Es war im Winter vor Susens vierzehntem Geburtstag. Das Doktorskind war ein großes, schlankes Mädchen geworden, und ihr Haar, das Rosel einst mit soviel Geschick in zwei knochenharte, steif abstehende Zöpfchen verwandelt hatte, hing ihr jetzt als langer, loser Zopf über den Rücken. Heimlich freute sich Suse an dieser leuchtenden Haarpracht, aber im Kreise ihrer Freundinnen hütete sie sich wohl, ihre Eitelkeit durchblicken zu lassen.
Auch Hans war genau wie sie, lang und rank geworden, und seine Jackenärmel waren ihm immer gleich viel zu kurz.
Frau Cimhuber und Ursel waren nun genötigt, zu ihren Pfleglingen aufzublicken, nachdem sie noch vor zwei Jahren so erhaben auf sie herabgesehen hatten.
Der Pfarrfrau Urteil lautete im allgemeinen über der Kinder Charakter: „Gute, liebe Kinder.“
„Zu ausgelassen,“ setzte dann Ursel jedesmal hinzu, „zu ausgelassen. Am liebsten sprängen sie über Tisch und Stühle. Immer über Tisch und Stühle, vom Morgen bis zum Abend.“
Nun hatte ja allerdings niemand mehr, als gerade die alte Magd, unter der Ausgelassenheit der Kinder zu leiden. —
Wie oft geschah es, daß die zwei, als Antwort auf eine von Ursels Ermahnungen, die Predigerin ohne viel Federlesens auf ihre zum Sitz geschlungenen Hände setzten und mit ihr im Sturmschritt durch das Haus rannten! All ihr Schreien, all ihr Wehren nützte der alten Magd nichts. — Sie mußte eben aushalten. — In einer Redeschlacht zog Ursel erst recht den Kürzeren, namentlich der mundfertigen Suse gegenüber.
Wenn Ursel etwa anhub: „Zuviel Dummheiten macht ihr, zuviel Dummheiten. — Ihr wart eben von jeher zu sehr verwöhnt. Schon im Wickelkissen ist es euch zu gut ergangen,“ fiel Suse lachend ein: „Im Wickelkissen hat’s jedermann gut. — Ach, Ursel, wenn Sie jetzt mit einem Schlag im Wickelkissen drin säßen! Wie herzig müßte das aussehen!“
„Gräßlich dumm,“ ließ sich Ursel vernehmen. „Aus dir und Hans wird euer Lebtag nichts. Ihr habt eben zu viel Dummheiten im Kopf. Der Ernst fehlt euch. Ernst ist das Leben.“
„Aber, Ursel,“ rief Suse, „unser Vater sagt doch immer, lieber ein bißchen zu übermütig, als die Mundwinkel bis unters Kinn herunterhängen lassen. Ganz elend kann es einem werden bei mißvergnügten Menschen.“
„Hm, hm,“ sagte Ursel, „mir scheint, das hast du geträumt, so spricht ein ernster Mann nicht.“
„Doch, Ursel, so hat er gesprochen, und erst bei unserem letzten Besuch hat er gesagt, er ist sehr zufrieden mit uns. Hören Sie, Ursel, sehr, sehr zufrieden mit unserem Lernen.“
„Na, das fehlte auch noch, daß ihr nichts lerntet,“ brauste da Ursel auf, „bei dem vielen Schulgeld, das ihr bezahlt, und bei der guten Kost, die ihr hier bekommt, und bei der guten Aufsicht, und bei den Tausenden von Stunden, die ihr schon auf der Schulbank herumgesessen seid. — Das fehlte auch noch, daß ihr da nichts lerntet.“
„Aber, Ursel, es gibt sogar recht viele Kinder, die trotzdem nichts lernen.“
„Was sagst du da?“ rief Ursel empört. „Was sagst du da? Wiederhol’s noch einmal, die lernen nichts, meinst du? Na, da sollte ich der Schuldirektor von euch sein,“ fuhr sie sich auf die Brust schlagend mit rollenden Augen fort. „Da würde ich euch an einem schönen Montag oder Dienstag alle miteinander auf die Straße jagen, und eure Schulsäcke würde ich obendrein hinter euch herwerfen.“
Suse lachte hell und zog sich dann schnell zurück, da die alte Magd Miene machte, einem rachesüchtigen Schuldirektor nachzueifern.
Frau Cimhuber sagte im ganzen wenig zu den Reibereien, die sich nicht selten zwischen der alten Magd und den Kindern abspielten. Sie wußte, sie vergingen schnell wieder, wie sie gekommen waren, und Sonnenschein folgte dem Gewitterregen. Dann kochte Ursel den Kindern ihre Leibgerichte und strich ihnen dicke Schichten Zwetschenmus auf ihr Brot. „Aha, die Zwetschenmushäfen sind geöffnet, es weht ein guter Wind,“ pflegte Suse bei dieser Gelegenheit auszurufen. —
In Ursels Gemüt hatte sich mit der Zeit auch ein heilsamer Umschwung zugunsten des Herrn Schnurr, Hansens Geigenlehrer, fühlbar gemacht.
Erst hatte sie nichts als finstern Haß gegen den fremden Eindringling verspürt, dann war ein gottergebenes Sichfügen in seine Besuche gekommen, hierauf ein vorurteilsloses Betrachten seiner Person, dann Nachsicht für sein Tun, Verständnis für seine Lehrweise, und ganz zuletzt das Keimen freundschaftlicher Gefühle.
Der Grund zu einer wirklichen Freundschaft zwischen ihr und Herrn Schnurr wurde aber gelegt, als dieser gemeinsam mit den Doktorskindern zu ihrem sechzigsten Geburtstag eine kleine Feier veranstaltete.
Am Nachmittag ihres Wiegenfestes, als die alte Magd ihre Arbeit in der Küche vollendet, ihre Werktagsschürze gegen die seidene Sonntagsschürze umgetauscht und ihr Haar noch glätter als sonst gestrichen hatte, wurde sie an Susens Arm in die Negerstube geführt, wo Hans mit seiner Geige wartete und Herr Schnurr mit verstruweltem Haar am Klavier saß, bereit, die Choräle, die er mit Hans zu Ursels Ehre eingeübt hatte, ertönen zu lassen.
Auf dem Tisch, über den ein blendend weißes, mit Tannenzweigen geschmücktes Tischtuch gebreitet war, lagen die Geschenke für die Sechzigjährige ausgebreitet: ein hohes, auf einem Sockel befestigtes Alabasterkreuz von Frau Cimhuber, eine Vase mit Immortellen, Ursels Lieblingsblumen, ein Geschenk von den Doktorskindern, eine schwarze Seidenschürze von der Mutter der beiden und das Bild einer Tänzerin, von Herrn Schnurr gestiftet.
Leider hatte er es mit dem richtigen verwechselt, dem Bilde Melanchtons, das seine Frau daheim los sein wollte.
Geistesabwesend, wie Herr Schnurr war, hatte er das erste beste Paketchen ergriffen und war damit davongegangen. Sein Irrtum störte aber die Feier nicht.
Ursel nahm, die Hände gefaltet, auf einem mit Tannengrün geschmückten Stuhl Platz und erwartete die Huldigungen. Auf ein Zeichen von Herrn Schnurr ergriff Hans die Geige, und unter Violin- und Klavierspiel erklangen die schönsten Choräle: „Wer nur den lieben Gott läßt walten.“ — „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ — „Harre, meine Seele.“ — „Befiehl du deine Wege.“ — Und noch eine Menge andere Lieder.
Eine feierliche, erhebende Stille herrschte in der Negerstube. Ursel saß nickend und mit einem weltentrückten Ausdruck auf ihrem Stuhl, und vor ihrem Geist zogen all die schweren Jahre ihres Lebens vorüber, in denen sie nur Mühe Und Arbeit gehabt und sich zufrieden gefühlt, wenn sie am Sonntag mit einer schwarzen Schürze vor dem Tisch in der Küche hatte sitzen können, das Gesangbuch offen vor sich und in den Liedern Kraft findend. — Die Tränen liefen ihr in den Schoß.
Auf ihren besonderen Wunsch spielten die beiden Musikanten zum Schluß noch ihr Lieblingslied: „Wenn ich einmal soll scheiden.“ — Man hätte meinen können, Ursel selbst werde zu Grabe getragen, so ernst und dumpf klang die Weise. Sogar Suse konnte die Tränen nicht zurückhalten, was Ursel nicht ohne Genugtuung bemerkte. —
Seit jenem Tage nun konnte die alte Magd Herrn Schnurr nicht mehr die Tür öffnen, ohne an ihre schöne Geburtstagsfeier zu denken.
„Ja, damals haben Sie sehr schön gespielt,“ sagte sie öfters zu ihm, und nickte lebhaft, „oh, so schön.“
„Ja, das macht die Kunst,“ erwiderte Herr Schnurr, indem er den Zeigefinger so steil nach oben hob, daß Ursel seiner Richtung folgte.
„Die Kunst, die hebt uns nach oben.“
Ursel nickte beifällig.
Allerdings, die Kunst in der Negerstube, die sich in wilden Sprüngen, in einem Trommeln auf Tisch und Stühlen anzeigte, die behagte ihr noch immer nicht.
Deshalb konnte sie trotz ihres Wohlwollens für den Lehrer es nicht unterlassen, ihr Ohr an die Tür der Negerstube zu legen, wenn er drin sein Wesen trieb. Und das war schlimm, erfuhr sie auf diese Weise doch allerlei, was im Grunde nicht für sie bestimmt war. — Herr Schnurr, der sich in der ersten Zeit seines Amtsantrittes Hans gegenüber als finsterer und gestrenger Lehrer gezeigt, hatte mit der Zeit geruht, den Knaben zum Freunde zu erwählen. Es war ein merkwürdiges Verhältnis. Herr Schnurr erzählte, und Hans hörte mit offenem Mund und offenen Augen zu.
Da kamen Bekenntnisse aus des Lehrers schweren Wanderjahren, als er in einer größeren Musiktruppe von Ort zu Ort gezogen war. Viel Lug und Trug habe er gesehen, aber ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch sei er doch immer geblieben, erwähnte er stets aufs neue. — „Rechtschaffen müsse der Mensch sein, vor allen Dingen rechtschaffen...“ Auch seine häuslichen Sorgen enthielt der Lehrer dem Schüler nicht vor, und dem fuhr kein übler Schreck in die Glieder, als er seinen Geigenmeister eines Tages in jämmerlichen Tönen von mißratenem Essen erzählen hörte, das ihm täglich vorgesetzt werde, von unordentlichen Stuben, in denen er sich herumtreiben müsse, und in die er Samstags mit Galoschen an den Füßen und einem Besen und Eimer in der Hand eindringe, um eine rauschende Sintflut darüber niedergehen zu lassen. Immer beklommener wurde es Hans bei diesem Geständnis, und schließlich, als er Herrn Schnurr Trost zusprechen wollte, stotterte er verlegen: „Herr Schnurr, können Sie sich nicht eine Magd nehmen, wie Ursel, oder unser Rosel daheim, wenn Ihre Frau Gemahlin die Haushaltung nicht versteht.“
„Eine Magd!“
Etwas Dümmeres hätte Hans nicht sagen können.
„Was soll ich nehmen?“ rief Herr Schnurr und machte einen Sprung rückwärts vor Entrüstung.
Hans hätte vor Schreck fast die Geige hingeworfen.
„Was soll ich nehmen, eine Magd? Was soll denn die essen, wenn wir selbst am Hungertuch nagen? Oh, du einfältiger Gockel, komm jetzt her und spiele deine Tonleiter, das ist besser, als deine Weisheitssprüche Salomonis da herunterzulispeln, unpraktischer Held.“
Und Hans tat, wie ihm gesagt worden war, und atmete dreimal tief auf, als er den tüchtigen Lehrer wieder sein Handwerkszeug ergreifen und in gemäßigte Bahnen zurückkehren sah.
Ursel aber, die Herrn Schnurrs Beichte mit angehört hatte, überlegte, ob sie sich nicht augenblicks in die Negerstube zwängen und dem Lehrer eine gesalzene Botschaft an seine pflichtvergessene Gattin daheim mitgeben solle.
„Lieber nicht,“ sagte sie sich aber voll Klugheit.
Indes sein häusliches Elend ließ ihr keine Ruh, und viel, viel später, Anfang des Frühjahrs, da mischte sie sich endlich doch einmal in seine Verhältnisse. Allerdings geschah es auf eine recht barmherzige und christliche Weise.
„Bringen Sie mir mal Ihre Strümpfe mit, Herr Schnurr,“ sagte sie, als sie ihn über sein zerrissenes Zeug klagen hörte. „Ihre Frau stopft sie ja doch nicht. Für mich ist das eine Kleinigkeit, und aus Dankbarkeit tu ich’s gern.“
Suse, die zufällig hinhorchte, war erstaunt. Sie lachte belustigt. Ursel und Herr Schnurr gut Freund! Das war ein Spaß.
Rasch entschloß sie sich, es ihrer Vertrauten, der schwarzen Carla mitzuteilen, die mit der Zeit ihre beste Freundin geworden war. Da die Herzensgenossin, die häufig leidend war, augenblicklich zur Pflege ihrer Gesundheit im Süden weilte, schrieb ihr Suse die längsten Briefe. Carla mußte von all den bunten Ereignissen im Cimhuberschen Haus unterrichtet werden. Leichtsinnig und unüberlegt pflegte Suse drauf los zu plaudern, und genau wie beim Reden, was immer ihr durch den Kopf schoß, sofort auszusprechen. So schrieb sie denn an dem Brief, an dem sie gerade angefangen hatte, weiter.
„Du erkundigst Dich nach Theobald, liebe Karla, er ist lange nicht mehr derselbe gräßliche Geck wie früher, obwohl er noch immer große Volksreden hält. Onkel Fritzens Heirat war sein Glück. Sein Vater meinte es auch. Er findet, Onkel Fritz hat seinem Sohn nur lauter Raupen in den Kopf gesetzt.
Nun frägst Du auch nach Ursel und Herrn Schnurr. Zwischen diesen besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets vervollkommnende Freundschaft, ein unaustilgbarer Herzensbund. Nächstens geben sie sich einen Kuß. Wie die Verlobten sind sie. Wie Braut und Bräutigam. Denke Dir, Ursel will sogar dem Herrn Schnurr die Strümpfe stopfen! Jedesmal, wenn er erscheint, lächelt sie ihn an, süß wie ein Honighafen. Und immer horcht sie an der Negerstube, wenn drin seine süße Stimme erschallt, damit sie jedes Wörtlein von ihm aufschnappt.“
Und dieser Brief voll leichtsinniger, loser Redensarten sollte die schlimmsten Folgen haben.
Es fügte sich nämlich, daß Suse während des schriftlichen Ausbruches ihrer buntschillernden Geistesraketen von ihrer Freundin Grete überrascht und zu einem Spaziergang abgeholt wurde.
Kurz entschlossen packte die Schreiberin den unvollendeten Brief nebst ihrem Tagebuch in das Bett, das neben ihrem Tisch stand, da jenes ihr heute als sehr gutes Versteck erschien, alldieweil Hans den Kommodenschlüssel mitgenommen hatte und sie nicht an den eigentlichen Aufbewahrungsort ihrer Schreibsachen — die Kommodenschublade — gelangen konnte.
Frohgemut nahm sie hierauf von Frau Cimhuber und Ursel Abschied und ging von dannen.
„Bleib nicht zu lange,“ rief Ursel ihr nach, „du weißt, wir haben große Wäsche, und du sollst mir helfen.“
„In anderthalb Stunden bin ich wieder da,“ tönte es zurück.
Klar wie der Himmel, der sich hoch über ihr wölbte, war es Suse zu Sinn, und munter schritt sie fürbaß.
Daheim ging inzwischen Ursel ihrer Beschäftigung nach und brummte allerlei mißmutige Worte vor sich hin. Die Arbeit häufte sich für sie. Je weiter die Zeit vorschritt, um so mürrischer wurde sie deshalb.
Sonntag war Susens Geburtstag, den sie eingedenk des eigenen genossenen Festtages recht schön gestaltet wissen wollte. Aber die Vorbereitungen gingen nicht von der Stelle. Die Tannenzweige zum Ausschmücken von Susens Stube lagen noch immer im Gang. — Suse blieb auch lang über die Zeit weg und dachte nicht an ihre Arbeit. Dabei sollte sie im ganzen Haus die Bettbezüge abnehmen, die Kissen mit neuen Leinen bekleiden und die schmutzige Wäsche Ursel an das Waschfaß bringen. — Indessen, das flatterhafte Doktorskind hielt es für besser, im lichten Frühlingswäldchen vor der Stadt spazieren zu gehen.
Als nahezu drei Stunden seit ihrem Fortgang verstrichen waren und noch keine Spur von ihr zu entdecken war, machte sich Ursel selbst an die Arbeit, die sie dem jungen Mädchen zugedacht hatte. Schlürfenden Schrittes ging sie von einem Bett zum andern und nahm die Bezüge ab. So kam sie schließlich auch an Susens Lagerstatt, in der, verhängnisvoll wie ein Geschenk aus der Büchse der Pandora, der leichtsinnige Brief schlummerte. Seufzend trat sie an das Bett. Jetzt breitete sie ihre mageren Arme aus, um das Deckbett zu heben. — Hätte sich in diesem Augenblick die Tür geöffnet und Suse sich gezeigt, so wäre alles noch zu retten gewesen. — Aber die Übeltäterin war ja weit. Zorniger als bei den ersten Betten zog Ursel an Susens Leinenbezug, schleuderte ihn in die Höhe und riß ihn zu sich heran in die Stube. Polternd fiel etwas Schweres hinterher. Ursel bückte sich und hob ein Buch und einen Brief auf.
„Unordnung, Unordnung,“ murmelte sie. „Wozu ist denn die Kommode da? Aber das wird alles hingestopft, wo es gerade hingeht.“
Vielleicht hätte nun die alte Magd den Brief ungelesen zur Seite gelegt, wenn nicht auf dem ersten Blatt, nahe seinem untern Rande ein großer Tintenklecks gewesen wäre, der ihre Blicke auf sich gezogen hätte. Ganz mechanisch griff sie danach und prüfte, ob er auch trocken sei. Und da legte sie ihren Finger mitten auf ihren eigenen Namen. Ursel stand dort, dick und groß geschrieben. — „Ursel.“ — Sie sah näher hin. Ja, es hieß Ursel. Sie hielt den Brief dichter vor ihre Augen. Wahrhaftig, es war ihr Name. Ursel, Ursel stand dort.
Und nun begann sie zu lesen, und ihr Gesicht wurde immer länger. Sie glaubte schließlich, sie sei nicht mehr recht bei Verstand.
„Du erkundigst dich nach Ursel und Herrn Schnurr,“ stand dort. „Zwischen diesen besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets vervollkommnende Freundschaft..., ein unaustilgbarer Herzensbund. Nächstens geben sie sich einen Kuß... Wie die Verlobten sind sie, wie Braut und Bräutigam.“ Ursel konnte nicht mehr weiter lesen. Träumte sie denn, ging denn die Welt unter?
Nein, nein, da stand klar und deutlich, „nächstens geben sie sich einen Kuß, wie die Verlobten sind sie. Wenn er erscheint, lächelt sie ihn an, süß wie ein Honighafen.“
Das war zuviel. Stöhnend sank Ursel auf Susens Bett.
Das war die Schändlichkeit in ihrer höchsten Vollendung! Das war der Gipfel der Erbsünde! Das war schlecht, schlecht, erbärmlich! Das war höllisches Gift!
Ursel faßte sich an den Kopf.
In diesem Augenblick klingelte es, und die alte Frau, in dem Wahne, Suse komme, sprang mit Brief und Buch in die Höhe auf den Flur und öffnete die Tür, um die Sünderin zu packen und zu richten.
Der Einlaß Begehrende, der draußen stand, war aber nicht Suse, sondern der unschuldige Knabe Hans, der einen großen Sprung rückwärts tat, als er Ursels zornfunkelndes Gesicht vor sich sah.
„Heilige Maria und Joseph, was ist denn los!“ rief er. „Sie blasen mich ja um, Ursel, Sie blasen mich um.“
„Soll ich vielleicht noch nicht mal mehr blasen?“ schrie Ursel. „Unverschämter Bub! Hinter die Ohren will ich dir eins geben! Was los ist, willst du wissen? Hier, hier steht, was deine saubere Schwester von mir geschrieben hat. ‚Wie Braut und Bräutigam sind sie, wie die Verlobten küssen sie sich, sie stopft Herrn Schnurr seine Strümpfe, sie lächelt ihn wie ein Honighafen an.‘ — Willst du’s hören, willst du’s hören?“ Und die alte Magd drückte ihm das Tagebuch mitsamt dem Brief so fest gegen das Gesicht, daß er kaum imstande war, zu atmen, geschweige denn ein Wörtlein zu piepsen.
Nur ein eiskalter Schreck schoß ihm durchs Gebein. — Er wußte, nun war Susens Geburtstag verdorben.
„Wo, wo, wo haben Sie denn das gefunden?“ stotterte er.
„Wo, wo, wo! Ei, da, wo’s lag. Und jetzt kommt’s in den Herd.“
Und mit diesen erregten Worten eilte die alte Magd an Hans und Frau Cimhuber vorüber, die seit dem ersten Entsetzensschrei ihrer alten Dienerin bestürzt herbeigekommen und nicht mehr gewichen, sondern händeringend gefolgt war.
Ursel nahm ihren Weg in die Küche. Dort riß sie die eisernen Herdringe zur Seite, und mit einem Schwung lagen Brief und Tagebuch im Feuer.
„Halt, halt,“ rief Hans, „halt, halt,“ faßte in die Glut und zog das versengte Tagebuch wieder heraus.
Nun stürzte die alte Magd auf den Knaben zu, um ihm den Schatz zu entreißen, und eine tolle Jagd um den Tisch herum hub an. Ursel sprang hinter Hans her wie der Hund hinter dem Wild. Jetzt hatte sie ihn beinahe gepackt, da war er um die Tischecke herum, und sie schoß geradeaus gegen die Tür.
Dann war sie wieder hinter ihm und riß im Laufen einen irdenen Topf vom Tisch herunter, der polternd auf den Boden stürzte. Da brach Hans in lautes Lachen aus, so lustig fand er das Spiel.
Hierauf ging Ursel stumm hinaus.
Aber es währte nicht lange, Hans stand noch immer auf derselben Stelle wie vorhin und schnappte nach Luft, da öffnete sich die Tür wieder, und Ursel kam zum Vorschein und trug eine große Pappschachtel schweigend vor sich her.
„Sie will fort,“ durchschoß es Hansens verängstigtes Gemüt. — „Jetzt packt sie.“
Aber vor seinen erstaunten Augen löste die alte Magd die Schnüre der Schachtel und entnahm ihr ein schwarzes Kaschmirkleid, einen Orangeblütenkranz und einen Schleier, indem sie mit Tränen im Auge sagte: „Da ist mein Brautkleid und mein Schleier und mein Kranz, und bei Königgrätz ist mein Bräutigam gefallen. Und mein ganzes Leben lang bin ich ihm treu geblieben. Und hier ist seine Photographie. Und nun muß ich auf meine alten Tage soviel Schande erleben.“
Hans wurde es ganz schwarz vor den Augen bei dieser Beichte und so beklommen und elend zu Sinn, als habe er selbst auf Ursels Bräutigam die Todeskugel abgefeuert. Was sollte er nur sagen! Was sollte er nur sagen!
„Aber Ursel, das ist ja doch nicht Susens Ernst, das ist doch Spaß,“ stotterte er schließlich.
Noch hatte er seine Worte nicht ausgesprochen, da klingelte es wiederum, und allen dreien fuhr es wie ein Schlag durch den Sinn, daß jetzt Herr Schnurr zur Stunde komme.
„Er bleibt draußen,“ rief Ursel mit halberstickter Stimme. „Ich will ihn nicht sehen. Er soll mir nicht mehr vor die Augen kommen.“
Frau Cimhuber war so verwirrt von den Ereignissen der letzten Viertelstunde, daß sie nicht mehr recht wußte, was sie tat und selbst zur Türe ging, um Herrn Schnurr abzuweisen und zwar mit einer Lüge, der ersten, die sie seit Jahren über die Lippen brachte. Aber die Sorge um Ursel machte selbst ihre Grundsätze wankend.
„Hans ist krank,“ sagte sie leise.
Kaum hatte der Lehrer das Wort „krank“ vernommen, so bestand er erst recht darauf, seinen Schüler zu sehen und trat, Frau Cimhuber sanft auf die Seite schiebend, in den Gang. Als er an der Küchentür vorüberging, erspähte er Ursel, die dort vor ihrem Brautstaat tränenden Auges stand. Den Finger schalkhaft erhebend, meinte er: „Na, na, Ursel. — Sie werden doch nicht. — Ein schwerer Schritt das Heiraten! Da heißt’s überlegen.“
Hier fielen seine Blicke auf Hans, der wie ein verschämter Bräutigam errötend hinter Ursel stand. Und kurz entschlossen nahm er ihn am Arm und führte ihn mit sich fort.
Nach Herrn Schnurrs wilden Ausrufen und dem Schall seiner Schritte, die aus der Negerstube drangen, konnte man erkennen, wie eifrig er bei der Sache war. —
Der temperamentvolle Lehrer war schon längst wieder von dannen gezogen, da kam endlich die Ausreißerin Suse nach Hause.
Wie ein gezackter Gebirgsstock, über dem ein schwarzes Wetter steht, kam ihr Ursels Gesicht bei der Begrüßung vor. Und in dem Glauben, die Ursache von soviel finsterem Groll zu kennen, begann sie schmeichelnd: „Bitte, bitte, liebe Ursel, entschuldigen Sie, daß ich so lange fort war, seien Sie mir, bitte, nicht böse. Ich werde ihnen jetzt mit neuen Kräften helfen wie eine Scheuerfrau. Es ging einfach nicht, daß ich früher kam. Wir haben eine unserer Lehrerinnen getroffen, die wir so gerne haben, und sie nahm uns mit in den Wald und zeigte uns Plätze, wo schöne Anemonen stehen, herrlich! Ursel, es ist so herrlich, in das Pflanzenleben einzudringen, dies Wachsen und Blühen und Gedeihen. Überhaupt das ganze Pflanzenleben. Wie schön ist doch die Natur!“
Ursel verzog keine Miene.
Suse schwärmte weiter: „Sehen Sie, ich habe Frau Cimhuber einen ganzen Arm voll Blumen mitgebracht. Wie ein Frühlingsgarten wird’s bei uns sein. Ursel, der Vorfrühling ist gekommen. Man spürt’s. Und der Kuckuck ruft. — Und der Waldesduft, und das Moos...“
Ursel blieb stumm wie das Grab. Eine dicke Hornhaut schien sich über ihr Gemüt gelegt zu haben; über die eindruckslos wie Zephyrfächeln über Felsgestein Susens Schmeichelworte hinstrichen.
Da beschloß das Doktorskind, die alte Magd nicht mehr durch Worte, sondern durch Taten zu versöhnen, und sie ging von dannen, um sich eine große Schürze vorzubinden und Arbeit zu suchen.
Zu ihrem Erstaunen erwiderte aber auch Frau Cimhuber, die eben in die Küche trat, ihren Gruß nur mit knappem Dank.
„Wie auf einem Geisterschiff,“ murmelte das Doktorskind leise vor sich hin, als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete.
„Komm nur herein, komm nur herein!“ tönte es ihr dort aus dem Hintergrund entgegen. „Was Gutes hast du angerichtet! Was Sauberes! Einen feinen Salat, den wir jetzt zusammen ausgrasen können!“
Und in die Stube tretend, sah sie ihren Bruder auf Zehenspitzen umherlaufen, während er den Kopf zwischen die Schultern gezogen hatte und beschwichtigende Bewegungen machte.
„Es hat zwölf geschlagen, es hat zwölf geschlagen,“ rief er. „So was haben wir noch nie erlebt, noch nie.“
„Was ist denn los?“ fragte Suse. „Was ist geschehen? Was läufst du denn so närrisch da herum?“
„Schau,“ sagte Hans und deutete mit ausgestreckter Hand auf Susens Bett, „guck, dann weißt du alles.“
Suse folgte mit ihren Augen der Richtung seines Fingers, stieß dann einen lauten Schreckensruf aus und ließ sämtliche Anemonen zu Boden fallen, so daß sie mit verwirrten Köpfchen und Stielen dort lagen, wie vom Sturmwind zerwühlt.
„Wer hat das Bett abgezogen?“ stotterte Suse.
„Ursel.“
„Und meinen ganzen Brief hat sie gelesen?“
„Ja.“
„Alles, was ich zusammengeschmiert habe von Braut und Bräutigam und Verlobtsein und Küssen und herrlicher Freundschaft und Herrn Schnurr und gestopften Strümpfen und all das dumme Zeug?“
„Ja, von A bis Z.“
„Und schlecht ist mir’s noch,“ fuhr Hans fort, „wenn ich nur daran denke, wie sie gejammert hat. Und ihr Brautkleid in einer Lade hat sie hinterher geholt und hat drauf geweint. Entsetzlich!“
„Aber eine so alte Frau kann sich doch ihr Lebtag nicht in einen solch jungen Mann wie Herrn Schnurr verlieben,“ jammerte Suse, ihr Gesicht in den Händen vergrabend und laut weinend. „Da lachen ja die Hühner. Sie muß doch wissen, daß es nur Unsinn war.“ —
„Nun ist alles, alles aus, mein ganzer Geburtstag. Und nie in meinem ganzen Leben hab’ ich mich so auf einen Geburtstag gefreut, wie auf diesen. Gelt Hans, nun ist alles verloren?“
Der Bruder nickte begossen.
„Was wolltet ihr denn eigentlich anfangen an meinem Geburtstag?“ fragte Suse nach einer Weile, in Tränen zerfließend.
„Ich kann dir’s jetzt ja sagen,“ entgegnete Hans zage, „denn aus ist’s ja doch. — Die Papierschlangen und Lampions sind bereits wieder zu Pastor Brauers zurückgeschickt worden, die sie uns geliehen hatten. Wir hatten dir herrliche, dreistimmige Lieder eingeübt, Herr Schnurr, Ursel und ich. Herr Schnurr ist zuweilen fast aus der Haut gefahren, so falsch hat Ursel gesungen. Aber schließlich hat sie’s doch kapiert. Und zur Dankbarkeit für Herrn Schnurrs Bemühungen wollte sie ihm die Strümpfe stopfen. Dann beabsichtigten wir, dir noch eine wunderbare Laube aufzubauen, von Tannenzweigen und Papierschlangen, und die ganze Negerstube abends mit Lampions zu erleuchten, zu singen und zu tanzen.“
Susens Tränen flossen reichlicher bei dem Gedanken an den prunkvollen Ehrensitz, um den sie sich durch ihren Leichtsinn gebracht hatte. Hans aber fuhr fort: „Außerdem wollten Christoph und Henner mit ihrem Kasperletheater ankommen und ein selbsterfundenes Stück vorspielen. Es heißt: „Wie die Fremdlinge die Kühe melken.“ Und das darf ich nicht vergessen, Ursel wollte sich eine ganze Marzipantorte von einem halben Meter Durchmesser abzwacken. Das ist nun alles Essig. — Ich glaub’, sie wollen jetzt sogar der Mutter abschreiben, daß sie nicht kommt.“
„Die Mutter wollte kommen?“ rief Suse aufspringend. „Die Mutter? Seit wann wollte sie denn kommen? Seit wann? Sag’ Hans, seit wann? Gelt, das ist meine Überraschung von daheim?“
„Ach, ich dummer Papagei,“ rief Hans, sich mit beiden Händen an den Mund fassend. „Das ist mir jetzt herausgewitscht. Ich weiß nichts, ich weiß nichts. Ob sie kommt, ob sie nicht kommt, frag’ mich nicht.“
Suse erhob sich langsam, sammelte ihre Blumen vom Boden auf und ordnete sie zierlich. Köpfchen neben Köpfchen, und Stiel neben Stiel, und steckte sie, mit Tränen benetzt, in eine Vase.
Eigentlich waren die Anemonen für Frau Cimhuber bestimmt gewesen, aber wie hätte sie es unter diesen Umständen gewagt, der Pfarrfrau Blumen anzubieten.
Nach einer Weile schlich sich Hans in die Küche, um dort zu sehen, wie der Wind wehe. Aber schneller, als Suse gedacht, kehrte er wieder zurück und flüsterte: „Ursel sitzt noch immer, in Tränen gebadet, auf ihrem Stuhl und hat die Schachtel mit dem Brautkleid offen vor sich stehen.“
Susens Herz klopfte schuldbewußt. Und der Abend verlief in gedrückter Stimmung. Nur Hans fühlte, obwohl von Mitleid für Suse ergriffen, wie sich ein kleiner Freudefunken in seinem Herzen rührte, der immer lebhafter wurde, so daß er ihn schließlich herausspringen lassen mußte.
„Bin ein fahrender Gesell, kenne keine Sorgen,“ tönte es erst leise, dann immer lauter werdend von seinen Lippen, „labt mich heut der Felsenquell, tut es Rheinwein morgen...“
Morgen ging es ja fort von hier, fort, hinaus in die köstliche Freiheit, in die Berge, wo der frische Wind wehte. Mit Theobald und Peter und einigen andern Knaben hatte er eine Wanderung verabredet. —
Zwei Tage war ja keine Schule des Examens wegen. — Seine Brust dehnte sich, und seine Augen leuchteten, und sein Gesicht rötete sich, und mit einemmal stieß er einen solch durchdringenden Jauchzer aus, daß Ursel und Frau Cimhuber in der Küche zusammenflogen.
Schnell erinnerte er sich aber wieder an die unheimlichen Nachtgespenster, die zurzeit im Cimhuberschen Haus umgingen, und er schwieg.
Behutsam holte er seinen Rucksack von der Wand herunter, schnürte ihn auf und packte alle möglichen Dinge ein, die er zur Wanderschaft brauchte: Strümpfe, Wäsche, Nähzeug, auch Brot in einen Beutel und Suppenwürfel. Dann nähte er sich die grüne Schnur, die von seinem Lodenhut abgerissen war, wieder kunstgerecht fest und erzählte Suse dabei allerlei von seinen Wanderplänen. — Die erste Nacht gedachten Theobald, Peter und er in einem größeren Ort, Wildershausen, zu übernachten. — Wie Suse sich vielleicht noch entsinne, meinte der Bruder, habe der Vater diesen Ort in seinem Brief ein- oder zweimal erwähnt, und zwar mit dem Vermerk, Hans solle das Städtchen auf seiner Wanderung doch einmal aufsuchen und ihm dann schreiben, wie es ihm gefallen habe. — Weshalb der Vater das wissen wolle, sei ihm allerdings nicht klar. —
„Ach, könnt’ ich doch nur mit, ach, könnt’ ich doch nur mit,“ seufzte Suse.
„Sei nicht traurig,“ tröstete Hans, „Samstag abend komme ich ganz bestimmt wieder, und wenn Ursel uns nicht haben will, so wird dein Geburtstag eben bei Tante Hedi gefeiert. Ich werde schon dafür sorgen. Das Theaterstück bekommst du auf alle Fälle zu sehen. Es ist, um an den Wänden heraufzukrabbeln vor Lachen. Solche verrückten Dinge, wie drin vorkommen, hast du noch nie gesehen. Die Reden für das Kasperle hat Theobald gedichtet.“
Hier holte Hans seine nägelbeschlagenen Gebirgsschuhe aus dem Schrank hervor und beschloß, sie in die Küche zu tragen und dort einzufetten.
„Heute muß ich acht geben, daß ich keinen einzigen Spritzer Öl vorbeitröpfeln lasse,“ flüsterte er Suse zu, als er zur Türe hinausging, „sonst schlägt mir Ursel die Hasenpfoten um die Ohren, die ich ihr neulich eigenhändig zum Schuheinschmieren gestiftet habe.“
Etwas später suchte Suse Frau Cimhuber auf, um sie zu bitten, doch den dummen Brief zu entschuldigen und ein Wörtlein zu ihren Gunsten bei Ursel einzulegen. Aber die Pfarrfrau sagte streng: „Selbst im Spaß schreibt man keine solch’ dummen Verleumdungen, wie du es getan hast, Suse. Ich verstehe Ursels Empörung vollständig. Wenn sich zwei junge Mädchen weiter nichts zu schreiben haben als Narrheiten wie ihr, dann geben sie das Briefschreiben besser ganz auf.“
„Wir schreiben uns doch auch noch andere Sachen,“ entgegnete Suse kleinlaut.
„Herrliche Naturbeschreibungen stehen manchmal in unseren Briefen, und noch andere, viel, viel ernstere Dinge, von denen ich nicht reden darf, so ernst sind sie. Über manchen Brief von Karla hab’ ich schon geweint. Wir schreiben uns nämlich zurzeit gerade darüber, daß wir uns später einen Beruf erwählen wollen, in dem wir recht viel zum Glück der Menschheit beitragen. Ich habe in diesen Tagen auch schon an Herrn Edwin deshalb geschrieben.“
Aber Frau Cimhuber war nicht umzustimmen. Und Ursel verschloß ihr Gemüt erst recht.
Sie antwortete nicht. Sie seufzte nicht. Sie war ein Fels geworden. Sie deckte den Tisch auf wie eine Salzsäule. Sie deckte ihn wieder ab. Sie räusperte sich noch nicht einmal. Und das Brautkleid lag noch immer in der Küche und quälte Suse durch seinen Anblick. —
Am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe, als die andern noch schliefen, machte sich Hans dann auf die Wanderung.
Nun war Suse allein. Trübselige Tage folgten. Die Welt erschien ihr wie ein Grab. Kein Kuchen-, kein Schokoladeduft verkündete ihr, daß ein Umschwung zu ihren Gunsten eingetreten sei. Die Kuchenbleche blieben unangetastet an der Wand hängen, die Rosinen ruhten in ihrer Tüte, die Vanillestangen in ihrer Büchse. Es roch nach Negerstube, nach Schmierseife, nach den altbekannten Düften des Cimhuberschen Hauses, nach nichts anderem.
Endlich, endlich kam der Samstagabend heran, und mit ihm das Ende ihrer Qual, wie Suse hoffte. Heute mußte Hans ja wiederkommen. Er hatte es versprochen. Und vielleicht auch, vielleicht auch — die Mutter. Ganz auszudenken wagte Suse diesen herrlichen Gedanken nicht. Als es aber Abend war, lief sie zum Zug, der aus ihrer Heimat kam, um die Mutter in Empfang zu nehmen. Doch umsonst.
Auch Hans kam nicht.
Den ganzen Abend wartete sie vergebens auf ihn. Es schlug zehn, es schlug elf, es ging auf Mitternacht. Er kam immer noch nicht. Müde und verängstigt suchte sie da ihr Bett auf. Erst spät fand sie den Schlaf.
Der erste Gedanke, der Suse am andern Morgen beim Erwachen durchfuhr, war der an ihren Geburtstag. Vierzehn Jahre war sie heute alt. Vierzehn Jahre! Es war ein Sonntag heute. Die strahlende Sonne lachte über die ganze Welt. Die Anemonen am Fenster hatten ihre Kelche weit geöffnet und fingen das helle Licht in ihrem kleinen Blütentellerchen auf.
Die Uhr sagte Suse, daß es schon sehr spät sei. Schon neun Uhr.
Nicht wie sonst hatte Ursel sie um sieben geweckt, damit sie zur Kirche gehe. Sie hatte sie schlafen lassen. Kein Laut regte sich im Haus. Totenstill war es, als wären Ursel und Frau Cimhuber gestorben. Auch Hans war nicht gekommen. Suse schlüpfte unter die Decke und machte die Augen zu. Am liebsten wäre sie in einen hundertjährigen Schlaf verfallen. Aber wie das anfangen.
Es blieb ihr nichts anderes übrig als aufzustehen, sich anzuziehen und Frau Cimhuber und Ursel, die aus der Kirche kamen, zu begrüßen und nachzusehen, wie der Wind heute wehe. — Die Geburtstagswünsche fielen mager genug aus. Und als Suse heimlich den Tisch in der Negerstube betrachtete, auf dem sonst die Geschenke ausgebreitet lagen, sah sie, daß er leer war wie eine frischgemähte Wiese. Keine einzige Gabe schmückte ihn. Noch nicht einmal ein Brief aus der Heimat war zu sehen. Wüstenartig öde kam Suse die Welt vor. Auch kein Kuchen war in der Speisekammer zu entdecken, wohin Suse ihre Streifzüge ausdehnte. Und als sie ihre Pflegemutter schüchtern fragte, was aus ihrer Nachmittagseinladung werden solle, wurde ihr der betrübende Bescheid, daß diese unter den obwaltenden Umständen natürlich unterbleiben müsse. So fiel Suse denn die recht beschämende, peinliche Aufgabe zu, ihre sämtlichen Gäste wieder auszuladen.
Auf ihrer Morgenwanderung kam sie auch in das Haus von Onkel Sepp und Tante Hedi und fand hier die ganze Bewohnerschaft in großer Aufregung.
Theobald war genau wie Hans am gestrigen Abend nicht zurückgekehrt, und hatte auch kein Wort der Entschuldigung geschickt. Hingegen war ein Trupp ihm befreundeter Knaben, die auf einer Wanderschaft begriffen waren, aus einer entfernten Stadt eingetroffen, und jetzt wußte kein Mensch, was mit ihnen anfangen. Auch sonst hatte es noch allerlei gegeben, was die Gemüter in Aufruhr versetzte. Am Abend vorher hatte sich Liselotte, Theobalds älteste Schwester, verlobt, eine Gelegenheit, die Christoph und Henner dazu benutzt hatten, sich in ihrem vollsten Glanze zu zeigen.
Bei der Verabschiedung des Bräutigams von der Braut hatten sie durch das Treppenhaus einen bekleisterten Zeitungsausschnitt mit dem Aufruf: „Wasche dein Haupt mit Javol“ auf die Glatze ihres zukünftigen Schwagers fallen gelassen und saßen nun, eine harte Strafe verbüßend, eingesperrt in der Bodenkammer.
Kein Wunder, daß unter diesen Umständen Tante Hedi ihrer jungen Nichte Geburtstag ganz vergaß.
Das Doktorskind mußte darum betrübter, als sie gekommen war, von dannen gehen. Im Vorgarten des Hauses traf sie mit Liselottes Bräutigam, einem sehr feinen Herrn, zusammen, der mit höflicher Verbeugung zu ihr die Worte sprach: „Guten Morgen, gnädiges Fräulein, wie geht es Ihnen?“
Gnädiges Fräulein, wie achtungsvoll, wie angenehm das klang! — Suse richtete sich an dem Gruße auf wie der erschöpfte Wanderer an einem Stab. Nach all den Niederlagen der letzten Tage war ihr diese Erfrischung zu gönnen.
Allein, als sie wieder zu Hause angekommen war, ging ihr Freudefünkchen jäh in der allgemeinen Begräbnisstimmung unter.
Von Hans war noch immer keine Nachricht gekommen. Und Frau Cimhuber und Ursel fingen an, sich zu ängstigen. Wie zwei aufgescheuchte Fledermäuse huschten sie durch das Haus.
Und nach Tisch zog sich jeder in seinen besonderen Unterschlupf zurück, Frau Cimhuber in die Negerstube, Ursel in die Küche, Suse in ihr Zimmer, um die Nachmittagsstunden nach Einsiedlerart, in sich gekehrt, zu verbringen. Aber die Trauergesellschaft hatte die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Falle ohne Herrn Schnurr, gemacht.
Mit einemmal trat er lächelnd mit einem Blumenstrauß in der Hand durch die Tür der Negerstube und begehrte, Susens Wiegenfest in der geplanten Weise zu feiern, ohne Auslassung einer einzigen Programmnummer.
Frau Cimhuber und Ursel fuhren zusammen bei seinem Anblick und quälten sich mit dem Gedanken an das Versäumnis, das sie begangen hatten.
Sie hatten ja ganz und gar vergessen, den Lehrer abzubestellen. Sie hatten ihm ja kein einziges Wörtlein von der verhängnisvollen Donnerstagkatastrophe verraten, durch die das Cimhubersche Haus sozusagen auf den Kopf gestellt war. Nichts wußte er. Unschuldig wie ein neugeborenes Kind stand er da. Treuherzig lächelte er Frau Cimhuber und Ursel an. Seine Seele war rein und durchsichtig wie ein Bergkristall. Kein Schatten trübte sie.
Und nun war es zu spät, ihn wegzuschicken. Das sagten sich die zwei Frauen, die ihn genau kannten und wohl wußten, daß er sich nicht mehr verdrängen lasse. Er war ja störrisch wie ein Maultier.
„Wo steckt denn der Hans?“ rief er. „Ich bin doch nicht für die Katz gekommen, wir haben doch nicht wochenlang im Schweiße unseres Angesichts gespielt und gesungen, daß wir uns heute stumm wie die Fische gratulieren.“
„Hans ist auf einer Wanderung,“ stotterte Suse.
„Noch besser,“ sagte Herr Schnurr, „geht der auf eine Wanderung, wenn ich hierher bestellt bin. Das ist so die Art der modernen Kinder. Rücksicht auf Eltern und Erzieher kennen sie nicht.“
„Hans hat Ihnen doch einen Brief geschrieben, eh’ er fortging,“ sagte Suse stotternd. „Ich selbst hab’s gesehen. Haben Sie ihn denn nicht bekommen? Mein Geburtstag darf nämlich nicht gefeiert werden, weil hier allerlei vorgefallen ist.“
„Brief — Brief?“ fragte Herr Schnurr. „Ich hab’ keinen Brief bekommen. Na, ich kann’s mir schon denken, wo der hingekommen ist,“ sagte er mit einemmal. — „Der ist mal wieder bei uns in den Papierkorb gewandert mit den Drucksachen. — Das kommt öfters bei uns vor.“
„Ja, Susens Betragen war sehr ungehörig in den letzten Tagen,“ fiel hier die Pfarrfrau ein, „und deshalb haben wir von einer Feier ihres Geburtstages abgesehen.“
Herr Schnurr setzte sich auf einen Stuhl und erklärte kalt lächelnd, er sei jetzt da, und er bleibe auch da. Und die einstudierten Lieder würden trotz allem gesungen.
„Gelt, Ursel?“ wandte er sich vertrauensvoll an die erschrockene Magd. „Wir zwei singen zusammen. Wir zwei haben uns ja immer gut miteinander vertragen. Wir zwei werden jetzt unser Licht leuchten lassen.“
Ursel fuhr zusammen und wurde blaß bis an die Nasenspitze. Ihr Herz zitterte vor Zorn.
Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als vor der Sünderin Suse zu singen. Wie Knödel steckten ihr die Töne im Hals, aber tapfer sang sie ein Lied nach dem andern, aus lauter Angst vor ihrem Peiniger.
Suse aber fühlte angesichts des fleißigen Vortrags eine tiefe, tiefe Beschämung über sich kommen, so daß ihr die Tränen in die Augen traten.
Dort stand die gute Ursel in ihrem Sonntagsstaat und sang voller Verzweiflung die schönsten Lieder.
Und hier saß sie wie eine Königin und ließ sich feiern und hatte es so wenig verdient.
Schließlich konnte sie nicht mehr zuhören und beschloß heimlich davon zu schleichen und die zwei allein weiter singen zu lassen.
Aber Herr Schnurr hatte erraten, was sie wollte, packte sie am Arm und drückte sie unerbittlich auf ihren Stuhl zurück.
„Innsbruck, ich muß dich lassen,“ klang es begeistert von seinen Lippen in Gemeinschaft mit Ursel.
Dann empfahl er sich.
Ein Alpdruck wich von den drei Frauen. Suse stürzte, einen verwirrten Dank stammelnd, an Ursel vorbei in ihr Zimmer und wollte keinen Menschen mehr sehen.
Allein nur wenige Minuten verstrichen nach Abbruch des Vortrags, dann öffnete sich die Tür ihres Stübchens, und Frau Cimhuber trat ein, um ein Paket auf den Tisch zu legen.
Es sei schon einige Tage da, aber in dem allgemeinen Aufruhr der letzten Woche vergessen worden, sagte sie entschuldigend.
Suse betrachtete das Paket mit freudigem Erröten und entdeckte, daß es von Christine sei. Zärtlich wie einen lieben Bekannten drückte sie das Geschenk an sich. Es war ihr erster Gruß aus der Heimat. Mit aufgeregten Fingern löste sie die Schnur der Schachtel und entnahm ihrem Innern ein buntbesticktes Seidentuch, ein Erbstück von Christines Großmutter, das sie oft bei ihrer alten Kinderfrau bewundert und um ihre Schultern gelegt hatte.
Sie erfreute sich auch heute wieder an dem Glanz der leuchtenden Rosen- und Veilchensträußchen, die in das lila Tuch gestickt waren, und spürte mit Entzücken den Duft getrockneter Kräuter, der aus Christines Kommode kam, wo Steinklee in Büscheln zwischen Hauben, Tüchern und den sonstigen Habseligkeiten der alten Frau lag. Leibhaftig sah Suse Christines friedliches Reich vor Augen, und es wurde ihr ganz sehnsüchtig zu Sinn. Zu unterst in der Schachtel entdeckte sie dann einen Brief, der von Rosel geschrieben, aber von Christine diktiert war.
„Mein liebes, liebes Kind,“ stand darin, „Du weißt, ich kann nicht schreiben. Ich hab’ es in der Schule nicht gelernt. Wir brauchten nicht in die Schule. Rosel schreibt diesen Brief für mich. Und sie soll Dir viel Glück wünschen und Gesundheit und ein langes Leben. Und das Seidentuch in der Lade will ich Dir schenken, weil Du es ja immer so gerne hast leiden mögen. Und ich weiß ja nicht, ob ich noch lange lebe. Und vielleicht, wenn ich einmal gestorben bin, gibt’s Dir keiner.
Und wenn ich auch schreiben gelernt hätte, so könnt’ ich doch jetzt nicht mehr schreiben, liebe Suse, denn ich bin blind geworden, ganz blind. Du kannst es auch Hans sagen. Schon Weihnachten, wie Ihr daheim gewesen seid, und wie Du mir unter dem Tannenbaum so schön vorgelesen hast, unter dem Tannenbaum hab’ ich’s gespürt. Ich kann Euch jetzt nicht mehr sehen, wenn Ihr heimkommt, aber ich kann Euch noch sprechen hören und Eure Hände in meine nehmen. Erst im Himmel, wenn wir wieder alle zusammen kommen, kann ich Euch anschauen und sehen, ob Ihr noch Eure lieben, guten Gesichter behalten habt.
Es ist mir immer schwärzer vor den Augen geworden, und zuletzt habe ich nur noch einen dicken Nebel gesehen, und jetzt ist es ganz dunkel um mich wie in der Nacht. Euer Vater sagt, mir ist nicht mehr zu helfen. Jetzt kann ich die schöne Welt nicht mehr sehen. Siebzig Jahre lang hat unser Herrgott sie mich sehen lassen und hat es immer so gut mit mir gemeint, und jetzt hat er mir die Augen zugemacht, und ich bin blind. Und jetzt sitz’ ich immer draußen in der Sonne auf der Treppe und rieche die Veilchen, die aus der Erde kommen, und höre die Vögel. Und ich weiß doch, wie alles aussieht. Resi führt mich an der Hand durch den Garten und den Weg ins Dorf hinauf, wenn ich zu Euern Eltern gehe. Ich weiß, daß Ihr bald fortziehen werdet, weit, weit fort, und nicht mehr wiederkommt. Eure Mutter hat’s mir gesagt. Ich weiß auch, dann sehen wir uns hier nicht mehr wieder. Ich weiß, daß ich nicht mehr lange leben werde. Der liebe Gott hat mir die Augen zugemacht, das ist ein Zeichen, daß ich zu ihm kommen soll. Aber ich kann ruhig sterben, denn jetzt ist alles gut. Für mein Kind sorgt der Herr Doktor und die Frau Doktor, und ich weiß, daß auch Ihr gut zu ihm sein werdet. Alle Leute hier sind traurig, weil Ihr fort wollt, und sie sagen, so ein guter Doktor kommt nicht wieder...“
Da konnte Suse vor Weinen nicht mehr weiter lesen. Christine war blind geworden, und die Eltern wollten von zu Hause fort. Das war zuviel des Traurigen auf einmal. Sie legte den Kopf auf das bunte Tuch und schluchzte zum Herzzerbrechen.
Ursel hörte sie draußen weinen. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, nach dem Grund ihres Schmerzes zu forschen. Eine merkwürdige Zeitungsnachricht, die sie im Sonntagsblatt gelesen, hatte sie erschreckt. —
Ein Brandunglück war dort vom Freitag abend aus einem Ort namens Wildershausen gemeldet. — An verschiedenen Stellen sollte es gebrannt haben. Mehrere Scheunen sollten eingeäschert, und drei Knaben, die im Heu übernachtet hätten, schwer zu Schaden gekommen sein. Wildershausen — Wildershausen, ging es Ursel durch den Sinn. Das war ja der Ort, in dem Hans am Freitag abend übernachten wollte. Ja, ja, so hieß der Ort. Er hatte ihn ihr genannt, als er beim Schuheinfetten am Donnerstag abend in der Küche neben ihr gesessen war und sie auf andere Gedanken zu bringen versucht hatte.
Und nun war er nicht heimgekommen. —
Ursel hatte sich schon den ganzen Morgen um ihn geängstigt. — Am Ende... Ursel wurde es ganz schwarz vor den Augen..., die Knaben waren ja immer noch nicht da. Es ging auf fünf Uhr. Kein Mensch wußte, wo sie waren. Gestern abend hatte Hans bestimmt kommen wollen.
„Frau Pfarrer,“ rief da Ursel, „Frau Pfarrer, hieß der Ort nicht Wildershausen, in dem Hans übernachten wollte?“
„Ja, Wildershausen,“ sagte Frau Cimhuber.
„Sehen Sie,“ rief die alte Magd und reichte ihrer Herrin das Zeitungsblatt, „sehen Sie, da steht’s, Brand. Die Scheune brannte nieder. Zwei Knaben kamen ums Leben. Nein, zu Schaden,“ verbesserte sie.
„Hören Sie, das ist Wildershausen, und da wollte Hans die erste Nacht hin. Am Ende er wird doch nicht... es wird doch nicht... unser Hans... ich sag’s ja immer, das ist nichts mit diesen gräßlichen Wanderungen. Da erkälten sie sich, sie essen schlecht, und zuletzt fallen sie in die Flammen hinein. Das ist das Ende vom Lied. Haben sie es daheim nicht viel besser!“
Ursel begann nun um den Doktorssohn laut zu klagen. Er, den sie am Donnerstag abend noch einen unverschämten Bub genannt hatte, war mit einmal der liebe, gute, freundliche Hans, der ihr so oft das Geschirr abgetrocknet und das Feuer angemacht hatte, wenn ihre Hände vom Rheumatismus angeschwollen waren. Immer wieder hatte er ihr neue Mittel zur Heilung gebracht.
Noch einmal vertiefte sie sich in die Zeitungsnachricht und erklärte dann: „Er ist’s. Drei Knaben steht hier. Das ist Theobald und Hans und Peter. Die schlafen ja immer des Nachts in Kuhställen und auf Heuböden. Ich will jetzt mal hingehen und sehen, was mit Theobald los ist, ob der immer noch nicht da ist.“
Damit legte sie ihren Sonntagsstaat an, einen abgelegten Capothut von Frau Cimhuber und eine schwarze Pelerine, und machte sich auf den Weg zu Susens Verwandten. Leider verfehlte sie Toni um einige Minuten, die mit einer inhaltsreichen Depesche von Theobald in der Hand ihren Weg zu Frau Cimhubers Wohnung hinauf genommen hatte.
Während sich all dies in der Stadt zutrug, hatten Hans und Theobald ereignisreiche Tage verlebt.
Im Kreise einiger Freunde waren sie am Freitag morgen dem Gebirge zugefahren, hatten dort die Bahn verlassen und waren zur Höhe emporgestiegen, von wo sie eine Kammwanderung angetreten hatten.
Hans fühlte sich am Wandertage nach den beklemmenden, letzten Ereignissen im Cimhuberschen Haus so frei wie der Vogel in der Luft. Sein Hut hing am Rucksack. Der Wind spielte ihm frisch um die Stirn. Ein herber, stärkender Hauch wehte hier oben. Große landschaftliche Schönheit breitete sich vor seinen Augen aus. Von der Ebene her leuchteten die Dörfer und Ortschaften, von der Sonne beschienen, weiß herauf. Am Bergeshang tief unten lag ein zarter Schleier über den Wald gebreitet. Es war das erste Frühlingsgrün, duftig wie ein feiner Hauch. Hier oben, wo es nur niedere Tannen und verkrüppelte Buchen gab, merkte man noch nichts vom Blühen und Wachsen.
In dem unermeßlichen Äther in der gleichen Höhe mit den Knaben zog ein Bussard über der Tiefe des Tals in wunderbarer Ruhe seine Kreise. Die Knaben blieben eine Weile stehen und folgten ihm mit den Blicken. Dann zogen sie weiter auf dem Gebirgskamm, der sich wie eine hochgespannte Brücke unter Gottes Himmel hinzog. Mittagsrast hielten sie in einer verlassenen Burgruine, die auf einem Gebirgsvorsprung lag und zu der sie nach einer zweistündigen Wanderung vom Kamm heruntergestiegen waren. In dem alten, eingeschlafenen Burghof machten sie sich ein Feuer an, um abzukochen. Bald brodelte eine kräftige Suppe im Kochtopf.
Hans langte mit großem Heißhunger zu. Die Vorstellung, daß jetzt eine gräßliche, dumpfe Stimmung über dem Cimhuberschen Haus brüte, schien seinen Appetit noch zu verdoppeln.
Nach beendigter Mahlzeit holten einige Knaben von einem nahegelegenen Quell Wasser und wuschen das Geschirr ab. Einer der Wanderer, ein begeisterter Redner und Sänger, drückte sich von der Küchenarbeit und erklomm das Gemäuer des verfallenen Rittersaals, um von einer Fensterhöhlung herab eine flammende Rede zu halten über die Zeit, als hier der Bauernkrieg wütete. — Hans hörte, den Kopf im Nacken, mit großem Interesse zu. Theobald hingegen zuckte die Achseln und verzog sich auf den Bergfried, wo er aus schwindelnder Höhe sich das Tal betrachtete und sich an der Hand einer Karte orientierte.
Nach einer guten Stunde fand der Aufbruch der Knaben statt, und die fröhliche Schar zog singend von dannen.
Bald lag der Burghof wieder vereinsamt da. Eine Eule, die erschreckt beim Nahen der Knaben davongeflogen war, kehrte mit schwerem Flügelschlag in ihr Reich zurück. Von unten, vom Bergeshang, tönte der Gesang der Wanderer verhallend herauf.
Es fing schon an zu dunkeln, als die Knaben ins Tal zurückkamen. Drei von ihnen beschlossen, in einem kleinen Dorf am Fuß des Gebirges zu übernachten, die andern, Theobald, Peter und Hans, weiter in die Ebene hinaus zu gehen, nach dem eine Stunde entfernten Städtchen Wildershausen.
Hans, der schon etwas müde war, gähnte und zog die Füße nach. Theobald pfiff einen Marsch, um seinen Vetter aufzumuntern.
Plötzlich aber stieß er einen Jauchzer aus und rief: „Famos wird das heute, Hans. Wir logieren beim Onkel Brettelkern, beim Doktor Brettelkern. Das hat mir der Vater geraten.
Kennst du den Brettelkern?“
Hans schüttelte den Kopf.
„Hat dein Vater nie davon erzählt?“
„Nein.“
„Das wundert mich,“ meinte Theobald, „der Doktor Brettelkern ist ein Onkel von uns, ‚zehnmal um die Ecke rum‘, das heißt von meinem Alten. Dein Vater kennt ihn aber genau, denn dein Vater und meiner waren schon in ihrer Jugend unzertrennliche Freunde. Und der Onkel Brettelkern hat an den beiden einen Narren gefressen gehabt, bis es eines Tages zum Krach gekommen ist. Widerspruch konnte der Brettelkern nämlich nicht ertragen. Und als die beiden jungen Dächse einmal in irgend einer Frage, ich glaube, es war die Alkoholfrage, gegen ihn gewesen sind, da wurde er fuchsteufelswild und hat sie vor die Tür gesetzt. Ich glaube, jetzt nach Jahren hat er endlich mal wieder an deinen Vater geschrieben wegen seiner Praxis, die er abgeben will.“
„Davon weiß ich nichts,“ meinte Hans ganz verwundert.
„Na, das ist ja auch nebensächlich, die Hauptsache ist, daß wir auf seinem Heuboden übernachten wollen,“ erklärte der Vetter. „Und am andern Morgen bringen wir ihm ein Ständchen und stellen uns vor als die Söhne vom Sepp und vom Hermann. Schmeißt er uns dann zum Hof hinaus, so ist’s ja noch immer Zeit zum Laufen meint der Vater.“
Dieser Plan wollte Hans keineswegs einleuchten. Und auch Peter schien es viel besser, sich einen Unterschlupf für die Nacht zu suchen, wo man am andern Morgen aufrechten Ganges davongehen konnte.
Indes die beiden fügten sich schließlich doch Theobalds Anordnungen. Bald hatten sie das freundliche Städtchen Wildershausen erreicht, und mußten nun den ganzen Ort durchwandern, ehe sie die Wohnung ihres Onkels gefunden hatten. Sie lag an der breiten Hauptstraße, ganz am andern Ende der Stadt.
„Aha, da sind wir,“ meinte Theobald, der zuerst das Schild mit dem Namen des Doktors an einem der weißgetünchten Häuser entdeckt hatte. „Dann können wir also drei Mann stark in seinen Wigwam einfallen. Hoffentlich laufen wir ihm nicht gleich in den Weg. Sonst wirft er am Ende einen Blick auf unsere klassischen Gesichter und drauf uns alle drei am Kragen hinaus.“
Durch die Gitterstäbe des großen eisernen Hoftores mit dem kleinen Eingangstor an seiner Seite spähten die Knaben in den Hof. Im Hintergrund gewährten sie eine Scheune mit einem Stall, zu dem rechtwinklig ein Schuppen angebaut war. Eine Menge Holz war darunter aufgeschichtet.
Daneben stand ein Mann, augenscheinlich der Kutscher, der damit beschäftigt war, Pferdegeschirr zu reinigen.
„Sollen wir’s wagen, sollen wir’s wagen?“ fragte Theobald. — „Hopp, wagen wir’s.“
Und die drei traten schnellen Schrittes ein, grüßten höflich und trugen ihr Anliegen vor. Theobald redete dabei wie ein Wasserfall. Der Mann vor ihm sah ihn zuerst mit leichtgeöffnetem Mund ganz verständnislos an. Dann aber begriff er langsam, langsam, lächelte verschmitzt und nickte beifällig.
„Guter Vetter, ich weiß schon, was du willst,“ meinte er, Theobald kameradschaftlich auf die Schulter klopfend. „Wir verstehen uns in der Angelegenheit. — Die letzte Woche sind nämlich schon ein paar von eurer Sorte dagewesen. Die haben bei uns übernachtet. So jemand wie euch können wir schon unterbringen. Das tun wir gern. Das macht dem Doktor Freude. Die letzten hat er sogar im Bette schlafen lassen.“
„Nur nicht in dem Brettelkern seiner Betten schlafen,“ riefen die Knaben und dachten mit Schrecken an das Erstaunen des Doktors, wenn dieser plötzlich die Sprößlinge der mit ihm verkrachten Verwandtschaft in seinen warmen Federbetten entdeckte.
„Auf dem Heuboden, wo es am dunkelsten ist, wollen wir schlafen,“ rief Theobald. „Der Heuboden, das ist unser Fall. Der Heugeruch, der ist gesund. Der schläfert ein. Wir sind sehr für die Natur, immer für die Natur. Gucken Sie unsere Kräfte. Alles von der Natur!“
Und damit ergriff er den verdutzten Peter am Kragen und hielt ihn mit ausgestrecktem Arm dem Mann hin, indem er sagte: „Hier sehen Sie, alles mit einem Griff. Alles von der Natur.“
„Du gefällst mir, du kannst so bleiben,“ meinte der Kutscher und klopfte Theobald wieder befriedigt auf den Rücken.
„Kommt jetzt mit herein,“ setzte er zu den andern hinzu. „Die Luise soll euch ein gutes Abendessen kochen. In einer Stunde wird der Doktor da sein. Der wird seine Freude an euch haben. Es kommen auch noch andere Herrschaften mit, ein Herr und eine Dame. Was sehr Feines, glaube ich.“
„Heilige Genoveva,“ rief Theobald erschreckt, „nur nichts sehr Feines heute abend. Für Herrschaften sind wir nicht angezogen. Und dann fallen uns die Augen zu. Man muß uns so wie so schon Hölzchen dazwischen stecken, damit sie offen bleiben. Aber morgen um fünf Uhr bringen wir dem Doktor ein Ständchen. Was sagen Sie dazu? Studentenlieder spielen wir ihm auf. Die beiden da geigen wie die Engel im Himmel und ich singe wie eine Orgel.“
„Das wird den Doktor freuen,“ erwiderte der Mann lachend, „ja, das könnte ihm Freude machen.“
Hierauf brachte er den Knaben heißes Wasser aus der Küche, womit diese sich schnell einige Tassen Kakao anrührten.
Hans äugte ständig nach dem Hoftor hin wie eine Gemse, die auf Wachtposten steht. „Hoffentlich kommt er nicht,“ murmelte er vor sich hin. „Der wirft uns ja raus.“
„Iß und jammere nicht,“ mahnte Theobald.
Die Knaben verzehrten nun ein paar Stücke Brot und tranken ihren Kakao dazu und schickten sich hierauf an, ihr Eßgeschirr zu reinigen.
Da sagte der Kutscher so beiläufig mit größter Ruhe vom Hoftor herüber: „Dort unten kommt der Doktor.“ —
Die Knaben rafften ihre Rucksäcke und ihr Geschirr zusammen und rannten davon wie die Räuber.
„Kommen Sie, kommen Sie,“ rief Theobald, den Kutscher mit sich ziehend, „und zeigen Sie uns unser Nachtquartier! Erst morgen früh wollen wir den Doktor sehen.“
Und wie die Katzen kletterten sie an einer Leiter in der Scheune auf den Heuboden.
Sich die Seiten vor Lachen haltend, wackelte der Kutscher hinterdrein. Und oben breitete er ihnen ein Segeltuch auf das Heu, um es zu schonen, damit die empfindlichen Pferde morgens nicht seine Annahme verweigerten.
