommando dieses Postens auf die Dauer seines Aufenthaltes übergeben und durch meine Kompagnie besetzt wurde. Mir war dies ganz willkommen, denn ich befand mich nicht wohler als in Gesellschaft meiner jungen Schülerin und vermißte die in der heißen Jahreszeit ohnehin nicht sehr angenehme Stadt gerne. Pallea Castrizza liegt ungefähr vier starke Stunden entfernt von derselben. Der Weg dahin führt durch sehr malerische, bald felsige, bald waldige und immer sehr gebirgige Gegenden und ist, wie die ganze Insel, sehr uneben. Für Frau von Brüge, Josephine und das Kammermädchen wurden Maultiere herbeigeschafft. Herr von Brüge, ich und noch ein Offizier ritten den Damen zu beiden Seiten. Vier Soldaten trugen mit vier anderen abwechselnd das Pianoforte meiner Schülerin, andere Maultiere deren Effekten und Matratzen. So bildeten wir mit den Truppen einen abenteuerlichen, halb militärischen, halb patriarchalischen Zug, und die Landleute, durch deren Orte wir kamen, oder die uns begegneten, konnten sich keine Vorstellung von dem machen, was das für ein vierbeiniges Ding sei, das die vier Soldaten trugen. Auf dem halben Weg, bei dem Flecken Liapades, machten wir einen Halt, und da die Hitze schon sehr groß war, so wurde erst gegen Abend wieder aufgebrochen und mit der Dämmerung rückten wir in das burgähnliche Kloster ein, dessen bisherige Besatzung in der Nacht abmarschierte. Das große Gebäude war nur noch von zwei griechischen Mönchen bewohnt, von denen der eine, ein oberster Papa, eine Art Abt, und der andere sein dienender Bruder war. Die Kirche, die mitten im Klosterhof frei stand, war nach griechischem Gebrauch reich ausgeschmückt und gut erhalten. Wir teilten uns in die Zimmer ein, die keine Glasfenster, sondern nur hölzerne Fensterläden und äußerst schlecht schließende Türen hatten und nur mit einigen hölzernen Bänken und ein paar Tischen möbliert waren. Herr von Brüge nahm deren ein halbes Dutzend in Beschlag, die in einer Reihe lagen, und mir wurden zwei daran anstoßende zuteil.

Außer den Linientruppen und den Artilleristen befand sich auch noch ein Detachement von ungefähr hundert Albanesen mit zwei Offizieren dieser Truppen in Pallea Castrizza. Diese hatten sämtlich ihr Quartier in einer großen offenen Halle aufgeschlagen, welche am Abhang eines steilen Felsens am Meer lag und auf beiden Seiten durch Palmen beschattet wurde. Alle diese Truppen standen direkt unter meinem Kommando. Nachdem wir uns gehörig installiert hatten, nahmen wir ein Abendessen, dessen Hauptbestandteile frische Seefische und Langusten (eine Art große Seekrebse) ausmachten. Den Wein dazu mußte der alte Klosterpapa liefern. Da in der Bucht von Pallea Castrizza eine bedeutende Fischerei war, so ließ sich Frau von Brüge jeden Morgen die frisch gefangenen Fische präsentieren und wählte die delikatesten derselben aus, die dann zum zweiten Frühstück zubereitet wurden. Nie habe ich köstlichere Fische gegessen wie hier. Auch hatte Frau von Brüge einen trefflichen Koch mitgenommen. Der Fischfang war so ergiebig, daß jeden Tag für viele hunderte Piaster nach Korfu getragen und daselbst verkauft wurden. Die Hummern und Langusten hatten ein sehr wohlschmeckendes und zartes Fleisch, so auch das Muschelwerk. Frisches Fleisch, aber nur Ziegenfleisch, Wein, Hülsenfrüchte, Salz, Essig, Brot und so weiter für das Detachement lieferte ein Bauer aus dem nahe gelegenen Dorf Spagus auf Kosten der Lieferanten in Korfu. Wir erhielten aber Ochsen- oder Kuhfleisch, weißes Brot und andere Viktualien aus der Stadt. Wein, Öl und andere Ingredienzien für die Offiziere mußte das Kloster in hinreichender Quantität und guter Qualität geben, weshalb auch dessen Papa, sowie weil ihm die Besatzung auch in manch anderer Hinsicht ein Dorn im Auge sein mochte, dieselbe sehr ungern sah und nicht aufhörte, jeden