Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern, denn sie hielten ihn für den Geeigneten, und er wars auch!), Jason also sagte mir, daß Du gestorben seist. Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens, ich erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich ihn noch nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr vorstellbar, doch war es so, daß Jason ganz weiß von oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke saß, in der es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung verschwand.)
Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. Dir ist bekannt, denn wir sprachen mehr als einmal darüber, daß wir im Zeitalter des Ausdrückens leben, auch Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was das Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form, das weiß ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer George), und eines jeden ganzer Stolz ist es, wenn er für irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden hat. So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem Fall und so weiter.
Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen zugunsten der Andern. Mordanschlag eines Irren ... ich beklage Sigurd nicht weiter, als ich ihn eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was Vernunft und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß ich durchaus nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen gerade dann eintreten, wenn die uns bekannten gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn: gesprengt? Ebensogut können sie ja nur erweitert sein. Attentate auf Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen Leuten nicht selten verübt worden, und so ließe sich in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß es für ihn, um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. Auch wieder so ein Ausdruck!
Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte Mienen und so weiter, vor allem unbedingt Deine sonst ganz unverständliche Abwesenheit, — wie gesagt, all das spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist es ebenfalls, denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du seist tot, in dem üblichen Sinn des nicht mehr Vorhanden-, des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine Nerven reißen im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst?
Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es, wie mir einfällt, gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung hierüber verdanke.) In der Form offenbart sich die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie gestorben sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche Erscheinungsart, ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher und besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es eben tut, indem sie rasend wird. Einzig wunderbar aber bleibt, daß die Form, in der Du nach wie vor Wesen hast und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke fast göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff, eingesetzt in die Form des Vaters für unsre Lebenszeit, nicht leiblich mein Vater, aber ganz und ewig im Geist? Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir verbleibt.
Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer ein, dieser Knabe Georg! Ich dachte erst, das Schreiben würde ihn munter erhalten, aber es scheint mir doch nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher (übrigens, in Chöttingen sagt man Cheist, — ich weiß nicht, es reizt mich so besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben habe, was mir eben einfällt. Nicht wahr, es könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit einem Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher, wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist so schlaff wie meine Beine und so weiter.
Nämlich —
Oder vielmehr —
Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das Ende des Satzes oben nicht mehr finden. Nun, Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit Gott im Himmel hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Bürger so schön singt, aber — das ist auch nicht so einfach!
Denn (um an meinen ersten Brief anzuknüpfen): warum bist Du fort und ich hier allein? Ist das nicht zum Hadern? Du bist freilich nun der große Strahlende geworden, ja der so blendend Strahlende, daß ich gar nicht die Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das Schreiben sehr dienlich, — ich aber blieb hier in der kranken Dämmerung, und wenn ich nicht die Hoffnung hätte wie einen Felsen, wie einen rocher de bronce, in nicht gar zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist — wie wäre dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih schon, ich weiß, daß die Äußerung von Gefühlen früher nicht üblich war zwischen uns, aber damals ging es uns Beiden ja verhältnismäßig wohl. Nun verstehst Du wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht weich.
Standhaftigkeit sagst Du. O gewiß, natürlich! Ich weiß ja auch: es lebt niemand in der Dämmerung, der nicht recte hineingehört, und schon daß ich darin bin, wäre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg, den ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg zu Dir, der mich besonders entmutigen würde, wenn ich es wagte, ihn ganz ins Auge zu fassen: ich muß schon sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du würdest mir ja gern helfen, ich weiß, aber da es verboten ist, so sehe ich es ja vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine Hoheit, wie fang ichs an? Wo ich doch ganz unten erst auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um sich her sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern — o himmlisches Grün hinter Bäumen! — dämmert die heilige Wahrheit ...
Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an Dich begann, war ich so besonders glücklich und munter, aber bei mir hält auch rein gar nichts vor. (So war es immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia. Kaum war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch diese elende, besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre bald nach Helenenruh. Da Du in Trassenberg bist, darf ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh — ja, Helenenruh, das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist die? Ein einziger Sommer. Folglich ist Helenenruh eine einzige besondre Kindheit, und daraus wieder die einfache Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um — wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann — wenigstens in die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich ein Weg zu Dir hinauf: nur dort kann er beginnen.
Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterließ ich bisher eine meinen Körper betreffende Mitteilung von nicht besonderer Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin nämlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders merkwürdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch ein unmenschliches Glück, nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn wohin wäre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die Tiefe ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel näher immerhin, das heißt: Du mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft noch, daß er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich weiß.
Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich weiß nicht: mir wird eigentlich tagtäglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so schwer zu fassen! Früher, ach weißt Du noch? ‚Wie wir einst in grenzenlosem Lieben — Späße der Unendlichkeit getrieben ...‘ Ja, damals war alles leicht.
Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich muß noch lange, lange leben, muß schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus lauter verknöselten Fäden weben.
Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube übrigens, es wird besser mit mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit. Glaube mir, Papa, es war die reine Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es Dir beschreiben kann.
Das Schlimmste war — abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen — das lange Fahren. Immer dieser merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich vorne so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, und neben mir auf dem Bock — meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre müssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter und gesprächig waren — untereinander —, während ich selber keinen Laut äußern konnte und nichts begriff und nichts fühlte als den entsetzlichen Druck, in den mein ganzes Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit doch kaum Minuten waren, während ich umgebettet wurde, und doch diese Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also gewiß, daß es nur außerhalb unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem Äußern in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts kommen, manchmal zwischen den unsäglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer bedrückt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte, dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, die zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, das nichts hatte als seine Wände, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz (und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faßten beim Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender Stellung befand — das Fahren! — jedoch schwer hing und nicht saß), bis ich dann merkte, daß sie mich ja wieder aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich hing, sondern lag — ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das heißt ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht läge. Und daß dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum, Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen miteinander, nichts war für mich zu verstehn, ich flehte, ich war für sie gar nicht vorhanden. Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen, hing, — ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten!
Doch war dies alles ja nichts gegen — das Große.
Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. Es war nur Empfindung. Es war Nacht, — und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und überall. Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor mir, über mir —, und ich selber war das Wälzen. Ich war zum Giganten geschwollen und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu können. Ich sollte das Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang, umzuwälzen, und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ... Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.
Und doch — ich erinnere mich — es war schon einmal da, das Große. Wie ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein, Lungenentzündung hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon — ich erinnere mich — muß ich mich erinnert haben, wie ich mich heute erinnere. Und ja — mein Gott! ich glaube, das Fürchterlichste war die Erinnerung, daß es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, — aber wann? wann?
Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte mir etwas Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch muß ich einige Erklärungen vorausschicken.
An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die Trennung brachte, wo der große Mummenschanz war, mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das heißt während seiner ganzen ersten Hälfte war ich — kurz und gut: gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich nicht, das heißt als ich es nicht mehr war, da fiel es mir auf. Es war jedoch ein besondrer Rausch, nämlich nicht im Kopf allein, sondern in allen Gliedern, es war ein ganz rasendes Behagen, es war quasi nichts als ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft.
Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich — sagen wir: Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles erklärt hat, erinnere ich mich erst deutlich wieder. Ich saß nämlich um die besondre Mitternachtstunde oben auf der Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. Dann erschien auf einmal jener Montfort bei mir, Josef, dann kamen diese optischen Erscheinungen, Kugeln aus Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle im Gesichtsfeld, wie man das nennt, und schließlich stellten sich drei Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei unvergeßliche Dinge sagten, das heißt — nun habe ich sie ja doch vergessen. Bis auf eins: den Vornamen meiner richtigen Mutter, nämlich Kaja.
Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja, also am 31. nachmittags kam doch jener Klemens mit einem in russischer Sprache abgefaßten Brief meiner Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo gefunden hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die Schreiberin meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig, ihn zu lesen. Mit diesem Brief in der Hand war besagter Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen (entschuldige gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich nach einem besondern Russen, der ihn übersetzen könnte. Wen findet er am Ende? Natürlich jenen Jason, der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe da: dor hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch nicht, das heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten ein paar besondre Worte, und kurz und gut, ihm fällt ein, daß ja dieser Josef Montfort vorhanden ist und grade aus Rußland gekommen, und nun wandern sie selbander zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo Montfort wohnt.
Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine Heiterkeit! Es hatte nämlich besagter Montfort aus Südamerika, wo er auch gewesen ist (in dem Lande der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein besondres Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von den Indianern zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen besondre Wirkung eben darin besteht, wunderbare optische Erscheinungen hervorzurufen. „Und da,“ sagt Jason, „da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, und machen sich gegenseitig ihren schönen blauen Dunst vor.“ Das selbe nun taten allda jener Maler, Montfort benebst seinem Chinesen — er hat einen Chinesen! —, seine Freundin Cornelia und sein Freund Saint-Georges, der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason sagte natürlich: gieb mir die rote Speise, — und so war es eben. Wie nun aber Jason, oder vielmehr Klemens seinen Brief herauszieht, was kommt zutage? Josefs Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein Chinese, der kann es glänzend, bloß — er kann nun wieder keine russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da sitzen sie schließlich allesamt und raten auf den Brief und bekommen ihn auch schließlich heraus.
Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle und so weiter, mit einem Wort: ob ich nun schon wisse, was in dem Brief geoffenbart wurde, oder nicht, und ob Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe nämlich ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen, und das tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), ihre Pflicht sei, mir eine besondre geheimnisvolle Warnung zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke, nämlich in Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen auf mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner ungeheuren Beredsamkeit dringt so lange auf die Andern ein und entwirft so köstliche Bilder und so weiter, daß sie allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn. So kauften sie denn am folgenden Tage — nämlich das heißt: Montfort und Saint-Georges, und Jason sollte dabei sein, weil er eine so musikalische Stimme hat und am besten Verse aus dem Stegreif aufsagen kann — kauften sie diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen sie auch mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, wenn ich schon vorher Erscheinungen hätte, ich auch die Gugelmänner für ebensolche halten würde. Jason, das muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein was geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason das einmal an sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, die er in seinem Gewande trägt, und Jason? Ja, da meinst Du nun wohl, er habe die Obligation gehabt, zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas, das geschehen soll, nicht das geringste ändern kann. Er kann nicht eingreifen, er ist gleichsam handlos oder bloß Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur eine Begleiterscheinung. — Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu sein und ergo mit Femrichter zu spielen, — bin ich klar?
Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse wandeln, was geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben auf der Sternwarte. Nun kommt Montfort herauf, um Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner sagen, „und da saßen Sie ja“, sagt Jason, „und tranken Ihren herrlichen Christitränenwein, oder wie solche besondren Weine heißen“. Nun, und kurz und gut, das Gift ist im Wein, ich trinke, Montfort schwand ‚und Goethe schwindet, und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer Herrlichkeit‘ und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles schauerlich und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in den Wind, naturgemäß — meiner Natur gemäß —, das heißt: in diesem Fall war ich gewissermaßen unschuldig, denn eben jenes besagte Macugift hatte neben jener optischen auch die Wirkung, während der optischen äußerst schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes Strotzen von besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das mich am folgenden Morgen prompt überfiel. Aber es war doch sehr schön, und ich bilde mir schon was darauf ein, so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu meinem Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und dieser Josef hatte ja auch noch eine sehr feine Idee, nämlich einen Schmetterling, auch aus Südamerika. Er war so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise, und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder die Drei ihre erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf sie das Ganze irgendwo in meinem Palast anbrachten, damit ich am andern Tage wenigstens wüßte, wers gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte es ganz und gar nicht.
So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider aufhören, ich hätte allerdings noch viel zu sagen, aber Du mußt verzeihen, ich bin so fürchterlich müde!
Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja nicht auszuhalten! Im allgemeinen weiß mans ja, aber diejenigen, die einem besonders nahestehen, die hält man doch gemeinhin für Ausnahmen.
Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der kleinen Virgo Schley. (Da ich mir bisher alle Besuche verbeten hatte, meinten sie wohl, es wäre ein Aufwaschen.) Virgo — ich irre mich doch nicht, daß Du sie einmal bei mir kennen gelernt hast? — brachte inzwischen Zwillinge zur Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben scheint, und sie sieht nach wie vor süß und wie ein halber Knabe aus. Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck aller jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich und ein bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren Kindern erzählte sie naturgemäß tausend Geschichten. Benno schwieg sich aus in Kindheit, Rührung und vermischten Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage ich, ob ich vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was ereignet sich? Allgemeines Staunen. Nun und so weiter, ich habe keine Lust, ihre Dummheiten obendrein zu Papier zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und nun stellt sich heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist so flach wie eine Furt für Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst auch diese japanische Ente, die er sich da angebändelt hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus, durch meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, war zu erraten: die dicke Person von Schwiegermutter, der die Unterstützung eines ums Haar zu den Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht geheuer scheint. Mag er denn hingehn zum Theater und sich die Seele vollends verschandeln lassen. Die nächste Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine Operette komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter.
Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen meines Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadenstoß zu versetzen. Ach, könnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich weiß, damit die Seele ganz frei und rein werde — für Dich! Du willst keine Götter neben Dir haben — o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst, wäre es nur mehr, was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte, alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden, eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!
So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen — Doktor Birnbaum übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen muß, daß ich noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt —, und nun zögere ich wieder.
Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in die Gruft hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas hinabführte. Das Gewölbe unten, in das ich gelangte, war aber leer, zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren Trichter hineinsprach. Es war sehr still, mir war ängstlich, weil Du nicht da warst, dann bemerkte ich eine Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf einem Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest ganz still da, die Hände geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin. Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann näher zusah, waren auch Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an ...
Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten.
Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. Helenenruh wäre ja eine Erleichterung.
Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich friert immer noch so trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentür — das heißt also: im Zimmer — und versuche an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben kreisen um die Türme, ich sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft über dem Schloß ist wie ein riesiger Trichter, gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert schwarzen Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und außen um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in großer, sausender Fahrt. Mariä Geburt — Ziehen die Schwalben furt. — Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um diese Zeit sein müßte.
So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner Decke, immerhin im Freien.
Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten Evangelistentieren auf den vier Pfosten — Bewunderung und Ehrfurcht der Kindheit!
Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden das zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen, wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir, und nun ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden. Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob sie immer noch hinaus, es ist die alte Schwäche, allein — gedulde Dich nur noch zwei Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles beisammen, es sind immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn inständiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt, oder wenn nicht dann, übermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne darauf! Ganz bestimmt!
Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grüfte, an Totes schlägt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend, schwankend, erlöst, aber siehe da — welche Verwandlung ging mit uns vor nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts vergessen, es ist alles da, was wir verließen, in unsrer Erinnerung grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum? Rechenschaft abzulegen darüber.
O Gabe des Vergessens, die allein
Uns möglich macht das ungeheure Leben!
Du wundervoller Allernächtewein,
Von dem wir trunken über Schlünden schweben!
Der gute Heiland wußte, was er tat,
O Lazarus, als du im Tod erschlafft;
Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,
Er sah die süße Schwester, die ihn bat,
Und lächelte dich los aus deiner Haft.
Der Honig von der Götterlippe schmolz
Und tropfte Süße in dein krankes Herz,
Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz,
Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.
Der erste wars, an dem Erinnerung
Von innen saugte in die Nacht zurück.
Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,
Und alle andern waren wieder Glück ...
Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend. Hinter dem Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold. Der südliche Himmel von graublauen zarten Zügen, leise vergoldeten, wölbt seine reine Muschel über mir. Selige Schale! Geliebtes Gold, o geliebter Hauch, geliebte Bläue, dein Anblick ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten sein muß, der das goldene Abendwunder der Heimat sich über fremdem Ufer entfalten sieht, — erinnernd an alles, was einmal war.
Übrigens bemerke ich, daß ich nichts datiert habe in diesen Briefen. Da es mich auch nichts angeht, ob es Stunden sind, Tage oder vielleicht schon Wochen, die vergingen, während ich schrieb, und sie also einer wie der andre das Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so muß es wohl heißen, wie C. F. Meyer an seine Schwester schrieb: ‚Aus allen Augenblicken meines Lebens.‘
Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa?
Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bäume,
Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort.
Und Gärten stehn im abendlichen Land,
Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.
Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund
Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.
Sie passen — und sie passen auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe, damals als all dieses um mich her war, wie es heute ist, und doch anders, oh so anders! Oder ist dies kein Leben mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es Leben ist, und ob es möglich sein wird, es zu leben oder nicht. Sollte jenes der Fall sein, so müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze Oberschicht menschlichen Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen (grattez le Russe!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles voll steckt wie ein Brombeerbusch im Oktober. Möglich, es ist so. Möglich, das qualvolle Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde, eine neue Haut zu bilden — die nur die alte werden könnte —, sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.
