Zweites Kapitel.
Die Flucht

Für den Sonntagnachmittag waren Hans und Suse bei Onkel Sepp und Tante Hedi, Theobalds Eltern, eingeladen. Aber im letzten Augenblick wurde die Einladung zurückgenommen, und die Geschwister mußten daheim bleiben. Ihre Vettern und Basen durften an dem Tag keinen Besuch empfangen; es waren eben unverbesserliche Sausewinde, die nichts wie tolle Streiche verübten, für welche sie dann büßen mußten. Diesmal handelte es sich um eine recht dunkle Sache, von der Theobald nur in unklaren Andeutungen sprach. Danach war eine Papiertüte voll Wasser zufällig von der Gartenmauer seines Vaterhauses gefallen, einer vorübergehenden Marktfrau auf den Kopf und dort geplatzt, worauf die Frau vor Schreck sich mitten auf der Straße niedergelassen hatte.

Und für diesen harmlosen Vorfall, an dem nach Theobalds Ausspruch kein Mensch Schuld hatte, waren Onkel Sepps Kinder hart bestraft worden und hatten heute Stubenarrest.

So waren Hans und Suse denn auf sich allein angewiesen. — Frau Cimhuber war ausgegangen und hatte den Kindern versprochen, sie gegen Abend zu einem Spaziergang abzuholen. Ursel hatte sich in die Küche zurückgezogen, denn sie litt noch immer an starkem Zahnweh, und auf ihrem vermummten Kopf standen die Zipfel ihres Tuches steil aufrecht wie zwei Hasenohren.

Die ganzen letzten Tage hatte sie zwar versprochen, den Kindern heute Missionarsgeschichten zu erzählen; aber nun, da es so weit war, warf sie Blicke um sich wie der Drache in der Höhle, und die Kinder mieden sie ängstlich.

Die meiste Zeit des Nachmittags verbrachten sie in ihrem Zimmer, wo Suse in eine immer gedrücktere Stimmung verfiel. Sie hielt einen Brief ihrer Mutter in Händen, den sie heute morgen erhalten hatte und in dem sie immer wieder las.

„Mein liebes Kind,“ stand in dem Brief geschrieben, „die Veilchen blühen noch immer und tragen viele Knospen und Rosel begießt sie täglich und schaut nach ihnen. Die Sonne scheint jetzt schon so wohlig und warm im Garten, und alles beginnt zu blühen und zu grünen. Minnette hab’ ich ihr Glöckchen weggenommen, das Du ihr zum Abschied umgebunden hast, und beiseite gelegt, weil es sie belästigte; aber wenn Du wiederkommst, darfst Du es wieder hervorholen und ihr umbinden, liebes Kind. Michel liegt in der Sonne auf der Hoftreppe und grollt mit uns, wie Euer Vater sagt, weil wir Euch fortgehen ließen, und nun läßt er seinen Zorn an den Hühnern und Katzen der Nachbarschaft aus und beißt und schüttelt sie, wo er nur kann. Zur Strafe soll er mal wieder für einige Zeit zum Förster in die Nachbarschaft kommen, damit er sich wieder bessere Manieren angewöhnt. Christine und Rosel sprechen immerzu von Euch und haben sich heute wunderbare Briefbogen mit Vergißmeinnicht und verschlungenen Händen gekauft, und nun wollen sie Euch Briefe schreiben. Christine wird ihren Rosel diktieren. Auch Eure Freunde und Freundinnen waren schon da und haben nach Euch gefragt.“

Schließlich stand Suse auf, ging ans Fenster, drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben und sah hinunter auf den Kanal, der heute frei von Kähnen war. Auch die Straßen waren weniger belebt als sonst. Die Menschen waren wohl hinausgewandert in das Freie, wo der Sonnenschein über Feldern und Wiesen lachte.

Nur hoch oben an der blauen Himmelsdecke, da ging es lustig her. Da flogen die munteren, kleinen Federwölkchen vorüber, die Suse so gern hatte. Sie glänzten wie schimmernder Atlas und flatterten und wehten wie weiße Tüchlein, die unsichtbare Hände schwenken.

„Komm mit, komm mit,“ schienen sie zu rufen. — Sie wanderten weiter, immer weiter, bis sie zu den Bergen von Susens Heimat kamen. Noch heute trafen sie dort ein. Das kleine Mädchen spürte es so deutlich, so klar. Dann sahen sie in den Doktorsgarten, wo die Blumen blühten und die Büsche grünten, wo an der Mauer der Schlehdorn schneeig schimmerte, wo vor der Tür Minnette saß und im Hof Michel sich sonnte. Und in das gemütliche Wohnzimmer schauten sie, wo der Vater und die Mutter am Kaffeetisch saßen und miteinander redeten.

„Wie schön ist es heute, wir wollen durch den Garten gehen,“ sagte die Mutter. „Komm, Hermann. Was wohl unsere lieben Kinder heute treiben?“

Und Suse hörte genau die Stimme ihrer Mutter.

Da räusperte sich Hans, und sie fuhr herum und zeigte ein verweintes Gesicht. Er schaute sie erschrocken an. Und da begann sie auch schon von Tränen überströmt: „Jetzt will ich dir auch sagen, Hans, was ich schon immer gedacht habe. Wir wollen fort von hier, nach Hause.“

Der Knabe fuhr zusammen und wiederholte langsam: „Nach Hause?“

„Ja, Hans!“

„Aber, Suse, wir sind ja eigens hierher gekommen in die Stadt, damit wir was lernen, und jetzt wollen wir schon wieder fort?“

„Ei, Hans, wir können ja in eine andere Stadt gehen, wo’s viel schöner ist. Es gibt ja noch viele Städte.“

„Nein, Suse, der Vater und die Mutter haben gesagt, sie haben sich lange bedacht, warum sie uns gerade in diese Stadt schicken. Sie wollen, daß wir uns an fremde Menschen gewöhnen und hier bleiben und was lernen. Und jetzt sind wir hier, und jetzt bleiben wir hier.“

„Dann sterb’ ich, Hans. Ich hab’ immer so Weh hier...“ Und das kleine Mädchen zeigte weinend auf sein Herz.

„Sieh, hier, Hans, und essen mag ich auch nichts mehr, es drückt mich immer im Hals und ich kann nicht schlucken. Du wirst sehen, ich sterbe. Ich habe schon immer gebetet, daß der liebe Gott macht, daß wir wieder nach Hause kommen, sonst sterb’ ich.“

„Bald sind ja Ferien, Suse!“

„Dann bin ich schon tot. Ich will fort, ich will fort!“

Und Suse drückte weinend beide Handrücken vor die Augen und wiederholte immer wieder: „Ich hab’ so Weh hier, Hans, ich hab’ so Weh hier! Ich will fort!“

Dem Bruder wurde es angst und bange. Er suchte nach Trostesworten und fand keine.

Seine kleine Schwester aber fuhr immer trauriger fort: „Ich mag auch nicht mehr in der Elektrischen fahren. — Und die hellen Buchstaben find’ ich auch nicht mehr schön. Ich mag nichts mehr. Kein Kind will mit mir spielen. Alle haben sie Freundinnen, nur ich nicht. Und Frau Cimhuber hat uns auch nicht lieb, und Ursel erst recht nicht.“

Hier schluchzte sie laut auf.

Dann sagte sie wieder leise vor sich hin: „Wir wollen fort, wir wollen fort. Ich will zum Vater und zur Mutter und zu den Kindern, die mich lieb haben.“

„Aber, Suse, was wollen wir denn machen?“ fragte Hans in größter Aufregung. „Frau Cimhuber läßt uns ja nicht fort!“

„Sie braucht es ja nicht zu wissen, daß wir fort wollen, Hans! Wir schleichen uns ganz in der Frühe fort, wenn alle noch schlafen.“

„Und unsere Sachen, Suse?“

„Die ziehen wir alle übereinander an. Du ziehst vier Hosen und vier Hemden an und zwei Anzüge, und ich auch; meine zwei schönen Sonntagskleider leg ich fein ordentlich in eine Pappschachtel, und deinen Matrosenanzug auch. Das trägst du dann an einer Schnur. Ich nehme das andere; die Geburt Christi und den Engel und die Taschentücher und Strümpfe, alles, alles in der Hirschtasche.“

„Nein, Suse, das geht nicht. Das dürfen wir nicht. Wir sind hier und wir bleiben hier. Und es ist auch schön hier.“

„Schön?“ fragte Suse ganz entgeistert. „Aber, Hans, das glaubst du doch selbst nicht! — Weißt du, Hans,“ fuhr sie flüsternd fort, „nachts träum’ ich immer, der Negergott springt mit einem von den vielen Negermessern hinter uns her, drei Schritte vorwärts und einen zurück, und dazu ruft er: Halloh! Halloh! wo steckt ihr? — Und eines Nachts ist er wirklich an unsere Tür gekommen. Ich hab’ ihn deutlich schleichen hören. Und dann hat er leise, erst wie ein Neger, dann deutsch gesagt: ich krieg euch doch. — Wartet nur, brr... hu... hu...“

„Dummes Zeug,“ wehrte Hans. „So was Dummes brauchst du nicht zu träumen. Du weißt ja, er ist aus Holz. Und nun paß mal auf. Ich gehe jetzt in die Negerstube und hol’ ihn von dem Ständer herab. Dann sollst du ihn selbst mal anfassen.“

„Nein, nein,“ rief Suse. „Er tötet uns.“

„Er denkt nicht dran. Er ist ja der rechte Ölgötze. Das hat auch Theobald gesagt.“

Und nach diesen Worten ging Hans stolz, hoch erhobenen Hauptes zur Tür hinaus, dem Staatsgemach der Frau Cimhuber zu und trat ein. Erwartungsvoll sah ihn der Götze daherschreiten.