Kommandanten derselben zu versichern, daß es die maledetti Inglesi niemals wagen würden, hier an dem vom heiligen Nikolaus beschützten Kloster eine Landung zu versuchen. Da mir der alte Pfaffe, fast so oft er mich erblickte, dieselbe Litanei wiederholte, so sagte ich ihm ernstlich, er möge sich deshalb nur an Seine Exzellenz den Gouverneur General Donzelet wenden, der seiner Versicherung gewiß Glauben schenken würde. Der gute Papa war außerdem ein gewaltiger alter Sünder, der trotz seiner siebzig Jahre jede Woche mehrere Weiber aus den umliegenden Dörfern empfing, die sich von ihm exorzisieren ließen, wobei er dann, wie die zusehenden Soldaten bemerkt haben wollten, allerlei Manöver und Handgriffe machte, um den Teufel aus dem Leib derselben zu treiben. Ein griechisches, nicht mehr sehr junges Weib kam regelmäßig alle vierzehn Tage mit einem Korb voll ausgesuchter Viktualien, um sich den Teufel, von dem sie besessen war, austreiben zu lassen. Der Papa, der weder schreiben noch lesen konnte, machte nun seine Faxen mit einem griechischen Kruzifix und murmelte allerlei griechische Gebete und Formeln. Das Weib geriet nach und nach in die furchtbarsten Konvulsionen, brüllte unverständliche Worte, heulte, warf sich auf die Erde nieder, und nun sagte der Pfaffe in gebrochenem Venezianisch: „Sehet, gute Christen, welche Mühe es mich kostet, diesen Teufel zu bekämpfen, und wie er sich sträubt und zur Wehr setzt; auch gelingt es mir nie, ihn ganz aus dem Körper der armen Frau zu treiben. Bis in die große Zehe bringe ich ihn wohl, aber auch nicht weiter, und so wie sich, sobald die Frau weg ist, die Kraft meines Gebetes und des Kruzifixes nach und nach wieder verliert, so steigt auch der Böse allmählich in die Höhe, bis er ihr endlich wieder im Kopfe sitzt.“ – Das Weib fiel zuletzt höchst ermattet in einen bewußtlosen Zustand, in dem sie über eine halbe Stunde blieb. Mehrmals habe ich mit der Familie Brüge diesem Schauspiel beigewohnt, und je mehr der Pfaffe den Körper der Frau mit dem Kruzifix bestrich, desto wütender gebärdete sich dieselbe. „Sehet, sehet,“ rief der Papa dann aus, „was der Teufel für Sprünge in ihrem Leibe macht.“ Öfters exorzisierte er aber auch tête-à-tête insgeheim; was dann der Teufel für Sprünge gemacht, mögen die Götter wissen.

Unser Tagewerk in Pallea Castrizza war so ziemlich jeden Tag dasselbe. Morgens früh vor fünf Uhr stand ich auf. Um sechs Uhr machte ich eine Promenade mit den Damen den Berg hinab, längs dem Meeresufer oder auf eine der ringsumliegenden Höhen, öfters zu den Ruinen eines alten Schlosses, Castello San Angelo genannt, das auf einem hohen Felsenberg unserem Kloster gegenüber lag, und wo ein Telegraph, der mit der Stadt korrespondierte angebracht war, um alle von dieser Seite sich nähernden feindlichen Schiffe sogleich signalisieren zu können. Besuchten wir nahe liegende Dörfer, so waren wir bald von deren Bewohnern umringt, die uns als Wilde oder Wundertiere anstaunten, mit denen wir uns nicht verständigen konnten, da niemand von uns das Neugriechische sprach, von dem ich kaum ein paar Worte aufgefangen hatte. Gegen neun Uhr kamen wir in der Regel zurück, denn es fing dann schon an, glühend heiß zu werden, und setzten uns zu einem delikat zubereiteten Frühstück, bei dem frische Fracazanifeigen, Wassermelonen und andere Südfrüchte nie fehlten. Nach dem Frühstück erteilte ich Josephinen ein paar Stunden Unterricht in der Musik, aber jetzt nicht ohne Unterbrechungen, wenn sich die Gelegenheit darbot, denn ich gab ihr nun auch Unterricht in der Liebe, und zwar in der praktischen, während sich Papa und Mama bald nach dem Frühstück zur Siesta niederlegten und die große Hitze in ihrem Schlafgemach verschliefen. Wir begaben uns dann erst gegen Mittag jedes in sein Zimmer zur Ruhe. Während wir Akkorde auf dem Piano anschlagen, harmonierten wir oft Mund auf Mund, mit minutenlangen Glutküssen, endlich verstummte Klavier und Gesang ganz und wir lagen einander wonnetrunken in den Armen, während die Eltern einer süßen Ruhe pflegten. Das Mädchen, eine Sylphidengestalt, war wegen der großen Hitze äußerst leicht in ein Gewand von Cambridge oder Musselin gekleidet, unter dem sie höchstens, und das nicht immer, noch ein linnenes Unterröckchen über dem Hemd trug, so daß sich ihre schönen Formen sehr deutlich zeichneten und das Kleid einen antiken Faltenwurf annahm. Indessen wagten wir viel, denn wie leicht hätte uns Papa oder Mama in einem so Gott und die Welt vergessenden Zustand überraschen können. Später schlichen wir uns öfters in die vergitterten Frauenstühle der Klosterkirche und frönten in diesem heiligen Dunkel der cytherischen Göttin. Gegen Abend, wenn alles wieder aufgestanden war und Toilette gemacht hatte, fanden wir uns wieder zusammen, musizierten bis zum Mittagessen, das um sechs Uhr eingenommen wurde, worauf wieder Promenaden folgten, nach denen man bis lange nach Mitternacht im Klosterhof weilte, dem Gesang der Albaneser zuhörend, die recht schöne Melodien und mehrstimmige Lieder in ihrer Sprache sangen und mit Zithern und Lauten begleiteten. Bisweilen las ich den Damen etwas vor.

Öfters ritt ich nach Korfu, um daselbst allerlei Kleinigkeiten für die Damen zu besorgen und einzukaufen. Da Josephine auch recht artig zeichnete, so kamen wir auf den Gedanken, ein kleines Puppentheater zu malen, um mehr Abwechslung in unsere Unterhaltung zu bringen. Als ich, um Farben zu diesem Zwecke zu kaufen, nach Korfu geritten war und mich in die Calle verte zu einem Farbenverkäufer begeben wollte, hörte ich plötzlich ein starkes Getöse, ein Geräusch, dem gleich, wenn ein Paar Pferde mit einem Wagen auf dem Straßenpflaster durchgegangen sind. Da es aber in Korfu, den Artillerietrain ausgenommen, der nur bei Revuen tätig war, gar kein Fuhrwerk gab, so war dies wohl nicht annehmbar. Zugleich sah ich alle Leute mit angstvollen Gesichtern vorüberspringen, trat deshalb in eine offen stehende Kantine, um zu fragen, was dies bedeute, wo ich aber Pokale und Gläser auf den Tischen wankend und klirrend fand. Die Leute schrien: „Terramuoto, terramuoto!“, stürzten, mich über den Haufen stoßend, nach der Türe, um nach der nächsten Kirche zu rennen. Ich aber, der jetzt begriff, was es war, lief eiligst nach der nahen Esplanade. Aber bevor ich dieselbe noch erreichte, hatte das Geprassel und die Erschütterung schon aufgehört, denn das Ganze währte nur wenige Sekunden. Noch lange nachher waren aber Straßen und Kirchen, und namentlich die des heiligen Spiridion, voll Menschen, die, auf dem Boden liegend, inbrünstig zu dem Schutzheiligen beteten. Bei dieser Gelegenheit bekam ich auch viele der vornehmen griechischen Frauen und Mädchen zu sehen, die entschleiert in die Kirchen rannten, und unter denen sich manche echt antik-griechische Schönheit befand. An das Farbenkaufen war für diesen Tag nicht mehr zu denken, da alle Buden schnell geschlossen wurden und es den ganzen Tag blieben. Die Garnison hatte schnell ausrücken müssen und biwakierte zweimal vierundzwanzig Stunden auf der Esplanada, da sich solche Erdstöße auf den Jonischen Inseln nicht selten in den nächsten vierundzwanzig Stunden drei- bis viermal wiederholen. Das Erdbeben war sehr stark und bedeutend gewesen. Mehrere Häuser waren eingestürzt und ihre Bewohner, die sich nicht schnell genug hatten retten können, waren erschlagen worden. Auch mehrere noch von der letzten türkischen Belagerung in Ruinen stehende Gebäude waren nun völlig zusammengefallen. Viele Personen hatten sich auf die Schiffe in der Reede geflüchtet, auf denen man die nämliche erschütternde Bewegung wie auf dem Lande verspürte. Noch denselben Nachmittag jagte ich nach Pallea Castrizza, wo ich alles in größter Bestürzung und die Besatzung vor dem Kloster kampierend fand; so auch Herrn von Brüge und seine Damen. Nur die beiden Mönche und einige Griechen lagen noch betend in der Kirche auf den Knien. Ich mußte nun Bericht über das, was in der Stadt vorgefallen war, erstatten, und nicht ohne Angst, was da kommen könne, begab man sich gegen Morgen zur Ruhe. Nach ein paar Tagen war alles wieder im gehörigen Gleis. Ich ritt abermals nach Korfu, die Farben zu holen, die ich diesmal glücklich mitbrachte, und wir begannen nun Dekorationen zu malen. Den anderen Morgen sagte mir Josephine bei der Musikstunde, sie habe in Papas Stube ein Papier voll langer Dinger von ganz feiner Blasenhaut gefunden, und als sie sie ihrem Vater gezeigt und gefragt, was denn dies sei, so habe er ihr sehr unwillig geantwortet: „Einfältiges Ding, das sind türkische Tabaksbeutel; du mußt deine Nase aber auch in alles stecken.“ „Ich glaube es aber nicht,“ fuhr sie fort, „und möchte wohl wissen, was dies eigentlich für Dinger sind.“ – Auch ich konnte mir nicht gleich denken, was es wohl sein könne, und sagte zu dem Mädchen, sie möge mir nur eines davon zeigen. – „Ja, wenn ich sie wieder erwischen kann, denn Papa hat sie schnell und aufgebracht wieder weggetan.“ – Einige Tage darauf brachte sie mir ein solches Ding, indem sie sagte: „Aber die hat Vater gut versteckt; sie waren in seinem Portefeuille verschlossen. Ich fand sie in einem Bataillonsrapport eingewickelt und habe ihm eins genommen.“ – Ich erkannte nun sogleich, was es für Beutel waren, hatte mir dies schon halb und halb eingebildet, und da ich von Josephinen selbst wußte, daß Papa mit dem Kammermädchen auf einem intimen Fuß stehen müsse, da sie gesehen, wie er es heimlich geküßt, so konnte ich mir denken, wozu Herr von Brüge diese türkischen Beutel gebrauchte, da er einen Skandal fürchtete und vermeiden wollte, und ich fand bald Gelegenheit, seiner Tochter die Nützlichkeit derselben darzutun.

Als wir uns eines Morgens nach der Musikstunde der großen Hitze wegen in ein altes halbzerfallenes Kellergewölbe flüchteten, in das ich vorantrat, da wand sich, kaum eingetreten, eine dicke eiskalte Schlange, die sich von der Türwölbung herabließ, um meinen nackten Hals, und Josephine tat einen lauten Schrei. Ich aber packte das eisige Tier mit beiden Händen um den Leib, wobei es mich in die Hand biß. Ich riß es mit aller Gewalt herab und trat ihm mit beiden Füßen auf den Kopf, so daß ich denselben zerquetschte. Weder ich noch Josephine, noch die Leute, denen ich das Reptil zeigte, wußten, zu welcher Schlangengattung es gehörte. Aber einer der hinzukommenden Albanesen wollte es für eine der giftigsten Nattern erkennen, setzte jedoch sogleich hinzu, daß ich nichts zu fürchten habe, da er ein untrügliches Mittel besitze, den Biß unschädlich zu machen und die Wunde zu heilen. Er preßte das Blut heraus, sog es mit seinen Lippen ein, brannte dann mit einem Schwefelfaden die blutige Stelle, legte hierauf etwas von der geschabten frischen Wurzel eines Krautes darauf und verordnete mir, recht viel Zitronenwasser und ja keinen Wein zu trinken, was ich befolgte. Frau von Brüge hatte ohnehin jeden Tag eine große Bowle Limonade in dem Speisezimmer stehen, aus der wir ad libitum tranken, und die, so oft sie leer war, wieder gefüllt wurde. Zitronen und Limonen kosteten ja nichts, ebenso die bitteren Pomeranzen, welche die Soldaten hier zu Schuh- und Stiefelwichse benutzten, und das damit frottierte Leder bekam völlig den Glanz des blanken Stahls. Das angewandte Mittel war probat, denn der Biß hatte nicht die geringsten unangenehmen Folgen für mich. Ob aber die Schlange wirklich so giftig war, als der albanesische Äskulap vorgab, muß ich dahingestellt sein lassen.

Was noch einige Abwechslung in unser sonst ziemlich einförmiges Leben zu Pallea Castrizza brachte, wo wir jetzt viele Zeit mit der Dekorationsmalerei für das Puppentheater hinbrachten – ich zeichnete die Hintergründe und Kulissen und Josephine malte sie aus – waren die Feste in den umliegenden Dörfern, zu denen wir von den Capi di cinquante und dieci immer feierlich eingeladen wurden, bei denen wir uns einstellten und wo es recht fröhlich zuging. Dies ist fast der einzige Tag, wo der Grieche etwas Warmes und gebratenes Fleisch zu sich nimmt. Jeder schneidet sich von einem am Spieß gebratenen ganzen Hammel oder Schwein nach Belieben ab. Das Schweinefleisch und namentlich der Schinken von den mit ausgepreßten Oliven gemästeten Schweinen hat einen ganz vorzüglichen Wohlgeschmack und ein transparentes hornartiges Ansehen. Wir vergüteten die Einladung und das Genossene reichlich, indem wir gar manchen Para, wohl auch Piaster an den klebrigen Mauern hängen ließen. Am abergläubischsten zeigten sich hierbei die Albanesen, die oft einen ganzen Monat ihres Soldes an diesen Mauern hängen ließen. Eines dieser wilden Bergkinder, das schon hundertdreizehn Jahre alt, dennoch bei jeder Musterung wohl bewaffnet erschien und gleich den anderen im Trabe defilierte und seine Pistolen und Gewehre abfeuerte, hatte über fünfzig Piaster angeklebt oder fallen lassen. Hundertjährige Albanesen sind keine große Seltenheit, woran wohl die große Abhärtung, ein Schafsmantel ist ihr Bett, ihr Obdach, ihre Bekleidung und Regenschirm, sowie die außerordentlich mäßige Lebensweise schuld sein mag.

Da während unseres Aufenthaltes zu Pallea Castrazzi das Sankt Spiridionsfest in Korfu gefeiert wurde, so redete mir Herr von Brüge zu, da ich dasselbe noch nicht gesehen hatte, mich während dieser Zeit in die Stadt zu begeben, um demselben beizuwohnen, was mir ganz recht war, da ich bei diesem den Aberglauben und die Pracht der Korfioten und ihrer Frauen in ihrem ganzen Glanze erblicken sollte. Ich nahm Urlaub auf sechs Tage, während welchen ich die feierliche Narrheit mit aller Bequemlichkeit zu beobachten Gelegenheit fand, und schloß mich sogar eine ganze Stunde lang der Prozession an, worauf ich aber genug hatte, mich weg und in das nahe venezianische Kasino schlich, in welchem ich eingeführt war, und wo ich die Bekanntschaft eines jungen Capo d’Istria, eines Neffen des in russischem Staatsdienste stehenden Ministers dieses Namens machte, der ebensowenig als ich an die Heiligkeit der Mumie glaubte und sich manche beißende und geistreiche Ironie über die Prozession und das Gefolge erlaubte. Er bot mir eine Tasse Schokolade an und lud mich ein, ihn öfters zu besuchen. Ich begab mich nun mit ihm in die reich und prächtig ausgeschmückte Sankt Spiridionskirche, wo wir die Rückkehr des Heiligen abwarteten, während griechischer Gottesdienst gehalten wurde und die Musik der verschiedenen Regimenter abwechselnd spielte. Dem Eingang zur Vorhalle der Kirche, in welcher die Musik des vierzehnten Regiments spielte, gegenüber, hörte und sah ein allerliebstes Madonnenköpfchen mit großem Vergnügen dem militärischen Spektakel zu. Capo d’Istria, den ich darum fragte, sagte mir: „Ach, dies ist die schöne Signora Enrichetta Viletta, die Braut des Advokaten Prosalenti, sie hat dreißigtausend Talari Aussteuer. Sie hatte viele Freier, unter anderen auch den jungen reichen Dandolo, aber ihr erzliederlicher Bruder, der alles verspielt, hat sie dem widerlichen Prosalenti verhandelt.“ – Hinter einem Fenster des Vestibüls der Kirche hatte ich Gelegenheit, die Reize des jungen Mädchens unbemerkt mit aller Muße bewundern und sie selbst beobachten zu können. Capo d’Istrias Mitteilungen hatten mir die schöne Braut doppelt interessant gemacht, und wie ich aus seinen Reden entnehmen konnte, schien sie ihm auch nicht gleichgültig zu sein. Er war ein junger interessanter Mann, mit einnehmenden Gesichtszügen, Mitglied der Società filodramatica, welche italienische Lustspiele und Dramen aus Liebhaberei aufführte, bei der er den jugendlichen Liebhaber nicht ohne Talent spielte, und von der auch ich den kommenden Winter ein tätiges Mitglied wurde und wo ich die in Neapel übersetzten deutschen Stücke, namentlich ‚Fiesko‘, ‚Menschenhaß und Reue‘, ‚Die Indianer in England‘ und so weiter zur Aufführung brachte. Die Recupido machte aus Gefälligkeit die erste Liebhaberin und gab die Elisabeth im ‚Don Carlos‘ und die Gurli ganz vortrefflich. „Ein Meisterstreich wäre es,“ sagte ich zu Capo d’Istria, „wenn man dem Prosalenti die schmucke und reiche Braut wegfischen könnte.“ – „Ach ja,“ erwiderte er seufzend, „aber es ist unmöglich.“ – „Unmöglich?“ versetzte ich, „solange die Hochzeit noch nicht vollzogen, ist immer noch die Möglichkeit vorhanden. Ich gebe nichts auf als die Toten. Sie sehen das Mädchen gerne?“ – „Freilich.“ – „Und Sie wissen, daß sie den Prosalenti nicht leiden mag?“ – „Allerdings.“ – „Nun, dann müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn wir sie ihm nicht aus den Klauen reißen sollten. Wann soll die Hochzeit sein?“ – „In sechs Wochen.“ – „Noch überflüssige Zeit, die Sache rückgängig zu machen und das Opfer dem Rachen der Bestie zu entziehen.“ – Wir verließen nun Arm in Arm die Sankt Spiridionskirche, grüßten im Vorübergehen die holde Enrichetta ehrerbietig und erhielten einen freundlichen Dank, gingen aber nur um die Kirche herum und auf der entgegengesetzten Seite wieder in dieselbe, uns abermals hinter das bewußte Fenster der Vorhalle placierend. Zeigten uns aber von Zeit zu Zeit wieder an der Türe der Schönen gegenüber, so daß diese bald unsere Gegenwart bemerkte und lächelte; und nun wurden Blicke gewechselt. Ich sagte jetzt meinem neuen Freunde, er möge ein Briefchen schreiben, in welchem er Enrichetten seiner Liebe versichern und ihr erklären solle, daß er sie heiraten wolle. Es kostete mich aber große Mühe, ihn dazu zu bewegen. Auch fürchtete er die Rache des Bruders und Bräutigams, wenn diese unglücklicherweise dahinterkämen. – „Pah, wenn man einem Mädchen nachstellt, muß man nichts in der Welt fürchten,“ sprach ich und fuhr fort: „wenn Sie mir die Leitung der Intrige überlassen wollen, so stehe ich für alles. Schreiben Sie nur das Billett und dann sorgen Sie für eine alte Hexe, die für ein paar Zechinen selbst an den Teufel verkuppeln würde.“ – Capo d’Istria, durch mich ermutigt, verstand sich endlich zum Schreiben und an solchen alten Weibern vom Mestiero war auch in Korfu kein Mangel. Ehe vierundzwanzig Stunden vergingen, war das Geschriebene in den Händen der Braut. Die Überbringerin, eine alte Griechin, die auch das Venezianische gut sprach, brachte wenigstens eine mündliche Antwort und erzählte etwas umständlich, welche Mühe sie gehabt, die Signora allein zu sprechen, sie zur Annahme des Briefchens zu bewegen, daß es ihr aber endlich sogar gelungen sei, sie zu überreden, den Antrag des jungen Herrn anzunehmen, wenn er ihn ausführen könne, denn sie gestehe, daß ihr der bestimmte Bräutigam unausstehlich sei. – „Was nun anfangen?“ meinte Capo d’Istria. – „Hier bleibt nichts übrig als eine Entführung,“ erwiderte ich schnell. – Vor dieser aber scheute er wieder und willigte erst ein, als ich ihm erklärte, ich wolle auch die Ausführung und die Gefahr derselben übernehmen; die Hauptsache sei vorerst, sich der Einwilligung des Mädchens zu versichern. Die alte griechische Hexe, die bereits zwei Zechinen zum Geschenk für ihre Bemühungen erhalten hatte, war auch bereit, ihr möglichstes zu tun, die Signora Enrichetta dazu zu vermögen.