Wie soll mans nennen? Nur — Mensch zu sein. Alle Strahlen des Lebendigseins aufzufangen — mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten —, sondern sie aufzusaugen in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich darstellt.
Aber das sind alles wohl nur so Ausdrücke ...
Fest steht, daß ich bis zum 31. Juli dieses Jahres nichts weiter war als ein blasser und nichtemal besondrer Nervenbaum. Nun sehe ich, daß ich in den Zweigen oben eine nahezu völlig unbenützte Seele sitzen habe, — leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres Zwitterding von Sperber und Nachtigall. Warum es so stille sitzt, darf uns nicht wundern. (Total verlaust!)
Zuvor habe ich zu gestehen, daß der einzelnen Schuldposten einerseits so viel sind, und andererseits in einem so besondren Durcheinander über die Blätter des Schuldbuches verstreut, daß ich den Vorschlag eines besondren Verfahrens machen möchte, nämlich daß ich die einzelnen Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen Spielzeugkästen, bestehend aus einem Dutzend würfelförmiger Holzklötze, als welche zusammen mit jeder ihrer Seiten ein Gemälde herstellen, mit dessen Einzelquadraten besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt nur noch zu erwähnen, daß in meinem Falle jeder Teil jedes vorgestellten Bildes so wenig im eigentlichen Sinne als Bruchstück erscheint, als jede geistige, sinnliche Vorstellung in ihrer Art immer eine Ganzheit zu haben scheint, — das heißt also gleichfalls die Form eines Bildes.
Ich fange an! Erstes Bild:
Ein Mädchen, das ich vielleicht liebte, hieß Esther. Hier steht sie, in der Hand eine sogenannte Gänseblume, an der sie zupft: Liebe ich ihn? Liebe ich ihn nicht? Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine ähnliche Blume zupfend: Ich liebe sie —, ich liebe sie nicht. — Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie — will nach Amerika, um dort gewissermaßen zu heiraten. Will — will auch nicht. Ich — möchte sie wohl halten; will — will auch nicht. Letztes Stück: Ein Schiffsuntergang mit Pauken und Trompeten; sie ertrinkt.
Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser hülflosen Seele.
Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater Briefe einer gewissen liebenden Cordelia, genannt die arme Seele. Hier ist sie zu sehn, wie sie sich in inbrünstigem Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis ihres Lebens zu öffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt bin von einem ähnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist Cordelia: tot.
Summa: Gesetzt, ich hätte die Kraft aufgebracht, zu bekennen: wäre nicht die zwingende Folge davon ihre Erleichterung zum eigenen Geständnis gewesen? Summa: Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele.
Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste Pflanze. (‚Ich wünschte, daß vom Fenster sie verschwände!‘) Hier der vielerseits bekannte Georg, eine Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie, ausgerissen.
Summa, und so weiter.
Viertes Bild: Da wäre noch ein besondres Vorgeständnis zu machen. Ich verschwieg, daß unlängst die vielerseits bekannte Magda Chalybäus bei mir war, das heißt, ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie saß neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl sie mich anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, daß etwas keine Richtigkeit hatte mit ihrem Blick, und gleich sehe ich folgende Bilder:
Eine Frau, die einmal kürzere Zeit so eine besondre Art Geliebte von immer Demselben war. Diese und jene Szene der Eifersucht oder der ehrgeizigen Andeutungen. Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der Erinnerung Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend. Jene Frau, genannt Cora, in der Maske einer Eumenide. Scheint Magda wegen ihres von Renate geborgten Kleides für dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen. Später Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer Überfall Coras mit einem Dolch. Ich weiß nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe dazwischen fährt, sinkt Magda zu Boden.
Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders bekannt, und er kann sich demgemäß ihre Rede vorstellen auf meine Frage nach ihren Augen. Oh, sie könne recht gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut, sie sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein zu mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wäre geradezu schade gewesen, daß ich eben schlief — und so weiter. Mit einem Wort: blind.
(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest jetzt, Auge in Auge, Zahn um Zahn, — auch abgesehen von noch weiteren diesbezüglichen Ausführungen ihrerseits, nämlich betreff einer gewissen besondren Prophezeiung, die endlich in Erfüllung gegangen zu sehn Derselben eine besondre, sozusagen seelische Genugtuung bereitete.)