„Endlich, endlich in Sicherheit,“ meinte Theobald sich streckend und dehnend, als der Kutscher gegangen war. „So einen Heuboden, den lob’ ich mir. Das ist doch das Beste. Neulich der Kuhstall, der war zuviel für meines Vaters Sohn. Erst der Kuhgeruch und dann der Hühnergeruch, und kaum ist das überstanden und man ist eingeschlummert, da erwachen gleich so ein paar gefiederte Bestien, die mit uns zusammen logieren, und fühlen sofort das Bedürfnis, Eier zu legen und ihre Funktionen mit lautem Geschrei in die vier Winde zu rufen. Schauderhaft! Und dann, als sie damit fertig sind, fällt es ihnen ein, spazieren zu gehen, und sie nehmen ihren Weg direkt über unsere Köpfe und unsere Brust hinweg, voran der Gockel. Und wie ich aufwach’, steht mir der, weiß Gott, mitten auf der Brust und schlägt mir seine Flügel um die Ohren und schreit ‚Kikeriki‘, daß ich aufgefahren bin und ihn gepackt habe. Fast hab’ ich ihn ermördert.“
Hans und Peter lachten und vergruben sich im Heu.
„Sei still, Theobald,“ rief sein Vetter, „sonst hört uns der Brettelkern und holt uns von seinem Heuboden runter.“
„Lacht doch nicht bei dieser ernsten Geschichte,“ wehrte Theobald, „es kommt noch besser. Kaum sind die Hühner fort und wälzen sich mit dem vermalefitzten Gockel, dem ich ein paar Schwanzfedern abgebrochen habe, in den Hof hinaus, so fängt einer von unsern Freunden, der Philipp, so laut an zu schnarchen, daß man es durch drei Wände hören konnte. Und denkt euch, da sitzen in demselben Stall mit uns ein paar Truthähne. Die bilden sich ein, wir wollen sie uzen mit dem Schnarchen. Und jedesmal, wenn der Philipp mit der Stimme überschnappt, fangen die an so mordsmäßig zu kollern und zu glucksern, als wollten sie an den Wänden in die Höhe fahren vor Geschrei. Wißt ihr, eine Musik war in dem Stall, als wenn einer Ziehharmonika spielt, und der andere fällt der Länge nach von rückwärts auf das Klavier, auf sämtliche Tasten mit einem Schlag. Hinreißend! Na, da bin ich aufgestanden...“
„Und?“ fragte Hans.
„Laß mir meine Ruh,“ sagte Theobald, „ich will jetzt schlafen.“
Und damit drehte er sich auf die andere Seite. Bald verrieten seine tiefen Atemzüge, daß er schliefe. Und auch seine beiden Begleiter ruhten bald, von tiefem Schlaf übermannt, auf ihrer Lagerstatt.
Da — es mochte so vier Uhr morgens sein, wachte Hans plötzlich von einem lauten Geräusch auf, das im Pferdestall nebenan erklungen war. Er hörte Pferde wiehern. Mühsam richtete er sich auf und spürte, wie ihm ein schwerer Druck auf der Brust lag. Sein Kopf schwindelte. — Es roch nach Qualm und Rauch. Weit riß er die Augen auf und sah einen roten Schein von der Öffnung, die zum Pferdestall führte, herüberleuchten. Da war ihm plötzlich klar, was hier geschehen war. Mit einem Sprung war er auf den Beinen, riß seinen Freund Peter mit in die Höhe und schrie durchdringend: „Hier brennt’s! Es brennt! Feuer!“
Der Freund war sofort wach, und nun rüttelten die beiden an Theobald, der noch immer schlief wie ein Sack. Als sie ihn endlich aufgeweckt hatten, bedurfte es nur noch weniger Sekunden, bis er sich gefaßt hatte. Dann kommandierte er wie ein General: „Jetzt erst mal raus an die Luft.“
Mit großer Schnelligkeit ließen sich die Knaben an der Leiter hinunter und eilten durch die Scheune ins Freie.
Hier sahen sie den Hof tagehell erleuchtet. Der Holzstoß unter dem Schuppen brannte lichterloh, die Flammen schlugen zum Dach hinaus und griffen nach dem Stall hinüber.
„Schöne Bescherung,“ murmelte Theobald.
„Wir müssen die Pferde rauslassen,“ meinte da Hans Und die Knaben drangen sofort in den Stall ein, schirrten die Füchse los und führten sie ins Freie. Die Tiere drängten aufgeregt dem Feuer zu. Theobald wurde dabei zu Boden geschleudert und schlug seinen Kopf gegen einen Stein. Hans und Peter wurden gegen die Wand gedrückt und scheuerten sich das Gesicht blutig.
Noch rechtzeitig kam ihnen ihr Freund von gestern, der Kutscher, zu Hilfe und brachte die Pferde, unterstützt durch einige Männer von der Straße, ins Freie.
„Es brennt an verschiedenen Stellen in der Stadt,“ hörte Hans jene Leute rufen, und atmete erleichtert auf. Der Kutscher hatte ihn eben, anscheinend nicht recht bei Sinnen, angefahren: „Ihr vermalefitzten Lausbuben, habt ihr vielleicht das Feuer angemacht!“ — Fast wären sie also noch in den Geruch von Brandstiftern gekommen.
Theobald hatte sich inzwischen die Wunde mit ein paar Taschentüchern umwickelt und ging auf das Wohnhaus zu, indem er Peter erklärte: Er werde jetzt den Onkel „Zehnmal um die Ecke“ retten, ihn auf seinen Händen ins Freie tragen und im Namen seiner Familie Versöhnung feiern.
Als Theobald in den Hausflur eingetreten war, bemerkte er gleich auf der Spitze der Treppe im ersten Stock einen Herrn im Nachtgewand und rief ganz bescheiden hinauf: „Herr Doktor, kommen Sie gefälligst. Es brennt bei Ihnen. Soll ich Ihnen helfen? Es ist nicht gefährlich.“
„Aber Theobald, Junge, wo kommst du her?“ tönte da oben eine wohlbekannte Stimme herunter. Theobald stutzte. Dann hatte er den Rufer erkannt. Es war sein Onkel Hermann, der Vater von Hans Und in einigen Sprüngen war er bei ihm.
„Du hier, Onkel?“ rief er.
„Ja, du hier? das frag ich dich auch, Theobald,“ antwortete jener ganz betroffen. „Wo kommst du her?“
„Auf einer Wandertour, Onkel. Hans ist auch da.“
Und in demselben Augenblick kam der Knabe, von dem eben die Rede war, im Sturm die Treppe hinauf und rannte den Vater fast über den Haufen. Und nun erschien auch die Frau Doktor und war ganz bestürzt, als sie in dem unheimlichen Lichtschein, der das Treppenhaus erleuchtete, ihren Sohn gewahrte. —
Bis vor einer Stunde noch war sie mit ihrem Mann und dem Besitzer des Hauses, dem Doktor, aufgewesen, und nun war sie im ersten Schlaf durch einen furchtbaren Lärm emporgerissen worden.
Gerade wollten Theobald und Hans den Doktorsleuten die nötigen Erklärungen über ihr Hiersein geben, da rannte ein dicker, alter Herr im Sturm an der Gruppe vorüber und warf sich seinen Rock über.
Es war der Doktor Brettelkern.
„Entschuldigt, ich muß mit in den Betrieb,“ rief Theobald und folgte seinem Onkel in den Hof. Schreiende Menschen drängten hier zur Tür herein, die Feuerwehr rasselte heran, die Pumpen wurden in Tätigkeit gesetzt und die Spritzen auf das Haus gerichtet.
Theobald suchte sofort irgendwo einzugreifen und half beim Pumpen mit einem Eifer, als hänge das Geschick Wildershausens von seinen Muskeln ab. Mitten im schönsten Arbeiten fühlte er plötzlich, wie ihm jemand die Taschentücher vom Kopfe riß, ein dickes Stück Watte mit einer brennenden Flüssigkeit in die Wunde stopfte und dann seinen Kopf mit einer Gazebinde so fest umwickelte, daß er sich zwischen die Kinnbacken eines Riesennußknackers geraten glaubte.
Es war der Doktor Brettelkern, der ihn verbunden hatte.
Unverzagt pumpte Theobald weiter, unterstützt von Hans und Peter.
Als nach einer Stunde der Brand gelöscht war und die Menschen sich vom Hofe verzogen hatten, fanden sich der Besitzer des Hauses und seine Gäste, die Doktorsleute von Schwarzenbrunn und die drei Knaben aus der Stadt, in dem gemütlichen Eßzimmer ein, wo sie sich an einer Tasse warmen Kaffees stärkten, die ihnen die Haushälterin des Doktors schnell bereitet hatte. Das Fragen und Erklären nahm nun kein Ende.
Hans, der sich schon die zwei letzten Stunden über den Kopf zerbrochen hatte, warum seine Eltern wohl hier seien und allerlei Ahnungen verspürte, erfuhr nun, daß sein Vater gekommen sei, um mit dem Doktor Brettelkern über seine Praxis in Wildershausen zu reden, die er in aller Kürze übernehmen werde. — Von Pfingsten ab sei der Doktorsleute und ihrer Kinder Wohnort Wildershausen.
Da stieg dem Knaben das Blut so heiß zu Kopf, daß seine Schrammen im Gesicht wie Feuer brannten. Für die nächste halbe Stunde kam ihm kein Wort über die Lippen.
Theobald aber betrachtete fortwährend mit sichtlichem Wohlgefallen sein zu einem Riesenkürbis angewachsenes Haupt im Spiegel ihm gegenüber.
Was Schöneres konnte er sich nicht denken, als hier sozusagen als Held zu sitzen.
Am schweigsamsten war der Hausherr, der Doktor Brettelkern. Aber schließlich riß er sich von seinen Gedanken los, sprang auf und meinte kopfschüttelnd: „Da hört man zwanzig Jahre nichts von einander. Und nun sieht man sich so wieder. Der ist genau wie sein Vater,“ meinte er, auf Theobald zeigend. „Der redete einen auch tot und lebendig.“