„Er guckt, er guckt,“ rief Suse.

„Darf er ruhig,“ meinte Hans, räusperte sich, ging stracks auf das Ungeheuer zu, klopfte ihm ein paarmal auf den hölzernen Lockenkopf und packte dann mit festem Griffe zu. Die Figur wog schwer wie Blei. Und Hans hatte Mühe, sie auf seine Schulter zu heben, und trug sie dann mit eingeknickten Knien wie ein alter Mann hinter Suse her, die sich aus Angst vor dem Ungeheuer langsam immer weiter zurückzog.

„Wart’ doch, wart’ doch!“ rief er.

Fast war er bei der Schwester, da fiel plötzlich mit Getöse ein Negerschwert von der Wand herunter.

Hans glaubte, die Decke stürze ein, sperrte vor Schrecken die Arme weit auf und ließ den Negergott auf den Teppich plumpsen. Er stand Kopf und schlug dann krachend einen Purzelbaum.

„Der Götze, der Götze,“ schrie Suse, sprang in die Höhe wie eine Heuschrecke und glaubte, er käme hinter ihr hergerutscht und packe sie am Bein. Wenn er sie plötzlich festgehalten, hätte sie es gar nicht verwundert.

„Der Götze, der Götze!“ rief sie noch einmal.

Da kam Ursel herbei, erblickte die Figur, die mitten im Zimmer auf dem Rücken lag, und stürmte drauf zu.

„Der Götze, der Götze,“ rief sie. Sie kniete daneben nieder, wendete ihn um und um wie ein Wickelkind, und entdeckte den Spalt in seinem Kopf. Dann jammerte sie: „Jetzt ist er kaput! Da liegt er nun, der treue Götze. Wer hat euch denn geheißen, ihn von seinem Platz herunter zu holen,“ brauste sie auf. „Müßt ihr alles anfassen, was ihr seht? Natürlich hattet ihr keine Ruh’, bis er kaput war.“

Fall des Götzen

„Frau Cimhuber wird böse sein,“ stotterte Hans.

„Vielleicht nicht?“ brauste Ursel auf. „Soll sie vielleicht Zuckerkind zu dir sagen und dir einen Kuchen backen zur Belohnung, weil du den Götzen kaput gemacht hast!“

„Nein, das möcht ich nicht,“ sagte Hans noch verwirrter als bislang. „Der Götze ist ja von dem Herrn Missionar, nicht wahr?“

„Von wem denn sonst, vielleicht von einem Zwetschenbaum? Meinst du, solche fremdländischen Figuren wachsen hier auf Bäumen, und wir holen sie uns herunter?“

„Nein... nein..., ich weiß ja, daß er aus Afrika ist,“ sagte Hans schüchtern. „Frau Cimhuber hat’s ja gesagt.“

„Jetzt fort mit euch ungezogenen Kindern!“ fuhr Ursel die Pechvögel an. „Ihr könnt nichts, wie Dummheiten machen.“

Und die beiden verließen gesenkten Hauptes die Negerstube und wußten nicht wohin sehen vor Beschämung.

Es verging geraume Zeit, dann hörten sie, wie die Pfarrfrau wiederkehrte, mit Ursel redete und von ihr in die Negerstube geführt wurde.

Sie lauschten atemlos.

„Jetzt weiß sie’s,“ flüsterte Suse.

Hans fuhr zusammen und saß blaß und regungslos in der Ecke und erwartete jede Minute, Frau Cimhuber werde mit dem Götzen auf dem Arm hereinkommen und ihn zur Rede stellen.

Aber sie kam nicht, und auch später, als die Kinder mit ihr beim Abendessen zusammentrafen, machte sie ihnen keine Vorwürfe. Sie sah nur still vor sich nieder. Da konnte Hans schließlich ihren stummen Anblick nicht mehr ertragen, und er sagte leise und beklommen: „Frau Pfarrer,... Frau Pfarrer...“ Dreimal schluckte er trocken runter, dann begann er wieder: „Ich bitte Sie um Entschuldigung wegen dem Götzen, Frau Pfarrer. — Er — ist so rutschig und glitschig wie ein Fisch. Er ist mir aus den Armen gefallen. — Ich glaub’ — ich mein’ —,“ fuhr er stotternd fort, „wenn Sie erlauben, Frau Pfarrer, mein’ ich, möcht’ ich Ihnen einen neuen Gott schenken. Ich könnte Ihnen einen schnitzen lassen. Ich habe einen Freund Martin, der schnitzt sehr schön, der könnte Ihnen einen neuen schnitzen. Meiner Mutter hat er einen Nähkasten geschnitzt. Spazierstöcke kann er auch machen. Der würde sicher einen schönen Negergott fertig bringen.“

„Es kommt nicht auf die Schönheit an,“ sagte Frau Cimhuber schmerzlich. „Diese Figur war mir nur deshalb lieb, weil sie ein Geschenk meines Sohnes aus Afrika ist. Aber wie kommt gerade ihr darauf, sie herunterzunehmen? Ihr möchtet doch gewiß auch nicht, daß wir euere Sachen in euerer Abwesenheit anfassen und kaput machen.“

„Nein... nein,“ stotterten die Kinder, und Hans sagte kleinlaut: „Wir wollten ihn nicht kaput machen. Und wir faßten ihn auch sonst nicht an, aber...“

„Ich hab’ gemeint, er ist lebendig,“ fiel hier Suse weinend ein. „Entschuldigen Sie, Frau Pfarrer, ich fürcht’ mich so vor ihm. Und da hat Hans gesagt: er ist nicht lebendig. Und da wollten wir sehen, ob er lebendig ist. Und da war er gerade wie lebendig. Und ich habe ihn schon ganz sicher mal gehört, wie er des Nachts vor meiner Tür gesessen ist und leise geklopft hat und gesagt hat: Macht auf; seid ihr drin; ich komme.“

„Aber Kind, du phantasierst,“ sagte die Pfarrfrau und sah Suse erschreckt an. „Aber, Kind,“ begann sie dann wieder, „du mußt acht geben auf alles, was du sagst. Sonst sagst du die Unwahrheit, und das ist das Schlimmste, was ein Kind tun kann.“

Suse fuhr zusammen. Hans sah ängstlich auf und verteidigte seine Schwester: „Suse träumt immer so. Und dann wacht sie auf und dann hat sie gehört, wie jemand draußen war und dann hat sie gemeint, es ist der Götze.“

Die Frau Pfarrer schien der Sache nicht recht zu trauen, denn sie antwortete nichts, und die Unterhaltung verstummte ganz und gar.

Die Kinder waren froh, als das Abendessen vorüber war und sie sich entfernen konnten.

In Suse stand der Entschluß zu fliehen fester denn je. Und als sie mit ihrem Bruder allein war, begann sie: „Wir wollen fort, Hans. Nun willst du doch auch, daß wir fortgehen. Wir machen ja doch alles verkehrt, wenn wir uns auch noch so viele Mühe geben. Was nützt es, daß wir noch hier bleiben. Noch kein einziges Mal ist Frau Cimhuber gut zu uns gewesen und hat uns gelobt. Glaub’ mir, sie ist froh, wenn wir wieder fort sind. Und dann lassen Ursel und sie sich eben andere Kinder kommen, die viel artiger sind als wir. Und daheim sind sie froh, wenn wir kommen.“

Und stockend fuhr Suse fort: „Und schlechte Zeugnisse bekommen wir auch. Ich versteh’ immer noch nichts in der Schule, und daheim war ich immer die erste.“

„Ich versteh’ jetzt schon mehr,“ sagte Hans schüchtern.

Suse aber fuhr fort: „Du gehst aber doch mit mir fort? Gelt? Du bleibst nicht hier? Wir gehen nach Hause. Ach laß uns doch nach Hause gehen.“

Der Bruder schüttelte sein Haupt und sagte standhaft wie ein Erwachsener: „Nein, Suse, die Eltern haben gesagt, wir bleiben hier, und jetzt bleiben wir hier.“

Allein das Unglück heftete sich an des Knaben Fersen, und ehe noch der folgende Tag vorüber war, sollte sein Heldentum jäh in die Brüche gehen.

Morgens früh ging er ganz zuversichtlich zur Schule. Der Aufenthalt dort war ihm lange nicht so unangenehm, als der in Frau Cimhubers Haus, wo alles ihn vorwurfsvoll ansah, heute selbst der Negergott, der mit seinem geborstenen Haupt ein Bild des Schreckens bot.

Die Schule dagegen war Hans lange nicht mehr so fremd wie in den ersten Tagen seines Hierseins. Lehrer und Schüler waren ihm bekannter, der ganze Unterricht vertrauter geworden.

Heute nun brachte er es sogar fertig, in der ersten Hälfte des Morgens ein paar gute Antworten zu geben und war ganz angetan von sich.

So kam die letzte Stunde, eine Naturgeschichtsstunde, heran. — Der Lehrer wollte mit den Kindern in der Besprechung des Hausrindes fortfahren, mit der er schon das letztemal begonnen hatte.

Es würde sehr lustig und ulkig zugehen, meinten einige von Hansens Mitschülern, die sitzen geblieben waren und deshalb vom letzten Jahre her über alles genau Bescheid wußten.

Herr Meyer werde nämlich einen Kuhmagen mitbringen, um ihn aufzublasen und dessen Form deutlich zu zeigen. Bei diesem Beginnen pflege er selbst so heftig mit anzuschwellen, daß die Klasse in lautes Lachen ausbreche und nicht mehr zu halten sei.

Fuchsteufelswild werde er darüber.

Nun war die Pause vorüber und die Schüler suchten ihre Plätze auf. Rechts und links von Hans saßen seine Nebenmänner schon, und zwar auf der einen Seite sein Freund Peter, ein Knabe mit einem freien, aufgeweckten Wesen. Hans und er waren gleich Freunde geworden, stammte Peter doch auch aus den Bergen, und so hatten die beiden einander gleich viel zu erzählen gehabt. — Für Peters größtes Heiligtum, eine Tierschädel- und Vogeleiersammlung, wollte Hans aus den nächsten Ferien einige neue wertvolle Stücke mitbringen.

Weniger freundschaftliche Beziehungen bestanden zwischen Hans und dem Knaben an seiner andern Seite. Dieser, Kurt, war das gerade Gegenteil von Peter, ein unaufrichtiger, verschlagener Junge, der aber trotzdem einen großen Einfluß auf seine Mitschüler ausübte. Er hatte den Fußballklub „Germania“ gegründet und schon eine große Anzahl Mitglieder gewonnen. Auch Hans sollte diesem Verein beitreten, hatte es aber bis jetzt noch abgelehnt, da ihn einstweilen in der Stadt noch viel anderes Neues lockte.

Gerade hatte der sporteifrige Kurt Hans wieder in ein Gespräch über seinen Fußballklub verstrickt, da öffnete sich die Tür, und der Lehrer, Herr Meyer, trat ein. Unter dem Arm trug er eine Pappschachtel und einige Bücher. Der Lärm in der Klasse ließ nach. Ganz still wurde es allerdings noch nicht. So recht in Respekt zu setzen wußte dieser Lehrer sich nämlich nicht.

Er ging nun auf das Pult zu und nahm dort Platz. Hinter ihm erhob sich die weißgekalkte, mit Bildern Schillers und Uhlands geschmückte Wand. Die Pappschachtel stellte er neben sich nieder. In der Klasse war noch Flüstern, Klappern, sowie Schurren mit den Füßen zu hören.

„Ruhe,“ rief der Lehrer, und die Stunde begann.

„Welches ist das nützlichste Haustier des Menschen?“ leitete er seinen Unterricht ein.

„Das Hausrind,“ kam als Antwort zurück.

Herr Meyer war mit dieser Erwiderung zufrieden und legte nun den Kindern andere Fragen vor, die sie ebenfalls zu seiner Zufriedenheit beantworteten. Dann reihte er gemeinsam mit ihnen das Tier in die Klasse der Wiederkäuer, Pflanzenfresser und Huftiere ein, und mehrere Male mußten die Knaben die Merkmale dieser Tiere wiederholen.

Hans paßte gut auf, damit ihm kein Wort entgehe. Die Beschaffenheit der Zunge, des Gebisses, der Hufe, der Muskulatur, alles war ihm klar. Auch die Einteilung des Kuhmagens leuchtete ihm ein; Pansen, Netzmagen, Blättermagen und Labmagen hießen die verschiedenen Abteilungen.

Als der Lehrer mit seinen Erklärungen fertig war, griff er nach der Pappschachtel. — Die Kinder stießen einander an und sahen gespannt nach dem Pult. Jetzt war der langersehnte, aufregendste Augenblick der Stunde gekommen. Der Lehrer hob den Deckel der Schachtel auf und holte ein lederfarbenes Hautgemengsel heraus, indem er sagte: „Nun wollen wir uns einmal einen richtigen, echten Kuhmagen ansehen.“ Hierauf setzte er eine Glasröhre in die Öffnung des Magens und begann zu pusten. Die Knaben verwandten keinen Blick von ihrem Lehrer und seinem Tun. Langsam schwoll der Magen an, eine Abteilung nach der andern, und in dem Maße, als er an Umfang zunahm, schien auch des Oberlehrers Gestalt anzuschwellen. Der Zwischenraum zwischen ihm und dem Pultdeckel wurde immer geringer. Leise kicherten einige Knaben. Zürnend blickte der Lehrer in die Klasse und wurde krebsrot im Gesicht. Aber sein Mund ließ die Glasröhre nicht los. Da platzte einer der Knaben laut aus. Der Oberlehrer ließ die Glasröhre in seiner Hand fahren, und der Kuhmagen sank mit einem leise pfeifenden Ton in sich zusammen. Am lautesten mußte Hans lachen. Das Unglück wollte ja immer, daß er da am lautesten lachte, wo es am wenigsten angebracht war.

Puterrot vor Zorn schlug der Lehrer auf das Pult, daß der Kuhmagen wie ein lederner Tabaksbeutel in die Höhe flog und rief: „Wenn jetzt noch einmal einer lacht, dann bekommt ihr alle Arrest. — Verstanden? — Es ist doch seltsam, daß gerade die immer am meisten lachen, die am wenigsten können,“ meinte er mit einem durchbohrenden Blick nach Hans hin.

Dieser wurde käsweiß.

„Die Schule ist doch nicht dazu da, daß wir uns im Lachen und Schreien üben,“ fuhr der Lehrer lauter fort. „Wenn wir das wollen, können wir lieber in unseren Hinterwäldern bleiben und mit unseren Kühen auf die Weide gehen.“

Hans spürte, wie seine Stirn eiskalt wurde. — Der Lehrer meinte natürlich ihn. Ja, er hätte daheim bleiben sollen in Schwarzenbrunn.

Zitternd vor Ärger ergriff Herr Meyer jetzt den Kuhmagen zum zweitenmal und pustete ihn auf. Nun bedurfte es nur noch einiger schwacher Atemzüge, dann war dieser ganz und gar mit Luft gefüllt.

Da geschah etwas Unerwartetes.

Durch die Klasse schwirrte plötzlich eine Papierkugel und fiel mitten auf des Lehrers Nase nieder. Sein Kopf fuhr auf, und die Glasröhre fiel zur Erde. Es war totenstill in der Klasse. Dann sprang Herr Meyer in die Höhe und fuhr die Knaben an: „Wer hat das getan?“ Keiner antwortete.

Fest hefteten sich da die Augen des Lehrers auf Hans. — Unsicher flogen des kleinen Knaben Blicke durch die Klasse. — War nicht seine Hand wie von einem Wurf ermattet unter die Bank gesunken, als der Lehrer aufgeblickt hatte?

„Ich weiß genau, wer es getan hat,“ rief der Lehrer lauter als vorher.

„Du, der Neue, da hinten in der Ecke, komm mal her! Wie heißt du doch gleich?“

Mechanisch ging der Junge auf das Pult zu und sah den Lehrer hilfesuchend und verstört an.

„Gesteh mal, du hast’s getan,“ donnerte ihm dieser entgegen.

Hans würgte an einer Antwort, aber sie kam nicht über seine Lippen. Der Ausdruck seiner Augen wurde immer unglücklicher und hilfloser.

„Antworte,“ rief der Lehrer.

Er schwieg.

„Ah, du bist auch noch trotzig,“ fuhr Herr Meyer ihn an. „Marsch, geh’ wieder auf deinen Platz. Ich kenne dich, Bürschchen. Aber jetzt hab’ ich keine Zeit für dich. Doch morgen früh wirst du mit mir zum Herrn Direktor gehen.“

Hans konnte noch immer keinen Laut hervorbringen. Wie ein zum Tode Verurteilter stand er da. Dann kehrte er langsam um, und als er an seinem Platz angelangt war, warf er seinem Nebenmann Kurt einen langen, verängstigten Blick zu.

Zwischen diesem und Peter war ein hartnäckiger Streit ausgebrochen. Hansens Freund angelte mit Armen und Beinen an Hans vorüber nach dem Klubgründer hin, und als er ihn schließlich am Bein erwischt hatte, riß er ihn mit einem Ruck fast von der Bank. Sein Mitschüler kehrte ihm ein finsteres, verschlagenes Gesicht zu.

Hans merkte nichts von alledem. Vor seinen Augen war es finster wie in einem Sack. Die Worte des Lehrers klangen wie fernes Gemurmel an seinen Ohren. Nichts ging ihm mehr ein, nur der eine Gedanke beherrschte ihn ganz und gar, er wollte fort von hier, fort. Im Grunde hatte er ja genau dasselbe Heimweh wie Suse. Bis jetzt hatte er es nur sorgsam versteckt. — Die Schwester hatte ja so recht, sie machten ja doch alles verkehrt hier, sie konnten anfangen, was sie wollten. Und morgen gar sollte er zum Direktor! Und gingen sie nicht von selbst, so schickten ihre Lehrer sie schließlich fort. Drum sagte Hans, als er heute nach Hause kam, zu seiner Schwester: „Suse, wir wollen heim.“

Die Schwester glaubte zuerst nicht recht gehört zu haben, dann aber rief sie laut: „Nach Hause! Oh, wie schön! Oh, wie schön! Oh, wie freu’ ich mich! Wie freu’ ich mich! Heim! Heim! Zu unseren Eltern!“

Der Bruder antwortete nichts, Suse aber handelte. — Eine wichtige Frage galt es in erster Linie zu erledigen. Woher sollten sie das Reisegeld nehmen? — Die drei Mark, die Suse noch hatte, und die paar Groschen von Hans reichten lange nicht. Da kam ihr ein herrlicher Gedanke. Sie hatten ja einen treuen Beschützer und Freund hier in der Stadt, den Vetter Theobald. — So böse und übermütig, wie der einst in Susens Elternhaus gewesen, so fürsorglich war er jetzt. Erst gestern hatte er ihnen beiden Schokolade aus einem Automaten geschenkt. Der Vetter würde helfen!

So schaute Suse denn gegen drei Uhr nachmittags fleißig nach ihrem Vetter aus, da er täglich zu dieser Zeit auf seinem Weg zur Schwimmanstalt an Frau Cimhubers Haus vorübergehen mußte.

Auch heute tauchte er zur gewohnten Stunde auf, und Suse konnte hinuntereilen und sich ihm anschließen. Lange Zeit fand sie nicht den Mut zum rechten Wort und verfiel in Stillschweigen. Er aber hielt ihr ehrfurchtsvolles Verstummen für eine Huldigung, die sie seiner bedeutenden Persönlichkeit darbrachte, und erzählte in der aufgeblasensten Weise von seinen Erlebnissen.

Er könne all den Freunden und Belustigungen, die in dieser interessanten Stadt auf ihn einstürmten, kaum Herr werden, meinte er mit einem Seufzer. So gehe er heute abend mit seinem Onkel Fritz in den Zirkus, um sich eine Vorstellung von Akrobaten und Kunstradfahrern anzusehen. Es sei fabelhaft. Es sei unglaublich. Es sei überwältigend, was diese Künstler leisteten. — Auf dem Hinterrad ihrer Maschine fahrend, würfen sie das Vorderrad in die Höhe, sausten in dieser Stellung rund um den Zirkus, stellten sich mit dem Kopf auf den Sattel und strampelten mit den Beinen. Forschend sah der Vetter in seiner Cousine Gesicht und erwartete dort Bewunderung, Überraschung, Staunen. Aber nichts dergleichen war zu sehen.

Suse hing eigenen Gedanken nach. Und während er sie noch so betrachtete, platzte sie mit einem Male los: „Du, Theobald, du möchtest mir zwanzig Mark geben. Wir gehen morgen nach Hause.“

„Was?“ rief Theobald und sank auf einer Bank am Kanale nieder. Er starrte Suse an wie von Sinnen.

„Was?“ stotterte er.

Und mit einemmal trampelte er mit den Füßen auf dem Boden, schlug sich mit den Händen auf die Knie und fing so laut und heftig an zu lachen, daß Suse meinte, er ersticke. Ganz blaurot war er im Gesicht und zappelte auf der Bank herum wie ein Fisch, der auf das Trockene geraten ist. Ja, in seinem Übermut wurde er wieder ganz der ausgelassene Theobald, als den Suse ihn in ihrem Heimatsort kennen gelernt hatte, lief auf seinen Händen wie ein Zirkuskünstler ein Stück durch die Anlagen, kehrte dann um, sprang auf seine Füße, ließ sich wieder auf die Bank plumpsen und dazu rief er: „Herrlich, herrlich! Ich möchte die Spatzen auf den Dächern umarmen vor Freude. So was Schönes hab’ ich lange nicht gehört. Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte. Und dabei habt ihr immer so geprahlt mit eurer Negerstube und eurer Pflegedame und dem Kirschenpudding, den sie euch macht, und dem dicken Apfelmus auf euren Bröten. Und dabei habt ihr immer gesagt, Frau Cimhuber ist so fromm, daß sie sicher in den Himmel kommt. Und jetzt wollt ihr fort von eurer frommen Frau. Weiß sie’s denn schon, daß ihr geht?“ forschte er.

Suse schüttelte ihr Haupt.

Da lachte Theobald lauter denn je, schlug sich auf die Knie, warf sich hinten über die Bank, konnte sich aber noch zur rechten Zeit an der Lehne festhalten und daran emporziehen und trieb so lange Unfug, bis Suse ihn am Ärmel packte und auf die Leute aufmerksam machte, die rund herum standen und lachten.

Da entsann er sich flugs seiner Würde als wohlerzogener Stadtmensch, ließ sich gesittet auf der Bank nieder und forderte seine Base auf, neben ihm Platz zu nehmen, damit sie alles besprächen.

Dann begann er sein Verhör. „Also das Reisegeld willst du. Zwanzig Mark stehen zu deiner Verfügung. Die hab’ ich letzte Woche von Onkel Fritz zum Geburtstag bekommen. Aber Toni hat sie mir gestern abgebettelt für ein Bild, das sie ihrer Freundin schenken will. —

Na, das ist ein Bild! Die Toteninsel heißt’s! Einfach schauderhaft! Die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich’s nur angucke. Ich versichere dich, wenn man sich unterstände, mir ein solches Bild zu schenken, würd’ ich’s als die größte Beleidigung auffassen und dem gütigen Geber die Freundschaft für immer kündigen. —

Das Bild ist also schon gekauft und mein Geld ausgegeben. Aber beruhigt euch. Ihr bekommt anderes. Ich lasse mir heute welches von Onkel Fritz geben, wenn wir im Zirkus sind. Der läßt mich nicht in der Patsche. — Bin ich morgen früh zur rechten Zeit nicht am Bahnhof, so nehmt einstweilen von eurem Geld eine Karte bis Haslach. Dort müßt ihr sowieso den Eilzug verlassen und eine neue Karte für den Bummelzug nehmen.

Den Reiseplan hast du dir natürlich noch nicht zurecht gelegt. Nicht wahr?“ fuhr er mit gerunzelter Stirn fort. —

„Das kannst du auch nicht. Du hast ja keine Erfahrung im Reisen. Mit mir ist das ganz was anderes.“ —

Dabei war der Prahlhans auch nicht viel weiter gekommen als nach Hansens und Susens Heimatsort. Allein, nach dem Ton seiner Worte zu urteilen, hatte er schon eine Weltreise gemacht.

Jetzt holte er den Fahrplan aus der Tasche, blätterte sich räuspernd drin herum und meinte, Suse Papier und Bleistift reichend: „Schreib’ dir auf, was ich dir sage. Um fünf ein Viertel Uhr fahrt ihr hier ab und nehmt den Eilzug bis Haslach. Drei Stationen von hier. Gut! Merk’ dir’s! Drei Stationen von hier. Ihr zählt sie. Gut! Dort steigt ihr um und fahrt bis zur Endstation Maria Heil. Merk’ dir’s! Gut. Du frägst den Schaffner in Haslach, wo der Zug nach Maria Heil steht. Gut. In Maria Heil steigt ihr aus und schlängelt euch in die dort wartende Postkutsche. Merk’ dir’s! Schreib’ Postkutsche auf. In diese Postkutsche kriecht ihr dann und fahrt nun, den Regenschirm und Koffer fest in der Hand, in die Arme eurer hochbeglückten Eltern hinein. Schreib’ ‚hochbeglückte Eltern‘ auf! Verstanden? Und bestellt Grüße von mir. Gut!“

Jetzt zog Theobald seine Uhr und sagte in ernstem Ton: „Es ist höchste Zeit, daß ich gehe, wenn ich noch schwimmen will. Drum leb’ wohl. Tipp, topp, nur Mut, die Sache wird schon schief gehen,“ sagte er mit kräftigem Händedruck.

„Theobald,“ flüsterte sie mit einemmal, banger Ahnungen voll. „Du verrätst doch nicht daheim, was wir anfangen wollen?“

Theobald tippte sich an die Stirn, zuckte die Achseln und murmelte: „Man hat doch auch Charakter.“ Damit ging er von dannen.

So war denn alles zur Flucht geordnet. Das Reisegeld war den Kindern sicher, der Fluchtplan stand auf dem Papier, und die Sachen mußten heute abend gepackt werden.

Langsam ging Suse nach Hause und sagte zu ihrem Bruder: „Es ist alles gut, Theobald gibt uns das Geld. Wir gehen.“

Der Bruder nickte. Je weiter aber der Nachmittag vorschritt, um so beklommener ward es ihr zu Sinn. Die frohe Zuversicht, die sie heute morgen angesichts der Entschlossenheit ihres Bruders beseligt hatte, machte schweren Gedanken Platz. War es nicht falsch und schlecht von ihr, Frau Cimhuber zu belügen und zu betrügen und zu tun, als wäre nichts los, während man einen solch hinterlistigen Fluchtplan anzettelte? Gewiß, es war böse und schlecht, aber Suse konnte nicht anders. Sie mußte fortlaufen. Sie konnte keinen Tag länger hier bleiben. Sie mußte fort, fort nach Hause!

Dann während des Abendessens saß sie mit ängstlich klopfendem Herzen der Pfarrfrau gegenüber wie ein Häschen, das den Jäger kommen hört. Hans ging es nicht viel besser. Seine Augen flackerten unruhig hin und her, und die von Ursel aufgetischten Quellkartoffeln würgten ihn im Halse wie Hanfknäuel.

Und als im Laufe der Tischsitzung die Pfarrfrau einige Augenblicke von Ursel herausgerufen wurde und die Geschwister allein blieben, sahen sie sich scheu um.

„Ich meine grad’, ich ersticke,“ unterbrach Suse die Totenstille.

Der Bruder nickte.

„Hernach wollen wir unsere Sachen zurechtlegen,“ fuhr die Schwester leiser fort, „und uns genau den Reiseplan ansehen. — Hier, nimm den Zettel! Du gibst doch besser drauf acht,“ meinte sie, indem sie in die Tasche langte und nach dem bewußten Papierstreifen suchte.

Aber plötzlich zog sie ihre Hand zitternd aus der Tasche zurück und erklärte stockend: „Er ist fort, ich hab’ ihn verloren.“

„Verloren?“ sagte Hans, noch um einen Schatten blasser als bislang, „hoffentlich hast du ihn nicht hier im Haus verloren und Ursel oder Frau Cimhuber finden ihn.“

Und als die Pfarrfrau gleich darauf in das Zimmer zurückkehrte, sah er sie so hilfeflehend und verstört an, daß sie ganz besorgt fragte: „Was fehlt dir, mein Kind? Ist dir nicht wohl?“

Hans blieb stumm.

„Hm, hm!“ meinte sie. „Ihr seid komische Kinder. Was euch fehlt, erfährt man eigentlich nie. Hat es vielleicht was in der Schule gegeben?“

Die beiden saßen verschüchtert da und antworteten nicht.

Plötzlich begann die Pfarrfrau unvermittelt: „Eh’ ich’s vergesse, ich muß euch noch etwas sagen. Nächste Woche seid ihr bei eurem Onkel Gustav eingeladen. Er war heute nachmittag hier und läßt euch vielmals grüßen. Es wird sicher ein fröhlicher Tag für euch werden.“

„Schade,“ stotterte Suse, „dann sind wir ja schon fort.“

„Was sagst du da, Kind?“ forschte die Pfarrfrau.

Hans aber ließ vor Schreck die Gabel unter den Tisch fallen.

„Du meinst, ihr seid nicht mehr hier an dem Tage?“ fuhr ihre Pflegemutter fort. „Wo seid ihr denn sonst? Habt ihr einen Schulausflug vor oder sonst eine Einladung? Die Einladung kann ja auf einen andern Tag verlegt werden. Bei eurem Onkel werdet ihr sicher einen schönen Nachmittag verleben. Er hat Kinder in eurem Alter, und mit denen könnt ihr nach Herzenslust in dem großen Park an seinem Haus herumspringen.“

Suse hörte mit schmerzlichem Empfinden dieser verführerischen Beschreibung zu und sagte etwas später nicht ohne Bedauern zu ihrem Bruder: „Schade ist’s ja, daß wir nicht zu Onkel Gustav können. Nicht wahr, Hans? Aber was meinst du, wenn er uns auch die wunderschönsten Sachen schenkte, wir blieben doch nicht hier? Gelt, daheim ist’s viel schöner, viel, viel schöner. Viel, viel tausendmal schöner.“

An dem Verschwörungsabende wurden die Kinder etwas früher als sonst zu Bett geschickt, weil die Pfarrfrau sich um Hansens Befinden sorgte. Aber gegen Mitternacht, als die Lichter im Cimhuberschen Hause gelöscht waren und nichts mehr sich regte, standen die beiden Übeltäter wieder heimlich von ihrem Lager auf, packten ihre Sachen und probierten an, wieviel Leibwäsche sie nach Susens berühmtem Rezept übereinander anziehen konnten. —

Vier Hosen, vier Hemden, das ging ganz fein. — Den Rest steckten sie in die Hirschtasche, eine gestickte Reisetasche aus Großmutters Zeiten, auf der ein brauner Hirschkopf, von einem Eichenkranz umrahmt, prangte. Auch eine Pappschachtel mußte noch einige Kleidungsstücke aufnehmen.

Und während der Vorbereitungen sah Suse sich bereits im Geist mit all diesen Herrlichkeiten durch die Pforte ihres Vaterhauses schreiten, befreit von aller Not und Qual. Nur der Gedanke an den fehlenden Zettel flößte ihr zuweilen Besorgnis ein. Je weiter die Stunde vorschritt, je unsicherer wurde sie.

„Ich kann nicht schlafen vor Angst,“ meinte sie zu ihrem Bruder. „Am Ende haben sie den Zettel gefunden und erwischen uns morgen früh.“

Jetzt war der Bruder der Mutige und entgegnete: „Ach, Suse, wenn sie ihn gefunden hätten, wüßten wir es jetzt schon...“

Derweil saß die zahnwehkranke Ursel stöhnend auf der Kante ihres Bettes und buchstabierte an einem kleinen Zettel herum, den sie vorhin am Eingang der Negerstube gefunden hatte.

„Ab fünf ein Viertel Uhr,“ stand darauf, „Eilzug Haslach, Schaffner, Maria Heil.“ — Lauter krauses Zeug.

Schließlich ließ ihr’s keine Ruhe mehr, und sie schlich vor die Kammer der beiden Kinder, um zu lauschen. — Hinter der Tür regte sich etwas. Sie stutzte und horchte angestrengter. — Ja, so war’s, Kisten und Stühle wurden gerückt. Es flüsterte.

Fester drückte sie ihr Ohr gegen die Tür. — Doch nun war’s totenstill. Eine ganze Weile blieb sie stehen. Jetzt, jetzt regte sich’s wieder.

Da fuhr aber Ursel ein solch heftiger Schmerz in ihren hohlen Zahn, daß sie sich mit beiden Händen an den Kopf fuhr und mit schmerzverzerrtem Gesicht davonschwankte.

Am andern Morgen um drei Viertel auf fünf ging leise die Tür von Frau Cimhubers Wohnung, und zwei Kinder mit blassen, übernächtigen Gesichtern traten ins Treppenhaus.

Es waren Hans und Suse, die durch die Menge der übereinander gezogenen Kleidungsstücke kugelrund aussahen. Vorsichtig schlossen sie die Flurtür hinter sich und gingen auf Zehenspitzen die ausgetretenen Stiegen der Treppe hinunter. Ein graues, unfreundliches Licht erhellte nur matt ihren Weg. Alles war totenstill. Das Haus schlief noch. Öfters blieben sie stehen und horchten. Doch als nichts sich regte, gingen sie weiter.

Im zweiten Stock wurde Suse die Hirschtasche zu schwer, und der Bruder half ihr beim Tragen. Dann kehrte er zurück, um sein eigenes Gepäck nachzuholen.

Gerade als er die unterste Stufe der Treppe wieder erreicht hatte und das Haus verlassen wollte, hörte er plötzlich im Treppenhaus ein Geräusch. Ihm war es, als sei irgendwo eine Tür gegangen, und als stehe nun jemand oben vor Frau Cimhubers Wohnung und lausche mit angehaltenem Atem über das Treppengeländer.

Ganz kalt überlief’s ihn, und er schloß schnell die Tür. In der Ferne erblickte er Suse. Sie schritt mit großen Schritten rüstig aus, während ihre rechte Schulter sich unter der Last der Hirschtasche senkte. Der Bruder wollte ihr folgen, hörte aber plötzlich hoch über sich seinen Namen rufen. Er blickte am Haus hinauf und gewahrte in schwindelnder Höhe ein mit Tüchern umwickeltes Haupt. — Ursel?

„Hans,“ rief sie, „Hans, Hans, Hans!“

Da schrie er auf und rannte wie besessen davon.

„Sie kommt, sie kommt,“ rief er.

Suse stürzte vorwärts, als sei ihr der Tod auf den Fersen. Bald erlahmten ihre Kräfte, und Hans nahm ihr die Hirschtasche ab, um sie in seinen Armen zur Elektrischen zu tragen. Klingelnd fuhr diese mit den beiden Flüchtlingen davon.

Als die zwei verzweifelten Ausreißer schließlich am Bahnhof ankamen, war natürlich von dem tüchtigen Theobald weit und breit keine Spur zu entdecken.

„Er hat die Zeit verschlafen,“ stöhnte Suse.

„Nein, er kommt,“ sagte Hans bestimmt, „er hat’s versprochen, und was er versprochen hat, hält er.“

Damit ging der kleine Junge geradeswegs auf die Bahnhofshalle zu, während Suse wie ein aufgescheuchtes Hühnchen hinterdreinflatterte. Am Schalter löste er die Karten zu Reise und kehrte dann zum Eingang der Bahnhofshalle zurück, um nach dem Vetter auszusehen.

Endlich sah er am Ende der Straße einen Radfahrer auftauchen und schaute näher hin. Ja, es war Theobald. Auf der Lenkstange seines Rades liegend, kam er wie eine Windsbraut seines Wegs. Jetzt sprang er ab.

„Ursel kommt!“ rief er. „Wie ein tollgewordener Mops macht sie Sätze. — Es ist haarsträubend, wie sie die Ecken nimmt! Kommt, kommt. Sie hat die Faust nach mir geschüttelt.“

Im Nu hatte er eine Bahnsteigkarte gelöst, sein Rad einem Gepäckträger gegeben, die Hirschtasche auf seinen Rücken geworfen, die Pappschachtel in die Hand genommen und stürzte mit den Kindern durch die Sperre.

Susens Knie waren wie gebrochen, die Stimme versagte ihr.

Jetzt waren sie auf dem Bahnsteig. Die letzte Tür des dort haltenden Zuges war schon geschlossen. Der Beamte wollte eben das Zeichen zur Abfahrt geben, da riß Theobald noch im letzten Augenblick ein Coupé auf, drängte die Doktorskinder hinein und schubste ihre Hirschtasche hinterdrein, so daß der „Engel“ und die „Geburt Christi“ gegeneinander stießen.

Die Tür wurde wieder zugeschlagen, und der Zug fuhr davon. In ein paar Sekunden mußte er aus der halle sein. Da beugte sich plötzlich Suse weit aus dem Fenster und rief in Todesangst: „Theobald, unser Geld, unser Reisegeld! Gib doch, gib doch! — Das Zwanzigmarkstück!“

Der Vetter schlug sich vor die Stirn.

Im Nu war er an ihrer Seite und wühlte verzweifelt in seiner Westentasche.

„Hier, hier,“ rief er, und ein blitzender Gegenstand fuhr surrend durch die Luft und traf wohlgezielt ins Coupé. — Die Kinder hatten ihr Reisegeld. Da fuhr auch der Zug schon aus der Halle.

Suse war wie erlöst. In ihrer Freude umarmte sie ihren Bruder und jubelte: „Jetzt ist alles gut.“

Doch Hans wehrte: „Erst das Geld, Suse, ich will’s in meine Tasche tun.“

Und er eilte auf die Ecke zu, wo die Münze niedergefallen war. Blitzend lag sie auf der Bank. Er griff danach, fuhr aber jäh zurück wie vor einer zischenden Schlange.

Dort lag..., dort lag...

Er verfärbte sich. Alles drehte sich um ihn. Er rieb sich die Augen. — Nein, es war kein Irrtum. Dort in der Ecke lag kein Geld, sondern ein dicker, blinkender Messingknopf. — Ein abgerissener Hosenknopf von Theobald. — Nichts anderes. Das war also alles, was er ihnen gespendet hatte. Deshalb war er wie ein Verrückter neben dem Zug hergesprungen, um ihnen einen Hosenknopf hinterherzuwerfen!

„Suse, Suse,“ stotterte Hans „Komm her, guck, was da liegt.“

Sie kam zögernd näher, schaute hin und wurde weiß wie Kreide.

Dieser Hosenknopf von Theobald war also alles, was sie hatten! Ihre ganze Barschaft! Damit sollten sie sich Karten für die Reise kaufen und außerdem Plätze in der Postkutsche bezahlen! — Laut weinend setzte sie sich vor dem lügnerischen Knopf nieder und starrte ihn angstverzerrt an. — Den sollten sie dem Schalterbeamten in die Hand drücken! — Der würde gucken!

Hans sah wie verhext in derselben Richtung, griff nach dem Knopf und schleuderte ihn aus dem Fenster.

Jetzt wußte auch er nicht mehr aus noch ein und saß wie vernichtet auf seinem Platz. Der Schwester Schmerz brachte ihn schließlich wieder zur Besinnung. Er versuchte, ihr die Hände von den verweinten Augen zu ziehen und tröstete: „Weine nicht, Suse, weine nicht. Sei still, Suse, sei still, laß uns mal bedenken, was wir jetzt tun.“

Aber ach, er selbst konnte seine bitteren Tränen nicht mehr zurückdrängen.

Auf der dritten Station, in Haslach, stiegen die Kinder aus und blieben eine Weile unschlüssig auf dem Bahnsteig stehen. Dann gingen sie auf den Wartesaal zu. Schüchtern drückten sie sich zur Tür herein und suchten nach einem freien Platz. Vom Schenktisch her verbreitete sich der verlockende Duft warmen Kaffees und gemahnte sie daran, daß sie heute morgen noch nichts genossen hatten. Aber was bedeuteten Hunger und Durst im Vergleich zu der Angst, die sie empfanden! —

Wohin sollten sie sich nun eigentlich wenden? Zur Stadt zurück? — Sie hatten ja kein Geld mehr, selbst nicht für eine Fahrkarte vierter Klasse. Und zu Fuß zurückzuwandern, das war ihnen unmöglich. Dazu war der Weg ja viel zu weit.

Da kam Hans mit einemmal ein rettender Gedanke.

Wenn sie dem Schalterbeamten irgendein Geschenk machten? — Vielleicht die „Geburt Christi“ von Martin oder den Engel von Christine oder sonst irgend etwas Schönes. — Am Ende gäbe er ihnen dann eine Fahrkarte.

Die Schwester horchte auf, dachte nach; ihre Augen wurden heller, und da rief sie auch schon ganz freudig: „Du hast recht und du sollst mal sehen, der gibt uns gleich so viele Karten als wir wollen. Der freut sich!“

Und das kleine Mädchen, das eben noch ganz verzweifelt gewesen war, wiegte sich schon wieder in den schönsten Hoffnungen. Ja, dank ihrer üppigen Phantasie hörte sie bereits den Beamten am Schalter, diese Seele von einem Menschen, sagen: „Fein, daß man euch mal sieht, her mal mit euren wunderschönen Sachen. Wieviel Karten wollt ihr dafür? Auf eine Fahrkarte mehr oder weniger kommt’s mir nicht an!“

Hans, der schwerfälliger veranlagt war als seine Schwester, meinte beklommen: „Man weiß es nicht, ob er sich freut; vielleicht freut er sich nicht.“

Doch Suse hörte und sah nicht mehr und suchte mit beiden Händen verzweifelt in der geöffneten Hirschtasche nach ihren Schätzen. Auf dem Grunde mußten sie liegen. Eine ganze Schicht Kleider, Strümpfe, Schuhe, Bänder hatte sie schon vorsichtig auf die Bank niedergelegt. Da stieß sie endlich auf die Geburt Christi und den Engel. Und mit großer Befriedigung legte sie die Sachen auf den Stapel Kleider neben sich nieder und schickte sich an, den Grund der Hirschtasche zu ordnen.

„Schnell, schnell,“ drängte da Hans, „die Leute gucken.“ Und dabei warf er ängstliche Blicke auf die Menschen rund herum, die an Tischen saßen, Kaffee tranken und die Kinder aufmerksamen Blickes beobachteten.

Aber am verdächtigsten kam Hans doch ein Beamter vor, der von Zeit zu Zeit die Züge abrief und jedesmal neugieriger auf sie zu werden schien.

Eben war er sogar eine ganze Weile an der Tür stehen geblieben und hatte die beiden kopfschüttelnd gemustert.

Da wurde des kleinen Jungen Aufmerksamkeit jäh abgelenkt.

Er stieß Suse an, und auch sie schaute auf.

Durch die Tür des Wartesaals, nicht weit von den Kindern, drängte sich mit einemmal eine aufgeregte Reisegesellschaft: eine dicke Frau mit einem kleinen Knirps auf dem Arm und zwei größeren Kindern an ihren Rockschößen. Der Hut der Frau war verschoben, und ihr Jüngstes griff mit beiden Händen danach und machte den Schaden nur noch größer.

Und nun stolperte gar noch ihr Ältestes, ein rechter Guckindieluft von einem kleinen Mädchen, über einen Stuhl und brachte die Mutter ins Wanken. Und diese packte in ihrem Zorn den Zopf des niedergleitenden Töchterleins und schüttelte daran, als wollte sie Sturm läuten.

Dann sah sie sich tief aufatmend nach einem freien Platz um, entdeckte die Ecke, wo Hans und Suse sich aufhielten und kam pustend heran. Die Geschwister waren so verblüfft von ihrem Anblick, daß sie es ohne ein Glied zu rühren, geschehen ließen, wie sich die Frau, ohne sich lang umzusehen, mit einem Seufzer der Erleichterung mitten auf ihren Sachen niederließ und die Füße von sich streckte. Da saß sie nun auf dem Engel und der Geburt Christi, auf Strümpfen und Wäschestücken, als müßte es so sein. — Suse streckte abwehrend die Hände nach ihr aus, als es leider zu spät war. Sie fühlte sich anscheinend ganz wohl. Und zu allem Elend fielen nun ihre Kinder über die am Boden liegenden Habseligkeiten der Geschwister her und wühlten darin herum.

Suse traten die Tränen in die Augen; sie hob schnell alles auf und trat dann vor die Frau hin, um sie zu bitten: „Unsere Sachen sind unter Ihnen. Möchten Sie nicht, bitte, aufstehen? Die Geburt Christi und der Engel sind auch unter Ihnen. Sie zerdrücken sie ja!“

„Was ist unter mir?“ rief die Frau kirschrot vor Zorn. „Was zerdrücke ich? Was hast du da gesagt? — Wollt ihr mich vielleicht zum besten haben? Kommt mir nur! Da kommt ihr gerade an die Rechte.“

Die Geschwister wichen weit zurück vor Schrecken. Und Suse mußte mit einemmal an Frau Cimhuber und Ursel denken. Ach, wenn doch nur Ursel da wäre. Ursel mit dem entrüsteten Auge, das einsam und zornig aus seinen Wolltüchern hervorleuchtete. Die würde helfen. Suse fühlte es mit einemmal ganz bestimmt. Die würde die Frau sofort am Arm packen und aufstehen heißen. Sie konnte es ja nicht leiden, daß irgend jemandem Unrecht geschah. Gestern hatte sie auf der Straße einen wildfremden Mann angefahren, weil er seinen eigenen Hund geschlagen hatte.

Wenn doch nur Ursel da wäre!

Zum Glück für die Kinder bekam ihre Feindin aber doch ein Einsehen. Vielleicht wurde ihr auch das beschwerliche Sitzen auf der Bank mit der Zeit unbequem. Denn sie begann langsam einen Gegenstand nach dem andern unter sich hervorzuziehen, wobei sie blitzenden Auges rief: ob sich die hohen Herrschaften vielleicht einbildeten, die Bänke seien für sie allein da. Und ob sie glaubten, andere Leute wollten nicht auch leben und sich irgend wohin setzen. Ja, ob sie das glaubten? Und ob sie das nächstemal nicht noch ihr ganzes Bett mitbringen und zur Freude anderer Leute hier ausbreiten wollten?

Immer größer wurde nun die Verwirrung in der Ecke, wo Hans und Suse sich aufhielten. Denn das Töchterlein der zornigen Frau, der Guckindieluft, hatte sich zu seiner Zerstreuung ein Paar Halbstrümpfe von Hans als Handschuhe angezogen, eine Schürze von Suse als Krawatte umgebunden und tänzelte nun, Gesichter schneidend, vor der Bank auf und nieder.

Eh’ sich das Kind aber versah, war die Mutter aufgesprungen, hatte ihm die Schürze abgebunden und eilte damit hinter dem Töchterlein her, als wär’s eine lästige Fliege, die durch ein paar kräftige Schläge aus der Welt zu schaffen sei. Schließlich erwischte sie den Tunichtgut und setzte ihn mit großem Nachdruck neben sich nieder. Das Kind sah sich verwundert um.

Die Frau aber verkündete mit weithinschallender Stimme, daß sie niemals, niemals wieder in ihrem ganzen Leben mit ihren ungezogenen Rangen auf Reisen gehe.

Die Umsitzenden lachten.

Und nun kam auch noch der Kellner herbei und schalt auf Hans und Suse, die die Unordnung angerichtet hätten. Die beiden steckten hastig ihre Sachen kunterbunt durcheinander in die Hirschtasche zurück. Dann schlichen sie zur Tür hinaus in die Bahnhofshalle.

„Faß nur schnell in die Tasche herein und hol’ die Geburt Christi heraus, so schnell wie du kannst,“ sagte Suse.

Da fuhr der Knabe mit beiden Händen in die Tasche und zog als erstes den bewußten Gegenstand hervor.

„Schön,“ sagte Suse wie erlöst. „Jetzt gehst du hin und nimmst zwei Karten für Maria Heil. Die Postkutsche ist zwar schon fort, wenn wir hinkommen, aber dann gehen wir eben zu Fuß nach Hause. Ich fürchte mich heute nicht, auch wenn wir im Wald allein sind. Und wenn wir an der Wolfsschlucht vorüberkommen, wo des Nachts in der großen Eiche immer so gräßliche Stimmen schreien, da beten wir und dann hilft uns der liebe Gott. — Aber hopp, Hans, hol’ die Karten, ich warte hier,“ mahnte sie.

Noch einer geraumen Zeit bedurfte es, eh sich der Bruder zu dem schweren Gang entschließen konnte. Dann schritt er zögernd vorwärts. Suse beobachtete ihn aus der Ferne von der Mitte der Bahnhofshalle aus.

Sie sah, wie er wartete, bis nur wenige Menschen noch in der Nähe des Schalters waren, und dann herantrat. Jetzt drückte er sich von rechts an das Fenster, jetzt blieb er stehen, jetzt sah er auf die Gegenstände in seinem Arm und redete ein paar Worte.

Da fuhr pfeilschnell ein glühendrotes, dickes Gesicht hinter dem Schalterfenster hervor, und eine donnernde Lachsalve tönte Hans aus zwei geblähten Wangen entgegen.

Und in demselben Augenblick erklang auch hinter dem Knaben Lachen, und als er herumfuhr, sah er in das Gesicht des Bahndieners, der ihn schon vorhin im Wartesaal beobachtet hatte und ihm jetzt hierher gefolgt war.

„Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte,“ rief der Mann, packte Hans am Arm und zog ihn aus dem schmalen Gang, in dem er sich zwischen Schalter und dem davorstehenden eisernen Gepäcktische befand, hervor.

Kaum sah Suse dies von der Mitte der Bahnhofshalle aus, wo sie mit ihrer Hirschtasche Wache stand, so kam sie herangestürmt wie eine Glucke, deren Küchlein in Gefahr sind, faßte ihren Bruder an der Hand und sagte ängstlichen Blickes auf den Angreifer: „Das ist mein Bruder Hans. Ich bin seine Schwester Suse.“

„So, so,“ sagte der Mann. „Also zwei Ausreißer.“

Beide nickten schuldbewußt und Suse stotterte: „Wir sind von Frau Cimhuber und von Ursel fort und wollen nach Hause nach Schwarzenbrunn. Die Postkutsche ist wohl schon fort. Wir haben den Zug auch schon verfehlt.“

„Also man weiß nicht, daß ihr fort seid?“ fragte der Mann. Sie schüttelten ihre Köpfe und standen mit niedergeschlagenen Augen da.

„Und Geld habt ihr auch keins?“ forschte er.

Sie verneinten.

„Nun, dann kommt mal mit. Nun wollen wir mal sehen, was mit euch beiden anzufangen ist,“ sagte er dann mit solch dröhnender Stimme, daß beide zusammenfuhren. Und zu gleicher Zeit packte er sie an der Hand und zog sie mit sich. Sie glaubten, ihr letztes Stündlein sei gekommen und bekamen vor Angst ganz verzerrte Gesichter.

Vor einem Raum, auf dessen Tür in roten Buchstaben „Stationsvorsteher“ zu lesen war, blieb er endlich mit ihnen stehen, öffnete und ließ sie eintreten.

In der großen Amtsstube, in die sie nun kamen, saßen und standen Beamte herum, schrieben und ordneten Papiere oder redeten miteinander. Und alle sahen auf und musterten die Flüchtlinge.

Einer trat sogar näher, stellte sich vor sie hin und betrachtete bald den einen, bald den andern wie ein Meerwunder. Suse fühlte, wie der Boden unter ihr schwankte und wie ihr ganz schwarz vor den Augen wurde. —

Wie aus der Ferne hörte sie eine Stimme reden und sah einen großen Mann mit einem langen Bart wie in Dunst gehüllt vor sich stehen. — Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. — Und an ihrer Seite stotterte Hans allerlei dummes Zeug, das kein Mensch verstehen konnte, auch sie nicht.

Da, als die Not am höchsten gestiegen war, nahte unversehens Rettung aus der Stadt. — — —

Dort hatten sich inzwischen auch die aufregendsten Szenen abgespielt. Sie begannen fast mit dem Augenblick, als Hansens und Susens Zug die Halle verließ.

Da atmete Theobald erleichtert auf.

Das erhebende Gefühl, sich wieder einmal durch seine Tatkraft und sein forsches Eingreifen ausgezeichnet zu haben, beherrschte ihn ganz. Er ahnte ja nicht, der vortreffliche Held, was er eigentlich angerichtet, und was er im wohlgezielten Wurf hinter seinen kleinen Verwandten hergeschickt hatte. Ihm schien alles über die Maßen gut gelungen, eine fein eingefädelte, vortrefflich weitergeführte Sache. Toll genug war’s freilich zugegangen.

Nun galt es aber, sich endlich mal wieder ein menschliches Ansehen zu verleihen. Schnell nahm er einen kleinen Spiegel zur Hand, betrachtete sich, rückte seinen Kragen und Schlips zurecht und strich sich das Haar glatt. Noch war er mit dieser Beschäftigung nicht zu Ende, da rief jemand neben ihm: „Theobald, sind sie schon fort?“

Und an seiner Seite stand Toni, die atemlos hinter ihm dreingekommen war. — Er nickte. —

„Die Armen, die Armen,“ jammerte der Backfisch. „Sie haben ja nichts zu essen. Ich habe ihnen Schokolade mitgebracht.“

„Zu spät,“ erklärte der Bruder kurz, „du hättest dich mehr beeilen müssen, ich hab’ dich ja früh genug geweckt. Jetzt sind sie fort und bleiben fort. Ich jedenfalls habe meine Pflicht getan.“

In diesem Augenblick lief aus derselben Richtung, in der Hans und Suse verschwunden waren, ein Zug ein. Die Reisenden stiegen aus und gingen auf die Sperre zu. Theobald und Toni mischten sich unter sie. Theobald suchte in der Westentasche nach seiner Karte. Plötzlich fuhr er zusammen, umklammerte seiner Schwester Arm wie mit eisernen Klammern und stöhnte: „Hier, hier, schau her! — Das ist das Zwanzigmarkstück, das ich Hans und Suse geben wollte, hier, hier — schau, schau — begreifst du’s, faßt du’s, weißt du, was das heißt? — Geht dir eine Stallaterne auf? — Guck doch nicht so dumm. Mein Gott, was hab’ ich ihnen denn eigentlich in den Zug geworfen?“ stöhnte er.

Dann faßte er sich an die Stirn und taumelte.

„Jetzt weiß ich’s,“ entrang es sich seiner Brust. — „Einen Hosenknopf! Den hab’ ich mir gestern abgerissen. Den haben sie jetzt. Das ist ja einfach schauerlich! Den können sie jetzt betrachten und an die Lippen drücken und sich Karten davon kaufen und damit nach Hause fahren! — Oh, ich Mondkalb!“

Er griff sich mit beiden Händen verzweifelt an den Kopf. Toni zitterte wie Espenlaub und murmelte: „Sie sind verloren, und wir sind an ihrem Unglück mit schuld. Wir hätten sie warnen sollen. Theobald, du bist gewissermaßen ihr Verderber.“

Theobald vernahm kein Wort von ihrem Klagen und stand noch immer da wie versteinert.

Die Doktorskinder waren fort mit einem Hosenknopf auf die Reise, das war alles, was er denken konnte, sonst nichts. — Und das hatte er verschuldet, er — er. Wie zu einem Retter hatten sie zu ihm aufgesehen, und er hatte sich wie ein Rüpel benommen.

Lange sollte Theobald aber nicht in stummer Selbstanklage verharren; denn wie der Sturmwind kam mit einemmal Ursel durch die Sperre, sah sich um, erblickte den Tunichtgut, packte ihn am Arm und schüttelte ihn hin und her wie eine Medizinflasche.

„Sind sie drin?“ rief sie dabei, „sind sie drin? Antworte doch, Esel!“

Und mit ausgestreckter Hand wies sie auf den wartenden Zug.

Aber Theobald sah sie blöde an. Alle seine geistigen Fähigkeiten schienen ihn verlassen zu haben; und auch Toni stand wie eine Nachtwandlerin da und krampfte vor Schreck die Hände zusammen.

Da rannte Ursel stracks auf den Zug zu, öffnete schnell eine Tür und verschwand im Innern des Wagens. Noch hatte sie sich nicht vollständig auf die Bank niedergelassen, da fuhr der Zug auch schon davon.

„Lieber, lieber Gott,“ rief Toni, „sie sitzt ja drin, sie fährt ja in der verkehrten Richtung! Ruf sie, Theobald, ruf sie!“

„Was soll ich tun?“ rief Theobald entrüstet. „Hast du eine Ahnung, wie die mich am Arm gepackt und gekniffen hat, diese Riesenschere, diese Kneifzange, diese wilde Habichtsnase mit ihren Wolltüchern! Außerdem hab’ ich jetzt Wichtigeres zu tun, als sie zurückzuholen. Ich renne jetzt zu Onkel Fritz und wecke ihn auf. Er muß hinter Hans und Suse herfahren und ihnen Geld zur Weiterreise bringen. — In dreiviertel Stunden geht der Bummelzug. Ich würde selbst hinfahren, aber wenn wir zur Aufstehenszeit nicht daheim sind, geht’s uns übel. Dann entdecken’s der Vater und die Mutter.“