Summa: — — erübrigt sich wohl nach Analogie der vorigen.
Ein Würfelklotz verfügt über sechs Seiten. Zwei blieben noch leer. Auf eine derselben würde ich ja sehr gerne mich bringen, wie ich am Tode Helenes schuldig bin, aber — ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir durchaus nicht gelingen. Es scheint kaum erklärlich, aber vorläufig muß es dabei bleiben, daß ich tatsächlich am Tode Helenes nicht schuldig zu sein scheine.
Nun wären freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhänge äußerer Art, und ich käme nunmehr zum Nachweis der besonderen, inneren Notwendigkeiten, nämlich folgendermaßen in der Ordnung:
A. Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte, Esther endgültig zu halten, war ich deshalb nicht genügend bei der Sache, weil ich am nächsten Morgen auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wußte, nicht eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu sagen, daß ich in München bereits nach wenigen Wochen Corpslebens wußte: es war eine — nun, seien wir gnädig und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht nur in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit, sondern beharrte auch dabei wider besseres Wissen, nämlich aus purer Schwäche, will sagen Unverstand des für mein Leben notwendigen Tuns.
Gedankenlosigkeit, Schwäche, völlige Unkenntnis des Notwendigen, des Einen, bei fortwährendem im Mund- und im Hirne-Führen großartiger Plane, Gedanken, Phantasiestücke in Napoleons Manier und so weiter — das sind die Anklagungen.
B. Besonders: Obendrein fortwährende Verwirrung. In einem Kaffeehaus oder Chantant, einer Bar meinetwegen war ich einmal Augen- und Ohrenzeuge eines besondren Gesprächs zwischen den allerseits bekannten Josef Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das glaubwürdigste nachgewiesen, daß die seelische Versetzung eines beliebigen Menschen in die Leiblichkeit eines Andern, — kurz und gut: die Vornahme einer Maske unbedingt führen müsse zum Unheil, wo nicht zum Verbrechen.
Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit? (Immer Derselbe!) Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn bei völliger Nüchternheit des folgenden Nachmittags, in einer Stunde höchster Notwendigkeit war ihm jenes Gespräch klarstens erinnerlich, er aber schlugs in alle Windsbräute, nahm die Maske vor, und es begann: uralte Verwirrung.
Denn: ‚so begannst du, mein Tag — Von Verheißungen voll‘: aus jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit unbekannter Geschwindigkeit hervor die Flamme des Verstandes, die alle Dinge so überdeutlich — in einem Betracht — zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens ihm allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte, alldieweil das genügsame Herz, gespeist mit einigem Abfall, sich allein großzuziehn hatte.
So geschah es denn recte, daß ich — Beispiel Magdas zweite Errettung Jasons — allüberall mit Gedanken handvoll bei der Hand, zu spät kam in den Augenblicken des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich allzeit großartig begriffen; den Augenblick niemals.
Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer irrsinnig gewordenen Gebetskaffeemühle sah ich von jedem, was vor mich hingeriet, stets so viel, wie der Blick aus der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den Henker um sie und — lieferte sie demgemäß dem Henker aus. Seelisch immerfort großen Umgang pflegend mit Heroen und Dämonen, war ich immer unvorbereitet für Bruder und Schwester. So kam der Tag, wo Cordelia zusammenbrach vor mir, wo schon das Geständnis sich auf ihren Lippen wand wie eine flammende Schlange, aber ich ließ mich gerne beschwichtigen, auf später vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu spät!), denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran erfunden, so fein, daß er über Länder und Ströme hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner zärtlichen Gefühle mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im Augenblick, wo Leib sich preßte an Leib, die zu erfinden bemühte er sich nicht. Und ich, der ich ein Mensch bin: hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden?
Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen Menschen nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher Mensch, und dennoch war ich nicht ganz ausgeschlossen vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus Nacht und Buschwerk hervortretend die Erlauchte — oh wie? durchflammte sie mich nicht mit einem Strahl ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides stark und scharf genug zur magischen Durchbohrung, und ich brannte auf lichterloh? Was denn erlosch ich im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das Schicksal über mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten erschüttern zu lassen! Warum war ich denn so lau und so erbärmlich und gewöhnlich, daß ich nicht festhielt mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich fortlocken von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz, jeder trüben eigenen Not, all dem Zuvielen? Warum tat ich denn nicht, was not war, heftete mich an das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und der Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue Schlingen um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab von ihm, wich nicht von seiner Seite, wurde taub und blind gegen alles andre, gegen Blitz und Donner, Frühling und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend, nur auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte ich so umher, war immer gut und niemals mehr, verirrte mich in der Vielheit, sah immer — o holdes Wort der Gepriesnen! — nur Masse, nur Masse, richtete nichts als Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände von Schätzen leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn ich das Eine getan hätte, wären mir nicht vielleicht Kronen und was ich nur wünschte freiwillig in den Schoß geregnet? Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, die nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum bin ich denn gewöhnlich, wenn ich Wort um Wort und Schale um Schale weiß, wie man es macht, es nicht zu sein!
In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen eingebildeten Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen umher, da im Gegenteil alles unsicher war, und unsicher in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte ich herum mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten, immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs Nächste, die nächste Sigune! Ratlos bis ins Mark vor lauter gedachtem Tunwollen war ich am Ende nur immer froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas Bestimmtes, und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia fragte ich nicht nach.
Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen — ich überhört’ es! Oh die ewige Schande, nicht eher zu wissen von einer Not, ehe man sie selber erfuhr! nicht eher zu wissen vom Tod, ehe selber man starb.
Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte ich gut und gern, aber hatte ich je eine einzige Hemmung meiner Gedanken? In Erwartung der Geliebten — ich konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte mich wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft zu verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. Magda, sie wars, die Jason aus dem Teich holte, Magda, die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach, da blüht nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason retten, heißt das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? Ich aber, ich wars nicht wert (obgleich dieser Bogner sich damals hinstellte und die Hände aufhob: Danken Sie Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und zerreißen am zu späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig dabeistehn muß und darf es nicht tun! Ist das die Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja, denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und setze du den Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine Herren Richter, bilden Sie sich vielleicht ein, ich hätte irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab ich mich, an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine gewisse besondre Mitteilung über meine Geburt machte, und da tappte ich denn ins Leben hinein wie der blinde gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines in Nase und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die Gewohnheit.
Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos dahin, und wo mir das Große, Heilige, Ewige entgegentrat, den Blitz in den Händen, da zog ich hurtig die Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt glatt weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was — statt des Erlauchten, Unsterblichen — was bekam ich? Cora bekam ich, das Halbe, das Armselige, das Ding, ‚das wie Gold ist aus Lehm‘, den Antichrist!
Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus all diesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, — so sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner Seele! Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne, meine eigenen Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!
Ich bin zu Ende.
Waldheim, am 16. September
Lieber Onkel Salomon!
Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weiße Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen, so daß links und rechts sich auseinander halten läßt, und ich kam wirklich überraschend schnell vorwärts. — Heute wollte ich Dich bitten, doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, oder am besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen läßt. Mein lieber Freund Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, daß er das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch schon bewegen. Ich sprach zufällig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit solcher Freude der hier verbrachten Wochen, daß ich ihn eingeladen habe, dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Fräulein Ring, durch die ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den ersten Oktobertagen zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann Schulferien haben. Ich würde eher kommen, wenn nicht Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr zarter Gesundheit und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und Pflege; sie wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann lasse ich dann bitten, für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins ins Gestüt zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen möchte und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir, damit Mahlmann den Eindruck behält, daß ich bei Georg zu Gast bin, und nicht umgekehrt. Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie verabredet an, daß in seinem Befinden keine Änderung eingetreten ist.
Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr, damals war es doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das muß ich nun auch wieder tun. Ob meine Füße wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue mich schrecklich darauf!
Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine
Magda
Helenenruh, am 17. Sept.
Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von einer großen Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde, denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heißt eigentlich von Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, einige Aufklärungen erlangen zu können.
Erlaube, daß ich gleich in medias res gehe. Gestern äußerte Georg plötzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu besuchen, wofür er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anführte, es sei „gewissermaßen seine christliche Pflicht“, Sigurd zu sagen, daß er ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte übrigens auch einige Andeutungen, dahingehend, daß „Verschiedenes noch unaufgeklärt“ sei. Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt, daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der Stumpfheit anheimgefallen, daß eine Verständigung mit ihm also wohl ausgeschlossen sei. Leider ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es nur durch, daß ich Georg begleitete.
Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es schien, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch begnügte er sich mit einem Strom von Flüchen und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermörder, bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war zusammengefallen, sein Aussehn während der Fahrt war so, daß ich mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, er schien mich zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite! siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fünfte wäre ja Helene, und das stimmte ja nicht, — oder ähnlich.
Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber höre erst weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht überhaupt nicht mehr, geht aber fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter umher, während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief und dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu sehn. Der Himmel weiß, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am Ende meiner Kräfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit häuft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst nicht mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! Aber da komme ich ins Schreiben und verschwende meine Zeit.
In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer, die Türen zu Georgs Schlafzimmer — dem früheren seines Vaters — standen offen. Plötzlich hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen seines Zimmers abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal minutenlang nur immerfort: die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das schien er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hörte ich und den seiner Schwester. Aber genug!
Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend etwas Reelles dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung vielleicht, die sich beheben läßt, und da fiel mir ein, daß Deine Freundin vielleicht helfen könnte. Möchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit!
Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begrüßen zu können! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgemäß befolgt. Ich schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen, bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In alter Treue Dein
Birnbaum
Waldheim, am 19. September
Verehrter Herr Doktor!
Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief gleich beantwortet. Allerdings glaube ich zu den erschreckenden Dingen, die wir von Ihnen hören, einige Erklärungen geben zu können, obgleich das meiste daran auch weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd Georg Mörder nennen hörten, so glaube ich, daß sich das auf Sigurds Schwester beziehen soll. Etwas Ähnliches hörte ich schon damals, nach Esthers Tode, von ihm, doch blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg gerichtet war, sagte er selber deutlich in unserm Gespräch. Und dann weiß ich, daß er, Sigurd, der Meinung war, Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken, worauf dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches Glied in der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen Sie zu diesem, daß Georg mit durchnäßten Kleidern gefunden wurde, daß auch Magda stets dabeiblieb, er sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so brauchen wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht Georg die Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag, um mit dem Scharfsinn seiner Krankheit alles zu erraten und — auf sich zu beziehn; sich also für schuldig zu halten am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen zu sein scheint, dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene mit Leib und Seele gerissen, der Kranke sieht Krankheit überall, und wer schuldig sein will, Schuld.
Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet schwer unter ihrer Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes läßt sie sich auch für hülfloser halten, als sie ist. Sie läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen rechtzeitig anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich. Wir werden, denk ich, am 1. fahren.
Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr Doktor, an Ihnen und Ihren Sorgen und grüße Sie mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen traurig zugewandt!
Renate Montfort
Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o edle Seele! Ich eile, mich durch diese Zeilen nachträglich als meinen Gast in Deinem Eigentum zu bekennen, nicht mehr als Bogner, den ich plötzlich von weitem hier aufgetaucht entdeckte, — ich mocht ihn nicht sehn. Daß Helenenruh Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein, während mir die ganze bewohnte und unbewohnte Welt zur Verfügung steht. Dein Ergebener muß Dich jedoch bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die er für seiner nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir bekanntermaßen freisteht, eine Annäherung, die als feindlich betrachtet würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in andre Gegenden dieses mit Recht so beliebten orbis picti begiebt.
Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner Schuldigkeit:
Georg
Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem Schwanz an eine besondre Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche veranlaßt wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollüstige Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn siehe da: nachdem es verwehrt ist, an Ihn zu schreiben, dessen dreimal geheiligten Namen der feurige Makkabäer zerriß und in die Winde streute, — was bleibt mir übrig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen anstatt bisher üblicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren vierundzwanzig zugelegt hat? ‚Ein Rätsel ist Reinentsprungenes‘, sagt Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen üben ihn bei Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich erst sich verabschiedet habender Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? — Meist schleicht er sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel voll — damit die süße Gewohnheit nicht schwinde! — und bleibt für den Rest aller Stunden unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, die süße andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte Plättbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren Unsterblichkeit, nicht wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein sui ipsius causa, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben so ein förderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den weichen Brei von Allerhand durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis. Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte Sätze haben nie einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Sätzen auf reinem Papier scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je länger man drauf hat warten müssen.
Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also daß man nachts auswandern muß wie die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem gordischen verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem paßlichen Motto: